Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 

“In a bar called The Calico Girl, a Jukebox plays an echo of music from another time, another place, maybe. It‘s hard to pin. But the sound is of railroads and Wurlitzer notes. It washes over you like dandelion floats. The rush of childhood and the arms of the arcade. Here‘s where hallucinations are made.“ 

 

Ich war 17, hatte meine Baskenmütze auf dem Kopf, und sass auf einem Pier in Torquay. Ich sah auf die Palmen und hatte bis zu diesem Trip nach England nichts von den Palmen und dem Golfstrom dort gewusst. Vor mir auf der Kai-Mauer lag ein kleines Taschenbuch über das richtige Pfeiferauchen. Ich hatte alles Nötige dabei, und auch den Tabak meiner Wahl. Da es der einzige Tabak ist, den ich je in einer Pfeife rauchte, habe ich ihn nie vergessen: „Mac Baren‘s Mixture Scotish Blend“ verströmte einen süssen Honigduft, das Whisky-Aroma liess sich allenfalls erahnen. Er galt, wie ich las, als zungenfreundlich, ein Tabak, der langsam und kühl abbrennt, wenn er mit Bedacht genossen wird. Ich befolgte die Anweisungen zum Stopfen der Pfeife sorgsam, aber im Endeffekt scheiterte ich, immer wieder ging mir nach wenigen Zügen die Glut aus. Eine klare Niederlage. Wie in der Zeit davor, in der ich mir das Bridgespielen beibrachte, aus dem dann ein Solo für Vier wurde, weil kein Kumpel das Spiel lernen wollte. Ich hatte die Lektion gelernt, und mir später ein Buch mit Patiencen besorgt.

Das alles kommt mir in den Sinn, weil gerade „Coral Island“ läuft, das neue Doppelalbum von The Coral: und wenn man auch nur das kleinste Faible für englische Küstenkäffer hat, sind bei diesem Album Zeitreisen garantiert. Echos von den Beatles bis Leonard Cohen, von den Small Faces bis zu den Kinks, aber doch eine ganz eigene „Geisterwelt“.

Damals, auf diesem Pier in Torquay, als ich an der Pfeife scheiterte, ist noch etwas passiert, das ich nie vergessen werde. Ein grosser Hund mit Schlappohren, eine Promenadenmischung, kam zu mir angetrottet, kein  Besitzer war weit und breit zu sein, und er hockte sich zu mir. Wir erzählten uns ein paar Geschichten, jeder auf seine Art. Er hiess Joe. Irgendwann signalisierte er mir, ihm zu folgen, und über einen Steg gelangte ich auf ein luxuriös augestattetes Boot. Klein, aber oho! Wir machten es uns dort gemütlich, er mit einem, Knochen, ich mit einem Fernrohr, das ich in der Kajüte fand. Dann muss ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, waren wir auf offener See, und ausser dem Hund und mir war weiterhin niemand an Bord. Ich sah in der Abenddämmerung das Funkeln der Lichter der Küstenpromenade, und pure Freude durchströmte mich. Ich erkannte Fetzen eines Songs, wohl aus einer Jukebox, und aus weiter Ferne, „Mellow Yellow“ von Donovan. Wie kann ein Lied so unbedrängt aufs Meer hinaus fliegen? „…Born-a high forever to fly….A-wind-a velocity nil….Born-a high forever to fly…If you want, your cup I will fill…“ Aus meinem Rucksack holte ich ein Büchlein über das ABC des Bootfahrens. Wir waren gerettet.

 

Aus welchem Film stammt dieses Bild? Jeder darf einmal raten, auch Manafonisten. Aber um den ersten und auch einzigen Preis zu gewinnen, das nächste Album von oder mit Brian Eno (das kann etwas dauern), alternativ die neue Arbeit von Tony Allen, „There Is No End“ (seine letzte, soeben erschienene Aufnahme), muss noch eine weitere Frage beantwortet werden. Wie heisst die Jazzkomposition, die in dem fesselnden Sci-Fi-Film „Stowaway“ zu hören ist, während zwei Protagonisten (unglaublich, aber wahr) auf dem Weg zum Mars eine kleine Konversation über Jazz führen? Die Antworten bitte nur an meine Mailanschrift: micha.engelbrecht@gmx.de. Sobald das Doppelrätsel gelöst ist, wird es in den comments mitgeteilt. Kleine Hilfe: der Film ist ein Klassiker, und das Album, aus dem das Jazzstück stammt, ebenso.

