Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

 
 

It all begins with „empty streets“, literally, cause that‘s the title of the opening track. Lascelle Gordon plays drums, percussion, electronics, combining, dissecting all the shining bits from the outer districts of real and imaginary cities. Melting pot music, wonderful in its ways to make you feel lost and strangely attracted at the same time. In some of its faraway places there is an impressionistic flair, not unlike Jon Hassell‘s latest album. A different way of haunting and playing tricks with your mind is at work here though: the sounds come from so many sources that every attempt to create a reliable map will lead you to nowhere land „where the streets have no names“. Luckily that awful song has no chance to get its jukebox sample appearance here. Peter Jones says that some piano playing reminds him of Robert Wyatt. Get your point, but old Robert’s voice murmuring some sweet nothings between foggy soprano sax lines, that would be the real  revelation – I can imagine it all too well. The whole album is so crammed full of strange exits, found voices, synthetic breathing, grooves you may call groovy and red district sensualism that it makes you wonder from time to timelessness what the fuck is really going on. Fuck knows. But it‘s a marvel. And it is definitely not a dream  that 72-year young British vocalist Maggie Nichols is stealing the show from some of the younger ladies who occasionally walk a thin line between old time „Smooth Operator“ vibrations, and an admittedly soulful blow job overture. No offense. A merry-go-round of sorts. There are deep layers here, echoes of  cosmic jazz, rock and old new wave (Lascelle likes A Certain Ratio), funk, dub, electronica and found sounds. In interviews, Gordon has cited James Brown, Can, Herbie Hancock, Weather Report, the Art Ensemble of Chicago and the ECM catalogue. (Well, Lascelle, where’s the ECM catalogue here?!) Another minor quibble: the ending comes all too sudden and would work better with some looped infiltration from the „Heavenly Music Corporation Inc.“ by the likes of Fripp & Eno. Nevertheless: kudos to a sophistcated mesh-up of British jazz-psychedelia! Great music for indoor sports at nighttime.

 
– written by M. Engelbrecht (most of it) and P. Jones (a little bit of it)

 

 

 

Die vielen kleinen Details, die zwar im Moment wahrgenommen, aber erst hinterher wichtig und leuchtend werden: der über der Strasse aufgehängte Kronleuchter; der Schaukasten ebenda, der eine Retrospektive mit Filmen mit Hans Lothar ankündigte (und für deren Besuch ich dann gerne noch in der Stadt geblieben wäre). Die durch einen Türsteher gesicherte Karaokebar zwei Strassenecken vom Hotel entfernt – der uns dann prompt am Abend den Eintritt verweigerte. Der Waschsalon, in dem wir auf einen Kaffee sassen, da haben die Waschmaschinen und Trockner eigene Namen bekommen. Die Bahnunterführung neben dem Hotel, bei der der Umbau nun endlich Gestalt annimmt und mich immer an das „Railway Hotel“ von Mike Batt denken lässt. Die Rückfahrt nach Hause, bei der ich versehentlich in den falschen ICE stieg und mich beim nächsten Halt dann in Berlin-Spandau wieder fand.

 

 

 

When I was hospitalized last year, for some days, after a heavy allergic response on Castellani‘s powder, I had arranged an interview with Bill Callahan on his album „Shepherd in a sheepskin vest“ – he would record it by himself, and send it to someone from Drag City who would send it to me. So i was sitting in front of the big and slightly intimidating Aachener Klinikum, evening time, and finally, after twenty minutes, I had him on a phone. It was a good talk, I remember his warm baritone voice coming from Austin, Texas. He didn‘t get it right with the technical side, so it had simply not been recorded, and our talk was lost. Never mind, nice divertimento, and an awesome double album. (m.e.)

 

Kaum ist das Lieblingswerk des Japaners Hiroshi Yoshimura seit 1986 zum ersten mal wieder aufgelegt und damit außerhalb Japans überhaupt zum ersten mal erhältlich, hat Green es zu recht hier schon zum Reissue-Album des Monats geschafft. Der 2003 verstorbene Yoshimura gehört zu den Ambient-Pionieren Japans, ein Inspirator und Förderer von Kankyo Ongaku, der japanischen Version von Ambient music. Er schrieb Bücher über die Geschichte der Ambient music, über Soundinstallationen und über Tempelglocken. Bereits 1973 trat er mit umgebungsbezogenen Klangkunstinstallationen an die Öffentlichkeit und produzierte in Folge einige Alben. Sein Debütalbum Music for Nine Postcards dürfte den Lesern dieses Blogs ja auch schon bekannt sein.

