Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

I

 

… in dieser Form noch nicht gesehen und in der ganzen Urgewalt, deren die Psyche fähig ist auf die Leinwand gebannt. Eine überbordende Fülle von impacts. Fasziniert war ich vor allem von dem fugengenauen Nebeneinanderlaufenvon äusserer Realität – die ist schlimm genug – und deren innerer Repräsentation im Seelenleben eines 11-jährigen Mädchens in einer Situation von hoher Bedrohung, zwischen Sekundär – und Primärprozess (Sekundärprozess ist der Denkbereich von Logik und Frontalkortex, Primärprozess ist die Bildwelt von Traum, Surrealismus und Psychose, a – logisch, metaphorisch, grenzüberschreitend).

Die kleine vaterlose Ofelia lebt zur Zeit des Bürgerkriegs im falangistischen Spanien unter Franco, ihre Mutter geht eine neue Verbindung zu einem Hauptmann ein, der in den Wäldern mit grausamen Mitteln gegen die Partisanen kämpft und das Mädchen von Anfang an ablehnt. Die Mutter ist schwanger.

Auf der Reise in das neue Zuhause gerät O. bereits durch ein geheimnisvolles Tor in eine faszinierend- bizarre Anderswelt ( eine Fee fungiert als Führer – in der klassischen Heldenwelt beginnt jede Reise mit der Ankunft eines Boten, der den/ die Held/in animiert sein sicheres Zuhause zu verlassen und die Reise anzutreten, wie Hagrid bei Harry Potter und Gandalf bei Frodo ) in der sie nach labyrinthischen Wegen ein unheimliches und schwer berechenbares Geschöpf erwartet: Pan.

 

 

Er macht ihr klar dass sie eine Prinzessin eines grossen Zauberreiches wäre, unter die Menschen gefallen und hoffnungslos vermenschlicht. Sie müsse 3 Prüfungen bestehen um zu beweisen dass sie würdig sei wieder in ihre unsterbliche Existenz zurückzukehren und den Thron neben ihrem Vater wieder zu besteigen.

Die reale Situation O.s, nebenherlaufend , ist desolat – eine Welt voller Krieg und Gewalt mit einem aggressiven Stiefvater; der Gesundheitszustand der Mutter verschlechtert sich mit Fortschreiten der Schwangerschaft.

Die erste Prüfung O.s ist eine Szenerie von Vergiften, Verschlingen, Ausstossen, eine Szenerie oraler Aggression: Eine riesige Kröte vergiftet die Wurzeln eines Baumes, der abzusterben droht . O. hat den Auftrag den Baum zu retten, sie muss die Kröte dazu bringen einen verschluckten Schlüssel auszuspucken der ihr das Tor zur zweiten Prüfung öffnen wird und sie zu töten, eine Szenerie für Zuschauer mit starkem Magen. Das Ausstossen von Giftigem und Tödlichen als Doppelmotiv ( die Kröte vergiftet, aber ist auch selbst vergiftet ) versinnbildlicht vielleichtdie Aggression O.s auf das in der Mutter heranwachsende Leben, das ihr diese zu rauben droht. Kinder machen keine grossen Unterschiede zwischen Oralem, Analem, Gastrointestinalem, Intrauterinem…alles eine Rein – Raus – Angelegenheit und dass der Storch das kleine Geschwister wieder mitnehmen soll ein ubiquitärer Wunsch.

In der zweiten Prüfung sieht sie sich in einer geheimen Höhle mit einem – zunächst noch schlafenden – „augenlosen Wesen“ konfrontiert, nackt und glatthäutig wie ein Embryo im Uterus, ins Hässliche verzerrt und von unendlicher Gier, das an einem reichlich gedeckten Tisch sitzt. Wandgemälde ringsherum deuten an dass es sich auch kannibalistisch gerne Lebewesen einverleibt.

Es beisst auch den Feen, die O. begleiten den Kopf ab. Obwohl O. von Pan gewarnt wurde nichts von der Tafel zu essen verzehrt sie zwei Trauben, die man als Symbol der mütterlichen Brust lesen könnte. Das Wesen erwacht, kann durch zwei in den Handinnenflächen placierte Augen nun sehen und beginnt Ofelia zu verfolgen, gewissermassen “ gehen ihm die Augen auf “ dass es hier noch einen Mitesser gibt. Es illustriert damit projektiv Ofelias Situation und ihren Hass auf das heranwachsende Wesen – Träume machen keine genauen Unterscheidungen zwischen Subjekt und Objekt , es existieren keine stabilen Persönlichkeitsgrenzen sondern die Beteiligten finden sich ständig ineinander wieder in ihren Wünschen, Begierden und Eigenschaften. Das kann verwirrend sein, muss es aber nicht, es genügt zu wissen dass man ausschliesslich von sich selbst träumt, facettenreich und dynamisch wie beim Blick in ein Kaleidoskop. Alles Fremde und Beängstigende zwingt zur gnadenlosen Selbstbegegnung wenn man den Spuren des eigenen Labyrinths zu folgen wagt.

