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2022 28 Apr

Klaus Schulze 2

von: Uli Koch Filed under: Blog | TB | 13 Comments

Der Sommeregen prasselte auf das Dach der Terrasse, ich saß im Trockenen auf einer alten Matratze während einzelne Tropfen auf meine Füße fielen. Der erste Donner ertönte und das Gewitter begann zeitgleich mit den kristallinen Klängen von Crystal Lake aus dem offenen Fenster hinter mir. Wie oft habe ich diesen erfüllenden Frieden eines Sommergewitters mit Klaus Schulzes Musik geboostert und habe diese einzigartige Atmosphärenmischung zwischen Naturgewalten und subtilster Elektronik so sehr geliebt.

Szenenwechsel. Ein dunkler Keller umgibt mich während das kühlste aller synthetischen Halluzinogene seine Wirkung zu entfalten beginnt. Noch befindet sich nur ein kleiner Laserpunkt auf der Leinwand an der Kopfseite des Raumes, der sich langsam anfängt zu bewegen. Mein Schulfreund K. hatte einen Spiegel auf den Tieftöner der riesigen Box an der Seite des Raumes geklebt und den Laser damit abgelenkt. Wieder Crystal Lake und die Membran beginnt zu schwingen, der Laserpunkt auch und eine nahezu überirdisch präzise Harmonie wird in dem auf der Leinwand entstehenden Lichtgebilde in klarer Eleganz spielend und sich in langsam wandelnden Mustern erhebend sichtbar. Mein Sein fällt in dem allgemeinen Sein zusammen und wandelt sich in einen der zeitlosesten Augenblicke …

Jahre später: eine evangelische Kirche im nördlichen Frankfurt, ein parasakrales Großereignis: Klaus Schulze spielt mit seinem Schulfreund Manuel Göttsching eine abendlange Trance. Synthesizerwände türmen sich auf, die Musiker fast verloren dazwischen. Hypnotisch zirkulierende Rhythmen, die in eine sequenzielle Parallelwelt führen und zwei Musiker, die Schamanengleich jegliche Erdenschwere für Stunden aufheben und dabei eine Verdichtung ihrer weiten Klangräume erschaffen, die den Rest der Welt für die Dauer des Konzerts zu einem irrelevanten Ereignis degradierten.

Cyborgs Irrlichtern Body Love, Blackdance in the Timewind of Moondawn, Mirages Tranceferieren zu Dune, mysteriöses X. mit dem erhabenen, cineastischen Ludwig II. von Bayern, Dig It in ein fernes Kontinuum zur Dark Side of the Moog. La vie electronique bis zum letzten Atemzug, jetzt übernimmt Osiris, der Unsterbliche. R.I.P.

 

 

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13 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Wie für die Reihe geschrieben: „Konzerte und Langspielplattenhörerlebnisse, die wir nie vergessen“ …

    Im nachhinein bedaure ich es nun noch mehr, dass ich an jenem Abend in den Siebzigern nicht rüberfuhr in die Mensa von Gerbrunn bei Würzburg, wo Klaus Schulze zum Konzert einlud …

  2. Uli Koch:

    Da hast Du recht, das sind unvergessliche Erlebnisse, die sich nicht nur in meine Erinnerung eingruben sondern in viel weiterem Sinne prägend waren. Manchmal habe ich es allerdings auch bedauert, dass Klaus Schulze die Intensität seiner frühen Alben nur punktuell in sein weiteres, teilweise überbordend produktives Schaffen mitnehmen konnte. Vielleicht sind deshalb später oft seine Kollaborationen interessanter als seine Soloalben. Bin dennoch gespannt auf Deus Arrakis.

  3. Jan Reetze:

    Schulze-Konzerte waren ein spezielles Erlebnis — so oder so. Im Hamburger Audimax habe ich ihn Ende der 1970er solo gesehen, das war sehr beeindruckend. Ein späteres Konzert am selben Ort mit Manuel Göttsching desgleichen. In der Fabrik habe ich ihn aber auch einmal mit Rainer Bloss gesehen. Beide waren sichtlich betrunken und spielten schlicht Müll, soweit der Fairlight nicht einfach sein Programm ablaufen ließ. Damit musste man zeitweilig rechnen. Glücklicherweise hat Klaus das Problem irgendwann selbst erkannt, aber seine Gesundheit war da schon deutlich angeschlagen.

