Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

Step away from the football and tune in to a live stream of tonight’s Wilco show at Brooklyn Steel. The band will hit the stage at 8:30p ET. Watch free!

The Ode to Joy tour is not to be missed. But we realize the band might not be headed to your city (yet). So sit back, relax and sing-along.

 

v i d e o

 

Keine Einträge gefunden. Ein leeres Blatt hier auf diesem Blog? Ich mag es kaum glauben, dass scheinbar über all die Jahre sich noch keiner dem französischen Trompeter Erik Truffaz gewidmet hat. Seit Bending the Corners Ende des letzten Jahrtausends erschien und eine ganz eigene Welt erschuf in der sich Wah-wah-E-Pianos, französische Rapper und neue Strukturen, getragen von einem Trompetensound, der mal schwebte und sich mal durch vertrackte Rhythmen mäanderte, hat Truffaz etliche, teilweise auch weit genreübergreifende Alben vorgelegt. Dabei die musikalisch sehr spannenden kulturübergreifenden Experimente von Rendez-Vouz, u.a. Mit Sly Johnson, Murcof und indischen Musikern oder das fast ambienthafte Being Human Being mit Enki Bilal (dessen Comics und Filme einen doppelbödigen, morbiden Charme und eine ganz eigene Bildersprache haben). Dazwischen gab es aber immer wieder Alben mit seiner Band, in der ihn der Keyboarder Benoît Corboz und der Bassist Marcello Giuliani schon sehr lange begleiten. Auch war er neben Nils Petter Molvaer einer der ersten Jazzmusiker, die vor fast 20 Jahren ein ganzes Album als höchst hörenswerten Remix bearbeiten ließ: Erik Truffaz Revisité. Eine Empfehlung!

Ein leeres Blatt liegt auch bei Beginn der Aufnahmen zu seinem aktuellen Album Lune Rouge auf dem Tisch. Nur die Idee die bisherige Klangsprache weiterzuentwickeln, wozu der zuletzt hinzugestoßene Drummer Arthur Hnatzek gebeten wurde die perkussiven Grundstrukturen für die gemeinsamen Sessions vorzubereiten. Dies hat er sehr minimalistisch und treibend getan, was selbst bei dem stets für Neues offenen Erik Truffaz angesichts des konsequenten Reduktionismus anfangs etwas irritiert haben muss. So begannen die Sessions der miteinander inzwischen sehr vertrauten Musiker und danach wurde geschnipselt und geschnitten. Teo Macero lässt grüßen. So gehen Sessionelemente und Komponiertes oft nahtlos ineinander über. Das Album beginnt mit Tanit, einer kurzen rhythmischen Überraschung, treibt weiter durch Cycle By Cycle. Jedes Stück mit sehr eigener, fast tranceartiger Atmosphäre und auch in sich sehr abwechslungsreich. Five to the Floor stellt das elegante Jazzpendant zum technotragischen, unendlich ausgelutschten Four-to-the-Floor dar, ET Two eine sehr gelungene Improvisation und Tiger in the Train ein massiv treibendes Stück, wo die Vitalität des Tigers im Rhythmus des Eisenbahnschienenholperns direkt unter die Haut geht. Danach folgt das Titelstück, das auch zugleich das längste des Albums ist, ein echter Höhepunkt in seiner sensiblen Differenziertheit, Vertracktheit und innovativen Schönheit. Mit Algol und Alhena folgen zwei perkussive Skizzen, die die arabischen Namen zweier Sterne tragen und durch teils gepresste, teils schwerelose Passagen der Trompete getragen werden. Nostalghia reizt dann die etwas gefälligere Seite aus, ohne sich dabei zu arg in Klischees zu verlieren, was aber leider zwei weitere Stücke mit Gesang etwas zu zwanglos tun und so auf dem sonst beeindruckend frischen Album wie sentimentale Fremdkörper wirken. Gerne mischt Truffaz mal zwei Gesangsstücke auf seinen Alben unter den Rest, was aber vor etwa 10 Jahren mit der großartigen Sophie Hunger zum letzten mal wirklich gut gegangen ist. Zum Ausklang gibt es das schwerelos impressionistische und zeitlose Houlgate, das in einer sanftestmöglichen Landung endet. Ich sitze auf meiner Urlaubsterrasse und schaue auf das Meer, in dem der fast volle Mond sich spiegelt und imaginiere den für den Blutmond erforderlichen Erdhalbschatten hinzu. Der Atem der sehr alten Trompete Truffaz‘ schwingt weiter und mischt sich mit dem Pfeifen des Abendwindes und dem Zirpen der Grillen. Noch mal von vorne …

