Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

 

 

 

Aus aktuellem Anlass möchte ich heute eine etwas ältere Radiostunde hervorkramen. Und es muss ja nicht immer gleich jemand gestorben sein, um etwas  in Erinnerung zu halten. Michael Rother geht es gut. Mit der Freiheit, die mir Harald Rehmann gab, war es möglich, solche Nachtradiowelten entstehen zu lassen, in welchen die Musik einen unmittelbaren Lebensbezug hatte, und nicht rein historisch abgehandelt wurde, was ihr meist etwas Lebendigkeit raubt. Danke, Harald, für die lange und wunderbare Zusammenarbeit. Und schön, dass du immer noch, auch als ehemaliger Redakteur, hier und da Radio machen wirst. (18. Oktober 2019)

 

„Take the title track of Rother’s solo debut Flammende Herzen (from 1977) as an example. As Rother keeps scaling the deceptively plain guitar melody ever upwards from its minimalist foundations, it’s difficult to think of another track that manages to combine humble intimacy with unabashedly epic grandeur with such grace and deeply affecting beauty.“

 

 

 

 

DIE RADIOSTUNDE

 

2019 18 Okt

Tankred

von | Kategorie: Blog | | No Comments

Mein ältester Sohn heißt Philip. Der humanistisch gebildete Kollege von der Fachschaft Musik vermisste das Fehlen eines p am Ende des Namens. Ich habe es mit Absicht weggelassen. Das p sieht aus wie ein Rucksack. Zwei Rucksäcke wollte ich meinem Sohn nicht anhängen.

Als Lehrer – ganz besonders als Musiklehrer – hatte ich einen vorzüglichen Überblick über die beliebtesten Vornamen im Landkreis Kronach. Mitte der 80er Jahre gab es unter meinen Schülern nur zwei mit dem Namen Philipp. Einer von ihnen trug am Ende nur ein p. Der Name Philip gefiel mir schon immer und weil er damals nur spärlich auftrat, umwehte ihn ein leichter Hauch von Exklusivität, jedenfalls in den Ländereien um Kronach. Am liebsten hätte ich meinen Sohn Carl Philip Emanuel genannt, habe davon aber abgesehen.

Dieser Beitrag scheint von Namen zu handeln. Das stimmt nicht – er handelt tatsächlich von Namen, ebenso wie jener von der Linder Ebene. Auch darin spielten Namen eine Rolle, Namen von Orten – Oberlind, Sonneberg, Steinach, Muppberg … Ich bin viele Jahre zu Fuß und per Fahrrad in dieser Gegend unterwegs gewesen, aber erst seit 2 Monaten versuche ich, mehr über diese Region zu erfahren. Stichwort Sonneberg: mein altes MEYERS GROSSES TASCHENLEXIKON gibt wenig Auskunft über diese Stadt am Südhang des Thüringer Waldes. Dass es Mittelpunkt der thüringisch-fränkischen Spielzeugindustrie ist – besser gesagt gewesen ist – war mir bekannt aus Erzählungen meiner Schwiegereltern. Die Großmutter meiner Ehefrau bemalte in Heimarbeit Puppenköpfe aus Porzellan für Verleger in Sonneberg.

Seit 1989 ist Sonneberg wieder zugänglich von Bayern aus. Der Nachfolger meines humanistisch gebildeten Fachkollegen kommt aus Sonneberg. Mit ihm habe ich erstmals die Sonneberger Jazztage besucht. Das Festival war damals extrem am Oldtime Jazz ausgerichtet.

 

Aus der Taufe gehoben wurde das Festival anlässlich des 15. Bühnenjubiläums der Sonneberger Jazzband „Jazz Optimisten“ am 29. November 1986. Zum 15. Geburtstag der „Jazz Optimisten“ ermöglichte der Generaldirektor des damaligen VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg als Trägerbetrieb die Ausrichtung einer Jazz-Nacht mit namhaften Gästen in Sonneberg. Auf Grund des Erfolgs dieser Veranstaltung wurde beschlossen, alljährlich im November die „Sonneberger Jazz-Nacht“ mit mehreren Formationen zu wiederholen. Mit dem „Jazz Day Orchestra“ aus Polen trat 1987 erstmals eine internationale Gruppe bei dem Festival auf.

