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2020 19 Dez

Rückblicken auf die Musik des Jahres 2020

von: ijb Filed under: Blog | TB | 4 Comments


 
 

Die meisten „2020-Sprüche“, die man seit zu vielen Wochen erst in den Kommentarspalten und sozialen Medien, dann auch in allen möglichen Jahresrückblicken und Interviews lesen darf, fand ich schon beim ersten Mal albern; beim 35. Mal sind sie so abgeschmackt, dass es echt nervt. Da frage ich mich beim Zusammenstellen meiner „Bestenliste“ ein wenig mehr als sonst, ob diese irgendwie von anderen Umständen als allein der Musik an sich beeinflusst ist. Hatte ich, wie einige andere Musikschreiber in ihren Rückblicken kundtun, ein besonderes Faible für introspektive oder ruhige Musik? Eindeutig nein. (Allenfalls Alva Notos Ambient-Epos Xerrox Vol. 4) Verbinde ich irgendwelche „meiner“ Alben mit besonderen Wochen oder Ereignissen im Jahr 2020? Nicht einmal das. Manchmal war zu lesen, Charli XCX habe mit How I’m Feeling Now ein „besonders markantes“ 2020-Album produziert, das aus der „Lockdown“-Stimmung im Frühjahr entstand und damit viele, viele (junge) Leute auf der Welt verbindend ansprach. Ähnliches haben nun u.a. Adrianne Lenker, Taylor Swift, Paul McCartney u.v.a.m. versucht, markanter jedoch spiegeln sich wohl die gesellschaftspolitischen Spannungen um Rassismus und Benachteiligungen in der Musik des Jahres 2020 wider: Leider habe ich die beeindruckend besprochenen beiden neuen Alben von Sault bis jetzt nicht, da sie als Tonträger de facto nicht zu bekommen sind. Run The Jewels’ 4 bzw. RTJ4 – ihre ersten dreieinhalb Alben habe ich und schätze sie sehr – habe ich einmal nach dem Download gehört, und es hat mir sehr gefallen, dann aber ist es, wie bei Download-Musik eigentlich immer, bedauerlicher Weise meiner Aufmerksamkeit entfleucht. Ich gedenke, dies nachzuholen. Sowohl Fiona Apples als auch Laura Marlings digital im „Lockdown“ vorveröffentlichte Alben haben mich erst so richtig berührt, als ich die LPs zu Hause hatte und abspielen konnte. Thematisch in diese Reihe passen auch die erstklassigen Alben von Sevdaliza (Album des Monats hier: „in einer gerechten Welt wäre Sevdaliza der vielleicht größte Star unserer Zeit“), Assata Perkins alias Sa-Roc, Lucinda Williams, Protomartyr, Irreversible Entanglements und der Wiener Band Culk.

 

»Run The Jewels’ fourth album proved to be the protest record the world needed. Recorded before the BLM movement gained its 2020 momentum, it was a prophetic – or painfully inevitable – portrait of a disjointed America. One where police brutality reigned and the people were demanding change. 2020 will be remembered for two things and Run The Jewels’ album, more than any this year, soundtracks the unrest felt on a global scale.« (the fortyfive)

»Conscious-Rap wird in der Trap-Ära, in der es oft nur um Bling-bling geht, gerne als Zeigefinger-Musik missverstanden, weil der Inhalt politisch und sozialkritisch ist. Sa-Roc ist das schnuppe. Sie hat auch keinen Song extra für die BLM-Proteste komponiert, sie will Kontexte schaffen in einer Welt, in der nur die lauteste Stimme auf Twitter gewinnt. Das ist eben doch revolutionär.« (taz)

 

