Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2018 10 Aug

E & U – My Ways

von: Hans-Dieter Klinger Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | 7 Kommentare

Ein besserer Titel ist mir nicht eingefallen, obwohl ich lange nach einem anderen gesucht habe. Erinnert er doch an Frank Sinatras Hit My Way, an einen Song, den ich nicht mag. Der Zufall hat es gegeben, dass ich nicht in Saudi-Arabien, nicht in Syrien, nicht in der DDR, nicht in Bangladesh zur Welt gekommen bin. Ich habe Glück gehabt. Ich bin in einem Wegenetz angekommen, das ich mir freilich nicht aussuchen konnte, das mir aber lieber ist als andere schicksalhaft mögliche.

„I did it my way“ – naja, das tut auf irgendeine Weise jeder. Freilich gibt es eine Auswahl vielgestaltiger Wege: ausgetretene broad ways, verwachsene Pfade, Sackgassen, Seitenwege ‘beyond mainstream’. Der schönsten einer, die sich mir öffneten, ist der Manafonistas Blog. Auf meinen Wegen im schwedischen Lappland umschwirren mich bald Mosquitos, sobald ich stehen bleibe. Und in der Manafonistas Welt finde ich Sätze, die – wenn ich innehalte – sich zuverlässig melden, sich nicht abschütteln lassen, mosquitoartig. Es sind nur wenige, dieser zum Beispiel:
 

Ganz gewiss gehören weder du noch Gregor zu jenen, die meinen, man sei mit „höheren Weihen“ gesegnet, wenn man in der Klassik weilt (solche Menschen kannte ich aber)

 
Bei den verzweifelten Versuchen, einen griffigen Namen für die sog. „Klassische Musik“ zu finden, taucht neben anderen der Begriff „Bildungsmusik“ auf. So übel ist er nicht. Das Verhältnis von Claydermans Ballade pour Adeline zu Beethovens Hammerklaviersonate entspricht etwa dem von Mensch ärgere dich nicht zu Schach. In beiden Fällen ist das andere erheblich anspruchsvoller als das eine. „Bildungsmusik“ respektive „Klassik“ war zu meiner Schulzeit einziger Gegenstand der sog. Höheren Bildung im Fach Musik. In den Lehrplänen tauchten Popkultur, Jazz und dergleichen nicht auf. Mein junger Musiklehrer am Gymnasium Münchberg behandelte jedoch den Jazz, entgegen aller curricularer Vorschriften. Sensationell. Seine Wissensbasis war das 1953 erstmals erschienene Jazzbuch J.E. Berendts, welches ich kurz darauf erwarb. So gab es innerhalb meines Klanghorizontes vorerst ausschließlich Klassische Musik – bis zum Alter von etwa 17 Jahren.
 
 
 


 
 
 

Mit „höheren Weihen“ gesegnet fühlte ich mich deswegen nie. Ich komme nicht aus einem Elternhaus, das dem Bildungsbürgertum angehörte. Meine Altvorderen waren vorwiegend Bauern und Handwerker, meine Mama eine Angestellte. Zu Hause wurde nicht musiziert, niemand spielte ein Instrument. Wie es dazu kam, dass mich Musik gepackt und nicht mehr losgelassen hat, weiß ich im Grunde nicht. Wir hatten ein Radiogerät. Meine Lieblingssendung war der Landfunk. Ach was! Es war die einzige Sendung, die ich mir als Vorschulkind anhörte. Die Beiträge zu Ackerbau und Viehzucht habe ich ertragen, der eingestreuten kurzen Volksmusik wegen. Mundgeblasenes gab es einmal im Jahr zum Schützenfest, wenn die Helmbrechts Marching Band zum Festplatz zog und den Tag im Bierzelt verbrachte. Man hätte mich vormittags vor der Kapelle abstellen und nachmittags abholen können. Abends im Bett habe ich dann selbst Musik gemacht, vokale Variationen über Blasmusik, autodidaktische Stimm- und Gehörbildung bis ich in den Schlaf fiel.
 
