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Archives: Jacques Rivette

 
 

Unter den Filmemachern der Nouvelle Vague war Jacques Rivette der Beschwörer des Magischen und Mysteriösen. Es waren die Tagebücher von Jean Cocteau aus den Jahren 1945/46, die dieser während der Dreharbeiten an Beauty and the Beast geschrieben hatte, die Rivettes Begeisterung am Film entfachten. Er beschloss, Filme zu drehen, mit anderen gemeinsam an etwas zu arbeiten, nicht für sich allein. Er zog nach Paris und begann damit Filmkritiken zu schreiben. Es waren die Jahre, in denen er zwanzig Mal in der Woche ins Kino ging, manchmal in vier Vorstellungen an einem Tag, alle interessant: DeMille, Warhol, ein japanischer Film ohne Untertitel. Die Katogorien von Zeit und Raum lösten sich auf. Schnell lernte Rivette die späteren Hauptfiguren der Nouvelle Vague kennen. Merry-Go-Round (1981) entstand auf Wunsch von Maria Schneider, die Rivette vorschlug, einen Film mit ihr und Joe Dallessandro zu drehen. Als Ausgangspunkt für ein Zusammentreffen der beiden ließ Rivette sie im Film durch eine andere Person – die Schwester der einen, die Freundin des anderen -, in eine Hotelhalle nach Paris lotsen. Doch die Schwester bzw. Freundin erscheint nicht. Der Film wirkt zum Teil wie ein Experiment der Art, was passiert, wenn Maria Schneider (als Léo) und Joe Dallessandro (als Ben) gemeinsam vor der Kamera in ihren Rollen agieren. Der Dreh zog sich hin, Schneider und Dallessandro verstanden einander nicht. Neben persönlichen Spannungen gab es ernsthafte gesundheitliche Probleme der Beteiligten und zehn Mal wurde erwogen, das Projekt abzubrechen. Man merkt schnell, dass der Film seine Qualität vor allem durch die Montage erhielt und durch das, was zwischen Schneider und Dallessandro geschieht und was nicht geschieht. Die Faszination der beiden ist enorm und trägt den gesamten Film, auch wenn er sich mit seinen zweieinhalb Stunden ziemlich in die Länge zieht. In Anbetracht der Situation, in der sich die Schwester bzw. Freundin befindet und der dramatischen Hintergründe, die nach und nach enthüllt werden, wirken Léo und Ben fast surreal entspannt. Dallessandro verkörpert den Womanizer und Schneider spielt die jüngere Schwester: tough, lässig, unabhängig, intelligent und impulsiv. Merry-Go-Round öffnet einige parrallel laufende Räume, innere und äußere, zwischen Verschwörungskomplotten und suspekten Nebenfiguren, abgelegenen leerstehenden Bürgerhäusern, gefährlichen Begegnungen in den Dünen und im Laubwald, Transiträume, Pariser Vorortstraßen, einem Übungsraum, in dem Barre Phillips und John Surman musizieren. Ich mochte die Energie, die darin steckte, wenn Léo und Ben einfach nur nebeneinander saßen, sei es auf einer Gartenmauer oder auf einem alten Sofa. Gegen Ende gewinnt der Film an Tempo. Es gibt eine kleine Schlägerei, bei der es so offensichtlich ist, dass die Schläge gefakt sind, dass ich mich frage, ob es beabsichtigt war oder ob die Aufnahmen einer anderen Kamera verloren gegangen waren und es keine Kapazitäten mehr gab, um die Szene nochmal zu drehen. Der Schluss des Films lässt uns, wie Léo, sprachlos und irritiert zurück. „Jacques Rivette hat“, sagte Jonathan Rosenbaum, „das Kino mit ein paar Filmen in die Luft gesprengt.“

2013 10 Jun

Jacques Rivette

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Als Teenager gehörten die Filme von Claude Chabrol und Francois Truffaut zu den guten Dingen: Chabrol liess die Fassaden des Bürgertums bröckeln, und Truffaut irrte mit Jean Pierre Leaud durch endlose Wirrungen des Eros. Früh in der Studentenzeit wurde aber Jacques Rivette mein ganz persönlcher „Held“ unter den Regisseuren der Nouvelle Vague. Er improvisierte mit seinen Darstellern in einem Paris fernab des kämpferischen Zeitgeists. Liebe, Verschwörung und andere Rätsel wurden zwar selten gelöst, doch stets in eine besondere Aura getaucht: die wunderbaren Hauptdarstellerinnen von „Celine und Julie fahren Boot“ bewegten sich voller Anmut, gleichzeitig im Stolperschritt, durch ihre Stadt: Alltag als Improvisation mit kleinen Geheimnissen. Die Waffe der Rivette’schen Figuren war die Phantasie. John Surman und Barre Phillips spielen in einem anderen Werk (Merry-Go-Round) ihre Filmmusik vor der laufenden Kamera, statt sie später zu laufenden Bildern zu erfinden. Zu den Schlangenlinien des Surman’schen Saxofons huschten die Protagonisten anders durchs Bild, die Musik empfahl ein leicht verändertes Gehen, das mitunter einem Tanz nahe kam. Schon damals war immer von diesem opus magnum zu hören, dass kein Normalsterblicher je zu Gesicht bekommen hatte. „Out 1 – Noli me tangere“ war 13 Stunden lang, und schlummerte lang in den Archiven. Jetzt kann man es sich bei ARTE besorgen, auf mehreren DVDs, die französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Ganz alter Stoff, jede Menge Verrückte, freies Theater, ein Hauch von Balzac nach dem Mai 68, und eine liebevoll-verrückte Hommage an die „Stadt der Liebe“, selten war ein Blick auf den Alltag und seine kleinen Mysterien so reich an Verzweigungen, so nah an permanenter Träumerei!


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