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Category: Gute Musik

Es gibt nicht nur ECM. Der Jahresausklang ist mal ein guter Zeitpunkt, eine Lanze für Edition Records zu brechen. Seit 2008 veröffentlichte das in England (Berkshire) und Wales (Cardiff) beheimatete Label etwa 80 Alben. Gegründet hat Edition Dave Stapleton, der selbst in mehreren Gruppen spielt, die wiederum zum Teil in sehr unterschiedlichen Richtungen zu verorten sind. Ein leidenschaftliches Exempel, das recht gut für seine gesamte Labelarbeit steht, ist das in diesem November erschienene Album All Things der Band Slowly Rolling Camera, die Stapleton seit vier Jahren mit der Sängerin und Texterin Dionne Bennett führt. SRC haben 2014 ein Debütalbum ohne Titel und 2015 eine EP aufgenommen. Mit ihrem kraftvollen All Things steht die Gruppe für einen Typ Stilgrenzen ignorierender Musik, der mich immer zu Hören erfreut. Manche haben SRC mit Massive Attack verglichen, wahrscheinlich wegen der dunkelhäutigen Sängerin mit vollem Lockenhaar und ebenso voller Soul-/Gospelstimme, doch der Vergleich ist ein arg hinkender, vor allem, wenn man bedenkt, wo Massive Attack klanglich und stilistisch stehen – von den Soulnummern ihrer ersten beiden Alben abgesehen. Auf dem Facebook-Profil von Slowly Rolling Camera nennt die Band Cinematic Orchestra, Oddarrang, Portishead, Radiohead, Zero 7 und 4 Hero als Inspiration und Vorbilder, was vielleicht ein wenig hilft, den Stil greifbar zu machen.

 

 

All Things ist eher eine manchmal berauschende, etwas dunkel bluesige Soul-Jazz-Popmusik, teils mit Streichquartett, teils mit mehreren Bläsern (u.a. Laura Jurd), vor allem mit vielen schönen Perkussionsinstrumenten. Dionne Bennett wird von Stapleton (der auch die Albumfotos geschossen hat) als Gesicht der Band präsentiert, denn außer ihrem Konterfei, prägnant auf dem Cover und uns schemenhaft aus dem Schwarz des Rückcovers anblickend, zeigt das CD-Design keine weiteren Mitglieder. Co-Produzent ist Deri Roberts, der laut der Edition-Webseite für „Sound Design“ und „Elektronik“ verantwortlich zeichnet, im CD-Beiheft aber mit einer ganzen Reihe Perkussion (und einiger Instrumente, die ich erst einmal googeln müsste, um zu wissen, was er da genau spielt: Calabash, Cuica, Udu, Cabasa, Pandeiro, Ribbon Crasher …) gelistet wird. Als Schlagzeuger ist Elliot Bennett dabei, der ebenfalls alle möglichen Perkussionsinstrumente einsetzt.

Dionne Bennett hat eine eindrucksvolle stimmliche Präsenz, sie vermag also durchaus einige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (gerne würde ich die Band mal im Konzert erleben), aber das gesamte Album ist musikalisch komplex mit zahlreichen Gastmusikern. Die Band verweist auf einen „demokratischen Schaffensprozess“, und das glaube ich ihnen aufs Wort. Einen schönen Gastauftritt bekommt im abschließenden kurzen Titelstück übrigens Dee Dee Bridgewater, die nur den Bandnamen spricht, als Sample in den Rhythmus integriert.

Edition Records haben im Jahr 2016 sechzehn CDs herausgebracht, von denen die allermeisten als „Jazz“ durchgehen, doch regelmäßig nehmen Grenzüberschreitungen zu anderen Genres eine tragende Rolle bei Edition ein, wie etwa bei Oddarrang, Mosaic, Drifter oder Girls In Airports.

Viel gelobt wurde auch das eklektische erste Album von Laura Jurds Quartett Dinosaur, das seit sechs Jahren miteinander spielt. The Guardian hat Together, As One in seiner 5-Sterne-Besprechung mit In A Silent Way verglichen, offenbar weil Laura Jurd Trompete spielt und wegen der Keyboardsounds (Hammond und Rhodes). Aber auch hier kann man das Album zwar als Jazz kategorisieren, aber die acht Stücke, die bis zu neuneinhalb Minuten lang gehen, grasen mancherlei Stile mit ab – ein bisschen Fusion, ein bisschen elektronischen Pop, mal eine altmodisch gestopfte Trompete mit heiterer Kirmesmusik und fast breakbeatartigem Fundament … Mit Laura Jurd und ihren drei jungen Kollegen kann man sich von einigen fantasievollen Wendungen überraschen lassen. “That’s pretty much punk rock by jazz standards …” sagte Nick Luscombe im BBC-Radio. Finde ich eine schöne Zusammenfassung des Albums.

