Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Es kommt selten vor, dass Kinder in Kinofilmen, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, interessante Rollen spielen. Anders in den Filmen des mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu, der zu den von mir besonders geschätzten Regisseuren zählt. In seinen Filmen „21 Grams“, „Biutiful“ und „Babel“ spielen Kinder entscheidende Rollen, sie sind Drahtzieher des Geschehens, mal mehr, mal weniger im Vordergrund. Diese Kinder haben bemerkenswerte Rollen, sie werden präsentiert als Persönlichkeiten, die sich entwickeln wollen und von Erwachsenen daran gehindert werden. In den drei genannten Filmen sind sie im Grundschulalter oder jünger, und einige von ihnen zeichnen gern. Hier sind zwei dieser Zeichnungen. Das erste Bild ist gezeichnet von einem zehnjährigen Mädchen, die in Barcelona lebt und deren Traum es ist, mit der Familie in die Pyrenäen zu reisen und dort zum ersten Mal in ihrem Leben den Schnee zu sehen. Sie hatte ihren Vater gefragt, wie man „beautiful“ schreibt. Die Antwort des Vaters (Biutiful) ist der Titel des Films.

 
 
 

 
 
 

Die folgende Zeichnung stammt von einem etwa fünfjährigen Mädchen und aus dem Film „21 Grams“:

 
 
 

 
 
 

Bei meinen Recherchen zum Ersten Weltkrieg stieß ich auf Wasili Sergejewitch Woronow (1887-1940), der als einer der ersten die historiographische Bedeutung von Kinderzeichnungen erkannte. Gaston Bachelard schreibt in seinem Buch „Poetik des Raums“: „Jedes große einfache Bild enthüllt einen seelischen Zustand.“ Und er zitiert Madame Balif: „Von einem Kind verlangen, dass es ein Haus zeichne, heißt ihm die Enthüllung seines tiefsten Traumes abzuverlangen, wo es sein Glück bergen möchte.“

 

 
 
 

This picture is a blow-up. There´s a kind of a surreal or magic-realistic setting at the end of this film, accompanied by the music of Pink Floyd. And then the young woman gets into her car and drives towards the sunset. The film was released in 1970. It´s a love film, too, but I think they don´t really fit together. Just listen to this dialogue.

 

He: I always knew it´d be like this.

She: Us?

He: The desert.

 

In this game you can win – accordingly to the movie´s message – nothing material, but the hint for a really good film, if you don´t know it already.

 

 

From dishwasher to millionaire – that’s the American Dream in a nutshell. How do people in the country experience it these days? This is the theme of a documentary film worth seeing that ran on 3sat on 22 October and can only be viewed today in the media library via this link, authentic in the original with German subtitles. The film team travelled on the train across the USA and has asked travellers for their statements. In this way we learn a lot about the mood in the country and about which concept of freedom is supported by the state and which concepts of life are confined.

I would like to take this opportunity to recommend the excellent book „America“ by Jean Baudrillard from 1987 once again.

 

 
 

 
 

2018 22 Okt.

Can the can´t

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I had thought about giving away some literary magazines that I hadn’t looked into for a long time. I leafed through them one last time. In an old issue of KONZEPTE with the title „Mythologie 2000“ (No. 18, Vol. 12) I discovered a text that excited me. The text is dedicated to Allen Ginsberg and comes from Bob Holman, of whom I had heard or read nothing so far. In the short biographical note you could read that Holman had accompanied Allen Ginsberg on more than 50 readings. The text is written in ten small paragraphs, each of which is in justification, and ranges between experimental prose and poetry. What impresses me most are the untranslatable puns and the way something is created behind the words.

 
 

WHAT NOW – to Allen Ginsberg

By Bob Holman

 

We eat words. Poetry is spoken, it is the euro of language. Once, a tiny little once. But often, more than likely.

Hello? Hello? There is no talking, this is a dumb piece of paper with blotto stains and grease lips all over it. Put up or put out. Can the can´t.

What happens is this: the truth is in the telling, the tasting. Add the salt. Corrupt the pipeline. Art and Industry swagger down the aisle.

I have been asked to speak to you but my tongue has another opinion. Sex generously disappears. The right is wrong.

Whenever her fingers slid into the fax machine, Africa would wince with pain. A simple blind. Terror and treachery make a fine breakfast.

As I was saying, prose. Prostitute Politicos Present: prose. Towards the end of the line, a chunk of prose. It was all prose, except for the rose.

