Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2018 9 Okt

Music cities on sale

von: Lajla Nizinski Abgelegt unter: Blog | TB | 10 Kommentare

„Leben ist üben. Wer nicht übt, ist tot.“ (P. Sloterdijk)

 

And though the earth may tremble and our fondations crack

We will all assemble and we will build them back

happy birthday Jackson Browne

 
 
 
Nach der Magical Mystery Tour in Liverpool hatte ich vor, an der Music Tour in Düsseldorf teilzunehmen. Als ich las, dass Rudi Esch der Veranstalter ist, winkte ich ab. Der Electri_City Manager und Buchautor hatte Brian Eno zu seinem Event am kommenden Samstag eingeladen, dann wieder ausgeladen, dann ein Foto mit dem „verständnisvollen“ Brian Eno in London auf seiner Website hochgeladen. Wie dumpfbackig ist das denn!

Ich dachte über die beiden Städte nach. Woher kommt die Innovationsbereitschaft von Liverpool und Düsseldorf,  woraus ist der Humus, auf dem musikalische Lokalhelden der Tourismusindustrie zum Wachstum verhelfen?

Aus Liverpool kommend wurde mir mal wieder klar, in welcher clublosen Stadt ich lebe. Wohin gehen, wenn man tanzen, singen, lachen will? Das fröhliche Treiben in den Pubs und Clubs in Liverpool ist für mich soulfood. Ich habe immer eine Clubszene in Düsseldorf vermisst. Das Frische, Freche, Frohe, das Beatles Fans in aller Welt bis zur Ohnmacht trieb, ist in Liverpool auch heutzutage fühlbar. In den alterslosen Clubs wird viel gelacht, geneckt, gejoked. Was für eine soziale Nähe.

Als Brian Epstein 1961 in einem seiner beiden Plattenläden gefragt wurde „Verkaufen Sie auch Beatles Platten?“, war schnell klar, dass er sie managen würde. Sein Wohlstand war natürlich für the poor four attraktiv. Das Geld war auf dem Liverpooler Humus eine karrieretreibende Kraft. Der Cavern das Gewächshaus. Die Freundschaft der Beatles untereinander, die gemeinsamen Themen: Musik, Schalk, Staunen auf das Neue sind aber meiner Ansicht nach ausschlagebend für ihren unvergesslichen Ruhm. Das heutige Liverpool mit seiner rising creative class, seinem Enthusiasmus für Fussball, seinen wieder entdeckten Musikern und seinen neuen macht eine Mischung aus, die das Marketing und die Tourismusindustrie befördern.

Wie gelang es bloß Kraftwerk, die Musikszene in Düsseldorf so zu revolutionieren? Auffallend im Vergleich der beiden Städte ist der hohe Stellenwert der Kunst vor Ort. Düsseldorf hat seit 1945 eine weltberühmte Kunstakademie. Große Architekten (Hentrich) bauten hier in die Höhe. Das freigiebige Mäzenatentum aus der Industrie (Henkel) hat hier Tradition. In den 80er Jahren saßen die besten Innovationsköpfe an der Heinrich Heine Universität (Frank, Hörisch). Die kühle Elektronik von Kraftwerk ist sicher auf diesem heimischen Humus gewachsen. Als der berühmte Galerist Hans Mayer seine neue Galerie am Grabbeplatz einweihte, gab Kraftwerk dort ein zwanzigminütiges Konzert.

Sie treten im elitären exklusiven Dunst auf, und verschwinden nach ihrem kühlen Musikauftritt. Welch Unterschied zu Paul McCartney, der in einen heimischen Club schlendert und den Kontakt zu seinen Fans hält. Oder Ringo, auch wenn er in Liverpool auf einem Dach spielt. Boys, was würde ich dafür geben, sein bubenhaftes Lachen zu sehen. Kraftwerk ist halt doch eine Musikmaschine. Ich glaube nicht, dass Kraftwerk als lokale Identität im neuen Marketing Konzept von Düsseldorf eine effiziente Rolle spielen kann. Auch nicht die Toten Hosen, auch nicht Krautrock. Die Düsseldorfer pilgern nicht zu deren Orten, weil sie nicht mehr lebendig sind. Und die junge Musikszene spielt sich nicht in Düsseldorf ab, sondern in Köln, Lüttich oder Amsterdam. Dort hat der DJ das Sagen.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 9. Oktober 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

10 Kommentare

  1. Jochen:

    „Leben ist üben“ – diese These erschien mir grad heute (auf einer Radtour) das erste Mal wirklich evident (manafonistic synchronicities yet again). Es gibt nichts ausser Üben.

