Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2014 30 Apr

Dreissig Vier Vierzehn

von: Uwe Meilchen Abgelegt unter: Blog | TB | 1 Kommentar

Morgen frueh, wenn der halbe Ortsteil („das Dorf“ haette ich beinahe geschrieben) noch schlaeft zieht er dann wieder bei mir zu Hause durch die Strassen: unser Spielmannszug. Immer am ersten Mai! Den Zusammenhang zum Tag der Arbeit, diesem tradionellen Feiertag habe ich nie verstanden; auf alle Faelle war’s in meiner Kindheit immer eine grosse Sache: der Spielmannszug schritt fast alle erreichbaren Strassen ab, weckte mit Musik die Buerger – und brachte ausserdem dem amtierenden Schuetzenkoenig vor seinem Haus ein Staendchen. Heute, vermute einmal weil sich zu viele Anwohner ueber die fruehmorgendliche „Ruhestoerung“ beschwert haben, vernimmt man die Musik nur noch aus der Ferne. – Was schade ist: einmal im Jahr hoere ich dererlei ganz gerne.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Mittwoch, 30. April 2014 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

1 Kommentar

  1. Uwe Meilchen:

    http://www.zeit.de/2007/10/Mussick_is_wenn_der_Zoch
    Mussick is, wenn der Zoch kütt
    von Roger Willemsen

    Ich höre ihn noch, wie er sich aus dem Unterdorf hocharbeitet, wummernd und klirrend und schnarrend, der Spielmannszug zur Kirmeszeit. Zuerst pochte nur das Lang-lang-kurz-kurz-kurz der Bauchtrommel, dann mischte sich das Schrillen der Piccoloflöten ein, der Schellenbaum, schließlich die Blechbläser, anschwellend.

    Vor jedem Haus blieb dieser Zug stehen, zum Schluss erschnorrte sich der Tambourmeister ein Tablett voller Schnapsgläser und führte die Hausfrau zum Tanz auf die Straße, während der Fahnenschwenker schwenkte und die längst besoffenen Bläser bliesen und niemand den Rhythmus halten konnte. Meine Mutter wurde in den Armen des Kapellmeisters von einer Straßenseite zur anderen gewalzt, und mein Bruder und ich standen hinter der Hecke und pissten uns in die Hose vor Lachen. Später sagte unser Musiklehrer immer: „Mussick ist, wenn der Zoch kütt.“ Mussick, mit Betonung auf der ersten Silbe, also ist, wenn der Zug kommt.

    Diese Musik war meine erste, so fröhlich wie banal und in der Drum-and-Bass-Line kaum anspruchsloser als ein Großteil des Mainstream-Rock der Sechziger.

    Gustav Mahler stellte sich auf den Jahrmärkten gerne zwischen die Musikquellen und lieferte sich dem Verfließen der Stimmen aus. Als ich es auch versuchte, hörte ich keine Kirmes mehr, nur noch Mahler.

    Und mehr als das: Architektur und Musik sind die einzigen Künste, die Räume erschaffen. Im Durcheinanderfließen der akustischen Quellen auf den Jahrmärkten und Rummelplätzen fand ich die erste moderne Klangarchitektur, simultan und eklektisch.

    (…)


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