Auf jeden Fall fiel mir beim Rückblicken auf, wie viele sehr gute Alben ich in diesem Jahr erworben und gehört habe; weit mehr als die unten genannten 30; ich hätte locker auch 50 nennen können, die mich sehr bewegt haben. Nur ganz wenige würde ich als „Fehlkäufe“ einordnen, die mich nicht packen konnten. Es gab zugegeben allerdings auch so gut wie nichts, was mich beim ersten Mal rigoros umgehauen hat. Franck Vigroux’ neue Platte ist eine markante Ausnahme. Nach dem Kauf eines neuen Tonabnehmers in der vergangenen Woche habe ich einige 2020-Platten zum Festnageln meiner Liste noch einmal durchgehört, und Ballades sur lac gelé hat mich erneut so umgehauen, dass ich es direkt ein paar Plätze nach oben bewegen musste. [Beim Suchen nach einem schönen Link stelle ich fest, dass über das im Sommer veröffentlichte Album nirgendwo etwas geschrieben wurde!] Alles in allem, das unerwartete und unerwartet große Album der Neubauten, und Lost Prayers, die erste Kammermusik-CD von Erkki-Sven Tüür sind zwei weitere Fälle von „Umgehauen beim ersten Hören“ und nach wie vor „Fünf Sterne“. Andere Alben sind mit der Zeit gewachsen, manche schnell und eindringlich (Waxahatchee, Oded Tzur, Charli XCX), andere langsam und schleichend (Phoebe Bridgers, Jon Hassell, Ambrose Akinmusire). Aber – da ich das Gespräch über „strategisches“ Listenschreiben gerade mit einem anderen Blog-Autor führte – meine Auswahl folgt allein und rigoros jener Musik, die mich von Januar bis Dezember am meisten und nachdrücklichsten bewegt hat. Die meisten dieser Platten habe ich wieder und wieder gehört [Saint Cloud habe ich sogar, nachdem ich zum Veröffentlichungsdatum die CD erworben hatte, im Herbst auch noch als angemessene Vinyl-Ausgabe gekauft, wie die übrigen Waxahatchee-LPs], und sie bewegen und berühren mich nach wie vor. In jedem Fall handelt es sich um Alben, die für mich persönlich in den 12 Monaten großen Wert hatten. Ein wenig hoffe ich natürlich schon, dass andere dadurch etwas Neues entdecken, denn wenn sich bei mir durch die Musik ein emotionaler Resonanzrahmen einstellt, können das ja auch andere erleben.

 

Zu meiner eigenen Überraschung fällt mir auf, dass ich zum wiederholten Mal ein Album aus der US-„Provinz“ als Favorite des Jahres wiederfinde. Wie mich die aus Georgia stammende Mattiel Brown mit ihrer leidenschaftlich alle Moden ignorierenden Platte Satis Factory durchs Jahr 2019 begleitete und begeisterte, auch bei zahlreichen Langstreckenfahrten inklusive langen Autofahrten quer durch die Vereinigten Staaten, so wäre die Musik von Katie Crutchfield aus dem benachbarten Alabama, mittlerweile in Kansas City lebend, aber seit zehn Jahren vor unter dem Alias Waxahatchee auftretend (sie wuchs in der Nähe des Waxahatchee Creek auf), eine perfekte Begleitung für meinen für den Sommer 2020 gebuchten, knapp zwei Monate langen USA-Aufenthalt gewesen. Bekanntlich konnte ich die bereits bezahlten Flüge nicht antreten, hoffe daher dass sich diese investierte Summe in der Zukunft noch effizient nutzen lassen wird; ich habe die Ausgaben bis jetzt nicht zurückfordert. So gesehen ist meine Verbindung zur Kultur der USA sogar stärker, als sie mir bewusst war — zumal bereits 2018 und 2017 die Bands Low (aus dem nördlichsten Minnesota) und Algiers (aus Atlanta) Spitzenreiter der jeweiligen Jahresliste waren.

 

Die USA finden sich nun auch in dieser Bestenliste auffällig häufig wieder, in aller Vielseitigkeit: Washington, D.C. (Assata Perkins), Louisiana (Lucinda Williams), Detroit (Protomartyr), Chicago (Irreversible Entanglements), Oklahoma (Flaming Lips), Arizona (Avalon Emerson), Los Angeles (Phoebe Bringers, Fiona Apple), Oakland/ New York City (Ambrose Akinmusire), Memphis (Jon Hassell, heute in California beheimatet), auch die Kolumbianerin Gabriela Jimeno alias Ela Minus hat (nach dem Berklee-Studium in Boston) ihr Debütalbum während ihrer Zeit in Brooklyn aufgenommen; und nimmt man Prince dazu, dessen exzellente, umfangreiche Wieder- und Erstveröffentlichungen ich 2020 viel gehört habe, ist auch Minneapolis in der Liste. Die übrigen Alben sind in ihrer geografischen Herkunft äußerst weit gestreut:

 
 
Top 30:
 

