Jetzt packt er sich mit Entschlossenheit
Auch wenn er weiß, dass das traurig macht
Er ist entschlossen, was zu sein
Er ist entschlossen, ernst zu sein
Er hatte sich einmal vorgenommen, ernsthaft zu sein.
Später wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte.
Aber zu spät war er angekommen, und es gab Zimmer
Und nicht alle Zimmer waren gleich.
Einige waren besser als andere, dachte er.
Eine bessere Aussicht, eine bessere Ausstattung
Eine bessere Dusche, ein weicheres Bett
Nicht so weit weg vom Lärm, mehr wie zu Hause
Et cetera, et cetera, sehr abstrakt.
Er hob das Telefon aus der Halterung.
Seine Entschlossenheit wurde stärker, wenn auch nicht deutlicher
Auch wenn er in seiner Kraft verblasste
Wäre es nicht für unsere Momente
Die Trägheit unserer Handlungen
Die ständige Inspiration durch unsere Gewohnheiten
Wir könnten nicht weitermachen
„Der Wille ist fast nichts“, sagte er zu sich selbst
2020 5 Feb.
American Standard
von Jochen Siemer | Kategorie: Blog | Tags: James Taylor | | 3 Comments
Suddenly a door jumps open and in comes a topic-related interest. A well known acquaintance by the name of James Taylor pays another visit in my mind. The mature October Road was a fresh surprise and like the soundtrack of some love affair. We luckily had kind of a letterman that days, Schmidt was his name and in his TV show one late night his sideman Helmut Zerlett brought the conversation to your album. He called it brilliant, with a featured drummer legend named Steve Gadd. These days again I am trying to figure out some songs of yours on my guitar, like we did often in that folky days of the last century´s Seventies. Your voice is a gem and the fingerpicking style is unique, combining folk, jazz, country and the good old rock´n roll. Looking forward listening to American Standard in a couple of days.
Nach dem ersten Klingeln legte er auf.
Er drückte den Knopf herunter
Und lauschte der Stille des Objekts in seinen Händen
Und dann legte er auf, sehr dramatisch
Das Telefon klingelte sofort
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben
Er bringt diese Wolke von Bedingungen mit
Er ist im Zentrum eines Balles aus heißem Zeug
Wir haben uns noch keine Gedanken gemacht
Und auf dem Bett im Hotelzimmer zu sitzen ist nicht anders
Irgendwo in einem anderen Zimmer in Reichweite
Jemand ist aufgestanden und hat ihn angerufen
Das passiert immer wieder, wirklich.
Eine Art Unruhe in diesem Bereich
Frei nach Georg Kreisler;
in memoriam Renitenztheater Stuttgart, 1973
Spielt auf Sylt die Jukebox Palestrina,
öffnet sich der Platten Schranktür weit.
Ein Wolkenamtmann knabbert brav sein Mana.
Bei den Fonistas gibt es keinen Streit;
Denn es ist Frühlingszeit
es ist Frühlingszeit
denn es ist Früh-hüh-lingszeit
Ja, dann teilen sich die Wolken über China,
die Zahl der Päpste lautet heuer zwei.
Doch hat jeder ein eignes Mikrofina,
dann ist das ohnehin einerlei.
Denn es ist Frühlingszeit
es ist Frühlingszeit
denn es ist Früh-hüh-lingszeit
Die Texte werden immer kecker,
zum mainstream fehlt nicht mehr der Mut.
„Lecker lecker“ rufen alle Zuckerbäcker.
„Das tut den Manas gut!“
Es wird alles gut
es wird alles gut
es wird alles gut
Er saß und dachte über Gehorsam nach
Er hatte sich für eine der beiden Arten entschieden,
Die Art, die jede Botschaft von Ordnung, Regel, Gesetz nimmt, hat Fehler
Dass jeder, der diese Botschaften weitergibt
Der die Gebäude verabscheut
Der der inneren Stimme widerspricht
Der sich widersetzt, kurzum, der war
Und dass die andere Art, wie könnte es sein?
2020 2 Feb.
