Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2021 26 Feb

Shai Maestro: Human

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Als ich “Human” zum ersten Mal anhörte, ist mir etwas widerfahren, das mir nicht mehr oft widerfährt. Ich war sofort gefangen von der verzaubernden Musik und das Album wurde gleichsam mein täglich Brot. Nicht mehr oft … Früher – ja, wann war das? – war es anders. Jetzt habe ich beschlossen, wieder wie einst lang und tief in ein Album zu tauchen von dem ich spüre, dass viele fortwirkende Kostbarkeiten zu entdecken sind. Danke Shai!


Noch bevor ich den ersten Ton hörte, sprach der Albumtitel zu mir mehr als sonst üblich. “Human” – genau das empfand ich als wir im November 2019 sein Trio in Nürnberg erlebten. Shai hatte noch keine Taste berührt, nur ein paar Worte an die Zuhörer gerichtet … Was für eine wunderbare Ausstrahlung, die dann zu Tönen und Klängen wurde. All das wird bei mir wieder wachgerufen mit dem jüngsten Album. Das Trio ist erweitert zum Quartett. Philip Dizack ist dabei, ein mir unbekannter trumpet player. Er spielt ein Instrument, das durch menschlichen Odem zum Klingen gebracht wird.

 

Dieses Album ist ein ganz besonderes für mich. Wir haben den unglaublichen Trompeter Philip Dizack in unsere Familie aufgenommen, und das hat uns unendlich viele neue Möglichkeiten eröffnet, sowohl auf der Kompositions- als auch auf der Performance-Seite. Philip, Jorge Roeder und Ofri Nehemya haben sich bei diesem Album wirklich selbst übertroffen und das Ergebnis ist etwas, auf das ich sehr stolz bin. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, wieder einmal mit Manfred Eicher zusammenzuarbeiten, dessen Einfluss nicht nur während der Aufnahmen, sondern auch während des Komponierens und Schreibens der neuen Songs zu spüren war, was mindestens ein Jahr dauerte.  

(Shai Maestro)


Mir gefallen alle Stücke des Albums. Mit “The Thief’s Dream” wird Kontinuität zum vorangegangenen Album “The Dream Thief” beschworen. “Mystery and Illusions” ist ein höchst abwechslungsreiches Stück aufgrund seiner formalen Freiheit. Zwei besondere Lieblinge habe ich. “GG” beginnt mit einer Ostinatofigur der sich eine verführerische Melodie zugesellt. Hier scheint kaum improvisiert zu werden, denn Philip und Shai spielen die Melodielinie im unisono, soon they
Follow a Crooked Path … bei Keith Jarrett steht in Klammer (Though It Be Longer) – ich würde hier (And You Will be Surprised) ergänzen. Herrlich die Hommage an Hank Jones und Charlie Haden “Hank and Jones” und an “Ima (For Talma Maestro)”, wohl für seine Mama.

 

Jahrbuch der Lyrik 2021

 

 

