Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Eigentlich war es die Zeit unseres Lebens, 1976 bis 1980, aber nach und vor dem kurzen Glück und lauter langen Abschieden (die bis heute dauern), das Stolpern und Rasen der Herzen, die Unerreichbaren und die Verlorenen, die stillen Tränen, der wilde Jazz! ECM lieferte in den Siebzigern ein Meisterstück nach dem anderen ab. Im „Ombibus“ trank ich mit einem wunderbaren polnischen Aktsaxofonisten Kaffee, und Bert Jansch erzählte von wilden Reisen mit Pentangle durch schottische Küstenstriche (es gibt noch eine andere weite Welt, dachte ich). Wir liebten, litten, vögelten, und ich mochte es, morgens Brötchen zu holen. Wir gingen in jeden Wenders-Film, lasen Italo Calvino und entdeckten Gregory Bateson. Und aus jener Zeit erreichte mich vor Tagen eine Notiz, von einer der wenigen gebliebenen Gefährtinnen:

„Ja, das war die Zeit der Phobien, Michael. Da tatest Du einen legendären Spruch. Wir beiden Hübschen waren vormittags mit Deinem (weissen?) Käfer in der Stadt, dann haben wir uns in meiner Bärenhöhle über unsere gegenseitigen Phobien unterhalten,  und dann gings nochmals in die Stadt. Da töntest Du: „Two phobies going to town – second part!“. Fand ich cool, selbstironisch und wirklich filmtitelreif. Weitere Erinnerung: Party bei Dir in Deinem Olymp in Gerbrunn, ich durfte auch Freundinnen mitbringen, zu vorgerückter Stunde spielten wir Scharaden. Jeder musste sich einen Filmtitel ausdenken und pantomimisch darstellen. Du topptest die Sache mit Fensteraufreissen, wildem Augenrollen, Luftringen, Rumfuchteln und deutetest auf das beleuchtete Würzburg am Horizont. Der Begriff war „Stadtneurotiker“. Der Brüller!“ 

Zugabe: Nett!! Wir gingen dann übrigens zum Kaufhof um irgendetwas Hochwichtiges zu erwerben. Danach nächtigte ich bei Dir und Du warst am nächsten Vormittag völlig von Sinnen, weil der Briefträger mit der neuen Eno – Platte erwartet wurde. Ich nahm leicht entnervt inzwischen ein gepflegtes Bad, Deinerseits grosses Herumtigern und Stadtneurotikern. Dann die Türklingel! Wilder Schrei!!! ES HAT GESCHELLT!!! ICH WERD WAAAAAHNSINNIG!!!!!!!!! Wackerer Postbote kommt mit Platte. Freudentanz! Ich machte einen auf Lufthansa….🛫

 

Endlich habe ich wieder die Einzelteile meines vpi Prime zusammengefügt – „Loftsound“ in Neheim hatte mich bestens geschult, den schweren Plattenteller unfallfrei zu platzieren – und der Tonabnehmer von Gold Note mit Namen Machiavelli klingt schon auf seinen ersten Runden quite magic. Es läuft eine Schallplatte, die nahezu jeder High End-Laden kennt und sich noch heute hervorragend verkauft – lauter dänische / skandinavische Musiker in Höchstform, besser kann eine Live-Aufnahme kaum klingen, und dass der Jazz von „Live at the Pawnshop“ eher traditioneller Art ist, stört kein bisschen, denn die pure Musikalität drängt alle Genrefragen an den Rand. Ich muss gerade mal die Seite umlegen … und was hören wir: „Struttin‘ with some Barbecue“, das schon Louis Armstrong im Köcher hatte. Schon im April soll die nächste Sylter Runde stattfinden, bis dahin werden alle Lesegefährten*innen Sarah Bakewells „Das Café der Existenzialisten“ verschlungen haben, und S. will sich drei Kompositionen zueigen machen aus Roger Enos im März bei der Deutschen Grammofon Gesellschaft erscheinendem Album. Ab morgen versinke ich in den JazzFacts der kommenden Woche, aber ein paar Schallplatten habe ich schon mal zur Seite gelegt, masterpieces of jazz, after hours, die keinerlei Kommentar brauchen und Namen haben wie „Red Lanta“, „Hanamichi“, „Duke Ellington & John Coltrane“ (Olaf hat mich heut früh dran erinnert!), und „Theme of the Gaurdian“. Das Jazzhöhlenfeeling ist garantiert. Candlelight and all. Eskapismus mit Horizonten. (Und ausserhalb des Jazz, eine Schallplatte, die Thomas Köner und ich gleichermassen lieben, „Always Coming Home – Music and Poetry of the Kesh“, von Ursula K. Le Guin & Todd Barton.)

