Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2020 5 Apr

„Die Dinge des Lebens“

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 4 Comments

 

Ist noch nicht lange her, da fragte mich radiohoerer, ob er eine alte Sendung von mir noch einmal präsentieren könne. Ich sagte, gerne, aber ich hatte kaum eine Erinnerung an jene zwei Stunden der Osterausgabe der „Klanghorizonte“ von 2005, die sich  um „Soundtracks & das Kino im Kopf“ drehte. Er bat mich auch um eine kleine Einleitung, und mir fiel sofort ein Text aus den Tiefen des Blogs ein, der von meinen Erfahrungen mit Brian Enos Album „Music For Films“ erzählte. Erst danach habe ich die Sendung gehört, eine unverhoffte Begegnung mit einem jüngeren Ich. Und schmunzeln musste ich über den Auftaktsong: habe ich Jahrzehnte lang zu wenige Schlager aus Italien und Spanien gespielt, nachts im Radio? Das Lied ist ja umwerfend gut. Schnitt. Tage später liegt eine CD im Postkasten, die eine Interpretation eines alten Songs enthält, den Romy Schneider mit Michel Piccoli in Claude Sautets „Die Dinge des Lebens“ vorträgt. Das gute alte Wort „herzerweichend“ ist für das Chanson von Philippe Sarde erfunden worden. Es hätte auch gut in die Doppelstunde gepasst. Das Original, und die Interpretation. Auf dem Cover des Albums, das demnächst erscheinen wird, sieht man ein Auto, das wohl, statt auf einem Schrottgelände, an einem Waldrand, seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Manfred Eicher hat „Rivages“ von Jean-Louis Matinier und Kevin Seddiki 2018 in Lugano produziert. Es lohnt sich, darauf zu warten. Es lohnt sich auch, den alten französischen Spielfilm wiederzusehen. „Ce soir nous sommes septembre / Et j’ai fermé ma chambre …“ Das Leben endet immer mit einem Schachmatt, schrieb Jean Paul Sartre einmal, und dies hätte dem Film als Motto vorangestellt werden können. Sätze mit „immer“ und „nie“ sind mit Vorsicht zu geniessen. Aber trotzdem, nach der Musik, nach dem Film, und nach der ausgegrabenen Radiosendung, habe ich richtig Lust bekommen, wieder mit Sarah Bakewell im „Café der Existenzialisten“ abzuhängen. Natürlich mit dem bittersüssen Aprikosen-Cocktail. Ihr Buch ist im Beck-Verlag in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung erschienen, schon vor längerer Zeit.

 

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4 Comments

  1. Bernd L.:

    Wenn man die Rezepte kennt …

    There are a some wonderful apricot liqueurs available, and favorites include Bols, Orchard, and Marie Brizard Apry. When looking at bottle labels, you may notice some, like Bols, are categorized as brandies.

    This information comes in handy when you need to make a cocktail such as the Lita Grey cocktail. The recipe pairs gin and sloe gin with (a non-brandy) apricot liqueur and Champagne. It’s quite lovely and the modern companion to the classic Charlie Chaplin Cocktail, which uses apricot brandy. I don‘t exactly what they had been drinking in Paris.

  2. Michael Engelbrecht:

    @ Bernd L: so ein Kommentar lässt mich schmunzeln. Sie haben die herrlichste Nebensächlichkeit dieses Textes mit Inspirationen gefüllt. Chapeau!

  3. Martina Weber:

    Die Klanghorizonte zu Ostern waren für mich immer ein Highlight, weil sie zweistündig waren. Damals waren die regulären Klanghorizonte nur 55 Minuten lang. Ich habe gerade mal nachgesehen und Aufnahmen der „Osterhorizonte“ (so habe ich sie betitelt) aus den Jahren 2003, 2006, 2008, 2010 und 2011 gefunden.

    Die Ausgabe aus dem Jahr 2005 mit den Filmmusiken, der ich dank des Links zuhören konnte, kannte ich auch. Ich muss zugeben, dass mich Filmmusiken, ohne den Film dabei zu sehen, generell eher nicht so begeistern. Nachdem ich vor ca. 15 Jahren diese Sendung gehört hatte, kaufte ich mir „Absencen“ des Kammerflimmer Kollektiefs und „Quiet City“ von Pan American. Beide sind seither Lieblingsalben.

    Imponiert hat mir nun beim Wiederhören sehr die Musik aus dem Film „Young Adam“. Gerade sah ich, dass die Hauptfigur von Ewan McGregor gespielt wird, der in „Stay“ der Psychiater war.

  4. Michael Engelbrecht:

    Aus dem Thema liesse sich leicht eine endlose Sendereihe machen. Beim Wiederhören achte ich ja gerne auf die erzählerischen Fäden, die hier natürlich manchen rasanten Schnitt vollführen.

    Ich wusste gar nicht mehr, dass ich ganz am Schluss die Kurve zu Filmmusiken von ECM kriegte, mit Eleni Karaindrou, und dem einzigen Ausschnitt aus einem Interview, als Jan Garbarek von einem Film von Tarkowski erzählt.

    All Those Born With Wings, so oder ganz ähnlich hiess Garbareks reines Soloalbum, auf dem er alle Instrumente selber spielt. Da war dem Russen auch ein grossartiges Stück gewidmet. Ein mir unvergessliches Album aus dem Jahre 1986 oder 87. In der Doppelstunde kam es nicht vor.

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