  1. Waxahatchee: Saint Cloud
  2. Franck Vigroux: Ballades sur lac gelé
  3. Einstürzende Neubauten: Alles in allem
  4. Erkki-Sven Tüür: Lost Prayers
  5. Fiona Apple: Fetch the Bolt Cutters
  6. Sevdaliza: Shabrang
  7. Sigurd Hole: Lys/Mørke
  8. Ela Minus: Acts of Rebellion
  9. Sa-Roc (Assata Perkins): The Sharecropper’s Daughter
  10. Lucinda Williams: Good Souls Better Angels
  11. Protomartyr: Ultimate Success Today   
  12. Culk: Zerstreuen über euch
  13. The Bug ft. Dis Fig: In Blue
  14. Irreversible Entanglements: Who Sent You?
  15. Kateryna Zavoloka: Ornament
  16. Tricky: Fall to Pieces
  17. Phoebe Bridgers: Punisher
  18. Flaming Lips: American Head
  19. Oded Tzur: Here Be Dragons
  20. Jasper Høiby: Planet B
  21. Tigran Mansurian / Kashkashian, Pogossian u.a.: Con anima
  22. Charli XCX: How I’m Feeling Now
  23. Meryem Aboulouafa: Meryem
  24. Nubya Garcia: Source
  25. Avalon Emerson: DJ-Kicks
  26. Arca: KiCk i
  27. Jon Hassell: Seeing Through Sound – Pentimento Volume Two
  28. Shabaka Hutchings and the Ancestors: We Are Sent Here By History
  29. Ambrose Akinmusire: On the Tender Spot of Every Calloused Moment
  30. Laura Marling: Song for our Daughter

 
 
Außer Konkurrenz:
 

 
 
(Wieder-)Entdeckungen:
 

  • Mika Vainio aka Ø: Kiteet (1993-95)
  • John Surman: Such Winters of Memory (1983)
  • The Charlatans: Between 10th and 11th / Isolation Live at Chicago Metro (1991/92)
  • Underworld: Drift Series (2018/19)
  • Prince: Rainbow Children (2001) — völlig zu Unrecht unterschätztes Album in bester Hancock-Tradition
  • Prince: Sign ’O’ the Times Super Deluxe Edition (1985-87)
  • Prince: Up All Night (2002)
  • Nicolas Jaar: Sirens (2016)
  • Alice Cooper: Love it to Death / Killer (1971)
  • Spoon: Ga Ga Ga Ga Ga (2007) – nicht direkt Neuentdeckung, aber es gab wieder eine Neuauflage, und das Album ist einfach immer klasse!
  • Brian Eno: Film Music 1976-2020

 
 

 

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4 Comments

  1. Ergänzendes I:

    Tricky hat im vergangenen Jahr seine Tochter verloren. „Fall To Pieces“ ist ein schaurig gründlicher Rückblick auf die Nullpunkte, die er seither hinter sich hat.

    […] „Fall to Pieces“ ist kein im herkömmlichen Sinne gutes Album. Es ist womöglich nicht mal im herkömmlichen Sinne ein Album. Eher ein schlaglichtartiges Abtasten verschiedener klaustrophobischer Seelenzustände, die auf eine emotionale Schockstarre so folgen können – ein verstörend ambivalentes, in Teilen immer wieder unfertiges Sammelsurium an Zuständen. Kaum ein Song ist länger als drei Minuten, einige sind sogar kürzer als zwei, brechen plötzlich ab oder hallen im Nichts aus, ohne je wirklich losgegangen zu sein. Alles zerfasert, zerfällt, verweht. Und findet dann, wer könnte schon sagen, warum genau, doch wieder zusammen.

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/tricky-fall-to-pieces-kritik-1.5023734

  2. Ergänzendes II:

    Radikalpop: in einer gerechten Welt wäre Sevdaliza der vielleicht größte Star unserer Zeit.

    […] In die Zukunft geht es wiederum mit „Oh My God“, einer Art futuristischem Polit-Dancetrack, der sich mit nichts weniger auseinandersetzt als mit der fortwährenden politischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran. Übrigens nicht das erste Mal, dass sie sich mit dem Thema beschäftigt, 2017 erschien schon „Bebin“, zu Deutsch „Sieh“, eine Replik auf Trumps „Muslim Ban“. Aber auf „Oh My God“ geht es um noch mehr, die Lyrics lassen sich auch auf die Konsequenzen von Rassismus und Exotisierung auf marginalisierte Menschen übertragen. Schließlich auch ein Thema, über das die als Kind mit ihrer Familie vor dem Iran-Irak-Krieg in die Niederlande geflohene Künstlerin oft spricht.

