Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Im vergangenen Jahr fand das Album Vortex von Sonar mit David Torn in den Jahresbestenlisten recht viel Resonanz und war sicherlich eines der bemerkenswertesten Alben von 2018 was die Konzeption, aber auch die Vitalität anging. 2019 haben nun zwei konzeptionell unterschiedliche, aber musikalisch höchst interessante Folgealben das Licht der Welt erblickt. Das Erste, Fractal Guitar vom Sonar-Kopf Stephan Thelen, der hier einige Side-Projekte mit Markus Reuter, David Torn und Henry Kaiser in bemerkenswert differenzierter und komplexer Weise umsetzt. Thelen schreibt in den Liner-Notes:

 

After a few years of playing without effects apart from reverb in Sonar, I felt the urge to compose and record some pieces in which effects were an integral part of the music. I especially wanted to use an effect I worked with before Sonar, which I call “Fractal Guitar” — a rhythmic delay with a very high feedback level that creates cascading delay patterns in odd time signatures such as 3/8, 5/8 or 7/8.

 

Daraus ergeben sich hochkomplexe Patterns, die von seinen Mitspielern – dabei auch Manuel Pasquinelli von Sonar – in fünf kongenialen Stücken treibend, tanzend und eine sogartige Tiefe entwickelnd entwickelt werden und selbst nach mehrmaligem Hören noch neue verschachtelte Räume und Klangnuancen offenbaren.

 
 
 


 
 
 

Im Gegensatz zu Vortex, bei dem die Beiträge David Torn’s eher spontan enstanden sind, wurden die aktuellen Stücke des Sonar-Albums speziell für Torn komponiert, wobei eigentlich mehr die Pattern und Strukturen entwickelt wurden um den Raum für eine improvisatorische Erkundung der minimalistischen, repititiven und rhythmisch komplexen Muster zu schaffen. Diese wurden dann in einer fünftägigen Marathonsession eingespielt, wobei so viel Energie und Material freigesetzt wurde, dass Sonar entschied, daraus zwie Veröffentlichungen zu machen, von denen Tranceportation Volume 1 mit vier Stücken jetzt erschienen ist. Dadurch, dass die Musik sich hier ganz sensibel und iterativ im intensiven aufeinander Hören entwickeln konnte sind die Stücke tranceartiger (was der Name bereits andeutet), ruhiger und hypnotischer. Stephan Thelen vergleicht die zugrunde liegenden Ideen gerne mit den Bildern M.C. Escher’s, die durch Wiederholungen und Verzerrungen, ungewöhnliche Kachelungen und Farbnuancen komplexe Vexierbilder ergaben, die oft erst ihre Substanz nach längerem Hinschauen offenbaren. Tranceportation ist wahrlich das akustische Pendant zu Escher’s Mosaiken in denen die tritonal gestimmten Gitarren und Bässe einen verschroben-versetzten Klangteppich erzeugen über dem Torn’s Gitarre ätherisch-zehrend schwebt und den Hörer erst in das lange und vielschichtige Labyrinth lockt, um ihm dann in der Falle akustischer Doppeldeutigkeiten zu partitionieren (Partitions), ihm eine scheinbare Pause in Red Sky (vielleicht eine kleine Anspielung auf Torn’s letztes Soloalbum Only Sky) gönnt und ihn dann im finalen Tunnel Drive in eine faszinierende Tiefe zu ziehen, bei der sich der Ausgang aus dieser Klangreise möglicherweise erst im kommenden Frühjahr, wo dann der zweite Teil der Sessions erscheinen soll, offenbaren könnte. Bis dahin könnte es passieren, dass der eine oder andere Hörer mit Tranceportation im Kreis herumdriftet, ohne diesen als solchen zu erkennen. Geht bei Escher-Bildern ja auch …

 

Ein Leser hat vor kurzem die vollkommene Leere der rechts oben platzierten Rubriken beklagt. Als bald darauf unter den „Albums of December“ Jacky Terrasson versteckt lag, wurde dies nicht goutiert.

