Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 30 Okt

Top 12 Autechre studio albums

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In guter alter Engelbrecht-Tradition, my official rating of all albums by English avantgarde electronic duo Autechre: 

 


1  Chiastic Slide
(1997)*****

      – sublime electronic masterpiece, underappreciated & frequently overlooked

Untitled Album [aka LP5] (1998)*****

     – creative experiments for the future of music

3  NTS Sessions 1-4 (2018)*****

      – might as well have been the conclusion of this unparalleled œvre

4  Confield (2001)*****

      – departure into the duo’s second decade and a new millennium 

5  EP7 (1999)*****

     – usually referred to as an EP, but with 70 min. + 11 tracks it’s surely a real album

6  Tri Repetae / Anvil Vapre (1995)*****

      – the classic album plus the companion mini-album

7  elseq 1-5 (2016)****1/2

     – 4-hour, 5-part opus magnum of avant-garde epics

Amber (1994)****1/2

     – subtle + atmospheric ambient techno beauty

9  Untilted (sic!, 2005)****1/2

     – most challenging focus on rhythm, but of outstanding skill

10  Incunabula (1993)****1/2

     – early Warp Records classic

11  Oversteps (2010)****1/2

     – atmospheric ambient techno beauty 15 years later, new century, more refined

12  Exai (2013)****1/2

    – missing coherence a bit (120 minutes on 2 cds), but many masterful tracks

 

furthermore:

 

Warp Tapes 89-93 (2019) ***1/2 

Anti- (EP, 1994) ****1/2

EPs 1991-2002 (2011) **** 

Draft 7.30 (2003) ****

Quaristice (2008) ***1/2

Quaristice.Quadrange.ep.ae (a 150-minute digital-only „EP“, 2008) **1/2

Move of Ten (2010) ****

SIGN (2020) ****

Plus (2020) ****

 

[…] ‘gr4’, perhaps the prettiest track here, showcases see-sawing synths that keen like a string quartet. I don’t think I’ve been struck in such an emotionally direct way by an Autechre tune since ‘Pir’ on 1999’s EP7. Both ‘th red a’ and ‘psin AM’ cycle through just a handful of held, open chords, allowing the listener to home-in on the granular complexities of these with little else getting in the way.

Of course, being Autechre, this is far from a straight-up ‘melodic ambient’ record. […] It is complex, but never busy. […] SIGN’s relative accessibility would make it a fine introduction for the uninitiated, which is more than can be said for anything they’ve released in at least twenty years. Some hardened fans looking for the next step in Autechre’s evolution might feel underwhelmed. But honestly, there’s more than enough opaque futurism on the NTS Sessions for any carbon lifeform to unpack for years to come. Instead, SIGN is a welcome detour, a diversion, and in these difficult and complicated times, a salve of sorts. It’s as close to chill-out music as the duo are ever likely to get, making it the perfect Autechre album for 2020. With SIGN, Autechre prove they are in tune with their audience, and that this is still (and will always be) human music made by humans for humans.  –  Charlie Frame, the Quietus

 

 

Aliens in Suffolk

Als Brian ein Kind war, gab es eine amerikanische Garnison in Suffolk, und er hörte im Radio immer wieder Gesänge, die ihm wie von einem anderen Planeten erschienen, und es war Doo-Wop.

 

Der kleine Hund

Elisabeth Edl arbeitete über einen Zeitraum von acht Jahren an einer neuen Übersetzung von Flauberts „L‘éducation sentimentale“, unterbrochen nur vom ganz normalen Leben, was immer das ist, und kleineren Übersetzungsarbeiten. Danach nahm sie sich einen kleinen Modiano vor, und einen Simenon. Sie erzählt von Simenons Einfluss auf Modiano, und dass nun wieder viele stöhnen, dass letzterer immer die gleiche Geschichte erzähle. „Bei mir ist es der gegenteilige Effekt“, sagt die Übersetzerin aus Schwabing, „ach, da ist ja wieder der kleine Hund.“

 

