Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 
 

Was macht einen guten Film aus? Wenn er mit dem Zuschauer spielt, auf der Klaviatur seiner Seele, wenn man hineingezogen wird in das Geschehen – und sei es auch irreal und absurd. Wenn er einen stimmigen Subtext hat und auf vielen Ebenen interpretierbar ist. Und wenn er ein Stück Offenheit und Ratlosigkeit zulässt, das einen noch lange beschäftigt, sich nicht zu einer „guten Gestalt“ im Sinne der Gestaltpsychologie zusammenfügen lässt, sondern sperrig und nicht bis ins Letzte verstehbar ist. Das muss man mögen. Manche Männer schätzen das übrigens an Frauen – und darum geht es hier auch: Eine schwer ergründbare Frau in einem Film, der sich nicht festlegt, so wie Carmen sich nicht auf einen einzigen Liebhaber festnageln liess und keiner wusste wie er gerade mit ihr dran war.

Habe gestern mit grosser Begeisterung wieder einmal „Carmen“ von Carlos Saura gesehen; ein Spielfilm mit den Tänzern Antonio Gades, Christina Hoyos und der Newcomerin Laura del Sol, einem wahren Sonnenaufgang, die sich hier als Schauspieler versuchen. Paco de Lucia hat eine Nebenrolle.

Der Choreograph Antonio will die Oper „Carmen“ als Flamenco – Ballett inszenieren, in einer der Schülerinnen einer Tanzschule, geleitet von seiner Freundin Christina findet Antonio die richtige Carmen, die dann auch noch so heisst, während alle anderen Figuren die Vornamen der jeweiligen Schauspieler behalten. Damit findet schon von Anfang an eine Fusion zwischen der Tanzschülerin und ihrem historischen Vorbild statt, davon lebt der Film. Zunächst geniesst der Zuschauer in voyeuristischer Weise hinreissende Tanzszenen, manche Gesichter erinnern an die Bilder von Goya, nicht nur schön, aber immer ausdrucksvoll bis hin zum Bizarren und Grotesken. Das Schicksal geht erstmal seine simplen Pfade, Antonio verliebt sich, Carmen tut was eine Carmen tun muss – sie wechselt die Männer nach ihrem Gutdünken und ist obendrein noch verheiratet, Antonio muss sie erst freikaufen. Der Plot folgt der Novelle von Meriméé, mit leichter Hand in die Achtziger placiert. Die Carmen der 80er muss im Gegensatz zu ihrem historischen Vorbild keine Aussenseiterin sein, es genügt, sie als selbstbewusste Frau in ihren beruflichen und persönlichen Zusammenhängen darzustellen – trotzdem entfaltet sich das historische Carmen-Narrativ mit anachronistischer Wucht. Während in der Novelle von Meriméé der Konflikt zwischen Aussenseitern und dem bürgerlichen Spanien im Zentrum steht, ist in der gleichnamigen Oper die „moralische Fragwürdigkeit“ das Thema und Carmens Verhängnis.

Antonio ist also unglücklich verliebt, erlebt Abweisung und Eifersucht nebst neuem Hoffnungschöpfen an Carmens langer Leine, in der klaustrophobischen Enge seines Tanzstudios. In seinen Phantasien erscheint sie ihm als die archetypisch-spanische Frau mit Fächer, Einsteckkamm und Mantilla – was er als Klischee verabscheut – die Realitätsgrenzen verwischen sich zusehends. Viele Szenen finden vor Spiegeln statt, als Metapher für die beiden Realitätsebenen, für das Mittel der Selbsterkenntnis, aber auch für das Tor aus dem das Andere heraustritt. Dann gerät der Zuschauer selbst in einen Strudel der Verwirrung: Eine Szene der Feindseligkeit und Rivalität zwischen Antonio und dem vermeintlichen Ehemann von Carmen entpuppt sich als Tanzszene, eine Probe mit einem Kollegen, der ihrem Mann ähnelt. Die Faktizität der Situation – die Eifersucht Antonios mit der untreuen Frau – vermischt sich zusehends mit dem Carmen-Narrativ, auch für den Zuschauer nicht mehr durchschaubar.

