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2020 7 Apr

Der Traum im Augenblick seiner Auflösung

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  7 Comments

Die Wolkenkratzer in New York City, zur Zeit der Abenddämmerung. Ein junger Mann eilt eine Straße entlang und betritt die Peep-O-Rama-Lounge. Junge Frauen räkeln sich an Stangen, vollführen akrobatische Bewegungen, sind spärlich bekleidet. Nur wenige Besucher sind da. Ein älterer Mann mit lockigem Haar stochert mit einem Plastikstrohhalm in seinem Drink, er pustet den Rauch seiner Zigarette gezielt teilnahmslos in den Raum. Alles ist in weiches Licht getaucht, in warme Farben. An einem großen Bildschirm werden Fotos präsentiert, Polaroids, verwaschene Formen und Farben. Als blätterte jemand ein unsortiertes Fotoalbum durch. Ein Junge beim Baseballspiel, der Hund, Ausflüge mit dem Vater, Herumsitzen mit der Freundin auf dem Campus. Das Geländer der Brooklyn Bridge im Nebel. Der junge Mann sieht davon nichts, er starrt vor sich hin. Dann nimmt er die Bilder wahr, starrt, Tränen in den Augen. Er zittert, denn es ist sein Fotoalbum, seine Geschichte. Ich nehme die Fernbedienung, spule zurück. Es ist eine Schlüsselszene in dem Film „Stay“ mit Ryan Gosling, und so spannend es auch war, die Fotos wollte ich mir sofort nochmal ansehen. Polaroids von einem solchen Zauber, einer derartigen Tiefe bei gleichzeitiger Unschärfe hatte ich noch nie gesehen. Über den Audiokommentar erfahre ich, wer die Fotos gemacht hat: Es ist Stefanie Schneider, die in Norddeutschland aufgewachsen ist und teils in Berlin, teils in der kalifornischen Wüste lebt. Sie arbeitet seit 1996 mit abgelaufenen Polaroidfilmen, also mit analogem Material. In einem Interview, abgedruckt in dem Fotoband Instantdreams, bezieht sich Stefanie Schneider auf die japanische Weltanschauung des Wabi-Sabi. „Ein abgelaufener Polaroidfilm erzeugt Unvollkommenheiten“, sagt sie, „die für mich den Verfall des amerikanischen Traums widerspiegeln. Diese sogenannten Unvollkommenheiten stellen die Realität dieses Traumes dar, wie er sich in einen Albtraum verwandelt.“ Abgelaufene Polaroidfilme verfremden die Bilder, weil die Entwicklung unberechenbar wird, durch blasse Stellen, Flecken, verwischte Farben. Der Effekt hat etwas Unheimliches, gleichzeitig werden die Motive auf eine surreale Weise auf eine abstraktere Ebene gehoben. Als prägende ästhetische Einflüsse nennt Stefanie Schneider Michelangelo Antonionis Red Desert und Zabriskie Point, Peter Bogdanivichs The Last Picture Show, Vanishing Point (Fluchtpunkt San Francisco) sowie den provokativen Film Gummo von Harmony Korine. Eine Auswahl von Polaroids aus dem Film Stay finden sich in Stefanie Schneiders Fotoband Stranger than Paradise, außerdem diverse Fotozyklen, verknüpft mit offenen Lebensexperimenten, wie dem Whiskey Dance. Wo findet Wirklichkeit statt? Wie erinnern wir uns? Woher stammen die Bilder, die ins kollektive Gedächtnis eingehen? Stefanie Schneider führt uns an Orte, an denen wir nie gewesen sind, in ein Land, das wir zu kennen meinen, und das es dennoch nicht gibt.

 

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7 Comments

  1. Martina Weber:

    Einblicke in Stefanie Schneiders Arbeiten finden sich hier:
    https://www.lumas.de/artist/stefanie_schneider-2/

  2. Michael Engelbrecht:

    Heute wäre die Peep-O-Rama-Lounge leer. Wer in diesen Tagen die Strassen von New York City ablichtet, kriegt den permanenten Alptraum serviert, da muss nichts mehr verfremdet werden.

    Ich schätze die Bilder von Stefanie Schneider sehr. Solche Eintrübungen alter Farben finden sich auch auf andere Art in Wim Wenders‘ Paris, Texas – waren es da alte Super-8-Filme, oder Bilder aus dem Dia-Projektor? Lange her.

    In Anbetracht des Horrors von 2020, der Geisterstadt NYC, da entfalten sogar die verwandelten, verfärbten Bilder der Fotografin Spuren von Nostalgie dort, wo normalerweise das Unheimliche einssetzt.

