Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

 

 

 

A wonderful conclusion of MOJO‘s review of Lambchop‘s new album, out on Friday.

 

MHQ: Bist du der „Drogenbeauftragte“ der Manafonisten?

 

ME: Scheinbar. Obwohl da leicht falsche Eindrücke entstehen. Auf jeden Fall habe ich mich in den letzten Monaten mit Kratom, und mit Psychedelika befasst – eine Hauptquelle war das grossartige Buch von Michael Pollan, das jetzt im Kunstmann-Verlag erschienen ist.

 

Und du hast praktische Erfahrungen gesammelt, wie Michael Pollan?

 

Eine mexikanische Expertin hat mich vor Wochen in Regensburg mit der KRÖTE bekannt gemacht, und eine Reise initiiert. Es war sehr, sehr seltsam. (A psychic rollercoaster with ego dissolution and extremely fearful moments, I confess.) Michael Pollan  lebt an der Quelle. In Kalifornien ist es für einen bekannten Autoren sehr viel leichter, eine ganze Reihe von Psychonauten zu finden, also geschulte Fachleute, die einen auf einem Trip begleiten, und die Zugang zu den Substanzen haben, ihre einwandfreie Qualität sichern. Und Kalifornien ist eine Hochburg der LSD-Forschung. Lies mal Ayelet Waldmans Buch über das „micro-dosing“ von LSD. Father John Misty hat es bei seiner letzten oder vorletzten Arbeit als kreatives Stimulanz eingesetzt. Wenn du hierzulande nach LSD suchst, und nicht ins Dark Web willst, kommst du nur, legal, an Ersatz-LSD, oder synthetische „mushrooms“. Dem traue ich nicht sonderlich. Über Kratom möchte  ich hier nicht reden, das fehlt mir noch einiges an Wissen, das wäre zu laienhaft.

 
 
 

 

 

Wie bist du denn auf Kratom gekommen, Michael Pollan verliert darüber kein Wort.

 

Bei einem der letzten Festivals in Kristiansand, bot mir ein Journalist aus dem ehemaligen Ostblock – 😂 – Kratompulver an, zum Kaffee. Es würde einen leicht euphorisieren. Aber ich hatte schon gute Laune, und würde nie irgendwelche  psychoaktive Substanzen zu mir nehmen, ohne mich grundlegend über sie infomiert zu haben. Der Typ war aber sehr nett und vertrauenswürdig. In Prag würden wir sicher öfter in einem dieser alten Kaffeehäuser zusammensitzen und norwegische Jazzplatten diskutieren 🤣.

 

Du willst doch nicht erzählen, dass du zuletzt diesem Kratom nachgegangen bist, allein, um seine stimmungshebenden Qualitäten zu prüfen.

 

Jede Droge wirkt komplex, und wer Kratom nach genauen Anleitungen nimmt, sollte anfangs einen Eimer neben sich stehen haben – 🤣. Die meisten empfehlen es auf nüchternen Magen, aber so oder so kann da schon mal das grosse Kotzen kommen.

 

Das Pulver wird jetzt keine neuen Freunde gewinnen.

 

Es gibt Kratom in verschiedenen Formen, die ein sehr unterschiedliches Wirkungsspektrum haben, das auch von der Dosierung abhängig ist. Ich habe es zweimal genommen, um seine Wirkung zu prüfen, „Borneo Red“, und was passierte? Ich fühlte mich, ähem, heiter und beschwingt, leicht schwebend. Aber es gibt ein viel tieferes Interesse, bestimmte Sorten sollen eine schmerzlindernde Wirkung haben, weil gewisse Elemente von Kratom Opioid-Verbindungen enthalten. Und ich habe seit einem guten Jahr, alle vier Wochen im Schnitt, eine einseitig Nackenneuralgie rund um den Trapezmuskel, vier bis fünf Stunden im Land des allerunlustigsten Schmerzes.

Und Tramal Retard, auch nach Absprache mit dem Arzt höher dosiert, wirkt bei mir nicht. Ich habe darum gebeten, mit ein stärkeres Opium zu geben, aber das bekam ich nicht. Nun ist mit dem Zeug nicht zu spassen, aber dieses Scheisstramal macht nicht mal ein High, der Schmerz bleibt unangefochten, und das Zeig geht anders als andere Opiate, die ich mal bekam,  bei zwei anderen Geschichten, auch noch auf den Kreislauf. Erst machten mich die Schmerzen fertig, und dan das Tramal. Da denkt man schon an Alternativen.

