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2022 1 Mai

Steve Reich: Conversations

von: Jan Reetze Filed under: Blog | TB | Tags: , 8 Comments

 
 
19 Gesprächsprotokolle und ein Vorwort vom Meister selbst, das ist Conversations. Steve Reich, laut New-York-Times-Zitat auf dem Cover „our greatest living composer“, ist im Gespräch mit 19 Persönlichkeiten, die im Laufe der Jahre seinen Weg gekreuzt haben: Brian Eno ist darunter, Richard Serra, Nico Muhly, der Dirigent Michael Tilson Thomas, Stephen Sondheim, David Harrington (Kronos Quartet) und weitere. Das Buch, 340 Seiten dick, arbeitet sich mehr oder weniger chronologisch durch das kompositorische Werk Reichs, angefangen bei den Frühwerken „Come Out“ und „It’s Gonna Rain“, über „Drumming“, „Music For 18 Musicians“, das Vokalstück „Tehillim“ (das Reich offenkundig besonders wichtig ist), über die Orchesterwerke („Variations For Winds, Strings And Keyboards“, „The Desert Music“), Reichs erstes Herantasten an die Sampling-Technologie („Different Trains“, „City Life“, „WTC 9/11“) — und vieles mehr, bis zu „Reich/Richter“ mit dem Ensemble Intercontemporain, Reichs erster Filmmusik, für eine Dokumentation über Gerhard Richter, den er vor einiger Zeit kennen- und schätzengelernt hat. Das Erscheinen von Buch und neuer Platte ist natürlich bestens koordiniert, „Reich/Richter“ erscheint Anfang Juni.

Man könnte befürchten, dass es in den Gesprächen viel Lobhudelei von Gesprächspartner zu Gesprächspartner gibt. Das kommt vor, hält sich aber meist in einem sehr erträglichen Rahmen. Wir erfahren, wie Reich von der Deutschen Grammophon zu ECM und von dort zu Nonesuch gekommen ist, was ihn zu Musikwerken inspiriert hat, dass auch er seine Flops erlebt hat, woher seine Liebe zur Symmetrie kommt, weshalb er, der elektronische Instrumente in seiner Musik lange Zeit abgelehnt hat, sich dann doch mit dem Sampler angefreundet hat, welchen Anteil sein jüdischer Glaube an seinen Kompositionen hat (sein Basecap, das inzwischen eine Art Markenzeichen geworden ist, ist eigentlich im Sinne einer Kippa gemeint), und was Musiker daran reizt, seine Werke zu spielen. Einige der Gespräche sind sehr spannend, etwa jenes mit David Harrington, denn „Different Trains“ war das erste Stück, bei dem das Kronos Quartet live zu Tonbandaufzeichnungen seiner selbst spielen musste, und das war kniffliger als man vermuten könnte. Einige wenige Gespräche, etwa jenes mit Brian Eno, bleiben merkwürdig flach. Letzteres dürfte daher rühren, dass Eno weitgehend über sich selbst redet, während Reich das offenkundig nur peripher interessiert. Man stellt fest, dass die beiden trotz gegenteiliger Behauptung nicht viel miteinander verbindet.

Conversations ist eine wunderbare Gelegenheit, die Steve-Reich-Platten mal wieder auszugraben. Selbst, wenn man seinen Weg über die Jahre mitverfolgt hat, ist man verblüfft, wie viele Werke von Reich mittlerweile existieren, und vor allem, dass sie sich stärker voneinander unterscheiden als man zu erinnern glaubt. Ich bleibe gespannt.

 

 

This entry was posted on Sonntag, 1. Mai 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

8 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Ich bin nicht die New York Times, aber ich halte Steve Reich auf keinen Fall für den wichtigsten lebenden Komponisten, diese Auszechnung gebührt Beethoven, der auch mit seinen 252 Lenzen immer noch gut drauf ist, auch wenn ich länger nichts Neues von ihm gehört habe.