Hier ist mein Geständnis:

 

Terrasson 53 ist von mir. Es war eine kleine Übung in Sachen „Album of December“. Die Rubrik oben rechts hatte ich immer links liegen lassen.

Die Frage „Konnte das nur M.E.?“ hat meinen Ehrgeiz angestachelt, Alter forscht …

Ich lösch das sofort wieder. Es handelt sich aber um ein schönes Album.

 

Ja, es ist ein schönes Album, und nicht nur eines für December. Vermutlich ist Jacky Terrasson den Autorinnen und treuen Lesern des Manafonistas-Blogs gar nicht bekannt, denn er tritt selten in Deutschland auf, ist obendrein kein ECM-Artist und nimmt vorwiegend bei BLUE NOTE auf, wo dieser sog. Art-Blakey-Bullshit zu Hause ist.

Aber langsam! Es gibt auch Gemeinsamkeiten beider Labels. Dieses Jahr sind sie Jubilare. BLUE NOTE ist 80, ECM 50 Jahre alt geworden. Die ihnen verbundenen Artisten gehören zur Crème de la Crème der improvisierten Musik, und nur bei wenigen anderen Labels dürften Toningenieure derart legendären Ruhm erworben haben wie Rudy van Gelder (BLUE NOTE) und Jan Erik Kongshaug (ECM).

 

 

 

 

Jacky Terrasson wurde 1965 als Sohn einer Afro-Amerikanerin und eines Franzosen in Berlin geboren und wuchs in Paris auf. Noch während seiner Schulzeit studiert er Klassische Klaviermusik, wendet sich aber bald dem Jazz zu. 1986 verlässt er Paris, um am Berklee College of Music zu studieren.

Ich habe ihn zum ersten Mal in einer TV-Aufzeichnung des Ron-Carter-Trios bei der Jazzwoche Burghausen 2006 gesehen. Dieser Auftritt enthielt eine beeindruckende Version von My Funny Valentine.

Terrasson ist ein technisch brillanter Pianist. Das kann Bewunderung auslösen, aber Faszination stellt sich erst dann ein, wenn Originalität und Einfallsreichtum im Überfluss sprudeln. Darauf kann ich mich bei Jacky verlassen. Deswegen befinden sich mehrere seiner Alben in meiner Sammlung. In gewisser Weise folgte er den Spuren Keith Jarretts, nicht stilistisch, sondern auf den Pfaden der Standards, unter denen sich ja auch harmlose, geradezu banale Früchtchen befinden. Wenn ich höre, wie er zusammen mit Cassandra Wilson Tea For Two in einen raffinierten Mantel kleidet, dann allerdings leuchten meine Ohren.

Das Album 53 enthält Eigenkompositionen, bis auf eine Ausnahme: eine melancholische Ballade von Mozart. Auf seiner Homepage schreibt Terrasson über das neue Album.

 

Why 53? – Simply because I conceived of and recorded this music during my 53rd year and on this occasion I wanted to make a record that really reflected me. At the age of 53, a man begins to feel he has reached a form of maturity, is at his peak, and so can look at life with a certain distance and see things more clearly. With this record I wanted to give everything of myself, to take risks, while assuming my career, my artistic choices, my life … and my age!

 

In diesen musikalischen Spiegelbildern verbergen sich auch Reverenzen vor Künstlern, die ihm viel bedeuten. Diese sind nicht leicht zu erkennen. Soweit es mir gelungen ist, habe ich es hier angedeutet.

