Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2014 13 Jul

On The Rocks

von: Martina Weber Filed under: Blog | TB | Tags:  2 Comments

Beginnen Liebesgeschichten nicht immer mit kleinen Grenzüberschreitungen? Einem Ausloten von Frequenzen. Da läuft vielleicht ein sieben-Minuten-Song im U4 und während du mit einem miserablen Bier an der Bar stehst, fällt ihr nichts anderes ein, als dir weißen Zucker in die Jackentasche zu kippen. Ihr seid beide neu in der Stadt und auf dem Heimweg küsst ihr euch unter einer Brücke, wobei du die ganze Zeit daran denken musst, wie klischeehaft das ist. Das Lied aus dem U4 ist jetzt euer Song. Und plötzlich lebt ihr zusammen in deiner 26-Quadratmeterwohnung. Mit einer Unentschiedenheit, Unberechenbarkeit, und dieser Verzweiflung, sich aus dem Nichts heraus zu definieren, wie man es nur mit Anfang 20 kann. Die 80er Jahre, da schrieb man einander noch kleine Zettel, Hinterlassenschaften auf dem Küchentisch. Ein Ausloten der Nutzungsbedingungen für den Fernsehapparat, Regeln fürs Zigarettenrauchen. Kleine Beleidigungen. „Du rauchst wie ein Nichtraucher denkt, dass ein Raucher raucht.“ Du studierst etwas mit Kunst, aber nur eine Woche lang, sie lernt eine verrückte Sprache, hangelt sich an den üblichen Anfangsvokabeln entlang. Guten Tag. Was in der Sprache, die sie gerade lernt, eine Liebeserklärung sein soll. Ihr reist eine Woche nach Berlin (nach West-Berlin, natürlich), es ist November, und immerzu dieser ewige Wettkampf, wer ist stärker von euch? Diese Frau ist so wenig eifersüchtig, dass es dich eifersüchtig macht. Wer sind wir und ist unsere Sehnsucht nicht immer viel schöner als jede Geschichte? Wo sich die Sprachlosigkeit verwandelt. Es sind die schlechten Liebesgeschichten, die mit Grenzüberschreitungen enden. Die interessanten enden mit einer Freundschaftsanfrage, zu der du nicht nein sagen kannst, irgendwann.

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2 Comments

  1. Martina:

    Tex Rubinowitz gewann mit seiner Geschichte „Wir waren niemals hier“ den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis.

    bachmannpreis.eu/de/texte

  2. Ansgar:

    Ein wunderbarer Anfang einer Erzählung, wie viele sie (noch) kennen. Viele Momente, wie sie eine Generation erlebt hat, als es noch keine „Mobiltelefone“ gab.
    Aber es sind genau diese Momente, die einem nie aus dem Kopf gehen werden, die einen für immer prägen.


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