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2024 19 Mrz

Folge dem weissen Kaninchen – Matrix and Mindfucking

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 4 Comments

 
 

Es gibt tatsächlich das Genre der Mindfucking-Filme, die sich gerade im Sci-Fi-Genre explosionsartig vermehren. Der Zuschauer muss eine Menge Konzentration aufwenden, um sich orientieren zu können, auf welcher zeitlichen oder räumlichen Ebene das Filmgeschehen gerade abrollt und hat auf jeden Fall sehr viel corticale Arbeit. In einen Flow zu kommen oder gar etwas zu geniessen ist schwierig bis unmöglich – und by the way: Ich mag diese Gespinste überhaupt nicht.

Begonnen hatte es 1999 noch relativ charmant mit der Matrix: ein Film, der sich der schon in der Antike aufgeworfenen Frage über die Authentizität unserer wahrgenommenen Realität widmet. Woher wissen wir, dass wir nicht nur träumen und alles uns Umgebende nur ein Spuk ist? Ein durchaus anspruchsvoller neuer Ansatz für Sci-Fi und seine bekannten Techno-Orgien, die inzwischen ausgereizt waren, sich hier aber gottlob in Grenzen hielten (dafür gabs eher Martial-Arts-Kampfszenen, in denen die Kämpfer die Schwerkraft aufzuheben verstanden wie die Ninjas) zugunsten der Faszination von Überwindung der Zeit- und Raumgrenzen.

Also: Woher wissen wir, dass wir nicht verkabelt in einer Nährlösung unter Dauerchemiebeschuss vor uns hinträumen – vielleicht noch gleichgeschaltet mit unseren Nachbarn den gleichen Traum träumen und mit ihnen im Traum interagieren? Fragen – so alt wie der Homo sapiens oder höchstens ein bisschen jünger.

Oder ob es vielleicht dem neuen Leonardo (nicht da Vinci sondern DiCaprio) gelungen ist, einen vorher in seinem Traumlabor designten Traum in unser Unbewusstes einzuschleusen und selbst drin mitzuspielen – in Inception von Christopher Nolan wohlerprobt dargeboten.

 
 

 
 

Leo DiCaprio klagte später darüber, dass selbst die Schauspieler bei den Dreharbeiten die Orientierung verloren und nicht mehr wussten, in wessen Gehirn sie da gerade mit wem zu welchem Zwecke herumturnten; der Zuschauer wusste es meistens auch nicht, sondern schaltete auf „flow“ und genoss die effects und den neuartigen Ansatz dieses Genres. Oder verliess das Kino mit Kopfschmerzen.

Das in Inception vorgeführte „dream-creating“ liess sich natürlich von Regierungen und Konzernen prächtig für ihre Zwecke einsetzen. Da entstanden spannende Machwerke wie Timeline, Source Code, Looper und vieles mehr. Hirngymnastik sozusagen, für manche lustvoll.

Oder in Blade Runner (1986) – eine Frühgeburt des Genres und dieser Zeit voraus – das ständige Rätselraten, ob man es nun mit einem Menschen oder einem künstlich gezüchteten Replikanten zu tun hat, dem darüber hinaus künstliche Erinnerungen eingepflanzt wurden, so dass er selbst nicht weiss, ob er ein Mensch ist oder ein funktionalisiertes Menschenwerk, am Schluss wusste keiner mehr irgendwas und bis heute wird im Netz diskutiert, ob Harrison Ford nicht doch ein Replikant war und wie das zu beweisen wäre. Nämlich durch ein papierenes Origami-Eichhorn in einem Traum, also alles gar nicht so einfach. Die Sache kam also an. Wie gesagt – nix für mich – ich liebe es nicht, ständig von neuen Raum- und Zeitebenen überrannt zu werden, mir fällt dabei immer nur der gallebittere Witz ein, dass es auch Vorteile bringe, an Demenz zu erkranken: Man ist jeden Tag woanders und lernt neue Leute kennen.

Nun ist das Designing des Unbewussten und des Gefühlslebens nichts Neues und wird in Werbung und politischer Berichterstattung und dem Arbeiten mit versteckten Botschaften und subliminaler Wahrnehmung angewendet, seit es Medien gibt. In Inception wird es noch einmal auf den Punkt gebracht, worauf wir zusteuern könnten, die prophetische Funktion des Kinos, die ich wiederum sehr schätze – spätestens seit dem Tage als ich nach Hause kam, die brennenden Twin Towers auf dem Bildschirm sah und mich wunderte, warum mein Mann schon mittags Independence Day guckte.

Von da ab nahmen die Aliens wieder Züge des politischen Feindes an, nur waren’s diesmal nicht die Russen, sondern die IS und die 3. und 4. Welt und ihr Hunger die sich auf die westliche Zivilisation stürzten.

So wie in Inception die Gehirne als Schauplatz ständig wechselten, sind es in den Zeitreisefilmen die Zeitebenen mit ihren logischen Verwerfungen und Hyperloops, über die sich der Zuschauer den Kopf zerbrechen muss, anstatt Liebesszenen zu geniessen und sich zu freuen, wenn sich zwei endlich kriegen, bei denen man schon vorher wusste, dass sie sich kriegen.

Also: Es kommt jemand aus der Zukunft zurück in die Gegenwart, die ja für ihn dann eigentlich Vergangenheit ist, um etwas hinzubiegen, das ihm in der Zukunft das Überleben möglich macht oder seine Befindlichkeiten anderweitig verbessert, beispielsweise jemanden in der Gegenwart, die aber für ihn Vergangenheit ist, aus dem Weg zu räumen, damit selbiger ihn nicht in der ferneren Zukunft im Futurum 2 um die Ecke bringt, wo er sich dann ja auch wieder hinbegeben muss. Life-Designing sozusagen – vor eine schwierige Situation gestellt geht man kurz in das Plusquamperfekt und geht dem an die Gurgel, der einem gerade in der Gegenwart Schwierigkeiten bereitet. Das hat was!

Das setzt dem dream-designing noch einiges drauf und die Terminator-Tetralogie oder -quintologie war ja auch durchaus unterhaltsam.

Gestern abend dann voller guten Willens Predestination (2014) herbei gestreamt, das die ganze Sache noch toppte: Eine auf Zeitreisen spezialisierte Firma schickt Agenten in die Vergangenheit, um in der Gegenwart geplante Verbrechen zu verhindern, zumindest habe ich es so verstanden – und dann schon sehr bald nicht mehr durchgeblickt. Designing des gesellschaftlichen Zusammenlebens und sehr praktisch anmutend – ein bisschen die Vergangenheit aufräumen und schon läufts – steckt da nicht ein urmenschlicher Wunsch dahinter? Wer möchte nicht den Weltkrieg aus der Geschichte tilgen?

Eine relativ schonende Form des Selbstmordes wäre es dann, einfach zu verhindern, dass sich die eigenen Eltern in der Vergangenheit gar nicht kennengelernt hätten – oder wenn doch, ein Kondom benutzt hätten und man sich selbst sodann zurück in der Gegenwart in Nichts auflösen könnte beziehungsweise schon als Nichts in diese zurückkäme. Auf diese Weise könnte man ganz legal auch unerwünschte Partner oder andere unangenehme Zeitgenossen eliminieren. Aber das führt jetzt zu Gedankenabschweifungen … wann ist gleich nochmal Putin gezeugt worden?

Wie kann man sich nun vergewissern, ob man sich in der Traumwelt oder der dreidimensionalen Realität befindet? Dazu hat Nolan den Kreisel erfunden beziehungsweise einen McGuffin in Form eines Metallkreisels als Indikator zur Orientierung über den eigenen Standort: In unserer dreidimensional fixierten und gravitationsgebeutelten Welt tut dieser, was ein Kreisel nun mal tut, nämlich kreiseln und irgendwann damit aufhören. In einer immateriellen virtuellen Realität dreht er sich in extenso weiter oder fliegt durchs Fenster davon oder … oder …

Am Ende von Inception lässt der Leo wieder den Kreisel kreiseln, gemeinerweise wird aber rechtzeitig abgeblendet, so dass wir nie erfahren, ob Leo nun in der irdischen Realität seine in einer anderen Realität ermordeten Kinder wieder in die Arme schliesst oder wiederum nur davon träumt. Nachdem er sich vom Kreisel abwendet und ihn allein weitertrudeln lässt, signalisiert er auch, dass es ihm schlicht egal ist – er bleibt in der für ihn attraktivsten Realität. So geht’s auch. Jeder Junkie würde ihm da beipflichten.

Somit trat der Sci-Fi in eine neue und bisher letzte Phase ein.

Nachdem zuerst die paranoide Angst vor dem politischen Gegner in der Zeit des kalten Krieges das Genre der Invasionsfilme prägte und es in den aufgelockerteren Zeiten der Sechziger und Siebzigerjahre bis in die frühen Achtziger zum Kuschelkurs mit den Aliens kam (E.T., Alf, die Kleinen aus Close Encounter und andere nette Nachbarn) geht es nun anders weiter.

 
 

 
 

 
 

Bis die selben dann in den Neunzigern wieder oral-aggressiv aus Gründen der Ressourcenverknappung auf den Heimatplaneten sich auf die Menschheit stürzten (das Jahrzehnt in dem wir langsam begriffen dass uns auch in der 1. und 2. Welt der Saft ausgehen könnte) herrscht nun die Phase der völligen Grenzüberschreitung und Orientierungslosigkeit, indem der Mensch nicht mehr weiss, wo und wann und nicht mal wer er überhaupt ist und ob der jeweils andere nicht nur ein Gespinst des eigenen Gehirns ist. Ein unerschöpflicher Fundus für anstrengende Verwicklungs-Plots, in denen nun alles möglich scheint. Das mag wie Freiheit anmuten – ich definiere mir meine Welt selbst und bewege mich darin. Das Unbehagen der Protagonisten und ihr Suchen nach Halt und Orientierung drückt aber das tiefe Bedürfnis des Menschen aus nach einer für alle verbindlichen und teilbaren Realität, die Vereinsamung verhindert – auch hier wieder der Sci-Fi als Spiegel kollektiver Bedürfnisse in einer Anything-goes-Welt in der jeder in sein eigenes virtuelles Reich versinkt.

Diesem Bedürfnis gerecht werden die gängigen Formen von social media, die die Illusion und die Scheinsicherheit erzeugen mit allen zu jeder Zeit verbunden zu sein; ein haltendes Netz – bei dem man aber andererseits genausowenig sicher sein kann, ob man nicht mit einem Bot, einer KI, einem Love-Scammer oder einem Algorithmus kommuniziert oder gar mit dem bayrischen Ministerpräsidenten. Und auch nicht, ob der irgendwo sitzende fleischliche Like- oder Klick-Freund sich im Bedarfsfall wirklich als Freund erweisen wird wenn man ihn dreidimensional braucht.

So bleibt zumindest die Illusion permanenter Verbundenheit in einem immer unübersichtlicher werdenden Kosmos, in dem langsam alle Grenzen verschwimmen.
Noch dreht sich Leo’s Kreisel … ob er umkippt?

 
 

This entry was posted on Dienstag, 19. März 2024 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

4 Comments

  1. Anonymous:

    Inception hat mich sehr beeindruckt, was nicht heisst, dass ich durchgestiegen wäre. Aber dieses plötzliche Kippen von Realität, das ist nichts für ängstliche Menschen.

  2. Ursula Mayr:

    Zur Verbindlichkeit von Realität noch ein nettes Experiment:

    Ein Jugendfreund, etwas grössenwahnsinnig und später an einer Schizophrenie laborierend, hebelte jedes Argument aus, indem er versicherte, dass es eben in SEINER Realität eben so wäre, wie er sagt, in MEINER Realität könne es ja ruhig ganz anders sein. Ich schlug ihm dann vor, sein frisch eingeschenktes Weissbier mal hier auf den Nebentisch zu stellen, auf den ich zeigte – da war aber kein Tisch, nur 1 m tiefer der Steinfussboden. Aber in MEINER Realität stünde da einer und schliesslich seien alle Realitäten gleichberechtigt, nicht wahr? Er hats nicht gemacht, der Feigling, aber auch später nie mehr was von gleichberechtigten Realitäten erzählt.

  3. Jörg R.:

    Ich finde die Mindfuckingfilme auch sehr anstrengend, aber fesselnd. Bei Inception glaube ich noch durchgestiegen zu sein. Ich denke es war bitter nötig im Film auch mal andere Ebenen zu behandeln als nur Boy-meets-Girl und zusammenkrachende Raumschiffe.

  4. HDK:

    A different way to „Follow the White Rabbit“


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