White Bird (USA, 2023) von Marc Forster
Beginnen wir mit Adornos Verdikt (1949): Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.
Was damit gemeint war, wurde oft missverstanden und wurde von dem grossen Alten nicht so ganz präzise formuliert. Die meisten verstanden es als einen Hinweis darauf, dass das Grauen alles zerstört und selbst nicht in Worte gefasst, symbolisiert, metaphorisiert werden kann. Oder auch nicht sollte? Das Grauen in irgendeiner Form künstlerisch zu verarbeiten erschien ihm als perverse Allianz, das war für mich zu allen Zeiten nachvollziehbar. Das Leiden darf nicht ästhetisiert werden. Demnach dürfe es keine Bücher, Filme, Mahnmale über den Holocaust geben ausser wohl Dokumentationen. Nun gibt es das sehr wohl – es gibt sogar eine Holocaust-Kunst, das Grauen schaffte es bei vielen KZ Gefangenen nicht, die Fähigkeit zur Symbolisierung und zum künstlerischen Ausdruck zu zerstören – es gab Musik- und Theatergruppen, ein Orchester, viele malten oder schrieben; die Namen sind bekannt. 1978 brachte die fiktive Serie Holocaust aus den Staaten als erstes den Begriff und die Bilder des Geschehens in den Westen, es mussten 23 Jahre vergehen, bis wir im Nachspann die originalen Bilder der Krematorien, Gaskammern und der Leichenberge sahen. Vorher waren wir nur mit weichgespülten Wolfgang-Staudte-Filmen konfrontiert. Ein Meilenstein, der sich schon deshalb jeder Wertung entzieht.
1982 wurde die Autobiographie von Janina David verfilmt, die ihre Kindheit in einem Ghetto in Polen verbrachte, die Serie nannte sich Ein Stück Himmel. Erst 2016 entschloss man sich, das Tagebuch der Anne Frank zu verfilmen. Auch Schindlers Liste ist dokumentarisch, mit starken Impacts – der in der heissen Sonne stehende Güterzug mit verdurstenden Juden und Schindler, der sie mit Wasser versorgen, aber gleichzeitig sein Gesicht wahren und nicht als Judenfreund dastehen will, das gibt eine Ahnung des Grauens innerhalb dieser Güterzüge. Der Pianist ist ebenfalls eine verfilmte Autobiographie. Starker Impact: Der halb verhungerte Szpilman findet ein Glas Essiggurken und isst es sofort leer.
Die Opfer bekommen eine Stimme, es gibt Bilder und Gefühle dazu, wir bekommen eine Ahnung vom Grauen, auch wenn uns der Regisseur das Äusserste erspart. In den Schulklassen wird vor Ü-14-Jährigen Schindlers Liste vorgeführt, instabilere Kinder verkraften das nicht gut. Wir mussten als 16jährige nach Dachau, das war härter, man stand mittendrin – im Krematorium musste ich raus und mich übergeben; ein bisschen sollten die Lehrer schon noch zuwarten und vor allem besser vorbereiten.
Soviel zur Übermittlung und Dokumentierung von facts – Adorno sprach aber über künstlerische Bearbeitung.
Weiterer Meilenstein: Das Leben ist schön von Roberto Benigni.
Der Film spaltete die User-Gesellschaft, viele waren empört über eine „Auschwitz – Komödie“, viele erkannten, dass es durchaus keine Komödie war. Benigni setzt Komik ein als Schutz gegen das Unschützbare – wer zeigt, wie man seinem Kind das Grauen erspart, macht dieses nur um so deutlicher, weil es den Zuschauer die Grösse der kindlichen Wünsche nach Geborgenheit und Heiterkeit vor dem Hintergrund der absoluten Vernichtung in aller Schärfe zeigt. Impact: Der Vater wird von einem bewaffneten Aufseher zum finalen Todesschuss abgeführt; der Sohn versteckt sich in einer Regentonne, beim Abgang signalisiert der Vater dem Kind noch durch spassige Grimassen weiterhin, dass alles nur ein Spiel sei. Das kann den Zuschauer zerreissen, der es versteht, sich darauf einzulassen. Schade, dass Adorno sich nicht mehr dazu äussern konnte, vielleicht hätte er erkannt, dass hier ein neuer Denkraum eröffnet wird.
Zone of Interest – ein sehr verdienstvoller Film, lies mich seltsam kalt. Aber es gibt auch im Film Übertragungsprozesse zu den Hauptfiguren, vielleicht war es die Kälte und Gleichgültigkeit der Täterfiguren, die auf mich übergesprungen ist, vielleicht muss ich Opfer sehen, um mich mental einschwingen zu können, wer weiss? Demnach hätte ich wohl auch eine Verdrängungs- und Mitläufermentalität, kein schöner Gedanke.
Im Märchenwald von White Bird friert niemand. Die Körper sind sauber, die Gesichter intakt, die Dialoge literarisch geschniegelt. Zwei Kinder, höchstens zwölf, sprechen wie Erwachsene mit Literaturseminarerfahrung („Ich hasse es wenn Du mich so siehst!“). Eine Familie mit einem körperbehinderten Sohn versteckt ein jüdisches Mädchen in einer Scheune – ohne Heizung, Waschgelegenheit etc. Der Versteckraum wird zur Schutzblase, nicht zum Ort der existenziellen Deformation und täglicher Todesangst. Der Junge und das – selbstverständlich hübsche, sauber gekleidete und frisierte – Mädchen vertreiben sich die Zeit mit Phantasiereisen anhand Bildern von Paris. Der Winter bleibt meteorologisch, nicht physiologisch. Damit verschiebt sich die Perspektive fundamental: Nicht mehr das Grauen ist das Zentrum, sondern die Romanze . Man könnte auch sagen, der Film feiert die Fähigkeit zur Resilienz, aber muss man dabei in realitätsverleugnenden Kitsch geraten? Es gibt genug dieser Machwerke: Kinder, die mit sauberen Klamotten und duftig-frischen Haaren wochenlang hungrig durch den Wald irren und niemals verzweifeln und reden wie kleine Erwachsene, Mädchen, die vor den Russen flüchten im weissen Spitzenkrägelchen und komplizierter Flechtfrisur, wozu offenbar vor dem Aufbruch noch Zeit war. In realiter schnitt man damals den Mädchen die Haare ab und steckten sie in Jungenskleidung um sie vor den Soldaten zu schützen. Aber Schönheit muss sein, damit die unerlässliche Liebesgeschichte angekickt werden kann. Ein mehr als ärgerlicher Trend – alles was schwer erträglich ist, wird mit Liebe zugekleistert, jede krebskranke Frau, die gerade den Schreck der Diagnose und des Haarverlustes – selbstverständlich sieht sie auch haarlos noch umwerfend aus – verkraftet hat, rauscht ab in die Liebesgeschichte zu einem tapferen Mitpatienten, der ihr wieder Lebensmut gibt. Marketing geht immer noch vor Realität; Valium-Filme nannte ich das früher immer.
Wie kann man also den Holocaust adäquat darstellen, wenn die Zeitzeugen gestorben sind und wir uns auf unsere Phantasie verlassen müssen und auf das, was wir gelesen haben?
Ehrlich gesagt – ich habe keine Ahnung. Und vielleicht ist das auch gut so! Keine Verdikte zu erlassen, das Leben geht ohnehin seinen Weg und kümmert sich nicht um Philosophieprofessoren.
Und gerade höre ich, dass heute der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist. Soviel zum Mitschwingen …
























