Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2021 24 Okt

Treppauf, treppab

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Der Corona-Shutdown scheint so manchen zu erhöhter Aktivität veranlasst zu haben. So auch Lana Del Rey, die soeben mit leichter Verzögerung ihr zweites Album in diesem Jahr vorgestellt hat: Blue Banisters, blaue Treppengeländer — wie sinnbildlich man immer den Titel verstehen möchte.

Denn in der Tat: Lana nimmt den Hörer an die Hand und führt ihn durch eine sehr seltsame, völlig in sich geschlossene Landschaft. Blue trifft es recht gut, blau, dunkelblau ist die Stimmung des Albums. Moorlandschaft unter Vollmondlicht. Einerseits hätte Blue Banisters auch zusammen mit Chemtrails Over the Country Club als Doppelalbum erscheinen können, andererseits aber auch nicht. Bei genauerem Hinhören unterscheiden sich die Alben nämlich doch. Wenn man das Poetry-Album einmal mitrechnet, dann ist dies Lanas neunte Platte seit 2012, es ist also eine gewisse Routine eingetreten, und die zahlt sich aus. Lana Del Rey ist eine Kunstfigur und bleibt dem einmal gewählten Rollenbild auch hier wieder treu, arrangiert dessen Bauelemente aber immer wieder einmal um. Und sie weiß genau, in welchen Lagen ihre Stimme am eindrücklichsten wirkt.

Fünfzehn Songs, die meisten um die viereinhalb Minuten lang. Die Grundstimmung (ohne hier jetzt auf die teils expliziten Texte einzugehen, die ich noch nicht alle entschlüsselt habe) ist Drama, zeitbezogen, und doch irgendwie an Hollywoods Schwarze Serie erinnernd. Das Album basiert im wesentlichen auf dem Piano, dem Grand wie dem E-Piano. Dazu kommt sparsames Schlagzeug, das gelegentlich allerdings brachial zuschlägt, irgendwo ist auch ein Morricone-Sample eingebaut. Lana rollt ihre Stimme aus wie einen samtenen Teppichläufer, auch dieser allerdings unterbrochen von gelegentlichen Ausbrüchen, die fast ins Hysterische gehen, dann aber doch wieder abgebremst werden. Sie liebt bestimmte melodische Wendungen, die immer wieder in vergleichbarer Weise auftauchen, baut in die Songs aber auch seltsame Melodiesprünge ein, bei denen man nicht immer genau weiß, ob sie einen aus der Bahn werfen sollen oder ob sie einfach kompositorisch nicht ganz zu Ende gedacht sind. Auch greift sie gern mal die inzwischen etwas aus der Mode geratenen Mittel des Tempo- und/oder Rhythmuswechsels auf.

Was mich an diesem Album besonders fasziniert hat, ist die Art der Produktion. Man hat fast den Eindruck, das Album bestünde aus zwei Klangschichtungen, einer inneren und einer äußeren. Für den erwähnten Teppichläufer (das Bild ist mir nicht aus Versehen eingefallen) werden altertümliche Platten- und Federhall-Effekte eingesetzt, die dem Ganzen einen leichten Sechziger-Jahre-Touch geben — warm, aber nicht räumlich. Dazu kommen Einwürfe, die aus einer anderen, sehr heutigen Klangebene hinzugefügt werden und sozusagen von außen auf die innere Klangebene prallen — das ist sehr faszinierend. Man achte auch einmal darauf, wie viele Stimmen man eigentlich hört. Dass Lana ihre Stimme gern doppelt, ist nicht neu, das ist auch hier wieder so. Hier aber singt sie punktuell ganze Chöre, die streckenweise fast an Mahlersche Fernchöre erinnern. Es ist sehr reizvoll, im Kopfhörer einmal genau darauf zu achten, wie die diversen Stimmen sich akustisch unterscheiden und im Panorama verteilt sind — das ist alte Abba-Schule, handwerklich perfekt.

Einige Kritiker haben Blue Banisters bereits ziemlich verrissen. Mit gefällt das Album nach einmaligem Hören sehr gut. Lediglich scheint es mir ein wenig lang geraten zu sein. Ein oder zwei Stücke weniger wären auch in Ordnung gewesen. Auf jeden Fall ist dies eine Platte, nach der man nicht sofort andere Musik hören möchte.