Nico: Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist
von Jan Reetze | Kategorie: Blog | Tags: Nico | | 5 Comments
Ein passender Titel. Und dabei stammt er nicht mal von ihr selbst. Er stammt aus einem Nico gewidmeten Gedicht von Juliane Liebert.
Es gehört zu den Problemen dieses Buches, dass Nico selbst kaum etwas hinterlassen hat, das zur Klärung irgendwelcher Sachverhalte ihres Lebens beitragen könnte. Wer über sie schreiben will, muss sich damit begnügen, dass sie da war, dass es sie gab. Dass sie eine der wenigen wirklich außergewöhnlichen Erscheinungen in der Popmusik war, steht außer Frage, wenn man von Popmusik hier überhaupt sprechen kann.
Das von Manfred Rothenberger und Thomas Weber in Zusammenarbeit mit dem Institut für moderne Kunst Nürnberg herausgegebene Buch ist eine Sammlung von Essays, Fotos, Gedichten und Interviews, die um Nico kreisen. Soweit es möglich und sinnvoll ist, folgt das Buch der Chronologie, angefangen mit Kindheitserinnerungen an die junge Christa bis hin zu Betrachtungen nach ihrem Tod. Die Interviews und Gespräche mit Nico selbst sind oft schlecht geführt und springen vom Hölzchen aufs Stöckchen, doch liegt das natürlich auch daran, dass diese Frau überhaupt nicht daran interessiert war, interviewt zu werden, und an ihrer offenkundigen Unfähigkeit, überhaupt bei einem Thema zu bleiben, ohne ins Reich ihrer Phantasie und Träume abzudriften. Nico hat Songs Andreas Baader oder Charles Manson gewidmet, ohne dass das im Buch ernsthaft hinterfragt wird, wie sie auch das „Lied der Deutschen“ mit allen drei Strophen zu Gehör brachte, wohl wissend, weshalb die ersten beiden nicht mehr gesungen werden sollten (sie war nicht so blöd, dass sie das nicht genau gewusst hätte). Aber auch darin steckt natürlich eine Aussage über die Person.
Deutlicher werden da schon die Essays, Filmkritiken und Konzertberichte, sofern sie sich nicht auf den allzu naheliegenden Holzweg begeben, auf ähnliche Weise in den Nebel abzudriften wie Nico selbst. Nicos Karriere als Model, als Filmschauspielerin, als Andy-Warhol-Superstar, als Gastsängerin der Velvet Underground, ihre Soloalben, ihre Drogensucht, ihre Konzertauftritte (die sie im Zweifel auch ohne Mikrofon bewältigte) und ihre Verwandlung vom Heinz-Östergaard-Model zur düsteren Gothic-Vorreiterin werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und eingeordnet. Einige Beiträge sind schlicht überflüssig, andere werden von einer Tendenz zur Heldinnenverehrung beeinträchtigt; Nicos Musik wird oft für wichtiger erachtet, als sie bei aller Einmaligkeit und Gutwilligkeit nun doch war. Nico selbst wird hier manchmal in einer Weise zu einem Überwesen hochstilisiert, die es schwer macht, noch die wirkliche Person dahinter zu erkennen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht war die wirkliche Nico nur sichtbar für diejenigen, die unmittelbar mit ihr gearbeitet und/oder zusammengelebt haben. Vielleicht war sie für andere wirklich nur ein Image, eine Projektionsfläche. Wer sie allerdings so sah, konnte unter Umständen sehr konkret erleben, dass das vermeintliche Imagewesen — wie alle Junkies — hochgradig gemein sein konnte. Am aufschlussreichsten sind die Beiträge von/mit John Cale, Gerard Malanga, Helmut Salzinger, Ecki Stieg, Susanne Ofteringer und natürlich Lutz „Lüül“ Graf-Ulrich.
Das Gefühl, das bleibt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Nico gern kennengelernt hätte. Letztlich bleibt sie auch nach den 630 Seiten dieses sorgfältig aufgemachten Buches ein Rätsel, wenn auch ein durchaus faszinierendes. Und es bleibt die Anregung, mal wieder in ihre Platten hineinzuhören. Mein Tip, noch immer: Live In Tokyo von 1986. Es enthält nicht nur „The End“, sondern auch „Das Lied vom einsamen Mädchen„, geschrieben 1952 von Werner Richard Heymann („Irgendwo auf der Welt“) und Robert Gilbert. Vielleicht ist das das wirkliche Portrait.