 

 

Dave Stapleton hat zwar in Wales klassisches Piano studiert und sich seit seinem Abschluss 2002 einen Namen in der britischen Jazzszene erarbeitet, doch er betont, dass es ihm nicht behage, einem der beiden Lager zugeordnet zu werden. Vor ein paar Jahren sagte er im Interview mit All About Jazz, dass es ihn geradezu in Schrecken versetze, mit jedem Auftritt exakt die gleichen Noten spielen zu müssen.

 

From a composer’s point of view I’m thinking on a much larger scale than most jazz composers do. So I don’t see myself as either. I try not to pigeonhole myself. I don’t see myself as a jazz musician: I don’t play bebop; I don’t play in lots of bands. I don’t want to do that. I’m somewhere in the middle: a European improvising composer/pianist. Somewhere in between jazz and classical: but there’s no terminology for that.“ 

 

Einige der Veröffentlichungen seines Labels im Jahr 2016 können diesen Anspruch treffend unterstreichen.

Bei Nordische Musik haben wir in diesem Jahr zwei Mal ein Album von Edition Records zum „Album des Monats“ gewählt: Im Mai Per Oddvar Johansens Trio mit Let’s Dance und im Juli Eyolf Dales Ensemblealbum Wolf Valley.

Den Schlagzeuger Per Oddvar Johansen kennt man ja als Sideman von unzähligen Platten, nicht zuletzt bei ECM, doch überraschte, dass er erst jetzt ein eigenes Album gemacht hat. Mit Helge Lien, sonst oft mit recht versierten, aber auch mal zu glatten Jazzalben in Verbindung gebracht, und dem eher im experimentellen Bereich verankerten Saxofonisten Torben Snekkestad konnte Johansen einen spannenden Mittelweg finden. Der Kollege Tim Jonathan Kleinecke schrieb in seiner Besprechung für Nordische Musik über Let’s Dance:

 

Er drängt sich und sein Schlagzeug aber keinesfalls auf, es sind eher die kleinen Gesten, die seine Meisterschaft verraten: Man folge der Besenarbeit in »Panorama«! Ab und zu spielt er Violine, Vibraphon oder Electronics, aber lediglich als Klangtupfer. Außer auf »Uluru«: Da greift er gar zur Gitarre, schrammelt ein paar Akkorde – als wenn sich Neil Young und Sonny Landreth nach einer durchzechten Nacht wortlos am Seeufer treffen. Aufgenommen haben sie übrigens in Sjur Miljeteigs Studio mitten in einsamen schwedischen Wäldern, fernab von allen Ablenkungen. Dort kann solche Musik entstehen, wenn man denn eine Klangvision hat wie Per Oddvar Johansen.

 

Zu Eyolf gibt es von meiner Seite eine etwas persönlichere Verbindung: Ich war in der Funktion als Filmemacher im April 2014 mit ihm als Teil des Hayden Powell Trios auf einer Tour durchs schöne Westnorwegen und im Februar 2015 im Studio The Village in Kopenhagen bei den Aufnahmen zum aktuellen Album des Trios, woraus ich mehrere Videos geschnitten habe. Entsprechend gespannt war ich, was der Pianist mit einem Oktett anstellen würde. Das erste Album mit Hayden Powell (The Attic) war ein Sextett (bzw. das um drei Gäste erweiterte Trio), das mir etwas zu konventionell erschien, aber ansonsten ist Eyolf eher bekannt für sein experimentelles Duo mit dem Saxofonisten André Roligheten (der wie Hayden Powell auch auf Wolf Valley mitspielt), Albatrosh, von dem bislang sechs Alben, teils mit Gästen oder dem Trondheim Jazz Orchestra, erschienen sind. Ich bin sonst nicht direkt ein Liebhaber von größeren Jazzensembles, aber Eyolf nutzt seine Gruppe auf eine Weise, die mir meist eher zusagt: subtile, fantasievolle Kompositionen und geschicktes Austarieren der einzelnen Instrumente mit eher reduzierterer Lautstärke. Wolf Valley hat mich dann zwar nicht durchweg begeistert, aber reizvoller als Eyolfs vorige Soloalben ist es allemal. Aufgefallen ist mir 2016 mehrfach der Vibrafonist Rob Waring, der in ein paar Tagen schon 60 wird. Er wurde zwar in New York geboren, lebt aber seit 35 Jahren in Norwegen, wo er seither in vielen interessanten Projekten mitgewirkt hat. Nach Wolf Valley ist er mir 2016 auch als Teil von Mats Eilertsens ECM-Ensemblewerk Rubicon und im höchst reizvollen Avantgarde-Projekt Filosofer (Nakama Records) aufgefallen. Das einzige, was ich an Eyolfs Album etwas unpassend finde, ist das verschneite Covermotiv. Ein helleres, sonnigeres hätte besser gepasst.