 

Und nun?

 

Neuralgien sind fiese Sachen. Früher hat man den Schmerz und sich mit Laudanum abgeschossen, und rasch war man in der Sucht gelandet. Nun weiss ich, dass dieses Spannungsfeld von Neuralgie und massiver Verspannung des Trapezmuskels Diverse Aspekte hat. Es läuft zum Teil auf eine Fehlstellung der Wirbelsäule hinaus, und da kommen Osteopathie und Pilates-Training ins Spiel. Aber wenn der Schmerz mal sein Fünf-Stunden-Fenster geöffnet hat, dann ist das hammerbrutal. Und ich will da das adäquate Mittel. Die WHO staffelt die Vergabe der Stärke von Opioiden nach der Befundlage, und das, was ich vorschlug, wird nur bei starken Tumorschmerzen verbabreicht. Alles schön und gut, aber ich brauche etwas, das wirkt, vielleicht Oxikodon der Tillidin, weiss der Kuckuck. Oder eben ein bestimmes Kratom. 

 

Erzählst du jetzt mal, was passierte, als der Pilzforscher auf den Baum stieg?

 

Beim nächsten Mal. Ehrlich, das ist dann auch das Finale dieser kleinen Serie. Aber, ähem, stattdessen möchte ich dir einen der Träume von heute Nacht erzählen. Ich habe mich nämlich entschlossen, mich von nun an wieder intensiv der Praxis der luziden Träume zuzuwenden.

Und alles beginnt damit, dass man ein Traumjournal führt, Traumerinnerungen stärkt, wiederkehrende Traumzeichen identifiziert, um dann einige dieser wiedekehrenden Zeichen, Menschen oder Umgebungen als Trigger für  das Anknipsen des Bewusstseins im Traum zu verwenden.

Ich war mit meinen alten Klassenkameraden in einem grossen Raum, der dem ehemaligen Zeichensaal des Max Planck-Gymnasiums sehr ähnlich sah. Wir waren aber alle in dem Alter, in dem wir gerade angekommen sind, es war also keine Zeitreise. Neben mir sassen Randolf, Lothar und Harald, und wir flachsten und erzählten Stories. Plötzlich ging die Tür auf, und unser Klassenlehrer, von einigen liebevoll „Egon“ genannt, betrat den Raum. Wie in alten Zeiten, standen wir alle auf, Egon legte grossen Wert auf Disziplin, er war die seltene Mischung aus stockkonservativ, Existenzialist, und literarischem Freigeist. Ich habe ihm viel zu verdanken, andere arbeiten sich noch heute an ihm ab. Mir traten fast Tränen der Rührung aus den Augen, trotzdem merkte ich nicht, dass dies ein Traum war. Zuerst ging er zu Michael H., und erinnerte sich an den Tag, an dem sie sich an der französischen Atlantikküste begegnet seien. Er ging von einem zum nächsten, um gemeinsame Erfahrungen in Erinnerung zu rufen. Er kam bald auch zu mir, und sagte sinngemäss: „Michael, ich erinnere mich gut an den Tag, als du deinen Krimikurzgeschichte auf dem Seminar in Southampton vorgetragen hast – fehlerfrei“, fügte er mit einem Schmunzeln hinzu.

 

Es geht also los.

 

Yep. And I still have to write that story 😇. Clare R. Johnson‘s Buch Llewellyn‘s Complete Book of Lucid Dreaming is my dear companion for the next months, and since I had my first lucid dream in December 1982, thanks to Paul Tholey, I know that lucid dreaming is one of the most powerful tools of the human consciousness. It goes back to ancient traditions of Tibetan Yoga, and has now been scientifically researched for decades.

2019 16 Mrz

In his own writing

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By Sun Ra, seen at Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, as part of the „57th Carnegie International“.

By the way, mirrored in the lower photo one of the custom-built instruments of Harry Partch can be seen.

 

 

Change

 

A few feathers on the riverpath by the copse

betray the corpse.

Nothing more sinister

than unseasonal cold weather –

the egrets and light have returned to the river

the same week as a storm from Russia.

The big drifts take their time, lie

unthawed on the far banks for days,

discoloured by a topsoil

that has blown off the fields.

The wild birds fly, awkward, away

upriver. Always away.

And I move, a violence all my own

shape, back through the town

alone and shamed,

a man on his worn out, empty way.

 

Umkehr

 

Ein paar Federn auf dem Uferweg neben dem Buschwerk

lassen den Kadaver erkennen.

