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2018 6 Aug

Left Lost

von: Jochen Siemer Filed under: Blog | TB | Tags:  | 7 Comments

In einem Kraftakt abends um kurz nach Zehn ist es geschehen: erfolgreich abgeschlossen mit summa cum laude wurde ein Serienmarathon von nicht gekanntem Ausmass. Gut, Trainingseinheiten en masse fanden im Vorfeld statt, Kurse mit Namen Mad Men, Breaking Bad, Sons of Anarchy und manche mehr. Und doch, dies war eine andere Nummer: sechs Staffeln nacheinander, jeden Tag eine Episode, allerhöchstens zwei, insgesamt gut neunzig Stunden Fernsehzeit. Und man braucht „högschte Konzentration“, mit Berieselung war da kein Weiterkommen. Hernach sogleich zum PC gestürzt. Gierig, als sei es eine Nase Koks, ein Stoff, den unsereins ja nie genossen hat, zog ich mir rein, was über Wochen mir versagt war: die Reviews und Kritiken endlich nun zu lesen, Belohnung quasi für Strapazen, die man gerne auf sich nahm. Das, was man sah, emphatisch miterlebte, mit Anderen zu teilen nun. Mehr als beruhigend dann, dass die auch so ihre Probleme hatten: der Schluss der Serie war nah an einer Sonntagspredigt und manche Logik eines Handlungsstranges ging irgendwo verloren. Dem Grundkanon der Rezipienten, dies sei eine grossartige, erzähltechnisch Maßstäbe setzende Fernsehshow, schliesse ich mich an. Die erste Staffel lief im Jahr Zweitausendvier. Damals war im Traum nicht dran zu denken, die Lebenszeit dem Fernsehen zu schenken. Die letzte wurde im Jahr Zweitausendzehn beendet. Meanwhile the televised Revolution has become a quite a familiar place. Findet sich da auch schon ein leichter Abnutzungsprozess, eine leise sich anbahnende Tele-Müdigkeit? Und doch, selbst der durch Zeiten und Leben hindurch wiedergeborene Skeptiker in mir kann sich dem nicht entziehen: frappierend etwa ist die Modernität und Vielfältigkeit der Charaktere. Was sich da aus aller Herren Länder trifft zu einer besonderen Art von Encounter. Allein, was die Drehstandorte betrifft, müssen Unsummen verschlungen worden sein, als seien sie das Opfer einer böse-biestig schwarzen Wolke gewesen. Und richtig, spoke with Wikipedia: allein ein Flugzeugwrack auf eine Insel nach Hawaii zu bringen, kostete locker eine Million. Wie auch bei anderen Serien sind es ja vor allem die detailreichen, tiefenscharfen Zeichnungen der Charaktere. Dass es heute vorrangig Fernsehserien sind und nicht, wie vor Jahrzehnten noch Romane, die imstande sind, Erzählungen von epischem Ausmass vom Stapel zu lassen, das zeigt auch LostGrandiose Schauspieler spielen grandiose Figuren: Hugo „Hurley“ Reyes, Kate Austen, Benjamin Linus, John Locke, Jack Sheppard, Jin und Sun Paik, Claire, Michael … Deren aller Stimmen werden mir wohl nach Wochen im Ohr nachklingen wie liebgewonnene Vertraute. Meet you in another life, brother. Dieser ungeheure Kontrastreichtum auch durch die Schnitt-Wechsel von Wildnis und westlicher Zivilisation. Der Wortwitz in den Dialogen. M deutete das neulich an, missing Sawyers humor. Aber auch Jackpotknacker Hurley hat es in sich. Take „rotten“ rockstar Charlie and his Mancunian Slang. Interessant zu lesen, dass Evangeline Lilly, unsere liebe „Kate“, mit genau jenem während der Dreharbeiten eine Relationship hatte (sorry, das wäre die „Frau im Spiegel“, die ich beim Friseur gern läse). Jene Schauspielerin, deren Haus auf Hawaii während der dortigen Dreharbeiten (nun ist es raus, thats the island) abbrannte, sie ihren gesamten Besitz verlor, und überhaupt keine Eile hatte, ihren privaten Lost-Zustand vorschnell zu beenden. Just sideeffects, Marginalien. Das Ende der Serie wurde heftig diskutiert, so lese ich und pflichte bei, finde auch hier meine Wahlverwandten. Einziger Kritikpunkt meinerseits ist und bleibt die Filmmusik. Sie ist gewiss ganz ausgezeichnet und auf den Punkt genau komponiert. Jedes Blatt, das vom Baume fällt, bekommt so ungefähr den passenden melodramatischen Klangabgang. Ben Hur und die Titanic lassen grüssen, oh Graus. Und noch ein Zweites, und hier freue ich mich schon auf Kommendes, nach einer gewissen Rekonvaleszenz: die Stille, das die Einbildungskraft beflügelnde Fast-Nichts im Randgeschehen. Wie in Breaking Bad, wo eine einsame Coladose in der Wüste minutenlang Bände spricht. Man kann nicht Alles haben. Wie sagte jüngst ein gestürzter Radrennfahrer: „Ich weiss noch nicht, wann ich wieder in der Lage bin, aufs Rad zu steigen, brauche erstmal Abstand von der Tour.“ Doch dann gehts weiter, für den einen auf der Giro d´Italia und für den anderen auf dem Sunset Boulevard der neuen Serienwelt: ungedopt, frisch geduscht, geduzt und garantiert nicht ausgebuht.