Radebrechendes Englisch

Als ich die neue Arbeit von Dino Saluzzi hörte, ein reines Soloalbum mit dem Bandoneon, fiel mir ein, wie sehr ich in jenes Album vernarrt war, auf dem ich ihn das erste Mal erlebte, mehr im Hintergrund, ohne zu ahnen, dass er mir noch viel öfter begegnen würde, einmal auch bei einem Interview in einem Kölner Hotel. Mit radebrechendem Englisch, aber ab und zu wurden seine Hände so gesprächig,  als hielte er ein imaginäres Akkordeon in Händen. Gato Barbieris „Latin America, Chapter One“ war ein Album mit  dem geschätzten Doppelklapp-Cover aus dem Hause Impulse Records.

 

Schön altmodisch

Als ich in Ingos Text von dem Berliner Komparsen-Aufruf für „The Lady‘s Gambit“ las, war das fast wie eine Entzauberung: ach, das ist ja alles gar nicht wirklich passiert! Zum wahren Flow gehört es, dass man unmerklich auf die andere Seite der Leinwand wechselt.

 

Magie aus der Blechdose

Beim Spiel des BVB gegen Zenit Petersburg wartete ich vergeblich auf grosse Kunst, trotz der Anwesenheit etlicher Ballartisten. Das Spiel blieb schwerfällig, und letztlich wurde es ein Arbeitssieg ohne jede ästhetischen Reiz. In einem leeren Rund, das für einen einzigen magischen melancholischen Moment sorgte: als zu Beginn die Hymne „You‘ll never walk alone“ aus der Konserve erschall, blechern, höchstens halbwegs tröstend.

 

Lieblingsplatten

Und jetzt, hier, als kostenloser Service für das hoffentlich gute Überstehen des zweiten Lockdowns mit den Mitteln des Jazz, eine gute Handvoll Klangkünstler, sechs  Meilensteine von Impulse Records (Schallplatten, die mich seit Jahrzehnten begleiten): John Coltrane: A Love Supreme. Marion Brown: Geechee Recollections. Alice Coltrane: Journey in Satchidananda. Pharoah Sanders: Tauhid. Charles Mingus: Mingus Mingus Mingus! Und, s.o., Gatos Hommage an seine Heimat. (aus dem persönlichen Massnahmenkatalog zur Steigerung der Resilienz)

 

Die spannende Rosamunde

Normalerweise fliege ich durch englische Literatur, ausser, wenn die Sprache zu speziell ist, oder manche Details so reichhaltig, dass ich sie nicht aus dem Kontext erschliessen will. Darum warte ich sehnsüchtig (das ist ein bisschen übertrieben), besser, geduldig,  auf die deutsche und hoffentlich gute Übersetzung des jüngsten Romans von Rosamund Lupton „Three Hours“. Jedem lesehungrigen Freund von verdammt gut geschriebenen, sprich, literarischen, Thrillern empfehle ich ihren vorletzten Roman „Lautlose Nacht“.

 

Der Zeitreisende aus Pittsburgh

In schnörkellosem und sinnlich ansprechendem Englisch entführt uns Jan Reetze in seinem neuen Buch „Times & Sounds – Germany‘s Journey from Jazz and Pop to Krautrock and Beyond“ durch Musikwelten der alten Bundesrepublik. Und allein beim Stöbern durch die Seiten hakt sich die Aufmerksamkeit ein ums andere Mal fest: das Buch scheint wirklich alle Qualitäten eines sachlich fundierten „Schmökers“ zu besitzen! Was für eine „Verschiebung“ der Perspektive es wohl mit sich bringt, der eigenen alten Lebenswelt in englischer Sprache zu begegnen?!

