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Archiv: Michael Pollan

Was Michael Pollan mir sympathisch macht, neben anderen Dingen, ist seine mentale Annäherung an die vier, fünf psychedelischen Reisen, von dener er in seinem Buch berichtet. Er bringt Neugier, aber auch Skepsis mit, und die Nächte vor seinen Drogenreisen sind schlaflos. Grosse Ängste plagen ihn, ob er nicht eine Herzattacke erleiden und elendig verenden könnte, in der Abgeschiedenheit mancher Hütte, in der er, von einem Psychonauten seines nicht gänzlich voll ausgeprägten Vertrauens, LSD erhalten würde. 

Einen grossen Bogen macht er um um MDMA herum, weil diese Droge tatsächlich auch durch das Herz-Kreislaufsystem geschleust wird. Dass ein Mensch mit solch ausgeprägter Vorsicht sich dann auf holotropes Atmen einlässt, ließ mich schmunzeln, denn diese Technik impliziert Hyperventilationen der heftigeren Sorte, was einem nervösen Herzen schon einiges Herzstolpern, sprich, Extrasystolen, bescheren kann. Zudem katapultierte ihn diese Methode des Atmens  in eine andere Welt, in welcher er auf einem wilden Pferd durch unbekannte Räume gallopierte, eine beträchtliche Pulsbeschleunigung ist da danz naheliegend. (Als ich vor zehn Jahren einen Dreh finden wollte, für einen gordischen Knoten, bekam ich die Möglichkeit, mit der Begleitung erfahrener Psychonauten, eine „Reise“ anzutreten, aber aufgrund meines Unwissens und daraus resultierender Ängstlichkeit lehnte ich ab, was mir heute nicht mehr passieren würde.)

 
 
 

 
 
 

Als ich vor einem knappen Jahr bei einem 91-jährigen peruanischen Schamanen im tiefen Sauerland aus einem grossen Kelch mit etlichen anderen Teilnehmern „die kleine Schwester von Ayahuasca“ schlürfte, die keinerlei Halluzinationen produziert, aber schon einen sehr interessanten Zustand eröffnet, wurde ich von einer betörenden Klarheit des Bewusstseins ergriffen. Ich fühlte mich wie ein Psychotherapeut, der auf der Höhe seiner Fähigkeiten agieren könnte. In diesen zwei Tagen hatte ich fesselnde Gespräche, die Hanseatin auf dem Foto etwa erzählte mir von ihren Reisen in den peruanischen Dschungel, von profunden Heilungsprozessen, und neuen Formen der Darmsanierung. Während um mich herum, reihenweise, eingehüllt in Nebelschwaden reinen Dschungeltabaks, bei schamanistischen Tiefenbindegewebsmassagen, wohl ein Mix aus „Rolfing“ und alten Heilertechniken aus Peru, tiefe Traumen aufbrachen, und zahlreiche Menschen gleichzeitig schrien, weinten, stöhnten, machte ich leise Konversation mit meinen neben mir sitzenden Gefährten, die auch bald schreien und weinen würden. So liebevoll ich es nur vermochte, kümmerte ich mich um sie, sprach ihnen Mut zu, und als ich selbst massiert wurde, erlebte ich die Session als unendlich angenehm. (Seine Erfahrung mit Ayahuasca schildert Michael Pollan gegen Ende des Buches.) 

Kein Trauma, kein Schmerz, aber ich hatte die Rechnung ohne die Hexe gemacht, die, am Nachmittag vor dieser langen Nacht, plötzlich auf ihrem Weg zurück anhielt, nachdem sie ihre gesammelten, unfreiwillig absurd wirkenden, Wirrungen dem Peruaner geklagt hatte, und zwar ellenlang, ohne Punkt und Komma, und wohl aus der Ferne ein unterdrücktes Lachen aus meiner Ecke vernommen hatte (die Schweizerin hatte mir ins Ohr geflüstert: „zehn Minuten kalt duschen kann auch helfen!“) – wenn es den bösen Blick gibt, dann traf er mich da und unvermittelt. Ein grosser Fehler, ich wendete meinen Blick ab, statt dem ihren standzuhalten, aufzustehen, und sie zu konfrontieren. In den Wochen danach machten sich seltsame Krankheitssymptome bemerkbar, und ich scheue mich nicht, von dieser unglaublichen Begebenheit zu erzählen. Und einer Spur von Parapsychologie Raum zu geben. Ich hörte von sehr rationalen Zeitgenossen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Ein  Mistelzweig wurde über den Türeingang gehängt. Sollte ich sie in diesem Jahr wiedersehen, beim Peruaner, werde ich, weil ich durchaus bedacht sein kann, ihr nicht meine Faust ins Gesicht rammen, sondern sie freundlich, aber unnachgiebig, zur Rede stellen. Und herausfinden, ob ich Opfer einer Einbildung oder eines gezielten Angriffs aus der westlichen Voodookiste wurde. (Um Missverständnissen vorzubeugen, ich schlage niemals Frauen, aber bei Hexen, die mir Böses wollen, könnte ich schon mal eine Ausnahme machen.)