    Sehr gern hätte ich eines seiner Konzerte mit Lisa Gerrard gesehen, aber das war mir leider nicht vergönnt.

  4. Michael Engelbrecht:

    Sonic Seducer nennt sich der Typ, der auf amazon zu Moondawn folgendes schreibt, und da werden doch Erinnerungen wach:) – ich kenne aber nur sehr wenig von KS -:

    MOONDAWN ist mein persönliches Lieblingsalbum von Klaus Schulze, gefolgt von TIMEWIND, PICTURE MUSIC und den beiden BODY LOVE Veröffentlichungen. Mein Gott was waren das für Zeiten. Licht aus, Anlage an, Kopfhörer bis zum Anschlag aufgedreht und dann in eine andere Welt versinken. FLOATING und MINDPHASER entführten einen in andere Sphären. Mit Ohrwurmcharakter ! Die FLOATING Sequenz ist wahrlich nachhaltig. Nach der „Penne“ wurden die Hausaufaufgaben gemacht und dann ging’s ab zu den Kumpels, Krautrock und Progrock hören, von Platte, vom Revox-und TEAC-Tonband und natürlich am Radio. Winfried Trenkler’s ROCK IN Radiosendung war damals der Maßstab und der „Pusher“ für nicht kommerzielle Musik. Ob PINK FLOYD, ELOY, NEKTAR, NOVALIS, RARE BIRD, BULLFROG, GENESIS, YES, MIKE OLDFIELD, STRAIGHT SHOOTER, JANE, RAMSES…und und und, alles was International und National einen Namen hatte und „NEU“ hervorkam, wurde in seiner Sendung vorgestellt und das manchmal sehr ausgiebig. Die Sendungen wurden natürlich vollständig auf Band mitgeschnitten und später mehrmals „nach“gehört. Musik die süchtig macht, auch heute noch. FLOATING bleibt das Überstück schlechthin. Kaufempfehlung für Einsteiger.

  5. radiohoerer:

    Klaus Schulze hat viele Türen und Ohren geöffnet. Was haben wir über die Plattencover gestaunt, mit diesen seltsamen Wesen! Manch einer hat sich die aufgeklappten Cover an die Wand gepinnt. Gestern habe ich mir das meiste von ihm nochmal angehört. Was mich davon am meisten beeindruckte, war „Mirage“ und seine Klang-Winterlandschaften. Wirklich hervorragend. Dann Timewind, Blackdance, Moondawn! mit dem Schlagzeug und überhaupt seine Offenheit, z. B. für den Einsatz von Stimmen. Live erleben konnte ich ihn nicht. Uns reichte in der DDR etwas Wein und unsere Vorstellungskraft und die war riesig ;)

  6. radiohoerer:

    Und ja, Micha, Floating! Läuft gerade.

  7. Lajla:

    @) Radiohörer

    Wie wurde Klaus Schulze in der fast noch DDR mit seinem Live Auftritt 1990 und Mitschnitt davon auf dem Album The Dresden Performance eigentlich aufgenommen?

  8. radiohoerer:

    @) Lajla. Jetzt hast du mich erwischt ;) Ich weiß es nicht. Ab Mitte der 80er hörte ich weit mehr Jazz als alles andere. Und in dieser Zeit zwischen 1989/90 war alles wichtiger, als Musik. Elektronische Musik wurde für mich erst wieder mit Aphex Twin interessant. Während ich das hier schreibe, höre ich gerade in Dresden rein, ist ja heute kein Problem mehr … 

  9. Olaf (Ost):

    @) Lajla. Ich war dabei. Aber noch ganz in der Trance der frisch entdeckten 70er80er floating-mirage-Xtension-babel-bubble gefangen, sodass die damals schon ganz neuen KS-sounds von Dresden schwere Kost für meine Ohren waren. Da brauchte ich einige Zeit, mich daran zu gewöhnen. Auch das darauffolgende Konzert auf der Kölner Domplatte ging in die Richtung. War nicht so mein Zeug. Erst die 93er 2x 10-CD-Boxen überzeugten mich völlig! Zurück nach Dresden: Mit dem Ruf »Klaus, komm raus!« drängte das Publikum auf den Start seines Konzertes, und wurde unter den Fans ein geflügeltes Wort. Es war übrigens das 3. Konzertereignis mit elektronischer Musik, das der Jugendsender DT64 organisierte. Mit dabei auch Kistenmacher… Für Noch-DDR-Bürger und Fans elektr. Musik war das natürlich ein großartiges Ereignis. Fan-Gruppen organisierten Bus-Touren. Alles pilgerte dorthin, das Rund war voll.
    PS Domplatte: Auch dorthin kam ich mit einem Fangruppen-Bus.Just in dem Moment, als die Spitzen des Domes in der ferne sichtbar wurden, ging im Walkman das DeadCanDance »Summoning Of The Muse« los: Gänsehaut bis zu den Zehenspitzen.

  10. Lajla Nizinski:

    Das ist ja spannend, was du schreibst. Danke, Olaf( Ost) Dann warst du ja ein Klause „Heroe, just for one day.“

  11. Olaf (Ost):

    @) Lajla. Oh, ich verstehe vielleicht eine Anspielung nicht, aber ich würde sagen, ich war durchaus ein KS-Heroe not only for that day, but for all days. Zumindest seit ich ihn kenne. Bin ziemlich bewandert, sein Oevre betreffend. (Auch wenn mir natürlich nicht alles gefällt…)
    Der Kerl hat sooo viel veröffentlicht, dass ich – bei einer Platte pro Sonntagsmatinee – 3 Jahre brauche, um einmal durch zu sein.
    Was mir immer viel Freude bereitet hat, sind seine Anekdoten, die nur so triefen von Berliner Schnauze und witziger Lässigkeit. In den »elektrobeats« von Zimmermann (seit 35 Jahren, heute auf Radio eins) gab es regelmäßig Interviews mit KS, die herrliche Einblicke zB. in die frühe Zeit der e-musik gewährten.
    Momentan übrigens gefällt mir diesbezüglich ganz gut die Serie »Krautrockmuseum« auf WDR3

  12. Olaf (Ost):

    Eines fällt mir noch ein: Die Szene der »elektronischen Musik« war immer sehr klein. Sowohl was die Anzahl der Musiker, als auch die Menge der »Fans« anbelangt. Zumindest so lange, bis ab Mitte der 90er nicht mehr so eng in Schubladen gedacht wurde, und eine immer größere Zahl junger Adepten weltweit sich der elektronischen Instrumentalmusik widmete.
    Jedenfalls fand lange Zeit ein jährliches »Festival« in Holland statt. Dort traf man sich. Und es war so »intim«, dass man mit den Musikern (auch KS) locker ins Gespräch kommen konnte.
    Außer TD (Froese), die waren frühzeitig eitel und eingeschnappt – ob der mangelnden Resonanz in Dt. –, dass sie sich nach Amiland verpieselt hatten. (Werde nie vergessen, wie Froese bei einem TD-Konzert in den 90ern, nach langem mal wieder in Berlin, die Leute beschimpft hat, die da, auch schon älter, in feinem Zwirn in den ersten Reihen säßen, und vermeintlich dächten, er könne nicht LAUT. Und dann so dermaßen hochgedreht hat, dass man vor Schmerzen davonrennen hätte mögen. A…, das. Aber wie gesagt: Dem klebte der Frust fest auf der Brust.)

  13. Lajla Nizinski:

    Ja, Olaf, war ne Anspielung auf David Bowie‘s,“we could be heroes, just for one day,“ Mich hatte ja interessiert, ob doch auch Klaus Schulze bei den Dresdnern was ausgelöst hatte.Danke nochmal für die interessanten Eindrücke und Hinweise.

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