Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2024 9 Aug

Den Kopf verlieren

von | Kategorie: Blog | | 2 Comments

 

„Was kostet den Kopf?“ lautete der Titel einer Jubiläums-Festschrift zu Ehren des Soziologen Dietmar Kamper, dessen Bücher ich einst sammelte wie andere Leute Schallplatten und eigenmächtig zum Kultstatus erhob. Nun, die Zeiten ändern sich, aber der Terror der Bilder und die parasitäre Bemächtigung des Körpers durch den Geist, auf die ja auch der vom Bürgertum vielgescholtene Osho alias Bhagwan Shree Rajnesh einst hinwies, ist immer noch am wirken, stärker als je zuvor. Allerdings, in psychotherapeutischen Kreisen inzwischen bekannt, besteht eine konstruktive Wechselwirkung: der Körper formt den Geist (bottom-up) und der Geist den Körper (top-down). Die Eingangsfrage des geschätzten Soziologen, der ja auch Leistungssportler war in frühen Tagen, zielt wohl eher auf Letzteres und tatsächlich wies er immer wieder darauf hin, auf welch perfide Weise der Körper zugunsten des Geistes das Nachsehen hat. Deshalb werde ich auch nicht müde, meinen Lieblingswitz wiederholt zu zitieren, in dem Jemand einen verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, obwohl er ihn im dunklen Gebüsch weiter abseits verloren hat. Aber dort sind weder Licht noch Ratio. So ist der Kopf, hat er einmal feste Vorstellungen gefasst, nur schwerlich davon abzubringen. Ich habe es mir mittlerweile abgewöhnt, die Glaubenssätze anderer Menschen anzugreifen, diesem Minenfeld weiche ich aus, soweit es gelingt, behalte meinen Widerspruch für mich. Denn paart sich Sturheit mit Narzissmus, heisst es: die Flucht ergreifen.

 

 

                      

 

Notturno (Ö, 1986), Fritz Lehner

 

Wenn ich die bevorzugten und individuellen Klangqualitäten grosser Komponisten Revue passieren lasse, würde ich Beethoven das Donnergrollen zuordnen – irgendwie konnte er das am besten, Mozart das Leuchten und Strahlen, Schumann das Abgründige und Schubert die Sehnsucht und die Wehmut – dieser Mann sehnte sich das Herz aus dem Leibe.

Eine Biographie über ihn, die mir vor Jahrzehnten in die Hände fiel, war betitelt als „Musikgewordenes Heimweh“, vom Sprachlichen her etwas verstolpert – aber passt!

Fremd zieh ich wieder aus – zwischen diesen beiden Polen spannt sich das Leben von Franz Schubert auf, hier in einem Biopic von Fritz Lehner mit dem kongenialen Gernot Roll als Kameramann in einem Dreiteiler, fürs Fernsehen produziert; der Regisseur bekam dafür 1986 den Bundesfilmpreis.

Der kommerzielle Erfolg im deutschsprachigen Raum blieb dem Film versagt, er wurde fürs Kino auf einen dreistündigen Zweiteiler eingedampft (das heisst einige der besten Momente fehlen bzw der ganze Mittelteil), englisch synchronisiert und im Ausland vertrieben womit sich wieder das Muster konstellierte, dass der Prophet im eigenen Lande nicht viel gilt. Falls Schubert hätte hellsehen können, hätte er sich darüber nicht weiter gewundert und ein eigenes Lebensmuster darin wiedererkannt.

Sowohl der Zwei – als auch der fünfstündige Dreiteiler Mit meinen heissen Tränen sind mittlerweile als DVD erhältlich und ein gutes Zeichen dafür dass Produzenten vernunftbegabt sind und Potentiale erkennen und fördern können.

Der Film beschreibt das Leben des Hofkompositeurs Franz Schubert im Jahr 1828; es ist sein letztes Lebensjahr und bereits verdunkelt durch eine schwere Erkrankung, die ihn bald töten wird, die er zeitweise noch zu verleugnen sucht, bis sie am Ende zum finalen und nicht mehr zu verleugnenden Prankenhieb ansetzt, wahrlich eine Reise in den Winter auf die man uns mitnimmt.

Zunächst sehen wir ihn im Kreise seiner Freunde – junge Künstler aus den besseren Kreisen Wiens – Moritz von Schwind, Franz von Schober, Johann Strauss – und deren Entourage von hübschen Mädchen zum Feiern und Hörner-Abstossen, bevor eine gutbürgerliche Jungfrau geehelicht wird.

Alles smarte Jungs – wie man heute sagen würde – unter denen Schubert, den sie liebevoll aber auch abschätzig „Schwammerl“ nannten, sicher das grösste Talent sein eigen nennt, aber auf gesellschaftlichem Parkett eher unsicher und tapsig wirkt und auf Prostituierte zur Befriedigung angewiesen ist. Hart genug für einen Romantiker, der die Mutter verlor und als dreizehntes Kind der Eltern entsprechend emotional ausgehungert war. Als seine Ansteckung mit Syphilis langsam ruchbar wird, geht die Umgebung zusehends auf Abstand.

 

 

Der Film legt wenig Schwerpunkt auf äussere Handlung, ist fokussiert auf die Darstellung innerer Prozesse und Entwicklungen, die vom Regisseur in die szenische Gestaltung symbolisierend eingewoben werden und eine ganz eigene Textur bilden – ein gelähmter Bettler, der ihn verfolgt und seine Freundschaft sucht als Verkörperung des Elends das ihn nicht loslässt, grüne Äpfel, die unvollendet im Sturm vom Baum gefegt werden, gefangene Tiere, denen kurz die Freiheit geschenkt wird als Symbole eines eingesperrten Trieblebens, eine verfallende überwucherte Kirche, von der die Natur wieder kraftvoll und zunehmend Besitz ergreift in einer Phase eines kurzen Aufblühens von zupackender Männlichkeit des Protagonisten, freilich von kurzer Dauer.

Ein von einem Feuerwerkskörper getroffener niederbrennender Baum als Bild für die ultimative narzisstische Katastrophe, als er bemerkt dass das Mädchen, das sich für ihn interessiert, von seinen Freunden eben dafür bezahlt wurde. Im Hintergrund dieses Bildes einer Zerstörung die grandiosen Ejakulationen eines Feuerwerks, die darauf schliessen lassen, dass seine Freunde nach den oralen Befriedigungen eines Gartenfestes nun zu Freuden anderer Art übergegangen sind, von Moritz von Schwind in Skizzen festgehalten, die Schubert am nächsten Morgen auf der hagelverwüsteten Festtafel vorfindet.

Wir sehen Gesichter und Blicke in teils quälend langen Einstellungen – die Kamera bleibt stets nahe bei den Protagonisten und lässt sie nicht aus den Augen – sie erzählen die Geschichte einer Liebessuche, von Neid und Eifersucht und schliesslich einer Agonie, die ganze Umgebung in ihren fahlen Farben scheint davon infiziert zu sein, projektiv gesehen durch das Auge des Protagonisten in seinem körperlichen und seelischen Zugrundegehen.

Das Ganze geschickt plaziert ins Dulijöh – Wien der Biedermeierzeit, hinter aller Postkutschengemütlichkeit ein brutaler Polizeistaat (häufig eingeblendete berittene Polizei mit allen Insignien von Macht und Gewalt ausgestattet erzählen davon und schlagen assoziativ den Bogen zum Stock des brutalen Vaters, mit denen er seine Kinder und seine Schulklasse in Schach hält) mit ausgedehnten Ghettos für den verarmten Teil der Bevölkerung in denen Prostitution, Kriminalität und Krankheiten gedeihen.

Die im düsteren Hintergrund häufig eingeblendeten Postkutschen erinnern eher an Charon, der Menschen dorthin befördert, wo sie nicht hinwollen oder Nietzsches dramatisches Gedicht vom Tod Beethovens. Eine melancholische Fin-de-siecle-Stimmung, nur hundert Jahre früher, aber man sagt ja, dass die Jahrhundertwenden immer mit Melancholie und Depression vergesellschaftet seien. Warum auch immer … die Kunst hat diesen Phasen jedenfalls viel zu verdanken.Somit bildet die Umgebung eine Folie für den Protagonisten und spiegelt ihm zurück, was er erlebt, Innen und Aussen verschmelzen zu einer Einheit und wir haben in der Zusammenschau Teil an Verfall, Untergang und kurzzeitigem Aufleuchten und Wiederverlöschen.

