Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

Es war doch Weihnachten, wenn ich mich recht erinnere, dass viele vor dem Fernseher sassen, in der alten BRD und weltweit, a long, long time ago, um der live ausgestrahlten Premiere eines Beatles-Songs zu lauschen. Nun erinnere ich mich auch daran, dass „Love Is All You Need“ mich nicht gerade vom Stuhl haute, und sicher zu den schwächeren Songs des Quartetts aus Liverpool zählt. Weihnachtsbonus halt! Und den gibt es nun auch, auf einer Compilation aus dem Hause der Deutschen Grammofon Gesellschaft: Künstler zwischen Ambient und Neo-Klassik spüren programmatisch den Weihnachtsräumen ihrer Kindheit nach. Der herausragende Track dieses Werkes ist ein nahezu klassisches, neues Weihnachtslied der Eno-Brüder, das genauso eine Botschaft der Liebe zelebriert wie einst die Beatles. Keine subversive Lesart, kein Weihnachtsprotestlied. Und keine Angst vor Sentimentalität.

 

Dark in the world, our path is so uncertain
Stories once told, are not helping us through
When our days are done, we go behind the curtain
Will there be a place which is golden and new?

 

So beginnt das Lied, das von Brian Eno mit seiner mittlerweile tiefer gelegten Stimme hinreissend vorgetragen wird, und eine Bewegung von der Dunkelheit ans Licht beschreibt. Da seine Stimme zu meinen Lieblingsstimmen gehört, hätte ich mich auch gefreut, wenn er eine ganze Sammlung traditioneller Weihnachtslieder gesungen hätte, oder das berüchtigte Telefonbuch. Oder Elvis Costellos „New Year’s Model“ von 1977 neu intoniert hätte. Letzteres haben nun einige spanische Stimmen mit Bravour getätigt. 

So eine Liebesbotschaft brauche ich auch nicht wirklich, aber das ist halt in der Weihnachtszeit so, und das haben die  Beatles damals ganz ähnlich gehandhabt. Und, ja, „Wanting To Believe“ ist ein feiner Titel, den Brian als hin und wieder sich outender Atheist da gewählt hat. Vielleicht wechselt er gerade in mein Lager hinüber, das der Agnostiker. Klar, viele werden den Song superduperkitschig finden, ich erinnere mich an eine Mail von Jan und einen Kommentar von Uli.

Aber das mit dem Kitsch ist relativ relativ (das ist kein Doppler jetzt): das gerne allseits in den Himmel gehobene Abschiedswerk von Lyle Mays ist in meinen Ohren, bei allem Respekt für Mays, seine Vita, seine Widmung Richtung Eberhard, und die beteiligten Musiker, ein aber mal so heftig verzuckertes Opus von frappierend-virtuoser Banalität – Meilen und Meilen und Meilen entfernt von der Klasse von Seite 1 seines mit Pat Metheny geschaffenen Werkes „As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls“. Eigentlich sollte letzteres damals ein Soloalbum von Lyle Mays werden, aber das Ego von Metheny funkte wohl dazwischen, wie ich mal gelesen habe. Das Album mit dem Telefonhörer auf dem Cover ist für mich sein wahres Vermächtnis, eine Sternstunde fürwahr. Man kann zu „As Wichita Falls, So Falls Wichita Falls“ (Seite 1, wie gesagt, die Grosskomposition, Seite 2 ist deutlich schwächer) immer wieder zurückkehren, und immer wieder wird man Neues, Unerwartetes entdecken.

Aber hier, bei dem Album „Eberhard“, was gibt es da, um Himmels Willen, für unerhörte Räume?! Da scheinen mir religiöse Menschen – resp. Mitglieder eines Fanclubs – ggf. ihren privaten Traum eines sanften Hinscheidens (oder einfach nur  die Bewunderung für den Verstorbenen) hineinzuprojizieren, in all dieses säuselnde, schillernde, süsse Gewalle und Geraune. Als Besänftigung, akustisches Valium, taugt diese Musik unter gewissen Umständen schon. Und für Lyle Mays war die Arbeit und Fertigstellung des Albums zweifellos eine erfüllte Sterbebegleitung voller guter Geister, aber deshalb allein noch lang kein Kunstwerk von grosser Strahlkraft. Es gibt natürlich noch zwei andere Erklärungen für meine recht solitäre Wahrnehmung: als ich das Album hörte, könnten meine Ohren, psychoakustisch, eine desolate Tagesform gehabt haben, und mir sind vielleicht all die zahllosen magischen Details eines grossen Wurfes entgangen. Fair enough. Und die zweite: „de gustibus non est disputandum“.