    Beim Thema bleibt es im weitesten Sinne auf einem der Highlights des Albums, das gleichzeitig der einzige Song ist, der nicht von ihr
stammt: „Gole Bi Goldoon“. Sevdaliza covert einen der wichtigsten Songs der iranischen Poplegende Googoosh, deren Bedeutung für die persische Diaspora kaum in Worte zu fassen ist. Als sphärisch-minimalistisches Piano-Cover, das in eine intime Produktion mit Streichern kippt, zerreißt Sevdaliza mit ihrer intensiven und todtraurigen Delivery Herzen in Stücke, wo Googoosh in der Originalversion den Liebeskummer hinter großem Lächeln und einem Uptempo-Beat vorträgt. […] der große Pop, den unsere bizarre Gegenwart verdient.

    https://www.musikexpress.de/reviews/sevdaliza-shabrang

  3. III:

    […] Älteren Semestern, die sich noch für avancierte Popmusik interessieren und ihr Studium schon lange hinter sich gebracht haben (oder auch nicht), wird der Sound von Culk ziemlich bekannt vorkommen. Es sind die Geister von Joy Division, The Cure, The Smiths (das grandiose Gitarrenspiel von Johnny Marr schimmert immer wieder durch), Siouxie & The Banshees, New Order und artverwandten Trauerweiden aus den 1980ern bzw. jüngere Rolemodels wie Interpol und Editors, die bei Culk Patin und Pate stehen. Was jetzt mal per se nichts Schlechtes ist, immerhin ist der Weg der Popkultur gepflastert von unzähligen Revivals. Das Entscheidende ist, ob eine Band dem bereits Bestehenden etwas Markantes hinzufügen kann, und das ist im Fall von Culk durchaus gegeben. Neben der ausgezeichneten, teils mit ordentlich Wumms aufspielenden Band ist es der mitunter Gänsehaut erregende Gesang von Multiinstrumentalistin Sophie Löw (der phasenweise an Stella Sommer und ihre Band Die Heiterkeit mit ihrer Befindlichkeitslyrik anknüpft) und den knapp gehaltenen Lyrics, die in ihrer Uneindeutigkeit ein Kino im Kopf anwerfen können. 

    […] Nicht alltäglich ist auch, dass die Lyrics explizit aus einer weiblichen Perspektive erzählen, etwa in »Nacht«: »Straßen und Seitengassen / Fremde Blicke neue Wege testen / Zieh die kurze Hose lang / Schau mich nicht an / Alles was ich dir gerade zeigen kann / Ich mache böse Miene zum bösen Spiel« thematisiert die immer präsente Angst von Frauen am Heimweg vom Nachtleben. Oder in »Dichterin«: »Du verdrängst mich / Und du verkennst mich / Ich verrenne mich an dunkle Orte / Du kennst keine Worte für mich / Und die du für mich hast / Führen mich weit weg von Einfluss und Macht«. Das sind nur zwei Beispiele für eine explizit feministische Perspektive, die sich – wenn auch ambivalent – durch das gesamte Album ziehen. Damit ist »Zerstreuen über euch« mit seinem ausgezeichneten Songwriting auch ein zutiefst politischer Songzyklus, der unter der Oberfläche immer auch die aktuellen gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit verhandelt. […]

    https://skug.at/culk-zerstreuen-ueber-euch/

  4. Olaf Westfeld:

    Waxahatchee hätte ich im Juli live gesehen, da kam dann etwas dazwischen… und irgendwie habe ich mir das Album gar nicht mehr richtig angehört, nur so ein oberflächliches Gestreame, wo kaum etwas hängenbleibt (ebenso ging es mir mit Sault, wie Dir ja anscheinend auch, keine Ahnung, ob ich da noch einmal einsteige). Es ist allerdings dann doch genug hängengeblieben, um Fire zu einem Lieblingslied 2020 zu machen. Ebenso RTJ4: ooh la la fand ich großartig, der Rest ist so am Rechner durchgerauscht.

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