Damit sind wir inmitten von Antonios Gehirn, der die Realitätsschranke offenbar nicht mehr zu ziehen weiss. Bis zum Schluss: Antonio ertappt Carmen in der Garderobe des Pausenraums mit einem Nebenbuhler, später glaubt er ihre Hinwendung zum Darsteller des Escamillo zu bemerken – wobei unklar bleibt ob sie hier nicht einfach ihre Rolle spielt oder ihn ganz real im Visier hat; stellt sie zur Rede und ersticht sie. Carmen stirbt in Schönheit, ohne sichtbare Verletzung und Todeskampf. Die letzte Einstellung zeigt die unmittelbar danebensitzenden Studenten im Pausenraum in entspannter Unterhaltung, die nichts (noch nichts?) bemerkt haben und schwenkt auf das Fenster, hinter dem eine winterlich erstarrte Landschaft zu sehen ist – als ständiger Kontrapunkt zu dem überhitzten Geschehen im Tanzstudio. Niemand holt die Polizei. War was? Alles nur ein Spiel? Oder doch ein Affektmord? Oder auch das nur die Probe für die Schlussszene? Es kommt keine Antwort mehr … nicht die beruhigende Auflösung mit der üblichen Einordnung in die bekannten Schemata. Wobei diese Carmen nun für uns auf ewig lebendig und tot gleichzeitig bleibt. Superposition …

 

2022 23 Mai

„emanation“

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a u d i o

 
 

 

(2) Let The Power Fall, und grüner dekoffeinierter Tee für Herrn Fripp. 1981, als das einzige pure „Frippertronics“-Album der frühen Jahre rauskam, erntete es gemischte Reaktionen, aber der „down beat“ vergab fünf Sterne, einen klugen Text, und bei mir landete „Let The Power Fall“ gewiss auf den vordersten Plätzen meines damaligen Jahresrückblicks, und 1981 war ein schwergewichtiges Jahr für richtig gute Platten. Ich liebte die Schallplatte, legte sie gerne nach der Arbeit in der Fachklinik Furth i. W. auf meinen Dreher, und, gemäss dem Aufruf des Titels, all meine Macht fallen. Es war wie eine Reinigung der Sinneskanäle, und ich tendiere nicht zu Feng-Shui und esoterischem Small Talk.

Wer das Album nicht mag, spricht von grossem Gebrumm und endlos repetitiven Tonschleifen zweier präparierter Revox A-Tonbandmaschinen, zu denen sich Fripps Gitarrenimprovisationen mischten. Wer die Musik nicht mochte, erlebte sie als harte Kost, mathematisch, kalt, unheimlich, schockierend, langweilig ohne Ende. Die Gegenseite empfand die sechs Stücke, die nachfolgende Jahreszahlen zum Titel erklärten, also auch „1984“ mit seinen Orwell‘schen Anklängen, als unheimlich, umfassend, dunkel, hinreissend, meditativ. Tja, Sie wissen schon, die Sache mit dem Auge des Betrachters, und dem Ohr des Hörers.

Die Pressungen der Schallplatten-Editionen waren sehr unterschiedlich, und Platten leiden über die Jahre – es knisterte zu viel. In den letzten Jahren erstand ich auf Discogs ein miserables Exemplar dieses Albums, und ein ganz ordentliches. Ich liebte die Klangqualität, den Sound, und der Sound WAR die Musik. Ich träumte davon, „Let The Power Fall“ – hochauflösend – und im Surround zu erleben, und dieses „Box Set“ liefert dazu den ultimativen Stoff – der Stereo-Mix pure Freude, die Abmischung für Surround „frippertronics for the heavens“. Mit vielen Extras: Basisloops des Albums, Live-Konzerte, nicht verwendete Kompositionen  Akustische Archäologie solcher Art mag nicht jedermans Hobby sein, aber das Material ist gehaltvoll. Dokumentarfilmer können hier in über 80 Stunden auf diversen Blu rays gespeicherten „Solo-Mediationen“ fündig werden. „A long weekend with Frippertronics“ – wer ein Wochenend-Retreat plant, braucht sich über verwandelte Bewusstseinszustände nicht mehr über Gebühr kümmern.