 
 

 
 

Das hat mir meine Mama vor ein paar Wochen geschildert. Sie kann noch viel erzählen, aus ihrer Jugend, von unserer Familie. Als ich 12 Jahre alt war kaufte sie für mich ein Klavier, ein Steingraeber Piano. Es kostete etwa das 10-fache ihres Monatsgehalts.

Als Teenager war ich sogar AFN-Hörer. Wenn ich nach der Schule, nach der Zugfahrt und dem Weg vom Bahnhof zu Hause eintraf, war die Zeit gekommen, da AFN Sinfonische Musik sendete. Niemand hat mich angehalten, gehindert oder gezwungen, Klassische Musik zu hören. Warum ich diesen Weg über manchmal verwachsene Pfade gewählt habe, weiß ich nicht. Die Musik hat mich einfach angetörnt.
 

Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden.

Dieser Satz ist nicht von mir, sondern von einem wahren Genie. So etwas kann mir nicht einfallen. Jedoch habe ich, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, das Gefühl, dass er nicht ganz unpassend meine musikalischen Wege charakterisiert.
 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Freitag, 10. August 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

7 Kommentare

  1. Uwe Meilchen:

    Eine beliebte Kinderfrage ist: „Warum?“

    In diesem Sinne fand und finde ich es immer schön wenn man sich erkundigt, WARUM jemand etwas gerne hört, gerne liest, gerne „macht“. Das Erzählen darüber, das Zuhören des Gegenübers es verstehen wollen, sich das Kindliche bewahren, neugierig bleiben, auch auf für einen selbst Abwegiges ist so wichtig. Vielleicht hört jemand gerne Schlagermusik, die gar nicht aus „seiner“ Zeit stammt, weil diese Musik in an Zeiten erinnert, als alle seine Menschen noch da waren und diese Musik gehört haben? Darüber zu grinsen und zu urteilen ist einfach. „Erzähl mir von dir!“ bringt mehr.

  2. Jochen:

    Der ungeheure Mosquito-Satz ist von mir. Sollte er deinen wunderbaren Musik-Sozialisationstext provoziert haben, bereue ich ihn nicht, Hans-Dieter.

    (es soll tatsächlich auch Leute geben, die ausser Wagner nichts gelten lassen)

  3. Rosato:

     
    Lieber Jochen,
    da hast du nichts zu bereuen
    deinen Satz habe ich als großes Kompliment empfunden
    und ja, er ist der Anlass gewesen für diese Introspektion
     
     
    Lieber Uwe,
    in diesem ’speziellen‘ Fall habe ich mich selbst nach dem WARUM befragt
    meine Antwort (noch einmal): Die Musik hat mich einfach angetörnt
    anders konnte das für mich als Kind auch nicht funktionieren

    Das Unmittelbar-angesprochen-werden ist für mich immer noch der erste und wichtigste Schritt hinein in ein Musikstück. Wenn ich es bedenke, habe ich wohl selten jemand befragt, WARUM sie/er dies & das gerne hört.

    Die Bedeutung, die Musik (jegliche Art von Musik!) für jemanden persönlich hat, ist unbestritten und sollte nicht klein geredet werden. Dies wurde und wird in ‚bestimmten Kreisen‘ (sach ich mal) übersehen, ausgeklammert, gar für überflüssig gehalten. Ich hol noch einmal den Josef Bulva aus dem Zylinder …

  4. Gregor:

    Schön, dass du in dieser Freiheit aufwachsen konntest. Ich musste um meine Musik kämpfen, sie heimlich hören, sie galt nichts, Klassik war alles, für meinen Vater vor allem Wagner. Aber für seine Musik zu kämpfen, das hat ja auch was. Klassische Musik habe ich nach und nach für mich selber entdeckt, wahrscheinlich über den Umweg „O. Messiaen und J. Cage u.a.