Quelle: Wikipedia

 

Inzwischen ist man in Sonneberg offen für zeitgenössischen Jazz. Großen Anteil daran hat ein befreundeter Arzt, der nach einem erfolglosen Versuch, eine Jazzreihe in Kronach zu etablieren, sich der Sonneberger Szene zuwandte. Vor allem skandinavische Künstler wie Helge Lien, Iiro Rantala, Dan Berglund treten nunmehr in nächster Nähe meines Heimatdorfes auf.

 

 

 

 

Das Bild zeigt Conny Bauer. Dass er viele Jahre in Sonneberg lebte, verrät nicht einmal Martin Kunzlers Jazz-Lexikon, wohl aber Wikipedia.

 

Konrad Bauer wuchs in Halle (Saale) und im thüringischen Sonneberg auf. Als Schüler wurde er im Privatunterricht in die Posaunenmusik eingeführt und spielte dieses Instrument im Posaunenchor der evangelischen Kirche in Steinbach. Besonders interessierte er sich aber für moderne Tanzmusik. Während der Oberschulzeit spielte er zunächst in verschiedenen Amateurbands als Sänger und Gitarrist. Nach dem Abitur absolvierte eine Ausbildung zum Keramikfacharbeiter. Auch während der Lehrzeit war er als Freizeitmusiker unterwegs und spielte außer Gitarre auch Klavier. Mit den Erfahrungen aus der Tanzmusik entschloss er sich, nach der Berufsausbildung ein Musikstudium aufzunehmen. […]

Mit seinen musikalischen Ambitionen beeinflusste Conny Bauer u. a. die Entwicklung seiner jüngeren Geschwister außerordentlich. Hannes als Posaunist und Matthias am Kontrabass wurden ebenfalls international anerkannte Jazz-Musiker. Seine Schwester spielte Saxophon in der Band des Bassgitarristen „Smut“, mit dem Conny als Jugendlicher in Sonneberg musiziert hatte, und der trotz vieler Verbote über 20 Jahre lang die mit Conny begonnene Bandtradition in Sonneberg aufrecht erhielt.

 

Mit Conny Bauer begegnet man DDR-Jazz von Weltrang. Folgt man seinen Fährten trifft man auf Namen wie Günter „Baby“ Sommer, Ulrich Gumpert, Barre Phillips (oha!), Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach, Han Bennink, Globe Unity Orchestra …

Conny Bauer habe ich in Nürnberg bei Jazz-Ost-West im Quartett Doppelmoppel gehört, zusammen mit seinem Bruder Johannes und den beiden Gitarristen Uwe Kropinski und Helmut „Joe“ Sachse. Demnächst schließt sich ein verbogener Kreis: Joe Sachse spielt am 15. November ein Privatkonzert bei meinem Freund Achim Goettert.

Wenige Jahre nach der Geburt meines Sohnes Philip nahm die Anzahl von Schülern namens Philipp deutlich zu. Vorbei war es mit der Exklusivität. Ich hätte ihm den Namen Tankred geben und meine Tochter konsequenterweise Clorinda nennen sollen. Nie sind mir Schüler mit diesen Namen begegnet.

In Oberlind ist Tankred Dorst geboren, von dem ich nur den Namen kenne, von dem ich nur weiß, dass er ein viel gespielter Dramatiker war. Tankred Dorst verwendet in seinem Theaterstück Auf dem Chimborazo für den Muppberg symbolisch den Namen eines fernen südamerikanischen Berges – wegen der innerdeutschen Grenze und wegen der handelnden Personen. Das waren richtige Überraschungen bei meinem Wikipedia-Streifzug durch die Linder Ebene.

2019 16 Okt

Sechzehn Zehn Neunzehn

von | Kategorie: Blog | | No Comments

 

Und vielleicht waren das die schönsten Stunden des Sommers gewesen: morgens, wenn im Haus alles noch schlief den Holzsteg bis zum Ende gehen, einen Pott Kaffee an der Hand, den Blick über das Wasser schweifen lassen. Nach und nach wurden alle Anderen wach und dann begann der Tag, endgültig.

Jetzt füllt der tropfende Wasserhahn wieder den darunter stehenden Wasserkessel für eine neue Kanne Tee. Die Tage runterzählen bis zum nächsten Sommer, zu einem Wiedersehen. Der Leuchtturm. Die Radtour quer über die Insel. Die überteuerten Fischbrötchen.

