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Archiv: The Residents

Um der gepflegten Langeweile des Musikbusiness zu entfliehen entschieden die vier fiktiven Herren sich auf Kosten ihrer Plattenfirma auf den Weg in den hohen Norden zu machen und eine fremde archaische Kultur zu studieren, während andere noch mühsam versuchten nach dem Woodstock-Impuls etwas Eigenständiges zu kreiren. Die einen sagten, dabei seien Klassiker herausgekommen, die Anderen erfeuten sich gewohnter Kadenzen und wiederum andere gähnten, aber mehr aus Unbehagen. Und die fiktiven Herren fügten ihre Polarlichterfahrungen in einem konzeptionellen Netz aus Seehundsfellen und Walfischsehnen zusammen. Alle Geschichten des Albums werden in der Vergangenheitsform erzählt, denn heute sind die verbleibenen Mitglieder der fremden Kultur aus ihrem Elend gerettet worden und verbringen dem Kulturbürger gleich ihre Lebenszeit vor dem Fernseher. Genau genommen wissen wir aber gar nicht, wie weit die fiktiven Herren wirklich gekommen sind und schon gar nicht, wie viel mehr sie vielleicht nach innen als nach außen gereist waren. Fest steht, dass sie die archaische Sprache des fremden Volkes nie wirklich erlernten oder verstanden, aber auf nicht nachvollziehbaren Wegen eine Vorstellung ihrer Musikkultur entwickelten. Instrumente aus Tierfellen und -knochen bilden so das Zentrum ihrer Vision, die in ein subtiles arktisches Ambiente eingepflegt wurden und so ganz ohne Worte die überlieferten Geschichten von Walroßjagden, Geburt und Tod, Zauberern und bösen Geistern und der gefürchteten arktischen Hysterie erzählten. Ein entspannter Geisteszustand und eine warme Decke werden dem geneigten Hörer empfohlen. Da, wo im endlosen Weiß jede Struktur zu verschwinden droht ist ein rhythmisches Element das einzige, was noch etwas Halt und Orientierung im Orientierungslosen geben kann. Ein Klassiker, der seiner Zeit endlos weit voraus war und der zum Zeitpunkt seines Erscheinen verstörte und Verwirrung hinterließ und der jetzt remastered endlich wieder vorliegt, transparenter als je zuvor und immer noch in einer parallelen Zukunft verborgen. Ergänzt durch Ephemera, Stücke, die im Umfeld entstanden sind und teilweise auch andere ethnische Traditionen zitieren oder bizarre (Live-)Versionen einiger Stücke, vieles davon bislang unveröffentlicht. Um wer dann verloren sein sollte in arktischen Weiten, die rituelle Hysterie hinter sich gelassen hat und immer noch einen Expeditionsdrang verspürt, dem sei die bald erscheinende Deconstructed-Version dieses Werkes mit den einzelen Spuren der Tracks empfohlen, mit denen sich jeder seine eigene akustische Arktis erstellen kann. Eskimo.

 
 
 
            
 

Um Missverständnissen gleich am Anfang vorzubeugen: hier soll nicht die Rede von Kim Dotcom Schmitz und seinem Megaimperium sein, der immer noch fleißig gegen seine Auslieferung an die USA kämpft und gerade probiert deren leicht überengagierten Präsidenten für sich zu gewinnen. Nein, hier geht es um eine Compilation von Songs, die schon einmal eher nebenbei etwa im Jahre 2000 veröffentlicht wurden und nun offiziell das Licht der Welt erblicken dürfen. Einäugig versteht sich, denn so sind sie nun mal: The Residents.

Ende der 70er Jahre hörte ich zum ersten mal Third Reich & Roll auf einer alten Kassette (auf der anderen Seite war irgendwas von Throbbing Gristle) und leierte die erst mal reichlich durch mein Tapedeck. War deutlich anders als das, was es sonst so zu hören gab. Fanden meine Freunde auch & mich seltsam.

Später kam Eskimo, was ich immer noch für ihr bestes Werk halte: eine einzigartige Kreation fiktiver Ethnomusik, eine bizarre und fremde Atmosphäre, die sich entlang höchst obskurer Geschichten entlang hangelt. Oder später Wormwood, wo die höchst obskuren Geschichten einfach dem perversesten Bodensatz biblischer Erzählungen entnommen wurden, vielleicht um aufzuzeigen dass das religiös begründete Meucheln des Nächsten auch bei uns kulturell solide verankert ist. QED.

Und nun die ersten Worte auf Dot.Com: Don’t worry, I won’t hurt you! Das Versprechen hält aber nicht lange, because There’s Blood (on the Bunny) and I Murdered Mummy mit sehr plastischem Intro! Gefühlsecht. Zwischendurch, während sich die Konkurrenz im Seniorenstift Gedanken darüber macht, wie sie ihre Rente aufbessern können, weil sie zuwenig in die Künstlersozialkasse eingezahlt haben, werden ein paar alte Stücke kurz und bündig für Gamelanorchester neu gesetzt und mit Eskimo Opera eine Reminiszenz an Eskimo abgefackelt. Und wem das nicht reicht, dem sei die wunderbare Eskalation einiger eingestreuter Live-Stücke, insbesondere aber dem musikalischen Malstrom Walter Westinghouse empfohlen.

Vor der Seniorenresidenz an der Fake-Bushaltestelle sitzen inzwischen die übrig Gebliebenen mancher einst bekannten Band (ich will hier keine Namen nennen, um die Ärmsten nicht noch zu ihrem traurigen Schicksal zusätzlich zu diskriminieren) und planen eine weitere überflüssigste Reunion, die man sich so wenig wünscht, wie dass an der Scheinbushaltestelle doch noch einmal ein Bus vorbeikommt. Währenddessen rücken die Residents den Zylinder auf ihren Augapfelköpfen zurecht, straffen den Frack und ab geht’s über den Anstaltszaun raus in die Welt der Schaurigkeiten. Wo derletzt tragische Geschichten von Zugunglücken auf Ghost of Hope herhalten mussten, gibt es vielleicht demnächst die bitterbösen Stories von mysteriös verschwundenen Greisen mit musikalischer Untermalung, während der hausinterne Seniorenresidenzsender gerade dazu übergeht die akustischen Einschlafhilfen der Alteingesessenen ehemals Kreativen in die Appartements zu spielen, nicht zuletzt um Medikamente zu sparen und einige multipel vorgeschädigte Lebern zu schonen … Chapeau!

 
 
 

 


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