Ich bin in meiner elektrischen Höhle (ein Klick aufs Foto vergrössert die Raunansicht) und werfe die Maschine an. Fripp nimmt neben mir Platz, und ich lasse die sechs Stücke uns von allen Seiten umrauschen. Ich sage: „Mr. Fripp, über die Jahre habe ich diese sechs Kompositionem stets als sehr unterschiedlich erlebt, die exstatischen Sci-fi-Wirbelungen im langen Auftakt, das enorm weite Frequenzfeld, die Art, wie plötzlich kurze dunkle Sounds aufwallen und schneller verschwinden als sie auftauchen.“

Ich lachte über meinen „Journalistensprech“, und war schon still. Mr. Fripp nickte wohlwollend. Was hier ringsum anbrandet, an delikaten, wilden Texturen, während ich uns einen weiteren grünen dekoffeinierten Tee einschenke, ist seit 1981 erstaunlich. Als „1987“ durch die Höhle strömt, glaube ich, Fripp flüstern zu hören: „You can dance to it“. Glauben Sie keinem, der sagt, da könne man sich auch das Brummen des Eisschranks anhören! Das Album ist einzigartig und so endlos faszinierend, wie die ein knappes Jahrzehnt zuvor entstandenen Alben „No Pussyfooting“ und „Evening Star“ von Fripp & Eno.

 

Echo System (1):

„When Robert Fripp plays guitar, it sounds like the universe crying.“ That was once said by Daryl Hall. A hell of a phrase in regards to the frippertronics of „Let The Power Fall“. Maybe a bit over the top, but it kind of hits the sharpness, the hair-rising energy of some of these tracks. Robert Fripp produced and played on Daryl Hall‘s first album „Sacred Songs“ in 1977,  – Mr. Hall‘s company was not amused.

Gesucht: Wer kleine Anekdoten mit dem Hören von Robert Fripps LET THE POWER FALL verbindet,  bzw. Fripps Frippertronics in den frühen Jahren 1978 – 1981 mal live erlebt hat – solo with guitar and reels –  und dazu was zu erzählen hat – einfach zumailen: micha.engelbrecht@gmx.de

Es folgt: Exposures (3) – „An Englishman in New York“
Es folgt: Exposures (4) – „Exposure – die volle Dröhnung“    

Es folgt: Exposures (5) – „God Save The Queen / Under Heavy Manners“   
Es folgt: Exposures (6) – „Ein Tag in Weißenohe“   
Es folgt: Exposures (7) – „The League Of Gentlemen“   
Es folgt: Exposures (8) – „The Reel Thing“    
Es folgt: Exposures (9) – „Die Lust des Stöberns“   
Es folgt: Exposures (10) – „Nachspiel auf dem Zeppelinfeld“

(bei guter Gesundheit, dem Ausbleiben von Affenpocken und anderen massiven Störfeldern wird dieser entspannte Mix aus Erinnerungen, Storytelling, Zitaten, Besprechungen,  Abschweifungen etc. bis spätestens Ende Juni komplett sein. Da ich von dieser Box so begeistert bin wie zuletzt von dem „White Album Deluxe Box Set“ der Beatles (und da folgen noch andere Preisungen einiger Kollegen nah und fern), sollten sich Frippianer die „Kiste“ möglichst schnell sichern. Zumindest erscheint mir das ratsam. Ich weiss nicht, inwiefern sie limitiert ist. Das beiliegende „coffeetable book“ ist, nicht zuletzt dank erlesener Fotografien und eines langen Essays von Sid Smith, Extraklasse, die ganze Box in Form und Inhalt preisverdächtig.

2022 22 Mai

Ein Handy und eine Holzbank

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

Es kann ja wohl nicht sein,
dass ich nach so langer Zeit
immer noch das rote Tuch bin und
unendlichen Ärger produziere,
wenn ich aus der Ferne in ein
Allerweltshandy einfache Wörter
spreche, zuhörend, zugewandt,
das Gegenteil von fordernd –
du lebst nicht bei den Taliban,
soviel weiss ich. Eine Idee,
einfach mal in den Wald, unter Linden,
oder mit iphone eine alte Holzbank
aufsuchen, und sowas Verrücktes
Siebzigerjahremässiges tun wie du selbst sein.

 
 

 

“Never forget, my dear, I‘m a member of the league of gentlemen.“

 

 

(1) I’m a member of the league of gentlemen. Anscheinend sind Zeitreisen gerade mein Ding. Und sie führen mich vorwiegend in die Jahre 1977 bis 1983. Das ist eine interessante Überschneidung mit der neuen Werkschau von „Robert Fripp: Studio, Live 1977-1983“, die unter dem Titel „Exposures“ in der letzten Maiwoche erscheint. 25 CDs, 3 DVDs, 4 Blu-rays. Viele Memorabilia, ein fantastisches 38-seitiges Booklet, etliche Memorabilia und Faksimiles. Wo soll man da ein-, wo auftauchen?