 

 

Let the snake wait under
his weed
and the writing
be of words, slow and quick, sharp
to strike, quiet to wait,
sleepless.
—through metaphor to reconcile
the people and the stones.
Compose. (No ideas
but in things) Invent!
Saxifrage is my flower that splits
the rocks.

 

2022 24 Jan

News from Steve Tibbetts

von | Kategorie: Blog | | Comments off

I’m still working on the next album. It’s a good one, so I’m taking my time. I have one year left in my studio before I get ejected, so I am in no hurry.

I’ve finally got them to agree to put out the „best-of“ acoustic and electric, and will be in the office on the 3rd to finish the graphics with Sascha.  I will be in Munich next week starting 1 Feb, then Berlin 4 or 5 Feb to the 10th.  My wife will meet me somewhere.
I am very happy you are still on the radio.  I think your voice & selections are best for the magic hours between midnight and 4AM, but we’re all getting older, and sleep can be its own reward.  (I loved working those weekend hours at Minnesota Public Radio in my 20s–radio stations are magical at that time, even though you know there are probably only 20 people listening.)

„Alle Männer beginnen eine Art Gesang: „Sada sada sada sada sada sada sada sada“. Zwei Männer setzen die Hähne ab und lassen sie laufen. Sie fliegen gegeneinander, ein Gestöber von Flügeln und Federn, übereinander, stop, senkrecht gegeneinander, ihr Nackengefieder ist aufgerichtet, sie fliegen wieder ineinander, wieder und wieder; schliesslich hat einer eine Klinge in seiner Gurgel. „Ahhhh“, rufen die Männer. Blut spritzt, Wetten gewonnen, Bhutakalas, böse Dämonen steigen aus der Erde. Der Dinosaurier, der verloren hat, wird von seinem traurigen Besitzer aufgelesen und einem alten Mann am Rande der Menge, noch lebend, überreicht. Er nimmt ein Messer und den Hahn – er legt den Hahn auf ein Stück Bambus, schneidet den Fuss mit der Klinge ab, und dann durchbohrt die Klinge, an welcher der Fuss noch hängt, das Herz des Hahns. Der Hahn gurgelt und blutet. Blut ist verspritzt worden, die Dämonen kommen heraus, aber sie werden später in der Nacht wieder verscheucht werden, wenn die Jungs ihre Töpfe schlagen.“

2022 24 Jan

„Coco“

von | Kategorie: Blog | | No Comments

„One of the great things about the Get Back documentary was, as a father of a four-year-old, I was excited that there was finally something on Disney+ for Dad to watch. One of the other things I discovered there was the movie Coco, which I was late coming to. I’ve now seen it probably 100 times with my son and I’m still not sick of it. It’s particularly in my wheelhouse because it’s about life and death and manages to connect the two in a beautiful, really moving way. I honestly think it’s one of the best movies ever made.“

(Mark Oliver Everett)

2022 23 Jan

Die Fortsetzung von Sylter Stille

von | Kategorie: Blog | | Comments off

 

 

