
Hausaufgaben müssen sein und in der Sommerzeit hat man Musse sich um bisher Versäumtes zu kümmern – weil es einen auch nicht so besonders interessiert hat, zugegeben. Folgendes wäre leichter anzusehen gewesen wenn wenigstens nebenbei ein Schiff untergehen oder der amerikanische Sezessionskrieg vorbeirauschen würde – dann wärs wärs ungleich unterhaltsamer mit den Erotikfilmen.
Fifty Shades of Grey ist psychologisch allerdings interessanter, als sein Ruf vermuten lässt – nur nicht unbedingt dort, wo der Film selbst es gern hätte. Ein prickelndes BDSM – Drama, mittlerweile in der zweiten Runde, hatte sich wohl jeder erhofft, des sich Jahre vorher schon durch die Feuchtgebiete und Schossgebete und deren Verfilmungen hindurchgegähnt und teilweise auch hindurchgeekelt hat weil die zugrundeliegende Lektüre einen oft genug daran erinnert dass Sexual – und Ausscheidungsorgane relativ nahe beieinander liegen.
Als Erotikfilm erlebe ich ihn erstaunlich unerotisch. Das BDSM ist weitgehend Hochglanz-Dekor: Verträge, Spielzimmer, Fesseln, Peitschen, luxuriöse Räume. Die eigentliche Dynamik ist eine ziemlich klassische Liebesphantasie: „Ich werde den emotional unzugänglichen Mann durch meine Liebe verwandeln.“ Christian Grey ist nicht deshalb faszinierend, weil er dominant ist, sondern weil er als beschädigt, geheimnisvoll und unerreichbar konstruiert ist. Psychologisch wird es dann hübsch: Christian versucht Nähe durch Kontrolle und Ritualisierung zu beherrschen. Sexualität darf stattfinden, aber unter genau festgelegten Bedingungen: Rollen, Regeln, Grenzen, Vertrag. Das schützt vor dem viel Unberechenbareren – Gegenseitigkeit, Abhängigkeit, Bedürftigkeit – sich körperlich zu verletzen spart einem eine andere Art von Verletzlichkeit – die von Bindung und Hingabe. Der dominante Mann ist insofern gar nicht besonders autonom; sein Kontrollbedürfnis verrät gerade, wie gefährlich ihm Bindung erscheint. Die Frau ist sein passives Opfer. Sie verhandelt, verweigert, provoziert, setzt Grenzen und besitzt dadurch innerhalb dieser asymmetrischen Inszenierung erstaunlich viel Macht. Der Witz der Geschichte besteht beinahe darin, dass der Dom ständig von der Sub erzogen wird. Problematisch finde ich weniger die Darstellung von BDSM an sich als die Vermischung verschiedener Ebenen: Konsensuelle sadomasochistische Sexualität ist das eine. Christians Kontrollieren, Nachstellen, Besitzansprüche und Grenzüberschreitungen sind etwas anderes. Der Film packt beides in dasselbe erotische Geschenkpapier bei Dingen die man getrennt halten sollte. Kulturpsychologisch ist der Erfolg fast interessanter als der Film: Eine ausgesprochen traditionelle romantische Phantasie wird mit dem Anschein sexueller Grenzüberschreitung versehen, das macht erst mal neugierig. Im Schlafzimmer Revolution, außerhalb davon Aschenputtel. Milliardär, Luxus, exklusiv erwählt werden, den schwierigen Mann retten – das ist ziemlich alter Stoff. Der Film verkauft dem Publikum eine Regression unter dem Etikett der sexuellen Befreiung. Man darf sich ausliefern, abhängig sein, beherrscht werden, der Zuschauer erwartet angesichts des ganzen Rummels dass es jetzt endlich heiß wird und bekommt stattdessen Designermöbel, bedeutungsschwere Blicke, Vertragsverhandlungen und einen Mann, der Sexualität verwaltet wie eine etwas kompliziertere Hausratversicherung. Das Gefühl von erotischer Spannung, dass die beiden jetzt kaum mehr die Finger voneinander lassen können kommt für mich viel zu selten auf. Christian Grey hat ja sogar fürs Unanständige eine Geschäftsordnung. Und Dakota Johnson finde ich dabei noch das Sinnlichste am ganzen Film – gerade weil sie gelegentlich etwas Spontanes, Verschmitztes hineinbringt. Als angekündigter Skandalfilm ein ziemlicher Etikettenschwindel. Filmfans werden mich jetzt steinigen, aber bei Titanic genügt stellenweise, dass Kate Winslet und Leonardo DiCaprio einander ansehen. Da ist Begehren schon vorhanden, bevor überhaupt etwas passiert. Diese Mischung aus Neugier, Verlegenheit, sozialem Verbot und dem Gefühl dass hier zwei zueinander wollen und nichts sie dran hindern kann erlebt man bei Greys nicht. Und ausgerechnet der berühmte Handabdruck an der beschlagenen Autoscheibe ist sinnlicher als das halbe Inventar von Christian Greys Spielzimmer. Das zeigt auch, dass erotische Spannung nicht davon abhängt, wie viel Haut oder sexuelle Handlung ein Film zeigt, sie entsteht aus Antizipation. Cameron baut dauernd Hindernisse ein: Standesunterschied, Verlobter, gesellschaftliche Kontrolle, räumliche Trennung – und dadurch wird jede Annäherung aufgeladen.
Jamie Dornan ist für mich eine Fehlbesetzung: Maßanzug, Hubschrauber, Milliarden, Folterkämmerchen, trainierter Körper – und darüber dieses glatte, fast brave Bubengesicht. Man wartet förmlich darauf, dass seine Mutter hereinkommt und sagt: „Christian, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ Und damit fällt ein wesentlicher Teil der erotischen Phantasie auseinander. Für diese Figur bräuchte es meines Erachtens mehr Ambivalenz im Gesicht: Charme plus etwas Bedrohliches, Zerquältes. Eigentlich sieht er aus wie der ältere Bruder von Elijah Wood – Frodo, wenn ihn Gollum mal wieder geärgert hat.

Gerade wurde er auch für die Rolle von König Aragorn im Herr -der – Ringe – Sequel gecastet und die Helden aus dem Tolkienschen Oeuvre sind dafür bekannt vor Erotik nicht gerade zu explodieren – eine lebenslange Schwäche des bewährten Schriftstellers. Macht er sicher gut.
Dakota Johnson dagegen hat tatsächlich mehr erotische Uneindeutigkeit: dieses Wechseln zwischen scheu, neugierig, spöttisch und eigensinnig. Eigentlich ist sie der interessantere Grey.
Fifty Shades macht somit fast das Gegenteil: Es stellt von Anfang an ein riesiges Schild auf: ACHTUNG, HIER KOMMT EROTIK! – und dann kommt das Werk des Innenarchitekten.



























