 

Geologie

Zum Ende noch einmal Eno. Als kleiner Junge tauchte er gern in den „National Geographic“ ein, dessen Ausgaben er ganz gern nach Bildern unbekleideter Frauen durchkämmte – aber er fand da auch zu seinem ersten Hobby, der Geologie: „Ich kannte keinen anderen, der sich dafür interessierte. Also packte ich mir ein paar Brote ein und radelte alleine an Orte, von denen ich gehört hatte. Meistens waren das Strände. Dort verbrachte ich ganze Tage damit, mir Steine anzuschauen. Ich erinnere mich daran sehr klar als an eine sehr glückliche und transzendente Zeit. Jenseits des Denkens, tatsächlich.“ Diese Erinnerung öffnet eine dieser hauchdünnen Linien, die Kindheit und Künstlerleben verbinden, man sehe sich nur das Cover von „On Land“ an, oder rufe sich den einen Titel ins Gedächtnis – „Dunwich Beach, Autumn 1960“.

 

2020 29 Okt

Streetlight Harmonies

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Die Doo-Wop-Ära reichte von den späten 1940ern bis in die frühen 1960er Jahre der USA. Entstanden aus Gospelgesang, ein paar Spuren Rhythm’n’Blues und Barbershop, war sie eine absolut originäre Erscheinung, die es in dieser Form wirklich nur hier gab — abends in den Straßen, im Licht der Streetlights, just for fun. Im landläufigen Sinne „erfunden“ hat das niemand, aber wenn man „Just Sittin‘ And A Rockin‘“ von den Delta Rhythm Boys (1945) als Urvater des Doo-wop ansieht, liegt man wohl nicht falsch. Der Gruppenharmoniegesang mit den typischen Nonsense-Silben entstand, weil keine Instrumente vorhanden waren und sie deshalb imitiert werden mussten. „Doo doo doo wop“ wurde meist vom Bass gesungen und diente als Schlagzeugersatz. Die Harmoniesänger imitierten andere Instrumente. Immer basierten sie auf dem Gehör, musikalische Bildung hatte da kaum jemand. Dazu kam dann ein Solosänger, meist ein Tenor, der einfache Lyrics sang. Die Vokalensembles kamen durchweg aus den etwas ungemütlicheren Schwarzenvierteln, aber nach kurzer Zeit bildeten sich auch Gruppen italo-amerikanischer Herkunft. Die brachten Kirchenchor-Erfahrung und den Barbershop-Stil ein. Im Laufe der Zeit fanden sich dann auch weibliche und schwarz-weiß gemischte Ensembles.

Das Frappierende am Doo-wop ist, dass er nur funktioniert, wenn der Gesang wirklich beherrscht wird. Das änderte sich auch nicht dadurch, dass dieser Stil in den 1950ern von Radio-DJs entdeckt und von Plattenfirmen verbreitet wurde. Streetlight Harmonies (Trailer) zeigt diese Geschichte relativ chronologisch. Der Film des Regisseurs Brent Wilson stammt von 2017 und ist seit Mai nun auch gestreamt zu sehen. Der Film folgt dem üblichen Schema solcher Dokus: Viele der noch lebenden Künstler, Songwriter und Musiker wurden vor die Kamera geholt und geben kurze Statements ab, dazu alternierend sind Ausschnitte aus den Songs zu sehen. Sie haben einiges zu sagen. So erfährt man (wieder einmal), wie schwarze Künstler damals besonders in den Südstaaten der USA behandelt wurden — es gab getrennte Eingänge, sie wurden in „weißen“ Diners nicht bedient, sie wurden in unsäglichen Absteigen untergebracht, sie wurden von anständigen Bürgern mit Waffengewalt am Betreten bestimmter Straßen oder Geschäfte gehindert. Und sie wurden von Produzenten und Plattenfirmen über den Tisch gezogen. It’s a crying shame. Nur singen durften sie. Zum Schmunzeln aber auch, wie eine der interviewten Sängerinnen eine kleine persönliche Rache durchspielte: Sie erteilte Weißen, die nach den Auftritten mit Autogrammwünschen an sie herantraten, eine Abfuhr.