Bei Green geht es nicht um frühe ökologische Klangverkompostung, sondern viel mehr, wie in Yoshimuras gesamtem Werk um shizukesa, was sich nur annäherungsweise als subtiles Konglomerat von Heiterkeit, Gelassenheit, Ruhe und Stille verstehen lässt und seine weiteren darin verborgenen Nuancen sich am besten beim Hören erschließen. Die Titel spielen alle mit dem Phonem „ee“, das hier eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben muss. Wenn Green im Sinne von Grün auf diesem Album eine Bedeutung haben soll, dann am ehesten in einer von anderen Musikern nahezu unerreichten Natürlichkeit des Klangflusses, der sich ganz langsam und selbstverständlich in den lang gestreckten Miniaturen entfaltet. Und ja, es gab einmal eine etwas längere amerikanische Ausgabe, die einen Mix mit Naturgeräuschen und Field recordings darbot, der sich aber dem Klangerleben eher abträglich erwies, weswegen es erfreulich ist, dass jetzt die Originalversion wiederveröffentlicht wird. Yamaha‘s DX7 war gerade neu verfügbar und ähnlich wie Brian Eno war Hiroshi Yoshimura von den klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments fasziniert und lotete diese gründlich aus, ohne dabei in der schlichten Leichtigkeit und Unbefangenheit der Musik die Klischee- oder Kitschfallen der üblichen esoterischen Sülze mitzunehmen.

Der Opener Creek beginnt mit hypnotischen und perkussiven Arpeggios, nicht weil das erste Stück eines Albums etwas mehr Drive haben sollte, sondern mehr um den Hörer in seiner bewegten und bisweilen hektischen Welt ganz organisch abzuholen und in die Stille zu führen. Mit feinsten Lautstärkewellen wird die Downregulation gebahnt, die sich dann in Feel über schwebenden Drones mit darüber perlenden schimmernden Synthesizerklängen entfaltet. In Sheep geht es mit aufsteigenden Melodielinien von bestechender Einfachheit, denen gelegentlich sanft metallische Klänge zur Seite gestellt werden ans Schafe zählen, um dann bei Sleep in angenehmen veränderlichen Klangfarben, die scheinbar ganz zufällig und unbefangen, von kleinen Pausen durchsetzt aufeinander folgen, in oneiroiden Zuständen die Orientierung zu verlieren und sie auch gar nicht wiederfinden zu wollen. Der Titeltrack spielt schwerelos mit einer einfachen Melodie, die einfach und völlig reduktionistisch durch den Raum schwebt. Er erinnert mich ein bißchen an einen ergreifenden Moment, wo mir eine psychotische Pianistin an einem späten Sommertagsnachmittag ganz leise und verhuscht, wie aus einer anderen Welt Chopinstücke ganz wunderbar in das warme Licht der Abendsonne vorspielte. Irgendwie jenseitig und seltsam frei von irdischen Bindungen. Feet erfüllt dann mit harfenähnlichen Patterns, die durch leise, pointilistische Pianoklänge durchwebt sind den Raum, in dem dann Street wieder etwas Erdung mit Bassakzenten anbietet und dabei die klassische DX7-Flöte, die in den 80er Jahren auf keiner Esoterikplatte fehlen durfte, erklingen lässt, was eine nahezu pastorale Atmosphäre schafft. Zuletzt erklingt Teevee (TV!) wie die Musik zu einem Filmabspann, die einfach nur sagen will: Das hast du doch alles nur geträumt, du hast dich virtuell verloren, nur dass die Farben jetzt ein bisschen intensiver leuchten und die Alltagstaktung in Zeitlupe davonschwebt. Musikalisches Microdosing.

 
 

 

2020 25 Jun

borders and bindings

von | Kategorie: Blog | | 3 Comments

 

During the last days and weeks I discovered some songs of Carlos Santana, which probably may be assigned to the topic of mainstream, but I don´t mind. Since I meanwhile have to transfer nearly every song I like into my own guitar-playing, a new way of listening has developed over the years, which admittedly has something addictive about it. A good song always introduces itself as a binding and as a border as well – in it´s unknown structure and in the sense that you can’t play everything you´re listening to immediately. But the analytical ear is trained over time and that’s a good thing, because you can’t always rely on these quickly available online chord sheets. One example is a lockdown session with Carlos, John and Friends that made me want to anticipate and participate. What damn kind of lick is that in minute 0:15? I want to own it, play it, keep and eat it, digest it in my system. The chords are quite simple but this kind of music shows the meaning of the correct counting time. One of many meanings of the Blues. Like Wolfram once wrote: every Manafonist has to find his own subject. Well, this songdiving thing is mine.

