Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 14 Nov

Das Wort zum Montag

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | 7 Comments

 

Im Sommer des vorigen Jahres vor der Bundestagswahl erschienen mir plötzlich auch konservative Parteien wählbar zu sein, wähnte ich mich doch in einem Zustand gewonnener Reife. Ein gewisser Markus Söder, seines Zeichens Landesfürst der Bayern, erschien in medialer Flatrate als möglicher Bundeskanzler und umarmte sogar öffentlich Bäume. Dies umgarnte wohl auch einen grünen Stammwähler wie mich, neuerdings mit dem Vorsatz, parteiübergreifend sich allein an Sachargumenten zu orientieren. Nun bin ich diesem Herren aber auf die Schliche gekommen und ich werde den Eindruck nicht los, es ginge ihm hauptsächlich um das Einfangen von Wählerstimmen, nicht aber um die Lösung komplexer Sachverhalte im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Ökologie. Generell wird man ja im Laufe des Lebens konservativer, das liegt in der Natur der Sache und ist wohl auch der veränderten Konstitution eines Körpers zuzuschreiben, der auf Wildheiten zunehmend sensitiv reagiert und reflektiver Besonnenheit generell den Vorzug gibt. So weiche ich nicht ab vom Pfad permanenter Weiterbildung und rechne es mir hoch an, Gespräche zwischen Sachkundigen auch mal in einer Dauer von vier Stunden zu verfolgen und sich an einer Aufmerksamkeit zu erfreuen, die tadellos funktioniert, wenn sie denn ins richtige Fahrwasser gerät. Es geht nicht nur um die Inhalte, sondern auch um die Arten von Gesprächskulturen, die abseits etablierter Medien gedeihen. Keine leeren Worthülsen, kein stressiges Dazwischenquatschen, kein abgehalfterter Stammtisch, kein Obrigkeits-höriges Querdenken mit pathologischem Generalverdacht, keine Selbstinszenierung als Opfer: „Was weiss der kleine Mann denn schon, was die da oben im Geheimen treiben?“ Stattdessen mit „denen da Oben“ auf Augenhöhe sein. Hier empfehle ich nochmals Ulrike Herrmanns Buch Das Ende des Kapitalismus, dessen Titel die Autorin als faktische Zustandsbeschreibung verstanden wissen will und nicht als moralischen Imperativ. Sie schreibt ganz wunderbar und ist auch eine gute Geschichtenerzählerin. Und sie räumt auf mit dem Irrglauben, der Kapitalismus habe noch eine Zukunft. Die Zeit ist um, o’zapft is! Markus, sagst es dem verbalen Bruchpiloten Friedrich auch, gell!

 

This entry was posted on Montag, 14. November 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

7 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ein gelungenes Wort zum Montag :) – und keiner war beim Lesen bekifft, wegen Reggae vorne und Jazz dahinter usw. 😉

  2. Ursula Mayr:

    Und die Autorin hängt der Fiktion von einem friedlichen Ende des Kapitalismus nach?

    Schöne Gedankenmodelle – wenn nur die Menschen mitmachen würden. War schon beim Sozialismus so …

  3. Michael Engelbrecht:

    Das Ende des Wachstums ist sicher erreicht. Verzicht unausweichlich. Nur – wer ist wohl zum Verzicht bereit? Ein friedliches Ende des Kapitalismus kann ich mir auch nicht vorstellen ohne eine Portion Utopie.

    Der gute Jürgens Habermas sprach schon in den Siebzigern von einem Merkmal des Post(!!!)-Kapitalismus: permanentes Krisenmanagement! Aber was, wenn das mit dem Wachstum wegfällt? „Zur Vernunft gezwungen“, das wird dann noch etwas utopischer.

  4. Jochen:

    @ Uschi

    Weniger ist manchmal mehr, postulierte einst ein gewisser Wolfgang Schmidbauer. Übersetzt ins zeitgemäss Herrmannsche könnte man sagen: besser Weniger als Nichts.
     
    Zum Inhalt des Buches:

    Demokratie und Wohlstand, ein längeres Leben, mehr Gleichberechtigung und Bildung: Der Kapitalismus hat viel Positives bewirkt. Zugleich ruiniert er jedoch Klima und Umwelt, sodass die Menschheit nun existenziell gefährdet ist. »Grünes Wachstum« soll die Rettung sein, aber Wirtschaftsexpertin und Bestseller-Autorin Ulrike Herrmann hält dagegen: Verständlich und messerscharf erklärt sie in ihrem neuen Buch, warum wir stattdessen »grünes Schrumpfen« brauchen.

    Die Klimakrise verschärft sich täglich, aber konkret ändert sich fast nichts. Die Treibhausgase nehmen ungebremst und dramatisch zu. Dieses Scheitern ist kein Zufall, denn die Klimakrise zielt ins Herz des Kapitalismus. Wohlstand und Wachstum sind nur möglich, wenn man Technik einsetzt und Energie nutzt. Leider wird die Ökoenergie aus Sonne und Wind aber niemals reichen, um weltweites Wachstum zu befeuern. Die Industrieländer müssen sich also vom Kapitalismus verabschieden und eine Kreislaufwirtschaft anstreben, in der nur noch verbraucht wird, was sich recyceln lässt.

    Aber wie soll man sich dieses grüne Schrumpfen vorstellen? Das beste Modell ist ausgerechnet die britische Kriegswirtschaft ab 1940.

  5. Ursula Mayr:

    Und gleichzeitig werden stündlich neue Schwachsinn produzierende Start-ups aus dem Boden gestampft und von Investoren und Konsumenten freudig begrüsst.

  6. Lajla Nizinski:

    So lange diese Ampelkoalition regiert, die noch schnelleren Wachstum fördert, wird sich der Kapitalismus nicht vertreiben lassen. Nun hat der Soziologe Hartmut Rosa einen wunderbaren Vorschlag geliefert.

    In seinem schmalen Buch „Demokratie braucht Religion“ spricht er davon, dass wir a u f h ö r e n sollten. Damit meint er, den Anderen zuhören, reagieren, wenn wir von ihnen a n g e r u f en werden. So entstünde, ganz im Sinne von Hannah Arendt, etwas Neues.

  7. Jochen:

    Lajla, danke für den Tipp – das Rosa-Buch werde ich beizeiten lesen.


Manafonistas | Impressum | Kontakt | Datenschutz