 

FULL LIVE

Carla Bley Trio
16. Mai – München, Unterfahrt

Habib Koité
23. Oktober – Helmbrechts, Kulturwelten

Nik Bärtsch’s RONIN
22. November – Jena, Kulturbahnhof

Shai Maestro Trio
30. November – Nürnberg, Kulturwerkstatt auf AEG

 

HALF LIVE

Klavierabend Daniil Trifonov – Beethoven, Schumann, Prokofiev
21. Februar – Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker

Peter Tschaikowsky, Sinfonie No. 5 in e-Moll
9. März – Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker
Berliner Philharmoniker, Dirigent Kirill Petrenko

 

RONIN RHYTHM RECORDS

Nach dem Konzert von RONIN in Jena besuchte ich im virtuellen Raum Nik Bärtsch’s Welt und machte erstaunliche Entdeckungen

IKARUS – Chronosome
Ronin Rhythm Records – RON 016

Ingrid Lukas – We Need to Repeat
Ronin Rhythm Records – RON 008

Sha’s Banryu – Chessboxing Volume One
Ronin Rhythm Records – RON 007

 

CRAZY

zeitkratzer Performs Songs from the Albums „Kraftwerk“ and „Kraftwerk 2“
zeitkratzer Records – zkr0021

zeitkratzer – Neue Volksmusik
zeitkratzer Records – zkr0014

 

 

Wilco: Ode to Joy

Neil Young: Colorado

Robert Forster: Crazy Jane on the day of judgement

Lucinda Williams: East side of town

Souad Massi: Ghir Enta

Loredana Bertè: Cosa ti aspetti di me

Sophie Hunger: Spaghetti mit Spinat

Ludwig Hirsch: Komm grosser schwarzer Vogel

Hannes Wader: Am Fluss

P.J. Harvey: Kamikaze

k.d. lang: Wash me clean

Annie Lennox: Why

Captain Beerheart: Sheriff of Hong Kong

Schostakowitsch: Cello2 op.126

Pavarotti, Brian Eno, Bono: Miss Sarajewo

 

2019 4 Dez

Bestenliste 2019

von | Kategorie: Blog | | No Comments

 

 
 

Albums of this Year

5 Michael Formanek – Time Like This
1 Kris Davis – Diatom Ribbons
3 Michele Rabbia – Lost River
6 Joshua Redman Quartet – Come What May
4 David Torn – Sun of Goldfinger
2 Julian Lage – Love Hurts
7 Aldous Harding – Designer

 

Some other Albums 

Todd Neufeld – „Mu’u“ (2017)
Flux Project: Pyr|n (2014)
Kris Davis – „Aeriol Piano“ (2009)
Tyshawn Sorey – „Koan“ (2009)

 

Video of the Year

Aldous Harding – „The Barrel“

 

Vielleicht wächst man in eine solche Lebenshaltung hinein. Als ich aufs Gymnasium kam, waren in meiner Klasse 39 Schülerinnen und Schüler. Es hätte nur einer gefehlt, um eine weitere Klasse zu bilden, aber sie hatten vor auszusieben. Damit nicht einige Schüler ein ganzes Jahr in die letzten Reihen verdammt waren, führte die Klassenlehrerin ein routierendes System ein. Jeden Montag wechselten wir die Plätze, immer eine Reihe weiter nach hinten, und wenn wir in der letzten Reihe angekommen waren, mussten (oder durften) wir in der kommenden Woche in der ersten Reihe sitzen. Wir behielten das jahrelang bei. Irgendwann fiel mir auf, dass die Schrift der Lehrer vorn auf der Tafel immer verschwommener wurde, je weiter hinten ich saß. Ich versuchte es, logisch zu erklären, aber Beate, meine Banknachbarin schien keine Probleme damit zu haben. Besonders dramatisch: die Folien mit ihrer winzigen Schrift, die der Erdkundelehrer so gern auf den Overheadprojektor legte. Ich hielt lange durch, gewöhnte mich an eine gewisse Unschärfe, die die Welt für mich weicher werden ließ. Es lag immer etwas dazwischen. Ich fühle mich gleichzeitig unsicher und geschützt. Mein Vater sagte, wenn du achtzehn bist, bekommst du Kontaktlinsen. Als ich meine erste Brille aufsetzte, war ich schockiert von der Brutalität der Schärfe: die Brillengestelle im Optikerladen, der Blick in den Spiegel. Draußen die Straße mit ihren Schildern, weit weg, und dennoch: spontan lesbare Schrift. Alles war gleichzeitig da. Mir wurde so schwindlig, dass ich mich setzen musste.

