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2019 21 Jan

Trinidad Gan: Wörterbücher | Diccionarios

von: Martina Weber Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  4 Kommentare

Es war ein langer Weg (ein Buch, eine Radiosendung, Pläne, Zufälle, dieselbe Leidenschaft, eine Freundschaft, eine kleine Provokation und viel Mut), der dahin führte, dass in diesen Tagen der zweisprachige Gedichtband Wörterbücher | Diccionarios als zweites Buch in der feinen Heidelberger Dependance des Hochroth Verlages erschien. Es begann vor etwa dreieinhalb Jahren, als ich über ein Poesieportal eine Mail von Geraldine Gutiérrez-Wienken erhielt, die fragte, ob sie zwei Gedichte aus meinem Band in ihrer spanisch-deutschen Radiosendung Poesía beim Bermudafunk Mannheim veröffentlichen könnte. Einige Zeit später trafen wir uns zum ersten Mal, an einem sonnigen Spätsommertag, an der Treppe zum Architekturmuseum, am Main. Menschen, die man ohne Personenbeschreibung, ohne Foto erkennt. Nach unserer ersten Begegnung schrieb mir Geraldine: „Ich denke, wir werden viele Projekte zusammen auf die Beine stellen und darauf freue ich mich.“ Wir übersetzen gemeinsam Gedichte aus dem Spanischen. Nun spreche ich zwar weder Spanisch noch verstehe ich es, ich habe jedoch durch einen Übersetzungsworkshop in Istanbul den Mut mitgenommen, mich vom wortwörtlichen, peniblem Übersetzen, wie ich es aus den alten Sprachen in der Schule kannte, zu lösen. Da Sprache sowieso nichts abbilden könne, hatte Kurt Drawert in seinem Einführungsvortrag gesagt, könne der Dichter allenfalls eine Ahnung von dem haben, worüber er im Gedicht spreche. Der Nachdichter müsse eine Ahnung von der Ahnung des Dichters haben. Das klang nach Freiheit und das gefiel mir. Bei der Frage, ob die Übersetzung im Hinblick auf den Originaltext verantwortet werden kann, hat Geraldine immer das letzte Wort.

 

Die spanische Lyrikerin Trinidad Gan stellt »Wörterbücher« des Lebens aus nächster Nähe zusammen. Ob auf Europas Straßen, beim Betrachten eines zerbrochenen Spiegels oder der Anrufung eines Belastungszeugen, in ihren Gedichten lodert die starke Flamme des Verlangens und der Wirklichkeit, ganz in der Lyriktradition eines Luis Cernuda oder Federico García Lorca.

 

Hier ist das Titelgedicht:
 
 

DICCIONARIOS

 

Al enfrentar lenguajes construimos

un muro para apartar las sombras

y trazamos, llevados por el pánico,

fronteras que contengan la vida y su avalancha.

 

Mas, cuando ella nos toca,

con su borde afilado, con su frágil belleza,

es tarea perdida.

                         Si restalla en los labios,

¿qué muralla podremos alzar entre los hombres?

 

Era tu noche triste, la mía de abandono.

En aquel alfabeto que yo no conocía

me hablabas, extranjero,

de los años pasados: deseo y literatura.

 

Bajo la lluvia fría vi mezclarse

las raíces comunes de nuestros diccionarios

y ya sólo escuché arder un eco:

dos voces conjugando la soledad vencida.

 
 

WÖRTERBÜCHER

 

Wenn wir uns mit Sprachen beschäftigen,

ziehen wir eine Mauer um uns, um Dunkles auszulöschen.

Wir bauen, aus Panik, Grenzen,

hinter denen das Leben mit seinen Lawinen liegt.

 

Aber wenn das Leben uns packt

mit seiner scharfen Kante,

seiner zerbrechlichen Schönheit,

wenn es zuckt oder zittert in unseren Lippen,

wie könnten wir dann an eine Mauer denken?

 

Era tu noche triste. Meine Nacht war Mutlosigkeit.

In einem Alphabet, das ich nicht kannte,

sprachst du zu mir, Fremder,

über die vergangenen Jahre: Sehnsucht und Literatur.

 

In einem kalten Regen erkannte ich

die gemeinsamen Wurzeln unserer Wörterbücher,

ich spürte, wie sie sich vermischten, und es glühte

ein Echo: die Einsamkeit zweier Stimmen

aufgehoben in ihrer Verbindung.

 
 
 
Hier ist der Link zum Buch.

 

Auf der Titelseite findet sich eine Zeichnung von Juan Luis Landaeta, einem Venezolanischen Dichter und Künstler, der in New York lebt.
 
 
 

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 21. Januar 2019 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

4 Kommentare

  1. Martina Weber:

    Hier ein Link zu einem kurzen Video, das die Malerei des Juan Luis Landaeta zeigt …

  2. Lajla:

    Das war sicher eine schöne Begegnung.

    Ich habe hier auf den Kanaren viele spanische Gedichte gelesen. Bei dem Vortrag eines Dichters auf einer Bühne vor großem Publikum, spürte ich, dass seine Lyrik die Herzen trifft. Auch meins. Ich verstehe nicht viel Spanisch, die Melodie seines Vortrags war ganz besonders schön. Als er ein Gedicht über El Hierro vortrug, empfand ich volle Vorfreude. Morgen werde ich dort il vento spüren.

  3. Martina:

    „Genuine poetry can communicate before it is understood.“ (T.S. Eliot)

  4. Geraldine:

    Zufall oder Poesie und Freundschaft. Ich kann alles hier nur bestätigen und mich weiter auf über unsere Freundschaft und weitere Lyrikprojekte freuen. Ich schätze unsere Leidenschaft für das Wort, im Bild und im Gedanken. Ich schätze unsere manchmal verzweifelte Suche nach dem inneren Klang, dem echten, im Gedicht und überhaupt im Leben.

    „Wörterbücher | Diccionarios“ ist ein Beispiel dafür. Wieviel innere Nähe in diesen zwei Sprachen (Spanisch und Deutsch) steckt, zeigt sich in deiner lyrischen Sprache. Und dies ohne die Unterschiede auszuklammern, also wie in echten Wörterbüchern!

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