Manafonistas

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2022 17 Nov

Eine Kirche auf dem Rummelplatz

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 2 Comments

Wirklich der beste Weg, „Die Philosophie des modernen Songs“, diesen mitreissenden Schinken von Herrn Dylan zu lesen, ist es, zwischen den 66, von ausgelassenen Bewusstseinsströmen durchtanzten, Kapiteln und den jeweiligen Songs hin- und herzupendeln. Das kiloschwere, schelmisch daherkommende und  wunderlich durchtriebene Buch ist ein Schmöker, den ich höchstens für die Länge eines alten Liedes aus den Händen legen möchte. 

Wenn die Leute über Bob Dylans „Wiedergeburtszeit“ sprechen, können sie den Punkt verfehlen. Wenn es eine entscheidende spirituelle Wiedergeburt gab, dann geschah sie nicht in den späten 1970er Jahren, sondern zwei Jahrzehnte früher, als der Junge aus Hibbing mit dem Kopf voller Hank Williams und Little Richard schwor, sich dem Gesang zu widmen. Es wurde zu einer nicht enden wollenden Taufe; er tauchte in diesen Fluss ein und kam nie wieder heraus, sondern schwamm immer tiefer.

In einem Gespräch mit Newsweek zur Zeit von „Time Out Of Mind“ – neben Harold Budds „By The Dawn‘s Early Light“ mein anderes Album für zwei Wochen, in Portsmouth erstanden am Tag des Erscheinens, auf einer Wanderung über den Coastal Path von Cornwall im Jahre der Dame 1997 –  sagte Dylan unmissverständlich: „Die Sache mit mir und dem Religiösen ist die: Ich finde die Religiosität und Philosophie in der Musik. Ich finde sie nirgendwo anders.“ Er wiederholte dies gegenüber der New York Times: „Diese alten Lieder sind mein Lexikon und mein Gebetbuch… Man kann meine ganze Philosophie in diesen alten Liedern finden.

Welche Religion, welche Philosophie ist das? Die Antwort findet sich auf den rund 300 Seiten seiner außergewöhnlichen Neuerscheinung The Philosophy Of Modern Song. Aber lassen wir den Trick der meisten Rezensionen dieses Tollhauses von einem Buch, ausgibig One-Liner und Sentenzen zu zitieren, und schauen uns kurz die hochglänzenden Oberflächen an.

Das physische Buch ist nämlich das wichtigste Artefakt. Die reichhaltigen Illustrationen, die von Coco Shinomiya gestaltet wurden, bauen eine Welt um Dylans Worte herum auf und bewahren gleichzeitig deren Geheimnisse. Keines der Bilder ist beschriftet. Man erkennt Sam Cooke, der Gene Vincent umarmt, oder auch nicht. Man nimmt das Telefonat von Julie London auf, oder auch nicht. Die Figur, die man am häufigsten sieht, ist jedoch Bob Dylan selbst, der wie ein Spiegelbild in einem zerbrochenen Spiegelsaal zwischen den Seiten hindurchgleitet. „Wie bei vielen Männern, die sich neu erfinden, werden die Details an manchen Stellen etwas fragwürdig„, schreibt er über den „ukrainischen Juden namens Nuta Kotlyarenko“.

Ernst, spielerisch, einfühlsam, unverschämt, verstörend, urkomisch und verschlagen, unflätig und engelsgleich, durchdrungen von Blut und lüsternen Gedanken, ist es weniger Musikwissenschaft als ein gnostisches Evangelium mit einer literarischen Stepptanzroutine darin. Es ist eine Kirche, die auf einem Rummelplatz gebaut wurde. 

Es gibt auch das Hörbuch in der Originalsprache. Die nächtliche Großstadtatmosphäre ist eine Weiterentwicklung von Dylans „Theme Time Radio Hour“-Show. Dylan wird von Sprechern wie Jeff Bridges, John Goodman und Steve Buscemi aus „Big Lebowski“ sowie von Größen wie Rita Moreno und Sissy Spacek gesprochen. Ein Theater der Stimmen – aber das Bilderbuch ist unersetzbar. Grosses Kompliment für den C.H. Beck-Verlag und die Übersetzung von Conny Lösch, die Sprachfluss und Genauigkeit bestens kombiniert! 

 

(geschrieben von Damien Love und Michael Engelbrecht, „truffle“-live remix by M.E.)

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2 Comments

  1. Henning Bolte:

    Ich tauche noch regelmäBig in die „Chronicles“.

    Leute wie Bob Dylan, Miles Davis oder Paul Motian sind nicht nur phänomenale Zuhörer, sondern haben auch ein phänomenales Gedächtnis auf bestimmten Gebieten! Bin gespannt auf das Buchwerk (für meine Dezemberpause).

  2. Olaf Westfeld:

    Apropos Time out of mind https://pitchfork.com/news/bob-dylan-announces-new-time-out-of-mind-bootleg-series-box-set/


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