Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 
 

L’amour inonde toutes choses

 

Hildegard von Bingen (1098-1179) ist mir als Benediktinerin, als Schriftstellerin („Der Mensch in der Verantwortung“), als Botanikerin, Heilmedizinerin und Theologin bekannt. Die Musikerin entdeckte ich erst jetzt auf einem Kulturfest in Brüssel. Dort wurden in einer Kirchenruine mehrere Stücke aus ihrer umfangreichen Musiksammlung Symphonia Harmoniæ Cælestium Revelationum uraufgeführt.

Wir betraten den halbdunklen Raum, der mit Liegesitzen, gruppiert um eine altarartige Insel, ausgestattet war. Das Konzert sollte drei Stunden dauern, Kamera verbot sich von selbst. In einer Ecke waren zwei Personen schemenhaft wahrzunehmen, leicht erhellt durch ein Instrument, das „strahlte“. Die beiden Künstler bewegten sich anmutig auf die Brücke zu, beide nur mit einem grauglitzernden Lendenschurz bekleidet. Beide die Haare zu einem dramatischen Dutt hochgesteckt. Die weißen Büste der Musikerin lehnten an der Bandura. Jungfräuliche Renaissance Malereien kamen mir in den Sinn. Ich habe noch nie eine Bandura gesehen,  angeblich ein ukrainisches  Instrument, verwandt mit  Harfe und Laute. Die Spielerin zupfte sehr zart, leise Klänge schufen sogleich eine mystische Atmosphäre. Der Sänger ließ sich langsam zu ihren Füßen nieder und begann mit sonorigen, gebetsartigen Gesängen. Die hellen Töne der Bandura untermalten  die dunklen Klagelieder. In reinster Einfachheit saßen die beiden auf der Brücke, sangen, spielten und schmusten. Manchmal erhob sich der tanzbegabte Sänger und schien durch den Raum zu schweben. Das in Stille verharrende Publikum rutschte tiefer („meditatiefer“!) in die Liegesessel, manche waren bereits nach Minuten weggetreten oder eingeschlafen. Ich blieb wach, durchschritt angenehme, weil harmonische Sphären, betrat mystische Wege von kleinen Traumwelten. Das sparsam eingesetzte Lichtspiel liess einmal die Decke des Kirchenschiffs rot erleuchten: Morgenrot, Abendrot, Sommer, Winter, nur eine Ahnung der weltlichen Schatten. Was für eine tranceartige Zuhör-Erfahrung!

Es lohnt sich über die beiden französischen Künstler nachzulesen. Marie-Pierre Brébant und François Chaignaud haben in den Kompositionen von Hildegard von Bingen geforscht und ihr kryptisches Notenwerk übertragen.

Alle sieben Konzerte sind ausverkauft. Kein Wunder der 2012 heiliggesprochenen Hildegard von Bingen.

2019 20 Mai

Lyrik und Film

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Ein kleiner später Kommentar an Martina und das Poetry Zebra, denen ich erst nicht recht geglaubt habe, dass es Verfilmungen von Gedichten gibt. Es gibt sogar ein Festival in Münster und Berlin mit einem umfangreichen und spannenden Programm. Heute morgen meldete sich ein anonymer Rezensent mit diesem passenden Halbsatz zu Jim Jarmuschs Film über den dichtenden Linienbusfahrer PATERSON: „Jarmusch … gelingt ein buchstäbliches Gedicht von einem Film.“ Es geht also in beide Richtungen: Verfilmung und Verdichtung.

 

Zum Foto: Diana Taylor, Damals an einem heißen, sonnigen Tag im Jahr 1965 in Whitley Bay (Programmheft 2016)

 

2019 19 Mai

Hello, it´s me

von | Kategorie: Blog | | 8 Comments

 

 
 
 

Sometimes it takes a week to come up with the idea of making a simple phone call. In the room with the record player are four boys. On the other side of the line are four girls in trouble. (Originally they were five sisters, between 13 and 17 years old.) They are no longer allowed to listen to music. And that’s just one thing they’re not allowed to do. Their parents won´t even let them leave the house. What is the title of the film? Who is the filmmaker? The question for extra points: Did music save them?

 

2019 18 Mai

Just opened

von | Kategorie: Blog | | No Comments

 

 
 
 

Kim Gordon: „Lo-Fi Glamour“ @ The Andy Warhol Museum, Pittsburgh

(here joining the press with The Warhol’s Ben Harrison and Jessica Beck)

 

Links am Flügel nimmt Carla Bley Platz, in der Mitte sieht man Steve Swallow in seiner typischen Haltung leicht vorgebeugt Carlas intrikate Partituren lesend, rechts bläst Andy Sheppard mal Tenor, dann wieder Sopran. Das ist kein Trio. Das ist Dreieinigkeit.