ISBN 978-3-922895-34-3
Fürth 2019
Edmund Husserl war Philosoph und Mitbegründer der Phänomenologie. Seine Schriften werden als „Husserliana“ bezeichnet und sind streng katalogisiert, zum Beispiel als „Husserliana-Band Nr. (römisch), Seite (arabisch)“ (z.B. Hua XI, 120), und die außerhalb der Husserliana erschienenen Werke Husserls als „Werkabkürzung, Seite“. Als ich im ersten Semester in Münster studierte, Germanistik und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien, machten mir nicht zuletzt eine tumbe Vermittlerin des Althochdeutschen und ein philosophisches Mammutwerk einen Strich durch meinen Traum vom Lehrerberuf, den ich sicher mit Freude ausgeübt hätte. Aber ich hatte Rosinen im Kopf von einer durchweg aufregenden Studentenzeit, stürzte mich voller Euphorie in Husserls Cartesianische Meditationen und seine „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und Philosophischen Phänomenologie“. So nach und nach ebbte meine Begeisterung ab, bis ich in dem Buch nur noch ein Schlafmittel erster Güte entdecken konnte, bei allem Respekt vor den Leistungen des Philosophen. Ich ging in Fellini-Filme, hörte Leonard Cohen von alten Tonbändern, scheiterte an den zwei hinreissendsten Studentinnen der Stadt (deren unendliche, auch phänomenologisch unzweifelhafte, Schönheit ich heute noch vor mir sehe), und kaufte mir an einem Hochsommertag mittags, an einem Plattenstand vor der Kantine, Eberhard Webers „The Colours of Chloe“. Auch wenn die Stunden zur „Konkreten Poesie“ im Rahmen eines germanistischen Proseminars unvergessen waren, entschloss ich mich, nach all diesen Ernüchterungen und Verzauberungen, umzusatteln und Psychologie zu studieren. Und aus „Husserliana“ wurden irgendwann „Hasselliana“, Und Jon Hassell, neben Miles Davis und Don Cherry, zu meinem Lieblingstrompeter. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ein Paket aus London kam, mit dem Album „Possible Musics“, das in der alten BRD noch nicht zu haben war, und ich hörte es Stunden lang in einer Badewanne mit Kerzenlicht, und legte immer wieder die Seite um, ich liess auch ständig heisses Wasser nachlaufen, mit dem ersten Ton nahm mich diese Musik gefangen. Hier eine historische Radiosendung aus dem Jahr 1990.
Es ist wohl kaum übertrieben zu sagen,
dass Ambient-, Drone- oder Dauermusik
ein besonderes Verhältnis zur Zeit hat,
und diejenigen unter uns,
die das Privileg haben, die freie Zeit, sie zu hören
und sich ganz in sie zu vertiefen
können eine wesentliche Erleichterung erfahren.
Crary beschreibt den Schlaf als
„eine kompromisslose Unterbrechung des Zeitdiebstahls“.
Und obwohl die beste Ambient-Musik
die Aufmerksamkeit auf sich zieht,
anstatt in den Hintergrund zu geraten,
trifft seine Aussage zu:
Zeit zu finden,
um sich dem Hören zu widmen,
ist ein weiterer Weg, um Momente
aus dem scheinbar
immer mehr
quantifizierten Alltagsritual
zurückzugewinnen.
Aber in The Ballasted Orchestra steckt etwas Überwältigendes.
McBride und Wiltzie verzerren die Zeit
und dehnen die Seltsamkeit aus, die entsteht,
wenn man aus dem Takt der Uhr gerät.
Da wir scheinbar immer präziser
an das Vergehen der Uhr gebunden sind,
scheint sie noch mehr
ein seltsamer Ausreißer zu sein.
2020 31 Jan.
