Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 27 Nov

Neuzeit

von | Kategorie: Blog | Tags: , | 3 Comments

Zeit entsteht durch Bewegung verschiedener Objekte zueinander. Wenn sich nichts bewegt, hört die Zeit auf, das ist mit den äußeren wie inneren Objekten gleich. Wenn die Gedanken ruhen, spielt Zeit keine Rolle mehr. Zeit wird aus der Alltagserfahrung in zyklischen Bewegungen erlebt: wenn sich etwas wiederholt entsteht ein Rhythmus, eine Zeitstruktur, die die Musik der alten Zeit kennzeichnet. Die alte Zeit aber ist vorbei, vergangen. Wir wissen nicht, was geschehen ist, was den unsichtbaren Kollaps ausgelöst hat, aber es muss ihn gegeben haben. Vielleicht etwas Elementares, wie Michael schon vermutet hat. Verblieben sind noch einige elementare Reste des Alten, Klangfarben, Rhythmusfragmente, etwas das anklingt, sich verwandelt, verliert, verschwunden ist, bevor es erfasst werden kann, wie ein Vogel im dichten Morgennebel.

Raum entsteht durch die Entfernung verschiedener Objekte zueinander. Akustisch findet sich das in der Lautstärke und Position wieder und die Raumgröße als Hall im Klangraum. Der alte Raum ist vorbei, vergangen. Lange Hallfahnen mischen sich zwanglos mit trockenen Klängen, Nahes scheint leise und Entferntes verstörend nah, Hintergrundklänge füllen den Raum und Melodielinien fließen durch die fein gewebten elektroakustischen Texturen, verlieren sich in unvorhersehbaren Wendungen, zitieren mit offenem Ausgang und geben den alten Hörgewohnheiten soviel Halt wie eine abschüssige Eisfläche. Dazwischen erscheinen die Geister der Vergangenheit als Ghost-Notes, singulär und geheimnisvoll, leise verstörend, Konventionen verratend und im akustischen Irrgarten immer die andere Abzweigung empfehlend. Aber nimmt man weit mehr als nur die übliche Dreidimensionalität der Welt an, entsteht etwas Neues, unglaublich Magisches.

J. Peter Schwalm und Arve Henriksen wagen sich auf Neuzeit zugleich weit ins Neuland in einem Spannungsfeld von elektronischen, perkussiven und akustischen Klangfarben, die sich von strukturierten, formalen Ausgangspunkten dekonstruierend ins weiße Niemandsland, einem Land schwer faßbarer Atmosphären entfalten. Ein musikalisches Hybridwesen, ein mythischer Klangandroid, bei dem die verlorengegangene Ideenlosigkeit durch elektronische Träume ersetzt worden sind. Die Titel kreisen um verschiedene Arten der Zeit, die sich aus elementarer Zeitlosigkeit entfalten. Das beginnt mit Blütezeit, das sich ganz zart und additiv Facette um Facette hinzufügend entfaltet, organisch, sanft, sodass mancher drastische Wechsel erst bei mehrmaligem Hören auffällt, sanfte Trompetenlinien fast unbemerkt in harsche Synthesizerrhythmen übergehen, ein stetiges sich Öffnen. Suchzeit tastet sich behutsam durch einen längst leise kollabierten Raum, wie ein zarter Lichtstrahl durch den Staub alter Ruinen und beginnt alte Geschichten zu erzählen, die kein Ende mehr haben. Neuzeit schließlich tastet sich ganz vorsichtig, zaghaft in eine neodystopische Eskalation in unkartiertem Gelände hinein. In Raumzeit kehrt zu artifiziellem Regen eine fast impressionistische Stimmung ein, verloren, kryptisch und ein bißchen melancholisch. Schonzeit beschreibt den verhaltenen Raum zwischen den Zeitaltern, der ewig und unendlich kurz zugleich sein kann, cineastisch visionär und intim. Unzusammenhängend, schwebend dissonant zieht sich Unzeit mit subtilen Irritationen in fremde Gefilde zurück und Wellenzeit wagt die Vortäuschung des Zyklischen im niemals gleichen Fluss. Final setzt Zeitnah den Hörer sanft umgarnend in einem vollends fiktiven Raum ab, der befremdlich vertraut scheint. Archaische Musik aus der Traumzeit von Übermorgen. Jetzt.

