Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2015 25 Feb

Banshee, und andere Vorschläge für atemraubende Abendgestaltungen

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | Tags:  | 24 Kommentare

Bekannte Filmregisseure haben es rasch erkannt: „The revolution has been televised“. Ausgerechnet das amerikanische Fernsehen hat Erzählformen entwickelt, die man mit allenfalls leichter Übertreibung als historische Parallele (gibt es das Wort cross-medial?) zu erzählerischen Mammutwerken früherer Jahrhunderte rechnen darf, von Cervantes bis Dumas, von Homer bis Dostojevski. Es begann alles mit „Twin Peaks“. Aber man darf auch „Northern Exposure“ in seinem Einfluss nicht unterschätzen. Dann kamen „24“ als Echtzeitsimulation und der genialische Genre-Mix „Lost“, an dem Dante seine dunkle Freude gehabt hätte. Schliesslich brachen alle Dämme. Hier fünf exzellente Serien, die vor allem „noir“ sind, und nur einmal „sci-fi“ (Orphan Black). Das ist grosses Kino (im Fernsehen) für Zeitgenossen, die viel Zeit haben, Musik und „storytelling“ lieben. Und einen Dashiell Hammett stets einem John Updike vorziehen würden, aber gerne auch zu den alten Meistern wie John Steinbeck und Herman Melville zurückgreifen. Solche Sätze machen einen natürlich ein wenig angreifbar. Spinnt da einer nicht ein bisschen? Ist das jetzt nicht etwas „over the top“? Ich spinne überhaupt nicht, allenfalls ein wenig Garn, und das mit guten Gründen.

 
 
 

 
 
 
The Americans (season 1, 2 and 3)
Orphan Black (season 1 and 2)
Justified (every season)
Banshee (season 1)
The Fall (season 1 and 2)

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 25. Februar 2015 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

24 Kommentare

  1. Ulrich Kriest:

    Man kann das auch anders sehen.

    http://www.moviepilot.de/news/sind-fernsehserien-zeitverschwendung-131201

    Aber vielleicht hängt das alles auch von der verfügbaren Frei-Zeit des Rezipienten ab. Wer viel hat, soll ruhig. Habe gerade ein paar Folgen „True Detektive“ auf dem Rückflug aus USA hinter mir und mich doch arg gelangweilt. Indes „Titanic“ oder „The Beach“ gucken, war keine Alternative.

  2. Michael Engelbrecht:

    Zum Glück kann man das auch anders sehen. Sonst bräuchte man ja nur eine Brille. Bei True Detective bist du jetzt der einzige, den ich kenne, der davon nicht sehr, sehr angetan ist. Ein Meisterwerk der TV-Geschichte. Aber es wäre schon suspekt, gäbe es da keine Gegenstimmen.

  3. Michael Engelbrecht:

    Der von dir verlinkte Text ist allerdings grosser Schwachsinn. Auch bei 1200-seitigen Romanen gibt es Betriebsgeheimnisse, die sich genausowenig schnell lüften lassen wie bei exzellenten TV-Serien.

    Und es dürfte eine ganze Reihe intelligenter Menschen geben, deren Leben interessantere Kicks und Denkanstösse erhält bei True Detective als bei Proust Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

    Man kann, Ulrich, übrigens immer alles anders sehen, aber dieser von dir ins Spiel gebrachte Tommy ist dann doch gerade der Oberschule entronnen, mentaltechnisch. Bitte andere Kaliber.

  4. Ulrich Kriest:

    War nicht als Kaliber gedacht, nur als kleiner Hinweis. Mir scheint beim Hype um die TV-Epik (Homer! Cervantes! Dostojevski!) eine Sehnsucht nach dem realistischen Roman des 19. Jahrhunderts mitzuschwingen, die mich irgendwie an Georg Lukács („Die Theorie des Romans“) erinnert. Wenn ich „True Detective“ sehe, sehe ich gute Schauspieler, die etwas undurchsichtige, abgründige Charaktere spielen, die mit einem bizarren Verbrechen beschäftigt sind, das in der US-Provinz begangen wurde. Je nun… Klar kann man in vielen Stunden unendlich viel erzählen, fragt sich nur: was?
    Da ist mir dann doch das Spiel mit der offenen Form á la „Inherent Vice“ lieber, weil moderner (im Sinne von „zeitgenössisch“). Don´t believe the hype! Und demnächst wird der Quark auch auf Deutsch nachgekaut, hat die „Berlinale“ versprochen. Aber, wie gesagt, nur eine Anmerkung. Ich will hier jetzt keine Kraftwerk-Debatte lostreten …

  5. Michael Engelbrecht:

    Also, mein Lieber, hype interessiert mich einen Scheiss.