Ein Gastbeitrag von Astrid Nischkauer
von Manafonistas | Kategorie: Blog | | Comments off
Mein literarisches 2019
Als Rezensentin blickt man immer nur nach vorne: auf den immer viel zu hohen Stapel der erst-noch-zu-rezensierenden Bücher, auf die Verlagsvorschauen und die Bücher, die im nächsten Frühjahr erscheinen werden, etc., etc. Der musikalische Jahresrückblick von Michael Engelbrecht hat mir vor Augen geführt, dass Rückblicke im Literaturbetrieb ganz unüblich sind, aber vielleicht gerade deswegen besonders spannend wären. Ich habe mir daher einmal angesehen, welche Bücher und wie viele ich eigentlich im Laufe des Jahres nahezu ausschließlich für fixpoetry.com rezensiert habe und bin auf die doch recht beachtliche Zahl von 23 gekommen, von Oswald Egger bis Ilma Rakusa, das war mein 2019. Ich möchte nun mein literarisches 2019 an dieser Stelle noch einmal im Schnelldurchlauf revuepassieren lassen, und zwar querfeldein und nach Herzenslust über den grün-grünen Rasen rennend:
Querfeldein
Der Wildfang nimmt nicht die Wege, sondern quert Felder und Wiesen aufs Geratewohl. Auch den grün-grünen Rasen im Park, der vor lauter Gepflegtheit nicht betreten sein will. Rein – und rennen nach Herzenslust, unbekümmert um Grenzen, Vorschriften, Pfade.
Ilma Rakusa: Mein Alphabet (Droschl, 2019)
Von Steinen (und Sternen)
Die wunderbare Ilma Rakusa! In Mein Alphabet fächern uns Gedichte, Prosatexte und Selbstinterviews ihr Leben und Schreiben auf, nehmen uns mit in ihre Welt und machen uns mit ihrer Art die Welt zu sehen, zu betrachten und zu bestaunen vertraut: „Oh, schau!“
Hototogisu von Eric Giebel versammelt sehr einfühlsam erzählte Prosaminiaturen, welche in der ganzen Welt verortet sind. Es geht um Menschen und Mitmenschlichkeit, auch wenn viele Tiere in den Kurzerzählungen auftauchen.
„Lass das!“, wehrt Lani ab. „Ich bin keine Figur, mit der du dein Spiel treiben darfst. Ich bin lebendig, im Jetzt! Du sollst mit mir reden!“
Eric Giebel: Hototogisu (Pop, 2018)
Von Elstern, Raubkatzen und Nachtmenschen
Norwegen war diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse. Aus diesem Anlass habe ich auf fixpoetry eine Anthologie zeitgenössischer norwegischer Lyrik vorgestellt, und zwar die im Verlag das Wunderhorn erschienene Anthologie Sternenlichtregen. Sie enthält Gedichte von neun Dichterinnen und neun Dichtern aus mehreren Generationen.
wiege mich sachte
winternacht
wispere mich
still
Rawdna Carita Eira, übersetzt von Claudia Palser-Kieser in:
Sternenlichtregen. Zeitgenössische Lyrik aus Norwegen (Verlag Das Wunderhorn, 2019)
himmelwärts
Schreiben als permanentes Weiterschreiben, kaum jemand verkörpert das so radikal wie Franz Dodel mit seinem bereits sechs Bände umfassenden Endlosgedicht Nicht bei Trost. Der zuletzt veröffentlichte Teil davon trägt den Untertitel Capricci. Eine weitere Besonderheit dieses durch und durch besonderen Projekts ist die Tatsache, dass Franz Dodel nicht nur ständig weiterschreibt, sondern uns auch teilhaben lässt an diesem ständigen Weiterschreiben, indem er den noch nicht veröffentlichten neuesten Abschnitt auf seiner Homepage vorab veröffentlicht und laufend neue Zeilen ergänzt. Einfach rein springen, irgendwo anfangen und genießen:
an Übergängen
vom einen zum anderen
und vom anderen
zum einen geschieht auch mir
Unerwartetes
Franz Dodel: Nicht bei Trost. Capricci (Edition Korrespondenzen, 2019)
Wenn Bäume sich lieben
Monika Vasik feiert in ihrem neuen Gedichtband hochgestimmt die weibliche Stimme in all ihren Facetten, Höhen und Tiefen. 67 Gedichte sind es, jedes davon widmet sich je einer Sängerin, ihrer Musik, ihrer Art zu Singen und ihrem Schicksal:
stille zum zerreißen gespannt plötzlich
erste töne aus den tiefen deines mundes
wie perlen so klar so rein jede silbe
Monika Vasik: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019)
lost in sound
Ein Debut, das es in sich hat, legte Eva Maria Leuenberger mit dekarnation vor. Unheimliche Gedichte, unheimlich präzise Gedichte. Form und Inhalt sind eins, die Worte gehen, wehen und fließen und die Sprache durchläuft selbst den Prozess einer Dekarnation, bis nur noch fahlweiße Knochen übrig bleiben.
