Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

– Welche drei Gegenstände würden Sie mitnehmen, wenn Ihr Haus brennt?
 
Asterios Polyp wurde am 22. Juni 1950 als einziges Kind der Eheleute // Fast wäre er ein Zwilling // Schon in seiner Kindheit prägte er sich alles
 
– So denke ich nicht.
 
Er liebte es, gewagte und komplexe Theorien über alles, was ihn interessierte (Frauen, Architektur, das Leben an sich) zu entwerfen und mit seinen grandiosen Tafelbildern seine Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen etc. zu überfordern.
 
– Können Sie sich vorstellen, das, worüber Sie sich definieren, aufzugeben?
 
Im Jahr 1959 wurde Hana Sonnenschein als Tochter eines Deutschen und einer Japanerin geboren. Sie hatte vier deutlich ältere Brüder, deren Erfolge immer wichtiger waren als Hanas. Sie bekam ein Stipendium für eine Kunstschule und fertigte Skulpturen an.

Exakt an Asterios´ 50. Geburtstag schlug ein Blitz in sein Haus ein und das Haus ging in Flammen auf. Asterios packte drei Gegenstände ein und rannte aus dem Haus, in ein neues Leben.
 
– Worüber definieren Sie sich?
 
Man kann diese Graphic Novel auf verschiedenen Ebenen lesen: Als Lebensgeschichte, als gender story, als Liebesgeschichte, als Midlifekrisis. Warum haben manche Menschen Erfolg und andere nicht? Warum hört man einigen zu und anderen nicht? Wieso können sich zwei Menschen, die gleichermaßen intelligent und begabt sind, so verschieden entwickeln? Weil der eine ein Mann ist und die andere eine Frau? Weil er von seinen Eltern aufgebaut wird und sie klein gehalten wird, unbeachtet in ihren Talenten und weil sie schüchtern und still geworden ist?
 
– Eine Sphäre von Möglichkeiten? Innerhalb einer Vorstellung von Zeit?
 
Auch unter dem Aspekt der Gesprächsführung. Wie schafft es Asterios, der aufgebrachten Hana zu erklären, warum er im Schlafzimmer eine Überwachungskamera installiert hat?
 
– Erinnerung ist nicht Wiederholung.
 
Wir betreten das Arbeitszimmer des Komponisten Kalvin Kohoutek, bekannt für seine experimentellen und eklektischen Klangwelten. An den Wänden Partituren seiner Lieblingskomponisten, darunter Charles Ives´ Arbeit: The Unanswered Question.
 
 
 

 
 
 
Wie kommt es, dass jemand bestimmte Dinge wahrnimmt und andere nicht? Welchen Einfluss haben die Menschen, die nie geboren wurden, auf unser Leben? Inwieweit können wir unsere Entwicklung steuern und wo sind die Grenzen der Selbsterschaffung?

These: Liebe zu einem Menschen als Kompensation eigener, nicht ausgelebter Möglichkeiten, die der oder die andere aber entwickelt hat.

Diese Graphic Novel ist ein Meisterwerk. Die Geschichte wird facettenreich und nicht chronologisch erzählt, die Tiefe und Themenvielfalt ist beeindruckend, der Stil der Zeichnungen ist ausgereift, raffiniert und methodisch vielfältig. Die Bildsprache und das Verhältnis von Wort und Bild sind ausgezeichnet. Einziger Kritikpunkt ist die – auch bildlich umgesetzte – klischeehafte Betonung des Männlichen als des Rationalen und des Weiblichen als des Emotionalen.
 
 
David Mazzuchelli: Asterios Polyp, aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Pletzinger, Eichborn Verlag 2011
 
Original: Asterios Polyp, Pantheon Books New York 2009
 
 
 

 

This entry was posted on Dienstag, 7. April 2015 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

4 Comments

  1. Uwe Meilchen:

    Danke fuer den Tip, Martina! Ich habe zuletzt Wer ist hier die Mutter? von Alison Bechdel gelesen; hat mir sehr gut gefallen. Vielleicht kennst Du das Buch sogar, Leseprobe gibt es hier

  2. Martina Weber:

    Freut mich, dass es dich interessiert, Uwe!
    Danke für deinen Hinweis. Ich kannte das Buch nicht, finde die Bildersprache sehr überzeugend, weiß nur nicht, ob das so mein Thema ist. Aber ich werde es mir in der Bibliothek bestellen.

  3. Michael Engelbrecht:

    Macht mich genauso neugierig wie Hans Gumbels Liste. Und der darin vorkommende Comic auf Platz 1. Deinen Kritikpunkt teile ich aber nicht bzgl. des Männlichen und Weiblichen. Ich bin bekanntlich ein Mann, eiskalt, und vollkommen rational.

  4. Martina Weber:

    Das Bemerkenswerte ist vielleicht, dass die Emotionalität bei Männern gesellschaftlich bedingt als Rationalität gedeutet wird, und dass die Rationalität bei Frauen als Emotionalität gedeutet wird. Ich bin jedenfalls auch eiskalt und vollkommen rational.


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