Man kennt die Songs, die Gruppen kennt man oft nicht mehr: Frankie Lymon & The Teenagers, Dion & The Belmonts, The Del-Vikings, The Moonglows, The Spaniels, The Platters, The Drifters, The Crests, The Capris, The Earls, Sha-Na-Na, Randy & The Rainbows — die Liste ist endlos, One Hit Wonders die meisten. Frankie Lymon war zarte 13, als er die Solostimme in „Why Do Fools Fall In Love?“ übernahm — der eigentlich vorgesehene Sänger der Teenagers, Herman Santiago, war nicht erschienen. Der Song war ein Riesenerfolg und wurde tausendmal gecovert, sogar von Joni Mitchell. Leider kam dann ein Produzent auf die Idee, dass man doch auf die Gruppe verzichten und Frankie zum Solostar aufbauen könne. Es ging schief. Die Teenagers scheiterten ohne ihre Leadstimme, Frankie Lymon selbst fiel dem Heroin zum Opfer. Hier in Pittsburgh entstanden die Del-Vikings, ein gemischtes Ensemble, das den Riesenhit „Come Go With Me“ hatte. Noch heute ist der Gruppe eine Vitrine im Heinz History Center gewidmet. Interessant auch, dass einer ihrer Sänger ein gewisser Gus Backus war, der später als GI in Deutschland mit zumeist albernen Schlagern zu Charterfolgen kam (bis er Alkoholiker war). Wenn man weiß, dass er zur Gruppe gehörte, hört man seine Stimme leicht heraus. Einige der wichtigsten Acts fehlen im Film, vermutlich waren die Rechte zu teuer oder nicht zu bekommen, oder es gab keine Überlebenden mehr. „Only You“ mit den Platters, geradezu die Krönung des Genres, fehlt ebenso wie „Sixteen Candles“ mit den Crests oder „Cryin‘ In The Chapel“ mit den Orioles. Schade, aber man hat trotzdem noch eine Menge zu entdecken.

„Sixteen Candles“ zeigt in geradezu idealtypischer Weise, wie die Doo-wop-Gruppen einen Markt etablierten, den es in den USA bis dahin schlicht nicht gegeben hatte: Sie entdeckten die Teenager als Plattenkäufer, und das war dann auch sehr schnell das Muster, nach dem die Texte gestrickt waren. Der Film zeigt auch, wie es nach dem Ende der eigentlichen Doo-wop-Ära weiterging: Der Gesangsstil wurde übernommen und mit anderen Genres, etwa dem Beat, gemischt, allen voran die Beach Boys. Aber auch im frühen Motown-Soul findet sich der Doo-wop-Stil wieder, und nicht zu vergessen Phil Spector und seine Girl Groups.

Tempi passati. Allerdings, und da sind wir wieder in Pittsburgh, gibt es hier einen Sender namens WQED, der jahrelang (und ich glaube, noch heute — soweit es derzeit überhaupt möglich ist) viele dieser Gruppen wieder auf die Bühne holt. Und es ist immer wieder erstaunlich: Sie haben nichts verlernt. Via PBS laufen diese Shows in ganz Amerika. Und es gibt noch immer so wunderbare Filme wie American Graffiti, die von diesem Soundtrack leben.

Darauf einen Milkshake.

2020 28 Okt

Scoville Scale

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Den ganzen Oktober habe ich die 7 Pflanzen völlig vernachlässigt, um so überraschender war die üppige Ernte: 1 kg Chilis leuchten grün, orange, rot in einer großen Glasschüssel. Die gute Hälfte wird eingefroren, ein paar getrocknet, die restlichen wurden zu 2 Soßen verarbeitet, eine grüne und eine rote.

Für die grüne: 10 Chilischoten entkernt, mit jeweils zwei Zwiebeln und Knoblauchzehen zerkleinert, 10 Minuten in Öl angebraten (mit Salz und Zucker, niedrige Temperatur). Zwei Zitronen reingepresst, zehn geschälte grüne Tomaten und 300 ml Holunderblütensaft dazu, das ganze noch einmal eine halbe Stunde leicht köcheln lassen – fertig. Gerne hätte ich noch ein oder zwei Bund Koriander reingetan, die waren leider gerade nicht da.