du spürst das wasser
an deinen knöcheln
darunter stein
das wasser ist klar
Eva Maria Leuenberger: dekarnation (Droschl, 2019)
bis dein körper kein körper mehr ist
Dem hochroth-Verlagskollektiv habe ich ein umfangreiches Verlagsportrait gewidmet und je ein Buch der acht verschiedenen Standorte vorgestellt, um die Vielfältigkeit dieses zauberhaften Projekts aufzuzeigen. Achtmal komprimierte Lyrik vom Feinsten, Herz, was willst du mehr? Von hochroth Heidelberg habe ich den zweisprachigen Band Spiegel der Spione / Espejo de los espías von Ángeles Mora vorgestellt:
Wenn du dem Herz,
das sich dir öffnet,
Wasser gibst,
kannst du glücklicher sein,
als wenn du es herausreißen würdest.
Regando el corazón
que se te ofrece
puedes ser más feliz
que si lo arrancas.
Ángeles Mora: Spiegel der Spione / Espejo de los espías. Aus dem Spanischen von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Martina Weber (hochroth Heidelberg, 2019)
Ángeles Mora: Spiegel der Spione
Bei Daniel Bayerstorfer (hochroth München) geht es zum einen planetarisch musikalisch zu – „Scheiße, wir müssen zu diesem Zwergplaneten! Andromeda sagen / und sehen.“ – zum anderen nimmt er sich in seinen Gedichten genannten und ungenannten Orten an:
Die Zypressen von San Michele liegen wie das Blatt einer schwarzen
Säge im Wasser und raspeln ein bisschen am Himmel, streicht der
Wind durch die Nadeln. Ein Phönix aus Marmor hat Opern im
Magen: immer neu aufgeführtes Repertoire;
Daniel Bayerstorfer: Gegenklaviere (hochroth München, 2017)
Daniel Bayerstorfer: Gegenklaviere
Ein symphonischer Text von Leon Skottnik (hochroth Bielefeld) ist in vielerlei Hinsichten besonders, handelt es sich doch um einen aus Noten aufgebauten und in vier Sätze unterteilten Text, der in uns einen ähnlichen Empfindungszustand hervorrufen möchte, wie beim Hören einer Symphonie.
und alles singt
lächelnd und erschlagen
von den Noten
den Worten
den Zweigen
im Sturm
Leon Skottnik: Ein symphonischer Text (hochroth Bielefeld, 2018)
Leon Skottnik: Ein symphonischer Text
Sehr stille, bedachte und sachte Gedichte schreibt Melanie Katz (hochroth Wiesenburg):
so zupften wir einander
die blätter von blüten
aus den augen
die fielen in meine geöffnete hand
Melanie Katz: Silent Syntax (hochroth Wiesenburg, 2018)
Melanie Katz: Silent Syntax
Von Herta Müller sind bei hochroth Paris rumänische Collagen mit Übersetzungen ins Französische erschienen:
Mais quand je le suis, je le suis! Disons
coupable.