Freedom is pregnant with democracy´s bastard. All lies, but the poor cannot get to sleep. Steady goes the junk food.

Brace yourself – crucifixion sportive. Merciless climate, how the homeless tend to congregate, it´s for more than warmth.

The slow devolution to reptiles. Music is bought and silence is the price. Meanwhile, there is no meanwhile. This is not the end. This is.

 

Vor ein paar Wochen erzählte Michael hier über einige Kinoerlebnisse während seiner Würzburger Studienzeit. Er schrieb: „Jeden Mittwoch ein Filmereignis im Audi Max, eingeleitet von kundigen Worten eines Filmbesessenen. Werde nie die Magie vergessen, das erste (und bislang nie wiederholte, weil Enttäuschung fürchtende) Sehen von Werner Herzogs „Fata Morgana“.“ Michael hatte eine Abbildung einer von der Sonne verblichenen DVD- (oder VHS-Video?) Hülle vor seinen Beitrag gesetzt und es war der Charme dieses Fotos, aber auch die Schlagworte (Magie / das nie wiederholte, weil Enttäuschung fürchtende), die mich dazu veranlassten, den Film sofort und ohne jede Recherche zu bestellen. Von Werner Herzog hatte ich bis dahin nur einen Teil des Filmes „Stroszek“ gesehen, auf den ich wiederum durch Anton Corbijns Filmportrait über Ian Curtis aufmerksam geworden war, Control. („Stroszek“ war der letzte Film, den Ian Curtis sah.) „Fata Morgana“ kam im Jahr 1970 in die Kinos und vermutlich bald darauf in den Audimax der Uni Würzburg. Man könnte sagen, es ist ein sehr eigenwillig gedrehter Reisefilm mit Bildern vor allem aus der Sahara (und wie es gemacht ist – das ist die Magie!), musikalisch unterlegt mit Musik u.a. von Leonard Cohen und Mozart und sprachlich unterlegt mit Texten zur Schöpfungsgeschichte aus einem heiligen Buch der Maya, gelesen von Lotte Eisner, – und es sind diese Texte, die das Potenzial einer Enttäuschung bergen. Während mich die Bilder in ihren Bann zogen, sind die Texte völlig an mir vorbeigerauscht, ich empfand sie als behäbig und belehrend, und ich dachte sogar daran, den Ton abzustellen oder eine selbst gewählte Musik aufzulegen, fand die Idee jedoch respektlos und so schaute ich den Film ein erstes Mal. Das Foto unten zeigt die Aufnahme einer Fata Morgana. Im Unterschied zu einer Halluzination zeigt eine Fata Morgana Gegenstände, die es tatsächlich gibt, sie werden durch extrem heiße Luftschichten gespiegelt. Allerdings befinden sich die Gegenstände, hier zum Beispiel der Bus, ganz woanders, als es scheint.

 
 
 

 
 
 