 

 

 

 

 

 

Ich nahm eine Schlaftablette, las ein paar Seiten in dem Justizthriller „The Holdout“ und holte mir gute fünf Stunden Schlaf. Um viertel vor fünf setzte ich mich in meinen Toyota und raste in den Norden, durch stockfinstere Nacht, kurzen wilden Regen, eine Bilderbuchmorgendämmerung, und einen in Pastell verweilenden Farbrausch angefrorener Felder. Ich hielt nur kurz an einer Tankstelle, und sass bald im blauen Autozug, von Niebüll nach Sylt. Während der Autofahrt war ich in einem seltsamen „flow“, mit allerlei Gedankenzirkus. Vor und hinter Hamburg dachte ich an die Story um mein verpasstes Hamburger Keith Jarrett-Konzert in den Siebziger Jahren (echt der Knaller – ich war so doof, hätte einfach spüren müssen, dass Katrin überhaupt nicht verliebt war), ich dachte an Jan und seine Gang, wie sie wohl damals, 1975, in der Fabrik Terje Rypdal erlebten. Ich dachte an die drei Fragen zu „Music for Films“ und „Film Music (1976-2020)“, die ich Brian Eno morgen schicken werde, von Küste zu Küste, von Westerland nach Norfolk (es fehlt noch etwas mehr als der letzte Schliff) – und dass ich selten soviel Drumherum um ein paar Fragen gewickelt habe, sogar Fussnoten. Ich dachte an einen Song von Matt Berninger, den ich in den „Klanghorizonten“ spielen werde. Bei den gefrosteten Feldern dachte ich an zwei, drei Lyrikbände von Jürgen Becker, der darin so viel Hinterlandforschung betrieb. Auf der Insel hatte ich sehr freundliche, ja herzliche Begegnungen mit der Herrin des „Rosenhauses“ (sie ist ganz begeistert von „The Queen’s Gambit“), und dem Käptn der „Sansibar“ („Mein Jahr in der Sansibar“ – heisst so nicht der launige Schmöker eines Österreichers?) Später tauschten L. und ich den Inselgruss aus – sie fragte mich: Triffst du Theodor Storm? (Hatte sie schon diese Fotos gesehen, und nach dem Schimmelreiter geschaut?) Und ich antwortete: Emil Nolde.

 

 


 
 

Two talks with New York City musicians, combined with a lot of images from the Big Apple:

This composer turned 78 last week. And this saxophonist celebrated his 55th birthday earlier this month.

 

 

 

Eins –  Dass ich schon nach wenigen Kapiteln rundum angetan war von dem Justizthriller eines mir bislang unbekannten Schriftstellers. Graham Moores „The Holdout“ erscheint am 21. Dezember in deutscher Übersetzung. Eines seiner anderen Bücher heisst, habe ich rausgefunden, „Sherlockian“ – wieder mal der bessere Titel gegenüber dem reisserischen Aufmacher „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“. 

 

Zwei – Dass mich Brian Enos „Film Music (1976-2020)“ weitaus mehr faszinierte, als ich vor dem ersten Hören dachte, weil mir doch etliche Stücke sehr bekannt sind. Tolle Mischung und durchdachtes „sequencing“. Altes mit neuen Ohren hören – und Neues mit alten Ohren.

 

Drei – Dass ich jemanden auf der Insel meines Vertrauens bewegen konnte, einen Strandkorb auf einem bestimmten Strandabschnitt zu platzieren. In bester Gesellschaft hoffentlich dann, von Graham Moore, Ed Caesar, und, running gag, einer Flasche Weissburgunder (zumindest am kommenden Sonntag). Das Foto, das ich dort machen werde, könnte einen Hauch von ECM haben. (Es war auch an der Nordsee, auf einer anderen Insel, auf Wangerooge,  als ich das Transistorradio mit zum Meer nahm, und Michael Naura im NDR ein neues Album von Ralph Towner ankündigte, „Solstice“, und ich, den Wellen und der Musik lauschend, hin und weg war.)

 

Vier – Dass der wunderbare Ballspielverein Borussia Dortmund 09 zwar nicht die Konstanz für die Meisterschaft besitzt, aber dafür ab und zu die herrlichsten Geisterspiele abliefert. Mit einer norwegischen Urwucht, und meinem Lieblingsspieler Raffael Guerreiro (den ich so grandios finde, wie einst Reinhold Wosab). Aber gut, wer weiss, ob dies nicht die letzte Saison des Fussballs, wie wir ihn kannten, sein wird!? Eine Melancholie der nicht erhebenden Art liegt über den leeren Stadien.

