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2018 24 Feb

„That‘s All, Folks!“

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 7 Kommentare

Wir wussten, dass in Deutschland Zauberer unterwegs waren, manche hatten magische Pilze, andere makriobotische Ernährung im Repertoire. Bei der Volksmusik konnten sie nicht fündig werden, die Eltern sprachen von Hottentottenmusik, und die von ihrer Nazizeit Heimgesuchten fanden kleine Fluchten in Bella Italia, in deutschen Schlagern – und Fleischfondues incl. Diashows und James Last. Deutschland wollte ja wieder unschuldig werden und wählte die Regressionen, die schlechter Geschmack und gut gefüllte Geldbeutel eben möglich machen.

Mit vertrauten und fast vergessenen Magiern der „Deutschen Elektronischen Musik“ hat Soul Jazz Records jetzt eine dritte Kompilation rausgebracht, zwei CDs, drei Vinylscheiben. Krautrocker, Sphärenforscher, Trancegroover – die Palette der Jahre 1971 bis 1981 war ein üppiger Strauss der Vielfältigkeiten. Zu entdecken gibt es wohl immer noch so einiges. Vieles wurde durch die Zeit an den Rand gedrängt, dabei hält der Underground jener Jahre immer noch  wilde, weissgott nicht nur wohlige, Schauer parat.

Und so driftet man durch allerlei Welten hier, zwischen willkommenen „Dejavus“ und augenreibenden „Was-ist-das-denn-Momenten“. Ich gestehe, mehr als ein breites Honigkuchengrinsen fiel mir nicht ein, als ich, im Laufe dieser zwei Stunden (am Stück im Dunkeln gehört, mit Kiff, Ananas und Kerzenschein) zwei lange Tracks des fantastischen Michael Bundt entdeckte. Ich kannte nicht mal den Namen. Stuart Baker liess im übrigen, als die Archäologen im Londoner Hauptquartier den letzten Staub aus den Regalen gefegt hatten, seine Designabteilung wissen, das sei nun nicht mehr zu steigern, und sie mögen auf das geplante Cover noch einen Untertitel platzieren: „That‘s All, Folks!“

 

(aus dem  Manuskript für die Radionacht Klanghorizonte, dritter Samstag im April, „Kiff“ wird durch „Kakao“ ersetzt). 

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 24. Februar 2018 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

7 Kommentare

  1. uwe Meilchen:

    Dazu passend aber vermutlich nicht ganz so dein Geschmack: Achim Reichels Ausflüge in den Krautrock, als „A.R. & Machines“ sind letztes in einer repräsentativen Box neu aufgelegt worden; für alle die auf die grüne Reise gehen wollen.

  2. Michael Engelbrecht:

    Ein Stück davon ist in diesem Paket dabei. Doch, ganz nach meinem Geschmack:)

  3. Jan Reetze:

    Seltsame Mischung — die üblichen Verdächtigen, La Düsseldorf oder Der Pyrolator gehören da für meinen Geschmack eigentlich nicht hinein, anderes, wie etwa Dorothea Raukes (die Keyboarderin von Streetmark, hier als „Deutsche Wertarbeit“ aufgeführt, obwohl das der Albumtitel war) sind eher unterfordernd … Um Michael Bundt muss ich mich mal kümmern.

    Ansonsten glaube ich ja, dass in den Schubladen der 70er und 80er Jahre keine vergessenen Schätze mehr verborgen sind. Es ist inzwischen jede noch so belanglose Schülerband und ihre Privatpressung wiederveröffentlicht worden, und 90 Prozent davon ist purer Schrott. Insofern dürfte „That’s all, folks“ den Kern der Sache treffen.

  4. Michael Engelbrecht:

    Für m i c h war es überraschend. Ich habe ja nur mein eigenes Erinnerungsarchiv durchforstet, nicht den Repertoirewert jedes Stückes. Finde es rundum gelungen, und würde Pyrolator rein jahreszahltechnisch nicht ausschliessen. Bei solchen Zeitreisen lass ich gern alle fünf, äh 3, gerade sein … plötzlich gefiel mir sogar Popol Vuh.