Lieber Michael! Das war mal ein etwas anderer Vortrag, bei dem ein gutes Dutzend Bücherwürmer von der Insel zugegen waren. Und das am roten Kliff! Mir hat gut gefallen, wie du die Kindheit der Baby Boomer-Generation mit der Kindheit von Albert Camus verglichen hast. Unterschiedlicher können zwei Welten kaum sein. Die Anekdote deiner Begegnung mit „Old Shatterhand“ und Mario Adorf in einem Ferienparadies auf Mallorca, nicht schlecht, und und in solch behüteter Welt „Die Pest“ zu lesen! Wie nanntest du das: „Parallelwelten in analogen Zeiten“. Das Absurde hat viele Facetten. Camus und Sartre haben Spuren hinterlassen in unserer Generation – ich weiss gar nicht, ob die beiden, die sich nicht so grün waren, Jazzliebhaber waren. Muss mal S.  fragen. Dann wieder der Musikabend, und S. hat an dem Flügel eine gute Figur abgegeben. Zwei Stücke von Roger Eno aus seinem Album „Voices“ platzierte er am Ende, und ausser Erik Satie waren ja nur solche Komponisten dabei, die heute noch unter uns weilen, wie das Beiblatt verriet. Und die Gulaschkanone von H. war unschlagbar. Später bei unserem „Rotweingelage“ lief dann ja noch eine alte Schallplatte, die mir total gut gefallen hat, von ECM, und Steve Kuhn war der Zauberer am Flügel. Das war so ein langes wallendes Stück, ganz zauberhaft. „Ecstasy“ der Titel, vielen Dank für die Informationen dazu aus dem Manafonistas Blog. Nun geht es also nach Hause. Du hast den Rundflug und die Insel gut überstanden, ohne Prellungen und ohne Omikron. Ich hoffe, das lässt sich bald, mit neuen Themen und neuer Musik, wiederholen. In bester Stimmung alles Gute, W. H.

Michael Rothers Musik ist nie so richtig an mich rangegangen. Noch während meiner Schulzeit spielte meine damalige Freundin mir Flammende Herzen vor, ganz nett, aber irgendwie zu glatt. Das ging mir bei den folgenden Alben auch so (allein schon die Titel …) und wurde sogar eher distanzierter, bis ich Harmonia entdeckte, was Michael Rother gleich rehabilitierte. Aber selbst bei seinem letzten Soloalbum Dreaming fiel mir selbst das Einfühlen schwer. So hörte ich mehr wegen des Covers in sein neues Album zusammen mit der italienischen Elektronikmusikerin und Partnerin Vittoria Maccabruni hinein. Diesmal brauchte es nur ein paar Sekunden, um mich völlig zu packen: bereits das Intro von dem Eröffnungsstück Edgy Smiles führt direkt ins Zentrum der Magie dieser Musik. Der Beitrag Vittoria Maccabruni’s gibt den Stücken eine untergründige Rauheit, subtile Kanten und mitunter fast geisterhafte Räume, in die sich der Gitarrensound Rothers fließend einfügt und über den Kontext ganz neue Konturen annimmt. Kommt Exp 1 noch in eigenwilligem Flow herbei, verlieren sich in den weiteren Stücken bald konventionelle Songstrukturen, es treten seltsam treibende Rhythmen in Erscheinung, die noch während des gleichen Songs im Kopf ihr Eigenleben entfalten, kriechen Ghostnotes aus dem Hintergrund und bringen eine Magie des Kathartischen hervor, der in Stücken wie Forget This und Codrive Me rituelle Gegenräume entwerfen. Im finalen Happy (Slow Burner) setzen Rother und Maccabruni als veritable Krautwizards einen sehr vielschichtigen und skurrilen infiniten Punkt, der schnarrend entschwebt. As Long as the Light …

 
 

 

Deep L. bringt, wenn Sprache spielerisch wird, launige Verschiebungen ans Licht, zwischen Original und Übersetzung. Mit einem Mal liest sich die englische Vorlage so: „Chill und doch eigensinnig webt das deutsche Quintett zwischen eklektischen musikalischen Territorien, die sichere Häfen aus nebligem Bewusstsein schaffen. „Fazer“ ist ein strukturiertes Kollektiv, das Skizzen ausarbeitet, sich überschneidende Genres ausdehnt und mit vielsilbigen Kollaborationen ringt, Tempi, Leads und Stimmungen austauscht, um die Interessen weiter zu entwickeln, hell und gesprächig, sanft und meditativ.“ Und was mich überrascht, ist, wie reizvoll trickreich die CD / LP „Plex“ ist, atmend, feiner Schliff, und exaltierte Momente. Alles andere als verwegen, und doch eine permanente Spur von Abenteuer. Kommt Ihnen das spanisch vor? „Y lo que me sorprende es lo deliciosamente tramposo que es „Plex“, que respira, está finamente afinado y tiene momentos exaltados. Cualquier cosa menos audaz, y sin embargo un rastro permanente de aventura.“ Alles weitere von Niklas Wandt in den kommenden JazzFacts.