 
 

 

Ein Neurowissenschaftler sagte mal, kurz nach der Pubertät sei der Mensch im Wesentlichen festgelegt. Dieses vor Jahren wahrgenommene Statement kam vor ein paar Tagen in Erinnerung, zum einen aufgrund der Neuausgabe des legendären Albums Abbey Road, zum anderen weil mich die Betrachtung von gemachten Fotos an einen Künstler erinnerten, der mich in jungen Jahren auf geradezu ekstatische Weise beeindruckte und beeinflusste. Könnte man Ekstase und Verzauberung messen, das „Twin Peaks Level“ wäre wohl noch um einige Dezibel überschritten gewesen. Es war genau in jener Umbruchzeit, der Stimmbruch schon vollzogen, als ein Jemand nassforsch-fordernd fragte, was denn meine Vorbilder seien. Beinahe respektlos und ohne zu zögern schoss es heraus: „Max Ernst und die Beatles!“ Jahre später nochmals diesselbe Frage, diesmal war die Antwort, ebenso spontan wie selbstgewiss: „Die Sonne!“ Rückblickend kann ich heute sagen: alle drei Prägungen hatten mein Leben lang Bestand. Was auch immer gewisse Glaubensbrüder und -schwestern unter „Gott“ verstehen (ein für mich relativ uninteressanter Begriff): die Sonne stand zu allen Zeiten höher – nicht nur im Hochsommer zur Mittagszeit. Aufgrund eines Verkehrsunfalls lag ich zwei Monate im Krankenhaus, elfjährig und schwer verliebt in eine Krankenschwester. Ein Event tröstete mich am Tag der Entlassung über den Abschied hinweg: Abbey Road erschien. Noch am Plattenladen vorbei, bislang besaß ich ja nur Singles („Crimson and Clover“, „Hey Jude“, The Troggs, The Rattles). Zuhause gleich aufgelegt (der Dual Plattenspieler wurde über Diodenstecker an das Nordmende Bajazzo Transistorradio angeschlossen). Ein neues Ich begann, tiefgreifende Identifikation: man hörte das Album nicht, man war es selbst. Ähnlich ging es mit Max Ernst, dessen Einfluss sogar die Aufnahme in die Kunsthochschule zu verdanken war. Bei ihm kamen verschiedene Momente ins Spiel: das poetische Moment, in altmeisterlicher Technik vorgetragen; die Schockeffekte von Dada und Surrealismus; und die Hinwendung zu Traumwelt und Psychoanalyse (hier besonders die Collagen). „Ein Meister kaum spürbarer Verrückungen“, so wurde er genannt, der gleichzeitig urdeutsch und völlig undeutsch war. Wie gesagt, als ich im Sommer diese Fotos machte, dachte ich, der Ernst steckt irgendwie noch drin, mit all seiner Heiterkeit.

 
 


 
 

 

ON THE MORNING OF AUGUST 8, 1969, THE FOUR Beatles spent 10 minutes walking in both directions across the zebra crossing on Abbey Road. Just enough time for photographer Iain Macmillan to take six shots of the group, three one way, and three the other. After the final frame, they headed directly whence they had come: Studio 2 at EMI Studios, to try to finish a song they had started almost six months earlier by recording 35 takes in one 10-hour overnight session at Trident. I Want You (She’s So Heavy) was the first song The Beatles began on their Abbey Road quest, and upon final completion on August 20 it would be the last song that George Harrison, John Lennon, Paul McCartney and Ringo Starr ever recorded together. Clearly, something in the way it moved would not let them be.

The Beatles kept coming back to I Want You (She’s So Heavy) in spite of the turbulence that whirled among and around them during this period. And it definitely was all four Beatles (plus keyboardist Billy Preston) who found the song compelling, albeit for different reasons. John Lennon, its author, was driven by his sexual fixation on Yoko Ono – whom he married shortly before recording began and had bedded down in EMI Studio 2; this was him letting it all hang out. Key aspects of Lennon’s performance, notably his mantric guitar riff and the way his vocals surge from falsetto pleas to animal moans, prefigure his primal therapy of a year later, mapping his violent emotional outbursts.

While not personally invested to the same visceral degree, the others were clearly fascinated by what John had delivered them. Starr got to swing jazzily in the verses and bludgeon the “she’s so heavy” section on its upward spiral towards oblivion. Harrison brought the noise, in the unwieldy futuristic shape of his newly purchased Moog synthesizer, which bedrocks the song’s simulation of the mania in Lennon’s head (or his desire to have the song obliterated by noise). McCartney was so enthused that he breaks out his most outlandish bass runs, surpassing even his performance on Come Together. Such was the mutually combative work ethic that drove the pair to the highest highs right to the end.

The end of I Want You (She’s So Heavy) was a moot point. The taped performance would have run out at 8:04, where the original edited take ended, without conclusion. So producer George Martin and engineer Geoff Emerick had anticipated a fade. Lennon’s decision to literally cut the tape at 7:37 has a lasting shock value apt for a song which represents The Beatles at their most literal yet also opaque.

Its weight is a given: that repetitive arpeggiated riff, that Lennon and Harrison devoted so much time to maxing out, would be echoed two decades later in the D-tuned component of grunge. At their emotionally wracked 1995 Reading Festival appearance, Soundgarden encored with a version that lasted 10 minutes. Yet for the real heavy heavy sound, The Beatles’ original belongs to infinity.

 

(written by Keith Cameron)

 
 

 
 

Ich war natürlich, so unfassbar jung, keinesfalls zu alt für diesen Scheiss, aber ich hatte die Schallplatte weder als Teenager noch später in meinem Besitz. Von Anfang kannte ich natürlich das Cover, und wer lange genug sucht, kann bei youtube das Filmchen finden, in dem ich auf jenem Zebrastreifen einen dreifachen Handstandüberschlag mache (an die Beatles erinnert da nur, neben dem Ort, dass ich den berühmtesten Fussgängerüberweg Europas, wie einst Paul, nacktfüssig überquerte). Dass ich die Scheibe nie besass, lässt sich einfach erklären. Nachdem ich Monate lang  mit Sgt. Pepper auf dem Plattenteller verbracht hatte, fand ich irgendwann zu dem „blauen“ und „roten“ Album – grossartige Zusammenstellungen unendlicher Beatles-Hits. Irgendwie reichte mir das, und das reicht ja auch, wenn man blutjung vom ersten Kuss zehrt (das schönste Mädchen von La-Tour-de-Peilz, der Name des Städtchens klingt heute noch nach), und von den Beatles in einer Achterbahnfahrt durch ganze Welten geschleust wird, mit kosmischen Love Songs, der Ur-Suppe der Rockmusik, und Ahnungen einer unbekannten Zukunft. Es dauert halt manchmal, bis man zu magischen Trüffeln und russischen Artischocken kommt. Ich bin kein Frauenversteher, aber ich verstehe Menschen, die Brahms hören, und biete ihnen professionelle Hilfe an. Ich verstehe auch Menschen, die zu den Spätgeborenen zählen (wie Uli oder Martina), und die Beatles als etwas wahrnehmen, dass besonders die Älteren in Verzückung versetzt. Wie soll man auch zu einer Musik finden, deren Zugänge weitestgehend versperrt sind von Rührseligkeit – und dem nie verrauchten Zorn nörgelndet Ex-Hippies, die heute noch, vollgedröhnt oder subdepressiv, Yoko Ono für das Ende der Beatles und ihrer eigenen Jugend verantwortlich machen!?  Tatsächlich habe ich „Abbey Road“ zum allerersten Mal vollständig gehört, von vorne bis hinten, rauf und runter, als mir vor Wochen die von Brian Whistler so wunderbar beschriebene „anniversary edition“ vom Postboten ins Haus geliefert wurde. Ich bin diesem Album nun so verfallen wie einst „Sgt. Pepper“, und später, ein Wintersemester lang, einer Doppel-Kassette des „Weissen Albums“. Womit ich nur sagen möchte, dass es nie zu spät ist, sich in den Sog dieses letzten Werkes der Beatles zu begeben: man kann von diesem Album ohne Rührseligkeit, ohne pädagogische Klimmzüge, wie von einem Hammer auf die Zwölf, umgehauen werden. Einfach so. Mit Nachbeben und allem Drum und Dran. Wenn es nicht dummerweise einfach plötzlich aufhört, sehr geehrte Damen und Herren (lassen wir das mit dem Bardo mal erkenntnistheoretisch offen, liebe Laurie!), kann sich das Leben zu jeder Zeit auf seltsamste Weise verwandeln, über Nacht, zwischen den Tagen, inmitten des herrlichsten Gedröhne und Gestöhne von „I Want You (She‘s So Heavy)“. 

In meinem Reisetagebuch findet sich der Eintrag vom 8.9.1970: wir reisen nach Jugoslawien ein. Wir nehmen den Bus von Triest nach Kozina, weiter nach Rijeka, mit einem anderen Bus bis Kraljevica. Wir schlafen in einer Pension „Frano“ am Strand.

Die Schönheit von Jugoslawien ist in dem Buch „Brücke über die Drina“ beschrieben. Ivo Andriç (1892-1975) hat dafür den Literaturnobelpreis bekommen. Lange vor Peter Handke. Die Brücke ist die beste Metapher für ein Land, das einmal als Vermittler in der Weltpolitik eine unvergleichlich wichtige Rolle spielte, als es ihm der Größe nach gebührte. Für uns war Jugoslawien ein fremdes Übergangsland zwischen zwei Welten, Ost und West, Christ und Moslem. Wir waren über die Sprachenvielfalt überrascht und fasziniert von der spektakulären Naturlandschaft.

 
 


 
 

Es war Ivo Andrić’s Verdienst, Serben, Kroaten und Slowenen zumindest sprachlich unter einen Verbund zu bringen. Wir Leser erfuhren aus seinen Büchern die ersten Details noch vor dem Balkankrieg. Peter Handke bangte zurecht um den Fortgang der Geschichte von Europa. „Indem man Jugoslawien zerstört  hat, hat man das wirkliche Europa zerstört.“ Peter Handke wollte Vorort sein, er wollte dabei sein, schauen, empfinden und fragen. Und vor allem begreifen. Und dann in Sprache umsetzen.“Nichts näher dem Göttlichen als die Sprache – die Möglichkeiten der Sprache.“

 

„Und Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.“

(Peter Handke: Don Juan – erzählt von ihm selbst)

 

 
 