Gestern erreichten mich die beiden Belegexemplare des aktuellen Jahrbuchs der Lyrik, der Schutzumschlag diesmal in einem diskreten Silbergrau. Mein Beitrag sind drei Übersetzungen aus dem Englischen (Gedichte von Richard Siken, Ben Lerner und W.S. Merwin) und eine Gemeinschaftsübersetzung mit Geraldine Gutiérrez-Wienken aus dem Spanischen: Das Haus über mir, von Erika Martinez. Übersetzungen enthält das Jahrbuch der Lyrik erst seit einigen Jahren, auch Bildgedichte. Wie immer finden sich im Jahrbuch viele bekannte Namen und darunter die in einem gewissen Rahmen zu erwartenden sprachlich und thematisch entsprechende Texte – Zeichen einer ausgebildeten Poetologie. Die  Gedichte von Sylvia Geist scheinen mir immer in einer weiten, amerikanischen Landschaft angesiedelt, Andreas Altmann verwandelt Landschaften in Magie, Mikael Vogel schreibt über ausgestorbene Tiere und Jan Wagner hat sich diesmal die Spezies der Karotte vorgenommen. Im Jahrbuch kündigen sich aber auch Themen-, und manchmal gar Paradigmenwechsel von Schreibenden an. Der Auswahlprozess ist frei von Kumpanei, in jedem Jahrbuch, so auch hier, tauchen neue Namen auf, Kurzbiographien ohne Publikationen. Imponiert hat mir das raffinierte, zwischen räselhaften Ebenen (Computerspiel und Realität?) wechselnde Gedicht glasbirken von Elke Bludau. Kathrin Bach gelingt es mit „8.3.19“, ein Trauma auf diskrete Art zu umschreiben. Das Kapitel schu-schu, hier kommt der seuchenzug (S. 83-99) enthält das Unvermeidliche, nämlich Coronagedichte. Der Einsendeschluss des Jahrbuchs lag Ende Juni, es waren also dreieinhalb Monate Zeit, über ein kollektives Trauma zu schreiben, das wir kaum dabei waren, in seiner Dimension zu erahnen. Im nächsten Jahrbuch werden Coronagedichte im weitesten Sinn vermutlich das Zentrum bilden. Ein Abschnitt geht zu Ende. Das Jahrbuch der Lyrik feiert mit dieser 35. Ausgabe seinen 40. Geburtstag. Christoph Buchwald gibt den Stab des ständigen Herausgebers an den Programmverantwortlichen beim Berliner Haus für Poesie, Matthias Kniep, weiter. Wie immer lesenswert sind die Nachworte des Herausgeberteams. Carolin Callies hat „ein Püree aus Nachworten, Briefen, Dialogen und abschließenden Notizen und Anmerkungen aus 42 Jahren“ zusammengetragen und Christoph Buchwald hat in seinem letzten Nachwort dargelegt, „warum Geschmack kein Kriterium zur Beurteilung von Lyrik sein kann“. Vive la poesia!

 
 

Ich kehre gerne zu dieser Vinylscheibe zurück, die vor Wochen bei Ozella Music erschien, und die mich schon nach dem ersten Hören, seltsam genug, an meine Zeit mit Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ erinnerte. Ich war damals vielleicht 13, und mein kleines Fischer-Taschenbuch mit Lithographien ausgestattet, die so manch unterirdische Szene in niemals klamaukartigen Motiven ausleuchtete. Immer noch weit hinter den eigenen Fantasien angesiedelt, mehr wie die Erinnerungen eines alternden Geologen, der die gesammelte Psychedelik des grossen Abenteuers seines Lebens in  eine fein ziselierte Welt aus Grautönen verwandelte. Man wurde ja in diesem Buch von Unterwelt zu Unterwelt geschleust, mit einer recht kauzig besetzten Mannschaft, in der eine junge blonde Frau so wenig fehlen durfte wie ein tollkühner Professor. Allein mit Pfadfindertugenden wäre man nicht weit gekommen, und es ist alles gar nicht so weit hergeholt, dass mir bei diesen Leseerinnerungen (immerzu abends, einmal Blitze, Donner hinter Rolleauschlitzen, nie kam ich dem See tief unter der Erde näher) Kari Ikonen in den Sinn kommt. Der Finne hat sein Album zuhause aufgenommen, und offensichtlich ein Klasseklavier mit bestens positionierten Mikrofonen umgeben, so dass ein lebhafter, springlebendiger Sound garantiert ist. Das Fachwort ist wohl „close miking“. Zu all dem hat Kari Ikonen noch ein kleines Gerät entwickelt, das geschickt zwischen den Saiten des Flüges einzuspannen ist: allerlei exotische Skalen werden da getriggert, die die Exotik merklich erweitern. Und tatsächlich, im Lauf dieses Trips, werden wir mal durch arabisches, dann wieder japanoides Terrain geschleust, was kurz den Verdacht nahelegt, der liebe Kari wäre wie der Held eines anderen Jules Verne Romans in 80 Tagen und entsprechender Tastenzahl um die Welt gehastet. Was ja nun heute, zumindest vor Corona, nichts Fantastisches mehr an sich hätte, so ausgeleuchtet ist jeder touristische Trampelpfad – und in der Musik ist es nicht viel anders. Ein Stück heisst gar „Koto“, und leicht könnte man auch hier einen „trickster“ wittern, der ein paar japanische Nettigkeiten aus dem Flügel lockt wie ein zweitklassiger Zauberer tote Kaninchen aus seinem Hut. Zum Glück passiert so ein fauler Zauber nicht mal im Ansatz. Zu lebendig gerät jeder einzelne Augenblick, und Kari Ikonen entführt uns mit seinen „Impressions, Improvisations & Compositions“ in ein erstaunliches Feld fortwährender Überraschungen (oder wäre Abenteuer das bessere Wort?). Eine gravierende Idee im Hinterkopf war es wohl, komme, was wolle, den vertikalen Blick für seine Klangbilder zu schulen, ihnen in jede erdenkliche Tiefe zu folgen, tiefer und tiefer (auch in hellsten Tönen mit leuchtendem Gelb) – immerzu den schönen Schein von Glitzer, Tand und Tollerei abstreifen, und so, Schritt für Schritt, die Reise zum Mittelpunkt des Klaviers antreten, in dem eine beträchtliche Wärme herrscht! Für solche Hausmusik braucht es kein Kaminfeuer. (In meinen Klanghorizonten am 20. Februar spielte ich, zu Anfang, nach einem Gedicht aus Dana Rangas „Cosmos!“, die Miniatur „Blue“, beflügelt von dem Kandinsky-Bild des Covers. Wie schön, dass einige Hörer auf Anhieb aufhorchten, und ahnten, welch besonderen Räume sich hier wohl, Schritt für Schritt, öffnen.)