    Meine Lieblingsplatten von Steve Reich sind und bleiben evtl. genau diese: Drumming, Music For 18 Musicians, It‘s Gonna Rain / Come Ouf, und die ECM-Platte mit „Octet“. Ich erinnere mich, wie ich, bar jedes musikhistorischen Wissens, als Teenager mit 12 oder 13 in einem WDR-Programm für Klassische Musik (den ich versehentlich eingeschaltet hatte) DRUMMING hörte, auf der Couch niedersank, und in eine tiefe Trance fiel. Kein Witz, dieses Stück erwischte mich kalt und haute mich um. So ähnlich wie IN A GADA DA VIDA, aber etwas anders😅

    Ob SR wohl je DRUMMING komponiert hätte, ohne sein Eintauchen in die Gamelanmusik, die ja weitaus älter ist, und wesentlich mit Repetitionen arbeitet… Vielleicht ist die Frage müssig, ich habe sie mir damals mal gestellt, als ich SR für eine Studiozeit des DLF interviewte (im Rahmen der Jazzredaktion).

    Da kam dann am nächsten Tag der Auftritt eines Oberhirten der Klassischen Musik, der sich empörte, dass SR in einer Sendereihe des Jazz vorgestellt wurde. Es gibt unfassbare XXX, die sich als Gralshüter der Klassik begreifen, natürlich auch in anderen „Musiksparten“.

    Ich hatte dann mit dem Hirten ein Gespräch, und durchaus Vergnügen daran, ihm einfühlsam (ind innerlich von oben herab, diesem XXX) mitzuteilen, dass es doch gut sei, die Durchgänge zwischen den Klangwelten durchlässig zu gestalten, und so hätte SR in dieser Jazzsendung doch auch kundgetan, wie sehr er die „elastische Prözision“ einer ganz bestimmten rhythm section der Jazzhistorie lieben würde.

    (Ich erinnere mich nicht genau, ob er da die „rhythm section“ des Modern Jazz Quartet meinte. Leider habe ich diese alte Sendung nicht mehr. Sicher spricht er darüber auch in den „Conversations“.)

  2. Lajla:

    Großartig, danke Jan. Gerhard Richter mit Steve Reich zusammenzubringen, freut mich genauso wie die Hochzeit von James Ensor mit Bob Dylan. Ich würde sehr gerne das Gespräch mit De Keersmaeker lesen, wie komme ich da dran?

  3. Michael Engelbrecht:

    @ Lajla: bei Amazon / Kindle kostet das Buch soviel wie ein Mojito auf Lanzarote: 8,60 Euro.

    Ich habe es gleich gedownloadet.

    Ist unterwegs, per email in drei Teilen (zehn Seiten)
    Die Komponistin kenne ich überhaupt nicht.

  4. Michael Engelbrecht:

    @ Jan. Nein, das ist jetzt nicht typisch für mich (was jetzt kommt). Denn ich habe selbst mal ein sehr langes Interview mit Brian gemacht, das unterm Strich tatsächlich langweilig und etwas flach war, weil er da endlos über Generative Musik sprach. Ohne mich zu fesseln.

    Dieses Gespräch zwischen Eno und Reich erlebe ich als herzlich und sehr lebendig. Klar redet Brian viel, aber, obwohl ich die Story kenne, ist sie hier von ihm noch ausführlicher und spannend erzählt. Nämlich Enos Leben und Hören mit „It‘s Gonna Rain“. Und die Sache mit dem „brain of the frog“. Und SR hört gut zu, nach meinem Empfinden…

    Und dann allerfeinster Small Talk, und Reich outet sich als Fan von The Edge, bezogen auf den Anfang, die lange Eröffnung von „Where the streets have no name“…. Man erinnert sich an die erste Begegnung der Zwei… inspiring second chapter …

    Meine gesammelten Hörgeschichten mit SR liegen nun schon lange zurück. Und er gehört derzeit nicht mehr zu jenen Künstlern, die ich höre. Vielleicht wird mich das eine und andere Gespräch wieder neugierig machen.

    Du hast ihn, glaube ich, über die Jahrzehnte, viel aufmerksamer verfolgt, Jan. Ich überlege, was das letzte Tranceerlebnis mit Musik eines der sog. minimalisten war… Jahre her, und sehr beeindruckend, die AFRIKANISCHE Version von Terry Riley‘s IN C.

  5. Lajla:

    Danke Michael. De Keersmaeker ist deine belgische Nachbarin. Sie ist Balletttänzerin und Choreografin.