Der Regisseur versteht es auch, Ambivalenzen herauszuarbeiten – die des narzisstischen Poseurs Franz von Schober und dessen Neid auf den Begabteren und seine Schuldgefühle, weil er ihn zu erotischen Eskapaden mitnahm und dem Schubert letztlich seine Krankheit verdankt. Auch so kann man ein Neidobjekt beseitigen, aber die Reue versteht noch ihn einzuholen, die hat flinke Beine und erwischt so manchen Hallodri doch noch am Ende und sorgt für eine Weiterentwicklung zum Besseren. Seine Tränen am Krankenbett sind ehrlich. Und die Frauen die von seiner gefühlvollen Musik tief bewegt werden, sich aber körperlich nicht von ihm angezogen fühlen und deshalb Schuld und Mitleid verspüren – das rührt auch das Herz der Käuflichen – ebenfalls eine anstrengende Mischung und schwer zu ertragen, da hält man Abstand und der Liebesansturm des Ausgehungerten endet in Peinlichkeit und Scham.

Und Johann Strauss spielt furios auf, schlägt alle in seinen Bann und seine depressiv – versteinerte Miene konterkariert alle fröhlichen Walzer und hellt sich erst auf als er einer Violinsonate von Schubert lauscht – man versteht sich, erkennt sich als im Leid verbunden und merkt, dass Depression auch vor den “ Feschen“ nicht haltmacht – und dass man nicht allein ist. Das Andeuten ansonsten unsichtbarer Beziehungen durch Blicke und Mimik ist eine der Stärken des Filmes.

Aber es gibt noch eine Abendröte vor dem grossen Dämmern: Schubert, in einer kleinen Kammer in der Wohnung seines Bruder untergebracht (und zeitweise sogar eingesperrt) komponiert seinen letzten Liederzyklus, die „Winterreise“, die er voll Freude als Fortschritt in seiner musikalischen Entwicklung erlebt und es spinnen sich feine Liebesfäden zwischen ihm und seiner jüngeren Schwester (oder Halbschwester) Josefa; sie betreut ihn, wäscht ihn und als sich erste kognitive Ausfälle zeigen hilft sie ihm sich zu strukturieren und an seiner Komposition weiterzuarbeiten.

Es kommt zu einer zwar nicht genitalen aber inzestuösen Begegnung, die Schubert noch einmal neue Kräfte verleiht – er kleidet sich an und möchte ausgehen, nimmt Kontakt zu einer Nachbarin auf, die er schon länger beobachtet – ein letztes – und wohl auch einziges Mal tanzt er mit einer Frau – vielleicht auch nur in der Phantasie, mehr geht nicht. Vorher erblickt er seinen Doppelgänger vor dem Haus – ein mythisch-kryptischer Hinweis auf den nahen Tod; Freud interpretierte ihn als das Gegenteil bzw als Abwehrkonstrukt: Ein Doppelgänger sichert das Überleben dessen, der ihn phantasmisch erschafft – einer bleibt also übrig – ein infantil anmutendes Rechenexempel, aber wenn sich Freud vom Klinischen entfernte und in kulturell – mythologischen Bereichen herumzudenken begann, wurde es oft recht seltsam, da wäre man versucht ihn ans Krankenbett zurückzupfeifen.

Bruder und Schwester Schubert also wirken zusammengeschmiedet im nonverbalen Kontakt und einer Art primordialem Raum in dem wortloses Verstehen herrscht. Das Mädchen spricht nicht, scheint verstummt – vielleicht angesichts der Gewalttätigkeit des Vaters, der mit seiner Zeugungswut zwei Ehefrauen verschliss – er hatte insgesamt 19 Kinder – und sich wohl auch wenig darum scherte, wenn die Kinder die sogenannte „Urszene“ auch mitbekamen. Der alte Pfiffikus aus der Berggasse hätte sich darauf natürlich wieder freudig gestürzt.

Zusammen mit ihrem Bruder, der in seiner Musik ausdrückte, was er realen Frauen nicht sagen konnte, webt Josefa ein Netz von hoher Dichte aus Blicken, Gesten und wortlosem Verständnis, das erst der Tod zu zerreissen versteht. Das letzte was wir von Schubert sehen, ist der panische Blick, als man sie aus dem Sterbezimmer führt und die Tür sich hinter ihr schliesst und Schubert, nun aller freundlichen Objekte beraubt, weiss in seiner Umnachtung doch noch genau wer als nächstes durch diese Tür eintreten und ihn endgültig fortführen wird.

Vorher hat sich der Kranke noch verzweifelt gewehrt gegen den Priester, der ihm die „Letzte Ölung“ – wie man das damals noch nannte – verpassen wollte – ein Terminus, der mich immer eher an Nahrungszubereitung oder den Bereich der Mechanik erinnerte als an das was es vorgab zu sein, aber vielleicht braucht man ja wirklich Schmiermittel für die Reise in die Ewigkeit, dann würde dergleichen ja Sinn machen – Schmiergelder gabs in diesem Kontext ja auch schon reichlich zu Zeiten des Ablasshandels.

In seinem Violinkonzert „Der Tod und das Mädchen“, das häufig eingeblendet wird, hat Schubert diesem gefürchteten Gesellen ein musikalisches Motiv zugeordnet das eine dunkel-tröstliche, mütterliche Klangfärbung sein eigen nennt, bei ihm wissen wir das Mädchen geborgen. „Bin Freund und komme nicht zu strafen“ – wie es im Text von Matthias Claudius heisst. Dem Sterbenden wünschen wir dasselbe auch – so wie er es sich beim Komponieren ersehnt haben mag – ein letztes Liebesobjekt das der quälenden Reise ein Ende setzt und bei dem man endlich zur Ruhe kommen kann und ein Entkommen vor einer Welt die ihm nie Zuhause war.

Diesen Schluss versagt uns der Film – wir verlassen Schubert in einem Moment der Panik und des Verlustes und der Regisseur verzichtet dankenswerterweise auf wohlfeilen Trost des Publikums und jegliches andere Sentiment und lässt die Grausamkeit dieses Schicksals und dieses Todes als das stehen was sie ist und mutet sie dem Zuschauer ungefiltert zu, der ebenso abrupt aus dem Film geworfen wird wie Schubert aus seinem Leben. Eine letzte Zeugenschaft, ein Bleiben an seiner Seite und eine Verbeugung vor einem der ganz Grossen.

 

2024 27 Jul

Delicate Bitches

von | Kategorie: Blog | Tags:  | | 11 Comments

 
 

Under the Bridge gehört zu den TV-Serien, die durch eine ruhige Erzählart brillieren. Und deshalb freut es mich, doch noch hineingefunden zu haben nach anfänglichen Widerständen – im Gegensatz zu der vielgelobten Serie The Bear. Was bitteschön soll sehenswert sein an einer aufgeheizten Küchenatmosphäre, in der sich alle permanent anschreien? And so I dropped it with a kick. Nee – unter, über und rund um die Brücke läuft’s anders. Einige Teenies aus der amerikanischen Unterschicht wollen Mafia spielen, dabei kommt es zum Tod (unter der Brücke) eines Mädchens, deren Eltern indischer Abstammung zu den Zeugen Jehovas gehören. Die Tochter nimmt Reissaus aus dieser ebenso gottesfürchtigen wie lebensfeindlichen Welt (das eine schliesst das andere oftmals nicht aus, im Gegenteil). Doch ihre Buddy-Bitches erweisen sich als fataler Rettungsanker. Die Serie lehnt an einen Roman an, dessen Autorin in der Serie eine Frau spielt, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um genau diesen Roman zu schreiben (the trick of the tail). Sie ist noch immer in lesbischer Liebe ihrer Jugendfreundin zugetan, die als Cop mit der Aufklärung des Todesfalls zu tun hat. Beide sind darin verwickelt. Die Spannung der Serie bleibt erträglich – umso besser, denn der Geist kann sich entspannt der Entwicklung von Handlung und Charakteren hingeben. Vielfach ruhige Bilder, Rückblenden, Gespräche, kein unnötiges Puschen mit Reiz-Effekten. Schöne Bilder: I love Amerika, but yet was never there. Jaja, die Drehorte, gern geht man auf televisionäre Reisen. Der Soundtrack ist so gut (beispielsweise auf der Schulabschlussfeier), dass man sich an alte Verliebtheiten zurückerinnert und dabei jeweils den Monoschalter auf Stereo stellt. Auch eine Art Switch (while watching the bitches): es leben die Kontraste.