    Meine Urteile kreiere ich selber, ich bewege mich nicht in Herden. Bei True Detective bleibst du etwas an der Oberflächenstruktur hängen, das Drama ist, wie es grosse Dramen an sich haben, vielschichtiger. Und ich habe ein ironisch-gebrochenes Verhältnis zu sog. Klassikern der Weltliteratur, mich interessieren nämlich Kanonisierungen unendlich wenig.

    Viele lieben Frisch und seinen Homo faber, oder Salingers Fänger im Roggen, ich finde beide Romane langweilig, den letzteren völlig verklemmt. Aber Don Quixote steht bei mir neben Bish Bosh und Rastakraut Pasta. Und Schönberg brauche ich nicht, Mompou schon.

  6. Michael Engelbrecht:

    Und, äh, ich habe gerade nochmal den verlinkten Text gelesen. Dieser Tommaso Crogolioso ist ja nun ein ganz schlichter Schwätzer. „Lasst uns wieder ins Kino gehen!“ Dumpfbackenpolemik.

  7. Michael Engelbrecht:

    Es gibt einen sehr traurigen Aspekt der Kulturgeschichte, der hängt mit Gralshütern zusammen. Viele Menschen, die ihr Ego an Kulturhierarchien abarbeiten, mit den Implikationen von Selbstwerterhöhung und anderen Kompensationen grundlegender Mängelempfindungen, sind leider nicht in dér Lage zu erkennen, dass zur Erweiterung des Horizonts incl. Lebenserfahrungsgewinn etc., das Lesen von Camus‘ Die Pest gleichermassen wertvolle Beiträge leisten kann wie eine gute Tai-Massage, True Detective, Hetero-Sex in einem Dark Room, Benzodiazepam, Mahlers Dritte, Molly Dookers „The Enchanted Path“ (ein Rotwein mit bewusstseinerweiterndem Potential), lange Themsewanderungen, Heilfasten, Darmsanierungen, London Calling laut hören u.v.m.

  8. Michael Engelbrecht:

    Fazit:: wenn so ein geistiger Flachwichser wie dieser Tomaso Zeitverschwendung und sinnvoll genutzte Zeit an dem Beispiel TV-Serien vs. Kino dingfest machen möchte, ist das vollkommen absurd.

    So ist die Serie Fargo, Staffel 1, dem Kinofilm der Coen-Brüder (Fargo) an Qualität mindestens ebenbürtig, und erzählt eine ganz andere Geschichte. Übernimmt nur ganz wenige Elemente.

  9. Michael Engelbrecht:

    Kraftwerkdiskussion hat dir doch gefallen, Ulrich. Ich reagiere nun mal allergisch auf Blödsinn. Und moralinsaures, pseudokulturkritisches Geschwätz. Dein link hat ungefähr den gleichen Nährwert wie … Wenn ich dir die Zeitschrift der Zeugen Jehovas ans Herz legen würde.

  10. Uwe Meilchen:

    Aehnlich verhaelt es sich offenbar auch bei der TV Serie „Under The Dome“ die nach dem Buch von Stephen King entstand (d.h. nach der Grundidee mit der durch eine Kaeseglocke abgeriegelte Kleinstadt) und in der Serie dann auch eine abweichende Handlung hat. – Mein Bruederchen berichtete mir von einer guten ersten Staffel; eigene EIndruecke kann ich leider noch nicht „weiterreichen“.

  11. Uwe Meilchen:

    Habe beschlossen mich einmal naeher mit „True Detectives“ befassen…, zumal T-Borne Burnett da ganz hervorragende Musik zusammengestellt hat

    http://truedetectivemusic.com/season-1-lists/

    Und Woody Harrelson spielt mit…, na dann ! :-D

  12. Michael Engelbrecht:

    Das beste ist es, gar nichts darüber zu lesen, und dir von mir beim nächsten Mal die Serie in die Hand drücken zu lassen.