Die DVD bietet die Möglichkeit, während des Films einem Gespräch zwischen Werner Herzog und Laurens Straub aus dem Jahr 2004 zuzuhören. Dies verwandelt den Film in ein zeitgemäßes essayistisches Format. Ich liebe dieses lockere Daherreden in Audiokommentaren, die wie nebenbei mit Zahlen, Daten, Fakten und Hintergrundinformationen gespickt sind, und ich weiß, dass es genderpolitisch nicht korrekt ist, zu sagen, dass es Männer einfach verdammt gut können, weil sie es von Kindesbeinen an eintrainieren. Werner Herzog hat eine vollkommen unprätentiöse, in sich ruhende Art und seine Stimme ist so angenehm, dass es in seinem Wikipediaeintrag sogar eine Hörprobe gibt. „Fata Morgana“ beginnt mit einer Art Mutprobe fürs Kinopublikum: Fünf Minuten lang werden Aufnahmen landender Flugzeuge am Flugplatz München-Riehm an einem heißen Julitag gezeigt, die Luftschichten erwärmten sich, die Bilder wurden immer befremdlicher und wirken fast wie eine Fata Morgana. Wer das durchhält, so Herzog, wird im Kino sitzen bleiben und den Film zu Ende schauen. Einige Sequenzen hatte Herzog Anfang der 60er Jahre gedreht, als er nach dem Abitur nach Afrika reiste. Seine Motivation war eine „physische Neugier“, eine Welt ohne Zivilisation und ohne Rechtssicherheit zu erleben. Verbunden damit war die Frage – typisch für Herzogs Generation – wie der Faschismus in Deutschland möglich sein konnte. Der Film wurde im Jahr 1969 gedreht, und ein zentrales Anliegen war, in einer Zeit der Heimatfilme und Western eine neue Weltbetrachtung und Bildsprache mit eigenen Darstellern und Erzählformen zu entwickeln. Es gibt lange Kamerafahrten, die ihren Atem suchen, quer durch die Sahara, über Flamingobrutstätten, vorbei an herumliegenden Fässern (Überbleibsel französischer Atomversuche), verdurstetem Vieh und verlassenen Militäranlagen, dem Gerüst einer Fabrikhalle. Es ist ein Film ohne Handlung, fast hypnotisch. Die Menschen sind so rätselhaft wie die Landschaften. Männer, in weite, helle Kleidung gehüllt, sitzen im Schatten einer Mauer. Kinder stehen in kleinen Gruppen in einstudierten Posen da. Ein Junge zeigt mit ausgestreckten Armen auf eine Schleifspur, als wäre es für einen Lehrfilm. Es ist der Rhythmus des Filmschnitts, das Verweilen, der Bruch. Wasserschildkröten bewegen sich in einem Hotelpool auf Lanzarote, plötzlich sehen wir Bilder von Touristen, die wirkten, als seien sie in Trichtern aus schwarzem Sand gefangen und ruderten mit ihren Armen ins Licht. Ein junger Mann, der bei der französischen Fremdenlegion und im Algerienkrieg wahnsinnig geworden war, liest einen Brief vor, den er seit fünfzehn Jahren in der Tasche trägt. Die Geheimnisse stehen für sich. Es ist eine Art Traumlogik, die den Zuschauer ergreift und ihm immer wieder ein anderes Zeitgefühl vermittelt zwischen archaischer und europäischer Zeit, afrikanischer Zeit und Filmzeit. Werner Herzog sagte, er hätte mit diesem Film etwas aufgegriffen, was Ende der 60er Jahre in der Luft lag und von Künstlern verschiedener Sparten gespürt und umgesetzt wurde. Die Gedichte hatten sich verändert, sie waren nicht mehr hermetisch, sondern im Alltag angesiedelt und erreichten ein großes Publikum. Peter Handke trat mit seiner Publikumsbeschimpfung auf. In seiner Filmsprache knüpfte Herzog an die experimentellen Filme des New American Cinema an, aber auch an experimentelle Filme von Edgar Reitz. Herzog sagte, die Zeit für diese Art der Weltbetrachtung sei abgebrochen. Das will ich nicht glauben. Das Bedürfnis, dominante Wahrnehmungs- und Weltdeutungsmuster zu hinterfragen und ihnen eigene Sichtweisen entgegenzustellen, halte ich für eine Konstante. Schon in den frühen Zeiten des Kinos gab es nicht nur handlungsorientierte Filme, sondern offene Formen und Arbeiten mit vorgefundenen Materialien, zum Beispiel in Joris Ivens „The Bridge / De Brug“ (1928) und dem zauberhaften Kurzfilm „Regen“, von Joris Ivens und M. H. K. Franken. (Beide Filme sind leicht im Internet zu finden.) Mit „Fata Morgana“ ist Werner Herzog einer der Pioniere des Essayfilms, es ist ein sprunghaftes, subjektives, sich selbst reflektierendes Werk, unabgeschlossen in seinen Suchbewegungen zwischen Realität und Fiktion. Jean-Luc Godard, Alexander Kluge, Chris Marker und andere finden ihre eigenen Interpretationen des essayistischen Films. Das Genre entwickelt sich weiter. Die Erzählungen von Werner Herzog im Audiokommentar machen „Fata Morgana“ auch heute noch zu einem unbedingt sehenswerten und wunderbar eigenwilligen Film.

2018 11 Okt.

Der Poetenladen Verlag auf der Frankfurter Buchmesse

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Auch in diesem Jahr ist der Poetenladen Verlag wieder auf der Frankfurter Buchmesse. Halle 4.1, D20. Rechts im Bild auf dem Regal finden sich hauptsächlich Gedichtbände, links die Anthologien und Literaturzeitschriften. Aus dem aktuellen Verlagsprogramm: Andreas Altmann („noch leuchten die kranichschreie in der nacht.“ aus: Weg zwischen wechselnden Feldern), Jörg Schieke („Dieses Gedicht / handelt vom Niedergang einer Familie. Jede Sekunde / in diesem Gedicht beruht auf einer wahren Begebenheit.“, aus: Antiphonia) sowie die Literaturzeitschrift POETIN Nr. 25 mit Gedichten, Prosatexten, Essays und Interviews zum Thema Autorschaft und Elternschaft. Thomas Kunst: „Seit meine Tochter auf der Welt war, hatte ich es satt, Trakl und Celan zu lesen. Ich hörte zu, wie sie anfing zu sprechen. Ekkolyte, Metterläd, Ginkung, Kokild, Mampi, Hannibekke. Das ist jetzt fast alles 30 Jahre her. Meine eigenen Gedichte haben sich seit dieser Zeit so grundlegend verändert.“ Come & visit. I´ll be there.