 

official trailer

 
 
 
Manchmal lohnt sich Netflix ja doch. Ohne wäre mir beispielsweise Fran Lebowitz entgangen, und das wäre schade gewesen. Dabei liegt seit Monaten ein Buch von ihr aus dem Bestand meiner Liebsten auf dem „Noch-zu-lesen“-Stapel.

Wer sie nicht kennt: Fran Lebowitz ist eine jüdisch-lesbische New Yorker Essayistin und Romanautorin, gelegentlich trat sie auch als Richterin in TV-Courtshows in Erscheinung. Ihre Karriere begann sie als Mitarbeiterin von Andy Warhols Magazin Interview. Mit Warhol selbst kam sie nicht klar, doch das hat ihrer weiteren Karriere nicht geschadet. Diese Frau lebt nicht nur in New York, sie ist New York. Und genau das zeigt diese Netflix-Serie, die von Martin Scorsese aufs Gleis gesetzt wurde. Teils vor Publikum, teils im Gespräch mit jeweils nur einem Gegenüber, auf großer Bühne, in einem Club, in einer Bibliothek, ergänzt um diverse Ausschnitte aus verschiedenen Talkshows, erzählt Fran Lebowitz von ihrem New York. Immer redet sie klare Kante, immer schlagfertig, und nie verfehlt sie eine Pointe. Die sieben jeweils 30-minütigen Teile behandeln
 
 

  • New York
  • Cultural Affairs
  • Metropolitan Transit (über die New Yorker Subway)
  • Board of Estimate
  • Department of Sports & Health
  • Hall of Records
  • Library Services

 
 
Dazwischen wandert Fran Lebowitz durch Manhattan. Da packt einen die Sehnsucht, die Pest möge endlich von uns genommen werden — Pretend It’s a City wurde noch vor Covid gedreht. Nach einer Weile merkt man, dass es weitgehend immer dieselben Bilder sind, aber das schadet nichts. Außerdem spaziert sie in einem riesigen Modell-New York umher. Das alles ist hoch unterhaltsam, manchmal allerdings schwer zu verfolgen, denn Fran spricht in einem Höllentempo. Schlicht nervtötend nach einer Weile ist Scorsese, der sich deutlich zu oft selbst ins Bild setzt und vor allem jeden, aber auch wirklich jeden, Satz von Fran ausgiebig belacht, idealerweise schon, bevor sie ihn zu Ende gesprochen hat. Irgendwas ist ja immer.

Um auf die gute alte Würfelbewertung aus dem Gong zurückzugreifen:
 
 

 
 
Und jetzt werde ich mich um das Buch kümmern.
 
 

Meistens steht sie in der zweiten Reihe, meistens ist sie spärlicher gekleidet, als ihre Schwester Allison Moorer oder Lucinda Williams. Sie steht auch schon mal auf gleicher Höhe mit Willie Nelson. Aber dann, wenn sie alleine performed, wenn sie ganz das Rodeogirl rauslassen kann, dann twangt sie umwerfend stark, schleudert ihr linkes Bein von sich wie ein wildes Pferd, dann ist sie auf 1000PS. Shelby Lynne singt Kris Kristofferson zu Ehren „Me and Bobby McGee“ fantastisch. Shelby takes us back into a time, we were young, we were wild, we strolled around in North Beach, buying small books of underground poets in the city lights bookstore. Now our last hero is gone:

 
 

„I am waiting for my case to come up

and I am waiting

for a rebirth of wonder

and I am waiting

for some to really discover America …“

 
 

Laurence Ferlinghetti died yesterday at the age of 101.