Drei weitere Edition-Alben, die wir bei Nordische Musik als mögliche „Alben des Monats“ diskutiert haben, waren im März Aki Rissanens Amorandum und im April Parallax von Phronesis, beides sehr empfehlenswerte Pianotrios, sowie im Oktober Oddarrangs Agartha.

2016 15 Nov

Katie Gately: „Color“ (Album of November)

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Ich höre mir ja jedes neue Madonna-Album an — nicht weil ich Fan von Frau Ciccone wäre, sondern einfach, weil es ja doch immer mal sein könnte, dass sie sich doch noch einmal die richtigen Partner/innen sucht und am Ende das innovative Popalbum macht, das sie jedes Mal von Neuem verspricht. Doch Madonna hat seit den Tagen mit William Orbit und Mirwais Ahmadzaï leider stetig nur auf aktuell angesagte Hipster-Produzenten gesetzt (anders als etwa Björk, die zuletzt Alejandro „Arca“ Ghersi und Bobby Krlic alias The Haxan Cloak anfragte, als die beiden nicht einmal Spezialisten ein Begriff waren).

Warum diese Vorrede? Weil Katie Gatelys Stimme auf ihrem Debütalbum nicht selten so klingt, als handle es sich bei Color um das lange versprochene Madonna-Album, das Songwriting und experimentelle Elektronik zu einem ambitionierten, hochkomplexen „State of the Art“-Pop verbindet. Ach, was wäre es schön, wenn die junge Dame aus Los Angeles auch nur ein Drittel der Aufmerksamkeit bekäme, die Madonna mit jedem neuen Album generiert, sich auf den Ideen anderer Popmusiker ein bequemes Polster einrichtend. Ich denke mir so, dass tatsächlich Hunderttausende diese Musik hören würden, wenn da jetzt „Madonna: Color“ auf dem Cover stünde. Den Unterschied würden die meisten doch ohnehin nicht mitbekommen, bei den Softwaretechniken, mit denen Madonnas Gesangstimme mittlerweile verfremdet wird (und, wie gesagt, der Unterschied zwischen den Stimmen der beiden ist, soweit die Songs dieser Platte zeigen, ohnehin nicht groß). Und die 25% der Käufer und Hörer, die sich über „das neue Madonna-Album“ eh nur beschweren würden, weil es (wieder einmal?) nicht spannend / traditionell / innovativ / klassisch / eingängig / mutig (Zutreffendes bitte unterstreichen) genug ausgefallen ist, die kann man getrost vergessen, denn die Ausfallquote — derer, die sich ja doch eigentlich eine andere CD gewünscht hätten — gibt es ja doch zuverlässig mit jedem neuen Album.

Nun wird Katie Gately sicher niemals den Status einer Madonna einnehmen. Doch anders als die ältere Kollegin aus Michigan, die bereits zu lange auf bereits (von anderen) erprobte Ideen setzt und diese mit ihren üblichen Songideen zusammenfügt, bringt die dreißig Jahre jüngere New Yorkerin sehr zeitgenössische und mutige Klangideen mit Pop-Songwriting zusammen, manchmal eingängig („Sift“, „Color“), manchmal radikal fragmentiert, verzerrt und manipuliert, und es ist deutlich, dass sie sich keineswegs immer sicher ist, was als Ergebnis ihres orchestral spielerischen Arbeitsprozesses hinten rauskommen wird. Color ist, anders als zuletzt Rebel Heart, MDNA und Hard Candy (schon die mauen Albumtitel tragen ihr Pseudo-Wagemuts-Programm unbeholfen vor sich her), eine echte Wundertüte mit verqueren (um ganz hip zu sein, müsste man wohl sagen: „queeren“) Pop-Melodien, die mit verzaubernder Produzentinnenfantasie zu einem surrealen Album voller eigenwillig spannungsreicher Songs ausgefeilt wurden. In meinen Augen (bzw. Ohren) liefert Katie Gately mit Color das „(über-)experimentelle, versponnene“ Songwriting-Album, als das Bon Ivers (zugegeben, ganz hervorragendes) 22, A Million mancherorts dargestellt wurde. Mit etwas Vorsicht kann man Miss Gately damit in die Ecke verwandter Pop-Neuschöpferinnen wie FKA Twigs oder Grimes stellen, deren letzte Platten nur vielleicht mehr Pop als Experiment boten, während bei Katie Gately das Verhältnis umgekehrt ist.