Nichts ist unheimlicher

als außergewöhnliche Kälte –

die Reiher und das Licht sind zum Fluss zurückgekehrt,

in der gleichen Woche wie ein Sturm aus Russland.

Die starken Strömungen nehmen sich Zeit, sie liegen

tagelang unaufgetaut an entlegenen Ufern,

verfärbt durch einen Oberboden,

der von den Feldern weggeblasen wurde.

Die wilden Vögel fliegen, ungeschickt, davon,

flussaufwärts und immer davon.

Und ich, eine Gewalt in meiner eigenen Gestalt,

bewege mich zurück und durch die Stadt,

allein, beschämt,

ein Mann auf seinem ausgetretenen, inhaltsleeren Pfad.

 

Seit Januar erhältlich:

 

 

 

1010 Paul Bley: Ballads – ***1/2  / ***** (gm)
1014 Chick Corea: Piano Improvisations Vol.1 – ***** – *** (gm) 
1056 Ralph Towner/Gary Burton: Matchbook – **** – (me / jr / gm)
1076 Barre Phillips: Mountainscapes – **** – ****1/2 (bw) – *** (jr) – **** (gm)
1084 Eberhard Weber: The Following Morning – ***** (me / bw / jr) – **** (gm)
1097 Pat Metheny: Watercolors – **** – ***** (bw) – **** (jr / gm / js)
1139 Mick Goodrick: In Pas(s)ing – ****1/2 – **** (bw) – ****1/2
1169 Jan Garbarek/Kjell Johnsen: Aftenland – *1/2 – ***1/2 (gm)
1218 Steve Tibbetts: Northern Song – ***** (me / gm / hdk)
1220 Mike Nock: Ondas – ****1/2 – **** (gm)
1255 Keith Jarrett: Standards Vol. 1 – ***** – ****1/2 (gm)
1272 John Abercrombie: Night – **** – ***** (gm) 
1322 David Torn: Cloud About Mercury – **** (me / jr/ gm)
1346 Terje Rypdal: Blue  – **** – ***** (jr) – ****1/2 (gm)
1458 Louis Sclavis Quintet: Rouge  – **** (me / gm)
1475 Miroslav Vitous/Jan Garbarek: Atmos – *** (me / gm)
1478 Surman/Warren: The Brass Project – *** – ***1/2 (gm)
1486 Stephan Micus: To The Evening Child – *** (me / gm) 
1604 Bobo Stenson Trio: War Orphans  – *** (me / gm)
1657 Peter Erskine: Juni – *** (me / gm)

 

Ab Mai erhältlich:

 

 

 

1024 Gary Burton/Chick Corea: Crystal Silence – ***** (me / jr / gm / js / hdk)
1030 Gary Burton: The New Quartet – ***1/2 – **** (jr) – **** (gm / hdk)
1032 Ralph Towner: Diary – ***** – **** (jr) – ***** (gm / js / hdk)
1038 Art Lande / Jan Garbarek: Red Lanta – ***** (me / bw / gm / js)
1041 Garbarek/ Stenson: Witchi-Tai-To – ***** (me / ijb) – ****1/2 (gm / js /jr)
1043 Bennie Maupin: The Jewel in the Lotus – ****1/2 – **** (gm) – ***** (js)
1044 Julian Priester: Love, Love – ***** – **** (gm) 
1048 Paul Motian: Tribute – **** (me / gm / js) – ***** (hdk)
1052 Steve Kuhn: Trance –  **** (me / gm / hdk)
1120 Bill Connors: Of Mist & Melting – **** – ***1/2 (gm) 
1128 Jack DeJohnette: New Directions – ****1/2 – *** (jr) – ***1/2 (gm)
1160 Steve Swallow: Home – ***1/2 – **** (jr) – **** (gm)
1193 John Surman: The Amazing Adventures of Simon Simon – **** (me / gm)
1230 Don Cherry/Ed Blackwell: El Corazon – ***** – **** (gm) 
1352 Gary Peacock: Guamba  – ***1/2 (me / gm)
1464 David Darling: Cello – *****  (me / jr / gm / ijb)
1577 Keith Jarrett: At The Blue Note, 3rd CD  – **** (me / gm)
1744 Trygve Seim: Different Rivers – **** – **** (gm) – ***** (ijb)
1906 Susanne Abbuehl: Compass – *** – **** (gm) – ***** (hdk)

 

 


 
 

 