 

Keine grosse Überraschung ist es, dass mir als Agnostiker (mit einem offenen, zumindest neugierigen, Ohr für parapsychologische Dinge, jenseits unserer „Schulweisheit“, aber auch jenseits der Verschwörungstheorien) ein kluger Zeitgenosse, der sich nebenher viel mit Astrologie beschäftigt, von einer aberwitzigen Konstellation der Planeten und Sterne  2020 erzählte, wie sie so wohl nur alle 70000 Jahre vorkomme. Transformation sei da wohl das Schlüsselwort – was mich an „den Gehängten“ und „den Mond“ aus dem Tarot denken lässt.

 

 

v i d e o

 

New marginal note: Liebe Tag- und Nachtmenschen, gut möglich, dass meine beiden Radionächte (die live stattfinden!) im Dezember nicht in der Mediathek des DLF nachhörbar sein werden, aus Urlaubsgründen etc. Aber es gibt ja stets kleine Wege zu diversen clouds, um die beiden Nächte nachzuholen. Die playlists sind nun weitgehend fertig – nur in den ersten zwei Stunden des Rückblicks vom 26. 12. kann es noch ein paar Änderungen geben, ansonsten geht es nur um kleinere Verschiebungen und Auswechslungen. Übrigens sind Ausschnitte eines aktuellen Interviews mit Brian Eno hochwahrscheinlich, in der Stunde über seine Soundtracks!

Es wird auch noch einen Jahresrückblick der Jazzredaktion geben, bei der ich dabei bin, neben Odilo und Karsten, und „meine drei Jazzplatten des Jahres“ vorstelle. Höchtens eine davon wird im Jahresrückblick dabei sein. Keine Ahnung, wie und ob ich im Moment die heiss erwartete reissue von Ryuchi Sakamotos „linkshändigem Traum“ unterbringe, schliesslich habe ich die Musik zuletzt ca. 1980 gehört. Das war das Jahr, in dem die aussergewöhnliche Musiksammlung „From Brussels With Love“ erschien. Mit selbiger – und John Lennon – mögen die Klanghorizonte 2020 ausklingen. Wir hören uns radiotechnisch dann im Februar 2021 wieder – wenn die Dinge des Lebens nicht komplett aus dem Ruder laufen, und wir hoffentlich noch alle auf dem gleichen Planeten tanzen. Peace! (Nachbemerkung: Sakamotos Album ist im Herbst 1981 erschienen)

 

And here some more introductory words by Victoria Segal:

 

So yes, I’m sitting in a park in my car waiting for a meeting,” says the pensive voice that begins Thorn, a Gregorianstyle highlight of Don’t Shy Away, “and I thought it would be a good time to tell you about what I’m looking at.” Fulfilling that promise, Loma’s music unspools in vivid panoramas – sometimes downbeat and rainy, sometimes splashy and urgent, reminiscent of the mid-’90s school of Bowery Electric post-rock. Yet the trio – Emily Cross, Jonathan Meiburg (formerly of Shearwater) and Dan Duszynski – ensure all the glitches and layers (clarinet, brass, guitar) add bright pinsharp accents not blurry textural flab, Cross’s voice glinting through Blue Rainbow’s electro-cabaret judder or the Morphine-like rumble of Ocotillo.“ 

(In many ways, Ocatillo is a perfect song in its moves between dissonance, consolation – and „wonderful disarray“; M.E.).

 

Old marginal note: it’s really a good time to tell you what you‘re looking at: the ever-changing „construction kit“ of my two radio nights in December. Not only a collection of albums in mind, but, as time goes by, the tracks to be played, and a hopefully decent sequencing of them. At first it is brainstorming and searching, then comes the final choice of tracks, and then the purely musical „narrative“. If you prefer being surprised, you‘ll better stop reading now.

