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Claudia Michelsen ist ein Hingucker, eine fabelhafte Schauspielerin, und wenn ich auch rein gar nichts über ihr privates Leben weiss, mutmasse und schlussfolgere ich aus allen äusseren Indizien, meinem Profilerwissen über Hüllen, Flächen und Tiefenstrukturen, dass sie in real life ein kluges Wesen von überdurchschnittlicher emotionaler und sonstiger Intelligenz ist. In diesem Fernsehfilm konnte sie nun alle Register ihrer Kunst ziehen, doch leider nicht mal damit über das gruselig überkonstruierte Drehbuch hinwegtäuschen: was für ein Schmarrn wurde denn da serviert!?

Claudia Michelsen spielt eine agile Sportlehrerin, die durch ein unbekanntes Trauma ihr enormes Schwimmtalent nie  ausschöpfen konnte, und am Geburtstag ihrer völlig durch den Wind gebügelten Mutter von alten Symptomen befallen wird. Irgendwas zwischen Panikattacken, Halluzinationen und Absencen.

Claudia Michselsen besucht eine alte Lehrerin, die sie zur Therapie ermutigt, aber dagegen sträubt sie sich natürlich. „Was soll das denn bringen, in der Vergangenheit rumstochern?!“ Erst das Stöbern in den Schubladen ihres Vaters – sie stochert also doch rum, aber ohne Psychoanalytiker – lässt das Verdrängte mit Macht wiederkehren. Alles, was sich in diesen neunzig Minuten tut, ist eine Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten, Klischees und Abstrusitäten. Der Gipfel ist die finale Sache mit einer Herzmuskelentzündung.

Wir haben noch den wirren Vater im Angebot, der sich mit humorvollen Versen a la Ringelnatz durch den Alltag hangelt, und irgendwann konfus durch eine Hannoveraner Stadtgegend irrt, und einen fremdvögelnden Ehemann, der, zur Rede gestellt, als erstes mault: „Wann verlierst du mal die Fassung, Anne?“ Durch die Bank krass überzeichnete Figuren. Und so mutiert alsbald der mutmassliche „Familienthriller“ zum Schnarchtheater mit unfreiwilligen Lachkick-Momenten. Zum Beispiel, als die Mutter mal wieder einer wirren Stimmung anheimfällt und ihr Kopf kopfüber auf den Tisch knallt (eigentlich noch lustiger, als wenn er in einen Erbseneintopf gefallen wäre) – im Krankenhaus erst klärt sich auf: kein „exitus subito“, sondern nur wieder zuviele Sedativa. Und dann das absolute Highlight:

Claudia Michelsen, also Anne, geht alte Videokassetten durch mit ihrem Finale zur Qualifikation der Olympischen Spiele von Atlanta. Sie sieht (wie wir nichts Gutes ahnenden Zuschauer) die Bilder, und hört die Stimme des Reporters, der sie als grösstes Talent feiert. Sie liegt vor der letzten Wende vorne, und dann, sehen wir alle dort nur noch Wasser und gähnende Leere, wo Claudia bislang ihre elanvollen Bahnen gezogen hatte. Der Reporter ist sprachlos, und fragt, sinngemäss: „Ja, was ist nun, wo ist Anne, wo ist sie denn, was ist passiert?“ Der perfekte „Jochen Behle-Moment“. Sie erinnern sich? Damals war der Reporter Bruno Moravetz, und er suchte verzweifelt Jochen Behle im Feld der langlaufenden Olympioniken. 

Tatsächlich gibt es auch manch forsches Lob für dieses bemühte Melodrama. Ich zitiere Prisma:

 

„Was Michelsen, Hanczewski, Weisgerber und Co. im unprätentiös erzählten Drama ins Wohnzimmer liefern, dürfte manche an eigene dunkle Familienfeste, Offenbarungen und Eklats erinnern – oder, wenn daheim alles „paletti“ war, dann vielleicht an andere gute Filme zum Thema. Nicht zuletzt ist das bis zum Ende der 90 Minuten subtil spannende TV-Werk auch mal wieder ein Plädoyer in Richtung Fernsehmacher: Traut euch mehr Erzählungen ohne Leiche zu! Selbst erfahrene Primetime-Kommissarinnen freuen sich, wenn sie wie in diesem Film einfach mal nur leben – und nicht ermitteln müssen.“

 

Ehrlich jetzt?! „Einfach mal nur leben“ – der war gut!!

