
Pleasure ( S, 2021 ) von Ninja Thyberg
Wer sich nicht für Hardcore – Pornos und SM interessiert oder sie sogar gruselig findet sollte diesen Film eher meiden, desgleichen Leute die sich davon Stimulation erhoffen und alle mit eher schwachem Magen. Die Regisseurin Ninja Thyberg gibt einen Einblick in die professionelle Pornoproduktion und erspart einem dabei schlechthin nichts. Dabei wirkt der Film fast dokumentarisch, obwohl er hochgradig inszeniert ist. Manche Kritiker nannten ihn den „unsexiest sexfilm ever“.
Eine 19jährige Schwedin, Linnéa, reist nach LA mit dem Plan “ der grösste Pornostar “ zu werden, erweist sich beim Casting als durchaus talentiert, taucht in die Welt der industriell gefertigten Lust ein und lernt rasch deren Gesetze kennen. Im Bereich der gängigen Heteroturnübungen klappt das noch ganz gut, beim Wechsel ins BDSM – Fach, wo mehr Prominenz und bessere Honorare zu erwarten sind wird es schwieriger – sie wird geschlagen, gefesselt, bespuckt, beschimpft, safewords müssen gelernt werden und die freundlichen Kollegenjungs verwandeln sich in gewalttätige Monster und nach dem Dreh wieder vice versa, wobei sie zuletzt doch feindselig werden wenn der vielkohleversprechende Dreh nicht beendet werden kann – der Cortex mag dergleichen zu bewältigen, wie die Psyche mit diesen abrupten Wechseln zurecht kommt steht auf einem anderen Blatt.


Linnéa, die sich nun Bella Cherry nennt flüchtet zunächst tränenüberströmt aus dem Studio und möchte nach Hause zu ihrer Mutter, die sie in einem Berufspraktikum wähnt und ihr zuredet weiterzumachen; wir sehen das verlorene Kind hinter der scharfen Pornoqueen. Ein Schlag in den Magen… Doch der Karrierewunsch sistiert, sie macht weiter..Bondage, Fetisch…die psychischen Deformationen werden deutlicher, gipfeln am Ende in einem Gewaltrausch in dem sie eine missliebige Kollegin mit einem umgeschnallten Riesendildo penetriert und dabei zunehmend brutaler und sadistischer agiert, zunehmend mit den Männern identifiziert die an ihr zum Täter geworden sind – eine Furie, eine rächende Medea.
Auch ein bekanntes Klischee wird zitiert – ihr Agent fragt sie wie sie zu diesem Berufswunsch gekommen ist und Linnéa berichtet ihr Vater habe sie sexuell missbraucht – beide sehen sich an und prusten los. Der war gut! Der Film verweigert hier klinische Erklärungslogiken, genau das macht ihn klug. Man hat genug damit zu tun das Gesehene zu verarbeiten und die Sprache dieses Genres zu erlernen. Die kühl beobachtende Kamera verzichtet auf den male gaze und bleibt am Gesicht von Linnèa vor allem in den Zuständen von Leiden und Schmerz, aber auch Aggression; voyeuristischer Genuss entsteht beim Zuschauer zu keiner Zeit.
Eigentlich ist Linnéa eine klassische amerikanische Aufstiegsfigur: kleine Provinzherkunft, Ankunft in L.A., Hunger nach Erfolg, Konkurrenzkampf, Verrat, Selbstüberbietung. Nur dass der „Karriereweg“ hier durch die Pornobranche läuft. Dadurch wird plötzlich sichtbar, wie ähnlich diese Mechanismen anderen Leistungswelten sind – Social Media, Influencerökonomie, Schauspielbusiness, Selbstverleugnung und brachialer Ellbogengebrauch. Der Unterschied ist nur: Hier schreibt sich die Gewalt des Business direkt in den Körper ein – deutlich in den Szenen in denen sie sich nach der Dusche Analplugs verschiedener Grösse einsetzt um für den Doubleanal – Dreh gerüstet zu sein. Arbeitsgeräte…
Spannung und Tiefe des Films aber kommen zustande durch den Soundtrack, sakrale Gesänge, Engelschöre von tiefer Melancholie, es muss etwas betrauert werden – ein Requiem für…ja, was? Ein junges Mädchen am Anfang ihres Frauenlebens? Lustvolle Sexualität ohne Frauenhass? Die Seele in Pleasure wird nicht plötzlich zerstört, sondern langsam verdampft — im Licht der Studios, im Wettbewerb, in der dauernden Selbstinszenierung. Ein stilles Begräbnis ohne Grab. Genau das macht den Film so unheimlich. Dieser fast schwebende Soundtrack wirkt wie eine permanente Klage auf etwas, das gerade verschwindet — vielleicht Intimität selbst, vielleicht Scham, vielleicht die Idee einer „Seele“ hinter dem Körper. Die Musik widerspricht dabei völlig der Oberfläche des Pornobusiness. Man würde dort harte Beats, aggressive Clubmusik oder ironische Coolness erwarten. Stattdessen klingt Pleasure stellenweise wie eine Totenmesse. Als würde der Film heimlich um seine Figuren trauern, obwohl er ihnen keine explizite psychologische Tiefe gönnt. Dadurch entsteht eine eigentümliche Doppelbewegung: die Bilder zeigen Markt, Technik, Konkurrenz, Körpermanagement, die Musik aber klingt nach Verlust, Klage, metaphysischer Leere. Fast so, als würde unter dem grellen Neon von L.A. ständig ein unsichtbarer Chor singen, der Chor des griechischen Dramas der den Untergang der Figuren begleitet. Die Musik übernimmt somit die Funktion des Unbewussten des Films. Sie ist wie die verdrängte Trauer, die in der Branche selbst keinen Platz mehr hat, denn die Figuren dürfen ja kaum verletzlich sein. Alles ist Selbstoptimierung, content, hustle, performance. Der sakrale Klangraum öffnet plötzlich eine Dimension, die die Figuren selber gar nicht mehr wahrnehmen können oder auch noch nie wahrgenommen haben. Deshalb wirkt Linnéa manchmal fast wie eine Figur aus einem religiösen Opfermythos: jung, schön, ehrgeizig, bereit zur Selbstüberschreitung, um aufzusteigen. Nur dass die Transzendenz hier nicht Gott heißt, sondern Sichtbarkeit – ich werde gesehen also bin ich. Die Musik trauert um die Seele, lange bevor die Figuren merken, dass sie sie verkauft haben.
In der Nacht danach hatte ich einen Traum:
Eine Strasse wurde aufgerissen und die Arbeiter gruben immer tiefer, anstatt Erde bestand das was sie freilegten aus unendlich vielen Schichten von Totenschädeln, ein Schädel unterschied sich von den anderen: Es war der skelettierte Kopf eines grossen Wolfes.
Eine Katakombe unter der glatten Oberfläche der globalen Lustökonomie – wieviele Frauen sie wohl unter sich begraben hat? Man denkt an das Mittelalter, erzwungene Sexualität, die dauerschwangeren Frauen ohne medizinischen Beistand, der Tod im Kindbett, Totgeburten, die Hexenverfolgungen, die ganze Gegenwelt zu diesem Film die doch in ihm enthalten sind und die er hervorzurufen versteht.
Ich finde das passt!
