2021 9 Okt

Zeitreise

von | Kategorie: Blog | Tags:  | No Comments

Stefan Aust nennt sich „so ’ne Art Journalist“, findet sich „überdurchschnittlich durchschnittlich“ und gehört damit spätestens seit den späten 1960er Jahren zu den wenigen deutschen Journalisten, die ich als wichtig bezeichnen würde. Seine Reise führte ihn von der Schülerzeitung Wir über die St.-Pauli-Nachrichten zu konkret, von dort zur „Panorama“-Redaktion des NDR, zur Spiegel-Chefredaktion, er brachte mit Alexander Kluge Spiegel-TV und dessen diverse dctp-Derivate zum Laufen, er gründete XXP und übernahm damit Vox TV, war Mitgründer von n-tv, und heute ist er Herausgeber der Welt. Dass er dort mal landen würde, hätte er zu Beginn seiner Karriere sicher nicht gedacht — obwohl: Damals war die Welt noch ein liberales Blatt. Freier Filmemacher und Buchautor ist er noch dazu. Und — nicht zu vergessen — Pferdenarr.

Dankenswerterweise verzichtet Aust auf lange persönliche Geschichten, er hält sich als Privatperson sympathisch zurück und nimmt uns statt dessen mit auf eine 650 Seiten lange Reise, die wahrlich den Namen „Zeitreise“ verdient. Austs kritische Begeisterung für die USA macht Lust, seine Reisen nachzureisen; er hat den richtigen Blick für das Wesentliche. Von Station zu Station fallen einem die Ereignisse wieder ein — die meisten davon hat man ja mitbekommen, nur hatte man längst vergessen, wer der Berichterstatter war: Der Besuch des Schah von Persien, der mit dem Tod Benno Ohnesorgs endete. Die Baader-Meinhof-Zeit, der Bestseller und der daraus resultierende Film (den er für sehr gelungen hält, ich bin da etwas weniger überzeugt). Die Anti-Atom-Bewegung. Die Hitler-Tagebücher. Tschernobyl. Der Mauerfall. Und, und, und; ich will es nicht alles aufzählen. Manches interessiert mehr, manches weniger. Die Story um den Agenten Mauss etwa hat mich schon damals nicht interessiert, und auch hier im Buch habe ich sie nur quergelesen. Um so interessanter aber Austs durch konkret entstandene Kontakte zu Ulrike Meinhof, bis hin zu der Geschichte, wie er ihre Kinder aus Italien nach Deutschland holte. Auch wenn Austs Erzählstil eher cool ist, so merkt man ihm doch an, dass manche Ereignisse nicht ganz so cool waren, als sie passierten. Und auch heute noch darf man pointierte, aber stets begründete Ansichten von ihm erwarten; etwa zu Fridays for Future und der heiligen Greta — und gerade aus der Perspektive über den Atlantik ist das interessant.

Ein bisschen verblüffend ist die scheinbare Geradlinigkeit von Austs Karriere. Jede Station scheint sich aus der davor zu ergeben; man hat das Gefühl, da gab es kaum mal Zweifel oder Entscheidungen, die im Nachhinein bedauert wurden. Aber das ist eine Eigenart vieler Autobiografien. Sie resultiert aus der Rückschau, vielleicht ist das nicht zu vermeiden. Lesenswert, alles in allem. Mit Fotostrecke und einem schönen roten Lesebändchen.
 
 

 

Kurzlesungen im Rahmen der Seligenstädter Literaturtage. Es lesen: Martin Piekar, Martina Weber, Susanne Konrad, Ingrid Walter, Dirk Hülstrunk, Eward Reder, Klaus Hensel.
Samstag, 9. Oktober 2021, 19 Uhr
St. Josephshaus, Jakobstraße 7, 63500 Seligenstadt
Eintritt frei.