Für die rote Soße das gleiche Vorgehen, allerdings mit roten Tomaten und Schoten, Apfelessig /-saft statt Zitrone/Holunderblütensaft, dazu ein großes Stück Ingwer und ein großer Apfel (das Rezept folgt ungefähr diesem Video); davon habe ich die doppelte Menge gemacht. Beide Soßen wurden nach Fertigstellung püriert und in sterile Gläser gefüllt, so dass sie das ganze Jahr Wärme und gute Laune verbreiten können.

Ob Chilis entkernt werden oder nicht ist Geschmachssache. Die beiden Soßen würde ich auf der Mitte der Schärfegrad Skala einordnen, sicher schon im schärferen Bereich (also im unteren vierstelligen Bereich auf der Scoville Skala).

 

Als nächstes dann, wenn die Dinge normal laufen, was sie ja zur Zeit wirklich nicht ansatzweise vorhaben, eine Begegnung mit der Journalistin Victoria Segal. Eine Idee. März 2021, in London, kaum vorstellbar unter den Umständen. In letzter Zeit kreuze ich immer wieder ihren Namen, ich mag ihren Stil, und schliesslich waren Michael Barnes, sie, und ich schon beisammen in Mother India. Zu Mango Lhassi und Chicken Tandoori. 

 

Wie ist das mit den Illuminationen der frühen Jugend? Jene Schallplatten, die uns früh in den Bann ziehen, sich weigern, die Nostalgieroute zu beschreiten, und zu uns stets anders sprechen, egal, in welcher Zeit wir angekommen sind? Und wie ist es für Joni Mitchell gewesen, als sie in die Jahre vor ihrer ersten rein magischen Veranstaltung mit Namen „Blue“ zurückgekehrt ist? Zu den alten Bändern. Fragen Sie Victoria, besser noch, öffen sie das Archiv, betreten sie die frühen Hinterzimmer einer lang ergangenen Ära. Home-Recording, TV-Studios, Radiostationen. 

 

„On Urge For Going“ – ein Stück, das sie jetzt, so Vitoria Segal,  „das erste gut geschriebene Lied, das ich habe“ nennt – sang Joni Mitchell über das knochenharte Bedürfnis nach Flucht, das mit dem Wechsel der Jahreszeiten entstehen kann. Es sind nicht nur die Gänse „im Chevronflug“ in Bewegung: Da ist auch ein Mann mit „sommerfarbiger Haut“, oder die Sängerin selbst, in Decken gehüllt, gezwungen, „meine Wanderung abzuschliessen“.


Im Sommer 1965 hatte die 21-jährige Mitchell auf ihrer Suche nach Wärme und Licht bereits viel Boden zurückgelegt. Sie hatte ihre Heimatstadt Saskatoon verlassen, um eine Kunstschule in Calgary zu besuchen, bevor sie in das Epizentrum der Volksmusik von Toronto, Yorkville, zog. Im Februar brachte sie eine Tochter zur Welt und entschied sich schließlich für die Adoption des Kindes; im Juni heiratete sie den Folksänger Chuck Mitchell und zog mit ihm nach Detroit.


Hier, ergriffen von ihrem ersten großen Ausbruch des Songschreibens, begab sie sich in ein nahe gelegenes Diner namens Toddle House, um „immer allein“ auf einem Hocker sitzend mit einer Cola zu schreiben. „Nicht auf der Suche nach Gemeinschaft“, fragt ihr Freund Cameron Crowe in dem diese Sammlung von 5 CDs begleitenden Interview. „Auf der Suche nach Einsamkeit“, antwortet Mitchell.“

 

Und das ist natürlich nur der Anfang der Geschichte.

