Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2026 15 März

Im Anderswo

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | 13 Comments

 

Aus der Rubrik Fluchtgedanken und Gedankenflüge hier kurz skizziert: Eines der aktuell durchaus spannenden Themen ist ja die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, kurz KI genannt. Unsereins fragt sich, was denn das wäre, was davon unterschieden bleibt: also die Differenz, das nicht Eingemeindete, das ausserhalb mathematisch-statistischer Prognosen, Algorithmen und Patchwork-Diebstahl stehende. Hier fallen mir einige Autoren ein, deren Sprachstil mich stark beeinflusst haben. Da wäre zunächst Dietmar Kamper zu nennen, dessen gedankliche Herangehensweise als „tentativ“ bezeichnet wurde: Dinge umkreisend, sich behutsam herantastend, grossenteils vielleicht auch unüberprüfbar bleiben, etwas offen lassen. Das waren keine Klartexte, vielmehr vermischte sich Poesie mit geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise. Ein anderer Autor, an den ich gerne zurückdenke, ist Michel Serres. Sein Buch Die fünf Sinne war ein Meilenstein. Man könnte sagen, die menschliche Existenz wurde hier völlig jenseits von Sigmund Freud oder anderen Seelen-Introspektionen geschildert. Es ging um Seefahrer, Mathematik, Steine zertrümmern, Querfeldein laufen, die Stille suchen. Auch viele Autoren, die Aphorismen verwendeten, zählen zu dieser Liga. Den anarchischen Sprachwitz eines Emile Cioran wird niemals eine Rechenmachine erreichen können. Vielleicht könnte man sagen, die KI zeigt uns, was wirklich zählt: ausserhalb ihrer zu sein – oder wie es der tschechische Schriftsteller Milan Kundera („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“) einst sagte: das Leben ist anderswo.

 

This entry was posted on Sonntag, 15. März 2026 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

13 Comments

  1. Karsten:

    Sehr interessanter Betrachtungswinkel! Was bleibt übrig bzw. außerhalb? Was bedeutet das z.B. in der Musik? Wenn KI-Simulationen (die ja bereits jetzt die Streaming-Dienste „verschlammen“) für den „normalen“ Hörer nicht mehr als solche erkennbar sind (und davon sind viele Genres bereits betroffen oder nicht mehr weit entfernt), entwertet das nach meinem Empfinden die Musik selbst.

    Ein auf Knopfdruck ausgespucktes Klaviersolo à la Keith Jarrett würde (wird) für mein Empfinden einen Schatten der Sinnlosigkeit auf die gesamte Jazzrezeption werfen. Wer jetzt denkt, das wird niemals möglich sein, unterschätzt KI und überschätzt sich selbst, befürchte ich.

    Was eventuell noch eine Weile für die KI „unverfügbar“ bleiben wird, ist eine bestimmte Sphäre der Originalität. KI kann zwar auch Neues „ausprobieren“ und so erschaffen – bleibt aber im Kern auf bekannte Muster beschränkt. Aber wer weiß – wenn der PC 1000 experimentelle Alben pro Stunde auswirft, besteht „Musikmachen“ vielleicht nur noch in der Sichtung des Materials?

    Was uns auf jeden Fall bleibt, ist der Vorgang des Musikmachens selbst – die Auseinandersetzung mit dem unperfekten Instrument, dem Klang unplugged. So wie die seit Jahrzehnten jedem Menschen überlegenen Schachprogramme das Spiel „am Brett“ auch nicht reizlos gemacht haben. Auch nach Erfindung des Motorrads ziehen manche Menschen ja das Fahrrad vor.

  2. Ursula Mayr:

    Ich nehme an, hier wird die Frage nach dem Originär-Schöpferischen gestellt, KI ist ja eher jemand, der sammelt und mixt, neu kombiniert und manches neu aussehen lässt.

    Viele behaupten, es fehle so etwas wie Lebendigkeit, viele glauben einen KI-Text von einem Text eines lebenden Objekts unterscheiden zu können – wenn man’s dann austestet, funktioniert das dann meistens nicht. Ist in der Musik sicher ähnlich. Vielleicht zerbrechen wir uns den Kopf hier sehr vergeblich.

  3. Karsten:

    Wir zerbrechen uns unsere Köpfe vielleicht vergeblich, aber nicht freiwillig. Musik, Literatur etc. haben einen Wert, der in Gefahr ist, so verstehe ich das hier. Wir schauen uns nur schon mal nach Schutzbunkern vor der Fakebombe und dem Slop-Tsunami um.