 

2021 7 Okt

Hinübergehen mit Eberhard

von | Kategorie: Blog | Tags:  | 1 Comment

In seinen Ausführungen über das Spätwerk bedeutender Musiker „Hinübergehen“ hat Joachim-Ernst Behrendt sich sehr ausführlich mit den finalen Werken vieler Musiker über fünf Jahrhunderte hinweg auseinandergesetzt und versucht die Besonderheit, die ganz eigene Atmosphäre, die diese Werke gemeinsam haben, herauszuarbeiten. Das, was in ihnen in Erscheinung tritt und über die Begrenztheit des Lebens in irgendeiner Weise hinausweist. Er schreibt: „Eine Frucht fällt vom Baum, wenn sie reif ist. Dann ist sie am „Besten“, am süßesten. Aber dann fällt sie auch. Vielleicht gilt das auch für Musiker. Oder für alle Menschen? Es hat mit Reife zu tun. Sie fallen, wenn ihr Werk „am besten“ ist.“ und „Spätwerke sind Kulminationswerke – in einem Maße, das weit über das Zu-Erwartende und das in anderen Künsten, überhaupt in anderen menschlichen Tätigkeiten Erfahrbare hinausgeht.“ So auch bei Lyle Mays als er Mitte 2019 eine infauste gesundheitliche Prognose bekam und entschied ein Werk, das ihm besonders wesentlich erschien noch aufzunehmen: eine Hommage an den Bassisten Eberhard Weber mit dem er gemeinsam gespielt hat und dem er viele musikalische Impulse verdankte. Diese fasste er bereits 2009 in eine Komposition für das Zeltsman Marimba Festival, die er für seine letzte Studioaufnahme, bei der u.a. Bill Friesell, Alex Acuñha, Michael Forman und Steve Rodby dabei waren, noch einmal intensiv überarbeitete und weiterentwickelte. Er steckte seine ganze Energie hinein, um dieses Stück noch bis Januar 2020 fertig aufzunehmen und konnte das Ergebnis schließlich noch in den letzten Tagen vor seinem Tod hören. Zentraler Ausgangspunkt war das Bassspiel und der Kompositionsstil Eberhard Webers zu dem sich viele weitere Elemente, wie minimalistische, ethnische Einflüsse aus Indonesien oder Brasilien, aus dem Jazz und der orchestralen Musik gesellten. Er nahm einfache melodische, harmonische oder rhythmische Ideen und experimentierte mit ihnen bis er die ganze Formenvielfalt entdeckt und feinsten herausgearbeitet hatte. Seine Nichte Aubrey Johnson beschreibt „Some parts of the process occur very quickly and some are painstaking, but together I think the resulting music feels organic and interesting, as well as logical and connected.“

Das 13-minütige Stück beginnt mit einem Marimba-Ostinato, das das ganze Stück hindurchträgt, darauf steigt Mays mit einer leichten Pianomelodie ein, dann folgt der Basseinsatz, der weiter in ein tiefes und komplexes Gewebe hineinführt, das zwar auf einer gewissen Ebene fast zu seicht klingt, was den choralen Einsätzen nicht unwesentlich geschuldet ist, aber niemals darin stecken bleibt und eine große stilistische und kompositorische Vielfalt aus den Grundthemen entwickelt und sich in der Intensität immer weiter steigert. Eberhard kumuliert das musikalische Schaffen Mays auf kleinstem Raum und kulminiert schließlich in einem Tenorsaxophonsolo von Bob Sheppard. Danach öffnet sich ein unglaublich tiefer, leiser Raum, dem ein Subbass unterliegt und entlässt den Hörer … wohin? Das weiß nur Lyle Mays. Now, the music’s over. Was bleibt, ist Stille.