  5. Michael Engelbrecht:

    Da könntest du sicher auch eine grössere Erzählung rausmachen, Hans-Dieter. 187 Seiten vielleicht. Dieses stille Brennen für etwas. Im Hinterland.

    Meine ersten Vokalübungen im Bett waren zu Freddy Quinns Junge, komm bald wieder… das war Spass. Sonntags wurde ab und zu Klassik aufgelegt, alle waren ernst, alt, assen Kuchen, hatten wenig Humor, und husteten. In dem Jahr, als ich den Kindergarten auslassen durfte, allmorgendliches Radio, Schlager, Easy Listening, Kurt Edelhagen. Da konnte mich sogar Mittelprächtiges faszinieren, auf dem roten Kissen neben dem Kohleofen. Dann, ein paar Jahre später, Europawelle Saar und Radio Luxemburg, ein Piratensender an der Nordsee, und zum ersten Mal All Day And All Of The Night, von den Kinks, Meine Erleuchtung.

  6. Rosato:

    Sicher ist meine Geschichte nicht auserzählt – noch nicht. Ich denke schon an eine Fortsetzung. 187 Seiten werden es nicht. Ein abschreckender Titel ist mir schon eingefallen.

    Ich halte meine musikalische Sozialisation für recht atypisch. Meiner Cousine – sie ist zusammen mit mir aufgewachsen – stand das gleiche Radiogerät zur Verfügung, sie durfte auch Schützenfeste besuchen, aber in Sachen Musik ist es bei ihr ganz anders gelaufen.

    Schöne Geschichte, was dir alles zu Ohren gekommen ist. Ich denke, ich darf mich über Folgendes schon wundern: so weit ich es beurteilen kann, hast du weder ein Instrument gespielt (falsch?), noch hast du Musikwissenschaft studiert, noch hast du in Willi Apels Buch Die Notation der polyphonen Musik herumgeschmökert und hast letztlich weite Klanghorizonte erkundet, oft hinreißend von diesen Klanglandschaften erzählt, schon beim NDR (ich habe die ECM-Reihe in meinem Archiv vor fast 2 Jahren wiederentdeckt), beim DLF, und wer weiß wo noch. Da sieht man, wohin es führt, wenn man auf verwachsenen Pfaden wandelt …

    Noch eine Anmerkung zu Uwes W-Frage. Gestern abend, kurz vor dem Einschlafen, ist mir eingefallen, dass man auch fragen kann, WARUM jemand etwas lieber NICHT hört, liest, isst etc.

  7. Michael Engelbrecht:

    Stimmt alles! :)

    Hans-Dieter, ich gehörte zu den Wunderkindern, aber nicht zu denen, die die über Tasten eines Bechsteins jagten, sondern zu den „Wunderohrenkindern“, über sie wurde selten berichtet. Wir hatten eine wahnsinnig gute Intuition für musikalische Qualität, sobald wir das 10. Lebensjahr erreicht hatten.

    Ganz gleich, auf welchem Piratensender, ich den einen oder anderen Song aufgesogen hatte, Weihnachten 1971 waren auf dem Gabentisch – i was sweet fifteen – folgende Schallplatten ausgebreitet: Joni Mitchell: Blue, The Allman Brothers Band: Live at Fillmore East, Miles Live at the Fillmore (Doppel-Vinyl, mit Keith Jarrett:)) – und eine Aretha Franklin-Platte, ebenfalls aus einem der beiden Fillmore Clubs – zwischendurch kam Ray Charles zu einem Duett auf die Bühne. Aretha ist nun auch gestorben, im Alter von 76 Jahren.

    Wie gesagt: Wunderohrenkinder. Wir brauchten keine Bücher über Polyphonie, keinen Blockflötenunterricht, keinen Notenschlüssel. Wir waren „der Wahnsinn“, wir waren Tausende und Abertausende, wir waren die wilden Lauscher.


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