 
 

 
 

KLANGHORIZONTE DECEMBER 19

 

FIRST HOUR – NEW ALBUMS – talking 1 /  Gwenifer Raymond: Strange Lights over Garth Mountain, from Strange Light over Garth Mountain / Dino Saluzzi: Ausencias, from Albores / talking 2 / Matt Berninger: Loved so little, from Serpentine Prison / Dino Saluzzi: Intimo, from Albores / Lambchop: Reservations, from Trip / Loma: Thorn, from Don‘t Shy Away / talking 3 / Gwenifer Raymond: Strange Worn Out Blues, from Strange Light over Garth Mountain/ Mathieu Bordenave: Dans mon pays, from La Traversée

 

SECOND HOUR – NEW ALBUMS – SternzeitRoger and Brian Eno: Manganese, from Luminous / Loma: Ocotillo, from Don‘t Shy Away / talking 1 / Simon Kirby, Tom Perman, Rob St. John: Phonaestheme, from Sing the Gloaming / SONG TRANSLATION („talking 2“)/ Hen Ogledd: Crimson Star, from  Free Humans / talking 3 / Peter Schwalm & Arve Henriksen: Track 4, from Neuzeit / Ian William Craig and David Lentz: Track 2, from In  a Word / talking 4 / Ed Harcourt: Drowning in Dreams, from Monochrome to Colour

 

THIRD HOUR – CLOSE-UP: „Just as you are“ – Robert Wyatt and Alfie Benge (based on the book „Side By Side“, songs, paintings, my unforgettable encounters, once upon a time, with the couple at London‘s Westbank, and a very fine biography) Kalenderblatt 

 

FOURTH HOUR – TIME TRAVEL 1 – talking 1 / Beverly Glenn-Copeland: La Vita, Ever New, aus: Transmissions – The Music of Beverly Glenn-Copeland / Neil Young: Separate Ways, aus Homegrown / talking 2 / John Lee Hooker: Decoration Day, aus It Serve You Right To Suffer / Bernard Herrmann: Prelude and Rooftop, aus Vertigo O.S.T / Ran Blake & Andrew Rathbun: Vertigo, aus Northern Noir / Al Green: Judy, aus Let‘s Stay Together / Ran Blake & Andrew Rathbun: Judy, aus Northern Noir / John Lee Hooker: Country Boy, aus It Serve You Right To Suffer / talking 3 / Gary Peacock, Keith Jarrett, Jack DeJohnette: Tone Field, from Tales of Another

 

FIFTH HOUR – TIME TRAVEL 2 – Terje Rypdal: two compositions from Descendre, with Palle Mikkelborg and Jon Christensen / talking 1 / Jon Hassell: A Night in Caracas, September 1975, from Vernal Equinox /// Nachrichten und Tagesspiegel um 5.30 bis 5.40 /// Robert Wyatt: A Beautiful Peace, from: Comicopera / talking 2 / Tony Allen: Ise Nla, Morose, Aye Le,  from: Lagos No Shaking

 
 

 
 


KLANGHORIZONTE DECEMBER 26 

 

FIRST HOUR – LOOKING BACK ON SOME EXCELLENT RECORDS OF 2020 (part 1) – talking 1 / Eivind Aarset & Jan Bang, Two Days in June, from Snow Catches On Her Eyelashes / Vox Clamantis & Cyrillus Kreek, two tracks from The Suspended Harp of Babel / Bob Dylan: Key West (Philosopher Pirate), from Rough and Rowdy Ways / Jon Balke, two tracks from Discourses / Shabaka & The Ancestors, one track from We Are Sent Here By History / talking 3 / another album t.b.c.

 

SECOND HOUR – LOOKING BACK ON SOME MORE EXCELLENT RECORDS OF 2020 (part 2) – STERNZEIT / Benge: track 3, from 13 Systems / talking 1 / Aquiles Navarro & Tcheser Holmes: Initial Meditation, Plantains, Pueblo, from Heritage of the Invisible II / talking 2 / Alabaster DePlume, from To Cy and Lee, Instrumentals Vol. 1 / talking 3 / Carla Bley Trio, from Life Goes On /  Rustin Man, from Clockdust / talking 4 / Fiona Apple, from Fetch The Bold Cutters /  Stephan Thelen – Kronos Quartet, from World Dialogue / talking 5 / Jon Hassell, from Seeing Through Sound (Pentimento Vol. 2)

 

THIRD HOUR – CLOSE-UP – „Brian‘s soundtracks for real and imaginary films“ (based on his album „Film Music 1976-2020“, and other works, including the classic „Music For Films“) – including a fresh interview with Eno