Aus dem bodenlosen, fast unhörbaren Subbassraum erhebt sich leise eine ambienthafte Klangfigur in die Stille hinein und umzieht mich mit einem sanften Bann, bevor ich realisiere, dass die Musik längst begonnen hat.  Seltsame, bislang ungehörte Schwebungen mit denen das belgische Echo Collective in ihr erstes Album nur mit eigenen Stücken einsteigt. Zuvor haben sie schon Radiohead (Amnesiac) gecovert und mit Christina Vantzou (No. 4) und A Winged Victory For The Sullen (The Undivided Five) zusammengespielt, deren Einflüsse hier subtil spürbar sind. The See Within ist klanglich um den magischen, manchmal fast unheimlichen Sound des Magnetic Resonator Piano‘s (MRP) herumgebaut. Das MRP ist ein mit kleinen Magneten präpariertes Proto-Klavier, das ähnlich einem E-Bow die Saitenschwingungen manipulieren kann und so einen schwebenden, in sich schwingenden Klang erzeugt, der ohne elektrische Einflussnahme eine akustische Annäherung an die langgezogenen, tragenden Streicher darstellt, die sich behutsam darum herumgruppieren. Außer dem MRP und den Streichern kommt noch eine Harfe mit ins Spiel, die noch am gewohntesten innerhalb dieser gänzlich akustischen Musik klingt, aber bald durch fremde, manchmal fast unheimliche und geisterhafte Färbungen unwoben (The Witching Hour) und in bislang ungehörte Zusammenhänge gestellt wird oder einfach nur dezente Klangtupfer zelebriert. Die Hörerfahrungen des vierköpfigen, sich als post-klassisch bezeichnenden Ensembles muss sich intensiv an Ambientsounds geschult haben und manchmal erinnert das Ergebnis flüchtig an die magische akustische Interpretation von Brian Eno‘s Music for Airports durch Bang on a Can, aber dann kommen neue magnetinduzierte Hallräume hinzu und ziehen die Aufmerksamkeit wieder in Parallelwelten, in denen Einsteins Zeitdilatation die Regie übernommen zu haben scheint. Spätestens in dem fast 11 Minuten langen Respire geht dann das Erleben in den zeitlosen Raum über, in dem man sich mit Leichtigkeit im finalen First Brightening dann vollends verliert. Wo war ich nur in der letzten Stunde? Muss ich das wirklich wissen, wenn das kollektive Echo des Echo Collective meine Hirnströme zu einem selig verschlingenden Strom zivilisationsfernen Ausklingens verwandelt hat?

 
 

 

Um das ganze Drumherum (Regie, Schauspieler etc.) habe ich mich nicht gross gekümmert, und einfach nur den Pilotfolgentest gemacht. Ähnlich wie die Protagonistin habe ich mit acht, neun Jahren Schach gespielt, und dass Tranquilizer das Bewusstsein sanft erweitern können, unabhängig von der Angst lösenden Qualität, habe ich immerhin als Teenager mal selbst erlebt. Ein nicht ganz ungefährliches Zeug. Keine Frage, Beth Harmon hätte mich im Schach weggehauen. Das Wichtigste vorab: man muss kein Schachfuchs sein, um „The Queen‘s Gambit“ (Netflix) in vollen Zügen geniessen zu können, das Drama liegt anderswo.

 

Ich freue mich auf die restlichen sechs Episoden, und kann mir nicht vorstellen, dass die Sogkraft dieser siebenteiligen Romanverfilmung mit der Zeit nachlässt. Dabei ist der ganze Erzählduktus ruhig – wäre Francois Truffaut noch unter uns, ihm würde ich sowas als reifes, ruhiges Alterswerk zutrauen. Die Kamera leitet sich viele geduldige Einstellungen auf Gesichter und Interieurs, und der verwaschene Farbton der Bilder suggeriert eine alte Zeit.

 

Die letzten fünf Minuten der ersten Folge sind meisterhaft inszeniert, und sicher wurde in der Geschichte des Kinos und der Serien dieser Kunstgriff schon öfter eingesetzt, ich umschreibe es absichtlich vage: eine Musik aus einem anderen Raum wird benutzt, um eine parallel ablaufende Realität als Soundtrack zu begleiten. Die Story scheint sich vor dem Zuschauer zugleich trickreich und altmodisch zu entfalten – ich fiebere da gerne mit.