 

 
 

Die ersten Morgenstunden: wenn der neue Tag noch eine weisse Fläche Zeit ist; ganz ohne Knicke, Risse und Flecken. Wenn jeder sich rüstet für den, für seinen neuen Tag: auf zu neuen Enttäuschungen, neuen ernüchternden Nachrichten.

 

„Ideen wie diese entstehen immer nachts um 1 Uhr während dunkler Autobahngespräche. Wir dachten uns: Warum fassen wir nicht einfach unsere Erfahrungen zusammen, die wir gemacht haben, als wir in einer kleinen Stadt an der Küste aufwuchsen, im Schatten von Liverpool und Wales, in diesem Niemandsland zwischen diesen beiden wirklich starken magnetischen Kräften, ohne jemals Teil einer von beiden zu sein.“

(Nick Power)

 

„Es geht auch um den Versuch, eine Idee von der Küste einzufangen, die in unserer Vorstellung existiert. Ich habe am Meer gelebt, aber Mama und Papa besaßen Pubs, also bin ich auch viel umgezogen. Ich bekam meine Ideen aus Büchern und Musik, aber ich fühlte mich immer von dem Gefühl dieser Küstenwelt angezogen. Ich fasse es so zusammen: Wenn dz jemals das Geräusch des Windes zwischen den Segeln der Boote im Hafen gehört hast …  für mich klingt das wie die Musik von Joe Meek, Jahrmarktsmusik. Es ist der Klang von Geistern; der Klang einer Welt zwischen den Welten. Der Klang der Koralleninsel.“

(Richard Skelly)

Rückkehr von Krähe – ist das überhaupt ein Gedicht? Klar, denn ein Gedicht ist ein Text, in dem so viel mehr steckt als die Worte, aus denen er besteht. „ich bin neuerdings in der lage, gedichtliches wissen zu messen, und anzugeben auf einer skala bis hundert“, schrieb Ulf Stolterfoht in es ist miles end, veröffentlicht im Jahrbuch der Lyrik 2018. Referenzflächen also, nebeneinander und übereinander geschichtet. Mit verschiedenem Quellenmaterial und Bezugssystemen arbeitet Stolterfoht auch in Rückkehr von Krähe. „Nur eine Strukturidee pro Gedicht, das kommt mir etwas wenig vor. – Fledermaus sekundiert: Zwei Ideen sprechen für Fleiß. Drei sind meistens eine zu viel. Hast du jedoch fünf, dann winkt von fern der Huchelpreis.“ In der Geschichte von Krähe, dieser seltsamen, wandlungsfähigen, symbolträchtigen Gestalt zwischen Württembergischen poesiefeindlichen Landstrichen, gefährlichen Wäldern, rätselhaften Geschöpfen, surrealen Verheiratungsaktionen, aber auch außerehelichem Sex, krassen Gewaltaktionen, lebensbedrohlichen Erkrankungen, der sinngebenden Produktion von Gedichten und immerzu Bier oder anderen Alkoholika. Grenzüberschreitungen sind also inklusiv. Mindestens einmal gibt es den Zwischenruf: „Auf einer Lesung kannst du das beim besten Willen nicht mehr bringen.“ Wie hat Ulf Stolterfoht diese Poetologie entwickelt, die er in zahlreichen Gedichtbänden unter den Titel Fachsprachen (nummeriert nach römischen Zahlen) veröffentlicht und weiterentwickelt hat? In Was hält ein Gedicht zusammen? erzählt er von seiner Zivildienstzeit Anfang der 80er Jahre. Es war seine Aufgabe, sieben Männer und den Chef mit einem VW-Bus in den Wald zu fahren, wo Bäume gefällt, Gräben ausgehoben und andere Arbeiten erledigt wurden. Die Männer waren Obdachlose und das, was sie miteinander sprachen, waren „Sätze, die nichts bedeuteten, für Leute, die nichts sagen wollen.“ „Ich glaube“, schreibt Stolterfoht weiter, „dass ich seitdem auf der Suche bin nach Sätzen, die so klingen, als wären sie ursprünglich von den Männern im Wald gesprochen worden.“ Wer mit den Gedichten von Ulf Stolterfoht noch nicht vertraut ist, findet in dieser Zusammenarbeit mit Thomas Weber einen bemerkenswerten Einstieg. Der klassische Sound des Kammerflimmer Kollektiefs vertieft die Wirkung des immer ins Ungewisse mäandernden Textes, und lässt die Räume, die er erzeugt, noch dunkler hallen. Dieser Arbeit können Sie fast eine Stunde lang lauschen, am besten mit Kopfhörern und im Dunkeln. Hier der Link zur SWR-Produktion aus diesem Jahr.