Aber ich schweife ab. Und, wie es aussieht, muss die Geschichte von dem Pilzforscher auf dem Baum noch einmal verschoben werden. Kurz vor Ende der langen Nacht war jeder angehalten, mit dem angemieteten Bus oder Taxi zu fahren, wegen des drastisch veränderten Bewusstseinszustandes. Da mein Geist aber vollkommen klar war, und der böse Blick noch weit davon entfernt, seine Wirkung zu tun, setzte ich mich ans Steuer meines Toyota und brauste durch die späte Nacht, die noch keine Dämmerung bereithielt. Ich fuhr in einen Feldweg hinein und entdeckte einen Fuchs am Wegesrand, der keine Anstalten machte, die Flucht zu ergreifen. Er zeigte keinerlei motorische Unruhe, und ich vermutete keine Tollwutgefahr. Als ich ausstieg, näherte ich mich langsam, und er schaute zu mir auf. Ich setzte mich wenige  Meter von ihm entfernt ins Gras, und wir verbrachten eine herrliche Stille miteinander, während der wir uns immer wieder direkt anschauten, er bevorzugt mit schiefgelegtem Kopf. 

Ein tiefer Friede erfüllte mich. Dann begann der Fuchs zu reden: „Ich glaube, es wartet dein Freund, der Steuner, auf dich. Der, den du auf Lanzarote gefüttert hast.“ ich gab ihm recht, und nahm mir  vor, bald ein Flugticket nach Arrecife zu besorgen.  Ich fragte den Fuchs, ob er eine Lieblingsmusik habe. Der Fuchs antwortete, der spanische Streuner würde am liebsten Flamenogitarren hören, bekäme sie aber nur selten, aus den Autos von Touristen, in Fetzen und Fragmenten, mit, immerhin genug, um ein paar Flamencoschritte auf dem trockenen Gras zu imitieren. Besonders liebe er das Gitarrenspiel von Niño Miguel. Als  ich ihm versicherte, ich würde dem Streuner,  neben gutem Futter, auch jede Menge Flamenco zukommen lassen, fragte ich nochmal, was er denn so, als Fuchs, gerne hören würde aus der Menschenwelt. Und seine Antwort verblüffte mich: „Pink Moon von Nick Drake“, das waren seine Worte, und dann sang er noch ein paar Zeilen aus dem Lied „Place To Be“, in bestem Fuchsenglisch. Tränen der Rührung liefen aus meinen Augen.

Die Psychonauten sind eine besondere Spezies, und wenige von ihnen waren so exzentrisch wie es all die Geschichten aus der alten Zeit, von Ken Kesey bis Timothy Leary, vermuten lassen. Geradezu nüchterne Wissenschaftler, teilweise Angestellte der Regierung in Forschungsprogrammen, erlebten die aufkommende Gegenkultur der „beatniks“ und „hippies“ eher mit Skepsis, hielten die traditionellen Werte für bedroht – und erlebten, was historisch belegt ist, eine Offenbarung nach der andern, als sie erstmals LSD oder einen „magic mushroom“ zu sich nahmen. Ihre Sicht der Dinge geriet ins Wanken und verwandelte sich, und wir reden hier nicht von Kreativmenschen, die Drogen gerne en passant als Horizont erweiternd erlebten.

Ganz schlicht berichteten manche dieser frühen Psychonauten (die sich zu Beginn nie im Leben so genannt hätten) über Erfahrungen von Transzendenz und Gott, von universellem Einssein, und sie hatten kein Seminar bei einem fernöstlichen Guru besucht, oder zuviel Ragamusik gehört. Damals, vor der grossmäuligen Propaganda Learys, war LSD legal und verfügbar, und eine der schillernsten Figuren jener Ära, Al Hubbard, Politiker, Heiler, Geheimagent, Forscher, und was weiss der Kuckuck noch alles, hatte aus Zürich eine unfassbare Menge LSD erhalten, mit der er quer durch die Lande zog, um anderen Forschern und Heilsuchenden, mit geleiteten Sitzungen, neue Welten zu erschliessen. HBO sollte aus dem Leben dieses Mannes eine grosse Serie machen, und Herrn Leary mal links liegen lassen.

