Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2017 18 Feb

Hamburg 75

von: Jan Reetze Abgelegt unter: Blog | TB | 5 Kommentare

Da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht, die Musik ha’m wir noch mit der Hand gemacht. Und überall verkleisterte die Teldec ihre „Top Scene Hamburg“-Aufkleber. Michaels Schockerlebnis im Hamburger „Remter“, einem Jazzclub im Keller der Handwerkskammer, mit Doof-Dixie und Bierseligkeit, während der große Jarrett im CCH konzertiert und einem Katrin durch den Kopf geistert — ja, ich kann es nachvollziehen. Das „Remter“ (abgeleitet von lat. refektorium = klösterlicher Speisesaal) war, wenn ich nicht irre, einer von Hamburgs ältesten Jazzclubs überhaupt, obwohl sich um diesen Titel immer auch der „Cotton Club“ am Alten Steinweg, die „Riverkasematten“ direkt am Elbufer und das „Barett“ irgendwo in Dammtornähe stritten. Letzterer Laden dürfte gewonnen haben, zumindest als Musiklokal — schon in den dreißiger Jahren hatte dort „Meister Kück an zwei Klavieren“ gespielt. Also wenn das keine Tradition ist!

„Jazz“ in Hamburg hat immer die Pflege des Althergebrachten bedeutet. Damit hatte man sich abzufinden. Das „Birdland“ in der Gärtnerstraße, wo auch anderes möglich wurde, lag noch in weiter Ferne, und die Hamburger Jazzbands waren durchweg pflegeleicht und konnten alles, von der Jazzband-Battle im Schauspielhaus bis zur Möbelhauseröffnung Montag morgen um zehn. Die Jazzkneipen hatten den typischen 70er-Charme; der Wirt der „Riverkasematten“ war es schon gewohnt, dass regelmäßig im Frühling ihm der Fluss einen Besuch abstattete und der Laden dann wochenlang durchfeuchtet roch, im „Cotton Club“ dauerten Sessions manchmal bis in den Morgen, die Musiker schliefen dann auch gern mal dort und wurden morgens vom Wirt mit Schlehengeist geweckt. Vom Pö gar nicht zu reden.

Wenn man allerdings den traditionellen Jazz mal für fünf Minuten ernst nimmt und sich die damalige Hamburger Szene etwas genauer ansieht, dann kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die so einseitig und langweilig gar nicht war. Der Kornettist Albrecht „Abbi“ Hübner etwa, Polizeiarzt im bürgerlichen Beruf („Bullendoktor“, wie er sich vorzustellen pflegte), hatte mit seinen Low Down Wizards eine Band zusammengestellt, die auf den klassischen New-Orleans-Stil etwa eines King Oliver spezialisiert war, und wenn sie Nummern wie „Everybody Loves My Baby“ oder den „Basin Street Blues“ spielten, dann klangen die meisten „originalen“ Bands aus New Orleans blass dagegen. Wer’s nicht glaubt, höre sich das Doppelalbum City Jazz von 1974 an. (Abbi Hübner’s Low Down Wizards sind heute Ehrenbürger von New Orleans, mit Recht. Leider hat die Band später dann auch deutsche Volkslieder „verjazzt“, wie man das damals nannte.)

Einige der Hamburger Bands hatten exzellente Instrumentalisten an Bord, Peter „Banjo“ Meyer von den Jazz Lips sei genannt, Michael „Ede“ Wolff mit dem Sousaphon, der Drummer Thomas Danneberg, der ohne Hi-Hat, aber mit einer riesigen Bassdrum und diversen hölzernen Klanggeräten meisterlich den Drumstil der frühen 20er Jahre beherrschte, der Klarinettist Günther Liebetruth, dessen Improvisationen oft an einen Schlangenbeschwörer denken ließen. Gottfried Böttger, der virtuose Ragtimepianist, den ich noch bei Kneipenauftritten erlebt habe, Lorenz „Lonzo“ Westphal, der nicht weniger virtuose Geiger, der später nach einem schweren Unfall zum Alkoholiker wurde und inzwischen nicht mehr lebt. Ingeburg Thomsen, eine Sängerin, bei der man sich stets fragte, wo dieser kleine Körper solch eine Stimme hernehmen konnte (sie tauchte später in verschiedenen Filmen Horst Königsteins auf, und ich glaube auch in der Gruppe Leinemann). Es gab ein Doppelalbum namens Hamburg Allstars, 1974 auf dem Brunswick-Label erschienen, auf dem die fast alle zusammen spielen. Ein echtes Schätzchen.

Hübner, die Jailhouse Jazzmen, die Jazz Lips, Brunos Salon Band, die Blackbirds of Paradise, St. John’s Jazzband, das Ballroom Orchestra, die Revival Jazzband: sie deckten die Palette zwischen Straßenjazz und den Swingorchestern in den Tanzsälen der Edelhotels ab. Bei allem Unernst, der den meisten dieser Bands zu eigen war, wussten sie doch sehr genau, was sie spielten und in welcher Tradition sie standen. Auf dem Doppelalbum Hamburger Jazz-Scene, bei Metronome veröffentlicht, sind die besten dieser Bands mit Aufnahmen zwischen 1969 und 1972 versammelt. Gelegentlich gab es dann auch mal Ausflüge in angrenzende Nebenschauplätze, etwa Meyers Dampfkapelle, die sogar einen echten Hit hatten: „Ich mag so gern am Fließband steh’n“, getextet und gesungen von dem „Lästerlyriker“ Hans Scheibner. Es gibt nicht viele Gedichte, die ich auswendig kann. Zwei davon immerhin sind von ihm.