In dem wunderbaren Buch erzählt er von 7 Begegnungen mit Frauen, die verlassen werden und zwar auf so meisterliche, sanfte Art und Weise, wie das Leonhard Cohen tat. Handke lässt die Frauen in geografische Räume treten und hält sie dort in der Zeit fest – ganz der Nietzsche-Kenner – er bittet sie, den erfüllten Augenblick festzuhalten. Vermögen die Liebenden, die Liebedienerinnen ihren Don Juan zu erkennen? Seine Verführung? Was sind das für Frauen? Verführen nicht eher sie? Handke beschreibt die erste Frau unglaublich sinnlich. Es ist eine Rockerbraut in Lederklamotten mit nichts „drunter“. Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine. So oder so, das kann Handke also auch. Ein weiterer Versuch. Die Versuche sind symptomatisch für sein Oevre. Er schaut, er empfindet, er fragt, er begreift … Auf einer Hochzeit im Kaukasus erzählt er, wie die Braut mit ihm flirtet.“ Jetzt gab es nichts mehr als die fremde Frau … Da saß keine Braut mehr, sondern nur noch die Frau … unbeschreiblich schön … Er erzählte weiter, dass er, in der Tür stehen geblieben,  sie so nah und so gross sah wie durch ein Telescop insbesondere so ausschließlich. Don Juan war kein Verführer. Er hatte noch nie eine Frau verführt. Zwar waren ihm welche begegnet, die ihm das nachgesagt hatten. Aber diese Frauen hatten entweder gelogen, oder sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, und hatten eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.  Und umgekehrt war Don Juan auch noch kein mal von einer Frau verführt worden. Es war vielleicht vor gekommen, dass er solch einer Möchtegern-Verführerin ihren Willen, oder was es eben war, liess, doch im Handumdrehen wurde ihr dann klargemacht, dass es jetzt um keine Verführung mehr ging und dass er, der Mann, weder den Verführer verkörperte noch auch das Gegenteil. Er hatte eine Macht …“ (DON JUAN S.73) Eine geniale Vorlage für Pavarotti und die me too ladies …

Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis, er hat ihn verdient. Ich wünsche ihm noch viele Leser. Und für seine genauen Skizzen noch viele kontemplative Betrachter.

2019 11 Okt

… und 2019

von | Kategorie: Blog | | 4 Comments

In einem meiner ersten Kommentare hier auf dem Blog (ich war noch kein „offizieller“ Manafonista) ging es auch um Herbert Vesely‘s Film „Der kurze Brief zum langen Abschied“ nach dem gleichnamigen Text und Drehbuch von Peter Handke. Damals deshalb, weil in diesem durchaus typisch deutschen Roadmovie die Musik Brian Enos zu der wunderbar surrealen Atmosphäre wesentlich beitrug und die Unbestimmtheit vieler Szenen auf ein neues Niveau hob. Leider ist dieser Film aus dem öffentlichen Repertoire völlig verschwunden.

Vor etwas über 40 Jahren wurden die Texte Peter Handkes durch den großen Bruder einer Grundschulklassenkameradin in unsere Familie gebracht. Genauer besuchte er öfters meine Mutter und führte lange Gespräche mit ihr, was insofern ungewöhnlich war, dass sie sonst eine eher zurückhaltende und kontaktvermeidende Person war. Eines Tages brachte er, der übriges heute eine exzellente Bassgitarrenmanufaktur führt, „Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ zu uns mit. Ein Büchlein mit Texten, die ich als damals Spätpubertierender verschlang und nach mehr verlangte.

So saß ich etwa ein Jahr später in der Oberstufe im Unterricht und las von den ewigen Redundanzen gelangweilt, Handke‘s „Kaspar“. Stille und unauffällig. Was meine Lehrerin nicht davon abhielt mich zur Ordnung zu rufen und mich scharf fragte, was ich denn da unter dem Tisch täte. „Lesen“ antwortete ich lakonisch und verkniff mir den Kommentar zum Stimulationsniveau ihres Unterrichts. „So, was denn? Dann lesen sie doch mal vor!“ legte sie nach. Doch der Moment ihrer vermeintlichen Überlegenheit weilte nur kurz, als ich ruhig begann einfach genau die Textstelle, an der ich mich gerade befand, vorzulesen. Wer mit dem Text vertraut ist, weiß, dass es sich fast nur um Ausführungen zum pädagogischen Frontalversagen handelt, klar im Inhalt und klar in den theaterreifen Aussagen. Desto weiter ich las, desto amüsierte zeigte sich der Kurs und desto stiller und verlegener wurde meine Lehrerin. Es war genau das letzte mal, dass ich beim Lesen in ihrem Unterricht gestört wurde.

