Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2019 21 Mai

Symphonia Harmoniæ Cælestium

von: Lajla Nizinski Filed under: Blog | TB | 2 Comments

 
 

L’amour inonde toutes choses

 

Hildegard von Bingen (1098-1179) ist mir als Benediktinerin, als Schriftstellerin („Der Mensch in der Verantwortung“), als Botanikerin, Heilmedizinerin und Theologin bekannt. Die Musikerin entdeckte ich erst jetzt auf einem Kulturfest in Brüssel. Dort wurden in einer Kirchenruine mehrere Stücke aus ihrer umfangreichen Musiksammlung Symphonia Harmoniæ Cælestium Revelationum uraufgeführt.

Wir betraten den halbdunklen Raum, der mit Liegesitzen, gruppiert um eine altarartige Insel, ausgestattet war. Das Konzert sollte drei Stunden dauern, Kamera verbot sich von selbst. In einer Ecke waren zwei Personen schemenhaft wahrzunehmen, leicht erhellt durch ein Instrument, das „strahlte“. Die beiden Künstler bewegten sich anmutig auf die Brücke zu, beide nur mit einem grauglitzernden Lendenschurz bekleidet. Beide die Haare zu einem dramatischen Dutt hochgesteckt. Die weißen Brüste der Musikerin lehnten an der Bandura. Jungfräuliche Renaissance Malereien kamen mir in den Sinn. Ich habe noch nie eine Bandura gesehen, angeblich ein ukrainisches Instrument, verwandt mit Harfe und Laute. Die Spielerin zupfte sehr zart, leise Klänge schufen sogleich eine mystische Atmosphäre. Der Sänger ließ sich langsam zu ihren Füßen nieder und begann mit sonorigen, gebetsartigen Gesängen. Die hellen Töne der Bandura untermalten die dunklen Klagelieder. In reinster Einfachheit saßen die beiden auf der Brücke, sangen, spielten und schmusten. Manchmal erhob sich der tanzbegabte Sänger und schien durch den Raum zu schweben. Das in Stille verharrende Publikum rutschte tiefer („meditatiefer“!) in die Liegesessel, manche waren bereits nach Minuten weggetreten oder eingeschlafen. Ich blieb wach, durchschritt angenehme, weil harmonische Sphären, betrat mystische Wege von kleinen Traumwelten. Das sparsam eingesetzte Lichtspiel liess einmal die Decke des Kirchenschiffs rot erleuchten: Morgenrot, Abendrot, Sommer, Winter, nur eine Ahnung der weltlichen Schatten. Was für eine tranceartige Zuhör-Erfahrung!

Es lohnt sich über die beiden französischen Künstler nachzulesen. Marie-Pierre Brébant und François Chaignaud haben in den Kompositionen von Hildegard von Bingen geforscht und ihr kryptisches Notenwerk übertragen.

Alle sieben Konzerte sind ausverkauft. Kein Wunder der 2012 heiliggesprochenen Hildegard von Bingen.

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2 Comments

  1. Jan Reetze:

    Das klingt nach einem wirklichen Konzerterlebnis.

    Die Alben “Hildegard von Bingen: Symphoniae” (1985) und “Voice of the Blood” (1995), beide von dem Ensemble Sequentia, sind nach wie vor sehr hörenswert, wenn man gerade mal in Mittelalterstimmung ist.

  2. Christoph:

    Auch hörenswert ist John Zorns Sacred Visions.

    „… Mystery Play in eleven strophes concerning the life, work and philosophy of 12th century composer, healer and visionary mystic Hildegard von Bingen, and is one of Zorn’s most beloved and acclaimed works for voice.“ (Tzadik.com)

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