Alles wird wieder so sein wie es war. Und nichts wird wieder so sein.

 

Auf den Spuren der Obstdiebin – Eine herbstliche Reise in die Picardie
 
 

 

Und noch eins: für Zwischenzeiten sorgen, möglichst viele. Wie habe ich jedesmal aufgeatmet, und ruhiger geatmet, sooft eine dramatische Geschichte unterbrochen wurde mit einem „in der Zwischenzeit“. Die Zwischenzeiten, sie stehen in deiner Macht. Daß du sie dir nicht nehmen läßt! In den Zwischenzeiten, auf den Zwischenstrecken, da geschieht´s, da ereignet es sich, da wird’s, da ist´s. Suchen, innehalten, rufen, rennen, die Wälder, die kleinsten, vor allem die, durchstöbern, die Hauptstraßen, die Städte, die Weiler, vor allem die, peinlich in Augenschein nehmen, ja. Aber in der Zwischenzeit den Weg hinter den Gärten zu nehmen, das kann nicht schaden.

 

 

Das war an der Regionalbahnstation Saint-Christophe von Cergy, gedacht wohl als Zentrum der Zentren der Neuen Stadt, als Name jener der längst verschwundenen Kirche da, gewidmet dem einstigen Ortsheiligen, dem Christophorus, dem Fährmann, der einst auf seinem Rücken das Kind Christus, das dabei schwer und schwerer wurde, nachts über einen Fluß getragen hatte, über alle Flüsse, und so auch hier über den Fluß Oise. An der Stelle der Kirche Saint-Christophe steht nun, was das Wahrzeichen der Neuen Stadt sein soll, ein Stahlgerüst in Gestalt einer mindestens kirchturmhohen Arkade, unter die eine monumentale (Durchmesser zwölf? Sechszehn Meter – nachzuschauen im Internet) stählerne, im Raum zwischen den Speichen allerdings den Blick hinauf in den freien Himmel durchlassende Uhr angebracht ist, mit römischen Ziffern, von I bis XII.

 

 

Die Abteile hatten sich zwar nicht geleert, aber viele Plätze waren frei, und man konnte, weg von der engen Treppe, für sich sitzen, im Abstand zu den spärlich gewordenen anderen. Wir saßen? Wir lasen? Wir schauten aus den Zugfenstern? Wir seufzten? Nichts von gleichwelchem „wir“. Kein „wir“ mehr heute. “No Milk today, my love has gone away“? …

Hell war es zusehens geworden in den Abteilen, die offen ineinander übergingen, bis zum ersten Wagen vorn an der Lokomotive, wo ich saß mit dem Rücken zur Fahrt, bis zum letzten hinten, wo sich hinter der Glastür die Gleise wegspulten; hell von der nach Pontoise, und spürbarer noch, nach Osny und Bossy I´Aillerie, von Mal zu Mal weniger besiedelten, da und dort, wie auf Restflächen, kultivierten, mehr und mehr aber wie verwilderten Landschaft – die Strecke führte flußauf durch das Auental der Viosne _; hell von den, Halt für Halt, sich vergrößernden Leerräumen im Zug, die mich an weiße Stellen auf – nur den alten? – Landkarten denken ließen; …

 

 

Und gleich wieder ausgestiegen, an der in jeder Hinsicht unvergleichlichen Haltestelle von Lavilletertre, fern vom weder sicht- noch hörbaren Dorf. … Als einziger ausgestiegen, glaubte ich mich an der Station allein. Ein tiefes Ein- und Ausatmen, mehrmals. Da stand es wieder, das ehemalige Bahnhäuschen, längst geschlossen, und verrammelt. Immerhin war es frisch gestrichen, und würde vielleicht eines Tages neu geöffnet, nur: für wen? Keinen Schalter gab es mehr. Hatte es vielleicht nie einen gegeben? Aber auch kein Fahrkartenautomat irgendwo – eine der Unvergleichlichkeiten des Zughalts von Lavilletertre.

