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Archives: Jannis Ritsos

„Ich kann dieses Gefasel darüber, wie und was ein Gedicht heute zu sein hat und welche zentralen Dinge darin vorzukommen haben, nicht ausstehen. Ich habe immer gesagt: lieber die Schnauze halten und bessere Gedichte schreiben.“ Im Nachwort zu seinem Gedichtband „Kunst. Gedichte 1984-2014“ schreibt Thomas Kunst trotzdem ein bisschen darüber, welche zentralen Motive aus welchen Gründen in seinen Gedichten vorkommen, von welchen poetologischen Ansätzen er sich abgewandt hat und und welche Lyriker ihn immer noch begeistern. Zu den ersten Lyrikern, die in Thomas Kunst das Feuer für die Poesie entfacht haben und das Bedürfnis, ohne Poesie im Leben nicht mehr richtig zurechtzukommen, zählen der Peruaner César Vallejo, der französische Surrealist Paul Éluard und der Grieche Jannis Ritsos. Alle entdeckt in einer Runde von Freunden bei Rotwein und Kate Bush. (Es erscheint oft, als gäbe es solche Runden nur unter Jungs, aber das täuscht: Auch Frauen teilen ihre Begeisterungen einander mit.) Ritsos kannte ich nicht. Ich las, dass er seine heimlich geschriebenen Gedichte in Blechdosen im Sand vergrub.  „Epitaphios“ hieß der Band, in dessen Zentrum die Toten einer Demonstration streikender Tabakarbeiter. Es gab zehntausend verkaufte Exemplare, bevor das Buch im Jahr 1936 verboten wurde. Ritsos arbeitete auch als Journalist, und aus seiner Sicht hat ein Dichter, der sich am historischen Werden beteiligt, am meisten zu geben. Daher die Dankbarkeit gegenüber seinen Gegnern, die ihn verbannt und eingesperrt und ihm dadurch Erlebnisse, Grenzerfahrungen ermöglicht hatten. Armut, Hunger, der Wert einer einzigen Rosine. Die Gedichte Ritsos´ sind auf eine dezente Art politisch. Kein erhobener Zeigefinger, keine message. „Der Fluss“. Das ist das erste Gedicht aus dem Band „Gedichte“. Es lässt historische Erfahrungen spürbar werden, und man kann einen Trost darin sehen. Oder auch eine Unbarmherzigkeit. Es ist diese Offenheit, die den Text zum Klassiker macht und das Herz stocken lässt, beim Lesen.

 
 
 

 


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