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2026 16 Mai

Good Guys in Bad Wars

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | No Comments

 

Wenn man abends durch den Guide des Fernsehprogramms surft fällt auf dass man wieder vermehrt auf Kriegs – oder Antikriegsfilme stösst, darunter Klassiker wie Full Metal Jacket, Platoon, Apocalypse Now sowie – Sprung vom fernen in den nahen Osten – American Sniper, The Book of Eli, Saving Private Ryan und Letters from Iwo Jima mit verdienten Regisseuren wie Eastwood und Spielberg sowie ihren gelegentlichen Ausrutschern in den Martial – Kitsch.

Nach quälenden Jahrzehnten, in denen Krieg im Kino oft noch als Bewährungsprobe, als Männlichkeitsritual oder als heroisches Spektakel inszeniert wurde war das Auftauchen klarer Antikriegsfilme erstmal fast wie ein moralischer Befreiungsschlag. Sie entziehen dem Kriegsgeschehen das moralische Pathos und dessen Verführung ( Top Gun ist nun vollends ein geglückter Army – Werbefilm und Tom Cruise macht seine Sache gut, aber der ist auch bei Scientology und und hat sie ohnehin nicht alle und hat sicher nicht geschnallt wofür er da missbraucht wurde ) und geben den Blick frei für das was Krieg wirklich ist: Zerfall statt Sinn, Trauma statt Ruhm, und sie zeigen auch den Krieg auf der inneren Bühne, das Zerrissensein der Soldaten und die Spaltungen in die man sie zwingt, da ist der Dschungel nicht nur physisch sondern auch eine innere Landschaft. Nicht mehr Wie kämpfen und siegen wir? sondern Was macht das mit uns? In diesem Caleidoscope of Wars scheinen verschiedene Facetten auf – Apocalypse Now als psychotische Reise ins Innere und seine Deformationen, The Deer Hunter als Vollbild einer existenziellen Zerstörung des Individuums als Kriegsfolge, Platoon oder Full Metal Jacket, in dem die Jungsoldaten gnadenlos verbogen und für ihr Handwerk abgerichtet werden. Sie zeigen den Prozess, Taxi Driver zeigt den Endzustand, letzterer einer der ehrlichsten Filme über einen Veteranen der aufgrund seiner Vergröberung und inneren Verwahrlosung nicht mehr integrierbar ist und eben genau deshalb letztlich freudig wieder integriert wird – genau solche Burschen braucht man für so manches düstere Geschäft. Das Trauma brennt nicht mehr in ihm sondern ist auskristallisiert; nicht mehr Störung sondern persönlicher Stil, ohne Überflutung, jenseits aller Flashbacks leidet er nicht mehr sondern lässt leiden – früher nannte man dergleichen Charakterneurose.

 

“All the animals come out at night — whores, skunk pussies, buggers, queens, fairies, dopers, junkies… Someday a real rain will come and wash all this scum off the streets.”

Ein Kultzitat, das mir neulich ein Münchenr Taxifahrer vordeklamierte. Ich habs erraten!

Besser kann man seinen psychischen Zustand gar nicht externalisieren.

Platoon ist sprachlich nicht brillant – aber das Schweigen, das Gebrüll, das Befehlstonhafte sind Teil der Aussage. Krieg zerstört Diskursfähigkeit, wo keine Symbolisierung mehr gelingt, regiert Affekt. Junge Männer werden zu Funktionskörpern, Sprache wird zur Waffe und der Sadomasochismus blüht an allen Ecken. Kubrick und Stone ( Full Metal Jacket und Platoon ) sind präzise, analytisch sezierend und fast in die schwarze Komödie hinüberdriftend, mitleidlos gegenüber dem Zuschauer. Gut so – man weiss nun wie Krieg aussieht und wie man dafür ausgebildet wird.

Es wäre wirklich soweit gut wenn diese verdammten Persilfilme nicht wären bzw der Spielberg – der sich überall hineinmischt – sich nicht auch hier 1998 mit Saving Private Ryan eingemischt hätte. Reinwasch – oder Persilfilme ( ich erlaube mir den Ausdruck der deutschen Nachkriegszeit zu entnehmen in dem in Lande der grosse Waschzwang ausbrach und alles blütenweiss und ultrarein sein musste – heute wissen wir nun endlich was da wirklich abgewaschen werden sollte ) zeigen Kriegsgeschehen und machen dann eine elegante Wendung in der Story die man als Individualethik bezeichnen kann – ein einzelner Soldat wird mit viel Aufwand gesucht, gefunden und unversehrt zu Mommy heimtransportiert die bereits 3 Söhne verloren hat. Das Ganze etwa so sinnvoll wie die millionenschwere Rettung eines kranken Wals während man gleichzeitig die Meere mit Plastik vermüllt, verseucht, leerfischt und mit Schleppnetzen bestückt.