(Brian, come along with „Me and Bobby McGee“ – and isn’t San Francisco a beautiful place?)

2021 23 Feb

Travelling Without Moving

von | Kategorie: Blog | | 1 Comment

 
 
 

Eine Weile gedachte ich, mal ein Buch zusammenzustellen, das einen Überblick über mein bisheriges filmisches Schaffen ermöglicht, einfach, um mal alles beieinander zu haben. Allerdings würde ich da gerne auch Texte und Gespräche bzw. Interviews integrieren, um einiges sinnvoll einzuordnen und zu ergänzen … und das blieb bislang einfach doch zu viel Arbeit, selbst für ein Jahr Eingesperrtsein unter Corona-Umständen. Als Anfang kam mir daher ein Werbegutschein (speziell für professionell mit Fotografie Arbeitende) für einen Fotobuch-Druck sehr gelegen, nicht zuletzt weil ich ohnehin gerne mal einige der Fotografien, die ich in den letzten paar Jahren gemacht habe, in haptischer Form jenseits meines Computerbildschirms sehen wollte.

 

So ging ich unlängst meine fertig gestellten, unvollendeten und abgebrochenen Film- und Videoarbeiten der letzten 20 Jahre durch und konnte zügig von 45 Projekten unterschiedlichstes Bildmaterial zusammenstellen – Standfotos, Screenshots, Setfotos, eigene Fotografien, Plakate u.a. [wobei ich die ECM50-Reihe und eine zehnteilige Doku-Reihe mit Schauspieler-Gesprächen (10x ca. 30 Minuten) jeweils in der Gesamtheit als nur ein Projekt gerechnet habe]. Dabei habe ich allerlei Auftragsprojekte für Personen und Organisationen ebenso außen vor gelassen wie zahlreiche Übungsfilme meiner Studienzeit (aus Licht-, Kamera-, Ton- und sonstigen Seminaren bzw. Workshops) – das wären noch einmal sehr viele weitere, viele davon aber sind ohnehin nur auf miniDV-Bändern in meinem Archiv, und ich habe darauf gegenwärtig keinen Zugriff, kann also auch keine Standbilder erstellen. Der Fokus der Auswahl liegt somit wirklich auf Arbeiten, zu denen ich auf die eine oder andere Weise noch persönlichen Bezug habe.

 

Irgendwann würde ich das gerne auch noch um Texte erweitern, und auch zu jedem Studienprojekt mindestens ein (Stand-)Bild heraussuchen, aber so als Testlauf hatte ich schon mal große Freude daran, mein bisheriges Tun Revue passieren zu lassen. Und es sind in der Tat eine ganz ordentliche Menge Filme entstanden, sehr unterschiedlicher Art und Umstände (schon was den Arbeitsaufwand betrifft — manch eine Arbeit entstand an ein bis zwei Tagen, andere über mehrere Jahre hinweg). Für eine Handvoll dokumentarische und essayistische Filmprojekte habe ich auch Material gesammelt und dann doch kein Endergebnis fertig gestellt — manche sind noch im Werden, andere bleiben unvollendet, aber interessantes Bildmaterial hat sich dennoch angesammelt, und so war es auch mal nicht schlecht, das so zumindest festzuhalten. Beispielsweise sind im Studio mit Julia Hülsmanns Trio doch ganz schöne Fotografien entstanden, die leider für die Albumveröffentlichung nicht genutzt wurden. Ich habe mich darauf beschränkt, für jedes Projekt eine Seite oder maximal eine Doppelseite zu füllen; zum Teil habe ich da recht viele Standbilder zusammengestellt (12 von den ECM50-Kurzfilmen), zum Teil auch nur eines, zwei oder drei, dann auch mal seitenfüllend vergrößert. Die Druckqualität, speziell auch was den Detailreichtum bei riesigen Landschaftsbildern betrifft, hat mich im Ergebnis dann schon beeindruckt.