Es war einmal, in den Siebzigern, da trat Gary Burton mit seiner damaligen Band im Sauerland auf, in der Balver Höhle, im Rahmen des dortigen Jazzfestivals. Für ihn muss es ein sehr ungewöhnliches Erlebnis gewesen sein, denn er wusste erstmal nicht, dass dieses Event in einer Höhle stattfand. Das ist ja irgendwie etwas Seltsames, Spezielles. Man denkt an Höhlenmalerei, an Steinzeitmenschen und Affen. Da landete also der filigrane Vibraphonist (der meiner Meinung nach einige der besten Alben seiner Karriere bei ECM veröffentlichte, die meisten in den frühen Jahren, und das ist auch eine Story, die in jenem alten Jahrzehnt begann) an einem solchen Kristallisationspunkt der Menschheitsgeschichte. Gary Burton spielte am Ende des Tages, das Publikum war enthusiastisch, teilweise betrunken, teilweise bekifft, und teilweise bei klarem Verstand. Die Band gab mehrere Zugaben. Nach der ungefähr fünften Zugabe war man der Meinung, das sei nun genug und zog sich zurück, obwohl das Publikum mittlerweile in ein rhythmisches Klatschen verfallen war. Man ging auf die Bühne, packte die Instrumente zusammen, doch das Publikum hörte nicht mehr auf mit dem Klatschen, schien sich selbst in eine Klatschtrance versetzt zu haben – das Echo des Klatschens wurde durch die Höhle getragen, sprang von den Wänden zurück. Der Höhlenraum war sehr eng, und so musste die Band etliche Male von der Bühne, an den Klatschenden vorbei, zum Bühneneingang, zum Tourwagen, und zurück. Nachdem alles verstaut war, setzte sich Gary Burton noch mit dem Veranstalter zusammen, regelte den Papierverkehr und nahm das Honorar entegegen. Und selbst dann noch, als man sich anschickte loszufahren, war das kollektive Klatschen aus der Höhle zu vernehmen.

 
 

Hier könnte dem einen oder der anderen das Argument abhanden kommen, es seien halt Kurzgeschichten, und Romane hätten eindeutig Vorrang , weil  man es sich in ihnen behaglich einrichten könne. Wer einmal DIE KRÖTE zu sich genommen hat, weiss, das diese psychoaktive Droge auch nur einen halbbstündigen Trip in eine andere Welt beschert – unvergesslich bleibt die Erfahrung allemal. Und das gilt auch für die Short Stories von Clemens J. Setz, der vor Jahren das Wunderwerk „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ auf den Markt brachte. Und hier, in diesem schmaleren Büchlein aus dem Suhrkamp-Verlag, begegnen wir einmal mehr einer Schar beschädigter, verwundeter Protagonisten, die allesamt eine hochauflösende, fast halluzinierende Wachsamkeit verströmen, und oft alltäglichste Dinge mit einem psychedelischen Röntgenblick ausleuchten. Der Seher ist stets ein Einsamer, aber sobald wir ihm Blick für Blick folgen, in erweitertem Bewusstsein, wird das Abseitige, das, positiv betrachtet, Konventionen durchbricht, geteilt. Wer sagt denn, dass man stets allein auf einen „Trip“ gehen sollte?!

 

 

 

„Die Zukunft ist nicht das, was man im Kino sieht.“

(Y.N. Harari, 18. Lektion)

Die Grundregeln der Roboter von Isaac Asimov: „Das Nullte Gesetz – Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass der Menschheit Schaden zugeführt wird.“ Heute Abend ging ich mit meinem biologischen Auslaufmodell in ein Konzert der neueren Art. „Hi, Alter 3!“. Leider wurde ich nicht zurückgegrüsst. Ich vergewisserte mich, dass ich in der 22. Reihe saß und all meine Sinnen beisammen hatte. Meine Augen erblickten einen humanoiden Roboter mit süßem Gesicht. Mein Tastsinn drängte nach einem Händedruck mit Alter 3. Meine Ohren hörten ein Quietschen und Klappern und wenn die Leinwand nicht die Texte verraten hätte, wäre mir nicht aufgefallen, dass der Roboter auch singen kann. Und was er sich da für sophisticated Texte ausgesucht hat …

 
 

Ein Liebeslied von Houellebecq: A kind of joy descends from the physical world. / I am attached to the Earth / The rocks , completely black … show me some of your body (aus: THE POSSIBILITY OF AN ISLAND

Von William S.Burroughs sang der Android: we are out, we are in, Tata Stalin (aus: THE THIRD MIND)