    Ähnlich geht es mir, wenn ich mich an die beiden grossartigen Staffeln jener Serie erinnere – wie heisst sie noch gleich? – in denen der Wandel der Sex- und Pornographieszenerien New Yorks in den frühen und späten Siebzigern ausgebreitet wird. Sehr realistisch, aber auch mir feinem Gespür für die Schicksale. Die kleinen grossen Träume, die Illusionen, die Gewalt, das, was sich noch an Liebe finden lässt….

    Man möchte sich ja nicht in diese alte Welt zurückbeamen – und doch, auch da spüre ich eine grosse Anziehungskraft der Bilder, der Menschen, ihrer Stories. Nun gut, ehrlich gesagt: ich hätte da auch gerne gelebt, die frühen Jahre des CBGB, die Talking Heads, und Tom Verlaine hätte ich im Cafe um die Ecke getroffen. Wie heisst denn diese grossartige Serie noch gleich – egal. Egal, womit wieder bei der Peep-O-Rama Lounge wären, was für ein Name!

    P.S. Okay, ich habe nachgeguckt, klar, THE DEUCE. Die dritte, letzte Staffel kommt dieses Jahr noch raus, sie soll so beeindruckend sein wie die beiden ersten.

    P.P.S. Was farbliche Eintrübungen und Cinemascope betrifft, gebe ich in der Nachtsendung über die „Bilder im Kopf“ meine eigene Theorie zum Besten, die jeden alten Western in ein Zeitreiseraten verwandelt, in den ersten Bildern zumindest …

  3. Martina Weber:

    Die Fotos von Stefanie Schneider hauen mich schlichtweg um, jedenfalls viele davon. Die Bilder, die in „Stay“ gezeigt werden, sind besonders unheimlich, zum Teil auch düster und nur Schattenbilder. Einmal steht auch nur ein Stuhl irgendwo herum, vielleicht auf einem Speicher.

    Wim Wenders lässt seinen Hauptdarsteller in „Paris. Texas“ mit einer Polaroid SX 70 herumlaufen. Es klang wie eine Beschwerde, als er sagte, die Bilder sähen ganz anders aus als das, was er gesehen hatte.

    Die Serie, ist es nicht „The Deuce“? Ich kenne sie nicht, aber wenn die Bilderwelt ähnlich ist wie bei Stefanie Schneider, wäre das schon ein Grund, sie anzuschauen. Ich habe auch alle Filme gesehen, von denen Stefanie Schneider ästhetisch inspiriert war und die ich hier genannt habe. „Gummo“ habe ich vor ein paar Wochen auf Videokassette ausgeleihen. Manchmal ist es doch sinvoll, die alten technischen Geräte aufzubewahren.

  4. Michael Engelbrecht:

    „The Deuce“, ich denke, der Film hat seine eigene Ästhetik, und auch was von alten blaxploitation movies, oder wie die Teile wie „Shaft“ genannt wurden.

    Dann habe ich ja bei Wenders nicht ganz falsch gelegen. Damals im Kino sah ich ihn in der ersten Woche dreimal und habe, Teil einer privaten Trauer, Rotz und Wasser geheult. Jedes Mal.

  5. Michael Engelbrecht:

    Old pictures re-connect.
    Sometimes with a passage of one‘s own, long gone life.

    https://www.manafonistas.de/2018/05/23/home-sweet-short-home-story-1977/
    Ah, das ist ja auch das Jahr der jüngst vorgeschlagenen Zeitreise:)

    Put on: Gateway, the second album.
    Put on: Hello, Dolly, Lester Bowie‘s version. (From the album FastLast)

  6. Jan Reetze:

    Gute Idee, die abgelaufenen Filme. Sie erinnert mich an Wenders‘ frühe (Studenten-)Kurzfilme, z.B. „Silver City Revisited“. Er verwendet dort das Filmmaterial vollständig, inklusive der Enden, wo die Trägerschicht brüchig und unvollständig ist, so dass das Bild ausfasert und zerfällt.

    Und so sehr ich New York liebe, ich glaube, in den späten 70ern war es trotz CBGB, Talking Heads etc., eine ziemlich heruntergekommene Stadt, wo du zwar billig ein Loft mieten konntest, wo dir aber dann die Kakerlaken durch die Küche liefen und Taxifahrer deine Gegend nicht mehr anfuhren. Aber die Stadt muss die Leute auch massiv unter Strom gesetzt haben, und das spürt man. Zum Lesen: Love Goes To Buildings On Fire, von Will Hermes. Vermutlich bekannt, wenn nicht: Sehr lesenswert.

  7. Michael Engelbrecht:

    Nun, das passt schon zu dem Szenario von THE DEUCE. Es war neben den rough, tough @ dirty eben auch eine verdammt pulsierende kreative Szene aktiv. Und, ich gebe zu, ich habe eine Kakerlakenphobie, ich hätte schon was andere gefunden, in my salad days. THE DEUCE, season 3, jetzt auch in Deutschland auf amazon prime, mit deutscher Synchro. Aber begin with the begin.

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