Später trug ich lange Zeit meist eines seiner Journale, beginnend mit dem „Gewicht der Welt“ mit mir herum, weil sich diese kurzen, oft sehr präzisen Beobachtungen, die gerade die kleinen, leicht zu übersehenden Dinge fokussierten, hervorragend eigneten in den kleinen Momenten zwischendurch gelesen zu werden. Manchmal weckten sie mich auch einfach auf und zogen mich in eine Beobachterposition hinein, in der ich zum stillen Betrachter der Dinge werden konnte, die sonst nur zu schnell übersehen werden. Und genau diese feine Spur ist es, die ich an Peter Handke‘s Texten mag, so strittig sie vielleicht in anderer Hinsicht auch sein mögen und die nicht zuletzt auch zu etwas Doppelbödigem, wie dem „Versuch über den stillen Ort“ geführt haben.

 
 

 

 

Zwei besondere Alben in nur einem Jahr, das eine extrem surreal, wie ein Soundtrack zu einer ganz anderen Art von „X-Files“, das andere  ganz und gar irdisch, zornig, dunkel, zärtlich. Offenbar sind „Big Thief“ am Verwegenen interessiert. Fast jedes Lied (schreibt Sam Sodorsky in „Pitchfork“, und ich übersetze ein paar Sätze von ihm wie ein Simultanübersetzer, dem auch mal was entgeht) fliesst über mit Tränen und Blut. Es gibt nur wenige Overdubs auf „Two Hands“, und manchmal hört man einzelne Mitglieder des Quartetts, wie sie einander Instruktionen geben, als wären sie gerade im Probenraum. So lassen Big Thief ein sehr spezielles Rockalbum entstehen, einem Versuch gleich, die unvollkommene rohe Essenz einer Band einzufangen, zu zeigen, was passiert, wenn man einfach bis vier zählt und loslegt. Dieser Zugang ist bestens bekannt, um einen starken, zugleich ausgefransten Zusammenhalt zu betonen, einige von Neil Youngs Platten aus den Siebzigern könnten einem da einfallen. Je stärker sich Big Thief auf einen besonderen Sound fokussieren, desto magischer klingen sie. Ich habe (und ich bin jetzt nicht mehr als Simultanübersetzer aktiv) diese amerikanische Gruppe erst in diesem Jahr entdeckt, keine Frage, absolute Klasse.

 

 

 
 
 

Ein Dorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Im Sommer tummeln sich hier wohlhabende Warschauer. In den Wintermonaten fliehen die meisten Einwohner das windumtoste Hochplateau im Glatzer Kessel. Die alleinstehende Englischlehrerin Janina Deszeijko widmet sich in den langen dunklen Tagen ihren astrologischen Studien und der Übersetzung von Gedichten des verehrten Willam Blake. Man hält die alte Dame für verschroben, wenn nicht gar für verrückt, auch weil sie die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vorzieht. Dann gibt es einen Toten. Janinas ungeliebter Nachbar Big Foot ist grausam erstickt, in seiner Kehle steckt der Knochen eines Tiers. Und es bleibt nicht bei dieser einen Leiche. Janina hat einen starken Verdacht und ermittelt auf eigene Faust. Aber ist sie wirklich auf der richtigen Spur?

Komödie, Fabel, Thriller, politischer Essay, literarisches Spiel – dieser Roman passt in keine Schublade. Auf ebenso komische, wie erschütternde Weise zeigt Tokarczuk gemeinsam mit ihrer hinreißend-schrulligen Heldin, wie sehr es unserer Gesellschaft an Empathie und Respekt mangelt, ob unsere Mitmenschen oder der Natur gegenüber, und erzählt zugleich eine rasante Kriminalgeschichte reich an skurrilem Witz.