Von Ludwig Wittgenstein klapperte die Maschine: ich träumte, dass ich sagte, es regnet. Draussen regnete es wirklich. Ich irrte mich nicht, wir waren durch den Regen verbunden (so ungefähr)  (aus: ON CERTAINTY)

Es folgte noch ein Text von Y. Mishima. Halb gesungen, halb gekleppert: If I have ever moved of control  (aus: THE DECAY OF THE ANGEL)

 
 

Nach 60 Minuten ist die Deutschlandpremiere der Android Oper SCARY BEAUTY vorbei. 60 Minuten lang hat Alter 3 20 echte, japanische Musiker dirigiert. Das ist eine technische Meisterleistung. Wir klatschten und bekamen einen Anflug von Verbeugung zum Dank. Auf seinen „Coach“ zeigte er, sie, es ebenfalls mit leichter Verbeugung. Wir durften nach vorne zur Bühne kommen, um zu fotografieren. Kleine japanische Kinder riefen ihm hallo, hallo zu. Antworten kann er noch nicht. Er lächelte und nickte. Das converting program „World2Vec“ sollte hierfür erweitert werden. Ich war von der Zusammenarbeit zwischen dem japanischen Philharmonie Orchester und dem humanoiden Roboterdirigent tief beeindruckt. Komponiert hat diese Oper Keiichiro Shibuya. Ihm ist ein neuer Sound zwischen Pop, Klassik und elektronischer Musik gelungen. Hier der Trailer der Android Opera. Nach diesem außergewöhnlichen Opernbesuch dachte ich noch über die  erlebten Irritationen nach. Alter 3 ist nahbar, aber nicht fühlbar. Er ist erschreckend schön in seinem Skelett. Ich würde ihm einen 7. Sinn einhauchen: soziale Wahrnehmung. Das nächste Mal möchte ich, dass er zu mir sagt: „See you soon, human“.

 
 

 
 

Spirit of Eden und Laughing Stock sind Meilensteine. Die beiden letzten beiden Talk Talk-Alben liessen John Lee Hooker und Miles Davis anklingen, Elvin Jones und Ligeti, Robert Johnson und Gil Evans, als Stoff der Verwandlung, als Spurenelement. Und sowohl Mark Hollis wie Tim Friese-Greene hatten einige alte ECM-Platten als Quelle der Inspiration ausgemacht. 

 

Die Entstehung beider Alben ist legendär. Sicher wurden die Grenzen der Belastbarkeit öfter überschritten, bei dem Nachfolger Laughing Stock noch um einiges mehr. Soundmeister Phill Brown erinnert sich an The Spirit Of Eden:  

 

„I recall an endlessly blacked-out studio, an oil projector in the control room, strobe lighting and five 24-track tape-machines synced together. Twelve hours a day in the dark listening to the same six songs for eight months became pretty intense. There was very little communication with musicians who came in to play. They were led to a studio in darkness and a track would be played down the headphones.”

 

Das letzte Werk von Mark Hollis  erschien im Januar 1998, und hiess schlicht Mark Hollis. Es gehört In die einsame Klasse zeitgeistferner Aufnahmen jener Jahre, in dieser Hinsicht vergleichbar mit Robert Wyatts Shleep, Scott Walkers Tilt, Brian Enos Nerve Net. All diesen Alben ist etwas Überfliessendes zueigen, sie sind zerrissen und vollkommen zugleich, in ihrem Furor, ihrer Sehnsucht, ihrer Melancholie. 

 

Was für ein Liederzyklus: „The Colour of Spring“ handelt von Krämerseelen, die sich als Naturromantiker gebärden. „The Gift“ ist inspiriert von dem King Vidor-Film The Crowd, und erzählt vom Verschleudern natürlicher Begabungen. „The Daily Planet“ umreisst das Eindringen der Medien in die Privatsphäre. Mark Hollis war zu der Zeit in Deutschland, als Silke Bischoff beim Gladbecker Geiseldrama auch das Opfer einer zynischen Medienhatz wurde. Die hoffnungslose Lage im Palästina-Konflikt findet genauso ihren Widerhall wie eine Episode aus der Zeit der  „Depression“ in den alten USA. 