 

 

Discourses ist das dritte Pianosoloalbum von Jon Balke, das einmal mehr Manfred Eicher produziert hat. Zum Klang des Flügels gesellen sich des öfteren manch fremdartige, sorgsam ausgewählte Sounds. Der Klavierklang verliert seine reine Autonomie. Mit all den auf Prägnanz zielenden Kompositionen – nichts ufert aus oder verliert sich in einem poetischen Nirvana – geht erstaunliche Luftigkeit daher. Das Album fesselt vom ersten Ton an. Alle Magie hat ihre ganz alltäglichen Begleitphänomene. Solche Geschichten gefallen mir immer wieder.

 

„Es gab viele spezielle Situationen im Studio in Lugano, die meisten drehten sich um die Arbeit – intensives Hören, kurze Kommentare. Stille. Die Sache ist die, dass das Aufgehen in der Musik und die Konzentration enorm sind. Aber das erste, was mir in Erinnerung kommt, ist, dass ich Manfred eine Menge Schweizer Münzen schulde. Nach der Landung, oder auch früh morgens, ging ich stets gleich ins Studio, ich bekam es nie hin, mein Geld zu tauschen. Und jedesmal, wenn wir eine Kaffeepause machten, nahe den Toiletten, ausserhab des Studios, ist der Raum mit all den Kaffeemaschinen, hatte ich nie passende Münzen. Ein ums andere Mal öffnete Manfred seine Geldbörse und besorgte mir den Kaffee. Das passierte wieder und wieder, und mit der Zeit machte es mich doch etwas verlegen. Also schulde ich ihm tatsächlich eine Menge Kaffee. Wir hatten so viele gute Gespräche dort, während wir an den hohen Tischen standen und unseren Kaffee tranken, aus kleinen Plastikbechern.“

 
 
Downtown Pittsburgh, irgendwann 2018. Eine Straße war so hergerichtet, als sei sie in New York, mit einem Fake-U-Bahn-Eingang und Hinweisschildern, die durchaus einige örtliche Autofahrer in Verwirrung gestürzt haben könnten.

Der Grund für die Dekoration war der Film A Beautiful Day in the Neighborhood, der zwar zum Teil in New York spielt, der aber vollständig in Pittsburgh gedreht wurde.
 
 

 
 
Es geht darin um Pittsburghs Nationalheiligtum Mr. Rogers, eine Legende des amerikanischen Kinderfernsehens. Wer den Namen nicht mehr unterbringen kann: Hier hatte ich vor zwei Jahren mal einen Beitrag über ihn geschrieben, damals anlässlich eines Portraitfilms über ihn und seine Sendereihe Mr. Rogers‘ Neighborhood, die von 1968 bis 2003 in fast allen PBS-Sendern der USA ausgestrahlt wurde, und wann immer der Pittsburgher PBS-Sender WQED eine Studiobesichtigung anbietet, bilden sich lange Schlangen vor dem Gebäude — wobei ich ja immer den Verdacht habe, dass die Eltern mehr daran interessiert sind als deren Kinder. Aber auch die wissen noch, wer Mr. Rogers war.

Damals waren die Dreharbeiten im Gespräch, inzwischen ist der Film da (Trailer), nach der Kinoauswertung jetzt als DVD, wohl auch in Deutschland. Tom Hanks spielt Fred Rogers, Matthew Rhys den Reporter Tom Junod, der im Film Lloyd Vogel heißt. Ich hatte zunächst eine Art Biopic erwartet, aber das ist es nicht, auch wenn der Film auf einer wahren Episode basiert. Tatsächlich hat man diese Episode aufgeblasen und eine Handlung darum herumgestrickt. Eigentlich also ist das, was der Film zeigt, so nicht passiert, aber immerhin handelt es sich auch nicht um völlig freie Erfindung. Lloyd Vogel, „Esquire“-Reporter vom Schlage hart und zynisch, erhält von seiner Chefredakteurin den Auftrag, nach Pittsburgh zu reisen und ein Portrait dieses Mr. Rogers zu schreiben — nicht viel, ungefähr 400 Wörter. Dieser Job ist ihm eher peinlich, er hält den Auftrag für unter seiner Würde.