So grausam Kriege auch sein mögen, das goldene Herz unserer All – American – Boys werden sie nie zerstören, die retten auch noch das kleinste verlaufene Äffchen im Dschungel von Indochina, da legen sie sogar mal die Panzerfaust weg. Und dann wird fast der ganze Krieg wieder moralisch integrierbar, die Army als humanes Kollektiv mit Opferethos und Mitgefühl und die Kriegsmaschinerie bekommt ein Herz transplantiert, z B bei dem vor Heroismus triefenden Pearl Harbour. Weichzeichnen um den eigenen Narzissmus zu retten. Und genau da krieg ich Pickel…

Mit dem Aufflammen der Kriegshandlungen in Nahost entstanden neue Machwerke die heroische Jungs feierten, ihnen aber auch zugestanden innerlich verwüstet worden zu sein ( American Sniper und andere, die zuhause nicht mehr zurechtkamen ). The Hurt Locker – neuer Heldenschwurbel. The Green Zone – wieder Heldentum, aber zumindest Kritik am Märchen von den irakischen Massenvernichtungswaffen. Man fängt ja schon an für alles dankbar zu sein.

Letters from Iwo Jima zeigt die Leiden des Gegners – der Japaner – und verzichtet auf die smarten boys, hätt ich dem alten Eastwood jetzt gar nicht so zugetraut, allerdings findet er wenig Zugang zu der ihm fremden asiatischen Mentalität, lässt etliche durch Suizid enden, zitiert damit wohl das alte Harakiri – Motiv und letztlich bleiben diese Protagonisten auch dem Zuschauer fremd. Trotzdem danke für die gute Absicht!

 

Oder es wird gleich auf archaisch – konservative Werte regrediert: Bei The Book of Eli verbleibt letztlich die Bibel wieder der ursprüngliche Träger des Wertekanons auf dem man wieder aufbauen zu können hofft – mit dem Gott der Bergpredigt oder mal wieder dem chronisch miesgelaunten Papa des alten Testaments? Was braucht man um nach der Sintflut wieder eine Zivilisation aufzubauen? Saatgut? Bücher? Und welche? Wissenschaft? Ethik? Statt der Bibel lieber Kant und der kategorische Imperativ? Oder doch lieber Sartre oder gleich Alice Schwarzer? Oder was über die Liebe, tät vielleicht mehr Spass machen. Nee, die Bibel muss es sein… Alles wieder auf Anfang! Hoffentlich ersparen sie uns wenigstens diesmal die Hexenverbrennungen, aber da bin ich mir auch nicht so sicher. Und vermutlich alles wieder vom Pentagon mitsubventioniert und vom Affenfelsen in Washington abgesegnet. Und so wird eben oft die Kriegskritik durch gute Jungs konterkariert.

Was bleibt? Der Genuss der Satire! Männer die auf Ziegen starren – ein löblicher Versuch der aber nicht wirklich ins Lachzentrum trifft. Robert Altmans MASH – bei dem einem das Lachen im Hals steckenbleibt – ein Kriegslazarett in Vietnam mit einer Gurkentruppe von medizinischem Personal, die völlig durchgeknallt, aber selbstredend exzellente Chirurgen und superfeine Kerle sind – Krieg als Riesengaudi. Gleichzeitig lernt man etwas über erotisierte Abwehr tragischer Situationen, sexuelle Kontakte zwischen dem Personal scheinen besonders oft in Kliniken vorzukommen – sozusagen intersexuelle Todesverdrängung.

Und letztlich der grossartige Dr. Seltsam von Kubrick, gedreht im Schatten der Kubakrise, der sich gallebitter mit dem Wahnsinn auseinandersetzt der entsteht wenn man einem Häufchen Verrückter Atomwaffen in die Hand gibt. Am Ende fällt die Bombe durch die Luke und General Slim Pickens sitzt auf ihr wie auf einem Rodeomustang, schwingt den Cowboyhut und stürzt unter Yippie – Rufen kamikazemässig in die Tiefe. Der alte Pioniergeist, der alles unterjochen musste was er traf lebt noch – damals trafs die Indianer, die Schwarzen und die Frauen sowieso, die triffts ja immer als erstes.. Vielleicht einer der bittersten Witze der Filmgeschichte.

Auf Amazon prime und WOW streambar – ich wünsche viel anachronistisches Vergnügen!

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