Deutlich scharfkantiger als Grimes, knalliger als FKA Twigs, und vor allem weniger verkopft als Holly Herndon… und wer bei der Flaming-Lips-Kollaboration mit Miley Cyrus (Miley Cyrus & Her Dead Petz) den versprochenen Wahnsinn vermisst hat, sollte bei Katie Gately die ersehnten freudig glühenden Ohren bekommen. Dazu darf man gerne die Lautstärke auf ein (für die Nachbarn?) ungesundes Maß aufdrehen. „Not quite ‘industrial’ but I am a massive Public Image Ltd. fan. The dissonance and aggression in the music is the Holy Grail for me,“ sagt Gately im Interview mit Richard Allen. Ja, die wundervolle Verzerrung und Übersteigerung eines Songs wie „Sire“ mit seinen metallischen krachenden Beats zu flippigem Gefieps und Kling und Klang aus allen Ecken und Vokalharmonien obendrein, was in der Summe ein durchaus transparentes Klangspektakel bleibt, das sind fünf von insgesamt 42 Minuten eines der spannendsten Popalben des Jahres mit einem Genres durchdringenden Wahnwitz.

Unzählige Mädchen meines Studiengangs stürzen sich auf die Seminare über mittelalterliche Liebeslyrik. Hohe Minne, niedere Minne: Verse über schöne Frauen, deren Tugenden, ihre roten Lippen, und glänzendes Haar.

Während meine Kommilitoninnen um mich herum dahinschmelzen, lässt mich dieses aussichtslose Schwärmen um die Damen des mittelalterlichen Hofes eher kalt.

Betrachten wir den Komplex der Minnelyrik doch einmal ganz nüchtern. Ein Sänger beobachtet eine Frau aus sicherer Entfernung. Er bewundert ihre Anmut und ihre Schönheit und dichtet deshalb süße Zeilen über seine Herzensdame. Natürlich ist ihm bewusst, dass er niemals ihre Gunst gewinnen wird. Er beklagt sein Leid, aber dennoch verspricht der Verliebte, niemals mit seiner Werbung aufzuhören, denn neben der Qual der unerfüllten Liebe bereitet es ihm größte Freude, diese unnahbare Frau zu ehren.

Wie rührend! Das muss wahre Liebe sein!“ – finden die Teilnehmerinnen des Seminars. Mir fällt dazu leider nur ein Wort ein: Stalking.

Ein Mann, der geradezu fanatisch an einer Wunschvorstellung festhält, obwohl er selbst bereits erkannt hat, dass es eben nur ein Wunsch ist und bleiben wird. Trotz dieser Erkenntnis lässt er nicht davon ab, sein Objekt der Begierde zu beobachten bis er jedes Detail über sie in Erfahrung gebracht – und natürlich besungen – hat.

So romantisch einige Menschen diesen Gedanken finden, mich schreckt es eher ab. Nicht, dass ich keinen Sinn für Romantik habe – ganz im Gegenteil. Allerdings muss ich zugeben, dass Punk-Poeten wie Blink182 ihre Gefühle auf eine schönere Art ausdrücken, wenn sie wie in „Rock Show“ das wunderbare Mädchen besingen, das von der Schule geflogen ist und mit dem sie nach Vegas ziehen wollen.

2015 15 Jan

One Minute Snowfall

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Weitgehend abwesend, die Bedeutungsträger
der realen Welt, so dass heute nur Traumstoffe
gehandelt werden: eine Hängematte für den Orangenhain,
Kopfhörer, die “Odysseus” heissen (Sirenenschutz!),
“we’re gonna ride out in a country silence” –
glaubt jemand, die Eintrübungen der ersten Farbfilme
mit künstlichem Himmel und Federkissenwolken
seien vollkommen spurlos an uns vorübergezogen?
 

 

 

Michael Engelbrecht: Robert, du hast zwar nie die Macho-Kappe auf, aber Dein Album „Comic Opera“  enthält einige Parallen zu Bob Dylans „Modern Times“: die Figuren der Lieder sichten letzte Spuren von Liebe, streunen durch die Schlachtfelder der Gegenwart und träumen schlussendlich alten Utopien hinterher.