 

Nein, ich habe die Fellinibiographie von Tullio Kezich nicht gelesen, nur die Rezension vom genial verschwurbelten Georg Seeßlen, und diese hat mich auch davon abgehalten es zu tun. Kezich war langjähriger Freund Fellinis und hat bereits zu seinen Lebzeiten 1987 den ersten Teil davon geschrieben. Einen grossen Teil dieses sicher sehr verdienstvollen, 2005 erschienenen Buches widmet der Autor offenbar der Rezipientenanalyse. Es gibt also Fellinianer (Leute die eine Rolle in seinem Leben spielten oder ihn in irgendeiner Form begleitet haben), die Fellinisanten (also wohl die Fans, wenn ich das richtig verstehe) und die Fellinisten (also Kritiker und Wissenschaftler) und Fellinologen, die noch irgendetwas anderes präferieren und repräsentieren … wurscht! Wird mir jetzt zu mühsam und ist nicht wirklich zielführend zum Verständnis, denn die Frage ist, ob es bei einer Würdigung eines Regisseurs notwendig ist, alle Splittergruppen in der Fanbase zu erforschen und wenn ich vor Beginn der Lektüre schon ein Vokabelheft anlegen muss, verzichte ich dann doch und mache mir lieber ein paar südlich-warme Gedanken über die langjährige tolle Beziehung zwischen dem Grande Maestro und mir. Er weiss leider nur nix davon, aber so ist das ja oft mit der Liebe.

Dann sehe ich den jungen Federico – in Amarcord Titto genannt (was für Assoziationen da wohl auftauchen mögen?) – der gerade an und unter der Brust der Tabakwarenhändlerin erstickt und das Ganze aber trotzdem phantastisch zu finden scheint, sehe Gradisca mit ihren Freundinnen beim ersten Schneefall durch Rimini stöckeln, Ascyltos und Encolpius sich um ihren Lustknaben streiten, Snaporaz durch ein Haus voller Feministinnen irrlichtern, eine gealterte Prostituierte, verfallend und trotzdem würdevoll wie eine Königin in ihrem Reich neben einem ebenso gealterten Bauwerk in Personalunion monumental an der Via Appia Antica stehen, das klerikale Defilee in Form einer Modenschau für pompöse Priestergewänder, der Aufmarsch der Damen in einem eher proletarisch-preiswerten Puff und andererseits einem für den gehobenen Anspruch in denen die Damen zum Posieren vor der Kundschaft mit den immergleichen Sprüchen – ob preiswert oder arriviert – ihre Fähigkeiten anpreisen. Und andere vergnügliche Bacchanale. Und die aufgebrezelte ältere Amerikanerin, die in Rom einem Touristenbus entsteigt, während in unmittelbarer Nähe schon die Gigolos lauern und eines dieser Testosteronpakete sich anpirscht, „Ju wonna pigscha?“ fragt und sie ihm neckisch posierend den Fotoapparat reicht. Sie bekommt ihr Pigscha und bestimmt noch einiges obendrauf – der Beginn einer kurzen, aber sicher wundervollen Freundschaft, bei der hoffentlich auch etwas für den Geldbeutel des schönen Römers herausspringt. Man gönnt es ihm, weil er mit seinem knallengen Shirt, dem Goldkettchen, dem grauenvollen Akzent des englischsprechenden Italieners und der unnachahmlichen Art die Sonnenbrille hochzuschieben und den ersten Feuerpfeil eines Blickes abzuschicken so herrlich dem Klischee entspricht. Dergleichen können nur Italiener, das brauchen andere Nationalitäten gar nicht erst zu üben.

 
 
 

                   

 
 
 

Da menschelts gewaltig – wie kriegte der Maestro das bloss hin, dies alles nicht der Lächerlichkeit preiszugeben? Ausgenommen vielleicht den Priesteroutfit – Catwalk, aber der ist eher bizarr und gruselig – wenn man den Pomp der katholischen Kirche mitbedenkt, bleibt einem bei dergleichen ohnehin die Bolognese im Halse stecken. Aber Pigschas für die Ewigkeit in einer ewigen Stadt.

 
 
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Was an Fellini vor allem besticht ist seine Körpernähe bzw seine Art, Körperlichkeit in Szene zu setzen und gleichzeitig die Darsteller zu schützen und nicht blosszustellen – sie bleiben bei jedweder Entstellung liebens – bzw achtenswert.

Mechthild Zeul beschreibt in ihrem Buch Das Höhlenhaus der Träume das Kino als eine Art Urhöhle, in der der Zuschauer mit Bildern, die er inhalieren darf, sozusagen gefüttert wird und in einem oral anmutenden Prozess mit dem Film verschmilzt, ihn aufnimmt und damit seine eigene Wirklichkeit in Form einer Synthese von Film und dadurch ausgelösten eigenen Vorstellungen und Empfindungen schafft, einen Übergangsraum zwischen Phantasie und Realität ähnlich wie Kinder es mit ihren Spielsachen erschaffen und eine Erklärung, warum jeder immer seinen eigenen Film sieht. Aufnehmen, Modifizieren, eine Art Stoffwechselvorgang …

Somit wäre ein Fellini-Film ein opulentes Festmahl, aus dem man satt wieder herauskommt. Trink Auge, was die Wimper hält … Gottfried Keller bleibt hier im Oralen und wäre sicher in späteren Zeiten auch Fellini-Fan geworden.

Die Welt von Fellini – so schreibt Seeßlen, ist ein Körper, der angesehen werden will, die Nebenwelten (Zirkus, Variete, Theater) öffnen und schliessen sich. Fellinis Blick auf die Welt, ihre Gesichter, Masken und Gesten „ist eine grosse Frechheit“. Das letzte ist von Seesslen sicher augenzwinkernd gemeint – der kindlich-freche Blick auf die Welt und ihre Eigenheiten, die als Verzerrungen anmuten und zur näheren Erforschung einladen.

Fellinis Filme künden auch noch von der Mythomanie Italiens und er zeichnet sie auch noch liebevoll in ihren Stadien des Zerfalls – vor allem die La Mamma Grande und ihrem vielversprechenden Körper, ihre Formen, ihre Begierden, ihre Gutartigkeit – mit dem Blick eines staunenden Kindes für das alles neu, interessant und rätselhaft ist und zur Dauererkundung einlädt – so sind seine Filme auch ein ständiges Unterwegssein zu immer gleichen und doch immer neuen Objekten die zur Erkundung einladen, so wie ein Kind den Körper der Mutter entdeckt und das Liebespaar den Körper des anderen und auf diesem Umwege dann auch wieder den eigenen. Das kindliche – und somit wertfreie – Staunen über die Schätze der Welt und die Begegnung mit ihnen ist in jeder Szene zu spüren und macht für mich den Reiz dieser Filme aus – dieses Angestecktwerden durch diese kindliche Sichtweise und das Erleben einer Welt ohne Bosheit und Niedertracht aber vom Zauber des Immer-Neuen kündend. Diese erschliesst sich ja nicht auf den ersten Blick sondern erst beim Beginn von Handlung und Kommunikation.

Und Hintern-Fetischist ist Fellini allemal, da gibts reichlich zu gucken für Gesinnungsgenossen, üppige Schönheit findet sich im Süden offenbar an jeder Ecke, das funktioniert bei ihm so zuverlässig, wie wenn man mit einem Leichenspürhund über den Friedhof geht.

