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2022 6 Apr

Lügen und andere Gewissheiten

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | 17 Comments


 
 

„It’s a basic truth of the human condition that everybody lies, the only variable is about what!“

(Hugh Laurie alias Dr House)

 
 

Noch aber suchen die Kriegsparteien den militärischen Vorteil. Und das treibt mich im Alltag um: Was die Deutschen sich wünschen, mag für den Krieg nicht wichtig sein. Für meine Nerven ist es das aber. Und wollen denn meine Mitmenschen wirklich, dass das Schießen jetzt aufhört? Wenn ich höre, wie man redet, wenn ich die Zeitungen sehe, bekomme ich ein anderes Gefühl: Der Krieg soll „gewonnen“ werden. Irgendwie auch von den Deutschen, endlich einmal – koste es fast, was es wolle.

(Marija Hirt, Der Freitag)

 

Die Gefühlslage und intime Innenansicht einer Ukrainerin, seit langem in Deutschland lebend, ihre Heimat betreffend, berührt mich und bestätigt meine Skepsis. Es muss widerlich sein, wenn dich Fremde plötzlich über dein Land aufklären wollen. Man wäre auch weiterhin gut beraten, den „schmalen Grad des Weder-Noch“ (Sloterdijk) nicht zu verlassen und medialen Eindeutigkeiten nicht auf den Leim zu gehen: kein Krieg kann „gewonnen“ werden. Aus diesem Grunde auch sind mir die Amerikaner zutiefst suspekt mit ihrer verlogenen Heilsbringer-Mentalität, dabei haben sie sich nicht erst seit Afghanistan als Looser disqualifiziert, denen aus jedem zweiten Satz die Lüge trieft – bei Putin tut sie’s allerdings aus jedem ersten. Man glaube auch nicht, wenn der böse Onkel erst tot sei, folge hernach gleich ein guter. In den hiesigen Talkshows wird Besonnenheit als Schwäche angeprangert und ZDF-Chefkläffer Markus Lanz läuft zu Hochform auf. Und Andreji Melnyk, der stets in feinstem Edelzwirn gestylte Diplomaten-Frechdachs, sollte seinen Mund nicht so voll nehmen: die Ukraine ist und war weit davon entfernt, eine stabile Demokratie zu sein. Aber schaut man in das erzkatholisch-schwulenfeindliche Polen, nach Ungarn (Putin-Freund Orban), Frankreich (Putin-Freundin le Pen) oder zu den kommenden Wahlen in den Staaten, da denkt man gern mal an Asterix und ein kleines gallisches Dorf zurück, mit Windkraft zwar betrieben, aber umzingelt von lauter Römern. Wenn allerdings der gute Gregor Gysi immer noch Putins Verbrechen notorisch sogleich relativiert, würde ich ihm raten, im richtigen Moment auch einfach mal die Klappe zu halten! Aschfahl sitzt er nun in diesen Tagen am Katzentisch der Geschichte, bestürzt ob seines eingestürzten Weltbildes.

 

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17 Comments

  1. Lajla:

    In der FAZ vom 3.4. las ich einen Bericht über ein Psychologenpaar. Die Gottmans (so heißt das Paar wirklich) empfehlen „reden, reden, reden.“ Sie sagen so richtig: „Erst wenn wir einander wirklich verstehen, können wir eine Lösung finden.“ Das lässt sich auch auf die Kriegssituation übertragen. Ich bin gespannt, was bei dem von Orban initiierten Treffen geschieht.

  2. Chrissie:

    Wobei das Verstehenkönnen manchmal doch gewissen Einschränkungen unterliegt, die sogar katastrophales Ausmass annehmen können. Vom Verstehenwollen rede ich besser gar nicht.

  3. Lajla:

    Warum so negativ, Chrissie? Es gibt immer assoziative Themen, über die wir uns verstehen können. Alle Kriegsparteien erleben Tod, Trauer, Leid. Ehre ist schon zu diskutieren, Machtanspruch ist z. B. historisch, analytisch erklärbar. Der Wunsch nach Freiheit ebenso. Demokratien entstehen langsam und erfordern tägliche Arbeit.

    Wenn der ukrainische Diplomat (Frechdachs) sagt: “Man kann nicht verstehen, wie schlecht es uns gerade geht“, dann muss Deutschland sagen, dass Deutschland zuerst was für Deutschland tut. Und das macht Habeck gerade außerordentlich gut und klar.

  4. Chrissie:

    Natürlich können wir das unter unseresgleichen diskutieren, Lajla, da sehe ich kein Problem. Aber diskutiere mal mit:

    Impfgegnern, rechtslastigen Jugendlichen, pathologischen Narzissten, Menschen aus prekären Verhältnissen und bildungsfeindlichen Milieus und anderweitig Beschränkten, die selbstgerecht an ihrer Meinung festhalten und alles Andersartige angreifen. Oder gleich mit Putin selbst.

    Und Psychologen, die dergleichen Anything-goes-Botschaften verbreiten, pflege ich als erstes zu fragen, wann sie geboren sind und in welchem Stadtteil sie arbeiten.

  5. Lajla:

    Ich finde es besonders schwer, mit „Meinesgleichen“ zu diskutieren. Die Besserwisserei und Betroffenheit nervt. Bei der Impfgegnerrunde, die ich hier initiiert habe, (bin 3x geimpft) gab es gute, lange Gespräche mit Einsichten.

    Chrissie, früher gab es die Stadtteilzentren, wo sich mit Allen gut reden ließ. Und früher gab es Psychoanalytiker, die Arbeiter für zu blöd für eine Analyse hielten. Es sind nicht nur die Psychologen, wie die Gottman, die für „reden, reden“ plädieren. Auch die Philosophen, Kant, Sloterdijk, Habermas, Kluge rufen zum Gespräch.

  6. Chrissie:

    Mit denen diskutier ich gern!

    Psychoanalyse braucht Offenheit, Selbstreflexion, Etwas annehmen-können und Sich-selbst-auch-mal-in-Frage-stellen. Das geht auch mit Lernbehinderten wenn sie über die genannten skills verfügen ganz prima. Aber es gibt im Menschheitspool eine Kohorte die völlig intelligenzunabhängig genau darüber nicht verfügt, die geht dann auch nicht in die Stadtteilzentren zum Diskutieren. Und ich fürchte die ist nicht gerade klein.

    Meine Oma, die mich grossgezogen hat – leider – hätte zum Ukrainekrieg geäussert: Des san eh alles Russen da drübn und die sollnse ruhig die Köpf eischlagn, des konn uns doch wurscht sei. Dann gibts a paar weniger davo. Und beim ersten Gegenargument gabs dann Saures und es wurde einem ein Titel aus dem Bereich der Landwirtschaft verliehen. Und von denen gibts heut noch reichlich, das hör ich in hier in Südbayern schon auch um mich rum. Stammtischkohorte!

    Und Diskussionen in der Praxis über Impfungen, die mit „I mog des Zeigl halt einfach ned und Schluss“ abgewürgt werden hatte ich auch reichlich. Das Wort ist keine allmächtige Waffe und mit Intelligenz gibt’s da doch eine gewisse Korrelation, wie mir impfende – und ob der Dauerschleifendiskussionen verzweifelnde – Ärzte in grosser Zahl berichteten. Unsere Landkreise mit eher ländlichen Strukturen und wenig Städten hatten immer schwindelerregende Inzidenzen. Und das schöne Achental hier heisst nicht umsonst „Tal der Büffel“.

  7. Jochen:

    Der Philosoph Prof. Peter Sloterdijk spricht im Podcast mit Gabor Steingart über Krieg und Frieden in der Ukraine. In dem rund 40 Minütigen Gespräch blicken sie gemeinsam auf die Entwicklungen in Europa und in der Welt. Jene Staaten die dachten, dass die Zeit des Krieges in Europa vorbei sei, seien naiv. Denn “der Mensch ist ein Wesen, dass aus der Negativität kommt und die auch vermehrt und verbreitet”, sagt Sloterdijk im Gespräch.

    Das Sondervermögen der Bundesregierung von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr nennt er eine “Gestikulation” mit der kein Frieden geschaffen werde, sondern lediglich einen Appell an den Finanzminister gerichtet wurde. Sloterdijk wirft der Regierung vor, sich mit diesem Geld freikaufen zu wollen.

    Sie sprechen auch über die Chancen und der neu erlebten Hilfsbereitschaft der Menschen hier in Deutschland. Er berichtet von engagierten Menschen am Berliner Hauptbahnhof und sagt “da ist eine unglaublich motivierte, wunderbar ansprechbar hilfsbereite, einsatzbereite Jugend plötzlich nach vorne getreten, von deren Existenz man kaum etwas geahnt hat und deren Auftauchen so etwas wie ein kleines moralisches Wunder ist.”

     

    Ich habe lediglich den kleinen Ausschnitt des Gesprächs gehört. Sloterdijk sieht die jetzige Krise natürlich in einem weit gefassten geschichtlichen Kontext. Das Verdienst Sloterdijks im Allgemeinen ist aus meiner Sicht zum einen die Integration psychoanalytischer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher, musikalischer, radsportlicher ;) und philosophischer Aspekte und Einsichten zu einer Gesamtbetrachtung. Zum anderen ist es die Fähigkeit zu relativ offener Selbstoffenbarung, die sich auch in persönlichen Schwächen, Lebensabenteuern und Lüsten zeigt.

  8. Chrissie:

    Dann hätte ich mit meinen Beispielen schon mal für die Darstellung von Negativität gesorgt. Gut, dass Du auch die andere Seite erwähnst. Aber in vielen Menschen wohnt noch eine Brutalität, ein chronischer Hass, eine Dunkelheit die kaum zu ertragen ist, die wollen ihre toxische Innenwelt hinausschreien damit ihnen leichter wird und den anderen damit infizieren damit sie nicht so allein damit sind und nicht sich auseinandersetzen.

    Beispiel einer Patientin – Dipl. Betriebswirtin mit Prokura – die jedesmal freudestrahlend hereinkam wenn wieder ein Schiff mit Migranten untergegangen war. Grosse Freude, weil diese Neandertaler dann wenigstens nicht ins Land kämen. Ja, Kinder waren auch dabei – wurscht!

    Die haben einen anderen moralischen Kompass, ein völlig anderes Wertesystem, und mit solchen kann man nicht diskutieren und die wollen das auch gar nicht. Wer es erfreulich findet dass unschuldige Menschen sterben mit dem gibt es keine Basis mehr auf der man sich verständigen kann. Und auch gar nicht will, da sind meine eigenen Grenzen, die gilt es auch zu schützen. Und davon gibts nicht wenige, die haben bloss gelernt, wo sie die Klappe halten müssen, aber wenn sie auf Gleichgesinnte treffen dann geht die Granate los, da findet sich schnell der Zünder.

    So – jetzt hör ich auf war mir nur ein Anliegen, aber wir wollen ja alle ein nettes Wochenende haben was ich hiermit uns allen wünsche – mit vielen gesunden Smoothies! ❤

  9. Jochen:

    Danke gleichfalls – habe mir sogar schon angeschaut, was so ein Mixer kosten würde.

  10. Chrissie:

    Is nicht teuer!

    Dann wünsche ich allseits fröhliches Grasen.

  11. Martina:

    Bei Bedarf schicke ich dir einen Link, Jochen. Habe einen preiswerten und vielfach sehr gut bewerteteten Minimixer gekauft und bin immer noch entspannt und zentriert nach einer Woche täglichen Smoothiegenusses. To me, a lifechanger in mood and attitute.

  12. Jochen:

    Um das nährstoffarme Essen im Krankenhaus auszugleichen, bieten manche Kliniken ja neuerdings auch Powerdrinks (Smoothies etc) an.

    Hier mein anvisioniertes Gerät

    (hat allerdings auch schlechte Kritiken wegen sich lösendem Plastik, hmmm)

  13. Martina:

    Den hatte ich damals auch angesehen und mich wegen der Kritiken dagegen entschieden. Das Produkt, das ich gekauft habe, gibt es nicht mehr.

  14. Peter Helms, Hamburg:

    Ein spannender Blog, der hier in den Kommentaren die ernste Lage, Dialogkultur und Mixer bespricht. Zu den Dialogen sage ich: von Leute wie Orban und Erdogan ist nichts Gutes zu erwarten, und wenn heute noch die Orban-Freundin Le Pen in Frankreich gewählt wird, dann gute Nacht, Europa!

    Und zu den Smoothies sage ich: wir machen es hier in Blankenese noch altmodisch, schälen das Obst, dünsten das Gemüse. Ich kam über meine Partnerin hierhin, die Michael Engelbrecht aus alten NDR-Zeiten und seine Sendereihe „Die Ecm-Story“ kennt.

  15. Martina:

    Immer wieder erstaunlich, wer unseren feinen Blog liest, und erfreulich, einen comment zu bekommen wie den von Peter Helms.

    Jochen, ich habe nochmal recherchiert. Zu meinem Minimixer gibt es ein Nachfolgemodell, es ist die Marke Imurz, ich bin sehr zufrieden mit meinem Modell (es ist optisch zeitloser, gebürstetes Metall), hier ist der Nachfolger, mir wäre das Grün ein bisschen zu schrill …

  16. Jochen:

    Vielen Dank, Martina. Dieser Severin gefällt mir ebenso, da habe ich Stabmixer und Toaster von, seit Jahren unverwüstlich.

    Ja, ein schöner Kommentar aus Blankenese – hoffen wir auf einen guten Wahlausgang (und die giftbraune le Pen kommt in den Mixer)

  17. Martina:

    Der Severin wirkt überzeugend. Ist auch optisch schöner als das neue Modell von Imurz. Mein Toaster ist auch von Severin, gebürstetes Metall. Absolut unproblematisch, seit Jahren. Severin ist eine gute, preiswerte Marke.

    Neulich habe ich eine Variante des Bananensmothies, Tipp aus meinem Smoothierezeptbuch ausprobiert: Habe fünf Basilikumblätter dazugemixt. Ganz neues Geschmackserlebnis. Auf so eine Idee kommt man ja nicht.

    In Frankreich wird es zur Stichwahl kommen. Heute wird noch nichts endgültig entschieden.

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