Von früh an an war klar, dass man für eine LSD- und Pilzreise einen geschützten Rahmen braucht. Und dass die erschütternden oder seligmachenden Erfahrungen unbedingt im Gespräch, im Austausch mit einem erfahrenen Therapeuten oder Psychonauten, verarbeitet werden sollten. Essentiell ist auch die Einstimmung: dem Probanden wird ein Set an Regeln an sie Hand gegeben, dass er, je nach Notwendigkeit während seines Trips aktivieren sollte, Dinge wie: „du kannst nicht sterben“ / „spreche mit den Gestalten, die dir Angst einflössen“ / „vermeide jede Panik, atme ruhig“.  Ein Teil der Leser dieser Zeilen wird an dieser Stelle genug haben, und froh sein, dass die einzige Droge in seinem / ihrem Leben Kaffee oder grüner Tee ist, oder ein Viertel Rotwein am Abend. Tatsächlich offenbaren die Reisen erstklassiges Material, um eigene Konflikte zu entschlüsseln, chronische Muster aufzulösen, lang überfällige Versöhnungen einzuleiten, tiefitzende Ängste zu überwinden. Wenn es gut läuft. Stanislav Grov etwa wusste, dass der verantwortungsbewusste Umgang mit LSD die Behandlungszeit einer klassischen Psychoanalyse drastisch verkürzen konnte. Aber wer ausser einen Handvoll Heilern und Psychotherapeuten konnte diese neuen Potentiale schon klug einsetzen? Wer sich überschätzte und als Einzelperson auf Expedition ging, fand sich rasch auf einem Horrortrip wieder. Wie gesagt, es geht hier nicht allein um Heilung und Therapie, es geht auch für den gesunden „Normalneurotiker“ und die  Zeitgenossen, die sich einfach rundum wohlfühlen in ihrer Haut und ihrem Leben, um die Kunst, die eigene Welt zu bereichern. Immens zu bereichern.

 
 
 

 
 
 

In seinem Buch zur Psychedelika-Forschung geht Michael Pollan in keinem Moment ein auf die Welt der Klarträume, der luziden Träume, warum sollte er auch? Das ist nun mein liebstes Terrain der Traumforschung, und ich kann Ihnen versichern, dass die regelmässige und klug eingesetzte Technik, im Traum das  Bewusstsein „anzuknipsen“, und zu erkennen, dass man träumt, nicht minder weitreichende Erfahrungen ermöglichen kann, was Therapie, Selbstentwicklung, Aha-Erlebnisse und alltagsrelevante philosophische Erkenntnisse etc. angeht. Pures Abenteuer, auch das!

Man kann im luziden Traum die surrealsten Erscheinungen und Erlebnisse viel besser lenken, wie gesagt, bei vollem Bewusstsein, dass man sich im Traumzustand befindet, und auch hier empfiehlt es sich, einen Begleiter an der Seite zu haben, der einem die Praxis der Klarträume lehrt, Verhaltensregeln für die Traumreisen ausspricht, und die Erfahrungen im nachinein mit aufarbeitet.

Neulich fragte mich ein Freund, wozu denn luzide Träume gut seien. Wer einmal durch eine fremde Stadt geht, aus der Ferne dunpfe Beats hört, ihnen folgt, bis er, an der Kasse vorbei, einen riesigen Raum voller Menschen betritt, und vorne Wayne Coyne und The Flaming Lips erlebt – und dann plötzlich merkt, dass er in einem Traum ist – wird diese Frage nicht mehr stellen.

Und alle kleinen Tricks anwenden, damit dieses Konzert noch länger dauert. Als der Träumer dieses Klartraums dann innig wünschte, Wayne Coyne würde mal wieder den berühmten Bowie-Song zum Besten geben, schossen dem Träumenden alsbald ganz reale Tränen des Glücks durch die (Traum-)Augen, er schwebte über die Bühne, Minuten lang, und landete sanft in der Nähe des Mischpults. Von hinten legten sich zwei Hände auf seine Schultern, und sein Herz klopfte, als er sich umdrehte. Ich hatte für diesen luziden Traum keinen Auftrag, ich entschied spontan, es war ja nur einer aus der Abteilung „fun & adventure“ – und doch war die Erfahrung überwältigend. Ich hätte aber jederzeit auch die Szenerie verwandeln können – das ist viel leichter als bei einer von Psychedelika induzierten Erfahrung. Bald wird hier zu lesen sein, wie es dem Pilzforscher erging, als er auf einen Baum kletterte.

 
 
 

 
 
 

EMPFOHLENE LITERATUR:

 

Thomas Yuschak – Advanced Lucid Dreaming – The Power of Supplements (für Fortgeschrittene)

Dylan Tucillo, Jared Zeizel, Thomas Peisel – Klarträumen (für Anfänger)

Clare R. Johnson: Llewelyn‘s Complete Book of Lucid Dreaming – A comprehensive guide to promote creativity, overcome sleep disturbances & enhance health and wellness (für Anfänger und Fortgeschrittene)

 


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