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Archives: Okervil River

2016 8 Sep

Besenkammermusik

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Der einzige Traumrest war ein lindgrünes Stofftaschentuch, aus der Zeit, als solche Dinge noch als vornehm galten. Ich schaute das offensichtlich frisch gewaschene Teil etwas ratlos an, als ein kleiner Papierfetzen sich löste und auf den Boden segelte. In blauer Tinte stand dort nur die Jahreszahl 1967, und erinnerte mich erst in zweiter Linie an die frühe Hochzeit der Kinks („All day and all of the night“), zuallererst fielen mir, seltsam genug, alte Schulhefte ein, und wie brav ich dort immer, in einer Zeit, in der es für Schönschrift noch Noten gab, rechts oder links an den Rand (blütenweiss) den jeweiligen Tag notiert hatte. Also: 7. 2. 1967 – oder 8. 2. 1967. Die Jahreszahlen schienen unbewegbar zu sein wie geschützte Denkmäler, in den Boden gerammte Pfähle. Die Illusion von Zeitstillständen wurde also auch durch schulische Rituale bekräftigt, nicht nur durch den Luxus der Langeweile der „Babyboomer“, oder das trügerische Gefühl von Ewigkeit, das selbst einem sonnigen Spätsommertag anhaftete. 8. 9. 1967. Es gab in meinem Leben damals, in dem Jahr als die Zeit wieder mal stillstand, neben musikalischen Schlüsselerlebnissen („You Really Got Me“), kriminalistischen Entdeckungen (Sir Arthur Conan Doyle, alle Sherlock Holmes-Geschichten!) auch eine erotisch gefärbte Sehnsucht nach einer längst vergangenen, frühen Kindheit. Denn viele Jahre zuvor hatte mich Nacht für Nacht, in meinen Träumen, eine exotische Frau besucht, der ich einen Namen gab, und die mich, nackt am Rand eines Swimmingpools, massierte. Sie war eine Slawin, sie war eine Indianerin, sie war eine Zigeunerin, sie war ein Serientraum. Als meine Nase plötzlich lief, schneuzte ich in das Stofftaschentuch, legte mich auf eine violette Chaiselongue (mir war immer noch nicht klar, dass ich weiterhin träumte), und unterhielt mich eine Weile mit Will Sheff. Will erzählte mir von dem Drogentod der Sängerin Judee Sill in einem Wohnwagenpark, vom tristen Leben des Tim Hardin, vom Tod seines geliebten Grossvaters in einem Hospiz, und von dem Requiem, das er für das Ende seiner Band geschrieben hatte. Ich erzählte ihm von meiner „Farbenfrau“, von einem Himmel schwarzer Vögel, und wie die Kindheit – die seltsamsten Formen annehmend – durch unser Erwachsenendasein geistert. Wir sprachen über die Jahreszahlen der frühen Jahre, in denen die Zeit sich keinen müden Meter mehr zu bewegen schien, und wie wir damals die Angehimmelten in Zeitlupe einatmeten (in endlos gedehnten Blicken).

 
 
 

 
 
 

Seine Stillstandsjahre waren in den Achtzigern aufzufinden, in einem Amerika der herausgeputzten Vorstadthäuser. Will nahm seine Brille vom Gesicht und putzte sie. Ich nahm das grüne Taschentuch und gab ein kräftiges Niessen von mir. Will nannte sein neues Album eine „Todesgeschichte“, und er meinte damit wohl Tod, Verwandlung, Neuaufbruch. Mein Blick fiel auf eine Tarotkarte aus alter Zeit, und ich sah Don Draper aus einem hochgelegenen Stockwerk stürzen. Irgendwas stimmte an dieser Begegnung nicht. Ich hörte das gleichsam indische Sirren der Gitarren auf „See My Friends“ (ein Foto von Ray Davies stand auf dem Schreibtisch). Auf dem Tisch lag auch das Album von Wills neuer Platte. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an dem Cover, das all die Sphären seiner sepiagrauen Gesänge mit kaleidoskopisch wirbelnden Kindheitsfarben mischte. Man hört der Platte von Okkervil  River nicht gerade an, dass sie in New York entstanden ist. Der Song „Days Spent Floating (In The Halfbetween)“ ist ein Finale besonderer Art, zusammengereimt aus lauter ersten Sätzen des morgendlichen Erwachens. Selten, dass ich auf einer Liederplatte nur Lieblingslieder habe. „Away“ ist ganz grosses Kino alter Schule. Orchestrale Besenkammermusik mit Ausblick!


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