 

 

Weg von der Tierwelt. Heim in die Zivilisation, brav den regulierten Fluß entlang in die Stadt. Wie hieß doch das Lied aus dem anderen Jahrhundert, gesungen von Petula Clark für Amerika und darüber hinaus in die Welt “Downtown“. Ob freillich Chaumont-en-Vexin etwas wie eine Downtown hatte? Außerdem war sie, als Obstdiebin, in einer “Downtown“ nicht am Platz, war da nie am Platz gewesen, hatte sich, vor allem, da nie erwünscht gefühlt. Und wie tat es ihr not, wie bedürftig war sie, wie sehnte sie sich danach, sich endlich wo erwünscht zu finden. Wie im übrigen “downtown“ übersetzen? Mit “Innenstadt“? Nein. Downtown war unübersetzbar. (Noch so eine Unübersetzbarkeit.)

 

 

Es ist noch früh, lang vor dem Abend. Trotzdem sollten die Obstdiebin und ihr Begleiter allmählich aufbrechen. Sie sind aber immer noch in Chars, und zwar wieder in einem Lokal, dem Kebab-vis-à-vis dem “Cafe de l´Univers“. Wie das? Aus Entdeckerlust. Aus Forschungsgeist. Erforschen und entdecken in einer Bude an der Durchfahrtsstraße?

 

 

Zwar war das die Straße, die nach Dieppe an den Atlantik führte und auch so hieß, „Route de Dieppe“. Aber erst einmal war es zum Meer noch weit, gut hundert Kilometer nordwestwärts. Und außerdem: jetzt nur kein Meer, nur von hier nicht weg ans Meer. Hier ist es. Da spielt es sich ab, hier und jetzt im Landesinnern. Wahr: die „Route de Dieppe“, die Departementalstraße 915, nachdem sie die Ile-de-France verlassen hat, auf ihrem Teilstück quer durch den westlichen Zipfel der Picardie bis zum Übergang in die Normandie, Dieppe als Endpunkt, hat dazu den Beinamen „Route du Blues“, und beginnt gleich oben auf dem Vexinplateau, kurz nach der Ortsausfahrt von Chars, eine amerikanische Meile und soundso viele russische Werst vor dem Dorf Bouconvillers, wo vor dem Wirtshaus “Cheval Blanc“, am Rand der „Route du Blues“, zur Mittagszeit, ungefähr auf halben Weg zwischen Paris und dem Meer, ein Laster hinter dem anderen parkt.

Und zuletzt blieben wir stehen und äugten in dem einzelnen, anscheinend leeren Quittenbaum an einem der Vexindorfränder nach der einen Frucht, und da war sie, da wölbte sich aus der Laubfläche ein Körper, ein Fruchtkörper, ein einzelner, der einzige.
 
 
 
 

 
 
Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis.

Alle Zitate aus: Peter Handke – Die Obstdiebin, Berlin 2017.

2019 15 Okt

Was vor der Wende war

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

 

Am 7. Oktober 2019 waren die Straßen in Berlin voll mit Polizeiwagen. Ich wusste nicht warum, erfuhr dann aus der „Berliner Zeitung“, dass ein Autokorso zum Gedenken an den blutigen 40. Gründungstag der DDR erinnern sollte. Das war ja kurz vor der Wiedervereinigung. Was um den 32. Jahrestag stattfand, erfuhr ich jetzt aus einem Film, der aus dieser Zeit erzählt, einer Zeit „als es noch Rollerskates gab, als alle Mädchen noch Schamhaare hatten und die Jungs Dauerwellen und Make-up, als jeder noch einen Plattenspieler und Kassettenrekorder besaß, als noch in den Kneipen und im TV geraucht wurde, als es die Hausbesetzer und die RAF gab, die DM, die Mauer, die DDR und Westberlin.“ „Ich war dabei“, sagt Mark Reeder aus Manchester in dem Film Lust and Sound.

 
 

 
 