 
 
 


 
 
 

Für mich war das einerseits eine hochspannende Zeitreise, da ich auch von dem einen oder anderen Filmprojekt alte Arbeitsfotografien herausgesucht habe oder bereits durch den Fokus auf Bilder interessante Parallelen und Verbindungen zutage getreten.

Das gedruckte Ergebnis selbst mittelmäßiger „Screenshots“ (aus dem fertigen Film herausgezogene Standbilder) hat mich durchaus positiv überrascht. Von der Tüür-Produktion in Bremen 2019 habe ich endlos Bewegtbildaufnahmen und auch zahlreiche Fotografien; die sind schön herausgekommen. Bei manchen kontrastärmeren Bildern kommt die Qualität des gewählten Drucks allerdings auch an ihre Grenzen (da würde ich beim nächsten Mal einen anderen Druck oder anderes Papier ausprobieren oder die Bilder anders bearbeiten), aber das hat mich jetzt nicht überrascht. Ich wusste, das einige Bilder, die viel mit Dunkelheit arbeiten, wohl nicht perfekt rauskommen. Bei einzelnen Bildern finde ich die farbliche Mattheit etwas schade; z.B. Farbtöne im gelben und hellen Bereich kamen nicht so strahlend heraus wie erhofft. Mir scheint, da wurde beim Druck eher mehr als weniger Farbe eingesetzt, weshalb vor allem manche farbreichen Bilder etwas zu dunkel herausgekommen sind. Vielleicht hängt das aber auch von der gewählten Papier- und Druckweise ab. Einige Bilder sehen im Druck jedenfalls farblich anders aus als in meinen Dateien.

 
 
 


 
 

 
 
 

Von der Firma (Saal Digital) bekommt man kostenlos eine Software zur Verfügung gestellt – die mich auch positiv überrascht hat; es dauert ein wenig, bis man die Tricks, die die Software bietet, durchschaut, aber ich neige ohnehin eher zum learning by doing als dazu, zuvor erst ausgiebig eine Bedienungsanleitung durchzuackern. Da bietet die Software echt erstaunliche Möglichkeiten, wie ich es nie erwartet hätte. Offenbar gibt es auch zahllose vorgefertigte Designelemente, die für Familienbücher oder dergleichen sicher sehr nützlich sind; für meine Vorstellung eines minimalistischen Fotobuchs allerdings nicht relevant waren. Wenn man es einfacher haben will und zum Beispiel ein Fotobuch als Geschenk erstellen will, kann man sich da, scheint mir, auf sehr einfache Weise in kürzester Zeit das Programm und die Möglichkeiten on the flow aneignen, und die schwierigste bzw. zeitaufwendigste Aufgabe wird die Auswahl der persönlichen Lieblingsfotos sein, zumal das Programm gute Möglichkeiten der Bildbearbeitung bietet. Bedauerlich ist allerdings, dass es nicht möglich scheint, fürs eigene Archiv oder zum Nachschauen ein einfaches PDF zu exportieren (also eines, auf dem man auch die Bilder erkennt, Druckqualität muss es selbstredend nicht haben). Dazu muss ich nun immer das Program öffnen und die vielen großen Fotografien im Cache lassen.

 
 
 


 
 
 

Die Verarbeitung des Buchs gefällt mir auch sehr gut. Als Cover-Foto habe ich eine minimalistische Aufnahme vom Great Salt Lake in Utah genommen, eines meiner liebsten Fotos, das auch ein perfektes ECM-Albumcover abgeben würde. Man bekommt eine Art Plexiglas-Frontseite, und das macht dieses Bild wirklich eindrucksvoll. Ich habe auf den Gutscheinwert ein bisschen was draufgezahlt, weil ich einfach so viele Projekte zusammengetragen habe, von denen ich die Bilder mal gedruckt sehen wollte, dass es so viele Seiten wurden – und war dann etwas skeptisch, ob mit so einfachen Mitteln wirklich was Vorzeigbares herauskommen würde. Aber dann war ich, von den erwähnten etwas zu dunkel herausgekommenen Bilden abgesehen, positiv überrascht. Es wird also sicher nicht das letzte Mal bleiben, dass ich auf diesem Weg ein Fotobuch in Auftrag gebe – und dann wohl mit einem Fokus rein auf meine Fotografien. Beim Durchschauen habe ich erst letzte Woche wieder gesehen, wie wahnsinnig viele fantastische Fotografien z.B. auf den extensiven Nordamerika-Reisen entstanden sind. Allein daraus ließe sich ein großartiger Bildband erstellen, wie ich ihn mir auch selbst kaufen würde.