Eben zuendegehört die letzten KH. Sehr gelungen, sehr schöne Musik! Vielen Dank, Herr Engelbrecht. Hier sind wieder – wenns beliebt – einige Anmerkungen zur Sendung:

 

Palladino & Blake Mills – sehr spannend, habe ja in verschiedenen Sendungen schon davon gehört. – Sinikka Langeland – klare Stimme, ich liebe auch den ebenso klaren Klang der Kantele. Meine Erweckung dahingehend: Sylvan Grey »Iceflowers Meling« 1988 – Simon Goff: vielversprechend ! – Nik Bärtsch: Modul 55: Bei diesem Stück fangen in meinem Hirn Kate Bush und ihr Sohn als Snowflake so dermaßen präsent an mitzuschweben, dass es mir fast unmöglich wird, allein das Modul zu verfolgen. Reizvoll. – Ballaké Sissoko: Kora – Ich liebe Kora. Und entzückend, eine weitere Elfenstimme dans le forêt de language français (siehe Camille »oui«)! Ach! da singt ja sogar Camille!!! Herr E., Sie entreißen mir alle Bonmots! – Daniel Lanois: Every Nation – huch, so leichtfüßig habe ich Lanois lange nicht gehört. Und die Stimmung!, so mysteriös wie das Lächeln der MonaLisa. (War das jetzt Kitsch?) Sogar Dub kanna. Hat der das alles selber gemacht? Unfassbar.

just während die WELTTRAUMFORSCHER der vierten Stunde rauschen, lese ich mich durch die WTF-Philosophie. Man kann sowohl mit der Musik wie durch die Geschichte in einen Sog geraten, sich verlieren & verlieben. Zwar formulieren die Auswahlstücke in der Sendung einen bestimmten Kosmos, doch auch die anderen Perlen der beiden CDs »aus dem Zauberhut« empfehlen sich mit eigenwilliger Zuckerglasur.

Zu MADE TO MEASURE habe ich genügend gesagt. Lew ist einer meiner Favoriten. Es ist hier nicht nur eine Zuneigung dem Obskuren, sondern der Wunderbarlichkeit der Kompositionen. – Die ganze 4. Stunde ist himmlisch. Inklusive Fab-Dub.

 

 

 

 

Zur Kubanischen Compi (von Soul Jazz Records; Anm. mhq) könnte man anmerken: Die Kulturpolitik des Landes hat sich verständlicherweise nach der Batista-Diktatur von den »verwerflichen« Erscheinungen der kolonialen Zeit distanzieren wollen, als Kuba lediglich Spielhölle mit angeschlossenem Bordell für den US-Tourismus war. Auch die Verfolgung Homosexueller u.a., dem Zeitgeist geschuldeter politischer Entscheidungen darf man gern benennen. Castro hatte sich später ausdrücklich für die nachrevolutionären Fehlentscheidungen und daraus resultierendes Leid entschuldigt. Auch dass das Buch zur LP unter Mitwirkung staatlicher Stellen entstand, zeigt die Offenheit, mit der man mit alten Fehlern umgeht.

Äthiopische Melodielinien der Bar- und Pop-Musik der Dekade 69 bis 79 habe ich so verinnerlicht, dass ich mit Leichtigkeit die Phrasierungen mitpfeifen und mitsingen kann. Oje, ich komme ins taumeln, ich liebe das! Interessanterweise geht die staubig trottende, lockere Rhythmik Ayalew Mesfins – etwas schneller gespielt – in Richtung ChaCha, und ist fast dieselbe, wie man sie heute noch in der Laotischen Popmusik, endlos repitiert, hören kann. Ist der Hammer!