This entry was posted on Donnerstag, 24. März 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

22 Comments

  1. Chrissie:

    Platte story, Küchenpsychologie, und obendrauf die Dramaqueen des deutschen Fernsehens, die es sich zur Lebensaufgabe gesetzt hat, lediglich Angst, Grauen, Entsetzen und Depression in wechselnder Melange und sonst nix anderes mimisch wiederzugeben. Sollte öfter mal ne Rolle ablehnen …

  2. Michael Engelbrecht:

    Das ist dann doch ein bisschen zu hart formuliert.
    Aber ja, öfter ablehnen, kann mir auch in den Sinn :)
    Gibt ja einige gute bis sehr gute Polizeiruf 110 Folgen mit ihr, und diese Familienserie aus dem Berlin der Fünfziger Jahre hatte, soapy hin, soapy her, durchaus auch Qualität.

  3. Jochen:

    Der Gong würfelte eine Fünf, bei Funeral for a Dog nur eine Vier. Waren da etwa öffentlich-rechtliche Bestechungsgelder im Spiel?

    Haha, „Dramaqueen“, ist was Wahres dran, Chrissie ;)

  4. Michael Engelbrecht:

    Frau Gong ist wohl in Rente, da ist ein Geschmacksalgorhythmus am Werk.

  5. Chrissie:

    Mag hart sein, aber es ist auch ärgerlich wenn sich ein offensichtliches Talent – wovons wenige gibt – so in schlechten Filmen verbraten lässt bis das Gesicht so ausgelutscht ist dass mans eigentlich nicht mehr sehen mag wg Überangebot.

  6. Michael Engelbrecht:

    filmdienst schreibt:

    Eine Schwimmtrainerin hat zu ihrer dominanten Mutter ohnehin ein schwieriges Verhältnis, das durch eine unvermutete Konfrontation an deren Geburtstag weitere Gräben aufreißt. In Erinnerung an eine frühere psychische Krise konzentriert sie sich fortan noch mehr darauf, ihre begabte Nichte anzutreiben, wodurch sie auch mit ihrer Schwester in Streit gerät. Sensibles psychologisches Drama um ein verschüttetes Familientrauma, das überwiegend auf leise Töne setzt und seinen fein entworfenen Figuren vertraut. Das familiäre Gefüge mit der Kraft zur gegenseitigen Stärkung wie zur Verunsicherung erfährt eine tieflotende Auseinandersetzung. – Ab 16.

    Also, ich finde so viel Lob über diesen Film schon erstaunlich. Ich denke, eine Regel für Drehbuchschreiber sollte sein: Vorsicht vor unfreiwilliger Komik bei ernsten Themen. Das war alles so auf Effekt geschrieben, dass nahezu das ganze Drehbuch unfreiwillig kalauerte. Man kann sich das sogar zweimal angucken, und beim zweiten Mal noch öfter die Lachmuskeln aktivieren.

    Zum Beispiel: als Anne nicht mehr auftaucht in der Schwimmhalle, sozusagen unter Wasser bleibt: was war denn da das klinische Erscheinungsbild, Chrissie: eine Panikattacke wohl kaum, dann taucht man sofort auf und schnappt nach Luft. Eine Halluzination, wo sie unter Wasser unheimliche Dinge SIEHT und vergisst, dass sie gerade zur Olympiade schwimmen kann?! Eine plötzliche Absence, in der ihr Verstand komplett aussetzt? Das wäre ja fast ein Fall für Oliver Sacks.

    MUTTER , DU HAST NICHT EIN KIND SONDERN DREI. Der finale Satz zur Mutter, die Sätze zur möglichen Katharsis. Dann doch lieber MARNIE, von Hitchcock:)

  7. Michael Engelbrecht:

    Und hier Claudia Michelsen persönlich, aus der Audiothek des NDR. Sie spricht über den Film und dies und das…

    https://www.ndr.de/ndr1niedersachsen/Schauspielerin-Claudia-Michelsen-ueber-ARD-Fernsehfilm-Auf-dem-Grund,audio1093436.html

    Habe ich eigentlich den einzigen Verriss geschrieben??? Ich bin gespannt, was meine liebe gute Claudia S. zu dem Film sagt, wir haben oft interessant unterschiedliche Meinungen zu Serien und Filmen …

    By the way:

    Das ARD-Drama „Auf dem Grund“ war am Mittwochabend die erfolgreichste Sendung zur Primetime. Den Film mit Claudia Michelsen und Karin Hanczewski verfolgten ab 20.15 Uhr 6,05 Millionen (21,5 Prozent). Das ZDF Quiz „Die große ‚Terra X‘-Show“ mit Johannes B. Kerner holten sich 3,19 Millionen (11,3 Prozent) ins Haus

  8. Jochen:

    „Das ist eine derart dümmlich konstruierte Geschichte, dass man Gefahr läuft, durch das bloße Anschauen selbst ein Trauma davonzutragen.“

    Voila, noch ein Verriss … ;)

  9. Chrissie:

    Der filmdienst hat auch manchmaln Hang zur Küchenpsychologie.