 
 

 
 

Aber auch der Zerfall von Körperlichkeit ist sein Thema – die zerfallenden Statuen und Fresken im Untergrund von Rom, die von unserer Gegenwart vermutlich nichts mehr wissen wollen und sich lieber – und das im Wortsinne – bei Sauerstoffzufuhr verkrümeln; die Erben eines wohlhabenden Dichters, der per Testament verfügt hat, dass sie das Erbe nur erhalten, wenn sie seinen Leichnam verspeisen und denen wir beim wenig begeisterten und stark verlangsamten Kauen schadenfroh zusehen dürfen; die Protagonisten im Satyricon verwandeln sich am Ende in auf Felsen gemalte Bilder, verlieren also ihren Körper und bekommen gerade dadurch eine Form von überdauerndem Leben als ewiger, vom Zerfall geschützter Mythos. Gestaltwandel – auch das ein Teil des Lebens.

Und am Ende seiner Karriere noch ein grosser Treffer: Das kindliche Staunen von Ginger und Fred in Szene zu setzen und deren Stolz darüber im Alter noch einmal einen gemeinsamen Stepptanzauftritt vor grossem Publikum aufs Parkett legen zu dürfen – und nicht zu bemerken dass sie in einer Kuriositätenshow zynisch verbraten werden. Auch hier das Bewahren einer Unschuld die sich keine Ränkespiele vorstellen kann, vor allem das Gesicht von Giulietta Masina für sich allein könnte den ganzen Film bestreiten – staunend, erfreut, erschreckt, aber immer bodenständig und immer ein bisschen aus der Zeit gefallen innerhalb des Pandämoniums des modernen Showbusiness mit seinem Versteckte-Kamera -Blamagen-Humor. Mastroianni als Sahnehäubchen obendrauf als hinreissender und meistens angeschickerter alter Sack, der den Auftritt noch beinahe verstolpert und dabei doch seinen Charme bewahrt bzw den ihm stets innewohnenden Charme des Unperfekten wieder mal routiniert auf die Leinwand klatscht. Man könnte beide knuddeln und spürt doch schmerzlich den melancholischen Abgesang auf eine ganz andere versterbende Form der Kino- und Showkultur bei der es noch nichts blosszustellen und zu schämen gab.

Bei allem Inszenieren von Körperlichkeit hatte Fellini eine Ehefrau, bei der der Körper nur eine geringe Rolle spielte – Giulietta Masina pflegte ausschliesslich mit dem Gesicht zu arbeiten – eindrucksvoll erstmalig zu beobachten in La Strada als man dem abgestumpft wirkenden Landpomeränzchen mit Pokerface – Gelsomina – einen Hut aufsetzte und das Gesicht plötzlich eine Fülle von Affekten ausdrückte: Freude, Pfiffigkeit, Überraschung, Temperament, Neugier auf und Liebe zum Leben – sofort wieder in sich zusammenfallend bevor ihr grosser Zampano es sehen und vielleicht missbilligen hätte können.

Impact!

 
 
 

                           

 
 
 

Aber der Zuschauer hat es gesehen und selten ist es einem Regisseur – und einer Schauspielerin – gelungen einen Menschen in Sekundenschnelle so komplett zu charakterisieren.

Und Fellini schaffte es aus seiner Schaffenskrise einen seiner grössten Erfolge zu konstruieren indem er genau diese zum Thema zu machte – Achteinhalb. Das muss man sich auch erst mal trauen und ist allemal besser als sich in einer narzisstischen Depression zu suhlen oder dramatisch zu erschiessen, weil man gerade mal nicht viel auf die Kette kriegt – als ob das Nicht – Künstlern nicht genauso ginge.

Wenn Morgenstern einen Fellini-Film gesehen hätte wäre er sicher aus dem Kino gekommen „selig lächelnd wie ein satter Säugling“.

Und darauf jetzt noch einen Grappa zum Verdauen und dann noch als dolci einen Film des Fellini-Schülers inhalieren, vielleicht Gente di Roma von Ettore Scola, der sich vom Stil des grossen Alten zu lösen verstand und eine neue ureigene Bildsprache mit einem ganz besonderen und unverwechselbaren Humor entwickelte. Das hätte dem Boss gefallen – diese kleinen short cuts ... die beiden Küchenhilfen – ein Römer und ein Afrikaner, die wüst miteinander streiten, sich wechselseitig als Idioten beschimpfen und anbrüllen, einer bereits zum Steakmesser greift und ein Blutbad mit zweifellos rassistischem Hintergrund in der Luft liegt, danach aber doch beschliessen Bier zu besorgen und sich abends das Spiel gemeinsam anzuschauen – als Freunde, aber leider Fans von zwei verschiedenen, konkurrierenden Fussballvereinen. (Jeder Bayer im ewigen Zwiespalt zwischen FC Bayern und TSV 1860 fühlt sich da sofort verstanden und erkannt). Dieses Spielen mit Erwartungshaltungen der Zuschauer und dem plötzlichen Kippen in eine andere Szenerie, in der plötzlich alles Gesehene eine völlig neue Bedeutung bekommt ist ureigenstes Markenzeichen von Scola. Keine grandiosen Pigschas, eher kleine hintersinnige Szenen eines genauen Beobachters des Lebens und seiner inhärenten und für den Könner leicht zu erkennenden und abzurufenden Komik. Darauf gleich noch einen Zweiten zum Wohle des Alten auf seiner Wolke am Himmel über der Cinecittà. Wo denn auch sonst?!

Arrivederci, Maestro und weiter gute Unterhaltung da oben mit Pasolini, Rossellini, Antonioni und Visconti und allen Vertretern des italienischen Neorealismus, die Dich gerne aus dem Olymp gestaubt hätten weil Du ihnen zu phantasievoll, verträumt und surreal und damit einfach nicht linientreu warst. Auch in der Kunst ist Gleichschritt erwünscht, nicht wahr? Gruss an alle cineastischen Betonköpfe und mach weiter Dein Ding!

 

 

The Quiet Girl (Irland, 2022) von Colm Bairéad

 

Ein zeitlich knapp gehaltener Film in dem schlechthin – zunächst – nichts passiert. Ein neunjähriges Mädchen einer verarmenden kinderreichen Familie in Irland wird zu Pflegeeltern geschickt, weil die Mutter wieder ein Kind erwartet. Der lieblos wirkende Vater bringt sie dorthin mit der Bemerkung, dass sie jetzt jemand anders „die Haare vom Kopf fressen“ könnte. Die wirkliche Motivation bleibt unklar, denn ein Mädchen dieses Alters wäre für die Mutter in dieser Situation eine wertvolle Haushaltshilfe. So erinnert das Entrée ein wenig an Hänsel und Gretel, die wegen häuslichem Nahrungsmangel in den Wald geschickt werden – oder auch aus ganz anderen Gründen. Die Szenerie wäre somit eine orale – selbst bedürftige Eltern möchten ihre Nahrung nicht teilen, wogegen die Hexe solche reichlich spendet um dann ihrerseits die Kinder aufzufressen. Von Menschen mit Suchtproblemen wird dies oft als Lieblingsmärchen der Kindheit benannt.

Die Pflegemutter nimmt sich liebevoll des Mädchens an – bis hin zu einem warmen Bad, hundert Bürstenstrichen am Abend, der Pflegevater wahrt zunächst Distanz, der Zuschauer erlebt Zustände leichter Paranoia und will – vermutlich ebenso wie die kleine Caít dem Frieden nicht trauen – gibt es etwas wirklich Nährendes oder ist man schon wieder im Hexenhaus? Eine idyllische, bergende – aber auch zuzeiten düstere – Natur unterstreicht diese Gefühlsambivalenz. Ist man in ihr wirklich aufgehoben?

Die Kamera umkreist das Mädchen, kommt ihm nahe und bleibt stets dabei wie ein wachsames Auge. Kamera und Natur fungieren hier als gewissermassen mütterliche Objekte, die das Kind begleiten, in seiner Desorientierung auffangen und ihm helfen, Leerräume mit schlimmen Geheimnissen zu ertragen. Sie fängt Lichtreflexe auf dem Wasser ein, als wollte sie dem Kind – und damit dem Zuschauer – die schöne Seite der Welt zeigen. Ein Aufgehobensein im Sehendürfen und Gesehenwerden. Auch in ihrer Düsterkeit hat die Umgebung etwas seltsam Tröstliches. Kleine Dinge und Gesten – nur angedeutet – schaffen zunehmend Geborgenheit.