 

FOURTH HOUR – TIME TRAVEL 1 – „A journey through Joni Mitchell‘s „Archives Vol. 1 (The Early Years 1963-1967), along with three songs from her classic album „Court and Spark“

 

FIFTH HOUR – TIME TRAVEL 2 – part 1 –  talking 1 / Ryuichi Sakamoto: Boku No Kakera, Saru To Yuki To Gomi No Kodoma, Kacha Kucha Ne, The Garden of Popples, Relaché, from Hidari Ude No Yume (reissue of The Lefthanded Dream) / NACHRICHTEN 5.30 Uhr / part 2 – talking 2 / „Notes & sounds from a finally unearthed treasure: „From Brussels with Love“ * / talking 3 / the final song of the night:  John Lennon: Instant Karma

 

* „Wenn mit FROM BRUSSELS WITH LOVE jene Compilation aus Belgien gemeint ist … die jetzt wiederveröffentlicht wird, dann kann ich nur sagen: ich höre mich seit einigen Tagen wiedermal durch die alte MadeToMeasure-Serie, die ich seit Jahren sehr schätze. Überhaupt bescherte mir das Label Crépuscule immer schon Musik, die sich nicht in Worte fassen lässt, die immer den Zwiespalt zwischen mysteriös, schräg, obskur, somnambul, experimentell, Fragezeichen, Bauchschmerzen und Kopfweh auf der einen Seite und bittersweet, intellektuell, überraschend, schön, Hymnus, Elegie & Verführung auf der anderen Seite zu überbrücken vermochte. Nicht B-Ware, wie vieles aus dem Pop der Benelux,sondern Eins-A-Kram von einem völlig anderen Ufer (Fjorde gibts da ja nicht …). Was mir da alles an Inspirationen entgegenschwappte … Immer noch fasziniert mich das, ohne dass ichs zu erklären vermöchte. Mich befällt beim Hören das Gefühl, Sie hätten Ihr Sendekonzept dorther …“ 

(Olaf Pawlicki)

„Paranoid narratives are inherently narcissistic as well as authoritarian. Paranoia rejects the proportionality of pluralism, in which the world’s indifference to you is a sign of its multiplicity, and interprets that indifference as malice. The world is not unmoved by your existence, but upholds your central importance: even your refrigerator is spying on you. A paranoid system confirms that your powerlessness is only because the game is rigged against you– and that the world cares enough to bother disempowering you.“

(Sarah Chuchwell, The Guardian)

 