 
 
 

 

2018 19 Aug.

Steine

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Es muss gegen Ende meiner Grundschulzeit gewesen sein, in der vierten Klasse, als ich ein neues Interessengebiet entdeckte. Es begann mit einer Vertretungsstunde, es war ein Lehrer, an den ich mich nicht erinnere, außer, dass er ein älterer freundlicher Mann war. Er brachte einfach ein paar Steine aus seiner Sammlung mit, legte sie sorgsam aufs Pult und erzählte darüber. Irgendwann fiel der Satz: „Wer Steine sammelt, hält die Welt in Händen.“ Es hatte so etwas Behutsames und klang so schön, dass ich beschloss, eine Steinsammlerin zu werden. Es änderte meinen Blick, es war ein neues Feld. Ich war ohnehin fast den ganzen Tag draußen, mit anderen Kindern oder allein, ich suchte die Felder und liebte die Wege ohne Asphalt, und es gab den Fluss. Es kam selten vor, dass ich einen schönen Stein fand, den ich in meinem Zimmer auf ein Regalbrett legte. Der homöopathische Kinderarzt, zu dem meine Mutter uns ab und zu brachte, hatte ein düsteres Praxiszimmer, er saß hinter einem riesigen Schreibtisch, auf dem einige große Steine lagen und von innen heraus zu strahlen schienen und den Raum verwandelten. Bei uns zuhause lag auf einem Fensterbrett im Wohnzimmer zwischen Pflanzentöpfen ein Stück Bergkristall. Ich fragte meine Eltern nach dessen Herkunft, erfuhr aber nicht viel. Ich hätte mich nicht getraut zu fragen, ob ich den Kristall haben dürfte. In einem Sommer fuhren wir nach Südbayern, besuchten das Salzbergwerk in Bad Reichenhall, und ich kaufte mir ein Set mit würfelförmigen verschiedenfarbigen Salzsteinen. Aus dem Kunstunterricht nahm ich ein kleines Stück weißen luftigen Bimsstein mit. Eine Schulfreundin, die ich besuchte, hatte einen Bruder, der schon erwachsen war, und in seinem geheimnisvollen Jungszimmer stand eine beleuchtete Vitrine, in der er wertvolle Steine aufbewahrte, von denen einige glitzerten. Ich sah das nur von weitem. Ich gelangte an Halbedelsteine, nichts teures. Kleine geschliffene oder ungeschliffene Stücke von Tigerauge, Moosachat und Malachit. Der Klang der Namen. Sprünge in der Zeit. Eine Freundin behauptete, die Halbedelsteine würden direkt auf den Körper und die Seele wirken und sie wusste auch wie. Bei ein oder zwei Gelegenheiten, bei denen meine kommunikativen Fähigkeiten besonders überzeugend sein mussten, steckte ich ein kleines Stück blauen Chalzedon in der Hosentasche. Jemand schenkte mir ein großes Stück ungeschliffenen Rosenquarz, das seither auf meinem Schreibtisch liegt. Eine Windrose, ich weiß nicht woher. Aus der Sahara? Ein paar graue Schiefer mit Abdrücken schneckenhausartiger Fossilien. Von einer Reise an die Ostsee brachte ich einen weißen Stein mit, der von der Kraft des Meeres durchbohrt ist. Ein Symbol der Glücks. Alle Steine von den Ufern der Ostsee weisen diese Mischung aus Kalk und festem Gestein, was sehr individuelle Formationen hervorbringt. Das seltsamste Exemplar, dort gefunden am Strand, ist ein kleiner, fast dreieckig geformter, flacher Stein. Auf dem hellen Untergrund ist auf der einen Seite, wie schwarz gezeichnet, ist ein Rechteck zu sehen, an dessen einer Seite eine kleine halbrunde Verstärkung, es sieht aus wie ein alter Koffer, im Seitenprofil. Auf der anderen Seite des Steins ein dahingeschwungenes Herz. Jahrelang lag der Stein auf einem Fensterbrett. Einmal zeigte ich ihn einem Freund. Er sah den Koffer nicht, und nicht das Herz.