Oui mais voilà
je ne sais pas quand
vers le soir
dans le vent, des nids carrés
plus ou moins
foin
Herta Müller: ion ou non (hochroth Paris, 2018)
Herta Müller: ion ou non
Auf Deutsch wäre das in etwa in eigener Übersetzung: „Aber wenn ich’s bin, bin ich’s! Sagen wir / schuldig. / Ja aber hier sind / ich weiß nicht wann / gegen Abend / im Wind, viereckige Nester / mehr oder weniger / Heu“
Die tschechische Dichterin Marie Šťastná geht in ihren Gedichten an die Schmerzgrenze, beschreibt beispielsweise den Moment in welchem zwei Mütter um das Leben ihrer Kinder bangen und eine der beiden trotz Angst im Bauch und Zittern in den Händen die andere Frau anblickt und wünscht, sie könnte sie irgendwie trösten. Das Besondere und Unerwartete findet Marie Šťastná gerade im scheinbar Alltäglichen. Das kann mitunter durchaus unheimlich sein, kann doch selbst ein ganz gewöhnlicher Brieföffner zur Mordwaffe umfunktioniert werden. Gedichte als eine Möglichkeit, die Wirklichkeit wie Blumen in Backpapier flach zu bügeln und so jedes Äderchen und jede Unregelmäßigkeit erkennen zu können, das führt uns der Band sehr eindrücklich vor Augen:
Blumen in Backpapier bügeln
Jedes Äderchen tritt heraus
jeder zufällige Fehler
der eigentlich kein Fehler ist
denn die Natur irrt sich nicht
sie irrt sich nie
nur manchmal weicht sie ab
Žehlení květin v pečícím papíře
Vystoupí každá žilka
každá náhodná chyba
která vlastně není chybou
protože příroda se nemýlí
nikdy se nemýlí
jen občas uhne stranou
Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck (hochroth Leipzig 2018)
Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht
Von hochroth Wien habe ich ebenfalls einen Band mit übersetzten Gedichten vorgestellt, und zwar von der iranischen Dichterin Nahid Kabiri, in der Übersetzung von Kurt Scharf. Sehr persönlich und zugleich sehr politisch auf dezente Art und Weise mit einer sehr poetischen Sprache, das sind ihre Gedichte.
Granatapfelkerne
Sie tropfen
Tropfen
Für Tropfen
Von der „Straße der Revolution“
Auf die Straße namens „Freiheit“…
Nahid Kabiri: Garten, mit Nägeln. aus dem Persischen übersetzt von Kurt Scharf (hochroth Wien, 2017)
Nahid Kabiri: Garten, mit Nägeln
Ich hatte das große Glück, den Ethnopoeten Jerome Rothenberg in Wien bei einer Lesung in der Alten Schmiede gemeinsam mit seinem Übersetzer Norbert Lange erleben zu dürfen. Sein bei hochroth Berlin erschienener Band Rituale & Events versammelt ebensolche aus der ganzen Welt:
MEERESWASSER-EVENT
Die Gezeiten des Meeres werden getanzt; einige Vögel & Tiere
werden miteinbezogen.
(Arnhemland, Australien)
Jerome Rothenberg: Rituale & Events. Übertragen von Norbert Lange (hochroth Berlin, 2019)
Jerome Rothenberg: Rituale & Events
Zeitschriften habe ich 2019 auch zwei besprochen und zwar zum einen das Wespennest, eine der ältesten Literaturzeitschriften, die ich kenne. Und zum anderen die Wortschau, eine der schönsten Literaturzeitschriften, die ich kenne. Nummer 176 des Wespennests, der Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, widmet sich dem Klima als großem Thema unserer Zeit. Während Nummer 33 der Wortschau mit einem lauten Tusch und Trommelwirbel: „Vorhang auf!“ – ruft.
I schea mi ned um de aundan Leid
weu fia sowos hobi wiaglich ka Zeid.
Christine Nöstlinger: Ned, dasi ned gean do warat. (Residenz Verlag, 2019)
Von Buttaschas und Zechalkas
Der Band Ned, dasi ned gean do warat enthält Wiener Dialektgedichte aus dem Nachlass der vor allem auch für ihre Kinder- und Jugendbücher bekannten Christine Nöstlinger. Es sind bitterböse und rabenschwarze Gedichte. Voller Respekt und sehr liebevoll blickt die Dichterin auf die alltäglichen Abgründe in den Seelen und Leben ihrer Mitmenschen, die vielleicht Tür an Tür mit uns leben, ohne dass wir etwas von ihren Sorgen mitbekämen.