Als die Wahl in den USA noch halb auf Kippe stand, schrieben Jan und ich uns einige Mails. Er verströmte eindeutig die grössere Zuversicht. Selten habe ich mich so intensiv, tagesaktuell, mit dem politischen Geschehen in US und A beschäftigt – zwischendurch tat es gar gut, den „Borat – Nachfolgefilm“ zu gucken.  Ich denke, dass Joe Biden vor kaum zu schulternden Problemen steht. Der gesellschaftliche Konsens ist zerbrochen. Eine demnächst frisch im Senat auftauchende Republikanerin (46, strohdoof, und laut dem Oberaffen „ein neuer Star“) sprach vor den Redneck-Fans des Irren, die Demokraten seien Sozialisten und wollen ihnen die Waffen wegnehmen. Sie rief tatsächlich zu Gewalt auf. Nach Umfrageergebnissen glauben fünfzig bis siebzig Prozent seiner Wähler, die Wahl sei manipuliert worden. Dass eine Gesellschaft in Zeiten einer brutalen Krise in der Mitte enger zusammenrücken muss, ist ausser Frage, um populistischem Quatsch keine grösseren Chancen einzuräumen. In US und A scheint das kaum noch vorstellbar. Die Rassisten, die in Borats Nachfolgefilm auftauchen, die Clan-Mitglieder aus Spike Lees Meisterstück „Blackkklansman“, all diese in Teilen Schwerbewaffneten –  die sind in der Wirklichkeit tatsächlich genau so, nur allzu bereit, jede Art von sozialem Frieden zu opfern. Aus meiner Sicht ist das kein kurzes Aufwallen destruktiver Energien: dieser brutale Riss zeigt überhaupt keinen Ansatz zur Heilung. Hierzulande nennen sich die neuen Tiefenschürfer Querdenker – Menschen, die offensichtlich nicht mal geradeaus denken können. Gestern bei der Pressekonferenz, konnte man den wunderbaren Trainer Streich des Freiburger SC beobachten, wie er sich sorgenvoll Gedanken machte zur Lage des Landes und der Welt. Ohne grosse Worte. Nur leise Töne. Selbst in der winzig kleinen Welt der Manafonisten wurde schon eine Zeit erlebt, nah an Spaltung und Zerwürfnis. Selbst da, unter allemal Vernunftbegabten, erwies sich mal eine ausgestreckte Hand als komplett überfordernde Geste. Der hier leider auch schon, meines Erachtens zu Unrecht, als Dummkopf attackierte Fussballer Kramer der Borussen aus Gladbach, schreibt in der SZ über das Erleben der zweiten Welle: wie trostlos es am Anfang war, vor leeren Rängen zu spielen. Als es dann mal wieder 300 waren, habe er bei jeder kleinen Reaktion des Publikums eine Gänsehaut erlebt. Er finde es krass, wie schnell man sich an diesen neuem Zustand gewöhne, fast erschrocken habe er sich, als auf einmal wieder 10000 im grossen Rund versammelt waren. (Der grüne Rasen taugt durchaus als Spiegelbild der Gesellschaft.) Wer zur Baby-Boomer-Generation, zählt, kann sich auf eines verlassen: er und sie erleben gerade die grsellschaftspolitisch dunkelste Zeit ihres Lebens (neben den Jahren der RAF). Mögen wir alle über die List und das Geschick verfügen, lauter kleine Fluchten anzutreten, in jene Räume hinein, die voller aufregender Entdeckungen sind, all diesen Dingen zum Trotz. Mein nächster Fluchtort heisst, mit Arbeitsauftrag versehen, wieder mal Sylt. Die Strandkörbe sind so gut wie alle abgeräumt. Aber einen gibt es, der steht da auf seinem Fleck in Rantum wie angewurzelt. Einmal werde ich dort auftauchen, in Begleitung einer Flasche von meinem liebsten Weissburgunder, und das Meer belauschen. Im Reisegepäck habe ich, neben „The Plateaux of Mirror“ (von Harold Budd & Brian Eno) sowie „After The Goldrush“ (von Neil Young), zwei Bücher, eines stammt von Ed Caesar und trägt den Titel: „The Moth And The Mountain – a true story of love, war and everest“.

2020 20 Nov

Guter Herbst

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

Der Mensch muss etwas tun. Noch immer dem starken Drang verfallen, gute Songs nicht nur hören, sondern selbst auch spielen zu wollen, gehört zur momentanen Grundaustattung. Vieles macht man im stillen Kämmerlein klar, doch spirituelle Resonanzrahmen bleiben stets wichtig. Ob beim Serienschauen, bei Sport Spass Spiel und erst Recht in der Musik: es ist gut, wenn man wen kennt, der dasselbe schätzt. Mit den Manafonistas hat sich der Horizont doch gewandelt und über den eigenen Tellerrand hinaus war man auch daran interessiert, was andere mögen, zudem dem Neuland gegenüber offen. Und doch, eine seltsame Regression schlich sich ein in letzter Zeit, man war versucht, so manches aus dem inneren Archiv zutage tretende Erinnerungsfragment im Nachhinein auch struktur-technisch aufzuarbeiten. Die Frage „Was wird hier gespielt?“ ergründen wir mit einem still fingerpicking alive! Die Hände wollen begreifen. „Wieso kommt so manche Neugier spät und nicht vielmehr früher?“ fragt der Geist des alten Leibnitz neben mir. Neulich erzählte C, ihr Vater sei jetzt pflegebedürftig, sie sei jetzt das erste mal seit zwanzig Jahren wieder Auto gefahren, um für ihn die Besorgungen zu machen. Und? Kein Problem, verlernt man nicht! Sehr beruhigend! Genauso ist es mit dem analytischen Gehörsinn: hat der sich erst mal eingenistet, ist er nicht mehr auszutreiben. Zu den aufs Korn genommenen Objekten dieser obskuren Leidenschaft gehörte jüngst beispielsweise der Song „River“ von Joni Mitchell. Erst jetzt, nachdem ich Sierra Eaglesons Version hörte, möchte ich ihn gitarrentechnisch nachvollziehen, wenngleich ich dieses Lied schon immer mochte. Den Cyndi Lauper Hit „Time after Time“ kannte ich vor allem aus dem Album Traveling Miles der Cassandra Wilson. Von Iron & Wine nun findet sich eine Fassung, die einen flugs selbst zum Instrument greifen lässt. Weil alle Dinge (verschwörungstheoretisch) drei sind, sei hier auch „Clocks“ von Coldplay genannt, warmherzig vorgetragen von Good Harvest. Täte unsereins, wie damals Dieter-Thomas Heck, die Hitparade moderieren, dies wäre wohl die momentane Nummer Eins: „Nimm die Klampfe in Hand und spiele D-Dur, A-Moll, C-Dur, E-Moll!“ Wie einst Cyndi, nur im Looper.