 

 

Alle paar Jahre, immer wenn Daniel Clowes ein neues Buch herausbringt, können sich Comiczeichner auf Selbstzweifel und auf die Zerlegung jeder Faser ihres Daseins gefasst machen, schreibt Chris Ware in seinem Essay Who´s afraid of Daniel Clowes. Seine Zeichnungen hätten eine Elektrizität, die er nur wenige Male in seinem Leben gespürt hatte. Like a velvet glove cast in iron erschien im Jahr 1993, ich habe das Buch jedoch jetzt erst entdeckt. Es ist die verstörendste Graphic Novel, die ich bisher angesehen und gelesen habe, sie entfaltet den ungeheuren Sog einer Alptraumlogik, einer Welt, in der Gewissheiten von Raum, Zeit und Person nicht mehr existieren. Like a velvet glove cast in iron ist eine Metapher für etwas, was nett und sanft daherkommt, dahinter aber unbarmherzig zuschlägt. In einem Downtown-Kinosaal, in dem ausschließlich schräge Typen sitzen und die Schuhe am Urin auf dem billigen Fußboden kleben, sieht Clay, ein früh gealterter Thirtysomething, in einem Film einige Szenen mit sich selbst. Durch eine Bemerkung erfährt man fast 30 Seiten später, dass die Frau, mit der er im Film agiert, eine frühere Freundin von ihm war, die ihn eines Tages verlassen hatte, ohne dass er gewusst hätte, warum. Zu behaupten, im Film ginge es um die Suche nach dieser Frau, klingt zu einfach, es dürfte jedoch der rote Faden der verworrenen Story sein, die man mindestens zwei Mal lesen und die Bilder genau betrachten muss, um wichtige Zusammenhänge zu begreifen: Symbole kehren immer wieder, vor allem die skizzenhafte Zeichnung eines Männergesichts, eine Markierung mit einer historischen Bedeutung. Oder nicht? Personen reagieren fast immer unberechenbar (das ist nicht immer negativ) und sie können unter verschiedenen Namen und in verschiedenen Altersstufen auftauchen. Auch auf Gesetze der Genetik und der Biologie ist kein Verlass. So gibt es einen Hund ohne Körperöffnungen, der nur von einer täglichen Spritze Wasser lebt; er läuft Clay einfach hinterher. Die Schnitte zwischen den Bildern, die Szenerien, vor allem aber Daniel Clowes Fähigkeit, in einem Gesichtsausdruck nicht nur eine Weltsicht und eine Individualität, sondern auch Gefühle auszudrücken und sie in dem Augenblick auf den Lesenden zu übertragen, ist überwältigend. In einem Interview aus dem Jahr 2011 fragt Kristine McKenna: You once made the comment, „Basically, I think we’re all repulsed by each other.“ Do you really feel that way? Daniel Clowes: In a certain context, yes, I do think that’s true. You don’t want to look too closely.

Trotz aller Düsternis und auch wenn Clay sicherlich nicht das Subjekt seiner eigenen Geschichte ist: Die Liebe gibt es in Like a velvet glove cast in iron dennoch; auch sie irritiert. Das :-D Magazin hat die Graphic Novel so beschrieben: It was Twin Peaks before Twin Peaks. Georg Seeßlen hat in einem grandiosen Essay, publiziert im Jahr 2004, das Kino von David Lynch in Thesen zusammengefasst und eine Bemerkung zur Einsamkeit gemacht, die auch auf Clay in Like a velvet glove cast in iron zutrifft: „In David Lynchs Filmen haben wir es mit einer neuen Form von Einsamkeit zu tun. Es ist (…) nicht die Einsamkeit des existenzialistischen Menschen, der zu einer Freiheit verurteilt ist, die er nicht hat, es ist vielmehr die Einsamkeit des Menschen, der mit den Zeichen der Welt allein gelassen ist, der die Welt unendlich lesen muss, ohne ihre Grammatik zu kennen.“ Prämissen des Alltagslebens wie die, dass man sich an die wichtigsten Personen in seinem Leben erinnert, scheinen ausgeschaltet. Zufälle oder andeutungsreiche Codes: Wieso erschrickt Clay, als er fünf weiße kleine Bälle auf seiner Bettdecke findet? What’s the frequency, Kenneth? (Rings a bell?)

 

Awareness is just an illusion,
yourself is a half split in two.
Happyness, pain and confusion,
all is one, one is one, one is two.

 


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