  6. Michael Engelbrecht:

    „I prefer not to listen to Mahler…“

    Ja, was er da der Belgierin erzählt, das macht mir eine Sache sehe deutlich: egal, ob man Komponist ist oder Hörer (mit drittem und viertem Ohr😉):

    Dass wir alle filtern, die Klänge, die uns nah sind, die wir suchen / brauchen (die uns erfüllen, transportieren) …

    … wie bei Filmen, bleiben auch bei den Platten, viele in ihrer Zeit hängen, und das museale Hören ist für mich vorbei. Die Musik, alt oder neu, muss JETZT zünden, nicht eine Erinnerung befeuern. …

    Und diese 15 Alben, die derzeit meine Favoriten sind, 2022, siehe Blogeintrag, die packen mich wirklich. Ich war gestern so up, up and away beim Hören von Jon Balkes HAFLA. Gestern machte es klick, und ich könnte HAFLA so exzessiv hören, wie einst mit 16, Bo Hanssons Lord Of The Rings … ein Ohrwurm nach dem anderen …

  7. Jan Reetze:

    Wenn ich es richtig erinnere, war „Drumming“ mein Erstkontakt, live in der Hamburger Staatsoper. Unvergesslich. Einen Tag später wollte ich die legendäre DGG-LP-Box erstehen, aber es war unmöglich, sie war überall vergriffen. Nicht weniger unvergesslich war Reichs Auftritt (auch hier mit eigenem Ensemble) in der Fabrik. Dort ging plötzlich das Licht aus und vom Band kam in erheblicher Lautstärke „Come Out“. So etwas bleibt im Gedächtnis. Und ich weiß gar nicht mehr, wie vielen Leuten ich erklären musste, dass dieser tiefe Puls in der „Music For 18 Musicians“ kein Synthesizer, sondern eine Bassklarinette ist. Hüsch sagte mal, das Stück sei für ihn wie ein Kirchgang.

    Mit meiner Eno/Reich-Bemerkung meinte ich weniger, dass die sich nicht verstanden hätten. Der Dialog zwischen den beiden gab mir lediglich das Gefühl: Reich macht seines, und Eno macht auch seines. Und das ist auch völlig in Ordnung so, nur wird ja oft eine Verbindung hergestellt zwischen dem Minimalismus Enos und dem Reichs, und gerade auch nach diesem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass diese Verbindung nur sehr entfernt existiert.

    Ob Reich der größte lebende Komponist ist … weiß ich nicht, würde ich so jedenfalls nicht unterschreiben. Ich könnte allerdings auch nicht sagen, wer’s denn wäre. Zu Reichs Verdiensten gehört aber ganz sicher, dass er (mit einigen anderen) dazu beigetragen hat, die sogenannte Neue Musik aus ihrer seriellen und zwölftönigen Strenge zu befreien. Es ist gut, dass dieser Weg gegangen wurde, aber es ist Historie. Es war ein Weg, der keine Breitenwirkung hatte und deshalb ins Nichts führte.

    Rileys „In C“ übrigens fand und finde ich öde. „A Rainbow In Curved Air“ höre ich dagegen heute noch mit Freuden, und Werke wie „Sunrise Of The Planetary Dream Collector“ oder „Sun Rings“ fesseln mich weitaus mehr.

  8. Michael Engelbrecht:

    Eno übetrug die as ynch ron laufenden Schleifen von COME OUT und dem RAINPiece auf das Kompositionsprinzip von Music for Airports. Das war es.

    Mit Bowie erlebte er MUSIC FOR 18 MUSICIANS und sagte hinterher: – so ein tolles Musikstück, aber warum wird es ausgerechnet mit solchen Instrumenten spielen? (sinngemäss)

    IN C liebe ich nur in der afrikanischen Version, das Original kenne ich nicht wirklich.

    A rainbow in curved air wollte ich immer mehr mögen als ich es letztlich tat.

    TEHILIM nervt, warum auch immer, das Stück mit Pat Metheny auf der Platte Different Trains genauso – da weiss ich warum.

    Jedem seine eigenen Pforten der Wahrnehmung. Aber ohne Huxleys Meskalin . Eh schwer zu kriegen😉

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