Nun, ich nehme diese Musik persönlich, und in jenen Jahren, Ewigkeiten vor meinem Interview mit dem Gitarrenmeister im Kölner Hyatt‘s (Gregor könnte eine launige Story dazu erzählen, was passierte, als ich nachts im Deutschlandfunk einen O-ton von Fripp über den Äther schickte), begegnete ich Herrn Fripp zweimal auf Konzerten, einmal, mit der League of Gentlemen, in einer umgebauten Pferdescheune in Weissenohe in der Fränkischen Schweiz (April 1980), einmal mit King Crimson auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg (September 1982). 

Alle Platten aus jenen Jahren habe  ich mir seinerzeit gekauft, und sie bilden, neben zahllosen Abschweifungen zwischen Frippertronics, Live-Auftritten und Studiosessions ein Kernelement von „Exposures“. Ich werde also ein paar Geschichten zur Musik dieses „Monster-Box“ erzählen, sowie ein paar Anekdoten und Tage aus meinem Leben in all ihrer Flüchtigkeit dazupacken – weil Musik, die sich nicht mit intensiv gelebtem Leben verbindet, sowieso zum Vergessen ist. Werden das zehn, oder zwanzig oder dreissig kleine Kapitel – ich weiss es nicht. Gute Reise!

Und am besten gleich den Box Set bestellen. There is no replacement for fire, schrieb der Architektur-Philosoph Christopher Alexander in seinem Buch „A Pattern Language“ über die besondere Magie von Kaminen im Wohnzimmer. Für das Hören von Musik gibt es auch keinen Ersatz. Und eins garantiere ich, mit einem Schmunzeln, für einige der folgenden Folgen: sex and drugs and rock‘n‘roll – nicht in dieser Gewichtung, und sowieso viel mehr!

 

Manchmal wären Psychotherapeuten ein guter Griff für Künstler am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Aber was einst in New York wohl nicht zuletzt wegen diverser Woody Allen-Filme eine Mode wurde, war in good old England Anfang der Achtziger Jahre absolut nicht angesagt. Zumindest nicht in Kreisen avancierter Popmusik.

1982 hatte XTCs ständiges Touren den Leadsänger und Songschreiber Andy Partridge vollkommen fertiggemacht. Ein im Fernsehen übertragener Auftritt wurde abgesagt, weil er es nicht einmal durch den ersten Song der Band schaffte, ohne hinter die Bühne zu rennen und zu kollabieren. Zwischen Anfällen von starkem Lampenfieber, unbehandelter Agoraphobie und Valium-Entzug im Selbstversuch erlitt Andy Partridge, das sogenannte und tatsächliche „mastermind“ der urbritischen XTC einen kompletten psychosomatischen knockout und blieb zu Hause bei seiner damaligen Ehefrau.

Dort in Swindon besuchte ich ihn einmal früh in den Neunziger Jahren (natürlich als Musikjournalist und nicht als kognitiver Verhaltenstherapeut), und er gab mir einige sehr offene Einblicke in sein absolutes Krisenjahr 1982 (war das ein Jahr mit 13 Monden, mein 1982 war auch very, very strange). Andy hörte auf mit den Tourneen, und wurde zum kreativen Arbeitstier im Tonstudio. Das erste Album nach seinem „breakdown“ wurde „Mummer“, ein kolossalter kommerzieller Flop, und ein faszinierendes Opus durch und durch. 

Nachdem XTC beschlossen hatten, nur noch als Studioband aufzutreten, blieb Partridge nach Chambers‘ Ausscheiden nur noch der Bassist und Songschreiber Colin Moulding und der Gitarrist und Keyboarder Dave Gregory, um die Mission weiterzuführen. Diese Umwälzung tat der Kreativität keinen Abbruch. Partridge und Moulding schrieben weiter und weiter – auf einmal waren genug Songs für ein Album da, und in der geschätzten Umgebung eines Studios in heimischen Gefilden entstand „Mummer“. Ganz ohne Nerven zu lassen, ging das aber auch nicht, denn der ausgesuchte Produzent Steve Nye (der an Japan’s Sound von „Tin Drum“ wesentlich beteiligt war, und deshalb Andys Kandidat) entpuppte sich als Soundmagier – und, was Teamarbeit anging und zumindest solide Kommunikation, als Vollpfosten. So beschreibte es jedenfalls Andy im Gespräch.