Somit zeigt das augenlose Monster auch O.s Hilflosigkeit: Wie kann man kämpfen wenn man blind ist? Wie kann man sich verteidigen wenn man die Augen in der Handfläche schützen muss? Wie kann man kämpfen wenn einem die Augen über den grausamen Stiefvater geöffnet wurden , er aber O.s beide Augäpfel – Mutter und Bruder – fest in den Händen hat? Eine vielgestaltige Metapher.

O. entkommt nur knapp, sie zeichnet mit Kreide eine Tür, durch die sie hinausschlüpfen kann – aus unseren Alpträumen können wir nur selbst den Ausgang finden und im Unbewussten gelten die Gesetze der Magie, nicht der Mechanik.

Der Zustand der Mutter verschlechtert sich weiter. Pan rät Ofelia eine Alraunenwurzel unter das Bett der Mutter zu legen und diese mit Milch und ihrem Blut zu ernähren. Die Alraune besitzt etwa die Proportionen eines verschrumpelten Neugeborenen, auch bewegt es sich so und schreit misstönend – ein apotropäisches Symbol. Dieser Zauber soll der Mutter helfen. Ofelia nimmt sich also in einer Art Notreifung – wir kennen das bei Kindern aus broken homes – mütterlich dieses externalisierten Geschöpfes an um sich die Mutter zu erhalten, sie spendet ihm sogar Milch, die sie heimlich besorgen muss. Der Hauptmann und ihre Mutter entdecken aber das Geschöpf unter dem Bett, unterstellen O. damit böse Absichten, die Mutter wirft die Alraune ins Feuer, zerstört damit den magischen Schutzraum den O. um ihre kleine Familie geschaffen hat. Gleichzeitig setzen bei der Mutter die Wehen ein und sie stirbt bei der Geburt eines Sohnes.

Der dramatische Kampf zwischen Gut und Böse in O. ist entschieden, O. raubt das Brüderchen, zu dem nun eine Bindung aufgebaut ist – es gibt jetzt auch nichts mehr um das man rivalisieren könnte; die Mutter ist tot – vor dem Zugriff des Hauptmanns und bringt es zu Pan, der angelegentlich mit einem spitzen Dolch hantiert. Er stellt ihr die 3. Prüfung: Um sie in ihr angestammtes Zauberreich zurückzubringen benötigt er noch 3 Tropfen Blut eines unschuldigen Opfers, nichts sei unschuldiger als ein Baby. O. aber weigert sich ihm das Kind auszuhändigen, die quälende Geschwisterambivalenz ist fürs erste gekippt in eine Haltung von Schutz und Solidarität, in ihrer Integrität ähnelt sie nun Hamlets Ophelia. Ambivalenz und diese zu empfinden und zu halten ist eine Fähigkeit und kein Defizit, sich trotzdem für das Schützende und Lebensfreundliche zu entscheiden ist ebenso eine. O. hat in kurzer Zeit einen langen und schweren Entwicklungsweg zurückgelegt.

In diesem Moment kommt es zum Kollabieren der beiden Welten, sie existieren ineinander verwoben, der Hauptmann , der O. verfolgt hat holt sie ein, erschiesst sie und bemächtigt sich des Kindes, Pan ist für ihn unsichtbar. O.s Blut tropft in das steinerne Labyrinth, das Opfer ist vollbracht , O. darf mit Pan in ihr ursprüngliches Reich zurückkehren und den Platz zwischen ihren Eltern einnehmen. Die Partisanen erschiessen den Hauptmann und nehmen sich des Kindes an.

 

 

Die Figur des Pan verdient auch noch besondere Würdigung als Herrscher über das Reich der Triebe, von Lust, Sexualität und Fortpflanzung, eine Figur, die ein Mädchen am Beginn der Pubertät aus ihrem mädchenhaften Dornröschenschlaf in die Welt des Frauseins führen könnte. Pan ist der Bocksgott, ein Mensch – Tier – Hybrid, sein Reich ist nicht lieblich sondern hitzig, schwül und lüstern. Hier bricht der Film auch mit der hellenistischen Tradition indem er Pan nicht als Herrscher sondern als Bediensteten eines Menschenkönigs darstellt.

