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Archiv: Saltash Bells

 

 
 
 

„Sehr rituell zubereitet, der Cappuccino“, sagte Katja Riemann, und ich antwortete: „State of the art“. Am Abend liest sie an der Seite des Briten bei der LitCologne aus David Mitchells famosem neuen Roman „Die Knochenuhren“. Das Gespräch mit dem Verfasser dieses alle traditionellen Genregrenzen überschreitenden Schmökers mit Tiefgang war von der hochunterhaltsamen Sorte. Wir hatten uns viel zu erzählen, von unserer Liebe zu ECM-Platten, wir sprachen über das Album „Fear of Music“ von den Talking Heads, das schon im ersten Kapitel seinen grossen Auftritt hat, über den Preis, den man zu zahlen bereit wäre, um Unsterblichkeit zu erlangen, über das Aufeinanderprallen von knallhartem Sozialrealismus und Fantasy, über die rare Tradition, in der sich der Roman bewegt. Und, natürlich, über Holly Sykes. Aber die sass ja schon zuvor neben mir an der Cappuccinobar.

“The title track was the beginning. People have asked me where the inspiration for the synthesizer loops on my albums comes from and I think I had an insight … My father used to be a dinghy sailor, and on we’d go out on a Wednesday evening on Saltash Passage – that’s the narrowest point between Devon and Cornwall – and from across the river there would be the sound of bell ringing practise at Saltash Church. As a kid, I loved the way the sound would echo across the water and all around the river valley. I would find myself inventing melodies as I listened to it. I’m pretty sure that’s where my fondness for the bell-like tonalities and repeating patterns of the synthesizer has its origin. So the composition ‘Saltash Bells’ recalls those evenings, with echoing bells, the river going by, gulls turning in the sky … It’s that kind of feeling. And it set a tone and direction for the album.“ (John Surman)

Wann hatte ich meine erste Begegnung mit der Musik von John Surman? Es war wohl sein frühes Soloalbum WESTERING HOME, nicht viel später sah ich ihn im Westfälischen Landesmuseum in Münster mit seinem furiosen Trio S.O.S (mit den großartigen Jazzveteranen Alan Skidmore und Mike Osborne). Schon sehr früh stieß er zur ECM-Familie, bestens erinnere ich mich an sein Album THE AMAZING ADVENTURES OF SIMON SIMON, mit Jack DeJohnette. Und dann stand er auf einmal mit dem Bassisten Barre Phillips auf einem weitläufigen Platz in Paris und improvisierte live, während die Kamera lief; der Regisseur Jacques Rivette ließ die Briten im Bild, schenkte ihnen die gleiche Aufmerksamkeit wie den handelnden Akteuren, die, typisch für den Altmeister der Nouvelle Vague, einigen Rätseln und Geheimnissen der französischen Metropole auf der Spur waren.

Später folgten etliche feine Alben, wobei seinen reinen Solowerken immer eine besondere Bedeutung zukam. Berühmt seine ROAD TO ST. IVES, die mich zu einer Cornwallreise inspirierte. Das ganze Album war nach Orten von Cornwall benannt, und einer dieser Plätze entpuppte sich als alter keltischer Steinhaufen: ringsherum war alles von den Bewohnern eines abbruchreifen Landhauses vollgemüllt, und in dieser tristen Szenerie konnte ich nur lauthals lachen, natürlich nicht über die Anwohner, sondern über dieses herrliche Durcheinander von Trash und Historie. Die haben das wohl missverstanden. Es war das einzige Mal in England, dass ich von einer Horde Betrunkener mit leeren Bierdosen beschmissen wurde, und statt tiefer Kontemplation das Weite suchen musste.


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