Kurt‘s Solo on Oh (Ohio) in Hotel Chelsea, Cologne

 

Ich hatte begonnen, ein paar Songzeilen zu schreiben, da rief mich meine Frau an, und sagte daß heute der National Talk Like A Pirate Day sei, eine verrückte Sache in den USA, aber einem Tag des Jahres dürfen alle in ihren Büros und Läden wie Piraten sprechen und sich maskieren. Nach dem Telefonat fiel mein Blick auf ein altes Bild meiner Frau als junges Mädchen, sie ist in ihren Pyjamas zu sehen, da ist ein alter Plattenspieler und das Hockeyspiel auf dem Tisch. Ich beschrieb das Photo und fügte Dinge aus der realen Zeit hinzu. Es sollte nur ein kleiner Folksong werden …

Ich bekam einmal von meinen Eltern mal so ein ganz dickes zweibändiges Wörterbuch. Neben den Wörtern finden sich darin auch Sprüche, in denen diese Wörter benützt werden, aus der großen Literatur, aber auch Trash. Alle möglichen Quellen von dem leider viel zu unbekannten Songwriter Terry Reid bis zu Zitaten aus dem New Musical Express und dem Literaturfeuilleton der New York Times. Sehr unverbunden. Aber so fliessen in einen kleinen Up-Tempo-Song Fragmente aus diversen Gedankenwelten, und man spürt verrückte Zusammenhänge.

Da spielt sich was Interessantes ab, wenn man das Cover von Oh (Ohio) beim ersten Mal wahrnimmt. Zuerst fällt das Paar auf, ihre Umarmung, ihre Nacktheit, wie ein eingefrorener Augenblick, eine Art erstarrter Melancholie, aber hinter ihnen ist ein Fenster, und draussen spielen sich schreckliche Dinge ab: Polizisten verprügeln einen Mann, eine Menschenmenge schaut zu und wird von Uniformierten  zurückgedrängt. Wie in guten Songs existieren da verschiedene Ebenen, die erst klarer werden, wenn man sich etwas mehr auf sie einlässt.

Traurigerweise ist unsere ganze Beschäftigung die Beschäftigung mit unserem Sterben hier bei uns zuhause, und für den Augenblick klingt das doch ganz gut”. Nun, auch so eine seltsame Songzeile. Ursprünglich ging es um die Erfahrung, die jeder kennt, Du siehst im Film Orte, an denen du wirklich einmal warst. Einmal sah ich den Film “The French Connection”. Gene Hackman spielt die Hauptfigur namens Popeye Doyle, und er versteckte sich im Flur eines Hotels, in den ich ein paar Wochen vorher eine Nacht verbrachte hatte. Aus bestimmten Gründen änderte ich bis auf den Titel alle Wörter. In dem jetzigen Lied geht es um das Älterwerden einer Familie, eines Paares, den Tod der Eltern. Auf  etwas andere Art wie in dem Film mit Gene Hackman, der sich ja auch durch ein dunkles Schattenreich bewegt, schwebte mit ein Charakter vor wie in einem Roman, der in lose verknüpften Szenen alle möglichen Sterblichkeiten durchspielte. Es waren einafch Projektionen, wie das alles sein würde, und so beschrieb ich all diese eher imaginären Momente.

Auf dem Song „Close Up“ ging ich einfach mit einer Erfahrung um. Da habe ich die Bilder geradezu vor mir, ein paar sehr schmerzhafte   tauchten auch auf, aber wenn man beginnt, mit Worten zu malen, kann man eine neue Gelassenheit entwickeln. Singenderweise kann man ein wenig aus seiner eigenen Existenz heraustreten – und in einem guten Moment wieder in sie hineinschlüpfen! Alle sechs Monate gehe ich zum meinem Arzt und mache einen Bluttest, um zu sehen, ob ich frei von Krebs bin. Nach meiner Erkrankung muss ich das nun meinen Leben lang machen. Aber ich komme damit jetzt klar, es ist gut.