 

2021 23 Okt

Lass irre Hunde heulen

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Um es gleich vorweg zu nehmen: Schubert ist für mich ein Kindheitstrauma. „Winterreise“ gesungen von Dietrich Fischer-Dieskau. Grauenhaft! Es war mir trotz aller Bemühungen meiner Mutter, die Musiklehrerin war, nicht möglich auch nur ansatzweise zu verstehen, was man daran schön finden konnte. Also half nur die Flucht, wenn sich die Nadel auf besagte Schallplatte senkte. In den am weitesten entfernten Teil der Wohnung, mein Zimmer und – sobald ich eine solche besaß – die Anlage aufgedreht, bis ich auch bei leisen Stellen keinen Ton mehr davon hören musste. Das kam mir alles so erquält-gekünstelt und einfach nicht echt vor. Das waren einfache Lieder und der arme Sänger musste bestimmt tagelang üben, um sie so aalglatt zur Klavierbegleitung darzubieten. Und überhaupt das ganze romantische Gesäusel, da konnte ich so wenig mit anfangen, dass ich es kaum schaffte mir ein ganzes Lied am Stück anzuhören. Und nun, Jahrzehnte später landet die CD von Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen auf meinem Schreibtisch. Tagelang kreise ich da drumherum, nahezu in der sicheren Gewissheit, dass mir ein Flashback und eine Retraumatisierung bevorstehen, wenn ich auch nur ein Lied davon höre.

Ein leises Flirren, dann eine leise einsetzende Klavierstimme und dann die ersten Töne des Gesangsparts von „Gute Nacht“, dem ersten Song (ja, das kann ich nicht anders nennen!) intoniert von Gisbert zu Knyphausen. Ich bin verblüfft, was ist das? Das fängt ja wie ein intimer Abend am Kamin an, vielleicht mit etwas Fingerfood und Wein. Keine Kunststimme, sondern ganz entspannt und etwas rauh. Doch bald steigert sich das Lied, kriegt Zug und Dramatik. Kein unendlich oft gehörtes, plattgedudeltes romantisches Geklimper. Gute Arrangements, oft überraschend in Akzentuierung und gute Auswahl der Stücke. „Der Wegweiser“ folgt in final ernster Dramatik, ohne sentimental zu werden, sondern das Stück lässt eher die endgültige Beklemmung eines einsamen Wanderers im Bewusstsein seines finalen Weges spüren. Dann folgt „Ständchen“, dass von der überraschend eingesetzten Posaune lebt, die die Gitarre, die Schubert so wohl vorsah, mit diskreten jazzigem Unterton versieht, was sich im folgenden „Nähe des Geliebten“ als Gute-Laune-Song fortsetzt. Die meisten Lieder entstammen der „Winterreise“ und dem „Schwanengesang“ mit Texten nicht nur von Schuberts Hausdichter Wilhelm Müller, sondern auch von Goethe, Rückert, Heine und Bellstab. Texte von Banalitäten weit entfernt, ernst, sprachlich pointiert und hintergründig. Da gibt es Liebeslieder, wie „Du bist die Ruh“, das vom Überkünstelten befreit, sehr nach innen gerichtet und authentisch wirkt und Liebesschmerz bei „Der Doppelgänger“ und „Aufenthalt“. Gerade da wird der Schmerz viel glaubhafter, da er durch die Intonation viel näher an die Dramatik des Alltags heranschleicht, mit einer Eskalation, die sich stilistisch eher aus der Rockmusik stammenden Effekten bedient als akademisch rein vorgetragen und glattgeschmachtet, was mir immer sentimental-befremdlich und unglaubwürdig vorkam. Mit „Die Krähe“ und „Der Leiermann“ werden die Abgründe des Lebens und dessen Begrenztheit thematisiert, mit einer fast schmerzhaften, schweren und herben Schlichtheit, die sicherlich gut geeignet wäre in gediegener Gesellschaft das Kaminfeuer ausgehen zu lassen. Und schließlich schließt die Auswahl der Songs mit der „Litanei auf das Fest Aller Seelen“, das den geneigten Hörer mit einem besänftigenden „Alle Seelen ruh’n in Frieden“ etüdenhaft und mit bitterer Note tröstlich entlässt. Und mich seltsamerweise ebenfalls. Das Grauen meiner Kindheit ist nicht mehr spürbar und war es auch zu keiner Minute. Da ist es Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen in hervorragender und unprätentiöser Weise gelungen die Stücke von Schubert ihrer romantischen und in der bisherigen Rezeption aalglatten Interpretationen in eine Gegenwart zu holen, in der sie wieder Gewicht und schlichte Authentizität bekommen haben. Die schönste Art ein Trauma zu therapieren. So kann mit der letzten Liedzeile nun auch die Seele von Dietrich Fischer-Dieskau für mich in Frieden ruhen.