 
 

 

„Ein Smartphone verbraucht schon geistige Ressourcen, wenn es nur in Sichtweite liegt – selbst wenn es ausgeschaltet ist. Denn wir müssen der Versuchung wider­stehen, uns mit dem Gerät zu beschäftigen, daran zu denken, welche Nachrichten eingehen könn­ten.“

 

(zeitonline)

 

 
 

It is a memoir, a story, a mirror – living hauntology. A revelation. It only throws glimpses to that special period. Everyone gets a decent quantum of experience mirrored and propelled by a big city‘s inner life. Everything is never the deal. That‘s why I love this rather fragmented, yet illuminating little book, inspiring own memories (entering automatically in between) about an old London that never leaves my heart. Full of life, and full of ghosts, that‘s what it  has always been – even when strolling through Sansha‘s Dance Shop. Or sitting with Brian Eno (years later) in a room where they once rehearsed the first Roxy Music album. My endless walk through Hampstead Heath in December 1982 (old ladies with white dogs passing by), and Jah Wobble‘s Invaders of the Heart at the Marquee Club on that very same day. And another thing, unforgettable, from early on: the smells of the underground and the music of the trains rolling in. Those street musicians and their „heart of gold“ fighting the rust, the laughter, and the forgetting. Please do yourself a favour, and start reading Michael Bracewell‘s „Souvenir“. 121 slowly flying pages.

 

For Mark Smotroff from „audiophile review“, and Mike from „Life in Surround“. Mike, I love your passionate reviews on youtube, you even made me buy the big „Dobbie Brothers in Quad“. And Mark, your enthisiasm  made me keen on Tomita‘s „Firebird“. I should have known better. Really terribly overblown stuff, both! But quite often, I agree with you. These days  I can even enjoy the 5:1-version of the Yes double album „Tales from Topographic Oceans“ without someone putting a gun to my face!


For starters: Side two (or song eight onwards for you digital kids) effectively reverts to type with sharp observations on being penniless, the pitfalls of marriage (Big Day), difficult romances, religion and death – hardly the stuff that music critics, pluggers and your average Joe and Joan wanted to hear around the campfire in the mid-’80s. Moulding’s Dying is possibly one of the bassist’s most personal songs, based on a true story, a real-life letterbox-format kitchen-sink drama that says a lot in its minimal two and a half minutes. As the expansive songwriter’s sleeve-notes explain, Moulding „likes writing about smallness“.

 

 

Some interesting things are just going to happen in my life, some fine, some not really, but every reader of this blog knows, I‘m keeping my private life strictly private. One of the things I like to frankly speak about, is the wonder healing of my electric cave. There seemed to be a severe damage in one or two of the loudspeakers, or even in the power station, but then again, and somehow over night, everything turned out fine, and into the best performance ever of my machinery.

 

Yesterday was final proof: I put on Steven Wilson‘s surround version of XTC‘s album „Skylarking“. Sitting in the „sweet spot“, and with no one  around, I could share this experience, I started the album with its bucolic sounds of nature, and then, one song after the other simply elevated me, literally, yogi-style. Forget Transcendental Meditation! I did a fabulous selfie, but I won’t give it away even when it looks so nice, too private, too disturbing anyway  for the uninitiated: me, scantily clad in a black kimono, ten (!) inches above a petrol coloured chaiselongue, oh, god! With all the endorphines floating, there’s something deep going on, existential matter all around, this is no entertainment, no nice killing of time at all, folks. This just keeps lingering on and on and on, oh me oh my. 

 

The albums of XTC and King Crimson must have waited decades to come to full blossom. This is not common opinion, but we who love 5:1 mixes cannot exaggerate the joys of listening to these works once coined „progressive rock“ in a way that places us mid-stage and inside a stellar mix that is true to the original, but offers unexpected levels of transparency and immersion. „Skylarking“ is such a fantastic album, and on par with my favourite XTC-In-Surround works, like „Drums and Wires“ and, how‘s the one called with the song „Towers of London“ … „Black Sea“, yes!  And to make this not a party for the happy few, Mr. Wilson‘s stereo mix is brilliant, too.

 

I can very well imagine how it may feel to make a journey to outer space and back, the new touristic thrill of the Bezos and Bransons of this world, but I would kindly  turn down the offer when paying the price would be, well, never being allowed again to fly away, away, and away with „Skylarking“ in surround.