Das ist seltsam: ich kann mich an das Zimmer erinnern, in dem ich saß, oder an den Stuhl, in dem ich es mir bequem gemacht hatte, aber aus irgendeinem Grund kann ich nie diesen Augenblick dingfest machen, in dem ein paar Töne zueinander finden, irgendwie genau richtig klingen und mich verblüfft denken lassen: oh, das ist gut. Das ist wohl so ein schwarzes Loch im Bewußtsein, allerdings ein gutes schwarzes Loch. Die Situationen sind mir gegenwärtig, aber ich kann mich nicht erinnern, was da exakt vor sich ging. Woran liegt das?

 

 

1994 i hope that you‘re sitting still ***  

1996 how i quit smoking ****

1997 thriller ****

1998 what another man spills ****1/2 

2000 nixon ****1//2 

2002 is a woman  *****

2004 ah c‘m on / no c‘m on *** / ***

2006 damaged *****

2008 oh (ohio) ****

2012 mr. m ****

2016 flotus  ****1/2

2019 this (is what i wanted to tell you) *****

2020 trip ***1/2

 

2021 21 Feb

Distractions

von | Kategorie: Blog | | 7 Comments


 
 
 

Anlässlich der neuen LP habe ich am Wochenende das Gesamtwerk der Tindersticks – in umgekehrter Chronologie – durchgehört (abzüglich dreier experimenteller Installations- bzw. Filmmusik-Alben, die ich nicht besitze, Ypres (2014), Minute Bodies – The Intimate World of Percy F. Smith (2017) und Music for Claire Denis’ High Life (2018), das ich mir eben via Ebay bestellt habe.

 

Ich hatte vorab Bewertungen aller Alben aus dem Bauch notiert und wollte dann herausfinden, ob ich wirklich richtig lag. Ergebnis: Tatsächlich hatte ich mehrere Alben „nach oben“ zu korrigieren, speziell Across Six Leap Years, das ich zumeist links liegen gelassen hatte (und auch nur als CD-Kopie besitze), da ich die Neueinspielungen einer Auswahl von zehn, nach Bandmeinung zu wenig beachteter Songs, doch zu wenig „neu“ fand und finde. Diese Songs sind aber zumeist dennoch toll, einige großartig wie Say Goodbye to the City, Dying Slowly oder A Night In   nur braucht die neuen Einspielungen eigentlich niemand; sie sind weitgehend sehr eng an den älteren Versionen.

 

Das beste Album ist das unbetitelte zweite, landläufig „Tindersticks II“ oder „The Second Tindersticks Album“ genannt; das dritte, Curtains, und das erste, ebenfalls unbetitelte, sind aber fast ebenso herausragend. Das beste Album der zweiten Bandphase (mit 50% neuer Besetzung nach der fünfjährigen Pause 2003 bis 2008) ist wohl The Something Rain. Leider konnte ich mich bei keinem der späteren Album zu einer Wertung von mehr als vier Sternen hinreißen lassen; dazu, finde ich, haben sie einfach immer wieder doch diese recht „typischen“ melancholischen Tindersticks-Songs, die sich z.T. nicht signifikant von Album zu Album unterscheiden. In der ersten Phase ist/war das ein wenig „besser“, d.h. markanter.

 

Großartige Songs gibt es aber auf jedem Album, und auf ihrem besten Filmmusik-Album Les Salauds verbirgt sich mit ihrer sensationellen Neuinterpretation eines Hot Chocolate-Songs von 1977, Put Your Love In Me, ein unbekannter, sonst nirgendwo zu findender Geniestreich. Es sind vereinzelt ein paar weniger große Songs auf den Alben, vor allem auf denen der zweiten Bandphase, aber überall sind auch genügend brillante, so dass ich von keinem Album wirklich abraten könnte.

 

Mit dem neuen Album Distractions gibt es nun endlich wieder spürbare neue (Sound-)Ideen, und die Band verlässt, u.a. mit elektronischen Elementen, den ausgetretenen Pfad der vorigen Alben. Trotz einiger Höhepunkte sind The Waiting Room und No Treasure But Hope leider die beiden schwächsten (Studio-)Alben der Band. Selbst einige der Filmmusik-Alben sind spannender (Les Salauds, 35 Rhums, Trouble Every Day), und ich fand’s schade, dass sie nie die elektronischere Ästhetik von Les Salauds und Put Your Love In Me mehr auch für die Songalben eingesetzt hatten.

