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Archives: Krimis

2011 9 Mai

Ein anderer Tatort

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„Och, nee, nicht schon wieder einparkende VW-Golfs vor tristen Häuserfassaden“,
so mein allererster Eindruck, der mich sogleich zu Pirat Captain Sparrow in die Karibik rüberzappe(l)n ließ. Doch ich kam zurück und sollte es nicht bereuen – war gekommen,
um zu bleiben. Weil sich da doch eine reizvolle Geschichte mit ebenso reizvollen Figuren
entfaltete:

Kommissar Krol, lichtscheu, einzelgängerisch und eigenbrödlerisch – kurz: kauzig,
als sei er einem Genazinobuch entsprungen (dessen Autor ja auch in Frankfurt wohnt).
In seinem als Büro eingerichten Kellerraum empfängt er die Kollegin mit den Worten:
„Ihre Schritte vernehmend erwartete ich ein Pferd“. Schonmal der erste Lacher –
und Weitere sollten folgen … Was für ein himmelweiter Unterschied die Nina Kunzendorf doch ist, verglichen mit einer schwer erträglichen Kommisarin aus Leipzig ( „nur gucken, nicht anfassen“) – und äußerst fotogen dabei. Irgendwie erinnerte mich das Ganze
an Twin Peaks (wiedermal).

Ein smarter Psychologicus kam auch drin vor und ließ den persönlichen Idiosynchrasiepegel
(den Geigerzähler des Ekels) bis zum Anschlag hochschnellen:  „Ich nehme mir jetzt einmal diesen Stuhl, setzt´ mich ein Stückweit hierher – und Sie erzählen mir einfach, wie es Ihnen mit Alldem so geht!“ Uuuahhh! Licht aus, Psychologen raus! Und sich freuen …
auf den nächsten Tatort aus Frankfurt.

2011 30 Apr

Jonathan Latimer in der Lüneburger Heide

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Zwischenstation in der Heide. Die natürlich nicht blühte, sonst wäre der Touristenstrom dank der pinkfarbenen Pracht des Heidekrauts einer Bundesgartenschau vergleichbar. Nein, mutterseelenallein geht es dort zu; einen Reiter zur treffen, hatte schon besonderen Seltenheitswert. Ich kam auf einem Baunernhof unter, der mir zwei schwarze Nächte der besonderen Art bot: nicht die Heimsuchung von Dämonen (die grausamen neuen Grönemeier-Lieder blieben mir also erspart), sondern Stockfinsternis. Ohne Taschenlampe irrte ich einmal  über einen Acker, und die spärlichen Lichter wirkten so weit entfernt wie  diverse lang verglühte Himmelskörper; doch auch die Wolken hielten sich bedeckt, und so rammte ich einen Kilometerstein, um Mitternacht, schrie kurz auf, und fand glücklicherweise doch noch zurück zum Hof. – Don´t get lost in Lueneburg Heath, sang Brian Eno einst. Ich las noch ein paar Seiten in Jörg Juretzkas gewitzter Abrechnung mit alten degenierten Hippieträumen („Alles ganz groovy hier“) – und verschwand im Land der Träume.

Am nächsten Tag landete ich am frühen Nachmittag im Dorfcafe Alte Schule, Hinter den Höfen 7, 29556 Suderburg-Hösseringen. Der Käsekuchen im Cafe war zwar noch etwas kühl, hatte aber ein feine Zitronennote und mundete prächtig. Dort kann man nicht nur übernachten, umgeben von einem herrlichen Garten, man bewegt sich auch  auch in einem Hause, das allerlei Überraschungen bietet, von einem urgemütlichen Tante Emma-Laden bis zu   einer riesigen Bücherwand, die eine ganze Front des Dorfcafes einnimmt. Sofort flogen meine Blicke über die Einbände, ich glaubte, alte Buchclub-Bücher aus den Sechziger Jahren zu erkennen, die unsere Eltern so gern sammelten. Gleitet der Blick über diese vertrauten alten Bücherrücken, wird man flugs in eine alte Zeit katapultiert.  Mein Blick blieb aber gnadenlos an den schwarzgelben Krimis aus der Diogenes Taschenbuchreihe hängen, die in meiner Studienzeit in Würzburg  mehr Platz in meinem Regal einnahmen als die Werke von Sigmund Freud. Reihenweise verschlang ich damals Eric Ambler (Lieblingbsuch: „Die Maske des Dimitrios“) oder Patricia Highsmith (Lieblingsbuch: „Das Zittern des Fälschers“). Und hier fand ich ein offensichtlich gelesene Exemplar von Jonathan Latimer: „Den Toten ist´s egal“. Den Mann kannte ich  nur vom Namen, er schrieb seine Detektivgeschichten vor allem in den 30er Jahren, fand ich später heraus.

An der Kasse wollte ich meinen Käsekuchen bezahlen, und fragte, ob ich der Haussbibliothek diesen kleinen Roman von Latimer abkaufen könne, zum Original- oder Sammlerpreis, egal. Aus dem Off kam dis Stimme einer Dame: Nein! (Ich sah niemanden).  Und noch mal:  Nein! Dann kam sie nach vorne, und funkelnde, lebendige Augen erzählten  mir von der Bedeutung einer solchen Bücherwand, die  halt gelebtes Leben sei, und kein Dekor.  Ich sagte: -ach, so gerne hätte ich das Buch und das Ambiente  den Lesern unseres Blogs vorgesellt, die sich teilweise nicht nur für Musik, sondern auch für gute Bücher interessieren, und Thriller zählen mitunter zu den besten Büchern überhaupt. – Sie sind ein Hinterfurzer, ein Hinterfurzer sind Sie!, gab sie, durchaus charmant, zum besten, drückte mir das Buch in die Hand,  forderte mich auf, ihr dafür einen anderen guten Krimi zu schicken. Am Abend dieses Tages verschwand ich mit Jonathan Latimer  im Bett und fand mich in den Everglades wieder, in Südflorida, in den späten 30er Jahren. Latimer verfügt über einen eleganten Humor und  beherrscht die Kunst der scharfzüngigen Ping-Pong-Dialoge. Er hatte  auch in Hollywood Erfolg, mit den Drehbüchern zu Hammetts „Der gläserne Schlüssel“ und Woolrichs „Die Nacht hat tausend Augen“ (s.a. Eintrag vom 25. April).   Diese beiden, im besten Sinne altmodischen,  Thriller  sind im Original sicher noch zu bekommen, zumindest antiquarisch.

(Hier also meine Reise- und Übernachtungstipp für die Heide, ein Gasthaus mit Brot, Bett und Buch – und sehr ausgeschlafenen und ursympathischen  Frauengestalten:  (www.dorfcafe-hoesseringen.de)  – ich werde der Chefin, wie abgemacht,  einen brillianten Thriller schicken.


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