    Von Sloterdijk sind jetzt auch neue Tagebuchaufzeichnungen bei Suhrkamp erschienen, auf die ich mich diebisch freue. Mal schauen, was er wieder übers Radfahren schreibt …

  2. uwe Meilchen:

    An den „Ratinger Hof“ und die Punkscene in Düsseldorf sei hiermit auch erinnert. (Und an die Schlagersängerin Dorthe und ihren nun fünfzig Jahre alten Hit.) 😎

  3. Jan Reetze:

    Ich glaube, das mit Kraftwerk und Düsseldorf ist sowieso ein Missverständnis. Düsseldorf mit seiner Kunst- und Galerienlandschaft war zwar das richtige Biotop für ihren Start (da war das elektronischste an ihnen eine Orgel), aber dass die Band — wie man bei Esch immer wieder liest — von der Szene bis heute als „our very own“ gesehen wird, ist richtig, entspricht aber spätestens seit 1975 nicht mehr den Gegebenheiten. Kraftwerk spielte seitdem in einer ganz anderen Liga. Interessant allerdings, dass sich die Düsseldorfer Szene bis heute an der Band abarbeitet.

    Was war denn das für eine Geschichte mit Esch und Eno?

  4. Lajla:

    Jan, Brian Eno unterstützt den BDS.Das wissen wir schon seit letztem Jahr. Trotzdem hat Esch ihn zu seiner Electri_City Konferenz am 13.10.18 als Referent eingeladen. Parallel dazu sollte Eno seine Video Installationen zeigen. Nach Esch’s Rückkehr aus Israel hat er plötzlich Eno wieder ausgeladen, die Ausstellung wurde auch abgesagt. Ich glaube, dass es tendenziöse Sponsoren waren, die Druck machten.

  5. Jan:

    Danke, Lajla, diese Geschichte muss dann wohl an mir vorbeigerauscht sein. Dass Eno BDS unterstützt, weiß ich, und ich habe dazu auch eine Meinung, die hier aber nicht von Belang ist. Jedenfalls wäre das kein Grund für mich, Eno auszuladen, sondern eher eine Gelegenheit, ihn dazu zu befragen.

    Auf die Zusammenarbeit mit Sponsoren, die mich unter Druck setzen wollen, würde ich dankend verzichten. Ich weiß, das sagt sich leicht, aber es gibt Grundsatzfragen, bei denen man konsequent bleiben muss, auch wenn es unbequem ist.

  6. Lajla:

    Jan, stimme dir zu. Ich werde trotzdem am Samstag an die Peripherie dieser Konferenz gehen, um die ausgelegten Bücher anzusehen.

    Jochen, Sloty fährt jetzt Sportrad, übt wahrscheinlich für die nächste Tour de France.😁

    Jedenfalls hat er in den neuen Tagebüchern schwer in die Sprachpedalen getreten. Ein Gedanke über Boston, könnte auch Chemnitz sein, lautet so: Perverse Überbelohnung einer marginalen Untat in psychopathischer Synchronschaltung.

  7. uwe Meilchen:

    Die Ermordung Unschuldiger ist also eine marginale Untat. So durchgeistigt muss man erstmal denken. Chapeau ! Aber euer „Sloty“ fabulierte ja auch schon von Menschenparks. ://

  8. Michael Engelbrecht:

    Palestine’s a country
    Or at least used to be
    Palestine’s a country
    Or at least used to be
    Felahin, refugee
    (Kurdistan similarly)
    Need something to build on
    Rather like the rest of us

    Robert Wyatt, Dondestan lyrics
    nach Motiven eines Kinderbuchs

    Dazu dann, nach vielen Jahren repressiver Apartheid-Politik Israels dann auch noch dies im Juli. Was für eine elende Regierung Israel doch hat, und das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit Antifaschismus. Unfassbar.

    https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-07/knesset-israel-benjamin-netanjahu-hebraeisch-gesetz-siedlungen

  9. Jochen:

    @ Uwe

    Fury in the Slotyhouse :)

  10. uwe Meilchen:

    @ Jochen

    Aber ja, immernoch immer wieder gerne ! :)

    „Time To Wonder“ 💚👂🔥🔊

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