 

Die Musik des letzten Werkes von Mark Hollis ist der Endpunkt einer langen Reise, ein Gespinst von Klageliedern, die von einer Vergänglichkeit in die nächste stürzen, und dabei kein Verfallsdatum tragen. Eine gute Handvoll Interviews gab der Mann aus Tottenham damals, rund um die Jahreswende 97/98, es waren die letzten seines Lebens,  bevor er sich ins Privatleben mit seiner Familie zurückzog. Ich traf ihn im Hamburger Hotel Atlantic. Es war ein herzliches Wiedersehen, sieben Jahre nach unserem Londoner Treffen, nach dem Erscheinen von Laughing Stock. Mark Hollis ist am 25. Februar 2019 gestorben.

 
 
 

 
 
 

Michael: Mark, deine neuen Songs scheinen zu einer anderen Art der Ruhe gefunden zu haben. Weniger Wildheit und Wildnis als auf den beiden Vorgängern, und doch höre ich ich eine enorme innere Spannung heraus.

 

Mark Hollis: Ich wollte zurück zur einfachsten, grundlegendsten Aufnahmesituation. Ich wollte die Klänge so berühren, dass sie nicht gesäubert oder poliert klingen. Der Sound sollte den Charakter der Instrumente wahren. So nah wie möglich wollten wir herankommen an den realen Klang der Instrumente im Raum.

 

Michael: Kannst du etwas mehr von diesem Raum erzählen?

 

Mark Hollis: Der Raum, in dem die Musik entstand, ist diesem hier sehr ähnlich. Es beginnt immer mit dem Raum. Als erstes hörst du auf dem Album den Raumklang in aller Stille. Dieser Sound ist ein bedeutender Teil des Albums und immer wieder hörbar. Jeder Musiker hat eine klar definierte Position. Ich höre mir die Musik am  liebsten mit dem Rücken zu den Lautsprechern an. Dann kommt  es mir so vor, als wäre ich mitten im Raum. Wenn du intensiv genig lauschst, kannst du die Positionen der Instrumente genau lokalisieren. Du kannst hören, wo das Piano platziert wurde, wo genau Piano und Bass in Schwingung versetzt werden, und wo sich im jeweiligen Moment die Spielhand befindet.

 

Michael: Wie wurde diese leise Musik von den Mitspielern wahrgenommen, so weit weg vom traditionellen Gestus der Rockmusik? 

 

Mark Hollis: Wir fahren die Instrumente auf eine so niedrige Stufe herunter, dass der Nachhall so bedeutend wird wie das Erklingen der Instrumente. Es ist schon verblüffend, wieviel Raum auf dem Band zu hören wird, wenn man das Volumen so weit zurücknimmt. Für einige Musiker war das eine Überraschung, die waren so sehr an grössere Lautstärke gewohnt, und meinten anfangs, nur laute Töne könnten einen Raum vergrössern. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Wenn du die Ohren auf solch feine Strukturen einstimmst, kann sich ein faktisch kleiner Raum sehr gross anfühlen.

 
 

KLEINER AUSFLUG ZUM TONMEISTER NACH LONDON 

 

Ein paar Tage nach der Begegnung mit Mark Hollis sprach ich am Telefon mit Phill Brown, der Mann, der hinter den Reglern Geschichte geschrieben hat, und auch bei den beiden letzten Talk Talk-Alben dabei war, bei monatelangen Sessions, gnadenlosen Löschungen des Materials, auf der erschöpfenden Suche von Mark Hollis und Co. nach der idealen Synthese von freier Improvisation und finaler Gestalt. 

 

Phill Brown: Im Vorfeld hatten wir drei Studios zur Hand, die brauchbar schienen für Marks Vorstellungen für sein Soloalbum. Das eine war das „Air“, das andere „Land‘s Down“. Wir hatten eine hübsche Sammlung von Mikrofonen, das Telefunken-47, das Neumann-48, und viele andere, wir probierten sie alle aus, und hörten, wie sie klangen, wenn eine akustische Gitarre oder Perkussion zu hören waren. Wir entschieden uns für zwei Röhren-Stereomikrofone, zwei Neuman M-49s, sie kamen am ehesten an das heran, was wir wollten. Wenn du bedenkst, dass wir für kein Instrument Equalizer einsetzten, dann liegt es allein an den Mikrofonen, das ehrlichste Bild des Raumes zu vermitteln. Nach einiger Zeit fanden wir das Air-Studio zu lebhaft, „Land‘s Down“ war akustisch zu tot, also wählten wor das dritte Studio. Wir haben keine Klangfilter benutzt und keine Kompression. Das Studio war für einen bestimmten Sound hergerichtet, und das galt für alle Instrumente. In der Abmischung benutzten wir lediglich „spring reverb“ für die Stimme, eine historisch sehr frühe Form eines Hallerzeugers. In den Sechzigern gab es das „EMT-echo-play“, das einen sehr natürlichen Nachhall hatte. Das „spring reverb“ ist, wie gesagt, viel älter, und es bekam den Vorzug. Wir versuchten, eine Aufnahme zu machen, die den Jazzprodukrionen der frühen Fünfziger Jahre nicht unähnlich ist. Damals waren die Musiker sitzend um ein einziges Mikrofon gruppiert, und wer ein Solo zu spielen hatte, musste aufstehen.