 

Ein Beitrag des Künstlers Dietmar Moews, den Lajla mir schickte, triggerte einige Erinnerungen, wirkte wie eine kleine Zeitreise. Dort ist von den Stones die Rede, ihren jüngsten Konzerten mit neuem Drummer und Bassisten. Es wird aber auch zurückgeblickt auf die damalige Beatlemania und wie sehr uns damals Rockmusik beeinflusst hat, auch Flucht und Ausweg, zumindest aber einen neuen Horizont bedeutete. Dass die Fab Four als „Teletubbies“ bezeichnet wurden, finde ich witzig, bei allem Respekt. Als ich heute mit meinem neuen Smartphone rumspielte, etwas unbeholfen im Vodafone-Shop erklärte, ich sei Neuling dieses digitalen Bioreservats, lächelte man altersgerecht verständnisvoll. „Tamagochi“ nenne ich das, was sich nun unausweichlich einschlich, nützlich zwar, doch auch Suchtgefahren bergend. Nun sagte Heidegger aber, das Bergende sei das Rettende, und sollte dies nicht stimmen, nehmen wir unseren Han zur Hand und denken an die analoge Zeit zurück. Der zentrale Triggerpunkt des Moews-Essays aber war die Bemerkung, wie sehr uns damals die Rockmusik zur Nachahmung anstachelte. Ich könnte hier tausend Geschichten erzählen, und heute mit mehr als sechzig Jahren behaupte ich: zumindest in dieser einen Sache bin ich jung geblieben. In jüngster Zeit war es eine Vorliebe für den Sänger, Gitarristen und Songschreiber John Mayer, den ich zunächst unterschätzte, dann aber auf wundersame Weise in tieferen Schichten seine Qualität entdeckte. Softrock ist nun nicht mein Ding, doch dass hier Schmalz trieft, ist nur vordergründig. Als Gitarrist sei er ein Meister, konstatierte Berufskollege Eric Clapton, und meine Wenigkeit bestätigt das, nach ausgiebiger Tiefensong-Recherche. Und hier wären wir wieder bei den Beatles: das Ahmungs-Fieber ist noch nicht erloschen. Das heutige Mitbringsel kleiner Fender-Exkursionen in die Höhlenwelt der Sound-Escapes brachte drei kleine Stücke ans Tageslicht, sie heissen: „Rock Solid“ (Grüsse an John Mayer), „In die Vollen“ (inspiriert von Lava-Impressionen) und „Evening Sky“ (denn die Sonne kam noch durch, am späten Nachmittag im Park).

2021 5 Okt

FVTVRE SOVNDS

von | Kategorie: Blog | Tags:  | No Comments

Wie klingt die Zukunft? Wie klingt die Zukunft, wenn man in einem Land aufwächst, dessen Kultur und Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg in Trümmern liegen, wo Kultur im 3. Reich systematisch auf ein retrogrades infantil-atavistisches Kunst- und Musikverständnis runtergebrochen worden war und diese Stunde null scheinbar nie aufhören wollte. Sich musikalisch dann versuchsweise bei angloamerikanischen Produktionen zu orientieren liegt nahe, ist aber kaum mit dem deutschen Nachkriegslebensgefühl in Deckung zu bringen. Da musste etwas Neues her, etwas Ureigenes.

Hier hat sich Christoph Dallach, angeregt durch Gespräche mit Irmin Schmidt und seiner Frau Hildegard und Julian Cope’s „Krautrocksampler“, akribisch auf die Suche gemacht und Musiker und Kulturschaffende im In- und Ausland interviewt, um die Entstehungsmomente und Strukturen einer ganz neuen Musik in Deutschland zu ergründen. FVTVRE SOVNDS ist erzählte Geschichte, qualitative Feldforschung und äußerst spannende Lektüre bis zur letzten der fast 500 Seiten. Er benutzt dabei die Methode, die schon Jürgen Teipel mit seinem immer noch bissig-provokanten „Verschwende Deine Jugend“ und Rüdiger Esch mit „Elektri_City“ entwickelt haben, spart deren Themen vorsichtig aus, ohne etwas zu kurz kommen zu lassen und schlägt einen ganz weiten Bogen von der Vorgeschichte zum Höhepunkt experimenteller Musik in Deutschland bis zu den Spuren in der aktuellen Musikkultur. So umfangreich, wenn auch aus ganz anderer Perspektive hat das bisher nur Jan Reetze mit „Times & Sounds“ getan, wobei Dallach den Weg wählte, dieses höchst lesenswerte Stück Zeitgeschichte ausschließlich in den eigenen Worten der Protagonisten zu dokumentieren.