 
 

Dieses Jahr habe ich wieder einen Großteil der Chili-Ernte verarbeitet und dabei drei Rezepte (abgewandelt) ausprobiert. Für eine leckere Soße: 14 Tomaten halbieren und mit der Schnittseite nach unten in eine Auflaufform (deren Boden mit reichlich braunem Zucker bedeckt ist) legen. Nachdem die Tomaten 20 Minuten bei 220 Grad im Backofen waren, haben sie ordentlich Flüssigkeit verloren, sind schrumpelig geworden und haben braune und schwarze Flecken. Die Haut nun abziehen (ziemlich heiß!), 14 klein geschnittene Chilis, drei Zwiebeln (gewürfelt), Salz, Saft von 4 Limetten und reichlich braunen Zucker dazu mischen und das ganze noch einmal für 20 Minuten in den Ofen. Pürieren fertig. Dies ist eine recht scharfe Soße – wenn man zum Beispiel nur 3 oder 4 Chilis auf die gleiche Menge Tomaten benutzt, hat man einen leckeren süß-scharfen Ketchup.

Eine zweite leckere und sehr scharfe Soße: 250ml Reisessig mit 200g Chilis aufkochen, ordentlich Salz und Pfeffer dazu, pürieren, über Nacht ziehen lassen.

Dann noch ein Chili Öl, für Ramen oder Dumplings: Auf einen halben Liter Rapsöl kommen 50-60g Chilis, die ich erstmal über Nacht in den Dörrautomat gelegt habe (man kann natürlich einfach Chiliflocken kaufen). Das Öl auf mittlerer Temperatur erhitzen, 5 Sternanis, 2 Esslöffel Nelken, 1 Zimtstange, 3 Esslöffel Szechuan Pfeffer, 2 Lorbeerblätter reintun und eine gute halbe Stunde köcheln lassen; aufpassen, dass nichts anbrennt. Am Ende die Temperatur etwas erhöhen, dann das heiße Öl durch ein Sieb über die grob zerkleinerten Chilis gießen. Über Nacht ziehen lassen und in ein steriles Gefäß füllen (letzteres gilt natürlich für die beiden Soßen auch).

Dazu kann man gut das feine Album des Timo Lassy Trios laufen lassen – Seelennahrung aus Saxophon, Schlagzeug, Bass.

2021 21 Okt

The Eno Bros. (arte)

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Akropolis, 4. August. Auf Couchdistanz nun im Fernseher. Endlich mal ein Konzert, bei dem ich alle Lieder, bis auf drei neue, mitsingen konnte, jede Zeile. Nah ran kam ich da nur  bei einem Auftritt von Leonard Cohen in Oberhausen. Aber natürlich sang ich nicht laut mit, nur gerade so, hauchzart,  ein fernes Echo nah bei mir. Everything merges with the night. Grossartiges Konzertdokument, beeindruckende Regiearbeit. 

    1. Underworld: Drift Series 1 (Box Set)
    2. Sunno)): Life Metal
    3. Joe Lovano: Trio Tapestry
    4. Bill Callahan: Shepherd in a Sheepskin Vest
    5. Lankum: The Lifelong Day 
    6. Lambchop: This (is what I said)
    7. Thom Yorke: Anima
    8. Rabbia / Petrella / Aarset: Lost River
    9. Oren Ambarchi: Simian Angel
    10. Nick Cave: Ghosteen
    11. Rustin Man: Drift Code
    12. Arve Henriksen: The Timeless Nowhere 
    13. Leonard Cohen: Thanks For The Dance
    14. Lee Perry: Rainford

 

Diese Alben sind geblieben, einige haben andere Plätze eingenommen, in sie kann ich heute wie damals kopfüber eintauchen, der Rest meiner Top 40 von 2019 bleibt nur noch speziellen Momenten vorbehalten, historischem Interesse, guter Erinnerung, und qualitativer Wertschätzung. Auf die alte Jahresliste  stiess ich auf Umwegen, weil ich im Archiv vergebens suchte nach „Second Toughest of the Infants“ von Underworld. Ich hatte ein geradezu körperliches Verlangen, einen ganz bestimmten Song der LP zu hören. Und dann hielt ich auf einmal diese „Drift Series Box“ in Händen, und es gab kein Entkommen, ich setzte die Kopfhörer auf und wünschte mir eine gute Reise. Mit einem Schmunzeln erinnerte ich mich, dass ich Karl Hydes Musikwelten erst betrat, nachdem ich ihn in London kennengelernt hatte, in Enos Studio, in dem die zwei aussergewöhnlichen Platten der Zwei entstanden, die eine voller Songs, die andere voller Experimente. 