Aber warum wurde das Kind wirklich weggeschickt, warum wurde es aufgenommen?Ersteres bleibt unklar, die Aufnahme in die Pflegefamilie wird erklärt durch eine geschwätzige Nachbarin – hier wirklich der Prototyp der bösen Hexe – die Pflegefamilie hat einen Sohn verloren, das Mädchen soll einen Leerraum füllen. Wird es in eine Funktionalisierung ausarten? Der Pflegevater behandelt sie zunehmend wie einen Sohn, sie hilft bei der Stallarbeit, gemeinsam hat man Kontakt zu Tieren, das verstummte Mädchen beginnt Fragen zu stellen.

 

„Warum dürfen Kälbchen nicht bei ihren Müttern bleiben und die Muttermilch trinken?“

„Die wird verkauft! Das Kälbchen bekommt Hafermilch.“

(Die wiederum gekauft werden muss.)

 

Die ganze Widersinnigkeit der Situation eines abgeschobenen Kindes artikuliert sich hier – es bekommt ein Surrogat und für die Muttermilch gibt es andere Verwendung, sie steht ihm nicht zu. Die Kamera steht hier im Dunkel des Stalls, hinter dem Kälbchen und beobachtet den Fütterungsvorgang aus der Position des Hungrigen, steht wieder auf der Seite von Caít. Nichts ist mehr an seinem richtigen Platz, aber in der spracharmen, aber wohlwollenden Gegenwart der Pflegeeltern kann das Mädchen gedeihen, Fragen stellen und neue Bindungen knüpfen, die am Ende wieder zerrissen werden als sie in die Familie zurück muss in der vermutlich häusliche Pflichten auf sie warten.

Der Film bricht ab in einem Moment, als die Weichen für die Zukunft gestellt werden – in der Schlusseinstellung fällt sie ihrem Pflegevater zum Abschied in die Arme, er erwidert die Umarmung, die Kamera kommt noch einmal ganz nahe, ist als verbündeter Dritter dabei. Ein bisschen Hoffnung, dass er sie wieder mitnimmt oder dass zumindest etwas bleibt – so empfindet es jedenfalls der Zuschauer.

Wer stille, handlungsarme, minimalistische Filme mit Tiefgang, subtiler Spannung und guter Kameraarbeit liebt ist hier gut bedient.

 

2024 13 Jul

R.I.P.

von | Kategorie: Blog | | 12 Comments

 

Ohne ihn hätte Robert Altman ziemlich alt ausgesehen …

 

 

 Impacts (visuell):

 

 

Impacts (verbal):

… und nennen Sie Major Houlihan nicht immer brünstige Henne!

Gut, dann nenn ich sie eben brünstiger Major!

 

Quelle: MASH (USA, 1970) von Robert Altman

(MASH = Mobile Army Surgery Hospital)

 
 

Welche Faszination übt das Theater aus, so dass ein junger Mensch sich dazu entschliesst, den Schauspielberuf zu erlernen? Die Theaterschauspielerin Brigitte Horn versucht es zu beantworten – es scheint manchen Menschen eingepflanzt, dieses „Ich wusste immer dass ich spielen wollte“ als inhärente Triebfeder eines Menschen, die es letztlich schafft, dass er alle Hindernisse auf diesem dornigen Weg überwindet. Die – wenigen – Schauspieler, die ich auf der Couch hatte, formulierten es ähnlich, eine Art Berufung, wie es auch Priester formulieren, wenn man sie nach Ihrer Berufswahl fragt. „Ich will spielen! Ich hatte nie einen anderen Wunsch! Ich wusste das von Anfang an!“ Etwas anderes kam für sie nicht in Frage – eine Haltung, die mir immer Respekt abnötigte, ich sah einen Menschen, der etwas liebte und dafür Opfer brachte, eine Obsession und eine geheimnisvolle Art von Berufung. Sicher auch ein Fressen für Psychoanalytiker, die ihrem Trüffelschweinmodus nachgehen wollen und sich weigern, den Dingen ihren Zauber zu lassen – so formulierte es dereinst Gandalf und auf dessen Meinung gebe ich viel.

Für diesen Beruf braucht man also eine starke Sprungfeder im Inneren – wie ich beim Lesen einsah. Brigitte Horn schildert ihren Werdegang als junges Mädchen mit einem zuerst naturwissenschaftlichen Beruf, den sie aber nicht ausüben wollte und ihren Weg auf die Theaterbretter – falls ich selbst diesen Weg hätte auch beschreiten wollen, würde mir dieses Buch den Angstschweiss auf die Stirn getrieben haben über die Kämpfe die ich zu bestehen hätte und die Unsicherheiten mit denen ich leben müsste.

Die Filmwelt schien für sie nie eine Option gewesen zu sein, stattdessen zog es sie zum Theater – eine für den Aussenstehenden geheimnisvolle Welt, bestehend aus Vorhängen, einem Schnürboden, Stunden in der Maske, aufwendigen Kostümen und Requisiten, einem Souffleur und vermutlich 1000 Tricks, die Schauspieler anwenden um Pannen verhindern oder überbrücken zu können – falls sie es einem verraten. Recht viel mehr weiss der Laie meistens nicht vom Theater, sicher sind auch Klischees dabei – und das ist schade. Und es stellt sich die Frage, wie lange es diese Welt noch geben wird in unserem digitalen Bilderreichtum und Überflutungswellensalat, bei dem man nie weiss, ob man jetzt mit einem Avatar, einem Bot, einer KI oder anderen blutleeren Zeitgenossen kommuniziert. Theater heisst auch, lebendigen Menschen bei der Arbeit zuzusehen, uns einen anderen Menschen und sein Schicksal nahezubringen. Und wenn sie sich mal verhaspeln oder stolpern – umso besser; Avatare stolpern nicht, lebendige Menschen tun das. Fand ich immer wohltuend – somit eine Welt, die nicht untergehen sollte.

 
 

 
 

Die Autorin vermittelt noch anderes über ihren dornigen Weg: Konfrontationen mit Menschen, von denen ihr Weiterkommen massgeblich abhängt und deren oft irrealen Wertungsmasstäben, narzisstischen Selbstinszenierungen und anderen intrusiven Kränkungen und Begehrlichkeiten, die junge Frauen so über sich ergehen lassen müssen. Und sich in einer Szene zu bewegen, in der keine exakten Wertmasstäbe existieren – was dem einem gefällt, findet der andere blöd – es scheint schwierig zu sein, hier ein konsistentes Bild von sich und seinen Fähigkeiten aufzubauen. Wie gut bin ich eigentlich? Werde ich das alles können was die Rolle mir abverlangt? Sehr verunsichernd für einen jungen Menschen, der altersentsprechend noch keinen festen Boden unter den Füssen hat. Vielleicht das Schwierigste an dem Ganzen … Selbstwert aufzubauen. Besonders auch noch für eine junge Frau die in der Nachkriegszeit aufwuchs.

Eine Patientin, die Schauspielerin werden wollte, wurde von zahlreichen Schauspielschulen wegen Talentfreiheit abgelehnt, bemühte sich trotzdem um ein Engagement, kam bei einer privaten Schule unter und über Jahrzehnte bis heute kann ich sie alle paar Wochen im Fernsehen beäugen und sie macht ihre Sache wirklich gut.

Dann dazu das Mobbing unter Kollegen, das Schleppentreten –  ein Terminus, von Brigitte Horn erfunden und inzwischen wohl in der Szene verankert –  so etwas wie Zickenkrieg unter Theaterdamen. Launische Regisseure und neidische Kollegen, aber auch unverhoffte Sympathien, Empathie und Hilfestellungen. Und das berauschende Erlebnis der Verschmelzung mit dem Publikum, wenn man bemerkt, dass es mitgeht und man darauf spielen kann wie auf einem Instrument, dem man die gewünschten Töne entlockt – was ein Moviestar vom Film nie erlebt, weil er nie einen Raum in Gleichzeitigkeit mit dem Publikum teilt und das Gefühl nicht kennt, dass Hunderte von Augen auf einem ruhen. Ein bisschen kenne ich das vom gefürchteten Vorträge halten – den magic moment, in dem man spürt „Ich hab sie! Jetzt geh’n sie mit!“ Ab jetzt könnte ich auch das Telefonbuch vorlesen. Das hat was, echt!