Robert Wyatt: Das Album kenne ich nicht, aber vor kurzem hörte ich mir einige Male Dylans Blood On The Tracks an, ein spukiges  Werk! Der Jazz prägte mich aber viel mehr als die Rockmusik der Sechziger und Siebziger Jahre. Denke ich an den Summer Of Love zurück, sehe ich erst mal nur den letzten Zug nach West Dulwich und einen leeren Kühlschrank vor mir.

– „Lost In Noise“ heisst der erste Akt deiner gar nicht nach Oper klingenden „Comic Opera“. Der Rausch der Liebe ist  oft nurmehr ein Rauschen: in dem Song „A.W.O.L.“ sendet ein altes Metronom letzte Zeitzeichen … 

–  … und es funktioniert kaum noch richtig, pumpt wie ein altes Herz. Der Titel bezieht sich auf das Verbrechen desertierender Soldaten: „absent without leave“. Alfie und ich kennen mittlerweile einige Witwen, die nach dem Verlust ihrer Partner ihr Leben neu konstruieren. Die freundlichen Geister um sie herum wirken gleichzeitig desorientierend und beruhigend.

–  Auch der Jazz geistert durch deine Songs auf eine seltsame Weise. Sie docken dabei an keiner bestimmten Ära an. Nur wenige Musiker der Popgeschichte sind so eigenwillig mit dem Jazz umgegangen, mir fallen da noch die späten Talk Talk und Joni Mitchell ein – da gab es nicht diese aalglatten gefühlsechten Imitate. 

– Imitation ist langweilig. Joni Mitchell wählte einen sehr persönlichen Zugang zum Jazz für ihr Album Mingus. Selbst als sie den Evergreen des schwarzen Bassisten sang, „Goodbye Pork Pie Hat“, folgte sie ihrer eigenen Stimme und entfernte sich ein Stück von dem Original. Trotz meiner Liebe zum Jazz kommt mir die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts oft so fremd vor wie die Musik von Aliens. Bei der rhyhtm section im Jazz mochte ich immer den Puls und die vieldeutigen Basslinien. Die rhythmische Basis wurde oft nur angedeutet, wie das Rauschen von Blättern im Wind. Ich suche gerne nach neuen perkussiven Farben für einfache melodische Linien.

– Das Saxofon von Gilad Atzmon und die Posaune von Annie Whitehead klingen rau und intim. Da ist bei aller Songfinesse nichts Veredeltes im Spiel. Das gilt auch für dein Trompetenspiel. 

– Ich bin letztlich nur ein altmodischer Popmusiker. Die Trompete habe ich anfangs zu alten Platten von Cole Porter gespielt, und dann, um ein Stück weit die Höhen zurück zu erobern, die meiner Stimme abhanden gekommen sind. Jetzt sind meine Helden alle tot, Don Cherry, Miles, Mongezi Feza, sie können nicht mehr beleidigt sein. Im übrigen hat das Spiel alter Trompetenmeister meine Art zu singen mehr beeinflusst als irgendeine andere Stimme.

– Die hinreissende Ohrwurm-Melodie  „Just As You Are“, die Du mit Monica Vasconcelos vorträgst, klingt wie ein verlorener Song von Burt Bacharach …

– Wenn es da eine Anspielung gibt, ist es wohl die früheste amerikanische Folkmusik. Man könnte Spuren von Gospel und Country ausfindig machen. Während der Aufnahmen in Phil Manzaneras Studio entedeckte ich Duette von Bob Dylan und Johnny Cash, die mich sehr berührten –  der jüdische Intellektuelle und der Südstaatenrocker mit dem guten Herzen …

– Nachdem du in den Songs „A Beautiful War“ und „Out Of The Blue“ abwechselnd in die Haut von Attentäters und Opfers geschlüpft bist, hört man deine Stimme im dritten Akt der „Comic Opera“ nur noch spanische und italienische Texte singen.    

– Für mich sind diese letzten Stücke und Songs ein Bündel von möglichen „Exit“-Strategien in einer unerträglich brutalen Welt. Da bin ich offen für Sinnsuche, für Bedeutungsreste, für jeden Lichtblick. Ich mochte die ergreifende Melodie von  „Del Mundo“; der Song basiert aber auf der mystischen, geradezu feminstisch anmutenden Weltsicht eines katholischen Komponisten. Da spukte wohl in jungen Jahren in seinem Kopf die Idee rum, daß wir es mit einer Erdenmutter besser haben würden als mit einem männlichen Gott.

– Wenn du „Hasta Siempre“ von Carlos Puebla interpretierst, klingt die alte Utopie revolutionärer Ideale an. Und wo ist der Ausgang bei Federico Lorcas „Cancion De Julietta“, einem seltsam dunklen Text voller Weltferne? 