 

 

„So many years later, autumn 2020. Throughout Apparition Paintings, perhaps his most accessible album, Toop gathers live instrumentation, field recordings, percussive sounds, and non-English vocalizations, then unlocks them from their frames of reference and fuses them into mercurial, dreamlike unities.“

 

Another jump. September, 17, 2017. Twenty years after the meeting in London. My diary in time traveling mode. Now again, it has been special, the 13th or 14th installment of Kristiansand’s outstanding Punkt Festival, who wants to count? The live-remixes did often live up to, and extended the original performances. There are some stories to tell (and I will), but this blog doesn’t need quick shots, it’s always the gap, the in-between, the unspeakable that matters first. In the end it all comes to story-telling, gotcha!?

After her duo with David Toop, and the mind-blowing „live remix“, Sidsel Endresen was standing outside, her eyes met my eyes, and instantly we embraced one another, and I heard her whispering two words into my ears: „my sweetheart“. Well, we never had an affair going on, so what was that? It simply was a purely improvised moment, with the much-quoted beating heart. David Toop has written a book about the history of free improvisation, and this way to communicate has never just been an attitude of music at the margins, it has always been, in many aspects & not so mysterious ways, a model for breaking patterns in the everyday life.

 

Sit, do nothing: this is improvisation. Allow strange thoughts, inner tremors, sensory impressions to pass through the body. To listen is to improvise: sifting, filtering, prioritizing, placing, resisting, comparing, evaluating, rejecting and taking pleasure in sounds and absences of sounds; making immediatate and predictive assessments of multilayered signals, both specific and amorphous, balancing these against the internal static of thought. From moment to moment improvisation determines the outcomes of events, complex trajectories, the course of life. Humans must learn to improvise, to cope with random events, failure, chaos, desaster and accident in order to survive.“

(A random quotation from David Toop’s „Into the Maelstrom: Music, Improvisation and the Dream of Freedom before 1970“)

Hallo, mein Name ist Erving Goffman. Sie kennen vielleicht mein Buch über „Rahmenanalysen“, das man mindestens noch antiquarisch beziehen kann, es erschien einst in der Bibliothek Suhrkamp. Obwohl ich nicht mehr unter dem Lebenden weile, zog mich Michael Engelbrecht zu Rate. Wir hatten einen regen Briefwechsel während seines Psychologie-Studiums, und nun bat er mich, aus dem Jenseits seinen Essay gegenzulesen, der den Titel trägt „Der diskrete Charme der Leinfeldener Pilzfreunde“. Ein cooles Teil, und ich gab ihm meinen Segen. Ich bin vielleicht nicht ganz unparteiisch, weil ich Michael (ja, wir sind per du) sehr schätze, und da spielt auch ein wenig Egoismus hinein. Er versorgt mich nämlich im Himmel mit guter Metal-Musik, was ich hier dringend brauche – Sie glauben gar nicht, wie langweilig Engel sein können – einer von ihnen heisst Clara und spielt eine so süssliche Harfe, dass Sally Oldfield wie Punk klingt. Napalm Death sind immer noch heisse Eisen. Es stimmt übrigens nicht, dass es, wie ein deutscher Schriftsteller anmerkte, im Himmel keinen Cappuccino gäbe, neben Opium ist das auch hier ein Klassiker. Von wegen, heaven is a place where nothing really happens! Michael hat also Zeugen der Pilzrunde befragt, ausführlich recherchiert, einen Computer gehackt, um pikanten Maildepeschen auf die Spur zu kommen. Er hat Telefongespräche protokolliert, eine gewisse Angelika M. in Neumünster ausfindig gemacht, und mit dem gesamten Material einen kleinen, systemisch angelegten, Essay verfasst, der durchaus unterhaltsam ist. Nun sollte man niemals so leicht die Vergangenheit als Schnee von gestern abtun, denn wer so verfährt, neigt dazu, sie zu wiederholen. Sie sehen, auch Systemanalytiker sind psychoanalytisch nicht komplett ungebildet. Wie gesagt, der Text ist sehr klar, messerscharf formuliert, in Teilen witzig, in anderen weniger. Man könnte es, in der amerikanischen Tradition, in der ich mich ja lange bewegt habe, einen Showdown nennen. Einen charmanten Showdown. Ja, ja, Freunde, wir alle spielen Theater. Himmlische Grüsse, Ihr Erving!

2020 26 Okt

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