Zwei Takte rhythmisches Saxophonspiel.

Die ganze Aufregung liegt leider in der Unschärfe. Im flüchtigen Wahrnehmen und im blinden Rausch liegt das ganze Glück.

Das erste Bild: ein misslungenes Foto. Da ist eine Wiese, am Horizont eine Reihe von Bäumen. Darüber eine Schicht von Farblosigkeit und Grau. Im Vordergrund ist nichts erkennbar, weil alles weiß und überbelichtet ist. Es sind erst zwanzig Sekunden, und schon weiß ich, dass ich den Film mögen werde. Die Sätze, die Sprache, die Stimme. Die Bilderwelt, die sich entzieht. Weil die Welt damit angefangen hat, sich zu entziehen. We should synchronize.

Eine junge Frau mit dunklem Haar ist hier unterwegs. Ist egal, ob es ein kleiner verlassener Flugplatz ist oder was anderes. Alles ist in ihren Gedanken, auch wenn es den Mann wirklich geben wird, den sie an einem Tag im Februar getroffen hat. Ein Magier, der immer verschwindet. Auch wenn es die Zeichnungen aus Kohlestift gibt. Portraits, die sich verwandeln. Das Gespräch mit einer Freundin, und das Mädchen, das ihre Hand erst hält und später einfach davonrennt.

 

Gudrun Krebitz: Achill (2012). Länge: 8:53, verfügbar bis 20.12.2019 unter diesem Link.

2019 2 Dez

Favoriten 2019

von | Kategorie: Blog | | No Comments

 

Stephan Eicher — Homeless Songs

Leonard Cohen — Thanks For The Dance

David Knopfler — Heartlands

AncolagE — Desolation

Semyon Bychkov / Czech Philharmonic — The Tchaikovsky Project

Joe Henry — The Gospel According To Water

Max Richter / Lorne Balfe / Nils Frahm — Ad Astra

Rabih Abou-Khalil — The Flood And The Fate Of The Fish

Les Penning & Robert Reed — Return To Penhros

Hawkwind — All Aboard The Skylark

Jan Garbarek & The Hilliard Ensemble — Remember Me, My Dear

 

2019 2 Dez

Meine Platten 2019

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

 

Meine Top 10:

 

1. Terry Riley: Sun Rings (Kronos Quartet)

2. Gong: The Universe Also Collapses

3. David Byrne: American Utopia on Broadway

4. Laurie Anderson, Tenzin Choegyal & Jesse Paris Smith: Songs from the Bardo

5. Creedence Clearwater Revival: Live at Woodstock

6. Kit Downes: Dreamlife of Debris

7. Willie Nelson: Ride Me Back Home

8. Leonard Cohen: Thanks for the Dance

9. Various: Kankyō Ongaku — Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980-1990

10. Joe Lovano: Trio Tapestry

 

Sun Rings gehört für mich zum Besten, was Terry Riley bis jetzt komponiert hat, und bessere Interpreten als das Kronos Quartet konnte man dafür nicht finden.

Willie Nelson gehört schon allein wegen dieses Songs in die Liste, den ich manchen Leuten gern dreimal am Tag vorspielen möchte, wenn es denn helfen würde. Und Leonard Cohen hatte ich zunächst glatt vergessen. Wie konnte ich nur.