– Diese dunklen Träume sind nicht immer nur alptraumhaft, sie öffnen auch eine neue Landschaft aus verstörenden Bildern. Und das macht Lorca oft. Oft sind seine Motive gleichsam unter Wassser angesiedelt, in einem Leben unter der der Oberfläche des  Ozeans. Tief unten. Das spricht mich sehr an, denn diese Zonen stelle ich mir oft vor, seit der Zeit, in der mein Album Rock Bottom entstand. Mit meinem Geist scheine ich einmal dort gewesen zu sein, auf eine Weise, die ich nicht weiter erklären kann.  

Die Trompete von Arve Henriksen klingt zuweilen wie eine Flöte. Einen sanften Strahl wirft sie in den Raum. Die elektrische Gitarre von Helge Sten gibt ein gelegentliches Grummen von sich, und Stale Storlokken entlockt dem Klavier karge, abstrakte Töne – so beginnt Supersilent 10: raumgreifend! Damit ist nicht die gern ins Feld geführte Fjord- und Bergwelt gemeint, sondern eine tief reichende Empfindungszone, die zu betreten, ein wenig Mut erfordert. In seinem Spiel am Flügel offenbart Storlokken mehr Einflüsse von Messiaen und Scelsi als von Paul Bley – eine jazzkammermusikalische Vertrautheit will sich nicht einstellen. Helge Sten erzählte mir den Entstehungsprozess der Musik:

„Die Musik wurde geradezu dokumentarisch aufgezeichnet; vier Spuren für die Stücke mit Piano, Gitarre und Trompete, ich hatte nur die richtige Balance zu finden, gelegentlich kam etwas Hall hinzu; es ging darum, zum Kern vorzudringen, zu dem Realismus, den wir praktizierten. Die größte Herausforderung, dachte ich mir, würde wohl sein, war die Stücke zu finden, die letztlich erscheinen sollten. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Stunden wir im Rainbow Studio aufgenommen haben, aber es waren sehr viele, und das machte die Sache etwas schwierig; zwei Tage lang nahmen wir unentwegt auf, und da verlierst du schon ein wenig aus den Augen und Ohren, was gut war, und was im einzelnen wirklich abgelaufen ist. Und bei unserem akustischen Set-Up (und das meinte ich gerade mit Realismus), sind die Töne klar definiert. Die Trompete klingt wie eine Trompete und das Klavier wie ein Klavier. Und das ist eine andere Vorgehensweise für uns, weil wir sonst oft daran arbeiten, Sounds zu transformieren, bis sie sich ganz unbekannt anhören. Das war der harte Teil der Geschichte: unsere Musik zu spielen, aber mit diesen konkreten, historischen Klängen! Als ich das gesamte Material sichtete, war das viel leichter als ich mir das vorgestellt hatte. Die gelungenen, schönen Stücke zeigten sich auf Anhieb. Und sie liessen sich leicht verbinden mit den elektronischen Stücken, die zwischen den akustischen auftauchen.“

Diese elektronischen Szenarien von Supersilent 10 schaffen keine künstliche Gegenwelt zur Klangreinheit von Trompete und Piano – sie öffnen schlicht einen weiteren Raum. Hier könnte man dann doch nördliche Klimazonen ins Spiel bringen, unwirtliche Erdzonen; schließlich ist Helge Sten in seinen Solo-Ambient-Werken als Deathprod inspiriert vom Soundforscher Thomas Köner und teilt dessen Faszination für die Polarregionen. Die Arbeit im legendären Rainbow-Studio befeuerte die Abenteuerlust zusätzlich. Dieses Miteinanders elektronischer und akustischer Texturen gelingt, weil beide Klangsphären eine durchaus vergleichbare archaische Ausstrahlung besitzen. So lösen sich vermeintliche Polaritäten auf – zwischen feinem Kammerton und elektronischer Schattenwelt. Vielschichtigkeit entsteht. Das Unheimliche hat zwei Facetten in der Musik von Supersilent 10, zum einen die trügerische Idylle, den gespenstischen Wohlklang, zum andern die unverhohlenen Abgründe, den abseitigen Raum, der in keine vertraute Erinnerung verwandelt werden kann. Das Ergebnis ist eine unerschöpfliche, nie formelhafte Verbindung von elektronischer und akustischer Musik im Geiste der freien Improvisation. Den Jazz gibt es hier natürlich auch: er liefert essentielle Spurenelemente!

