Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2011 16 Mai

Ein Mann namens Gregory Pecks

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | Tags:  | 2 Comments

So nenne ich ihn manchmal am Telefon, und weit weg ist das nicht von seinem Original-namen. Ob er mal ein Manafonista wird, weiß ich nicht, ein Cronnopium ist er schon lange, und wer Zweifel hat, möge Julio Cortazar aus der Bibliothek holen und seinen Geschichten-band „Von Cronopien und Famen“ lesen. Gregory hatte schon mal – ist etliche Jahre her – den anonymitätsbesessenen Schriftsteller Thomas Pynchon nach Stuttgart eingeladen; das lokale Feuilleton war ausser Rand und Band. Er verfügt über eine atmeraubende Sammlung an alten Radios (die mit dem grünen Auge sind auch dabei!) und eine Jukebox, deren Anblick allein schon eine Zeitreise in Gang setzt. Einmal sassen wir spät abends beieinander, Gregory öffnete den Weinschrank, und wir legten die neueste Scheibe von Sunnnoo auf (mit der Anzahl der a´s und o´s komme ich immer noch durcheinander).Ein Fest für die Ohren, diese Mixtur aus Drones, wirklich spannendem Metalzeugs, und Free Jazz. Ein Gewitter zog über´s Haus weg, und schlug einem die Blitze nur so um die Ohren: es klang, als wäre das Wetter Teil der Musik.

Schwieriger wird es, wenn man mit ihm über Thriller redet; er nennt die Dinger immer Krimis, und spricht das so aus, als würde gleich Bill Ramsey hinterm Ofenrohr hervor kommen und „Ohne Krimi geht die Mimmi nie ins Bett“ singen (schön heiser, schön stimmungsvoll, und  der Fernseher springt an, und Klaus Kinski besorgt den Rest!). Da erinnere ich mich an lange Dikussionen: über den „literarischen Kriminalroman“, über den Thriller als experi-mentelle Form zeitgenössischen Erzählens, über all die Geschöpfe, die mit dem Bade ausgeschüttet werden. Es war ein großer Erfolg, ihn über die Jahre dazu zu bewegen, einige Thriller zu lesen (von Harlan Coben, Dick Francis und Don Winslow zum Beispiel). Trefflich streiten wir uns darüber, ob „Die dunkle Seite des Mondes“ totaler Mist ist(sagt er), oder einer der besten Romane von Martin Suter (sage ich). Eigentlich bin ich viel  störrischer: „seinen“ Peter Handke will ich nicht haben…  Nur eins musste ich ihm versprechen: daß ich eines Tages den Roman „Schweigen über Madrid“ lesen werde – ich werde es tun, lieber Gregory. Someday, over the rainbow…. gerne aber auch beginne ich (und das ist ein Lockangebot) geradezu umgehend mit diesen gewiss trübsinnigen Roman voller toter Laborratten, wenn Gregory Pecks hier,als special guest, in aller Ausführlichkeit erzählt, was passierte, als ich ihm Robert Wyatts letztes Album in die Ferien nach Südfrankreich nachschickte. Das ist noch besser als die Story mit Thomas Pynchon!

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2 Comments

  1. Jochen Siemer:

    Googeln ergab: ein Cronnopium gibt es weltweit nur bei den Manafonistas,
    ein Cronopium hingegen auch bei Cortazar.

    Ein Cronopium geht durch die Wüste und begegnet einem Löwen.
    Es entspinnt sich folgendes Zwiegespräch:

    Löwe: „Ich fresse dich.“

    Cronopium (sehr traurig, aber mit Würde): „Nun gut.“

    Löwe: „Oho, so nicht. Vor Märtyrern bewahr mich der Himmel.
    Entweder weinst du nun oder kämpfst, eins von beiden. So kann ich dich jedenfalls nicht fressen. Marsch, ich warte. Du sagts nichts!?“

    Das Cronopium sagt nichts und der Löwe weiß nicht weiter …

    Mhmm – die Situation kenne ich. Der Philosoph nennt das „Indifferenz“.
    Bin ich etwa auch ein Cronopium? – Zumindest aber Handkefan.
    Und das bringt einem auch manch Mißmut ein …

  2. Michael Engelbrecht:

    Hu Hu Hu Handke-Leser, ein Nest:) Egal: hier, für den Unvoreingenommenen, ein paar feine bis exzellente Thriller:

    1) Michael Gruber: Wendekreis der Nacht
    2) Michael Gruber: The Good Son
    3) Don Winslow: Pacific Private (Suhrkamp!!:))
    4) Don Winslow: Tage der Toten
    5) Dashiel Hammett: Der gläserne Schlüssel
    6) Tana French: Grabesgrün (In The Woods)
    7) Marco Malvadi: Im Schatten der Pineta
    8) Daniel Woodrell: Winters Knochen

    Wer, wie Handke, das Grab eines Despoten (wie Milosevic) besucht, kann bei mir nicht mehr auf Interesse stoßen. Gibt allerdings noch ca. 10 andere gute Gründe für meine Ablehnung. Eine gute Toleranzübung für mich (s. Gregory Pecks)


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