Ich auch. Als ich letzte Woche auf dem Mauerweg vom Babelsberger Schloss zur Glieniecker Brücke spazierte, sozusagen auf dem Todesstreifen, entlang der fiktiven Mauer, dachte ich an meine 80 er Jahre hinter dem realen iron curtain. Ich wohnte in Schöneberg, Kreuzberg war aber auch mein Kiez. Dschungel, Risiko, Mitropa waren die Szeneorte und natürlich das SO36, wo man nachts dem Roboter Tanz von Martin Kippenberger zusehen konnte, wo man Eric Burdon, die Toten Hosen oder Christiane F. traf. David Bowie verkehrte in meinem Tortenladen um die Ecke, dem „Anderes Ufer“. Oben in der Goltzstrasse verkauften Gudrun Gut und Blixa Klamotten und Musik im „Eisengrau“. Es wimmelte von Punks und Queers, Berlin bebte. Bowie spielte vor dem Reichstag und schickte so den west sound über die Mauer. Egal, wohin man kam, privat oder in die Kneipen, überall lief Joy Division oder Annette Humpe’s  „Ich steh auf Berlin“. Wenn es Einbrüche gab, wie der Tod von Ian, nur ein paar Monate nach dem Auftritt von Joy Division im Kant Kino (Koma Kino), dann litten wir tief, gingen nicht raus, sondern hörten zu hause am Boden liegend Musik von Tangerine Dream, Ashram Temple oder folgten dem depressiven Sprechgesang von Anne Clark. Als der junge Hausbesetzer in der Potsdamer Strasse über fahren wurde und starb, waren wir wie gelähmt. „You need a drug“ war nicht nur musikalisch eine Hilfe. WestBam tröstete. Meistens waren wir gut drauf, Westberlin war wirklich sexy. Gudrun Gut, die Frontfrau von Malaria! sang frei und verführerisch, ihr Freund Blixa Bargeld streunte lasziv durch die Szene. Ostberlin interessierte ihn nicht. Er fand es spannend in einer Stadt zu leben, von der er die andere Hälfte nicht kennt. Ich war immer neugierig auf Ostberlin. Ich fuhr in den 80 ern im Sommer rüber, am Hauptmann von Köpenick vorbei zum Schwimmen im Müggelsee.

Heutzutage zieht es mich nicht nach Berlin Mitte oder Prenzlauer Berg. Ich fahre immer wieder nach Potsdam, die Stadt ist für mich wie ein Tor zur Schönheit: „Achtung, Sie verlassen jetzt Berlin“. Das vollkommen zerstörte Potsdam hat in den letzten 30 Jahren seinen preußischen Glanz aufpoliert. Die Schlösser und Villen waren zum Glück wenig zerstört. Günther Jauch hat in der Villa Kellermann am Heiligen See in Potsdam vor kurzem ein Restaurant eröffnet. Ich besuchte es, auch weil ein echter Andy Warhol (der Alte Fritz) dort hängt.

 
 

 
 

Bedient wird man dort von jungen Frauen in grauen Arbeitsanzügen. Soll das Retro-Sozialismus sein? Als sich die in diesem Outfit vollkommen unerotisch wirkende Bedienung näherte und mich fragte: „Was darf’s denn sein?“ antwortete ich: „Kaltes, klares Wasser“. (Von Malaria!)

 

Keine Einträge gefunden. Ein leeres Blatt hier auf diesem Blog? Ich mag es kaum glauben, dass scheinbar über all die Jahre sich noch keiner dem französischen Trompeter Erik Truffaz gewidmet hat. Seit Bending the Corners Ende des letzten Jahrtausends erschien und eine ganz eigene Welt erschuf in der sich Wah-wah-E-Pianos, französische Rapper und neue Strukturen, getragen von einem Trompetensound, der mal schwebte und sich mal durch vertrackte Rhythmen mäanderte, hat Truffaz etliche, teilweise auch weit genreübergreifende Alben vorgelegt. Dabei die musikalisch sehr spannenden kulturübergreifenden Experimente von Rendez-Vouz, u.a. Mit Sly Johnson, Murcof und indischen Musikern oder das fast ambienthafte Being Human Being mit Enki Bilal (dessen Comics und Filme einen doppelbödigen, morbiden Charme und eine ganz eigene Bildersprache haben). Dazwischen gab es aber immer wieder Alben mit seiner Band, in der ihn der Keyboarder Benoît Corboz und der Bassist Marcello Giuliani schon sehr lange begleiten. Auch war er neben Nils Petter Molvaer einer der ersten Jazzmusiker, die vor fast 20 Jahren ein ganzes Album als höchst hörenswerten Remix bearbeiten ließ: Erik Truffaz Revisité. Eine Empfehlung!