Dann die vielfältigen Möglichkeiten technischer Pannen, die Grenzen, die der eigene Körper setzt, die ständige Wohnungssuche, existenzielle Unsicherheit. Die Autorin geht durch alles hindurch ohne ihr Ziel aufzugeben – gewissermassen reinen Herzens – wie Simplizissimus, der das Schlimme der Welt an sich ablaufen liess und seinen ureigensten Wesenskern bewahrte.

Man hätte gern noch mehr erfahren: Wie erarbeitet man sich eine Rolle, wie fühlt man sich dabei, was bleibt von der dargestellten Person zurück, wenn der letzte Vorhang gefallen ist, besteht die Gefahr sich zu verlieren und nicht mehr zurückzufinden oder bereichern die Rollen die man spielt? Was bleibt? Welche Ängste hat ein Schauspieler? Wie erträgt man das ständige Beobachtet werden – bis in die tiefste Seele? Oder ist es möglich, die tiefste Seele doch zu verbergen und wie macht man das? Wie weiss man welche Rolle zu einem passt? Wie wirkt sich diese Tätigkeit in Partnerschaften aus – und anderes? Ich hätte da auch noch viel profanere Fragen: Wie schafft man es bei der ganzen Auswendiglernerei, nicht verrückt zu werden (deswegen habe ich das Medizinstudium geschmissen, ich wollte mein Hirnvolumen noch für anderes verwenden) und was macht man wenn man während der Vorstellung plötzlich ein menschliches Bedürfnis verspürt? Man mag mich jetzt profan schimpfen, aber ich denke, dass das Aussenstehende schon auch beschäftigt.

Aber vielleicht gibt es ja noch einen Folgeband, der uns noch tiefer ins Innenleben der Mimin / des Mimen führt. Auf jeden Fall: Ein anstrengender Weg, beschrieben mit leichter Feder, erfrischender Spontaneität und einer grossen Liebe für die Welt der darstellenden Kunst und ein Beitrag zur Erhaltung einer jahrtausendealten Kultur. Möge sie noch lange bestehen.

 

2024 3 Jul

Give Jazz a Chance!

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

Leipniz-Büste im Georgengarten - Foto © JS 5/24

 
 

Ganz dem Strom hingegeben hörte ich in den vergangenen Wochen fast täglich ein Musikalbum. Es hatte sich ein Ritual eingebürgert: abgedunkelter Raum, entspannte Rückenlage, konzentrierter Abflug. Hochauflösende Übertragungsraten machen einen Musikgenuss in Hifi-Qualität möglich, bieten zudem problemlosen und kostengünstigen Zugang zu aktuellen Neuveröffentlichungen, aber auch zu bislang Unentdecktem aus früheren Tagen. Dabei fiel die Wahl zumeist auf das, was im weitesten Sinne als „Jazz“ zu bezeichnen wäre und immer wieder kam dabei die Frage auf: „Warum höre ich überhaupt Jazz und nicht vielmehr Anderes?“ So wie Philosoph Leibniz einst fragte, warum überhaupt Etwas sei und nicht vielmehr Nichts. Man bemüht sich ja, authentisch zu sein und sich nichts vorzumachen. Grundsätzlich kann ich sagen, dass mein Erleben von Musik immer in Einflussnahme und im anregenden Austausch mit anderen stattfand, denn ich bin kein Autist. Ich erinnere mich an J in Studententagen: stolz präsentierte ich eine Doppel-CD der Kenny Wheeler Bigband als sensationelle Entdeckung, die seiner Meinung nach mit dem Globe Unity Orchestra und den Bands von Sun Ra, Gunter Hampel, Carla Bley und anderen Kalibern nicht ernsthaft konkurrieren konnte. Vernichtendes Urteil: „Du inszenierst ständig etwas, an das du selbst nicht glaubst“. Nun hatte Kenny Wheeler, um aufgeregten Entrüstungen gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen, ganz gewiss seine eigene Qualität, doch darum geht es nicht. Nochmals: „Mag ich wirklich Jazz – und wenn ja: warum?“ Schliesslich ist unsereins ja nicht in New Orleans geboren. Die Spur führt, wie so oft, in Erinnerungen aus Kindheits- und Jugendtagen wie etwa diese: Völlig geflasht von Abbey Road ruft mich der vollbärtige Nachbar, eine Wiese mit der Sense mähend, zu sich herüber: „Was hörst du für Musik?“ Die Beatles! „Vergiss die Beatles, Charlie Parker musst du hören!“ Wie begrüssten wir doch, auf dem abgelegenen Lande aufgewachsen unter einem Bauernvolk, das jeden halbwegs Intellektuellen als spinnerten „Spökenkieker“ misstraute, stets die libertären Einflüsse von Lebenskünstlern aus familiärem Freundeskreis und Nachbarschaft. Auch der etwas ältere Schlagzeuger unserer Band brachte mich schnell auf den rechten Weg, schenkte mir zum vierzehnten Geburtstag neben einer umfangreichen Wichsvorlagen-Sammlung das Album Nefertiti von Miles Davis. „Damitte ma wat Richtiges hörst!“ Obwohl mir die Musik damals zu cool erschien, sprach mich das Cover an, zumal ich mich mit dem dort scheu blickenden schwarzen Trompeter gut identifizieren konnte. Da war die Radiomoderatorin Anne R, befreundet mit dem Charlie-Parker-Nachbarn, die neben John Coltrane, Soft Machine, dem Mahavishnu Orchestra und Flora Purim auch einen gewissen Paul „Mo-zi-en“ lobend früh ins Hörfeld rückte. Im Regal thront ein dickes Jazzbuch von Joachim-Ernst Behrendt, das zu meiner Eingangsfrage sicherlich Antworten parat hätte, eine habe ich aber selbst: man muss ihn hören, hören, hören. Zur Malerei und Bildenden Kunst sehe ich eine Gemeinsamkeit, die mich tief anspricht: es ist die stetige Grenzüberschreitung auf der Suche nach dem Neuen und Offenen, dabei immer in Verbindung bleibend mit geschichtlichen Ursprüngen. So kann man Musik, wie der Kritiker Alex Ross schrieb, auf vielfältige Weise rezipieren: rein sinnlich, intellektuell oder im (historischen) Kontext. Auf die Frage, warum es Menschen gäbe, die Jazz nicht mögen, meinte der Gitarrist Kurt Rosenwinkel: „Maybe they don’t give it a chance.“ Obama proklamierte dagegen vollen Herzens: Jazz, we can.

 

 
 

Pizza in Auschwitz (Israel, 2008) von Moshe Zimmerman

 

Nein, das ist nicht einer meiner launigen Überschriften, der Film – eine Doku – heisst wirklich so und ist vor allem ein grossartiges und schmerzvolles Lehrstück über die transgenerationale Weitergabe von Traumata an die nächste Generation.

Der litauische Jude Danny Chanoch, geb.1932, hat hat die Aufenthalte in Dachau, Mauthausen, zwei weiteren kleineren KZs und schliessllich Auschwitz überlebt, ebenso sein Bruder. Die Eltern und die Schwester wurden ermordet. Im hohen Alter plant er noch einmal eine Reise zu diesen Gedenkstätten, vorher noch an seinen Geburtsort Kaunas. In der Gedenkstätte Auschwitz mit mittlerweile florierendem Tourismusbetrieb besteht die Möglichkeit, in den Baracken auf den Original-Holzpritschen zu übernachten und sich auch dort verköstigen zu lassen, daher der etwas befremdende Titel. Die Frage wer dergleichen machen möchte und warum er das möchte, stellen wir hier einmal nicht – aber offenbar wird das Angebot wahrgenommen. Ein zu weites Feld für einen Blogpost.

Auf Dannys Wunsch hin begleiten ihn seine beiden erwachsenen Kinder, die Tochter Miri und sein Sohn Sagi, ein orthodoxer Jude mit Kippa. Der stets gut aufgelegte Danny behauptet, er habe einen „Bachelor in Auschwitz“ und fühlt sich als Fachmann für dieses Thema – im Gegensatz zu vielen dauerschweigenden Eltern der Nachkriegszeit war Danny jemand der „überhaupt nicht mehr aufhörte über den Holocaust zu reden“, so die Worte der gestresst wirkenden Tochter.