 

In der engeren Auswahl waren außerdem:

 

Areni Agbabian: Bloom
Nick Cave & The Bad Seeds: Ghosteen
Fennesz: Agora
John Fogerty: 50 Year Trip Live At Red Rock (2-CD-Version)
Matmos: Plastic Anniversary
Múm & Kronos Quartet: Smell Memory (Split single)
Lee „Scratch“ Perry: Rainford
Pet Shop Boys: Agenda (EP)
Pet Shop Boys: Inner Sanctum
Bruce Springsteen: Western Stars

 

Keine Chance hatten:

 

Lana Del Rey: Norman Fucking Rockwell
Jeff Lynne’s ELO: From Out Of Nowhere
Madonna: Madame X

 

Reissues:

 

Beatles: Abbey Road (Super DeLuxe Edition)
Brian Eno, Daniel Lanois, Roger Eno: Apollo (Ext. Version)
Gong: Love from Planet Gong — The Virgin Years 1973-1975 (12 CD + DVD)
Tangerine Dream: In Search Of Hades — The Virgin Recordings 1973-1979 (16 CD, 2 BD)
Eberhard Weber: The Following Morning

 

Ob man wirklich die ganze Gong-Box benötigt, möge dahinstehen. Die Remasters, in einigen Fällen auch Neuabmischungen, sind erstklassig; die Flying-Teapot-Trilogie habe ich noch nie so gut gehört (definitiv besser als die Versionen des Charly-Labels), desgleichen das Shamal-Album. Dazu gibt es Live-Aufnahmen und ein sehr schönes Buch. Es gibt aber die Trilogie auch als Einzel-CDs (Flying Teapot, Angel’s Egg und You), ergänzt jeweils um eine Live-CD. Schade nur, dass die ersten Alben (Magick Brother, Mystic Sister, das seinerzeit nicht mal auf Tape aufgenommen wurde, sondern in einer Garage auf einer Tonfilmpiste, und Camembert electrique) nicht enthalten sind, aber sie entstanden vor dem Virgin-Vertrag.

Die Tangerine-Dream-Box enthält einige Highlights, aber auch einige Aufnahmen, die meines Erachtens in der Schublade gut aufgehoben waren, zumal die Auswahl einige Fragezeichen aufwirft — wo sind Exit, Hyperborea, Logos, White Eagle? Außerdem gab es Mitte der 1990er Jahre bereits eine remasterte “definitive edition” — ist die Industrie inzwischen schon so verzweifelt, dass sie anfangen muss, die Remasters zu remastern?

Das Apollo-Reissue lohnt sich vor allem wegen der neuproduzierten zweiten CD, die mir fast besser gefällt als die erste.

 

Rediscovered:

 

 

Willy DeVille: The Willy DeVille Acoustic Trio in Berlin (2002)
Stephan Eicher: Hotels (2001)
Pat Metheny Group: Travels (1982)
Lalo Schifrin: Mission Impossible … And More! (The Best, 1962-1972)
David Van Tieghem: These Things Happen (1984)

 

 

 

 

Das Leben: Gebrauchsanweisung“

 

„Ein Buch, das man jedes Jahr mindestens einmal lesen sollte.“ Harry Rowohlt hat das über ein Buch gesagt, das bei mir schon jahrelang darauf wartet, gelesen zu werden. Es handelt sich um ein höchst seltsames Werk, das schon von der äußeren Erscheinung Respekt einflößt. Geliefert wird das Ganze in einem Karton, dort finden sich neben dem eigentlichen 850 Seiten starken Buch, ein Beiheft mit Marginalien und ein Tütchen mit einem Puzzle. Der Verlag „Zweitausendeins“ brachte das Werk in deutscher Sprache im Jahre 1982 als erster heraus, der Titel: “Das Leben: Gebrauchsanweisung“, die französische Originalausgabe “La Vie mode d´emploi“ erschien 1978, der Autor war Georges Perec. Der Schweizer Diaphanes-Verlag, Zürich, gab das Buch (und überhaupt das ganze Werk des Autors) 2017 neu heraus, sodass man “Das Leben: Gebrauchsanweisung“ jetzt für bezahlbare 25,00 Euro kaufen kann, während die Bücher früherer Zweitausendeins-Auflagen, die mit Beiheft und Puzzle geliefert wurden, kaum unter 100,00 Euro zu haben sind.