  13. Uwe Meilchen:

    Na, DANKE fuer das „beim naechsten mal die Serie in die Hand druecken ! Sehr nett ! Das darueber-lesen habe ich tunlichst vermieden; du wirst schmunzeln aber das Tracklisting der einzelnen Episoden gab den Ausschlag es einmal mit „True Detectives“ zu versuchen…. .-D

  14. Michael Engelbrecht:

    Das soundtracking allein ist schon genial. Ganz grosses Kino:):):)

  15. Ulrich Kriest:

    Sorry, Michael, es mag schon sein, dass du dein Urteil fällst, aber das verhindert nicht, dass du mit der Herde rennst. Mag sein, dass du das Kanonische hinterfragst (ist ja schon dein Mantra!), aber die Namen, die du nennst, um das (kommerzielle) Fernsehen rhetorisch aufzuwerten, sind allesamt mehr Kanon als Frisch und Salinger zusammen. Und schließlich sind Fernsehen und Kino zwei sehr unterschiedliche Dispositive, die man nicht mit Formeln wie „großes Kino im Fernsehen“ über einen Kamm scheren sollte. Du guckst die Serien ja nicht (oder selten) im Fernsehen, sondern eben auf DVD am Stück. Was ein Unterschied ist, wenn du dich an „Twin Peaks“ bei RTL erinnerst. Und last but not least: wenn ich das, was du beschreibst, akzeptiere, dann allererst bei Edgar Reitz´DIE ZWEITE HEIMAT, damals im Kino gesehen, Tag und Nacht und Tag, am Stück. Solche Erfahrungen machst du vor dem Bildschirm im Privaten nicht.
    Wenn Uwe und vielleicht noch ein, zwei Mitgucker Lust haben, können wir ja hier mal ein close reading von TRUE DETEKTIVE wagen. Ist für dich, Micha, selbstredend, yesterday´s snow.

  16. Michael Engelbrecht:

    Das ironische Anwenden des „Kanonischen“ hast du geflissentlich überlesen.

    EIN Fehler ist folgender: natürlich, und da irrst du, kann man beim Sehen von Edgar Reitz‘ ERSTER oder ZWEITER HEIMAT vor dem Fernseher ganz ähnliche profunde, „überwältigende“ Erfahrungen machen wie im Kino bei Marathonsitzungen.

    Die grosse Leinwand ist kein notwendiges Kriterium für die Tiefe der Erfgriffenheit. Da idealisierst du dein bevorzugtes Medium.

    Persönliche Beispiele: ich habe Twin Peaks damals im Fernsehen gesehen, unterbrochen von Werbung. Nichts vom suboptimalen Rahmen hat die Tiefenwirkung beeinträchtigt.

    Ich habe die ERSTE HEIMAT im Fernsehen gesehen, und sie hat mich mehr berührt als die letzte Zeitreise ins Hunsrück im Kino.

    Ich habe auf dem IPad True Detective, Season One, gesehen, und es war womöglich so intensiv wie das, was Jan einst einst bei Polanskis „Chinatown“ auf der grossen Leinwand erlebt hat. Ein winziges Format, das IPad, und tiefe Trance. Nachwirken der Bilder und Songs.

    Trancemechanismen mögen von bestimmten Formaten begünstigt werden, sie sind aber nicht massgeblich für die ganz private Durchschlagskraft eines Filmerlebnisses.

    Transfer zur Musik: man kann auf einem kleinen historischen Transistorradio ähnlich tiefgreifende Musikerfahrungen machen wie auf einer High End-Anlage, die das Geschehen hyperrealistisch abbildet.

  17. Michael Engelbrecht:

    Zu deinem letzten Satz, Ulrich: True Detective ist, wie alle grosse Kunst, so unerschöpflich, da kann man gar nicht genug kriegen von close reading, oder sollte es nicht besser close looking heissen?

    Yesterday’s Snow? Nein. Tomorrow’s Rain.

    Und, ähem, mit der Herde rennen, das ist ja leicht daneben, Ulrich. Ich sage dir auch nicht, dass du mit der Herde rennst, wenn du KIND OF BLUE toll findest. Manchmal finden eben viele Leute etwas Bestimmtes ausserordentlich gut, wie ich jüngst BIRDMAN – und jetzt die ganzen Oscars. das intressiert mich überhaupt nicht.

  18. Ulrich Kriest:

    Es geht nicht um die große Leinwand, sondern um den dunklen Saal. Um das Soziale und die Konzentration auf das, was zu sehen und zu hören ist.