All die im Vorfeld abgesagten Konzerte bedeuteten, dass XTC Virgin Records eine bestimmte Anzahl von Platten schuldeten, um die Verluste wieder auszugleichen. „Mummer“ wurde ein allseits unterschätztes Meisterstück – Ideenfülle, Melodienrausch, Klangfinesse, sowie first class lyrics – versprochen. Highly recommended, the new vinyl reissue! 

2022 20 Mai

summer’s makramé

von | Kategorie: Blog | Tags:  | 5 Comments

 

 

2022 20 Mai

Rams

von | Kategorie: Blog | | 8 Comments

 

Der wunderbare Designer Dieter Rams wird 90. Aus diesem Anlass kann man heute und morgen den Portraitfilm von Gary Hustwid (von 2020, mit der Musik von Brian Eno) kostenlos ansehen – wer ihn also noch nicht kennt/gesehen hat: hier entlang, bitte.

 

Dortmund. Gute Bekannte: ein paar. Und Seelenverwandte: eine. Gut. Etwas geübt in Dejavues und Zeitreisen, war auch der gestrige, wegen drückender Temperaturen, schleichende Gang durch den Rombergpark, nicht ohne flüchtige, auch mal scharf konturierte flashbacks. An den Tagen, als Tschernobyl passierte, sass ich genau da auf der Wiese hier, Sommers 86, etwas beklommen die Ruhr-Nachrichten lesend und die Windrichtungen verfolgend. Ein anderer Sommer, bestimmt nicht ohne eine gerade mitschwingende Sehnsucht, las ich, genau da, auf einer der Bänke an der Einbuchtung des Teiches, einen Roman von Lars Gustafsson. War es „Tod eines Bienenzüchters“, oder „Nachmittag eines Fliesenlegers“? Wenn ich die schönste Dortmunder Parkerinnerung notieren sollte, müsste ich allerdings hinüber in den Westfalenpark wechseln, auf eine Picknickdecke, währen das hinreissendste Girl der Bittermark mir eine absolut windschiefe Version eines Oldies von Jethro Tull um die Ohren bläst, während ich mit meinen 16 Lenzen selbst das gelungenste Querflötensolo nicht gegen den Anblick ihrer langen gebräunten Beine eintauschen würde. Zurück im Mai 2022, gebe ich den Rohkostler und pflücke wie K. Lindenblätter und zerbeisse sie langsam. In einen Café, das früher, glaube ich, „Orchidee“ hiess, und jetzt „Oase“, spüren wir auf der Terrasse, die den altbackenden Charme der Sechziger Jahre versprüht, als Gitte, Freddy, Ronny und Konsorten noch auf meinem Zettel waren, bevor die Kinks und die Garagenband aus Liverpool für klare Verhältnisse sorgen sollten, die nicht nachlassende Schwüle. Erste Tropfen fallen vom Himmel, viel zu wenig. Auch unser Gespräch eine Zeitlupe, sanftes Stromern durch alte Sommmer. Ich erzähle K. von dem Wiedersehen derer, die es damals gut miteinander konnten, in Furth i. W. – die Blutjungen von 1982, auch so ein früheres Leben. Wir gehen auf schattenlosem Asphalt wie durch Watte hindurch – das wird in der Erinnerung nur getoppt durch eine Irrwanderung auf Gran Canaria, an Bananenstauden entlang, bei gefühlten 45 Grad Mittagsstarre. Vor vielleicht zehn Jahren. Die trockene Wärme von Lanzarote, der Wind aus Afrika, eindeutig meine Präferenz: auf dem Parkplatz von Jameos del Agua, 34 Grad, schattig, wunderbar, und gleich Nils Petter Molvaer in der Höhle! Zurück in der Gegenwart, auf dem kleinen Balkon in der Vorstadt, werden die Wassergläser aufgefüllt, und aus einer humorlos dunklen Wolkendecke stürzt eine Viertelstunde lang die wohltuende, eine Viertelstunde währende Regendusche herab, ohne Donnergegroll – allein der Sound umwerfender Winde und Wasserstösse. Einige Augenblicke lang sehe ich mich (hoppla, ist es eine jüngere Ausgabe meines Ichs?) auf der Wiese des Gartens tanzen, bukolisch – warum denke ich in letzte Zeit öfter daran, wieder „Liege & Lief“ von Fairport Convention zu hören?


(In fünf Tagen spielt hier John Scofields Trio, im neuen Domicil. Im alten Domicil, nahe der mittlerweile denkmalgeschützten Bordellstrasse, spielte der junge Jan Garbarek, mit Arild Andersen und Edvard Vesala, anno 72. Triptykon –  immer noch eine tolle Platte.)