 

Die längere Wartezeit im Wartezimmer einer Praxis liess sich wieder einmal gut überbrücken mit der Lektüre eines mir sonst nicht zugänglichen Zeitschriften-Artikels. Aus dem Inhalt wählte ich etwas über Nawalny, doch das daneben sprang mich direkt an: ein Interview mit Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa anlässlich ihres gemeinsamen Buches. Mein Instinkt funktioniert eben doch so, dass ich der Philosophie den Vorzug gebe vor so manchem Politikum (und sei es das von Dissidenten). Hochspannend also nimmt das Gespräch viele Gedanken auf, die mich auch in diesen Tagen beschäftigten: so die Frage, warum Grün und Gelb sich so sondierungsselig und harmonisch aneinander schmiegten. Andererseits logisch, trifft sich doch dort das hippe akademische Bürgertum, die Homeoffice-Elite. Oder eine andere Frage: wird die Zukunft utopisch oder dystopisch sein? Reckwitz sieht’s wohl eher düster, glaubt nicht an einen Wandel des Systems. Rosa ist mehr positiv gestimmt, kein Wunder, seine Begriffe von „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ sind ja in aller Munde. Fehlte nur noch ein Dritter im Bunde, nämlich Byung-Chul Han: dem wiederum begegnete Gerd Scobel und das Gespräch kann ich nur empfehlen. Han wirkt dabei wie eine Spinne im Netz ihrer eigenen Gedankenkonstrukte, die sich, ähnlich den Modulen des Pianisten Nik Bärtsch, grenzenlos ineinander verschachteln liessen. Insofern wundert’s nicht, wenn dieser auch zum Abschluss meint: „Wir könnten ewig weiterreden“. Han ist Pessimist, aber das Zuhören und das Lesen lohnt sich.

 

 

It is a memoir, a story, a mirror – living hauntology. A revelation. It only throws glimpses to that special period. Everyone gets a decent quantum of experience mirrored and propelled by a big city‘s inner life. Everything is never the deal. That‘s why I love this rather fragmented, yet illuminating little book, inspiring own memories (entering automatically in between) about an old London that never leaves my heart. Full of life, and full of ghosts, that‘s what it  has always been – even when strolling through Sansha‘s Dance Shop. Or sitting with Brian Eno (years later) in a room where they once rehearsed the first Roxy Music album. My endless walk through Hampstead Heath in December 1982 (old ladies with white dogs passing by), and Jah Wobble‘s Invaders of the Heart at the Marquee Club on that very same day. And another thing, unforgettable, from early on: the smells of the underground and the music of the trains rolling in. Those street musicians and their „heart of gold“ fighting the rust, the laughter, and the forgetting. Please do yourself a favour, and start reading Michael Bracewell‘s „Souvenir“. 121 slowly flying pages.

 

 

When I think about my relationship to listening to new music, I remember that Gary Larsen cartoon in which a student raises his hand and says, “May I be excused? My brain is full.”

Between the stuff people have laid on me over the years in the form of burned CDs and files, plus my burgeoning CD collection, not to mention my vinyl, hi-def downloads etc., I have enough music to listen to for the rest of my life. I have to confess: There are CDs in my collection I have yet to break the plastic off of.

That being said, being a Mathias Eick fan, I had to listen to his new album, When We Leave. I like it so much I’ve listened to it a number of times, and I’ve bought the HD download (saves space and sounds magnificent).

When We Leave has a similar feel to Eick’s last albums, Ravensburg and Midwest, which in this case is not a bad thing at all. It features the same core members as Ravensburg. There is a cohesion here, a genuine band sound, that only occurs with a working, touring band. Eick is an excellent composer of almost—dare I say it—hooky jazz infused with folk elements. It’s easy-to-digest comfort food for the spirit. The melodies are often memorable, even singable, yet somehow he avoids triteness and sentimentality. There’s a universal quality to his music. His burnished trumpet sound, while far from incendiary, has a kind of power and warmth that really imbues the instrument with his humanity. What comes out is often reflective, sometimes ruminative and sad, sometimes hopeful and at times, epically triumphant. There is an optimism to Mathias’ writing and playing that I find uplifting in these troubling times.