Ein leeres Blatt liegt auch bei Beginn der Aufnahmen zu seinem aktuellen Album Lune Rouge auf dem Tisch. Nur die Idee die bisherige Klangsprache weiterzuentwickeln, wozu der zuletzt hinzugestoßene Drummer Arthur Hnatzek gebeten wurde die perkussiven Grundstrukturen für die gemeinsamen Sessions vorzubereiten. Dies hat er sehr minimalistisch und treibend getan, was selbst bei dem stets für Neues offenen Erik Truffaz angesichts des konsequenten Reduktionismus anfangs etwas irritiert haben muss. So begannen die Sessions der miteinander inzwischen sehr vertrauten Musiker und danach wurde geschnipselt und geschnitten. Teo Macero lässt grüßen. So gehen Sessionelemente und Komponiertes oft nahtlos ineinander über. Das Album beginnt mit Tanit, einer kurzen rhythmischen Überraschung, treibt weiter durch Cycle By Cycle. Jedes Stück mit sehr eigener, fast tranceartiger Atmosphäre und auch in sich sehr abwechslungsreich. Five to the Floor stellt das elegante Jazzpendant zum technotragischen, unendlich ausgelutschten Four-to-the-Floor dar, ET Two eine sehr gelungene Improvisation und Tiger in the Train ein massiv treibendes Stück, wo die Vitalität des Tigers im Rhythmus des Eisenbahnschienenholperns direkt unter die Haut geht. Danach folgt das Titelstück, das auch zugleich das längste des Albums ist, ein echter Höhepunkt in seiner sensiblen Differenziertheit, Vertracktheit und innovativen Schönheit. Mit Algol und Alhena folgen zwei perkussive Skizzen, die die arabischen Namen zweier Sterne tragen und durch teils gepresste, teils schwerelose Passagen der Trompete getragen werden. Nostalghia reizt dann die etwas gefälligere Seite aus, ohne sich dabei zu arg in Klischees zu verlieren, was aber leider zwei weitere Stücke mit Gesang etwas zu zwanglos tun und so auf dem sonst beeindruckend frischen Album wie sentimentale Fremdkörper wirken. Gerne mischt Truffaz mal zwei Gesangsstücke auf seinen Alben unter den Rest, was aber vor etwa 10 Jahren mit der großartigen Sophie Hunger zum letzten mal wirklich gut gegangen ist. Zum Ausklang gibt es das schwerelos impressionistische und zeitlose Houlgate, das in einer sanftestmöglichen Landung endet. Ich sitze auf meiner Urlaubsterrasse und schaue auf das Meer, in dem der fast volle Mond sich spiegelt und imaginiere den für den Blutmond erforderlichen Erdhalbschatten hinzu. Der Atem der sehr alten Trompete Truffaz‘ schwingt weiter und mischt sich mit dem Pfeifen des Abendwindes und dem Zirpen der Grillen. Noch mal von vorne …

 
 

 

Ein Neurowissenschaftler sagte mal, kurz nach der Pubertät sei der Mensch im Wesentlichen festgelegt. Dieses vor Jahren wahrgenommene Statement kam vor ein paar Tagen in Erinnerung, zum einen aufgrund der Neuausgabe des legendären Albums Abbey Road, zum anderen weil mich die Betrachtung von gemachten Fotos an einen Künstler erinnerten, der mich in jungen Jahren auf geradezu ekstatische Weise beeindruckte und beeinflusste. Könnte man Ekstase und Verzauberung messen, das „Twin Peaks Level“ wäre wohl noch um einige Dezibel überschritten gewesen. Es war genau in jener Umbruchzeit, der Stimmbruch schon vollzogen, als Jemand nassforsch-fordernd fragte, was denn meine Vorbilder seien. Ohne zu zögern schoss es heraus: „Max Ernst und die Beatles!“ Jahre später nochmals diesselbe Frage, diesmal war die Antwort, ebenso spontan wie selbstgewiss: „Die Sonne!“ Rückblickend kann ich heute sagen: alle drei prägenden Instanzen hatten mein Leben lang Bestand. Was auch immer gewisse Glaubensbrüder und -schwestern unter „Gott“ verstehen (ein für unsereins relativ unklarer Begriff): die Sonne stand zu allen Zeiten höher. Aufgrund eines Verkehrsunfalls lag ich zwei Monate im Krankenhaus, elfjährig und schwer verliebt in eine Krankenschwester. Ein Event tröstete mich am Tag der Entlassung über den Abschied hinweg: Abbey Road erschien. Noch schnell am Plattenladen vorbei, bislang besaß ich ja nur Singles („Crimson and Clover“, „Hey Jude“, The Troggs, The Rattles). Zuhause gleich aufgelegt (der Dual Plattenspieler wurde über Diodenstecker an das Telefunken Bajazzo Transistorradio angeschlossen). Ein neues Ich begann, tiefgreifende Identifikation: man hörte das Album nicht, man war es selbst. Ähnlich ging es mit Max Ernst, dessen Einfluss sogar die Aufnahme in die Kunsthochschule zu verdanken war. Bei ihm kamen verschiedene Momente ins Spiel: das poetische Moment, in altmeisterlicher Technik vorgetragen; die Schockeffekte von Dada und Surrealismus; und die Hinwendung zu Traumwelt und Psychoanalyse (hier besonders die Collagen). „Ein Zauberer der kaum spürbaren Verrückungen“, so wurde er genannt, der gleichzeitig urdeutsch und völlig undeutsch war. Wie gesagt, als ich im Sommer diese Fotos machte, dachte ich, der Ernst steckt irgendwie noch drin, mit all seiner Heiterkeit.