 
 

FORTSETZUNG IM HOTEL ATLANTIC

 

Mark Hollis: Was den Sound angeht, dämpften wir das Studio noch, weil es anfangs etwas harsch klang. Die Optik des Raumes war nicht besonders einladend. Oft schalteten wir das Licht runter. Wenn aber die Holzbläser spielten, musste das Licht voll aufgedreht sein, damit die Noten zu lesen waren. Die Musik hatte viel mit Konzentration zu tun, die optischen Reize der Umgebung verschwanden beim Spielen. Ich glaube, die meisten spielten mit geschlossenen Augen.

 

Michael: Viele traditionelle Rockkritiker sind hier überfordert, die bevorzugte ihre Urstoffe hören wollen und sicher elektrische Gitarren vermissen. Dabei ist diese Musik sehr, sehr intensiv.

 

Mark Hollis: Ganz sicher. So war es sehr anstrengend, für Mark Feltham die Mundharmonika so zu spielen, dass sie sich in den vorwiegend leisen Gruppensound einfügen konnte. Bei anderen Instrumenten ist das leichter zu erreichen, aber bei der Mundharmonika musst du dich wahnsinnig anstrengen und enorm viel Kraft aufwenden, um einen ruhigen Ton zu produzieren. Ähnlich verhält es sich bei nahezu tonlosen Phrasierungen einiger Gesangspassagen.

 

Michael: ich glaube, daher rührt auch die seltsame Intensität einer  nur  an der Oberfläche so ruhigen Musik. 

 

Mark Hollis: Ich wollte drei Areale der Musik einbeziehen, das klassische Feld, den Jazz, und eine Art von Folk. Ich stellte mir ein kleines Kammerensemble vor, oder eine Folkgruppe. Welche dort gebräuchlichen Instrumente könnte ich da hernehmen? Ich wollte, mit Blick auf die Farbenskala, mit etwa fünfzehn, zwanzig Instrumenten arbeiten. Zugleich wollte ich immer nur eine kleine Anzahl von Instrumenten einsetzen. Stets eine sehr begrenzte Gruppe von Tönen, bei Wahrung der Vielfalt. So hast du die Möglichkeit, in diese drei Areale hineinzutreiben, und wieder hinaus. Für einen Augenblick scheinst du dich inmitten eines klassischen Ensembles zu befinden. In der nächsten Minuten bewegst du dich durch eine jazznahe Stimmung. Diese Vorstellungen bestimmen die Auswahl der Musiker, beispielsweise die Holzbläser. Der Klarinettist musste für micn ein Jazzmusiker sein mit einem ausgeprägten Verständnis fürs Klassische, und beim Oboisten war es umgekehrt. Laurence Pendress spielt das Piano und das Harmonium, er hat einen wichtigen Anteil an der Wirkung des Albums, er ist einer der wenigen, die mühelos durch die drei Zonen gleiten können. Seine  Art, sich den Klängen zu nähern, war so unglaublich zurückgenommen, du konntest fast nicht den Anschlag hören. Ihn zu finden, war ein Glücksfall, er ist der Musiklehrer meiner Kinder in der Schule.

 

Michael: Ich finde es faszinierend, wie die Holzbläser an einigen Stellen auftauchen, sich entfalten, und wieder verschwinden. Wie ich las, ist die Musik weitgehend auskomponiert, allein das Trompetensolo auf dem Anti-Heroin-Song „The Watershed“, und der Harmonika-Part auf der „bridge“ von „The Daily Planet“ waren nicht im Vorfeld geschrieben. 