Es geht hier um Krautrock. „Der Begriff ist Quatsch“, sagt Holger Czukay, „ein idiotischer Begriff“ ergänzt Iggy Pop. „Wir machen elektronische Musik, weder Kraut noch Rock“ meint Klaus Schulze. Und Mani Neumeier rettet mit der simplen, wie wahren Feststellung, dass hier ja nicht von dem Kraut, das man isst, sondern von dem, das man raucht die Rede sei. Und Rock? „Rock steht für gar nichts … das machen auch Rechtsradikale“ stellt Jaki Liebezeit lakonisch fest. Kurzum: hier in Deutschland hätte sich niemand so bezeichnet. Wahrscheinlich stammt das Label „Krautrock“ aus der Feder des Musikverlegers Simon Draper bei Virgin Records, der einen knackigen, verkaufsfördernden Überbegriff für die damals in England sehr gefragte deutsche Musik suchte. Für die weitere Verbreitung tat dann John Peel im Radio was er konnte, denn diese Musik, die da aus Deutschland kam war innovativ, experimentell, auf das Wesentliche reduziert, streng und fokussiert, ganz anders als die angloamerikanische Musik zu dieser Zeit. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Musik außerordentlich heterogen war und aus einem weiten Spektrum von musikalisch hochgebildeten Musikern (Irmin Schmidt, Holger Czukay, Michael Rother etc.) bis zu musikalisch völlig unbefangenen Dilettanten, von Folk- und Weltmusikern bis zu psychedelischen Revolutionären ihre kreativen Zuflüsse bezog. Interessant war hierbei, dass diese Szene sehr viel mehr Einflüsse aus zeitgenössischen Kunstkonzepten bezog als aus der sonstigen Gegenwartsmusik. Doch dann gab es noch Stockhausen und den amerikanischen Minimalismus, sowie der freie Umgang mit Improvisation aus dem Free Jazz als wichtige Impulsgeber, aber auch den unbeirrbaren Willen etwas neues zu schaffen und das Kopieren bestehender Strukturen um jeden Preis zu vermeiden. Die Herangehensweise war dabei sehr unterschiedlich von kollektiven, alternativen Lebensformen in Kommunen (Faust, Amon Düül, Cluster) bis zu offenen Sessionformaten, wie sie im Berliner Zodiak oder bei Can gelebt wurden. Gemeinsam war aber allen, dass auf auch nur annähernd konventionelle Songstrukturen verzichtet wurde und lange, bisweilen ausufernde Sessions zentral zur Klangneufindung beitrugen. Die Ergebnisse waren einzigartig, überraschend und viele hören sich auch Jahrzehnte später noch überraschend frisch an.

Lange schon war dieses Buch angekündigt gewesen und Christoph Dallach hat sich keinen Augenblick zu spät an die Arbeit gemacht, denn viele seiner Interviewpartner leben inzwischen nicht mehr, wie Dieter Moebius, Holger Czukay, Jaki Liebezeit, Christian Burchard, Bernd Witthüser und Gabi Delgado-López. Allein schon an der Auflistung der inzwischen Verstorbenen kann man die enorme Spannweite der damaligen Kreativkraft nur erahnen. Was das Buch ebenfalls sehr spannend macht, ist dass Dallach auch nicht oder nur zum Teil beteiligte Musiker und Produzenten aus dem Ausland interviewt hat, u.a. Brian Eno, Steven Wilson, Jean Michel Jarre. Hier wird sehr deutlich, wie sehr die Rezeption im europäischen Ausland und in den USA dazu beigetragen hat, dass die deutschen Musiker überhaupt Anerkennung fanden, denn der Blick des großen Publikums war immer noch an den angloamerikanischen Charts orientiert. Klaus Schulze bringt das auf den Punkt: „Es klingt absurd, aber gerade wenn man als Deutscher etwas Eigenes machte, wurde man in Deutschland quasi selbst zum Ausländer und gerade dadurch fürs Ausland interessant“. Gerade diejenigen, denen gegenüber ein Kontrapunkt gesetzt werden sollte, haben also nicht unwesentlich zum Erfolg vieler deutscher Gruppen und Musiker in dieser Zeit beigetragen. Vermisst habe ich wirklich nur wenig, vielleicht wären Beiträge von Manuel Göttsching oder Eberhard Schoener noch interessant gewesen und eine Diskografie am Ende des Buches.