2018 22 Juli

You need me to make you a mixtape?

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Season 3, Episode 17. Ich hatte diese Folge von „Lost“ ausgewählt, weil ich mir nochmal einen kleinen Ausschnitt mit einer besonderen Beleuchtung ansehen wollte, am nächtlichen Lagerfeuer auf dieser mysteriösen Insel. In den ersten Minuten betritt Sawyer Kates zeltartige Unterkunft, ohne ihr okay abzuwarten. Sie ist gerade dabei, sich ziemlich sexy die Jeans über den Po zu schieben, da sie sich aber mit Jack verbunden fühlt, wirft sie Saywer aus dem Zelt und dann kommt von ihm der Satz aus der Überschrift. Die schöne Zeit mit der Serie ist leider vorbei. Es ist etwas anderes, einen Teil einer Folge nochmal zu schauen oder zum ersten Mal. Wie vermisse ich Sawyers Humor. Die Frage nach dem Mixtape erinnert mich an seine Frage, nachdem er mit einer anderen Frau von der Insel Sex hatte und diese dann schnell verschwand (weil sie eigentlich nur seinen Revolver wollte). Don´t you want my phone-number? Als Kate später ihre Meinung ändert und in Sawyers Zelt stürmt, fragt er, stirnrunzelnd und, wie so oft, ins Lesen vertieft: My doorbell busted again?

Back to the mixtape. Sawyers Bemerkung brachte mich auf die Idee, mir mal wieder ein Mixtape anzuhören, das mir jemand vor geraumer Zeit geschenkt hatte. Dies sind die schönsten Titel aus dem Tape:

 

  1. Avishai Cohen & The International Vamp Band: Vamp
  2. Esbjörn Svensson Trio: O.D.R.I.P.
  3. Hauschka: Snow
  4. Bright Eyes: Easy Lucky Free
  5. The Mountain Fuji Doomjazz Corporation: Seven
  6. Nick Mason (mit Robert Wyatt): I´m a Mineralist
  7. The Arcade Fire: Wake Up
  8. L´Orchestre Des Bras Cassés: L´Enragé
  9. Bonbo: Black Sands