    Und keine Angst vor veremintlichen Unterforderungen: Tiefenpsychologen nennen es „Regressionen im Dienste des Ichs“… ich wäre wohl etwas schlicht gestrickt, wenn ich mir bei solchen Exkursionen nur grossartige „Wertarbeit“ gönnen würde.

    R e c h t s hemisphärischer Zugang! Das Vertraute und Fremde in bester Mixtur. Oder, wie Euan Andrews trefflich bemerkt, imo, am Ende seiner Besprechung in TheQuietus:

    „Throughout these two discs is an examination of the relationship between urban and rural, and of the mental and physical interzone one must cross in order to travel between these two settings. In Deutsche Wertarbeit’s ‘Deutscher Wald’, Streetmark’s ‘Passage’ and Cluster’s ‘Hollywood’ comes the sense of embarkation, of taking flight upon the autobahn in pursuit of new and as-yet-undetermined versions of these futures. In some far off remote forested glade, there’s Dzyan, Popol Vuh and Broselmaschine who, on 1971’s ‘Schmetterling’, offer up the most idealistic yet welcomely realised sense of pastoral reawakening and free-spirited halcyon days. These are pieces of music in which anyone weary of 2018’s battering-ram annihilator times might wish to linger a while. Soul Jazz really deserve so much praise for this release. It’ll shine a light of hope through the darkest of months.“

    To whom it may concern:)

  5. Michael Engelbrecht:

    Und einfach nur bereichernd, als Begleittext: die umfangreichen Erläuterungen zu dem Werk, und den Tracks, vom britischen Kraut-Experten David Stubbs.

  6. Jan Reetze:

    Es könnte natürlich sein, das will ich nicht ausschließen, dass mich nach den — mit Unterbrechungen — inzwischen vier Jahren, die ich an einem Buch zum Thema schreibe (die Zielgerade ist in Sichtweite!), ein gewisser Überdruss ankommt, wenn es um Kraut geht. Und damit wir uns nicht missverstehen: Die Soul Jazz-Platten (es ist ja schon Vol. 3) sind exzellent zusammengestellt und bieten bestimmt für jeden, der sich damit bislang nicht oder wenig befasst hat, einige Überraschungen. Für mich sind sie jedoch eher die Bestätigung, dass es immer wieder dieselben Namen sind, die auf solchen Zusammenstellungen auftauchen, und das zeigt, dass es tatsächlich nur eine Handvoll von Bands und Musikern aus dem Genre gibt, die in der Rückschau noch standhalten.
    Vor allem fällt mir das deshalb auf, weil in den entsprechenden Facebook-Gruppen mittlerweile jede noch so inkompetente Kapelle zum Kult erklärt wird. (Und es würde mit Sicherheit ein Kampf darum entbrennen, ob der Pyrolator Krautrock ist oder nicht. Mir ist das ziemlich wurscht, weil ich einfach nur von „Rock aus Deutschland“ spreche.)

    Der Stubbs (ich freue mich, dass er sich in seinem Buch „Future Days“ auf einen Blogartikel von mir bezieht) ist sicher nicht der schlechteste Begleiter für so ein Plattenprojekt. Ich habe sein Buch allerdings noch nicht gelesen; meine Liebste hat es mir vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt und es mir sofort wieder weggenommen, weil sie findet, ich solle es erst lesen, wenn meines fertig ist. Da hat sie wahrscheinlich recht.

  7. Michael Engelbrecht:

    „Kraut“ wird ja absichtsvoll mal nicht auf dem Cover als Marke gehandelt. Was irgendwelche Facebook-Gruppen umtreibt, interessiert mich so wenig wie die Diskussionen von jedweden Fangemeinden. Aber schon klar, aus deiner Sicht, und dem Jahre langen Durchforsten….


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