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2013 27 Aug

Wolfgang Herrndorf

von: Michael Engelbrecht Abgelegt unter: Blog | TB | 3 Kommentare

hat einen Schlusspunkt gesetzt, nach langer, bizarrer, schrecklicher Krankheit. Ich bin zum Glück Atheist, allenfalls Agnostiker, sonst müsste ich mit dem da oben abrechnen. R.I.P. (In den frühen Neunziger Jahren wurde bei mir, lange vor ihrem Tod, und ohne dass eine besondere Krankheit bekannt war, angefragt, ob ich, sozusagen vorab, ante mortem, einen Nachruf auf Ella Fitzgerald schreiben würde. Ich habe abgelehnt, kopfschüttelnd. Okay, werden manche sagen, das ist Routine in diesem Geschäft. Ach ja, was für ein Geschäft? Lebende beerdigen, oder Geiselnehmern durch die Lande folgen, unempfänglich für das Leid von Silke Bischoff, die dann auch konsequent getötet wurde? Hier ist die Rede von dem sogenannten „Geiseldrama von Gladbeck“. Und davon, wie Journalisten sich prostituiert haben, um eine Schnitte von der „Sensationsstory“ abzubekommen. Auch eine Art, Lebende zu beerdigen. Wolfgang Herrndorf war ein wunderbarer Schriftsteller, aber selbst wenn er Trashschreiber gewesen wäre: wie er sein langes Sterben protokolliert hat, auf seiner Webseite („Arbeit und Struktur“ möge bald als Buch erscheinen, es ist, auch mit seinen messerscharfen Analysen diverser Kultur- und Alltagswelten, soviel bedeutsamer als Uwe Tellkamps lächerlich überschätztes, hölzernes „Wendemonstrum“ „Der Turm“) ähnlich humorvoll, bitter und schonungslos wie Christoph Schlingensief seinen schleichenden Tod in seinem letzten Buch, nötigt mir tiefste Bewunderung ab.)

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 27. August 2013 und wurde abgelegt unter "Blog". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Michael Engelbrecht:

    Das ist kein Nachruf, das sind nur Gedanken und Empfindungen. In der Abteilung „real assholes“ gibt es auch eine Abteilung deutscher „Hochkulturarbeiter“, die Herrnsdorfs Erfolg vor allem darin begründet fanden, dass manche Kritiker Mitleid mit dem Autor gehabt haben. Die Frage ist, ob sie „Tschick“ und „Sand“ überhaupt verstanden haben, diese „Kulturschwätzer“, von denen ein Teil (man möchte fast von einer Meute sprechen) sich auf Tellkamps „Thomas Mann für Arme“ gestürzt haben, als angeblich definitiven Wenderoman. Es darf gelacht werden …

  2. Michael Engelbrecht:

    Anlässlich des Todes von Wolfgang Herrndorf bringt der Merkur
    http://www.merkur-blog.de/2013/08/zum-tod-von-wolfgang-herrndorf/
    in seinem Blog Michael Maars im April vergangenen Jahres veröffentlichten, sehr schönen Essay über Herrndorfs Roman „Sand“.
    http://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-herrndorf/sand.html
    Maars Begeisterung kannte da schon keine Grenzen: „Herrndorf hat den größten, grausigsten, komischsten und klügsten Roman der letzten Dekade geschrieben. Er ist aimable; und sein Werk wird bleiben

  3. Jochen:

    Arbeit und Struktur heisst sein Blog. Tschick steht auf meiner Next-to-read-Liste.


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