Die weitere Handlung ist vorhersehbar. Bei einem ersten Treffen kann Vogel mit Rogers nichts anfangen, während Rogers ihn mit der ihm eigenen alles niederwalzenden Freundlichkeit ins Leere laufen lässt. Aber es bleibt nicht bei diesem einen Treffen, und es wird immer deutlicher, dass nicht Vogel Rogers portraitiert, sondern Rogers immer mehr den Reporter durchschaut. Der nämlich hat heftige Probleme mit seinem Vater, weiß das eigentlich selbst, weiß auch, dass er das ändern müsste, bringt es aber nicht über sich, den Anfang zu machen. Ich glaube, man verrät hier nicht zuviel, wenn man sagt, dass am Ende des Films sich Vogel mit seinem Vater an dessen Sterbebett aussöhnt. Und aus der 400-Wort-Story wird eine Titelgeschichte. (Die wiederum gab es wirklich, sie erschien 1998 in „Esquire“ unter dem Titel „Can You Say … Hero?“.)

Der Film spielt teils an Originalschauplätzen, es gibt auch sehr schön gestaltete Übergänge vom Realen zu Modell-Landschaften, die Dekoration von Rogers‘ Sendung existiert zum Teil noch, der Rest konnte mit Hilfe des Heinz History Centers nachgebaut werden, auch die Modelle für Rogers‘ Puppenspiel wurden realisiert. Teils ist der Film realistisch, teils aber arbeitet er mit fast surrealistisch anmutenden Verfremdungseffekten; in einigen Momenten enthält der Film wie im Spiegel seine eigene Geschichte. Brecht hätte seine Freude daran gehabt. Rhys bringt gut über die Bühne, wie der harte Kerl, der er sein will, immer mehr aufweicht. Tom Hanks legt seinen Fred Rogers für mein Gefühl ein bisschen zu sehr als eine Art zerstreuten Professor an, der ein wenig weltfremd durch die Gegend schlurft — dabei allerdings in bester Columbo-Tradition sein Gegenüber schon viel tiefer durchschaut hat, als der es ahnt. Und dann, im Abspann, stellt sich der Film fast selbst ein Bein: Da nämlich ist für einen kurzen Moment der wirkliche Fred Rogers zu sehen und zu hören. Diese paar Sekunden reichen aus, um klarzumachen, dass Tom Hanks nicht das Original ist.

Als jemand, der Mr. Rogers‘ Neighborhood nie im Original gesehen hat, bin ich — gerade auch nach Ansicht des erwähnten Dokumentarfilms — mit recht spitzen Fingern an diesen Film herangegangen. Aber ich bedauere nicht, ihn gesehen zu haben.

Dies hier ist die wohl stärkste Szene des Films: One Minute of Silence. Stellt euch die bitte auf der Kinoleinwand vor. Und dann wisst ihr, wer Mr. Rogers war.

Am letzten Freitag erschien „Homegrown“, Neil Young hatte es damals, Mitte der Siebziger Jahre, weggeschlossen, obwohl seine Firma damit recht glücklich gewesen wäre. All der Kummer, den er da beim Abhören wahrnahm, war ihm zu privat, „too much“. Stattdessen veröffentlichte er anderen, in Passagen todestrunkenen, dunklen Stoff, jenseits aller Hippieseligkeit, der zwar heute zu den grossen Alben seines Lebens zählt, wie „On The Beach“, wie „Tonight’s The Night“, aber damals seine „Harvest“-vernarrte Gemeinde beträchtlich verstörte. Wer sich das anhörte, zu Haschisch, Räucherstäbchen und Patchouli, konnte die Blumen im eigenen Haar schneller welken sehen. Auf „Homegrown“ hören wir nun ganz andere, weltverlorene Zartheiten jener Zeit. Als wäre er damals, als die meisten noch „Harvest“ rauf- und runterspielten,  für immer gestrandet in einem unausweichlichen Moment des gebrochenen Herzens, auf der vergebliche  Suche nach Trost. Er befindet sich mitten in seiner Geschichte, ohne dass eine Auflösung in Sicht ist, was den einen ganz speziellen Ausreißer auf „Homegrown“ sogar faszinierend klingen lässt. „Florida“ ist ein Wortgeflecht, leicht bekiffter Bewusstseinsstrom: Young erzählt entweder einen Traum oder eine Erinnerung an einen Vorfall, bei dem ein Drachenflieger in ein Gebäude stürzt und eine Frau ihn wegen eines gestohlenen Babys konfrontiert, wobei er nur von dem Geräusch begleitet wird, wie jemand mit dem nassen Finger am Rand eines Glases entlang fährt. Der Track bricht abrupt ab. Man bleibt zurück, und versucht, dem Ganzen einen Sinn zu geben – was Youngs konstanter Zustand auf diesem Album  gewesen zu sein scheint. Und jetzt, im Rückblick, ist es doch ein beeindruckendes, ungewöhnlich lebendiges Album – „a breathing thing“, als hätte sich in Gegenwart der Band manche Erstarrung gelöst. (Das rein solistische Pendant, auch erst vor einiger Zeit aufgetaucht, heisst „Hitchhiker“, nicht minder fesselnd, und noch eine Spur intimer.) Und so befindet sich der Hörer in eine Musik, die wie ein Bindeglied erscheint zwischen „Harvest“ und „Comes A Time“.  Und etwas seltsam Tröstliches verströmt, in aller Verlorenheit.