Ich arbeite an einer Schule, auf der jede 12. Klasse ein Theaterstück einübt, fast immer gemeinsam mit den Klassenbetreuern. In diesem Jahr waren zwei Kollegen und ich an der Reihe, heute sollte die erste Aufführung sein. Rückblickend etwas naiv haben wir die Problematik des Termines nicht früh genug erkannt.

Anfang des Monats ging es dementsprechend turbulent zu. In Angesicht der Einschränkungen entschlossen wir uns, das Stück innerhalb einer Arbeitswoche auf die Bühne zu bringen. Obwohl wir seit Anfang September mit Proben beschäftigt waren, würden die Aufführungen unfertig sein: nicht alle konnten ohne Textbuch spielen, nicht alle Ideen konnten umgesetzt werden – es war ein ziemlicher Kraftakt. Doch die Jugendlichen waren sehr motiviert, wir verbrachten sehr viel Zeit in der Schule und hatten dabei tolle Begegnungen.

Dann kam einen Tag vor der Aufführung die Nachricht, dass wir den ersten Corona-Fall an der Schule hatten. Die Anzahl der Schülerschaft und des Kollegiums ist eher niedrig, es gibt viele Verbindungen zwischen den Klassen, so dass einem Virus gute Vermehrungsbedingungen geboten werden. Unter anderem musste einer der beiden Lehrer, die mit mir die Klasse durch das Stück begleitet haben, in Quarantäne.

Was tun? Den intensiven kreativen Prozess kurz vor der Ziellinie abbrechen? Weiter machen? Letzteres wäre eine Option gewesen, das Gesundheitsamt hatte uns die Aufführung nicht untersagt. Zudem hatten wir einen einen sehr strengen Hygieneplan erstellt: sehr wenige Zuschauer mit sehr viel Abstand, feste Wege, strenge Lüftungszeiten, usw.

Trotzdem wählten wir einen Mittelweg: Vorstellungen ohne Zuschauer, dafür mit einer Kamera. Ziemlich hart, Eltern mitzuteilen, dass sie ihre Kinder nicht auf der Bühne sehen dürfen. Ziemlich hart bestimmt auch, die Nachricht entgegen zu nehmen. Die meisten Reaktionen waren verständnisvoll, wenn auch traurig, doch es gab auch Unverständnis und Wut. Einerseits: wie können Sie so etwas machen, 30 Jugendliche in einer Sporthalle, unverantwortlich, wir informieren das Gesundheitsamt, etc. Andererseits: wie können Sie so etwas machen, vor den Autoritäten einknicken, pädagogisch fragwürde Entscheidung, kein Mut, Selbstzensur, etc.

Die Jugendlichen nahmen das alles relativ gelassen auf, haben sich den Hintern aufgerissen, ein bestmögliches Ergebnis auf die Bühne zu bringen, sind größtenteils über sich hinausgewachsen, haben sich gegenseitig unterstützt, so dass das Gemeinschaftsgefühl nun deutlich enger ist. Die Armen durften anschließend noch nicht einmal ordentlich feiern.

Zwei Wochen später ist keiner erkrankt, eine Sorge, die mich während der Proben durchgehend begleitet hat. Ganz erholt habe ich mich noch nicht, die Frage, ob es sich gelohnt hat, verfolgt mich mehr als in den Jahren zuvor – wir bekommen immer noch Nachrichten, die unsere Entscheidung, ohne Zuschauer aufzuführen, kritisieren. Komische Zeiten.

 

 


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