  4. Ursula Mayr:

    Bin da ganz Deiner Meinung, aber nachdem ein grosser Teil der Menschheit sich nicht dran stört, Surrogate zu benutzen, wird diese Frage zunehmend weniger gestellt werden und sich nur noch in akademischen Zirkeln tummeln. Mein Kulturpessimismus halt wieder …

  5. Alexander Fritz:

    Ich weiß nicht. Wenn ich sehe, was die KI auf dem Gebiet der Zahlen und Statistik, von dem ich ein kleines bisschen verstehe, produziert, nämlich größtenteils Ungenauigkeiten, Lügen und Unfug, dann wird mir nicht bange. In der Musik ist es ja sowieso so, dass mindestens 99% der Stücke nicht originell und uninteressant sind und von KI bestimmt genauso gut „komponiert“ werden könnten. Aber der Promilleanteil, der auf schöpferische, geniale Musik entfällt, wird m.E. nie von KI kommen. Also z.B. so was wie die Goldberg-Variationen, Spirit of Eden, Hejira, die Sun Bear Concerts oder Sunday at the Village Vanguard oder Chopin’s Nocturnes etc. Natürlich kann KI Musik in diesem Stil machen, aber das wäre ja immer nur ein Abklatsch. Ich glaube, wenn einen nur die innovativen, kreativen Klänge interessieren, dann wird KI in dem Bereich nicht viel bestellen zu haben. Hinter KI steckt immer ein Algoritmus, der große Datenmengen komprimiert und einebnet. Da kann per se eigentlich nur Mittelmäßiges bei rauskommen. Kennt jemand ein interessantes KI-Musikstück?

  6. Ursula Mayr:

    Leider nicht – und bei Mathe kann ich auch nicht mitreden. Bei juristischen Fragestellen schlägt sich das Dingens recht tapfer und Film- und Literaturinterpretationen macht er gar nicht schlecht. Die Gefahr, ihn als Ersatzpartner suchtartig zu nutzen, ist natürlich immens – aber das ist eine andere Geschichte.

  7. Karsten:

    Ja, der Promilleanteil wird vermutlich unberührt bleiben. Aber reicht das? Die KI bringt ja eine Art Abwärtsdynamik ins Spiel. Wenn 95% der Menschen keinen Zugang zum „schöpferischen, genialen“ mehr haben – weil ihnen KI-Musik gut genug ist, oder weil sie nicht mehr vermissen, womit sie nie in Berührung kommen – wird die Luft dann nicht zu dünn für das geniale Promille? Wovon leben die, wie finden die Hörer das Echte im Falschen? Goldberg-Variationen, Hejira und Sun Bear Concerts erfordern ein gesundes kulturelles Biotop für Musiker und Hörer.

    Ich vermute, die KI wird zu einer rasanten Verarmung in der Kultur führen – schon wegen ihrer autophagen Tendenz. Eine Art Reset, danach kommt vielleicht ein Revival für das Handgemachte. Ob wir das noch erleben?

  8. Ursula Mayr:

    Naja, Vinyl gibt’s ja auch wieder.

    Die Connaisseure schlafen nicht … ich würde den Unterschied sicher nicht erkennen, vielleicht beim geschriebenen Wort, da kenn ich mich eher aus, aber das braucht vielleicht eine gewisse Schulung.

  9. Karsten:

    Die KI wird uns unsere Platten- und CD-Sammlungen nicht wegnehmen, das stimmt.

    Aber dass es den KI-Fake irgendwann auch als 180-Gramm-Pressung geben könnte – lustige Vorstellung.

  10. Ursula Mayr:

    Vielleicht gibt’s das schon und keiner hats gemerkt … 😈

  11. Karsten:

    Hier noch ein erhellendes und traurig stimmendes Statement zum Thema „KI, Streaming, Jazz“ …

  12. Jörg R.:

    Da haben wir’s schon.

  13. Ursula Mayr:

    Ich würde die Frage überhaupt andersherum stellen – nicht „Kann die KI das, was der Mensch kann?“ sondern „Sind wir überhaupt fähig, den Unterschied wahrzunehmen?“ Da bin ich pessimistisch …

Leave a comment

XHTML allowed tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Mit dem Absenden akzeptiere ich die Übermittlung und Speicherung der Angaben, wie unter Datenschutz erläutert.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz