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2023 27 Dez

Der dunkle Christus oder Make Ben Hur great again

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 4 Comments

 
 

Die Weihnachtszeit bringt unweigerlich das Wiederaufbraten betagter Schinken mit sich wie Sissi, Der kleine Lord, den noch etwas weniger gut abgehangenen Herrn der Ringe und eben – Ben Hur (den wir als respektlose Münchner Hinterhof-Bambsn damals den „Hurenbeni“ nannten). Diesmal aber nicht den unsäglichen Pomp von 1959 mit dem holzgeschnitzten Charlton Heston, dem Herrn mit der grossen Klappe – vor allem, wenn es ums US-Waffenrecht geht, das er immer prima fand. Und der beim historischen Wagenrennen seine Rolex anbehielt – historischer fault und running gag, leider später rausgeschnitten, wär heut noch der Brüller.

Zwei neue Hauptdarsteller tragen den Film in den Rollen von Ben Hur und Messala, die diesmal nicht – wie seinerzeit – so all american aussehen, als wären sie gerade in Texas frisch vom Mustang geklettert, beide im Verein mit dem bewährten und zu allem brauchbaren Morgan Freeman, der bisher noch jede Rolle prima gewuppt hat. Ansonsten spielen No-Names, auch bei den Frauen, die kurz vorher noch in den Heisskleber und danach ihre Schmuckkassette gefallen sind und sich darin gewälzt haben – aber ist ja auch Weihnachten, überall hängt viel zu viel.

Also insgesamt ein erfrischendes neues Ensemble, nur Pontius Pilatus sieht aus wie der Typ, den man täglich in der Sozialpädagogenmensa beim Müsliessen trifft, entsprechend harmlos, etwas kindlich cholerisch und unfähig, die Zerrissenheit darzustellen, die sich der historische Pilatus schliesslich von den Händen zu waschen versuchte. Leider bleibt wenig Neues zu entdecken, wenn man davon absieht, dass der Beni schon zu Anfang des Filmes mit seiner Esther irgendwie verheiratet oder verbandelt ist und die sich etwas hinziehende Liebesgeschichte des 59er Originals diesmal wegfällt. Die war seinerzeit so spannend wie eine Schüssel Kartoffelbrei und man vermisst eigentlich nichts.

Ansonsten wird die an sich brauchbare Thrill-Story trotz heutzutage möglicher überbordender filmtechnischer und digitaler Möglichkeiten und Emmerichereien 1:1 brav von der Erstfassung abgekupfert, nur in etwas gedeckteren Farben, nicht knallig, kitschig, hollywoodbunt. Aber keine neue Tiefe, keine Doppelbödigkeit, kein neues Ausdeuten der Konflikte auch unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Geschehnisse in Palästina, keine psychologische Feinzeichnung insbesondere der gebrochenen Figur Messalas – ein weites Betätigungsfeld wäre das gewesen. Nicht mal special-effects.

Einzig Jesus imponiert – keine blonde Engelsgestalt mit blitzblauen Augen, eher dunkel, düster, finster und verzweifelt und im Kreuzgang sieht man wirklich, dass hier jemand zu Tode geschunden wird. Ein Mann mit einem Gesicht, das die Ahnung gegenwärtiger und kommender Qual ausdrückt. Dies nun ein wirklicher Unterschied zur alten Fassung, in der er kein Gesicht, dafür gepflegtes duftiges Langhaar und eine frisch gewaschene Kutte sowie dramatische Musikuntermalung verpasst bekam. Ein Gott ohne Gesicht – eigentlich der muslimische Modus. Hier hat er eines.

Und jetzt folgen die klassischen zwei Begegnungen von Ben Hur und Jesus mit der Wasserschale, dann Kreuzigung und die Heilung von Ben Hurs Mutter und Schwester vom Aussatz – und nun haut der Regisseur rätselhafterweise den Schnelldurchlauf rein. Das ganze Geschehen um Christus rast vorbei, als würde sich der Regisseur mit dem schwer zu behaltenden Namen Bekmambetow (Vater Kasache, die sind grösstenteils Muslime, Mutter russische Jüdin, sicher alles nicht einfach) genieren, von einer zentralen Figur der christlichen Religion erzählen zu müssen. Dabei hätte er es problemlos weglassen, uminterpretieren, das Hollywood-Pathos brechen oder irgendetwas anderes daraus machen können. Nichts davon.

Stattdessen wird der filmisch gut angelegte Christus schnellstens gekreuzigt, stirbt Sekunden später und dann donnert der Film überstürzt dem Ende entgegen, als wäre dem Produzenten das Geld ausgegangen. Oder als hätte der Regisseur Konflikte mit diesem zutiefst christlichen Thema gehabt – seine Abstammung würde es erklären, aufgrund ihrer religiösen Zuordnung dürften beide Eltern mit dieser Figur ihre Schwierigkeiten gehabt haben, falls sie Religion praktizierten.

Leider wissen wir das nicht, es wäre vorstellbar, dass diese Verbindung der Eltern dadurch konflikthaft gewesen sein könnte und das innere Christusbild – ob man nun dran glaubt oder nicht, man hats einfach – entsprechend unscharf und ambivalent besetzt sein könnte. Das Leben von Regisseuren beginnt in den Biographien immer erst nach dem Studium – vermutlich um die Psychoanalytiker zu ärgern, die ihrem Trüffelschwein-Modus nachgehen wollen. Soweit der Spekulatius. Die Songs sind eher der Popmusik entlehnt und passen hier so gut wie ein Kreuznagel ins Auge.

Wer sein Christusbild erweitern möchte:

 
 

 
 

Dazu sei verwiesen auf den 1973 gedrehten Film Jesus Christ – Superstar von Norman Jewison – von der Machart her eine Rockoper beziehungsweise eine Aneinanderreihung fetziger Songs und Tanzszenen in rasendem Tempo, deren Drive man sich nicht entziehen kann. Dieser Film wagt eine Ausdeutung der historischen biblischen Marionettenfiguren, verleiht ihnen ein Seelenleben und eine Tiefendimension, die sie plötzlich interessant macht.

Christus ist hier nicht das Opferlamm, sondern ein rebellischer, oft widerspenstiger Kerl, der seinen Vater auch im Garten von Gethsemane noch zur Rechenschaft zieht.

 

„God, thy will is hard
But you hold every card
I will drink your cup of poison
Nail me to your cross and break me
Bleed me, beat me, kill me
Take me now, before I change my mind.“

 

Eindrucksvoll auch seine Überforderung beim Andrängen der vielen Kranken, die geheilt werden wollen – er stösst sie schliesslich weg:

 

„There’s too much of you,
There’s too little of me!“

 

Judas ist Sozialrevolutionär, brennt für die Befreiungsbewegung, die von Jesus ursprünglich begonnen wurde, der sich dann aber mehr und mehr Gott zuwandte anstatt gegen die Besatzung zu kämpfen.

 

„All your followers are blind
Too much heaven on their minds“.

 

Nach dem Verrat an Jesus hadert Judas ebenso mit Gott:

 

„Oh God – I‘ ve been used!
And you knew it all the time!
God, I never know
Why you chose me for your crime!
For your foul, bloody crime!“

 

Die verliebte Maria Magdalena sieht sich einem Mann gegenüber, den sie nicht fassen und begreifen kann, was dazu führt dass sie sich zunehmend selbst nicht mehr begreift.

 

„I dont know how to love him
I dont see why he moves me
I have changed
I’ve really changed
In this past few days
When I’ve seen myself
I seem like someone else.“

 

Zunächst tut sie was der Mensch eben tut – das Phänomen in bekannte Schemata einordnen zu wollen:

 

           He‘ s a man

           He’s just a man

           And i’ve had so many men before

           In very  many ways

           He’s just one more

 

Die verändernde Macht von Beziehung und ihre Nichtfassbarkeit!

Pilatus ist kein Feigling, der Christus ausliefert, er fühlt sich angerührt und möchte ihm helfen, scheitert aber an der wilden Entschlossenheit eines Opfers, das seinen Weg zu Ende gehen muss und will.

 

Die, if you want to

You misguided martyr

Die, if you want to

You innocent puppet.“

 

Auch er setzt sich mit der ihm zugewiesenen Rolle auseinander:

 

„And then I saw
Thousands of millions
Crying for this man
And then I heard them mentioning my name
And leaving me the blame.“

 

Herodes, gerade bei einer Beach-Party, nimmt Jesus ohnehin nicht ernst:

 

„Prove to me that you’re divine
Change my water into wine
Prove to me that you’re no fool
Walk across my swimming pool“.

 

Die Apostel in der Nacht in Gethsemane wachen nicht mit Jesus, sondern zwitschern einen und träumen von künftigen Ruhm:

 

„And when we retire we will write the gospels
So they still talk about us when we’ve died“.

 

Da menschelts, da wird’s interessant, da kann diskutiert werden, da ist Gott wirklich Mensch geworden, wenn man es so ausdrücken will. Hier ist das Neue Testament ein grausames Drama eines gnadenlos funktionalisierenden und manipulierenden Gottes, in dem Motive und Sinn nicht erkennbar werden. Gott spielt seltsam mit der Welt.

Viele Religionslehrer erkannten das Potential dieser Geschichte und gingen mit ihren Schulklassen ins Kino. Und in andere Filme, die nachfolgten.

Bei der Konfirmation meiner Nichte im biederen Prien am Chiemsee sang der Schulchor doch glatt:

 

„Always look on the bright side of life.“

 

 

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4 Comments

  1. Jörg R.:

    Hurenbeni? Wie wart Ihr denn drauf?
    Aber passt gut in die Zeit, Uschi.

  2. Ursula Mayr:

    Wie wir drauf waren? Krachert!

  3. Ursula Mayr:

    Unter „Ben Hur mit Armbanduhr“ findet man die Szene bei google. Allerdings nicht auf dem Streitwagen sondern als er heruntergepurzelt ist und aufgeklaubt wird.

  4. Ursula Mayr:

    Kommando zurück – das war Messala mit der Rolex! Was für eine Geschichtsklitterung!!

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