Aufgrund der starken Notbindung an die Mutter und die Unwirtlichkeit der Welt, die sie nun betreten soll wird Ofelia daran gehindert die dazu nötige Autonomie zu entwickeln und den Mut zu haben dieses schwüle Reich zu betreten denn ihre Hilfe wird noch in der Kinderstube gebraucht, im kindlichen Überlebens – und Konkurrenzkampf ist noch kein Platz für Rosenlaubenromantik. Auch im Märchenreich, das sie schliesslich betreten darf ist kein Prinz in Sicht, nur narzisstische Belohnung auf übermannshohen Thronen und ein Verbleiben in der Rolle des Töchterchens bei den Eltern. Wünschen wir dass es weitergeht und nicht endet wie in dem Märchen das Ofelia zu Anfang des Filmes ihrem Brüderchen – dessen Geschlecht als elterliche Wunschphantasie offenbar ab Zeugung schon feststeht – im Mutterbauch erzählt. Es handelt von einer Rose die dem Menschen der sie berührt Unsterblichkeit verleiht. Aber ihre Stacheln sind tödlich giftig so dass kein Mensch es wagt sich ihr anzunähern, sie muss verwelken denn die Angst vor Gift sei bei Menschen stärker als der Wunsch zu berühren. Und manchmal ist aber auch der Wunsch nach Schutz grösser als der Wunsch selbst berührt zu werden. Eine Botschaft über Angst, Sehnsucht und schweren Prüfungen und Gefahren die die Prinzen hier bestehen und überwinden müssen. Eine Kindheit voller Gefahren erzeugt Stacheln die so mancher später nicht wieder einziehen kann.

Der Film spaltet offenbar: In einer Filmgruppe mit vorwiegend Geisteswissenschaftlern wurde er als „Kitsch und Trash“ abqualifiziert, die Verflochtenheit der Handlungsstränge eher als unmotiviertes Nebeneinanderherlaufen zweier Ebenen gesehen und ich fühlte mich wie Ofelia am Anfang des Filmes in einer verständnislosen Umwelt und klammerte mich an mein Manuskript wie diese in der Kutsche an ihr Buch. Würde man Märchen und Mythen als Kitsch abqualifizieren?

In einem Seminar mit künftigen Kinderanalytikerinnen über Geschwisterbeziehungen gabs Zoff wegen der Gewalttätigkeiten im Film, dabei war ich lieb und habe die Folterszenen ohnehin herausgeschnitten. Diese archaischen Bilderwelten sind offenbar nicht für jedermann verträglich.

 

This entry was posted on Donnerstag, 13. Oktober 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

9 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Impacts, die seit damals bestehen, tief bewegend.

    Ein spannender Text, der Türen rückwärts öffnet.

    Das Erinnern wird noch spannender, weil eine andere, ungewohnte, psychoanalytische Perspektive genutzt wird. Mit den Erinnerungen erweitern sich so auch Deutungsräume.

  2. Ursula Mayr:

    und offenbar auch Angst macht.

  3. Anonymous:

    Schöner Text! Hab mir schon viele Gedanken um diese “ Traumbilder“ gemacht. Der Schluss ist nicht kitschig, sondern einfach märchenhaft. Das ist eine andere Kategorie.

  4. Ursula Mayr:

    Seh ich auch so. Und in der Seele ists halt nicht schön abgestaubt.

  5. Roland K.:

    Wie wärs mit „Shape of water“?

  6. Ursula Mayr:

    Igitt! Ein Liebesfilm bei dem der Liebhaber aussieht wie eine Kaulquappe, über seine Flossen stolpert und vor lauter Angst ständig ins Wasser flüchtet. Das ist mir zu weit entfernt von Rhett Butler. Ein bissl Erotik muss schon rein…

  7. Michael E.:

    Empathie, Uschi, Empathie!

    Shape of Water, grosses Kino – aber wenn’s dich nicht packt 😂 …

  8. Ursula Mayr:

    Ich muss den ganzen Tag empathisch sein, dann bitte nicht auch noch im Kino! 😵‍💫

  9. Ursula Mayr:

    Grosses Kino, zweifellos und die Schauspielerin mag ich sehr. Aber wie Du weisst bin ich sehr abhängig davon dass die Chemie zwischen mir und den Darstellern stimmt…ist vielleichtn Fehler…


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