Jason Williamson hat die Schnauze voll. Kann man mit so einer Wut, und den Mund voller Wörter, grossartige Lieder machen? Ja, kann man. Sogar fettarme Lieder. In dem Song „Fizzy“ schnappt er sich einfach dieses Wort, „Fizzy“, zerbeisst es, zerkaut es, zerlegt es. Und dann, am Ende, haut er noch ein unübersetzbares letztes verächtliches Stöhnen raus, pure unheitere Emotion. (An dieser Stelle gilt es, kurz Einhalt zu gebieten. Leute, die meinen Musikgeschmack nur relativ oberflächlich kennen, würden nie denken, dass ich ein Loblied auf solche Songs singen würde. Sich von meiner Begeisterung anstecken zu lassen, geschieht also auf eigene Gefahr. Ausserdem sample ich hier viele Stellen einer Rezension aus dem Netz, deren Lesen und teilweises Übersetzen mir so viel Spass bereiteten wie das Schreiben für sich allein.) Geräuschmusik, Noise, ist das nicht. Wieso erscheint es also auf einem Label, „Harbinger Sound“, in dem Lärm, zerbrechendes Glas, und rabiates Feedbackgedröhne zum guten Ton zählen?! Weil „noise“ Interferenz ist, und „noise“ eine Kraft darstellt, die existierende Systeme aufbrechen und Erwartungen verstören kann. in dieser Hinsicht ist das erbarmungslose Duo aus Nottingham eben auch geräuschig. Jason Williamson wurde in Grantham geboren, und auch ohne Reiseführer zu befragen, gilt dieses Städtchen als die langweiligste Stadt Englands. Die sogenannte „eiserne Lady“, Maggy Thatcher, kam auch dort auf die Welt, auch das noch! Jahrelang hat sich der junge Jason in Bands getummelt, ohne seinen Ton zu finden. Dann, irgendwann, in einem „fucking studio“ in Nottingham, hat er seine Sprechwutgesänge über einen Metalltrack gelegt. Mit diesem schmutzigen Dialekt, mit lauter seltsamen Wörtern und Codes, die einem Outsider noch fremder vorkommen müssten als der abgedrehteste Graffiti in einer leblosen Industrieanlage. Zynismus, Verachtung, Verzweiflung brechen sich Bahn in seinen Liedern. Warum sollte man sich das antun? Weil der Humor so gut ist! Nach einer Weile gesellte sich Andrew Fearn zu diesen gesammelten schwarzhumorigen Wutattacken und half, den Songs einen feinen groben Schliff zu verpassen: minimale Elektronik, eine Extraidee für jeden Song, zweite Gesangsspur, und andere Details. „Austerity Dogs“ ist eine unglaubliche Schallplatte. Die Stücke gehen in einander über ohne die kürzeste Atempause, die Lieder sind so hart und schmucklos wie „Pink Flag“ von Wire, so trockenbassorientiert wie „Bass Culture“ von Linton Kwesi Johnson, die Atmosphäre ist so dicht, das sich Bass und Tamburin wie der bedrohlichste Klang auf Erden anhören. „I worked my dreams off for two bits of ravioli and a warm bottle of Smirnoff under a manager that doesn’t have a fucking clue.” Wäre „Sozialer Realismus“ nicht so ein abgefackelter Ausdruck, man könnte ihn hier bestens verwenden. Aber das lässt man besser. „Austerity Dogs“ ist ein Meisterwerk aus den dunklen Winkeln Englands. Fizzzzzzyyyyy. Fizyyyyyy. Fizzzzyyyyy.

 
 
 

 
 

(Im letzten Jahr war ich schon sehr angetan von diesem Duo, das so jenseits meiner vertrauten Vorlieben die Säge auspackte und blanken Sarkasmus verströmte. Jetzt, in der Juni-Ausgabe von MOJO, ist ihr neues Werk, eher eine Compilation älterer Tracks, zur Platte des Monats gekürt worden. Aber wirklich doof, dass ich nicht mitgekriegt habe, dass sie einen Tag vor unserem „legendären“ Stuttgarter Klassentreffen im Aachener Musikbunker auftraten, wo ich zuletzt Lamchop sah. Ich hätte sie so gerne gesehen. Fu**!)

 

 
 
 

Burnt Friedman loves this music, Elvis Costello loves this music, and Manafonistas might love it, too.

MAHMOUD AHMED — YALEM BAYTEWARNEGN (1974)
Mahmoud Records
Superb super-super-rare unplayed Ethiopian original vinyl in original sleeve.

Awesome vocals of Mahmoud Ahmed and the killer Dahlack Band.