2018 7 Juli

Sans soleil

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„Die Sache, die den meisten von uns fehlt, und vor allem auch den Cineasten, das ist die Z-e-i-t. Die Zeit zu arbeiten, und auch nicht zu arbeiten, die Zeit zu reden, zuzuhören und – vor allem – zu schweigen, die Zeit zu filmen und keine Filme zu machen, zu verstehen und nicht zu verstehen, erstaunt zu sein und zu warten auf das Staunen, die Zeit zu leben.“ Dies schrieb Chris Marker in einem Essay zu „Kashima Paradise“, einem Dokumentarfilm, der im Jahr 1974 in Paris lief. Chris Marker hatte sich Zeit genommen, für ausgiebige Reisen, fürs Fotografieren, zum Schreiben. Er setzte verschiedene Mythen über seine Herkunft in die Welt, benutzte einen Künstlernamen und ließ sich nicht gern fotografieren. Anfang der 50er Jahre begann er, Filme zu drehen. „La Jetée“ (1962) ist ein Science-Fiction-Kurzfilm, eine Erzählung, die aus einer Aneinanderreihung von Schwarzweißfotos besteht. Es geht darum, Zugang zu einem zentralen Erinnerungsbild zu finden. Wir befinden uns in einem zerstörten Paris während oder nach dem dritten Weltkrieg. Eine Eschertreppe. „Sans soleil“ oder auch „Sunless“ kam 1983 in die Kinos und wird unter der Rubrik „Essayfilm“ gehandelt. Es ist ein Meisterwerk, ein Meilenstein in der Filmgeschichte. Ich habe „Sans soleil“ erst vor etwa vier Jahren gesehen, da muss der Film im Fernsehen gelaufen sein, ich fand den Film konfus und anstrengend, aber auch anziehend und ich spürte, dass der Film etwas hatte, mit dem ich mich genauer beschäftigen wollte, wenn die Zeit dafür passend war, weil ich den Zugang haben würde, zu dem Themenkomplex Reise, Erinnerung, Gedächtnis, Unterbewusstsein, Geschichte. Normalerweise würde kaum jemand den Text zu einem Film recherchieren und lesen wollen. Bei „Sans soleil“ macht es Sinn, jedenfalls wenn man versuchen möchte, das Gespür für die Magie des Filmes zu verfeinern, das Wiederaufgreifen von Motiven, das Januarlicht auf den Treppen, die Zeremonien, Verführungsrituale, die Poesie und wie Hunde herumtollen am Meer. Ich gehöre zu denen, die es lieben, sich zu verzetteln, cut-ups in Raum und Zeit, und ich saß mit einem kleinen Ordner an Filmbesprechungen zu „Sans Soleil“ und Essays aus Fachbüchern in einem Café-Antiquariat in Budapest, die Nachmittagssonne schien schräg auf die Bücherregale, ich hatte einen iced Matcha-Latte ausgewählt  und es war wahrscheinlich der friedlichste Ort, den ich in dieser Stadt finden konnte. Die Offenheit in der Struktur, das Gegeneinanderspiel von Bild, Ton und Text, das Gesagte und das Ungesagte, eine Liste von allem, was das Herz höher schlagen lässt. Bruchstücke eines Spiegels, das Eintauchen in einen kollektiven Traum. Eine Frau gibt wieder, was ihr ein Mann (der Kameramann) schrieb oder erzählte. Der Reichtum an Themen ist enorm, manches wird angerissen, angedeutet, an anderer Stelle wieder aufgenommen oder auch nicht. Der Text ist weitaus eigenwilliger als ein traditioneller Essay. Der Film gibt vor allem Einblicke in die japanische Alltagskultur, kleine Alltagsrituale, das Stehenbleiben vor Ampeln, der 15. Januar als der Tag der zwanzigjährigen Frauen, die mit ihren Winterkimonos durch die Straßen spazieren. „Die Weide betrachtet umgekehrt / das Bild des Reihers“ (Basho). Wie funktioniert das Erinnern? Wie funktioniert das Vergessen? Es gibt das Denkmal eines treuen Hundes, der seinen Herrn jeden Tag am Bahnhof erwartete, auch als dieser gestorben war. Kaum jemand im Westen weiß vom kollektiven Trauma in Okinawa gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Chris Marker hat das Thema in seinem Film „Level five“ wieder aufgegriffen und dabei die Witwe des Programmierers eines Computerspiels in den Mittelpunkt gestellt, in ihrem Versuch, im Computerspiel den Verlauf der historischen Geschehnisse zu verändern. „Sans soleil“ ist ein Palimpsest, eine Partitur, die Einblendungen diverser Dokumentarfilme anderer Filmemacher enthält. Bilder aus Afrika, aus Island, aus Guinea-Bissau. Auch mal: minutenlanges Schweigen. Das Herzzerreißende der Dinge. Flaschen, die aus dem Fenster geworfen wurden. Es gibt die „Zone“, ein Begriff, der allen vertraut ist, die Tarkowskijs „Stalker“ gesehen haben, und der hier, bei Chris Marker, für die eigene Erinnerung steht: bearbeitetes Material, speicherungsfähig. Das Digitale, seine Möglichkeiten, seine Zerstörungskraft. „Sans soleil“, das ist, so heißt es im Text, eine Materialsammlung für einen Film, der nie gedreht werden soll. Und sind es nicht die Widersprüche in einem Kunstwerk, die wir suchen, die Leerstellen, die Risse, durch die wir die Kraft des Lichts umso intensiver fühlen, weil wir sie nur ahnen? Es gibt eine längere Passage über den einzigen Film, der, so heißt es, das wahnsinnige Gedächtnis auszudrücken vermag, Hitchcocks „Vertigo“. Die Suche nach den Schauplätzen in San Francisco. Alles war da. Die Brücke, das Auge des Pferdes, die Bucht. Der Briefschreiber (Chris Marker oder der Kameramann) hat „Vertigo“ neunzehn Mal angeschaut. So weit würde ich nicht gehen. Ich könnte mir eher vorstellen, „Sans Soleil“ neunzehn Mal anzusehen. Der Film ist in seiner Gesamtstruktur so wenig greifbar wie die Magie eines vielschichtigen Gedichtes, er entsteht in jedem Betrachter auf andere Art. „Sans soleil“, das ist auch der Versuch, sich an einen Moment des Glücks zu erinnern. Der Film beginnt mit einem schwarzen Startband, ein Moment des vollkommenen Glücks. Die Schnitttechnik zeigt erst am Ende, wie gefährdet dieses Glück bereits zu Beginn des Filmes war. „Sans soleil“ ist der Versuch, einen Trost zu schaffen, für etwas, wofür es keinen Trost geben kann.


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