  19. Ulrich Kriest:

    Und: das Bild mit den Herden hast du selbst eingeführt (s.o.) Mir ist das schlicht egal, weil ich ja auch keine große Geste daraus ableite, mal oder mal nicht mit der der Herde zu laufen. Egal, ob es um große oder ganz, ganz kleine Kunst geht. Dass Reitz mit den Jahren immer trivialer geworden ist, unbenommen. Schon die „Dritte Heimat“ war ja schon so doof, dass man sich zwicken musste, um nicht zu verzweifeln. Bei der Premiere im Prinzregentensaal zu München. Ausverkauft. Dunkel. Saal.

  20. Michael Engelbrecht:

    Fucking pop corn noises.

    Come on! Das Soziale gibt es gewiss auch zuhause. Das Intime kommt noch dazu. Und Konzentration ist eine Sache der Fokussierung. Raumunabhängig.

    Cervantes brauchte für seine immensen Welten ein Gefängniszimmer. R.L. Stevenson, ans Bett gefesselt, entwarf Südseeräume in winziger Kammer.

    Wie beim Encodieren, geht es auch auch beim Decodieren von Kunst: Du kannst überall an andere Orte transportiert werden. Ohne Popcorn noch viel leichter.

    Und was für ein sozialer Mindfuck vorm und im Kino angeht, hat man ja wohl schon beim Stadtneurotiker von Woody Allen gesehen. So viel zum Gehen mit der Herde, Brother.

  21. Michael Engelbrecht:

    Mich interessiert übrigens viel mehr das, was ich nicht weiss.

    Drum gibts in Kürze eine neue loser-Story aus meiner Hammerserie „Geschichten eines Absteigers“ (3) – nicht so lustige Dinge über die nahe Zukunft meines Fussballclubs, mein Tag mit Paul Watzlawick in Würzburg, und eine desaströse Wendung am gleichen Tag: ach, ach, wäre ich doch nicht so extrem unterhaltsam in die Prinzipien systemischer Denkweisen eingeführt worden. In diesem grossen Hörsaal in Würzburg!

  22. Michael Engelbrecht:

    Noch mal ein paar klärende Worte: nie in meinem Leben befiel mich eine Sehnsucht nach den realistischen Romanen des 19. Jahrhunderts. Wenn man sich völlig trennt von dieser lächerlichen Schwarzweissmalerei von Ernster und Unterhaltender Kunst (ein schlechter Witz, welche lächerliche Blüten dieses Diskriminierungsfeld in der Musikbranche treibt, – da treiben sich die Lobbyisten der Klassischen Musik um, mit ihren gerontologischen Geschmacksfiltern -), dann ist das äusserst befreiend.

    Würde man mich heute vor die Wahl stellen, Flauberts Madame Bovary oder Mo Hayders Wolf zu lesen, die Entscheidung fiele klar zugunsten von Mo Hayder aus, und das wäre eben kein Bekenntnis zur Vorliebe für sog. Unzerhaltungsliteratur.

    Ich ziehe aus Hayders grandiosem Thriller tatsächlich mehr relevante Dinge für mein Leben als aus Flauberts Klassiker der Weltliteratur. Der Roman hatte damals Tabugrenzen verschoben, und Flauberts Schreibstil ist in seiner Eleganz dem von Mo Hayder gewiss überlegen.

    Und dennoch kann ich Flauberts Roman nur in seinem historischen Wert würdigen, die Story als solche berührt mich nicht mehr.

    Das ist bei Mo Hayder ganz anders: ich erkenne mich in der Figur von Caffery ein Dtückweit wieder, idn erlebe seine Handlungsweisen als experimentierzone für anstehende Dinge. Das ist hochspannend: Literatur als Probehandeln, und den eigenen Verhaltensspielräumen im Rahmen erzählender Literatur auf die Spur kommen. Mo Hayder liefert dadür eine exzellente Story.

  23. Uwe Meilchen:

    Es ist schon immer wieder interessant zu sehen wie hier das Kommentar-o-meter manchmal ausschlaegt ! :-D „Twin Peaks“ war nie so ganz meins (aber auch hier: guter Soundtrack !), aber „Wild Palms“ von James Belushi habe ich gerne geschaut; obwohl auch da die Handlung im Fortschreiten der einzelnen Folgen immer mehr zerfaserte !

  24. Jochen:

    Twin Peaks war für mich die Offenbarung und FBI Special Agent Dale Cooper eine Identifikationsfigur – Yogi und Kommissar in einer Person. Eine Weile trank ich gegen die Gewohnheit meinen Kaffee schwarz – schwarz wie die Nacht. Seine Empfehlung zur Steigerung des Glücks, sich jeden Tag mit einer Kleinigkeit selbst zu beschenken, bleibt unvergessen.


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