This album is a series of tone poems with simple titles like “Loving,” “Caring,” and “Turning” that seem to suggest that everything is going to be alright. Yet for all his melodicism and seeming simplicity, there is hidden complexity in these graceful arrangements and a level of detail that invites the listener to revisit them again and again.

As in the last release, Ravensburg, violin and Hardanger player Hakon Aase continues to add his special magic to the proceedings. Who would’ve thought trumpet and violin could blend so seamlessly? In a way, Aase is really the secret sauce in this group. Personally, I believe Eick’s musical identity really began to coalesce when he brought in Aase and crystallized the current lineup. Aase is a very original improviser; often his playing evokes the stark winter landscapes of northern Norway. While he evinces a strong understanding of Norwegian folk traditions, he’s also an out-of-the-box player who is capable of surprising the listener, sometimes taking sonic journeys through other musical landscapes. But it’s his rootsy-ness that I find so attractive and which brings a certain depth and mystery to the mix.

Besides the usual trumpet, violin, piano, and drums, the album has pedal steel guitar, played by guest artist Stian Carstensen. Usually associated with country music, the pedal steel is far more versatile and can fit into other genres, conjuring a feeling of keening longing, and sometimes evoking otherworldly atmospheres. I remember once seeing Harold Budd conduct a choir that was accompanied by pedal steel, Fender Rhodes, and harp. I had never heard anything like that before. The pedal steel lavishly slid from one beautiful sonority to another, chords hanging in the air like ripe apricots. Such is the way the pedal steel is used here, as a color, a kind of organic pad for the music to rest on.

My only criticism of this album (and indeed the last couple of Eick’s releases) is that at 37 minutes, it seems a bit short. But it’s all good stuff. Perhaps the thinnest track is “Flying”—it’s certainly the least structured piece on the album. But there’s a lot of deep listening going on and it is growing on this listener, as indeed the whole album continues to do. Eick keeps on delivering albums that hearken back to ECM’s seventies glory days, and the world is better for it. 

 

Mathias Eick: trumpet, keyboard, vocals
Hakon Aase: violin, percussion
Andreas Ulvo: piano
Audun Erlien: bass
Torstein Lofthus: drums
Helge Andreas Norbakken: drums, percussion
Stian Carstensen: pedal steel guitar

 

