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2016 29 Mai

Gregor öffnet seinen Bücherschrank

von: Gregor Mundt Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | Kommentare geschlossen

Stewart O´Nan ist für mich ein zutiefst menschlicher Autor, einer, der das Schicksal der Verlorenen, Verlassenen, vergeblich Hoffenden, sich abmühenden, aber scheiternden Menschen in den Mittelpunkt seines Schreibens gestellt hat. Sein Erstlingsroman Engel im Schnee (1993) erzählt das tragische Leben der Annie Morchands.

1999 veröffentlicht der 1961 in Pittsburgh / Pennsylvania geborene Autor Sommer der Züge: 1943 kehrt der schwer verwundete älteste Sohn eines vollkommen zerstrittenen Ehepaares in die Heimat zurück. Die Familie muss ihr Leben neu ordnen.

Ebenfalls 1999 erschien in Deutschland Das Glück der Anderen: Jacob Hansen bemüht sich als Pastor, Sheriff und Totengräber in einer Person um das Glück seiner Mitmenschen und das in aussichtsloser Lage, im Kampf gegen eine alle bedrohende Seuche.

Von einem letzten Treffen einer Familie in einem Sommer für Sommer von allen Familienmitgliedern besuchten Ferienhaus erzählt der große Roman Abschied von Chautauqua (2005) (siehe auch der Beitrag vom 28.2.2012, manafonistas.de).

Halloween (2004): Bei einem Autounfall sterben drei Jugendliche, zwei überleben. Die Geister der Verstorbenen kehren zurück.

Eine junge Frau, gerade verheiratet, schwanger, muss, nachdem ihr Mann einen Einbruch begangen hat, bei dem jemand umgekommen ist, und der nun viele Jahre im Gefängnis zuzubringen hat, allein mit ihrem Leben fertig werden: Eine gute Ehefrau (2007).

Erst kürzlich las ich einen kleinen Roman O´Nans, der von einem einzigen Winterabend im Dezember handelt: unwirkliches Wetter, Schneesturm, auf dem Gelände eines riesigen Einkaufszentrums gibt es auch ein Fast-Food-Restaurant, das allerdings wegen zu geringem Umsatz schließen soll. Erzählt wird in dem Roman Letzte Nacht (2007) von der letzten Schicht der Angestellten dieser Kneipe, die dann für immer schließen wird.

2011 veröffentlicht der Rowohlt-Verlag Emily, allein.  Eine alte Frau, von allen verlassen, muss einen Neuanfang wagen (siehe auch manafonistas.de vom 28.2.2012).

Die Chance (2012) handelt von einem vollkommen zerstrittenen Ehepaar, verschuldet, arbeitslos, das den Hochzeitstag dazu nutzt, eine letzte Chance zu ergreifen, um ihrem Elend zu entkommen (siehe auch manafonistas.de vom 21.2.2015).

Das 2003 in deutscher Sprache erschienene Sachbuch Zirkusbrand setzt den Toten, den Verlorenen und Trauenden ein Denkmal. Am 6. Juli 1944 starben 167 Menschen bei einem Zirkusbrand in Hartford / Connecticut, viele wurden schwer verletzt, gezeichnet für ihr Leben.

 
 
 

 
 
 

Im Frühjahr dieses Jahres folgt nun der Roman Westlich des Sunset: Tragischer Held der Geschichte ist Francis Scott Fitzgerald (1896-1940), bei uns bekannt vor allem mit seinem Roman Der große Gatsby, 2013 erneut verfilmt mit Leonardo DiCaprio als Jay Gatsby. Aber O´Nan erzählt nicht von der Zeit des erfolgreichen Schriftstellers Fitzgerald, nichts von den rauschenden Partys in New York, Rom oder Paris, nichts von der Freundschaft zwischen ihm und Ernest Hemingway, den Trinkgelagen, den Frauengeschichten.

O´Nan beginnt seine Geschichte in Hollywood des Jahres 1937. Der Ruhm des großen Schriftstellers Scott Fitzgerald ist bereits verblasst, abhängig von den Filmbossen in Hollywood, fristet der Autor das Leben eines Lohnschreibers, der froh sein kann, wenn ein Drehbuch oder Teile davon in irgendeinem drittklassigem Film Verwendung finden. Die größte Freude für ihn: wenn sein Name im Abspann eines Filmes erwähnt wird.

Meistens werden seine Entwürfe aber abgelehnt oder von anderen Schreibern bis zur Unkenntlichkeit verändert. Zelda Fitzgerald, Scotts langjährige Ehefrau, lebt in einer psychiatrischen Klinik, die Rechnungen der Anstalt kann ihr Mann kaum zahlen, muss sich ständig Geld zusammenleihen. Die einzige Tochter Scottie studiert, der Kontakt zum Vater ist alles andere als eng. Scott sucht Trost bei Sheila Graham, einer Klatschrepoterin. Beruflich scheitert Fitzgerald vollkommen, versinkt mehr und mehr in Schulden, Alkohol und Verzweiflung. Am 21. Dezember 1944 stirbt der erst 44jährige Scott Fitzgerald in Sheila Grahams Apartment in Hollywood.

O´Nan erzählt – wie immer – höchst einfühlsam über die letzten drei Jahre eines Menschen, der seinen Absturz unbedingt verhindern will und scheitert.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Sonntag, 29. Mai 2016 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

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