Zunächst besucht man seinen Geburtsort in Litauen, den er mit schönen Erinnerungen verbindet und trifft seinen Bruder Uri, einen Mann der der Tränen noch mächtig ist – Danny kann nicht mehr weinen (Wie willst Du noch weinen, wenn Du als kleiner Junge an der Selektionsrampe stehst und sie dich von der Familie trennen? Da weinst Du nicht mehr! Da weinst Du nie mehr!). Das ist glaubhaft – in Extremsituationen kann man nicht mehr fliessen, da verschliesst man sich und verhärtet oder wird verrückt.

Danny ist erfüllt vom Holocaust und vom Stolz, diese Zeit auch aufgrund eigener Geschicklichkeit überlebt zu haben und entkommen zu sein, auch seinen Kindern habe er vermittelt, dass das Böse überall lauere und sie ständig wachsam sein sollten – die Welt als freundlichen Ort konnte er ihnen nicht vermitteln. Die Tochter leidet noch heute darunter („Geschichten über Auschwitz waren unsere Gute-Nacht-Geschichten“), versucht dem Alptraum dieser Reise zu entkommen, will auf keinen Fall mit Vater und Bruder auf den Holzpritschen übernachten und Pizza aus dem Karton essen, nicht an dieser „Auschwitz- Reality-Show und Holocaust-Nostalgie“ des Vaters teilnehmen. Der Bruder kann dergleichen besser containen, bewahrt Ruhe.

 
 

 
 

Für die Befindlichkeiten seiner Kinder ist Danny nicht empfänglich; als man in Kaunas in einem Stadtviertel mit Hakenkreuzen an den Hauswänden spazieren geht und Miri sich Sorgen um den Bruder macht, der optisch als Jude erkennbar ist, reagiert Danny sorglos – „Blödsinn! Dem passiert nix. Mir ist hier nie etwas passiert!“; er vermittelt den Kindern häufig, sie sollten „sich nicht so anstellen“. Sein Leid hat Vorrang und formt auch seine Identität und Struktur. Jedes Problem von anderen erscheint dagegen marginal, das traf wohl auch die eigenen Kinder.

Mit dem Filmteam in Auschwitz angekommen erfährt Danny, dass er eine vorherige Genehmigung für Filmaufnahmen braucht, er insistiert auf seinem Vorhaben bis die Sekretärin der Geschäftsleitung ob des immensen Drucks, den er herzustellen versteht in Tränen ausbricht (Ich bin Auschwitzüberlebender, Sie müssen mir jeden Wunsch erfüllen!).

Er akzeptiert aufgrund dieser Rolle keine Grenzen, es kommt zu einer aggressiven Auseinandersetzung mit dem Leiter der Einrichtung über seinen Opferstatus und die von ihm daraus abgeleiteten Sonderrechte, die er lautstark verteidigt. Die Tochter dekompensiert zusehends, aber muss mit durch, weint immer häufiger, schafft es nicht die Reise für sich zu beenden – aber wer schafft es auch, den alten Vater alleine zu lassen, wenn er den Ort seines Leidens noch einmal aufsuchen will? Sie scheint in einer Loyalitätsfalle gefangen. Ihre Tränen rühren den Vater nicht, er versteht nicht, warum sie weint. Man merkt, dass sie am liebsten auf und davon ginge, dem endlos Schwadronierenden auf seiner Holzpritsche entkommen will. Eine schwer erträgliche Situation, auch für den Zuschauer quälend. Wer nicht mehr weinen kann, bringt andere zum Weinen. Bei einer Vorführung des Filmes weinten einige im Publikum.

Der Film nimmt keine Stellung und vor allem – er wertet nicht. Menschen, die Extremsituationen durchgestanden haben, entziehen sich jeder Wertung, was bleibt ist die Zerstörung zu zeigen, die diese Verbrechen im einzelnen angerichtet haben und in den Kindern und Enkeln noch anrichten, das ist hier in vivo zu beobachten. Die Seele dieses Vaters ist voll mit Auschwitz, sie bietet keinen Raum mehr für Kinder als eigenständige Wesen und ihr Anderssein, ihre Kinderprobleme und -schmerzen, er erzieht sie, als lebten sie immer noch in Auschwitz, für ihn ist die Zeit am Tag seiner Rettung stillgestanden.

Er vermag nicht wahrzunehmen, wie es ihnen geht, was sie wünschen, was sie nicht ertragen können, nimmt stets sich selbst zum Massstab, kann sie nicht auffangen wenn es ihnen schlecht ergeht – schliesslich erging es ihm noch viel schlechter und er habe auch nicht geheult. Das mutet an wie Härte aber wer kann in Auschwitz schon Empathie entwickeln?

Traumaopfer traumatisieren andere, nur oft auf subtilere Weise, die Täter und ihr Verhalten sind ebenso in der Psyche verankert und manchmal mutiert das Opfer auch zum Täter, leider – „Mein Vater hat mich verprügelt und nur deshalb ist etwas aus mir geworden!“ – oft gehörte und kaum auflösbare Manifestation einer Täteridentidentifikation und Freibrief für Schläge an den eigenen Kindern. Da bleibt oft eine lebenslange Täterbindung im Traumatisierten und die Beziehungen laufen im Täter-Opfer-Schema ab, etwas anderes kennt er nicht und merkt auch nicht – wie Danny – wenn er den Spiess umdreht und andere quält.

Die relativ neue Wissenschaft der Epigenetik hat erforscht, dass sich Traumata auch somatisch durch Veränderung der DNA-Sequenzen in den Genen fortpflanzen können, damit wäre der Sprung vom Psychischen in die knallharte Materie nachgewiesen. Also kein Entkommen für nachfolgende Generationen.

Am Ende gibt es versöhnliche Momente – Danny ist wieder zu Hause und tanzt fröhlich mit seiner Frau, die sich freut, ihn wieder hierzuhaben, die Lebenslust ist ihm nicht abhanden gekommen, auch nicht der Stolz über das Bewältigen und Entkommen, er fühlt sich als Sieger. Man erlebt ihn trotz allem nicht als asshole, er strahlt eine unbändige Kraft und Lebensfreude aus und nimmt auch seine Verantwortung als Überlebender wahr, von seinem Leben zu berichten, besucht immer wieder Schulen und hält Vorträge. Als Vater würde man ihn freilich nicht haben wollen.Aber auch für die Kinder gibt es Hoffnung – Miri telefoniert mit ihrer Tochter und wünscht ihr eine gute Nacht, offenbar gibt es da eine intakte kleine Familie. Sagi wirkt ohnehin sehr in-sich-ruhend und kann vieles an sich ablaufen lassen, scheint sicher verortet in seiner Identität und Religion.

Danny sprach auf dem „Fest der Freude“ 2021 in Wien (Befreiungstag des KZs Mauthausen) noch einmal als einer der letzten Auschwitzüberlebenden zum Publikum, gestützt auf seine Enkelin die sich liebevoll an seine Schulter lehnt – mit den Enkeln läufts oft besser wie mit den eigenen Kindern, die kriegen die toxischen Anteile nur noch gefiltert ab. Er ist jetzt 92 Jahre alt und lebt in Palästina.

 
 

 
 

Einmal jährlich trifft er sich mit den Überlebenden der Gruppe 131, den 130 etwa gleichaltrigen Jungen die gemeinsam mit ihm in Landsberg selektiert und nach Mauthausen und danach in 5 weitere KZs gebracht wurden. Die meisten von ihnen haben die KZs überlebt was auch dem Zusammenhalt der Gruppe und der gegenseitigen Unterstützung der Kinder untereinander geschuldet ist, die nachts immer im Pulk auf den Pritschen schliefen um sich zu wärmen. Und wohl auch seelisch im Rahmen ihrer Möglichkeiten gewärmt haben. Stand by me

Die meisten von uns Älteren haben Erfahrungen mit schweigenden sprachlosen Kriegseltern, hier erleben wir ein expressiveres Verhalten – eine permanente verbale Auseinandersetzung, nicht minder traumatisierend für Kinder, die in Dauerschleife mit diesem Thema konfrontiert und hineinverwoben sind. Kinder schweigender Kriegseltern standen vor einer Mauer, wenn sie Austausch suchten, Kinder von redenden Eltern mussten sich endlose Klagen anhören von Eltern, die ihr Leid durch das Kind gespiegelt und anerkannt haben wollten und ihre Kinder selbst nicht spiegeln und anerkennen und so ihr Selbstbild formen konnten. Die grosse Einsamkeit der Nachkriegskinder.