Ahmed is one of the legendary figures of the Ethiopian music scene, who rose from being a shoe-shine boy to handyman at the Arizona Club, after-hours hangout of Haile Selassie’s classic Imperial Body Guard Band, where he got his first break as a singer. The Derg coup in 1974 led to the Ethiopian music going back underground after Selassie’s earlier easing of restrictions.

This Ethiopian record came out on Mahmoud Ahmed’s own label in 1974. It is very rare!

These records are the bomb! (So said Soul Jazz Records Headquarter, London)

… a small collection of extreme rare singles … every single  costed a little fortune and has doubled its value easily…sold out in a few hours….and one of these strange treasures are played in the next edition of „Klanghorizonte“ … (ideal fooder for Greg’s jukebox! the friend’s price: 40 english pounds! :)) – m.e.

Ich habe heute, zufällig, beim Stöbern, David Sylvian’s BLEMISH entdeckt, ich hatte die Cd schon lange nicht mehr gehört, und nun umso mehr Freude, herauszufinden, wie unverbraucht (und teilweise neu) diese Lieder in meinen Ohren klingen. Das erste Stück, 12 Minuten lang, öffnete mir eine Welt des Wunderns (wie man in der Trauer zum Entdecker wird, davon scheint es zu handeln). Das folgende Duo von Sylvians Gesang mit Baileys freiem Gitarrenspiel wirkte viel homogener als ich es in Erinnerung hatte, und bis zum Ende gab es kein Nachlassen. Später am Tag verfolgte mich eine ferne Erinnerung an eine Platte, die ich schon viel länger, vielleicht zwanzig Jahre, nicht mehr gehört habe, verloren irgendwann, keine Ahnung, und ich war auf einmal hungrig, die Musik zu hören, aufzusaugen, die Fragmente meiner Erinnerung, wahrlich flüchtig, legten in Sekunden das Puzzle an, desen Umrisse zumindest mein Unbewusstes rasch erahnte und mir  zuflüsterte: Seelennahrung, Michael. Ich habe sie mir sofort bestellt, aber werde sie erst Mitte November von einem obskuren amerikanischen Plattengeschäft bekommen: DON’T STAND ME DOWN, von Dexy’s Midnight Runners! Am selben Tag noch las ich in der neuen Dezemberausgabe von Uncut über grosse Singer/Songwriter-Alben und  die LOVE CHRONICLES  von Al Stewart, die  ich dann bei Spotify ausfindig machte. Der sanfte Barde (wir kennen sein YEAR OF THE CAT sicher besser) sang schon damals das Wort „fuck“ – kann in einem 18-Minuten-Song über fortlaufende Verluste und Desaster kaum ausbleiben, eigentlich:)

Es ist stets interessant, dem Barden Devendra Banhart gut zuzuhören, wenn er von Lieblingsplatten spricht. Man hört seinen Liedern unzählige Einflüsse an, und man tut ihm unrecht, ihn als ewigen Hippie in die Ecke sanfter esoterischer Songschmieden abzuschieben. Sein letztes Album, MALA, ist eines der besten. Verspielt und vertrackt. In Paris wäre er vor langer Zeit fast vor die Hunde gegangen, fand aber dort auch Musik, von der er behauptet, dass sie ihn gerettet habe. Hier nun das, was er zu zwei alten Jazzplatten erzählt, von Heroen, die aus ganz verschiedenen Welten stammen. (me)

 

„Ich entdeckte Sun Ra durch Andy Cabic von der Gruppe Vetiver. Er ist für mich sowas wie ein älterer Bruder und besitzt eine riesige Plattensammlung. Ich erinnere mich, wie ich in Andys Appartment sass, und er diese Platte auflegte. Die Coverkunst und jeder einzelne Song hauten mich um, jeder Song fühlte sich an wie eine Lektion. Die Musik aus dem Jahre 1967 ist gleichermassen Stoff fürs Hirn und metaphysisch, und brachte mich dazu, Sun Ra auch als Philosophen zu entdecken.“

 

 

„Jimmy Giuffre war ein amerikanischer Klarinettist und Saxofonspieler. Dies ist eine Art von Jazz, die ich besonders mag: langsam und minimalistisch, fast zufällig – wie „blue jazz“ – und in ihrer schrägen Art ist diese Aufnahme aus dem Jahr 1959 ihrer Zeit voraus. Ich mag Musik, die sich immerso anfühlt, als würde sie auseinanderfallen, wo das perkussive Element entweder ausgelöscht wurde oder in einem Raum 20 Blocks weiter hinten existiert.“

 
 

 


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