  10. Michael Engelbrecht:

    Die Unwahrscheinlichkeiten bestimmter Handlungsteile sind bei mir nie ein Kriterium, einen Film oder eine Serie zu kritisieren.THE LEFTOVERS, eine grossartige Serie, basierte auf dem Phänomen, dass ein beträchtlicher Prozentsatz der Menschheit von einem Moment zum anderen verschwunden war.

    Nein, was diesem Film den Garaus macht, ist all das Künstliche und An Den Haaren Herbeigezogene und gleichzeitig Schbablonenhafte, dass den Schauspielern ins Drehbuch geschrieben wurde.

    Völlig überkandidelt, fast bis an die Grenze einer Groteske. Das Tragische wird so zum Beinahe-Komischen, ohne dass die Schreiberlinge aber eine Tragikomödie im Sinn hatten. Die dachten, sie verfassen was sehr Ernstes.

  11. ijb:

    Ich habe diesen Film nicht gesehen (und nach diesen kritischen Stimmen hier zu urteilen, kann ich mir das offenbar auch sparen).
    Aber beachtlich finde ich zwei Dinge: Wie intensiv man sich hier mit einem offenbar sehr typisch-durchschnittlichen (deutschen) TV-Film aufhält – von der Sorte gibt es ja hunderte, man stößt laufend auf sie, auch wenn FilmDienst doer Tittelbachs Rezensionsseite die zuverlässig in aller Höflichkeit als gar nicht so schlecht darstellen, und wirklich (sehr) gute Produktionen sind in der deutschen Fernsehlandschaft absolut die Ausnahme (kein Wunder, wird so ein Film meist rasant von Auftragsschreiber/innen unter der Anleitung von Redakteur/innen in kürzester Zeit zu Papier, äh zu Datei gebracht und normalerweise in 18 bis 20 Tagen (!) heruntergedreht – klar, dass unter solchen Bedingungen nicht viel Qualität rauskommen kann, und auch die „Tatorte“ sind ja auch nur hin und wieder richtig gut; aber: viele Leute an diesen Produktionen auf Rundfunkgebühr-Kosten ein Auskommen, von dem viele andere hierzulande ihr Leben lang träumen, und 6 bis 10 Millionen Leute schauen sich diese Sachen zuverlässig an… also warum sollte sich daran was ändern?). Letztens sahen wir zwei Benelux-Produktionen, und da stach sofort total ins Auge, wie viel authentischer und vor allem weniger konstruiert und auf „Likeability“ schon die Figuren ausgeschrieben waren, auch wenn die Drehbücher keineswegs (handlungsmäßig) perfekt waren. Sowas sieht man in Deutschland nur sehr selten und nur von bestimmten Autor/innen – obwohl wir hier so viel Geld mit der GEZ einziehen…

    Das zweite, was mir in diesem Kommentar-Thread auffällt: Man sieht bis zu einem gewinnen Grad halt auch immer, was man sehen will – oder nicht.
    Ich finde das auch immer nervig, wenn die Figuren so überzeichnet werden (es sei denn, es ist eine Farce) – vor allem, wenn Dialoge alles erklären und die ganze Zeit erläutern, was man eigentlich sehen sollte (schlimmer noch, wenn man es sogar schon sieht)… aber mich persönlich (und meine „bessere Hälfte“) störte dies auch sehr bei „The Sinner“ (wohlgemerkt, wir haben nur Staffel 2 gesehen, zu anderen kann ich also nichts sagen) – und Kritik wie „was diesem Film den Garaus macht, ist all das Künstliche und An Den Haaren Herbeigezogene und gleichzeitig Schbablonenhafte, dass den Schauspielern ins Drehbuch geschrieben wurde“ war ziemlich genau das gleiche, was mir dort durch den Kopf ging. Ich denke z.B. an diese vollkommen an den Haaren herbeigezogene Sequenz, als der Vater die Freundin der Hauptfigur vergewaltigte, was überhaupt null zu der acht Episoden sorgsam lang aufgebauten Figur passte und auch in der konkreten Szene so haarsträubend unglaubwürdig geschrieben war, dass es leider nur unfreiwillig komisch war.
    Es gibt in vielen (Durchschnitts-)Krimigeschichten so eine „goldene Regel“: Derjenige, der sich in der letzten Episode als Täter herausstellt, ist der absolut einzige im gesamten Figurenensemble, auf den zuvor nichts hingewiesen hatte und der als einzige Figur so aufgebaut wurde, dass man nie und nimmer auf die Idee käme, er könnte der Mörder sein. Leider schon sooo oft gesehen… (das einzige, was es NOCH schlimmer macht, ist wenn nach 9 Episoden der Täterfigur dann auch noch eine überraschende Homosexualität angehängt wird).

  12. Michael Engelbrecht:

    Dafür, dass du den Film nicht gesehen hast, hast du aber hier einen enormen Assoziationsraum geöffnet.

    Ich hoffe darauf , ein neuer Film mit Claudia Michelsen könnte Qualität haben, und dann entdecke ich ziemlich rasch, dass ich im falschen Film bin. Aber es Riesenspass gemacht, diesen Text zu schreiben.

    Hier geht es nun um Themen, die in der Psychotherapie komplexe Felder öffnen, und es ist immer interessant zu sehen, wie solche Traumata Stories aufbereitet werden. Leider war das hier sehr dünn.

    Erstaunlich wie viele diesem Film mit CM Lob zollen. Manchmal ist es durchaus interessant, sich etwas aufzuhalten bei filmischen Enttäuschungen.

  13. Scho:

    …die auflösung war mir zu platt, zu eindimensional, da passte was nicht. bis hin zu den alterszusammenhängen der kinder. wirklich schade.

    aber diese filme hinken alle in der suche nach einer vollkommenen auflösung der situation. bloß nicht fragen offen lassen! der zuschauer könnte vollkommen überfordert sein. viele tv-filme müssten einfach deutlch früher enden!

  14. ijb:

    diese filme hinken alle in der suche nach einer vollkommenen auflösung der situation. bloß nicht fragen offen lassen! der zuschauer könnte vollkommen überfordert sein. viele tv-filme müssten einfach deutlch früher enden!

    Ich würde das anders formulieren: Diese Filme hinken bereits in der Qualität der Figurenzeichnung bzw. Charakterentwicklung. Wenn die Figuren zu platt, zu konstruiert, nicht authentisch, nicht organisch, nicht widersprüchlich und lebendig geschrieben sind, hat man als Zuschauer/in schnell das Gefühl, man hat’s verstanden. Dann kommt einem jede weitere Handlung (dazu zähle ich auch Dialogszenen) als redundant und zu viel vor. Das kann dann auch eine gute Schauspielerin nur sehr begrenzt auffangen.
    Wenn Figuren aber glaubwürdig und komplex geschrieben sind, kann man auch gerne eine ganze Serie mit ihr schauen. Und am Ende ist man traurig, dass man nicht noch mehr von dieser Figur erfahren und mehr Zeit mit ihr verbringen darf.
    Viele gut geschriebene Charaktere offenbaren mit der Zeit immer wieder auch mehr über das Leben – und damit letztlich auch über Fragen, die uns als Zuschauende selbst (und unseren Platz in der Welt / Gesellschaft) betreffen.

  15. ijb:

    Wenn ich die Figuren/Charaktere „glaube“, nehme ich im Zweifelsfall auch manches Drehbuch-Defizit in der Handlung (also z.B. konstruierte Handlungsfäden) in Kauf, bleibe aber trotzdem emotional dran (siehe „The Affair“, wo echt über Gebühr Zufälle konstruiert werden – die Figuren sind aber so stark, dass ich bis zum Schluss dranbleibe und berührt bin; laut einem Drehbuch- und Roman-schreibenden Freund von mir zählt das auch zu den besonderen Stärken von „Game of Thrones“ – ich selbst hab das aus Desinteresse am Genre nicht gesehen, kann mir dazu daher kein Urteil erlauben).

    Andersrum aber: Wenn die Figuren einfach über Gebühr konstruiert sind und nicht authentisch erzählt werden, sondern einfach Ideenträger oder, mehr noch, Ausführende einer (meinetwegen raffinierten) Drehbuchkonstruktion bleiben, steige ich recht schnell aus und dann kann ich eine Serie auch nach zwei, drei Folgen abbrechen. Schaue ich in so einem Fall weiter, wird eigentlich immer mein Anfangseindruck bestätigt.
    [Letzteres muss selbstredend nicht per se etwas Schlechtes sein (hatte ich ja schon mal irgendwo geschrieben) – da gibt es einfach unterschiedliche Prioritäten beim Publikum.] Ich müsste jetzt ne Weile überlegen, bis mir vielleicht ein/e Film oder Serie einfällt, die mich wirklich begeisterte, wo die Figuren mehr solche Handlungsgehilfen sind als authentisch komplexe/glaubwürdige Charaktere. Im Film halte ich das für 90 Minuten eher durch; wenn es genügend andere Unterhaltungselemente gibt.

  16. Chrissie:

    Die rege Beteiligung hier erweckt den Anschein als handle es sich hier um einen „guten schlechten Film“ – die Bezeichnung ist mir erstmalig bei Sartre untergekommen, der sich dergleichen gerne ansah. Man lernt daraus viel über den Zustand der Gesellschaft – guckt mal „Grün ist die Heide“, proppenvoll mit Hinweisen auf Abwehrmechanismen einer Gesellschaft gegen Kriegstraumata und Kriegsschuld, von „Sissi“ jetzt mal gar nicht zu reden. Hier geht’s nicht um Psychologie sondern um Psychologiemythen und Psychotherapiemythen – Darstellungen wie man dergleichen gerne hätte und nicht wie sie ist – mit dramatischen Effekten, donnernder Katharsis mit unvermeidlicher Heilung, und die Zusammenhänge eins zu eins problemlos einsehbar, hinter allem steckt entweder eine kindliche Tötungsschuld und der sexuelle Missbrauch sowieso, den riecht man ja mittlerweile schon bei Vorspann und Titel. Multiple bedienen das Jekyll-Hyde – Muster, wobei sicher noch niemand in der bundesdeutschen Realität dergleichen in seiner Praxis gesehen hat, wie Umfragen ergaben. Freud selbst hat dieses Klischee reichlich bedient mit seinen Hysterikerinnen ohne die er sicher nicht das wäre was er jetzt ist. Das ganze ist nicht Realpsychotherapie, die eher der archäologischen Arbeit ähnelt mit ihrem Schichtenabtragen, Hämmern, Abstauben, Freilegen sondern eher ein Tribut an unsere Erregungskultur mit dem ständigen Bedürfnis nach Stimulation und Special Effects mit Popcorn und dem Hintern im Warmen.

  17. Jochen:

    Interessante Diskussion, stimme in vielen Punkten zu. Seit ich gewisse Serien (…) schaue mit „authentischen“ Figuren, die im Laufe der Episoden permanent neue Schichten freilegen („Wimmelbilder“ der Psyche, um mit Jan zu sprechen), frage ich mich, warum all die Jahre soviel Stumpfsinn herrschte.

    Fairerweise sei gesagt: eine Serie mit sieben Staffeln, achtzig Episoden und hundert Stunden Erzählung kann und muss ja auch mehr in die Tiefe gehen.

    Etwas Ähnliches beobachtete ich in den Anfangszeiten der Blog- und Website-Kultur: plötzlich konnte man von normalen Leuten etwas über ihr Leben lesen, nicht nur abgesteckte Themenfelder von professionellen Journalisten in etablierten Medien. Ich fand das damals interessant und befreiend.

    Ps. Ich sah mal einen Tatort, der spielte in der Kunstszene. Dann wurden da „moderne Kunstwerke“ drapiert, schlecht gemalt, das Klischee von „moderner Kunst“ wurde bedient. Dann sah ich in der Chefetage von Mad Men einen echten Mark Rothko hängen. Thats the difference. Vielleicht sieht man bald in einem KünstlerTatort auch mal echte Kunst und nicht deren verdummende Klischee-Persiflage für Ottojedermann. Auf Druck der Konkurrenz hin dann, nicht aus freien Stücken. Wo kämen wir denn dahin, wenn dem deutschen Betrachter Intelligenz unterstellt würde, gell, liebe Intendanten? Fernsehen in der BRD in der Tradition: von Blöden für Blöde gemacht, frisch auf den Tisch.

    Und jetzt kommt Micha mit der Kirche im Dorf … ;)

  18. Chrissie:

    … die ich ihm sofort wieder hinaustragen werde …

  19. Michael Engelbrecht:

    Na, jetzt aber mal nicht übertreiben 🤣

  20. Michael Engelbrecht:

    Vielleicht doch besser die Kirche im Dorf lassen –

    Schliesslich will die Seele auch mal baumeln,
    Und nicht immer kulturtechnisch erleuchtet werden 😉

  21. Jochen Siemer:

    Da rennst du offene Kirchen ein …

  22. Michael Engelbrecht:

    Eigentlich ein schönes Finale,

    da bleiben kaum Fragen offen.

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