 
 

 
 

Die Unterfahrt ist noch fast leer, es sind noch 90 Minuten bis zu den ersten Tönen, aber es wird schließlich sehr, sehr eng im Club, der Andrang ist gewaltig, unter den Zuhörern entdecke ich Manfred Eicher.

Pünktlich um 21 Uhr wird die Band vorgestellt, man werde Stücke ihres letzten Albums Andando el Tiempo hören. Altersgemäß vorsichtig betreten Carla und Steve nach Andy die Bühne. Steve Swallow begrüßt die Zuhörer und korrigiert die Ansage. Man werde fast nur neue Stücke hören, die Carla in den vergangenen Jahren geschrieben habe, Stücke, die auf dem nächsten Album bei ECM erscheinen werden. Wunderbar. Aber eine Studioaufnahme wird die Magie dieses Abends nicht erreichen.

Die beiden letzten Stücke waren gute Bekannte, nämlich Three Banana aus dem fabelhaften Album The Lost Chords Find Paolo Fresu – ein Stück für Beatles Kenner – und Carlas meisterhafte Paraphrase von Monks Misterioso. Als ich mein Abendessen und den Rotwein beglichen hatte, war der Saal fast so leer wie am Anfang. Steve kam noch einmal auf die Bühne, um seinen Bass und diverse Notenblätter einzusammeln. Ich bedankte mich für den tief bewegenden Abend und Steve meinte, es sei für das erste der Tournee ein ganz gutes Konzert gewesen.

 
 

 
 

16. Mai – München, Unterfahrt
17. Mai – Zürich, Moods
20. Mai – Wien, Porgy & Bess
24. Mai – Köln, Stadtgarten
16. Okt.- Utrecht, Tivoli Vredenburg

 

 


 
 

 
 
 

 
 

 

Musik Produktion Schwarzwald (Teil 4)

 

Übrigens arbeiteten nicht nur SABA / MPS und J.E. Berendt eng zusammen, sondern auch MPS und Achim Hebgen (geb. 1943 in Berlin, 2012 in Freiburg gestorben). Berendt und Hebgen waren damals gemeinsam in der SWF-Jazzredaktion (heute SWR) tätig, machten sich um die Musiktage von Donaueschingen verdient und produzierten eben auch Schallplatten. Während des Berlin Jazz Festivals im November 1971 nahmen die beiden zum Beispiel Don „Sugar Cane“ Harris ‎auf: die unfassbar gute Platte mit dem Titel Sugar Cane’s Got The Blues. Mit dabei Volker Kriegel, Robert Wyatt, Neville Whitehead und Terje Rypdal (siehe auch Plattenschrank 156 und 185). Gemeinsam produzierten Hebgen und Berendt auch Schallplatten für Association P.C. – etwa die Platte Rock Around The Cock, ein Album aus dem Jahre 1973, mit Toto Blanke, Sigi Busch, Pierre Courbois, Joachim Kühn und Karl-Heinz Wiberny. Aufgenommen wurde diese MPS-Platte – Überraschung! – von Conny Plank (er ist auch bei mehreren anderen MPS-Produktionen als Tonmeister mit dabei).

Aus der Fülle wunderbarer Platten aus dem Hause SABA/MPS möchte ich an dieser Stelle noch fünf weitere herausragende Produktionen nennen:

 
 

 
 

Tony Scott and Indonesian All Stars: Djanger Bali (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) – Leider wird die Platte sehr teuer gehandelt, sie ist kaum unter 150,00 Euro zu haben, immerhin kann man sich das eine oder andere Stück auf youtube anhören.

Dewan Motihar Trio, Irene Schweizer Trio, Manfred Schoof, Barney Wilen: Jazz Meets India (SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt /H.G.Brunner-Schwer) – Als LP ist die Scheibe ziemlich teuer, aber als CD wurde sie 2012 wieder veröffentlicht und ist zum Normalpreis käuflich zu erwerben.

Hampton Hawes: Hamp’s Piano (mit Eberhard Weber und Claus Weiss – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt) 2011 wurde diese wunderbare Platte wieder veröffentlicht.

Baden Powell: Poema On Guitar (mit Eberhard Weber und Charlie Antolini – SABA-Tonstudio 1967, J.E.Berendt / Willi Fruth) Wer diese großartige Platte sucht, wird sie unter dem Titel “Tristeza – Poema – Canto – Images On Guitar – The Legendary MPS Records“ finden. 2008 veröffentlichte MPS-Records (Universal Music) eine Doppel-CD mit ebendiesen vier Baden-Powell-Platten (Original Recording Remastered).