 
 


 
 

 

In meinem Reisetagebuch findet sich der Eintrag vom 8.9.1970: wir reisen nach Jugoslawien ein. Wir nehmen den Bus von Triest nach Kozina, weiter nach Rijeka, mit einem anderen Bus bis Kraljevica. Wir schlafen in einer Pension „Frano“ am Strand.

Die Schönheit von Jugoslawien ist in dem Buch „Brücke über die Drina“ beschrieben. Ivo Andriç (1892-1975) hat dafür den Literaturnobelpreis bekommen. Lange vor Peter Handke. Die Brücke ist die beste Metapher für ein Land, das einmal als Vermittler in der Weltpolitik eine unvergleichlich wichtige Rolle spielte, als es ihm der Größe nach gebührte. Für uns war Jugoslawien ein fremdes Übergangsland zwischen zwei Welten, Ost und West, Christ und Moslem. Wir waren über die Sprachenvielfalt überrascht und fasziniert von der spektakulären Naturlandschaft.

 
 


 
 

Es war Ivo Andrić’s Verdienst, Serben, Kroaten und Slowenen zumindest sprachlich unter einen Verbund zu bringen. Wir Leser erfuhren aus seinen Büchern die ersten Details noch vor dem Balkankrieg. Peter Handke bangte zurecht um den Fortgang der Geschichte von Europa. „Indem man Jugoslawien zerstört  hat, hat man das wirkliche Europa zerstört.“ Peter Handke wollte Vorort sein, er wollte dabei sein, schauen, empfinden und fragen. Und vor allem begreifen. Und dann in Sprache umsetzen.“Nichts näher dem Göttlichen als die Sprache – die Möglichkeiten der Sprache.“

 

„Und Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.“

(Peter Handke: Don Juan – erzählt von ihm selbst)

 

 
 

In dem wunderbaren Buch erzählt er von 7 Begegnungen mit Frauen, die verlassen werden und zwar auf so meisterliche, sanfte Art und Weise, wie das Leonhard Cohen tat. Handke lässt die Frauen in geografische Räume treten und hält sie dort in der Zeit fest – ganz der Nietzsche-Kenner – er bittet sie, den erfüllten Augenblick festzuhalten. Vermögen die Liebenden, die Liebedienerinnen ihren Don Juan zu erkennen? Seine Verführung? Was sind das für Frauen? Verführen nicht eher sie? Handke beschreibt die erste Frau unglaublich sinnlich. Es ist eine Rockerbraut in Lederklamotten mit nichts „drunter“. Auf dem Rücksitz einer schweren Maschine. So oder so, das kann Handke also auch. Ein weiterer Versuch. Die Versuche sind symptomatisch für sein Oevre. Er schaut, er empfindet, er fragt, er begreift … Auf einer Hochzeit im Kaukasus erzählt er, wie die Braut mit ihm flirtet.“ Jetzt gab es nichts mehr als die fremde Frau … Da saß keine Braut mehr, sondern nur noch die Frau … unbeschreiblich schön … Er erzählte weiter, dass er, in der Tür stehen geblieben,  sie so nah und so gross sah wie durch ein Telescop insbesondere so ausschließlich. Don Juan war kein Verführer. Er hatte noch nie eine Frau verführt. Zwar waren ihm welche begegnet, die ihm das nachgesagt hatten. Aber diese Frauen hatten entweder gelogen, oder sie wussten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, und hatten eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.  Und umgekehrt war Don Juan auch noch kein mal von einer Frau verführt worden. Es war vielleicht vor gekommen, dass er solch einer Möchtegern-Verführerin ihren Willen, oder was es eben war, liess, doch im Handumdrehen wurde ihr dann klargemacht, dass es jetzt um keine Verführung mehr ging und dass er, der Mann, weder den Verführer verkörperte noch auch das Gegenteil. Er hatte eine Macht …“ (DON JUAN S.73) Eine geniale Vorlage für Pavarotti und die me too ladies …