 

mit herzlichen Maigrüßen
Olaf (Ost)

Irgendwann an diesem seltsamen Tag (heute) schrieb mir David Webster eine Mail aus London, wo das Leben vorübergehend oder dauerhaft, auf jeden Fall, allmählich wieder erwacht. Und er sprach mich auf das neue Album einer seiner Lieblingsbands an, und ich antwortete: „Ich glaube, ich bin zu alt für diesen Scheiss.“ Wir sind gute Freunde (obwohl mich seine Frau nie mehr leiden konnte, seit mein letzter Liebeskummer im alten Jahrhundert ihr gehörig das Weihnachtsessen trübte), und es besteht nicht die Gefahr, dass er dauerhaft traumatisiert wird durch mein freches Mundwerk. Als ich dann vorhin den Spargel dünstete, einen Obstsalat anrichtete, und einen Sauvignon öffnete, liess ich das Opus auf spotify laufen, und, meine Fresse, wie gut ist das denn?! Ein Lagerfeuer, Merseybeat Time, ein uralter Storyteller, und querbeet die Schwingungen, mal eine verlorene Spur der Kinks, mal die Art, einen Vers zu wenden, a la Leonard Cohen. “It’s worth every penny that you spend / the golden age has just begun / Hear the laughter, sing the song. We’ll make you feel like you belong.” Ach, ach. Wenn das Altmodische zeitlos wird. Wetten, dass die Klanghorizonte im Juni mit diesem Album beginnnen?! Und wenn  ich in all den Jahren  nicht in London City war,  zuweilen mit David in einem Pub an der Themse (immer meine liebsten Pubs, in Flussnähe), wollte ich zu den Küsten nach Dorset und Cornwall. Da herumzustreifen, das hat mich stets ein wenig berauscht (das grösste Reisebenteuer in einem verlassenen Haus, mit Blick Richtung Meer und Orkney-Inseln, in den Tagen nach dem Tod von David Bowie) –  auch deshalb scheint mir dieses ganze Album so verführerisch: „A concept album based on the band members‘ sepia-tinged memories of spending time at seaside resorts on the West Coast of England, the album is wide ranging, deeply felt, and sonically enthralling.“ Südküste, Westküste, Nordküste,  ganz egal, ich bestelle gleich das Vinyl. “I walk alone, laughing in the face of love / I glide through the alleyways / It’s bittersweet, like a glass-half-full with rain.” 

2021 29 Apr

Spooky

von | Kategorie: Blog | | 9 Comments

 
 

Der lila Streifen auf dem Foto ist weder ein Blumenfeld noch liegt es an meiner Kamera. Was könnte es sein?

 

2021 28 Apr

Beyond The Hits

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

This song evokes the abject lostness of King’s Cross so perfectly, this site of historic battles where people arrive in London from The North and Scotland and where they return to, to leave. At the time this song was written, and until recently, the area was quite empty but for remaining sections of bombed out streets, warehouses – some of which were clubs – and a nature reserve. It was like an embodiment of the dark side of London’s anonymity with small oases in it. Now King’s Cross is home to the Eurostar, Amazon, Google and St. Martins it’s nowhere-ness seems amplified. No matter how many fancy buildings go up you can still sense Boudica’s ghost and faintly hear the strains of a sad song like this one as you get your overpriced oat latte.

 

… and much more – Lesetipp für Jan (and other fans of British pop music)

 
 

Dumplings, die in allen asiatischen Kochkulturen verbreiteten Teigtaschen, werden immer beliebter: Dieses illustrierte Kochbuch erscheint im September und serviert authentische Rezepte für japanische Gyoza, chinesische Jiaozi, koreanische Mandu und viele mehr. Eine Liebeserklärung an ein Essen, von dem man nie genug kriegen kann.

Am ersten Samstag im Dezember ist es dann soweit. Jeder Manafonist ist herzlich eingeladen in seinen eigenen vier Wänden, ein Rezept aus diesem Buch zuzubereiten. Im Vorfeld wird jedem das Inhaltsverzeichnis zur Verfügung gestellt.

Die kulinarische Reise geht von Gyoza aus Japan, Jiaozi, Wonton, Siu Mai und diversen Baozi aus China, Mandu aus Korea über tibetische Momos und mongolische Buuz bis zu den süßen Kaya Baozi aus Malaysia und Num Kom aus Kambodscha. Die ersten zwei „Manas“, die sich bei mir per Email (!) melden, erhalten das Buch umsonst. Jeder, der an dieser virtuellen Teigtaschenparty teilnimmt, muss hinterher einen Text zu seinem Dumpling-Tag veröffentlichen.

Dieses äußerst zugängliche Kochbuch wird Neueinsteigern ebenso viel Vergnügen bereiten wie erfahrenen Köchen. Geschichte – und Geschichten – der Teigtaschen finden darin ebenso Platz wie die passenden Teige, die diversen klassischen Formen und die dazugehörigen Falttechniken, die aromatischen Füllungen und die Zubereitungsmöglichkeiten.

 


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