 
 

 
 

Albert Mangelsdorf and Friends – Don Cherry, Karl Berger, Wolfgang Dauner, Lee Konitz, Attila Zoller (SABA-Tonstudio 1969, J.E.Berendt). Die Schallplatte wurde 1990 wieder veröffentlicht und ist zu einem vernünftigen Preis zu haben.

 
 

Am 13.4.19 gab Jan Reetze in einem Kommentar zu meinen Text „Musik Produktion Schwarzwald (Teil 3)“ drei weitere Plattentipps, die ich hier, damit sie nicht übersehen werden, weitergeben möchte (ich gebe es zu, ich habe diese Platten inzwischen gekauft).

Jan schrieb: „Vielleicht noch der Hinweis auf drei sehr schön kompilierte Sampler: 1999 bzw. 2000 sind veröffentlicht worden zwei CDs namens Before and Beyond the Black Forest, eine andere erschien ebenfalls 1999 mit dem Titel Supercool. Bei allen drei besteht die akute Gefahr, dass man sich sofort die Originalalben zulegen möchte“.

Von 15. bis 19. Mai finden die diesjährigen Heidelberger Literaturtage statt. Am Freitag, den 17. Mai, um 16.15 Uhr, werden Geraldine Gutiérrez-Wienken und ich im Spiegelzelt auf dem Universitätsplatz unsere Übersetzungsarbeit präsentieren. Im Zentrum steht dabei der zweisprachige Gedichtband Wörterbücher / Diccionarios mit Gedichten von Trinidad Gan, die für die Veranstaltung aus Granada anreist. Ich bin sehr gespannt darauf, ihre Stimme zu hören und wie sie liest. Wie kann es gelingen, in einer Übersetzung neue Denk- und Ausdrucksweisen in die Zielsprache zu integrieren? Und woher kommt die Vorliebe für die Farbe Grün in der spanischen Lyrik? Trinidad Gan hat in ihrem Gedicht „El Viaje“ (Unterwegs sein) mit verschiedensten Nuancen von Grüntönen gearbeitet, aber worum geht es unter der Sprachoberfläche? # 18 der österreichischen Ausgabe der Triëdere (Zeitschrift für Theorie, Literatur und Kunst) hat das Thema (Gedichte) übersetzen. Ich hatte Geraldine vorgeschlagen, einen gemeinsamen Beitrag zu schreiben. Lass uns einfach jede ein paar Statements zum Übersetzen machen und wir stellen uns vor, wir sind zwei Schauspielerinnen auf einer kargen Bühne und jede erzählt ein Stück ihrer Geschichte. Betreten wir den Theatersaal. „Ein Gedicht ist für mich dann gelungen, wenn es nicht nach einer Übersetzung klingt. Im Idealfall ist die Übersetzung ein Text, den ich selbst gern geschrieben hätte.“ „Durch das Übersetzen bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass ich mich immer selbst übersetzt habe, seit meinem ersten Murmeln in meinem eigenen Sprachuniversum.“

2019 15 Mai

From a session in march

von | Kategorie: Blog | | 7 Comments

 

a u d i o

 

Karsten – soprano saxophone

Jochen – electric guitar, looping

 

 

Der Landrat hatte es sich nicht nehmen lassen, die Rede selbst zu halten, obwohl er doch kein Freund oder gar Kenner des Theaters war. Erfreut entnahm er den Begrüßungsworten des Bürgermeisters, dass natürlich auch für das leibliche Wohl gesorgt sei. Die Handvoll zu integrierender behinderter Laienschauspieler machten sich im Wahljahr gut und bildeten am Buffett keine Gefahr, wenn er gleich zu Beginn des Applauses dorthin eilte. In diese existenziellen Gedanken war er versunken, als er gerade noch rechtzeitig seine Ankündigung bemerkte. Von den einleitenden Worten des Theaterpädagogen hatte er nicht viel mitbekommen, aber er konnte – in zahlreichen Debatten geschult – improvisieren. Den Titel des Stückes hatte er ganz vergessen, und er versäumte es auch noch, das Stichwort „Gesamtkunstwerk“ zu benutzen, aber der Begriff „Käse“ eignete sich gleichwohl für einen Einstieg in die Materie, zumal ihm aus dem Unbewussten weitere rettende Worte entgegenkamen: „Bembel“ und „Handkäs mit Musik“. Hier wird die Anekdote zu einem „moment musical“ und der Abend zu einem gelungenen: „Ich wünsche allen Anwesenden einen schönen Abend mit dem Theaterstück DER HANDKÄS-KASCHPER!“

 

(Nach einer wahren Begebenheit, erlebt und festgehalten von Prof.music.)

 


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