Georges Perec, geboren 1936 in Paris, wuchs als Sohn polnischer Juden in Frankreich auf, musste die deutsche Besetzung Frankreichs miterleben. 1940 starb sein Vater, der als Freiwilliger in der französischen Armee gedient hatte, seine Mutter wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt und dort vergast. Ein letztes Mal noch sah Georges Perec seine Mutter am Bahnhof Gare de Lyon, dann musste er als kleines Kind von sieben Jahren von seiner Mutter Abschied nehmen, das Trauma seines Lebens.

Das Kindheitstrauma (der Vater stirbt, die Mutter verschwindet) versuchte er mit Hilfe von Psychoanalysen zu überwinden, aber eben auch durch das Schreiben von Romanen. Wenn Perec, man nennt ihn zurecht gerne den französischen James Joyce, etwa einen Roman schreibt, in dem der Buchstabe “e“ komplett fehlt, dann ist das eben keine bloße Spielerei, sondern verweist auf das “Verschwinden“ als Lebensthema. Überhaupt muss man wissen, dass Perec sich der “Oulipo“ der „l’ouvroir de littérature potentielle“, (Werkstatt für potenzielle Literatur) verbunden fühlte. Autoren dieser Vereinigung gaben sich Regeln auf, nach denen sie schreiben wollten, man verzichtete auf Buchstaben, schrieb auf Grund mathematischer Vorgaben usw. …

“Das Leben: Gebrauchsanweisung“ stellt in dieser, aber auch anderer Hinsicht ein Meisterwerk dar. Perec nimmt von einem Pariser Mehrfamilienhaus die Fassade weg und schaut nun, wie in eine Puppenstube in die verschiedenen Räume des Hauses, von den einzelnen Wohnräumen, Schlaf- und Badezimmern, Fluren, Treppenhäusern, bis hinunter in den Heizungsraum, den Kellerräumen, dann wiederum über den Fahrstuhlschacht bis hinauf in die Dienstmädchenzimmer. Die Beschreibung der einzelnen Räume und deren Gestände, sowie deren Geschichten erfolgt nun höchst regelgeleitet. In 99 Kapiteln werden mindestens 107 Geschichten erzählt, zu Ende erzählte, unvollendete, wahre und erfundene Geschichten, spannende, informative und einfach nur interessante Erzählungen, die manchmal etwas miteinander zu tun haben, meist aber nicht, 1467 Personen kommen in den “Romanen“ (so der Autor) vor.

Aber nun springt der Perec nicht einfach von Raum zu Raum, nein, auch hier folgt er einer Regel: „ Er hat sich das Ganze aufgerastert auf ein zehn mal zehn Felder großes Schachbrett und setzt einen Springer darauf. Und dieser Springer muss auf seinem Parcours jedes Feld einmal – und nur einmal – besetzt haben. Das ist ein mathematisches Problem, das man lösen kann, und das ist jetzt die Regel für die Kapitelfolge in dem Werk.“ (Jürgen Ritte)

Erzählt wird, wie im wahren Leben, von Handwerkern, Arbeitern, Rechtsanwälten, Ärzten, Mördern, Erpressern, Spekulanten und vielen mehr. Im Mittelpunkt steht allerdings doch eine einzige Person, ein Millionär, seine Name Bartlebooth. Wer erinnert sich nun nicht an Melvilles „Bartleby“, dem bei einem Notar beschäftigten Kopisten, der früher einmal in einem Büro der Post gearbeitet hatte, in dem er mit unzustellbaren Briefen beschäftigt war, und nun mit den Worten „I would prefer not to“ mehr und mehr aus der Welt verschwindet und schlussendlich stirbt.

Unser ziemlich seltsame, sehr reiche Bartlebooth nun, hatte die Idee, sich zunächst einmal im Malen von Aquarellen ausbilden zu lassen, um dann eine Weltreise zu unternehmen und 500 Häfen zu besuchen und zu malen. Diese 500 Aquarelle schickte er an Gaspard Winckler, der die Bilder auf Holzplatten aufzuziehen und Puzzles daraus zu fertigen hatte. Auch er wohnte, wie Bartlebooth, in unserem Haus.