Und es gab, man glaubt es nicht, auch experimentierfreudige Jazzer. Die Travelin‘ Jazzmen etwa traten zeitweise mit einem versierten langhaarigen Rockdrummer und einem aus Brasilien stammenden Bassgitarristen auf, die jeden Donnerstag den Cotton Club in Vibration versetzten. Deren Boss, der Trompeter Günter Heide, im Brotberuf Lesezirkelbote, hatte bei irgendeiner Gelegenheit die Lightshow gesehen, in der ich damals mitmachte („Waves“ hieß die, war spezialisiert auf Clubs und Jugendzentren), und irgendetwas ritt ihn, uns zu fragen, ob wir das nicht auch am nächsten Mittwoch in der „Seglerbörse“ (einem Jazzclub am Blankeneser Elbufer, eigentlich eine bessere Bretterbude) mit seinen Travelin‘ Jazzmen probieren wollten. Wir hätten das ja glatt gemacht. Leider wollte dann der Wirt der Seglerbörse nicht. Buntes Flackerlicht, psychedelische Dias, Schaum- und zerfließende Ölprojektionen zur „Bourbon Street Parade“, dem „Washboard Wiggle“ oder Günters Signature Tune „Sheik of Araby“ — um so eine Gelegenheit hätte uns bestimmt sogar die ehrwürdige Joshua Lightshow aus San Francisco beneidet.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Samstag, 18. Februar 2017 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

5 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Na, da fahre ich noch einmal kurz von der „Shadowbahn“ runter. Was ist das denn für ein Insider-Artikel?! Da ich annehme, dass es nicht der Remix einer alten Forschungsarbeit war, und dass du auch nicht Schlagzeuger in einer kreativen New Orleans-Band warst, frage ich mich, wie du diesen Artikel verfasst hast.

    Improvisiert, oder doch ein überarbeiteter Text für eine Hamburger Zeitung (Wochenendausgabe)? Aber woher stammt dieses immense Wissen über Menschen, Spielorte, alte Stile? Es ist schön, von diesen Menschen aus einer anderen Zeit, und mit einer anderen musikalischen Vorliebe zu erfahren…

    … wer weiss, was du zu schreiben hättest, wenn du in Wuppertal aufgewachsen wärst. Da hat jemand vor Jahren einen sehr autobiographischen Roman geschrieben über die wilden Free Jazzer aus der Provinz …

    Ich könnte jedenfalls nicht ein Zehntel deiner Namen ins Spiel bringen, sollte ich von Dortmund 1975 schreiben. Wir hatten das Domicil, und da kamen Klassebands hin.

    Wäre ich Hamburger gewesen, wäre ich gewiss Stammgast bei Nauras NDR-Jazzworkshop-Veranstaltungen gewesen, die schon eine Art nordisches Mekka des modernen Jazz waren – und nebenher wurde ja auch vieles auf Schallplatten veröffentlicht.

    Soll ich von Tobias Hartmann aus der Jazzredaktion noch einen Schatz heben lassen, immmer nich mein bester Kontakt in den Jazzstuben des NDR…

  2. Jan:

    Nein, Micha, das war kein Schubladentext. In der ersten Hälfte der 70er Jahre war diese Szene einfach Teil der Hamburger Kulturlandschaft. Wenn man sich für (Live-) Musik interessierte, konnte man ihr nicht entkommen.

    Beim NDR wird da nicht viel zu holen sein; Naura hat diese Bands stets sehr von oben herab behandelt. In vielen Fällen mit Recht, in einigen aber eben auch nicht. Aber wer täglich mit Größen wie Burton oder Metheny zu tun hat, verliert vielleicht den Blick auf das, was mal die Wurzeln des Jazz waren.

    Und Ende der 70er war die Szene auch durch. Da ging das Ganze dann in Autohauseröffnungen und den Sonntagsfrühschoppen im Einkaufszentrum über.

  3. Michael Engelbrecht:

    Nichts gegen Schubladentexte. Tatsächlich kann man sowas wohl nur aus der Hüfte schreiben, wenn man eine Zeitlang wie du mit der Szene verbandelt war. Ich nehme an, du hast auch einige der Musiker oder Menschen aus ihrem Umfeld gekannt. Es ist jedenfalls für jemanden, der hier niemanden kennt, und mit der Musik nicht so viel anfangen konnte, wie eine Reise in eine fremde Welt, und eben eine Freude zu sehen, wie diese Typen ihrer Liebe zur Musik gefolgt sind. Nauras Perspektive war weitwinklig genug, man kann nicht alles Gute gutheissen, das geht auf Kosten der Konzentration.

    Vielleicht habe ich an jenem Abend, wo Keith Jarrett spielte, im Remter ja einige Cracks erlebt, konnte alles aber nur als Doof Dixie abtun, ich sah all meine Felle davonschwimmen, keine Katrin, keinen Keith. Irgendwann entwickelte ich ja eine gewisse Überredungs- Und Überzeugungskunst, an jenem Vorabend bin ich aber an hanseatischer Sturköpfigkeit gescheitert. Was habe ich die Jungs und Mädels mit Anpreisungen des grossen Jarrett bearbeitet – nichts, no way.

  4. Lajla:

    Jan, du bringst ja viele Memories zurück.

    Ich studierte 1973 in HH. Die Fabrik und die Zwiebel waren eher meine Clubs. Am Samstag habe ich mir die Elbphilharmonie angesehen. Ohne Hafenatmosphäre wirkte sie auf mich wie ein Mafiagefängnis mit Metallschaumkrone. Ein Highlight in HH ist immer wieder die Teestube „Witthüs“ in Blankeneese, ein Muss für Syltliebhaber, sie ist eine Kopie vom Witthüs in Wenningstedt …

  5. Uwe Meilchen:

    Die „Zwiebel“ kenne ich zumindest dem Namen nach aus Svende Merians „Märchenprinz“! Those were the days …


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