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2018 2 Jun

Gregor öffnet seinen Bücherschrank

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | Keine Kommentare

Die Liste seiner Literaturpreise ist lang, aber einer dieser Auszeichnungen hat mich denn doch überrascht. David Mitchell bekam 2015 den World Fantasy Award für seinen vorletzten Roman Die Knochenuhren. Wir erinnern uns: der Roman zerfällt, wie bei Mitchell üblich – wir lassen Der Dreizehnte Monat einmal außen vor – in mehrere Teile, mehrere Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, Bereits während der ersten vier Geschichten spürt der Leser, dass da etwas nicht stimmt, irgendwie fallen die Geschichten kaum merklich aus der Realität. Aber erst im fünften Teil lesen wir Fantasy pur. Mitchells Leser staunten nicht schlecht, das gab es bei ihm bisher nicht. Genau für diese Geschichte, Teil fünf der Knochenuhren, erhielt der Autor diesen Preis.

 
 
 

 
 
 

Am 15.Mai dieses Jahres erschien nun Slade House, der neue Roman von David Mitchell. Es sei gleich verraten, das ist nun ein ganzes Buch Fantasy pur. Das geheimnisvolle Slade House in der Slade Alley mit allem was drumherum passiert, alles Fantasy. Immerhin bleibt Mitchell sich und seinen bisherigen Büchern treu, wenn er auch diesen Roman in verschiedene Geschichten, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen, zerfallen lässt, freilich spannt er den Zeitrahmen dieses Mal recht kurz: es beginnt im Jahre 1979 und schreitet im Neun-Jahres-Rhythmus bis zum Jahr 2015 fort. Die fünf relativ kurzen Geschichten werden dem Leser jeweils aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven präsentiert: zunächst erzählt der Schüler Nathan Bishop, wie er und seine Mutter Lady Grayer und ihren vermeintlichen Sohn im Slade House besuchen. Die zweite Erzählung wird aus der Sicht eines Polizisten, die dritte aus der einer Studentin, die vierte aus der einer Journalistin und die fünfte von einem der Grayer-Zwillingen dargeboten. Die ersten vier Ich-Erzähler gelangen alle ins Slade House, aus dem es kein Zurück gibt, denn hier geht es darum, dass man ihnen die Seele nimmt. Thema ist also einmal mehr lebenswütige Menschen, die den eigenen Tod nicht akzeptieren wollen und auf Kosten des Lebens anderer ihr Dasein ins Unendliche ausweiten möchten.-

Von der Slade Alley führt ein nur alle neun Jahre im Oktober sichtbares Türchen in einen paradiesisch anmutenden Garten an dessen Ende das riesige, unheimliche Slade House aufragt. Hier leben die Grayer-Zwillinge, die alle neun Jahre Seelen-Nachschub brauchen. All das kommt der Mitchell-Leser-Gemeinde natürlich bekannt vor: genau um diese Thematik ging es in den Knochenuhren. Slade House könnte man ja auch durchaus als Fortsetzung dieses 816 Seiten Wälzers verstehen, wobei freilich, für Mitchell höchst ungewöhnlich, Slade House recht knapp ausgefallen ist: 233 Seiten kurz. Hier wie dort kämpfen die Horlogen für die Unantastbarkeit des Lebens und gegen die Gier nach Unsterblichkeit.

Obwohl ich gewiss kein Liebhaber von Fantasy-Literatur bin, gefällt mir auch dieser Roman Mitchells sehr gut. Die fünf Geschichten sind dermaßen gut erzählt, dass der Leser die Figuren und die Stories sehr schnell lieb gewinnt und sich nur schwerlich damit abfinden kann, dass die Erzählungen rasch abbrechen und er sich auf Neues einstellen muss, was allerdings wiederum im Handumdrehen gelingt. Wie immer legt Mitchell viel Wert auf die historische und kulturelle Situation der jeweiligen Zeit, in der eine Erzählung spielt: 2015 ist natürlich von iPhone als Kommunikationsmittel die Rede, 2006 vom Handy und den SMS, natürlich auch von Tony Blair, 1997 spielen die Eels ihr Novocaine for the Soul, Morrissey titt auf, Björk singt die Hyperballad und von Massive Attack gibt es Safe from Harm.

 
 
 

 
 
 

Auch freut den Mitchell-Leser, dass er Bekanntes aus früheren Romanen wiederfinden kann: So arbeitet die Jounalistin Freya im vierten Teil des Slade House für die Zeitschrift Spyglass Magazine, wir kennen es aus dem Wolkenatlas, dort arbeitete Luisa Rey für diese Illustrierte. Auch Dr. Marinus ist ein alter Bekannter, er spielt in den Knochenuhren eine wichtige Rolle. Ganz zu schweigen von Vyryan Ayrs, dem Robert Frobisher im Chateau Zedelheim dient (Wolkenatlas).

Nach Chaos, Der Wolkenatlas, Der dreizehnte Monat, number 9 Dream, Die tausend Herbste des Jacob de Zoet und Die Knochenuhren ist Slade House sicher nicht Mitchells stärkster Roman, aber der Freund der Bücher dieses Autors kommt auf seine Kosten und für den Entdecker von David Mitchells Bücher ist Slade House sicher ein guter Einstieg in seine Romanwelt.

 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 2. Juni 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen. Pingen ist zur Zeit nicht erlaubt.

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