Den Rückblick kann ich wagen, weil ich bis Weihnachten, was das Lesen angeht, ausgebucht bin, mit drei Büchern, die fernab des Thriller-Genres zuhause sind. Bis auf ein Buch liegen alle Krimis in deutscher Übersetzung vor, die englischsprachigen habe ich in der Regel schon vor längerem gelesen. Platz 1 gebührt, mit denkbar knappem Vorsprung, Tana French: Der Sucher (nach „Grabesgrün“ nun mein neuer Lieblingsroman der Autorin, raffiniert, abgründig, in grosser Ruhe erzählt, und, auf schwebende Weise, virtuos). Platz 2 ist eine wahre Entdeckung und erinnert mich an die Zeit, als ich als Teenager in Eugene Sues „Die Geheimnisse von Paris“ versunken war: Juan Gómez-Jurado: Die rote Jägerin (ein Klasse-Schmöker aus Spanien, sehr ungewöhnlich, sehr schwarz, noch schwärzer, und doch mit Momenten feinen Humors durchsetzt). Platz 3, wahrlich keine Überraschung über die Jahre, ein alter Favorit: James Lee Burke: Dunkle Tage im Iberia Parish (wunderbar, die Edition des Pendragon Verlages, höchste Qualität von Band zu Band). Platz 4 geht an den unermüdlich wagemutigen Heinrich Steinfest: Die Möbel des Teufels (so kann das Surreale den Zauber des Magischen Realismus entfalten). Platz 5 ist nicht minder überbordende Fantasie, und ein Genre-Mix für Freunde von R. L. Stevenson und Sir Arthur Conan Doyle, ein Rausch der Verwegenheit, der dennoch keinen einzigen Spannungsbogen überdreht: Stuart Turton und sein etwas anderer „Historienroman“ Der Tod und das dunkle Meer. Platz 6 verdanke ich der Empfehlung von Laura Wilson, ein Lob an dieser Stelle der „Thriller-Kolumne“ des „Guardian“: David Heska Wanbli Weiden: Winter Counts („this book is both,  a solid take on a trope familiar to readers of crime and western genres – the lone man’s quest for justice – and an authentic and humane view of a largely unreported world, ravaged by years of systemic oppression.“, Laura Wilson) / Platz 7 geht an S. A.  Cosby und seinen temporeichen wie tiefgehenden Roman Blacktop Wasteland (wer den Film „Driver“ liebte, kann hier einen weiteren „Driver“ erleben, und einen amerikanischen Alptraum vor dem inneren Auge abrollen lassen. Fucking genius, Mr. Cosby).  Platz 8 verbreitete sich in meinem Bekanntenkreis wie warme Semmeln am Samstagmorgen – bei aller Hochspannung  aber keine so leichte Verkostung – das Buch der Dänin erhält von mir den Stieg Larsson-Gedächtnispreis: Anne Mette Hancock:  Leichenblume. Der nächste skandinavische „Burner“: auf  Platz 9 der mir bis hierhin völlig unbekannte Christoffer Carlsson und sein Roman Die Unter dem Sturm (raffiniert gebaute Familiengeschichte, umheimlich subtil, und unheimlich spannend!) Könnte bis Weihnachten noch ein paar Plätze klettern – wirkt immer noch nach (Lektüre gestern beendet). Platz 10 ist jahrgangsunabhängig einem Klassiker (all time favourite) meiner Thriller mit Tiefgang vorbehalten, ich las das Buch im Laufe der Jahre zweimal, und selbst beim Wiederlesen war es episch-ungebremste Wucht: Val McDermids Echo einer Winternacht. 

2021 15 Okt

The Turn of the Screw

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

Die Drehung der Schraube. Das Drehen der Schraube. Das Drehen an der Schraube. Hinter der Wendung steckt jedoch mehr. The Turn of the Screw ist auch ein idiom. Das Cambridge Dictionary erklärt die Bedeutung so: „an action that makes a bad situation worse, especially one that forces one to do something“. The Turn of the Screw, so heißt eine Gespenstergeschichte von Henry James. Die deutsche Übersetzung ist unter verschiedenen Titeln erschienen: Das Durchdrehen der Schraube. Der letzte Dreh der Schraube. Schraubendrehungen. Daumenschrauben. Das Geheimnis von Bly. Es ist eine Geschichte in einer Geschichte. Freunde, Bekannte sitzen um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, wir schreiben das Jahr 1898, am Kamin und tun etwas Ähnliches wie das, was wir Manafonisten rund um unsere Notebooks oder ipads tun: Sie erzählen einander. An einem Donnerstag Abend liest jemand aus dem Kreis den anderen ein umfangreiches Manuskript vor: alte verblasste Tinte und mit schöner Handschrift verfasst. Geschrieben von einer Frau, die das Manuskript dem Mann, der es besitzt, vor ihrem Tod geschickt hat. Bly liegt in Essex, England. Es ist ein Landgut. Eine junge Gouvernante wird hier eingestellt, um in großzügig ausgestatteter Umgebung ein zauberhaftes Mädchen zu unterrichten. Deren Bruder wurde vom Internat verwiesen und verbringt nun auch seinen Sommer auf Bly. Die Wahrnehmung wird Stück für Stück demontiert. Es tauchen rätselhafte Personen (Geister? Gespenster?) auf, von denen man nicht weiß, wer sie sieht. Ich dachte an den Horrorfilm It Follows, den einige von uns kennen, hier aber sind die Verfolger:innen konsequent nur für die Infizierten sichtbar, für alle anderen nicht. In Bly liegt die Sache anders. Die Erzählerin entzieht uns Stück für Stück den Boden unter den Füßen, indem sie mit den in unserem Alltag angeblichen Gewissheiten von Raum, Zeit und Ich jongliert. Identitäten sind unklar, uneindeutig, verändern sich. Zeitebenen geraten durcheinander. Die Logik wird, je weiter die Erzählerin an der Schraube dreht, außer Kraft gesetzt. Die Energie von The Turn of the Screw beweist sich auch darin, dass die Arbeit vielfach in anderen künstlerischen Genres interpretiert wurde.


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