 
 

1993 – [First Untitled Album]  *****

1995 – [Second Untitled Album]  *****

1996 – Nénette et Boni (Soundtrack-Album)  ***½

1997 – Curtains  *****

1999 – Simple Pleasure  ****½

2001 – Trouble Every Day  ****

2001 – Can Our Love…  ****

2003 – Waiting for the Moon  ****

 

2002 – Vendredi Soir (Filmmusik, Dickon Hinchliffe solo)  ***

2004 – L’Intrus (Filmmusik, Stuart Staples solo)  ***½ 

2005 – Lucky Dog Recordings 03-04 (Staples solo)  ***½

2006 – Leaving Songs (Staples solo)  ***½

2018 – Arrhythmia (Staples solo),  Seite 1 ****, Seite 2 **  –  Gesamt: ***

 

2008 – 35 Rhums (Filmmusik)  ****

2008 – The Hungry Saw  **** 

2009 – White Material (Filmmusik)  ***½

2010 – Falling Down a Mountain  ****

2011 – Claire Denis Film Scores 1996-2009  ****

2012 – The Something Rain  ****

2013 – Les Salauds (Filmmusik)  ****

2013 – Across Six Leap Years  ***½

2016 – The Waiting Room  ***½

2019 – No Treasure But Hope  ***½

2021 – Distractions  ****

 

How to make a book into a soundtrack, being clear about the fact the book doesn‘t exist at all? It gives you a lot of freedom, because the book, as a product of imagination, is vague enough to not restrict your fantasy. We all know music for imaginary films, but for imaginary books!? That really opens another area (chapter) in the back of your mind. Three non-existing books, three albums, that’s the modus operandi. This first soundtrack is finished and inspired by the science fiction and horror films of the 1970s and 80s, and, of course, vintage instruments from that period take center stage: there‘s the Moog Modular 3C, a Rhodes Chroma, the Oberheim Four Voice, the Yamaha CS80 (Eno once had a good time with it), but who knows the Sequential Six Trak, the DK Synergy, an Ensoniq ESQ-1, or even the Emu Emulator-2? Linn LM-1 and Sequential Drumtraks are also part of the game. The other two works will each feature a different set of instruments providing a unique sonic character to the soundtrack. The second one will use Japanese synthesisers and drum machines from the 1980s, and the third one contains a selection of British vintage electronic instruments from the 1970s. I asked Michael if he‘s in the mood to listen to all that stuff when the trilogy will be nearly finished, so that he might have a little world premiere for the final part of the trilogy at least. He answered it would all depend on the amount of shivers running down his spine while listening. That‘s what I call a deal. He also asked me to write him my idea for the blog of the Manafonistas, leaving my name out of the game. Why, I asked him. Easy, he replied. People will think about this being some kind of invented story and taken by surprise when it will all will happen in reality one night in 2021.

 
 

Der gute alte Rundweg zählt eher zu den Ritualen als zu den Abenteuern. Auf Sylt hatte ich während dieser halben Robinsonaden inmitten der Lockdowns zwei Rundwege ausfindig gemacht, die ich perfekt fand, die ideale Mischung aus Feldweg und Dünengras, Menschenleere und Meeressaum. Auf einem wanderte in alter Zeit Max Frisch, ich kam ja immerzu an der Steintafel mit seinen zwei eingravierten Sätzen von Dämmerung und Mondhelle vorbei, und kurze Zeit darauf, oben auf dem hölzernen Plateau der Uwe-Düne (fast schon ein Gipfelgefühl), lag die Frage nah: ist das jetzt ein Traum, oder ein Traum? Die Erinnerung an alte Strandbuden mit kleinen Warteschlangen für Milchreis mit Zimt und Zucker ein halbes Leben her. Später dann, irgendwann nach Mitternacht, mit Taschenlampe und Neopren am wild rauschenden Meer, wurde das meditative Alleinsein (das auch schon den einen und anderen wohligen Schauer bereit hält), um einiges abgründiger. Dem horror vacui machte ich einmal den Garaus mit einem Trick – aus der Ferne funkelnde Erinnerungen an hingebungsvoll gelesene Gespenstergeschichten in einem warmen Bett voller Daunenfedern.

 


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