2022 18 Mai

PUNKT 2022

von | Kategorie: Blog | | No Comments

 


1 – The upcoming festival 

 

Punkt 2022 (1-3 September): Sidsel Endresen tribute, launch of Punkt Editions label, Avant Joik, Bugge Wesseltoft, David Toop, Nils Petter Molvær, Dai Fujikura, commissioned work by Martin Horntveth and more

Punkt 2022 will take place 1 – 3 September with a return to original venue Teateret, taking over the entire building for a series of concerts and live remixes featuring an exciting and diverse array of artists from the ever expanding Punkt international family.

The festival will open this year with a landmark concert on Thursday 1 September, seeing Punkt celebrate long-time friend and collaborator Sidsel Endresen for a special 70th anniversary tribute concert. Endresen is one of Norway’s most groundbreaking artists and has been hugely influential internationally, with a prolific and diverse career. The evening will feature many of the artists Endresen has worked with and inspired, including Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvær, Jan Bang and Erik Honoré, and more artists to be announced. Also the same evening British polymath David Toop will be joined by Torben Snekkestad and Søren Kjærgaard to perform as a trio for an exciting one-off concert.

Usual suspects like Christoph Giese, Henning Bolte and Michael Engelbrecht will join the event. Any other guys who will go north?

see more here:  https://punktfestival.no

 

2 – A Sidsel Album Memory – Humcrush w/ Sidsel Endresen: Ha!

 

Sie grummelt, stöhnt, gibt Laut. Richtige Wörter und Sätze mit Sinn und Syntax nutzt die norwegische Ausnahmesängerin Sidsel Endresen kaum noch. Das hat sie lange genug getan, auf Soloalben, die etwa So I Write heißen, oder wenn sie an der Seite von Bugge Wesseltoft einem Oldie wie Paul Simons 50 Ways to Leave Your Lover das Sentimentale austrieb. Seit Jahren hat sich Sidsel Endresen von der Last des Sinnstiftens, von gepflegtem storytelling gelöst. Ihre Sprachschöpfungen knüpfen an eine Urwelt der Laute an, an wenig erforschte Gesetze von Einkehr und Ekstase. Und so wirken Endresens Eruptionen und Soundforschungen merkwürdig archaisch. Wer weiß, inwieweit sie unbewusst Gesangstechniken übernimmt, die bei fernen Ethnien zu den Ritualen zwischen Leben und Tod zählen!

Jazztugenden from a whisper to a cry realisiert sie allemal mit uralter nordischer Intensität. Die beiden Musiker an ihrer Seite sind das ideale Pendant. Als Humcrush haben der Trommler Thomas Strønen und der Keyboarder Ståle Storløkken schon mehrfach Unverbrauchtes aus der Fusion-Ära (einen Hauch von Joe Zawinul) mit seltsamen Sinnlichkeiten der E-Musik (einer Prise Arne Nordheim) sowie kaum definierbaren Quellen kombiniert, rhythmisch trickreich und sphärisch entrückt. Der elektroakustische Jazz der CD Ha! wirkt wie ein Destillat detailverliebter Studioarbeit, entstand aber, in einer einzigen Stunde wahrer Empfindungen, live in Willisau.

Aus alten Jazzträumen, die sich selbstverliebt im Kreis drehen, wird bei Humcrush w/Sidsel Endresen ungebremster Vorwärtsdrang. Das Unerhörte spielt eine Hauptrolle, und die Sicherheiten des guten Geschmacks helfen nicht weiter. Diese furiosen Unberechenbarkeiten werden zwar niemanden aus dem Diana-Krall-Fanclub überzeugen. Wer aber der Meinung ist, dass es im Jazz beim Singen vielleicht noch um andere Dinge gehen könnte als um gekonntes Wiederkäuen von Nostalgieveranstaltungen in memoriam Ella Fitzgerald im Hochglanzkostüm, wird diese Musik unter der Haut spüren, und sie wird kein Ruhekissen sein. Man kann eben auch mit Lauten jenseits der Sprache richtig spannende Geschichten erzählen.

 

(M.E. – „Die Zeit“ – in dear memory of Konrad Heidkamp) 


In the days before Punkt 2022 we will design a Sidsel Endresen collage made out of texts written on her sounds & visions since the beginning of this blog. And it all will start with my funny conversation with Sidsel in a local Kristiansand pub about the three best Joni Mitchell albums ever. 


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