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7 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Als sich Damon Lindelof viele Jahre später an THE LEFTOVERS machte, lieferte er in der finalen dritten Staffel dieser nicht minder umwerfenden Serie einen Showdown ab, der die verzeihliche Schwäche seiner „Sonntagspredigt“ locker kompensierte – mit dem herrlichsten Liebesirrsinn am Ende der Welt.

  2. Martina Weber:

    Nun, ob Hawaii „the island“ ist, wäre eine Diskussion wert. Es war der Drehort. Steht aber als Metapher für anderes. Zum Beispiel für eine intensiv erlebte Lebensphase.

  3. Jochen:

    Natürlich ist es der Drehort, not „the Island“. Die ganze Zeit fragte ich mich, wo das wohl gedreht worden sei. Eine intensiv erlebte Lebensphase – auch da stimme ich zu. Was mir fehlte, waren ausgedehnte kontemplative Phasen.

    So much action, so much drama. Allerdings nicht diese schier unerträgliche Spannung wie bei Breaking Bad oder Sons of Anarchy – da musste ich teilweise abschalten. Nervenaufreibender Irrsinn, in den die Helden sich da verstrickten.

  4. Michael Engelbrecht:

    Drei Fans von LOST, und drei verschiedene Wahrnehmungen, so soll es sein.

    Die Musik hat mich bei LOST nie gestört, ich fand die sogar als Teil der Gesamterfahrung gut. Aber isoliert von den Bildern – nein, danke. Von meinen Ideen her, bevorzuge ich auch subtilere Musik.

    Breaking Bad konnte ich mir nicht ziehen, weil mir der Protagonist zutiefst zuwider war. Anders als unser „Held“ in SoA.

  5. Martina Weber:

    LOST zu schauen war in erster Linie eine sehr intensive und fantastisch gute Zeit.

    Es hatte etwas Obsessives, man muss das schon durchhalten können. Eine Freundin sagte mir, sie sei verloren gegangen im sich nie auflösenden Handlungsstrang. Gerade das hat mir gefallen. Die Charakterzeichnungen waren diffizil und ich fand es interessant, dass ich selbst zu Charakteren, die ich erst nicht so mochte, einen Zugang bekam.

    Dir fehlten kontemplative Phasen, Jochen?
    Wir haben doch dauernd aufs Meer geschaut! :)

    Das Ende war ein bisschen pathetisch, übersymbolisch und amerikanisch auf eine religiöse Art. Aber musste das nicht sein, nach so vielen Episoden?
     
    Kate said we were leaving.
    – Not leaving. Moving on.
    Where are we going?
    – Let´s go find out.
     

  6. Michael Engelbrecht:

    Diese neuen grossen Serien verdrängen Fernsehen, wie wir es kennen. Nie mehr Serien mir Werbeblöcken zwischendurch.

    Es lebe Netflix, der grosse Bildschirm, die Leinwand im Homecinema, und selbstgemachtes Popcorn :)

    Natürlich geht es auch auf dem Ipad, und Computerbildschirmen. Trance doesn‘t require big formats.

    Ich sah zuletzt

    Homeland 6 – exzellent

    Derzeit

    Allwöchentlich eine neue Folge The Affair 4 – very good
    Sowie auf DVD Shetland 4 – great, dark, gritty …

    Und was LOST betrifft, bin ich alt genug zu sagen: it has changed my life in certain ways :)

  7. Martina Weber:

    Serien mit Werbeblöcken habe ich nie geschaut. Die liefen zu einer Zeit, in der ich fast gar keine Filme gesehen habe. (Auch schade.) Ich habe LOST über den Fernseher gesehen. Kein High class equipment wie es vermutlich bei dir vorhanden sein wird, aber ganz okay.

    Ist es nicht so, dass Filme, die stark auf uns wirken und mit denen wir so viel Zeit verbringen wie mit LOST, zwangsläufig etwas in uns verändern? Es ist ja doch ein Teilhaben an etwas. LOST hat für mich viel Leichtigkeit transportiert. Und eine große Zuversicht.


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