 

(Michael W. und Michael E.) 

Dank Rosato gibt es jetzt („for the happy few“) die gekürzte und m. E. bessere Version der „Syltstunde“. Sie beginnt, wie sie beginnt, und endet mit Leonard Cohens Vortrag von „The Goal“. Mit dieser ganzen Inselgeschichte hat es noch etwas anderes auf sich. Natürlich stehe ich für eine persönliche Art des Radiomachens, nichts finde ich so schwer erträglich wie eine stereotype Dauerheiterkeit des Tonfalls. Oder chronische Seriosität (in cultural matters), Aber wie geht man so eine Darstellung einer nordfriesischen Insel im Lockdown an?

Mir war schnell klar, dass es hier sehr persönlich werden muss (im Sinne der schwankenden Aggregatzustände, in denen sich ein Ich im Laufe von Tagen und Nächten bewegt), denn ich hatte wenig Lust, den geläufigen Diskurs dieser Tage mit ein wenig Inselkolorit aufzubrezeln. Für mich ging es beim Zusammenstellen der Episoden (und der Musikstücke) darum, Gegensätze auszuloten: zum Beispiel: selige Vorfreude vs. Unheimlichkeit. Das seltsame Umschlagen von Gefühlen in Einsamkeitszonen. Plötzliche Euphorie. Kindheitserinnerungen vs. horror vacui. Die Natur Natur sein lassen. Da greift zu leicht der beschauliche Zugang, der idyllische Ton, und genau den wollte ich unterlaufen mit manchen Klängen (speziell vom Bersarin Quartet, und Kraftwerk („Mitternacht“ stammt aus „Autobahn“ und ist absolut nostalgieresistent).

Ich wollte nun auch keine Schauergeschichten erzählen, obwohl der Regen des öfteren ein willkommener Begleiter war. Dafür sorgen wohl eine gute Prise Humor und Selbstironie. Hätte ich das Archiv der „Dying Sounds Of Sylt“ ausfindig gemacht, würde ich sogar jetzt noch dem Sender eine ausgefeilte „Hörspiel-Version“ vorschlagen. Und Ulrike Haage um zwei, drei Klangskizzen gebeten. Ein Dutzend Stories blieben unerzählt. Als ich das falsche Stück von Yo La Tengo (nach Leonard Cohen) spielte, überlegte ich, wie ich diesen Fehler nutzen könnte, und mir fiel nur Schweigen ein – und eine gewisse Leere des Raumes: auch das letzte japanische Klavierstück hat nichts Anheimelndes. Passt schon.

Das Unvollkommene einer Live-Situation fordert manch schnelle Entscheidung heraus. Einiges ist nicht zurückzunehmen. Zum Beispiel, dem biologischen Tief um vier Uhr nachts geschuldet: trinke nie Blubberwasser, wenn du gleich vorhast, fünf Minuten am Stück zu erzählen! Ich schweife ab.

Wäre nicht das melancholische Schlaflied von Yo La Tengo gelaufen (von ihrer ansonsten traumhaften Platte „And then nothing turned itself inside-out“), es hätte noch eine finale Story gegeben, wahrscheinlich sogar zwei: in der einen wäre Richard Brautigan vorgekommen, und seine Schilderung von „Halloween am Meer“, in der anderen hätte ich eine Brücke geschlagen von melancholischen Schwingungen des kleinen Meisterwerks „Absolute Giganten“ (der Film ist auf BluRay und DVD erhältlich), mit der betörenden Filmmusik von The Notwist, zu einer Morgendämmerung an der Küste hinter der „Sansibar“. Momente ohne falsche Erhabenheit. Es wäre da auch eine andere Musik gelaufen, und an der richtigen Stelle wäre eine Schallplatte zweimal, dreimal gesprungen. Und jeder hätte gewusst warum.


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