 

Mark Hollis: Du weisst, wie  bedeutend für mich die Alben „Sketches of Spain“ und „Porgy and Bess“ von Miles und Gil Evans sind, über zwanzig Jahre hat die Verbindug zu diesen zwei Schallplatten schon gehalten. Ihre besondere Stärke ist die Balance zwischen sehr sorgfältig gestalteten Arrangements, und der sehr offenen, freien Ausführung. Bei „Laughing Stock“ und „Spirit of Eden“ jatten wir eine ähnliche Haltung. Nur dass damals nichts im Vorfeld arrangiert  wurde – es war alles frei improvisiert, bis wir in der zweiten Phase die Musik aus stundenlangem Material montierten und destillierten. Für dieses Album ist zwar nahezu alles im Vorhinein notiert worden, aber in der Interpretation wirklich offen.

 

Michael: Das Lied „A Life (1895-1915) erzählt vom kurzen Dasein eines Menschen,  dem erst grosser Fortschrittsglaube begegnet, dann unheilvoller Nationalismus, bis der Erste Weltkrieg sein Leben auslöscht. Und da  taucht auf einmal ein ätherischer weiblicher Chor auf.

 

Mark Hollis: Als ich die Musik für diesen Chor schrieb, wollte ich eine Tradition ländlicher Folklore aufgreifen. Eine elementare Struktur, ein Lied der Leute, und doch nahezu ein Mantra, in der Art, wie sich die Verse im Kreis drehen. Eine Melodie, die durchaus freudvoll vorgetragen werden könnte, wird hier zu einem Chor von Menschen, die an einem Grab stehen, ein leiser, murmelnder Klagegesang.

 

Michael: Und auch wenn hier viel Geschichte anklingt, die Kompositiomen lassen sich nie als rein „politische“ oder „historische“ Lieder fassen. Keine lineare Story, keine eingängigen Refrains. Es dreht sich stets um die tieferen Schichten von Leiden, von Schmerz. Nur das Wort, das schon im Gesang zerfällt, scheint  gültig zu bleiben.  Man ahnt den emotionalen Kern, auch wenn die Worte  nur bruchstückhaft bewusst werden. Wie etwa auf „Westward Bound“…

 

Mark Hollis: “Westward Bound“ begann mit der Idee, einen Song in der Tradition von Johnny  Cash zu schreiben, aber ihn dann in einer Weise zu realisieren, der für die Denkweise von Country & Western völlig fremdartig ist. Nur von der Basismelodie und der Intrumentierung her könnte er sich in das Genre einfügen. Das Lied ist angesiedelt zur Zeit der amerikanischen Depression. Ein Mann und eine Frau, sie erwartet ein Baby, die wirtschaftliche Lage ist deprimierend. Zwei Dinge gehen gleichzeitig durch seinen Kopf, die Freude über die bevorstehende Geburt, und der extreme ökonomische Druck. Auf das Singen übertragen heisst das: er hat dieses Leid in seinem Kopf, möchte aber auf keinen Fall seine Frau damit belasten, und verstummt innerlich. Der Druck ist aber so gross, dass er über die Lippen kommt. Der Mann versucht, dass die Stimme nur Denken ist, kein Gesang.

 
 

 
 

Mark Hollis sitzt gerne in einem stillen Raum.

 

Ich schaue mir das Bild auf dem Cover an. 

 

Mark Hollis: In Sizilien gibt es viele Osterprozessionen. Zu diesem Anlass fertigt man Gebäck an, welches das Lamm Gottes darstellen soll. Der Fotograf hat dieses Bild gemacht, weil die Augen auf diesem Teilchen so vollkommen jenseitig wirken, als stammte das Geschöpf von einem anderen Planeten. Der Glitzerschmuck auf der Stirn erschien mir  wie ein Symbol für das Strömen von Ideen.

 
 

NACHKLANG 1

 

Das Strömen von Ideen in kleinen, unendlichen Räumen.

 
 

NACHKLANG 2

 

Das ist das Paradoxe, die Lieder umkreisen Verlöschen, Versagen, Verschwinden, treiben die Töne an den Rändern des Nichts entlang. Und doch ist jeder sich bildende Klang noch Hoffnung, noch Schönheit, noch Bewegung. Als ich immer mehr in den Sog dieser Lieder geriet, fiel mir eim Gedichtband in die Hände, wie ein fernes Echo dieser Lieder, „Dreizehnte Vertikale Poesie“, von Roberto Juarroz. Ein Gedicht darin lautet so: „In jede Lücke ein Bild legen: / ein Flügel, aufgelöst in Licht, / oder eine Stille, umgeben vom einem Blitz. / / Und wenn man bei der letzten Lücke ankommt, / es für alle Fälle leer lassen. / Es könnte das schönste Bild sein.“ 


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