Zwanzig Jahre später entlud sich eine gewaltige Wut und Revolte gegen Autoritäten mit einer Gnadenlosigkeit, die wieder an faschistische Denkmodelle erinnerte. Insbesondere die aggressive Sprache der akademischen K-Gruppen und später der RAF machte es deutlich, wenn sie über die verhassten kapitalistischen Ausbeuter (fette Männer mit Zylinder und Zigarre auf den Flugblättern, ähnlich den Abbildern von geldscheffelnden Juden der Nazipropaganda) sprachen als „Dreck, der in den Abort der Weltgeschichte“ gespült werden sollte und dergleichen. Die breite Masse des Volkes, das sie eigentlich befreien wollten nannte die RAF „vegetables“, ein Bild für dumpf und unreflektiert dahinvegetierende Menschen, bzw eigentlich keine Menschen mehr. Pflanzliche Existenzen.

 
 

 
 

Und Franz Josef Strauss konterte mit der Bezeichnung „Ratten und Schmeissfliegen“ gegen revoltierende Studenten. Auch hier die Sprache des Faschismus mit ihrer Entmenschlichung, die die Vernichtung dann so leicht macht. Das sitzt alles so gottverdammt tief.Wen wunderts, dass es nicht besser wird?

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ (W. Faulkner)

Lesenswert:

D. Chanoch et al ( 2021):
Erzählen um zu leben. Das Leben ist eine Frage von Sekunden und Millimetern.
Edition Mauthausen

Sehenswert zum Thema KZ-Tourismus:

Am Ende kommen Touristen (D, 2007) von
Robert Thalheim – als DVD verfügbar.

 

 
 

Vermutlich hat diesen „Film des Jahres“ und Oscar-Abräumer schon jeder gesehen und für sich bewertet – also Folgendes nur noch der Ordnung halber: wert ist es der Film allemal und man soll mir nicht nachsagen, ich hätte einen Blockbuster schmählich ignoriert.

Vorab: Lanthimos hatte bisher eine Schwäche für eine Art von Parabeln. Ich mochte weder Lanthimos noch Parabeln und ich habe mich trotzdem tapfer durch den furztrockenen Dogtooth, den etwas nichtssagenden The Lobster und den leidlich spannenden Killing of a Sacred Deer hindurchgeglotzt und dann skeptisch zu Poor Things gegriffen – ignorieren kann man das ganze Getöse um die Oscars ja ohnehin schlecht. Der neueste Film vom Regisseur Kinds of Kindness wird in den nächsten Wochen in Deutschland starten, da sehen wir dann schon wie die Entwicklung des Lord of Weird Stories weiterläuft.

Und siehe da – der gern intellektualisierende Herr, der aussieht wie unser netter Getränkelieferant, der problemfrei drei Kisten auf einmal schleppt, entwickelt eine intelligente Story mit Charme, Tiefgang und sogar einem Schuss augenzwinkernder Satire und nimmt sich an keiner Stelle tierisch ernst –  wenn das mal nix ist.

Den Plot darf ich als bekannt voraussetzen:

Zunächst agiert eine Art Dr. Frankenstein – hier der zu vielem brauchbare Willem Dafoe – der aussieht wie sein eigenes Monster, (eine nette Verschmelzung cineastisch-personalisierter, aber noch nicht pensionierter und mittlerweile archetypischer Mythen, hier der des Mad Scientist mit seinem künstlichen Geschöpf). Weiter gibt es Reminiszenzen an Pygmalion und seine Galathea und Prof. Henry Higgins und die wehrhafte Eliza. My Poor Lady sozusagen).

 
 

 
 

Der Mad Scientist (ein Begriff von Siegfried Kracauer) erschafft sich eine Frau mit einem Babygehirn, die sich allerdings sehr rasch zur Erwachsenen entwickelt, ausufernde Sexualität pflegt und auch ein emanzipatives Geistesleben entwickelt. Der steinerne Galatheakopf wird demgemäss auch einige Male eingeblendet, damit wir wissen, wo wir uns mythologisch verankern dürfen.

Das Ganze neckisch aus der Froschaugenperspektive gefilmt – die Frau und ihr Verhalten unter einem distanzschaffenden Mikroskop beäugt: Ein Puffärmel-Teepüppchen (früher sassen die in weiten Rüschenröckchen hinter der Heckscheibe im Auto und tarnten geflissentlich eine Klorolle) in einem gemischten Barbie -, Lego – , Disneyland- Dekor – hier schafft Lanthimos eine ganz individuelle Ästhetik die sich sicher zur Ikonographie (eine Rezension ohne dieses Wort ist mittlerweile keine mehr, das wär also hiermit schon mal erledigt) auswachsen wird – und begleitet von einem mal wummernden, mal schreienden aber immer gut akzentuierenden und die Story untermalenden Soundtrack.

Bei diesen ganzen Accessoires vergisst man förmlich, dass das Thema im Grunde ein uralter Hut ist – sexuell und intellektuell erwachende Frauen umgeben von begehrlichen, aber überforderten Männern, (schnarch!) wachsen in der westlichen Welt natürlich überall am Wegesrand, aber meistens nur in Form von vorhersehbaren Beziehungsdramoletten oder gar -komödien, bei denen sich nur noch die ganz schlichten Gemüter schlapplachen können (die Frau macht flott und mühelos Karriere, der Mann stellt sich daheim im Haushalt blöd an, ja mei, is des lustig, jetzt haben wirs den Mackern wieder so richtig gesagt! Oder so oder ähnlich! Allerdings haben letztere schon längst abgeschaltet oder sind mit der Fernbedienung im Klammergriff weggepennt).

Viele Kritiker überschlugen sich, viele User reagierten verhalten, wohl angesichts der überbordenden Phantastik, ist ja auch nicht jedermanns Sache. Ein Rezensent nannte den Film eine weinerliche Abhandlung über Männlichkeit, ich würde eher von einer Abhandlung über weinerliche Männlichkeit sprechen. Ein skurriles Märchen und eines der schrägsten Emanzipationssatiren seit 1964, als Eliza Doolittle ihrem narzisstischen Professor die Hausschlappen nachfeuerte und die antike Galathea, solchermassen erweckt, hoffentlich Pygmalions Bett verliess und sich ihre Liebhaber von da ab selbst aussuchte – vor diesem feministisch befriedigenden Schluss der Geschichte hat sich Ovid, seinerseits antiker Macho, schlicht rumgedrückt, dabei hatte der auch drei Ehefrauen die ihm etwas hätten beibringen können. Womit dieser alte Mythos nun auch noch etwas aufgepushed wäre. Ein freches Märchen und eine amüsante Mythenverquirlungsorgie – damit wollen wir uns bescheiden sprach Heinz Rühmann und warf die Flinte in die Feuerzangenbowle.

Es wäre dem Regisseur zu wünschen, dass er in der Fahrt verbleibt, in die er langsam zu kommen scheint – ähnlich wie das furiose Teepüppchen das er geschaffen hat und das mit ihren überbordenden Puffärmelchen (ein Seitenhieb auf den male gaze in der Filmwelt der die Frauen vor allem für das männliche Wohlgefallen optisch drapierte) sicher noch eines Tages abhebt – to some other town, wo sie in Ruhe Medizin studieren, ihren Lüsten frönen und sicher verortet ihre Metamorphose vollenden kann.

Stay hungry, Black Barbie, and see you later im Sequel – die Schlusseinstellung war doch sicher nur ein Cliffhanger? Bin gespannt wer Dich rebootet, Tarantino hat zur Zeit eh nix zu tun …

 


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