 

„Die Kunst des Puzzles beginnt mit den von Hand ausgeschnittenen Holzpuzzles, wenn der, der sie fertigt, sich alle Fragen zu stellen sucht, die der Spieler lösen muß. … Jede Gebärde, die der Puzzlespieler macht, hat der Puzzlehersteller vor ihm bereits gemacht; … jedes Tasten, jede Intuition, jede Hoffnung, jede Entmutigung, sind von dem andern ergründet, auskalkuliert, beschlossen worden.“ (Das Leben: Gebrauchsanweisung S. 15 und Kap 44, S 316f).

 

Von den Weltreisen heimgekehrt, wollte Bartlebooth diese Puzzle-Teile wieder zusammensetzen. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Für alle, die jetzt eher davor zaudern, das Buch zu lesen, sei noch einmal Jürgen Ritte, Professor an der Sorbonne und Perec-Experte, zitiert: „ … man (kann) das Buch mit einem unglaublichen Spaß lesen, mit einer unglaublichen Freude, mit einem Lustgewinn an den ganzen Geschichten, die er da zusammenerfindet und uns erzählt, ohne dass man diese Regeln kennt. Das sind Regeln, die ihm, dem Autor, helfen, etwas zustande zu bringen. Man kann sich daran erfreuen, dass man sie erkennt, dass man sie identifiziert, aber es funktioniert auch sehr, sehr gut, wenn man diese Sachen gar nicht weiß.“ Zum Schluss eine Kostprobe aus dem Roman:

 

Manchmal stelle er sich vor, das Haus sei so etwas wie ein Eisberg, dessen Stockwerke und Dachgeschosse den sichtbaren Teil gebildet hätten. Jenseits der ersten Ebene der Keller hätten die unter Wasser liegenden Massen begonnen: Treppen mit schallenden Stufen, die sich um sich selbst drehend nach unten führen würden, lange gekachelte Korridore mit von Metallgittern geschützten Kugelleuchten und mit Totenköpfen und gemalten Inschriften gekennzeichnete Eisentüren, Lastenaufzüge mit vernieteten Wänden, mit riesigen, unbeweglichen Propellern ausgestattete Lüftungsschächte, Feuerwehrschläuche aus metallüberzogenem Tuch, dick wie Baumstämme, auf gelbe Schieber von einem Meter Durchmesser gerichtet, zylindrische Schächte, direkt in den Felsen gebohrt, betonierte Stollen, stellenweise von Luken aus Milchglas durchbrochen, Verschläge, Bunker, Kasematten, mit Panzertüren versehene Tresorräume. Weiter unten gäbe es so etwas wie das Keuchen der Maschinen und für Augenblicke mit rötlichen Lichtern ausgestrahlte Vorräte. Enge Verschläge gingen auf riesige Säle, auf unterirdische Hallen hoch wie Kathedralen, mit Gewölben über und über von Ketten, Rollen, Kabeln, Röhren, Kanalisationsleitungen, kleinen Eisenträgern bedeckt ….“ (Vierundsiebzigstes Kapitel: Maschinenraum des Aufzugs 2 , Seite 563)

 

Natürlich spielt auch Musik in diesem Buch eine gewisse Rolle, genannt werden die Komponisten Paul Dukas (1865-1935), französische Komponist; Johann Sigismund (Kusser oder Cousser), deutscher Komponist, ungarischer Abstammung (1626-1695); Franz Liszt (1811-1886) und Frédéric Chopin ( 1810-1849). Zuweilen werden auch besondere Stücke genannt: W.A. Mozart: „Türkischer Marsch“, „Smanie implacabili che m´agitate“ (aus Cosi Fan Tutte); Claude Debussy: „Children’s Corner“, Gerry Mulligan: „Far East Suite“; Hans Neusiedler: „Tänze“.

Übrigens, ein paar Tage vor seinem 46. Geburtstag starb Georges Perec am 3. März 1982 an Krebs.


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