Ich gratuliere Peter Handke zum Literaturnobelpreis, er hat ihn verdient. Ich wünsche ihm noch viele Leser. Und für seine genauen Skizzen noch viele kontemplative Betrachter.

2019 11 Okt

… und 2019

von | Kategorie: Blog | | 4 Comments

In einem meiner ersten Kommentare hier auf dem Blog (ich war noch kein „offizieller“ Manafonista) ging es auch um Herbert Vesely‘s Film „Der kurze Brief zum langen Abschied“ nach dem gleichnamigen Text und Drehbuch von Peter Handke. Damals deshalb, weil in diesem durchaus typisch deutschen Roadmovie die Musik Brian Enos zu der wunderbar surrealen Atmosphäre wesentlich beitrug und die Unbestimmtheit vieler Szenen auf ein neues Niveau hob. Leider ist dieser Film aus dem öffentlichen Repertoire völlig verschwunden.

Vor etwas über 40 Jahren wurden die Texte Peter Handkes durch den großen Bruder einer Grundschulklassenkameradin in unsere Familie gebracht. Genauer besuchte er öfters meine Mutter und führte lange Gespräche mit ihr, was insofern ungewöhnlich war, dass sie sonst eine eher zurückhaltende und kontaktvermeidende Person war. Eines Tages brachte er, der übriges heute eine exzellente Bassgitarrenmanufaktur führt, „Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ zu uns mit. Ein Büchlein mit Texten, die ich als damals Spätpubertierender verschlang und nach mehr verlangte.

So saß ich etwa ein Jahr später in der Oberstufe im Unterricht und las von den ewigen Redundanzen gelangweilt, Handke‘s „Kaspar“. Stille und unauffällig. Was meine Lehrerin nicht davon abhielt mich zur Ordnung zu rufen und mich scharf fragte, was ich denn da unter dem Tisch täte. „Lesen“ antwortete ich lakonisch und verkniff mir den Kommentar zum Stimulationsniveau ihres Unterrichts. „So, was denn? Dann lesen sie doch mal vor!“ legte sie nach. Doch der Moment ihrer vermeintlichen Überlegenheit weilte nur kurz, als ich ruhig begann einfach genau die Textstelle, an der ich mich gerade befand, vorzulesen. Wer mit dem Text vertraut ist, weiß, dass es sich fast nur um Ausführungen zum pädagogischen Frontalversagen handelt, klar im Inhalt und klar in den theaterreifen Aussagen. Desto weiter ich las, desto amüsierte zeigte sich der Kurs und desto stiller und verlegener wurde meine Lehrerin. Es war genau das letzte mal, dass ich beim Lesen in ihrem Unterricht gestört wurde.

Später trug ich lange Zeit meist eines seiner Journale, beginnend mit dem „Gewicht der Welt“ mit mir herum, weil sich diese kurzen, oft sehr präzisen Beobachtungen, die gerade die kleinen, leicht zu übersehenden Dinge fokussierten, hervorragend eigneten in den kleinen Momenten zwischendurch gelesen zu werden. Manchmal weckten sie mich auch einfach auf und zogen mich in eine Beobachterposition hinein, in der ich zum stillen Betrachter der Dinge werden konnte, die sonst nur zu schnell übersehen werden. Und genau diese feine Spur ist es, die ich an Peter Handke‘s Texten mag, so strittig sie vielleicht in anderer Hinsicht auch sein mögen und die nicht zuletzt auch zu etwas Doppelbödigem, wie dem „Versuch über den stillen Ort“ geführt haben.

 
 

 


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz