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2021 1 Mrz

„71/72 – Die Saison der Träumer“

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | No Comments

 


Mein Verein ist damals abgestiegen. 71/72. Nicht gut. Meine Kindheit ging einige Male zuende, das jahrelange Verschwinden des BVB in der Zweitklassigkeit war nur der erste kleine Blues-Akkord. Endgültig wurde das Kapitel meiner jungen Jahre, und manch naiv hochfahrender Träume, zugeklappt, an dem Tag, als John Lennon erschossen wurde. Zu Beginn der nachfolgenden Dekade. Zwischen den Polen der Rockmusik und Fussball spielte sich einiges ab, wenn man neben Kohlenhalden aufwuchs. Sichtbar war der damalige Zusammenprall einer alten, konservativen, reaktionären Welt und einer neuen Generation natürlich auch auf, und rund um den grünen Rasen. Eine Zeit, in der das politische Klima, gelinde gesagt, aufgeheizt war. Wer meint, das Damals ganz gut im Gedächtnis parat zu haben, wird erstaunt sein, welche Räume dieses Buch von Bernd-M. Beyer, über unsere abgespeicherten Erinnerungen hinaus, öffnet. Und für den Rest ist es einfach eine spannende, hervorragend recherchierte, Zeitreise. A propos 71/72, ich war in der Untersekunda des Max Planck-Gymnasiums und kaufte meine ersten ECM-Platten. Manche Dinge begleiten einen halt ein Leben lang. 

 

Wer sind die Träumer in dem Buch?

 

Es gibt einige Träumer in dem Buch, manche sind auch Alpträumer. Aber hauptsächlich sind damit Stan Libuda und Rio Reiser gemeint, die beiden wichtigsten Protagonisten in „71/72“.Libuda träumt vom Idyll einer vertrauten Umgebung: auf dem Platz, in der Familie, in der Nachbarschaft. In der Saison 71/72 träumt er davon, dass sein Fehltritt, die Annahme von Bestechungsgeldern, nicht auffliegt und dieses Idyll zerstört. Rio Reiser ist eine Art Antipode. Er flieht aus der Provinz ins angesagte Berlin, rebelliert gegen das Spießertum, träumt von einer besseren Gesellschaft und davon, dass er sein Schwulsein ausleben kann. Die Jahre 1971 und 1972 bringen seinen Durchbruch als Politrock-Musiker und seine Träume zum Fliegen.

 

Woher und wann kam die Idee zu dem Projekt?

 

Ich habe selbst intensive Erinnerungen an diese Zeit, es waren die Jahre, als ich zu studieren begann und selbst politisiert wurde. Fußball geriet damals für mich in den Hintergrund – ausgerechnet in der spielerisch wohl besten Phase des deutschen Fußballs. Inzwischen ist mir natürlich klar, was ich damals verpasst habe. Und so habe ich begonnen, dieser Zeit genauer nachzuspüren. Erst einmal für mich und für meine Erinnerungen. Als ich mich dann entschloss, ein Buchprojekt daraus zu machen, war für mich klar: Das geht nur, wenn es sich nicht auf Fußball beschränkt, sondern all die wilden Sachen, die damals noch so passierten, mit in den Blick nimmt.

 

Wie lange hat die Arbeit an „71/72“ gedauert?

 

Ich habe einige Wochen in Zeitungs- und anderen Archiven verbracht. Aber die Recherchen beispielsweise für meine Biografien über Helmut Schön oder Walther Bensemann waren deutlich aufwändiger. Bei „71/72“ ging es eher darum, den üppig vorhandenen Stoff in eine sinnvolle und lesbare Form zu bringen. Ich habe den Text mehrfach umgearbeitet, um eine möglichst stringente Erzählung daraus zu machen.

 

Hatten Sie als Quellen auch direkte Gespräche?

 

Ganz wenige, und zwar ganz bewusst. Ich wollte keine gefilterten oder geglätteten Erinnerungen, die schon x-mal heruntererzählt worden sind und sich bei den jeweiligen Erzählern verfestigt haben. Das alles ist ja nun 50 Jahre her, da geht im Detail manches durcheinander oder ist schlicht vergessen. Ich habe mich also, soweit möglich, an zeitgenössische Quellen gehalten, insbesondere Zeitungen und, falls verfügbar, auch an damalige Fernsehsendungen. Mein Glück war, dass die Spieler seinerzeit noch frei von der Leber sprachen, und zwar, wie es für jene Generation üblich war, mit ziemlich großer Klappe und direkt in die Notizblöcke der Reporter. Das verleiht den zeitgenössischen Äußerungen eine große Authentizität: Uli Hoeneß drohte unverhohlen und öffentlich damit, die Bayern zu verlassen, wenn er nicht gefälligst mehr Geld kriegte. Franz Beckenbauer erklärte lauthals, Bundeskanzler Willy Brandt sei ein nationales Unglück. Und ein Hannoveraner Spieler erzählt der Bild, dass er trotz der damals zeittypischen „Sexwelle“ nur am Wochenende Geschlechtsverkehr habe. Ehrlicher geht’s wohl nicht.

 

War diese Gemenge- und Ereignislage in dem Jahr einmalig?

 

Einmalig ist ein schwieriger Begriff. Es war natürlich einiges los, im Fußball wie in der Gesellschaft, und vieles davon war sozusagen historisch. Aber was ich bemerkenswert fand, war der zeitliche Kontext: Viele dieser spannenden Entwicklungen spielten sich genau zwischen Sommer 71 und Sommer 72 ab, und zwar so, dass sie sich langsam entwickelten und im Mai 72 kulminierten. Fußballerisch gab es diese großartige Europameisterschaft 1972 mit dem Wembley- Spiel, gab es Gerd Müllers Torrekord und gab es die jungen Schalker Himmelsstürmer, die sich aufmachten, die Dominanz der Bayern und Gladbacher zu brechen. Diese tolle Entwicklung wird konterkariert mit der Aufklärung des Bundesligaskandals, die sich durch die ganze Saison zog und vielen Fans die Freude am Fußball verleidete. Politisch gab es den Versuch von CDU/CSU, Bundeskanzler Brandt mit seiner Ostpolitik als Verräter an den deutschen Interessen zu brandmarken und ihn schließlich, Ende April 1972, per Misstrauensvotum zu stürzen. Und es gab den Plan der RAF, das Land in einen Bürgerkrieg zu bomben, der mit der sogenannten Maioffensive im Frühjahr 72 seinen blutigen Höhepunkt und zugleich sein Scheitern erlebte. Diese zeitliche Koinzidenz mehrerer dramatischer und wichtiger Ereignisse ist vielleicht wirklich einmalig.

 

Hat das Arbeiten an dem Thema für Sie selbst einen neuen Erkenntnisgewinn gebracht?

 

Über die Taten der RAF, das Ringen um die Ostpolitik und Netzers Vorstöße aus der Tiefe des Raumes wusste ich natürlich einiges. Was mir so nicht klar war: wie tief die Gräben damals in der Gesellschaft waren. Willy Brandt wurde von CDU/CSU in einer Heftigkeit und mit einem Vokabular angegriffen, wie man es heute von der AfD erwarten würde. Und in der Gesellschaft war schon damals viel Hass vorhanden, es gab nur keine digitalen sozialen Plattformen, die das vervielfältigten. Aber es gab Hass- und Drohbriefe massenhaft, auch im Fußball: gegen Spieler wegen ihrer langen Haare, gegen Canellas, weil er den Skandal aufgedeckt hatte, gegen Kindermann, der die bestochenen Spieler anklagte und so weiter. Schließlich war es bestürzend zu sehen, wie sich auch im Fußball damals Nazis völlig ungezwungen und unangefochten bewegen konnten. Der vormalige SS-Mann Rudi Gramlich behinderte in seiner Funktion als „Bundesligaobmann“ – eine Art früher DFL-Chef – die Aufklärung des Skandals massiv. Karl Lamker, der mit Arminia Bielefeld einen der Hauptsünder anwaltlich verteidigte, war nicht nur ein überzeugtes Mitglied der NSDAP gewesen, sondern inzwischen wieder bei den alten Kameraden gelandet, nämlich im Bundesvorstand der NPD. Es gibt weitere Beispiele. Für mich ist unfassbar, dass dies damals überhaupt nicht problematisiert, nicht einmal für erwähnenswert befunden wurde.

 

Haben Sie schon ein neues Buchprojekt in Arbeit?

 

In den nächsten beiden Jahren widme ich mich vor allem der Kampagne „Boycott Qatar 2022“, die wir vor einigen Monaten ins Leben gerufen haben. Es geht darum, dass Fans und andere Fußball-Interessierte nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA diesen wunderbaren Wettbewerb Fußball-Weltmeisterschaft an einen autokratisch regierten Staat ohne Fußballkultur, ohne Respekt vor den Menschenrechten verschachert hat. Das einzige Argument ist das viele Geld, das in Katar angehäuft ist. Zu dieser Kampagne wird noch in diesem Frühjahr ein von Dietrich Schulze- Marmeling und mir herausgegebener Band in der Reihe „Werkstatt aktuell“ erscheinen.

 

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