Eine lesenswerte und zutiefst faszinierende Reise durch diese 10-15 Jahre bis Ende der 70er, in denen ein kriegsbedingtes Kulturvakuum füllend eine kreativste Musikexplosion stattfand, die die Popmusik bis heute noch nachhaltig beeinflusst. Und zum Schluß bleibt nur eine, fast etwas traurige Erkenntnis: Krautrock hat es nie gegeben.

 
 

 
 

Den Rückblick kann ich wagen, weil ich bis Weihnachten, was das Lesen angeht, ausgebucht bin, mit drei Büchern, die fernab des Thriller-Genres zuhause sind. Bis auf ein Buch liegen alle Krimis in deutscher Übersetzung vor, die englischsprachigen habe ich in der Regel schon vor längerem gelesen. Platz 1 gebührt, mit denkbar knappem Vorsprung, Tana French: Der Sucher (nach „Grabesgrün“ nun mein neuer Lieblingsroman der Autorin, raffiniert, abgründig, und,  auf schwebende Weise, virtuos inszeniert). Platz 2 ist eine wahre Entdeckung und erinnert mich an die Zeit, als ich als Teenager in Eugene Sues „Die Geheimnisse von Paris“ versunken war: Juan Gómez-Jurado: Die rote Jägerin (ein Klasse-Schmöker aus Spanien, sehr ungewöhnlich, sehr schwarz, noch schwärzer, und doch mit Momenten feinen Humors durchsetzt). Platz 3, wahrlich keine Überraschung über die Jahre, ein alter Favorit: James Lee Burke: Dunkle Tage im Iberia Parish (wunderbar, die Edition des Pendragon Verlages, höchste Qualität von Band zu Band). Platz 4 geht an den unermüdlich wagemutigen Heinrich Steinfest: Die Möbel des Teufels (so kann das Surreale den Zauber des Magischen Realismus entfalten). Platz 5 ist nicht minder überbordende Fantasie, und ein Genre-Mix für Freunde von R. L. Stevenson und Sir Arthur Conan Doyle, ein Rausch der Verwegenheit, der dennoch keinen einzigen Spannungsbogen überdreht: Stuart Turton und sein etwas anderer „Historienroman“ Der Tod und das dunkle Meer. Platz 6 verdanke ich der Empfehlung von Laura Wilson, ein Lob an dieser Stelle der „Thriller-Kolumne“ des „Guardian“: David Heska Wanbli Weiden: Winter Counts („this book is both,  a solid take on a trope familiar to readers of crime and western genres – the lone man’s quest for justice – and an authentic and humane view of a largely unreported world, ravaged by years of systemic oppression.“, Laura Wilson) / Platz 7 geht an S. A.  Cosby und seinen temporeichen wie tiefgehenden Roman Blacktop Wasteland (wer den Film „Driver“ liebte, kann hier einen weiteren „Driver“ erleben, und einen amerikanischen Alptraum vor dem inneren Auge abrollen lassen. Fucking genius, Mr. Cosby).  Platz 8 verbreitete sich in meinem Bekanntenkreis wie warme Semmeln am Samstagmorgen – bei aller Hochspannung  aber keine so leichte Verlostung – das Buch der Dänin erhält von mir den Stieg Larsson-Gedächtnispreis: Anne Mette Hancock:  Leichenblume. Eine  Art antiquarische Entdeckung machte ich im Frühjahr, ein nicht mehr ganz taufrisches Exemplar aus dem Rosenhaus der Pension Lassen: auf Platz 9 der mir bis hierhin völlig unbekannte Thomas Perry und sein Roman Die Hüterin der Spuren (Burner, Riesenüberraschung, ehrlich, kein Scheiss!). Platz 10 ist jahrgangsunabhängig einem Klassiker (all time favourite) meiner Thriller mit Tiefgang vorbehalten, ich las das Buch im Laufe der Jahre zweimal, und selbst beim Wiederlesen war es episch-ungebremste Wucht: Val McDermids Echo einer Winternacht. 


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