 

Summer in the City, Frankfurt. Mal wieder in der schönsten Konzertlokalität der Stadt im Pavillion im Palmengarten. Mitten im Grünen an einem herrlichen, warmen Sommerabend schließt die Konzertreihe, die über den Sommer verteilt für fast jeden Geschmack etwas zu bieten hatte, Ende August mit den Grandbrothers aus Düsseldorf. Ein Konzertflügel mit allerlei Aufbauten und Kabeln und ein Tisch daneben. Sieht nicht aus wie der Aufbau für eine Band. Ist es aber, denn was Erol Sarp (r) und Lukas Vogel (l) aus dieser Konstruktion herausholen werden, ist weit mehr als der Sound einer Band.

 
 

 
 

Kennengelernt habe die beiden sich bei der Aufnahmeprüfung zum Musikstudium und nachdem sie diese Hürde bewältigt hatten kamen sie bald auf die Idee ihre gemeinsamen Vorstellungen musikalisch umzusetzen. Aber zwischen der Geburt der Idee und einer gelingenden Umsetzung verstrich noch etwas Zeit, denn der Plan war, ein Klavier auf besondere Weise zu präparieren. So dass man einerseits weiter darauf normal spielen konnte und dann aber auch so, dass unzählige kleine elektrisch angesteuerte Hämmerchen den perkussiven Raum eines Flügels neu erschlossen. Dann werden die Sounds mit vielen Mikrofonen aufgenommen und im Computer weiterverarbeitet, teils als Live-Sampling, teils nur Klangausschnitte, Hallfahnen oder Klicks.

„Unser Konzept ist, dass alle Klänge des Konzerts nur aus dem Flügel kommen“ erläutert Lukas zwischen den ersten Stücken einer steigenden Verwunderung des Publikums vorbeugend. Es klickt und klackt im Flügelinnenraum: auf die Schrauben, an die Holzteile, auf die Saiten und was da noch angesteuert werden kann. Daraus entsteht schnell ein Groove, der mächtig vorantreibt. Erol sitzt auf der Tastenseite und spielt gegen seine eigenen Klangfiguren an und auf der anderen Seite am Tisch steuert Lukas die Steuereinheit Für die vielen Hämmerchen, Mikrophone und die Computer. Präparierte Klaviere faszinieren mich, wie ja schon öfters angedeutet, schon seit Jahren, aber das hier hat eine andere Dimension. Das ergibt eine völlig neue Art aktiv im Innenraum des Konzertflügels zu improvisieren und auch das Resultat ist entschieden näher an aktuellen Hörgewohnheiten dran.

Noch sitzen die Zuhörer im Halbrund um den Pavillion, verwundert, fasziniert, abwartend und neugierig. Aber bereits nach wenigen Stücken beginnt bei Arctica – wie im echten Leben – das Eis zu schmelzen und die ersten wagen es, sich dem Rhythmus anzuvertrauen. Schnell ist der Raum vor der Bühne gefüllt und es wird getanzt, was hervorragend zu dieser kreativen Melange zwischen klassischen Reminiszenzen und trancigen Grooves geht. Und das geht lange. Neben den alten, bereits veröffentlichten Stücken spielen Erol und Lukas auch immer wieder Neue, die neben der perkussiven Auslotung des Flügels nun auch eine selbstentwickelte Technik zur Schwingungsinduktion der Saiten (ähnlich einem E-Bow bei der Gitarre) nutzende Stücke, die dadurch tragender, reicher Und experimenteller werden. Als Zugabe gibt es Bloodflow (hier der Link zu dem Video dazu) und noch ein neues Stück. Eine fantastische Klangerfahrung, die an Ideenreichtum und Orginalität die Grenzen des klaviermöglichen ordentlich erweitert haben. Von den grandiosen Grandbrothers werden wir hoffentlich bald noch viel mehr hören können …

 
 

 


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