Elisabeth Wandeler-Deck entführt uns in Tagumtagkairo in das Kairo, das sie im Jahre 2007 kennen lernen durfte. Jede Doppelseite des überaus schönen und schön gemachten Buches enthält jeweils ein Foto, ein Gedicht und einen Prosatext, was eine sehr gelungene Komposition ergibt.
balkon rand flüstere ich lieblich die
morgensonne lächere mich wenn
bloss du hier wärst umarme das
teeglas bald ist oder ein spazieren
gehen zum NIL das ist gar nicht so
einfach einfach
Elisabeth Wandeler-Deck: Tagumtagkairo (Edition Howeg, 2019)
Mein Notiz Körper ICH lege mich mit Kairo an
Einen sehr vielstimmigen Gedichtband hat Timo Brandt mit Ab hier nur Schriften vorgelegt. Der Titel verrät uns schon vieles über das Buch, zum einen wäre da die Mehrzahlform „Schriften“, es heißt eben nicht „Ab hier nur Schrift“, sondern „Ab hier nur Schriften“, uns erwarten also verschiedene Schriftarten und –typen, verschiedene Stile und Schreibweisen. Und dann ist im Titel auch ein kleiner Witz versteckt, wie Timo Brandt einmal bei einer Lesung verriet, denn man kann „Ab hier nur Schriften“ auch zusammenziehen zu „Abschriften“. In dem Sinne, dass jedes Schreiben ein Weiterschreiben ist, des eigenen Schreibens, aber auch von allem je Geschriebenen.
Wind
nur der Wind
sanft in den Ästen
das Trillern der Vögel
am Morgen
Timo Brandt: Ab hier nur Schriften (Aphaia Verlag, 2019)
{abschweifen} (einfangen) [festhalten]
Eine Entdeckung der besonderen Art war für mich dieses Jahr Jewdokija Rostoptschina in der Übersetzung bzw. Nachdichtung von Alexander Nitzberg. Das Werk der laut Nitzberg bedeutendsten russischen Dichterin des 19. Jahrhunderts geriet bald völlig in Vergessenheit und darf nun wiederentdeckt werden. Der Band enthält Gedichte und ihr Drama Die Menschenfeindin.
Ich bin es herzlich leid, für Gaffer mich zu schmücken,
so mancher dummen Gans in meinem Spitzenkleid
zu knicksen engelsgleich, ich bin es herzlich leid
so manchem, der mir bös gesinnt, die Hand zu drücken,
zu gähnen still und leis aus Sterbensmüdigkeit …
Jewdokija Rostoptschina: Die Menschenfeindin. Herausgegeben und übertragen von Alexander Nitzberg (Klever Verlag, 2019)
Die Welt ist viel zu trist, mich Träumende zu trösten. –
Ein Bilderbuch bei dem man (bzw. Kinder) mit- und weitermalen kann – diese Idee ist einfach genial und funktioniert großartig, wie man mit dem Geburtstagsbuch Für … zum Geburtstag von mir von Annika Thamm selbst ausprobieren kann. Man sieht beispielsweise auf der rechten Seite eine leere Blumenvase, die nur darauf wartet, mit wunderschönen selbstgemalten Blumen gefüllt zu werden, und liest auf der linken Seite:
… in der Zwischenzeit
pflücke ich dir einen
Blumenstrauß …
Annika Thamm: Für … zum Geburtstag von mir (Schaltzeitverlag, 2018)
für dich von mir…
Lydia Haider, the one and only. Von ihr habe ich ein Buch rezensiert, bei dem der Titel schon Programm ist: Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi. Ein Gesang. Es handelt sich dabei um eine Schimpftirade, die ihresgleichen sucht, über alles Denkbare und Undenkbare, die, sobald sie einmal begonnen hat ohne ein einziges Atemholen loswütet um dann schlussendlich mit den folgenden Worten zu enden:
da kannst du gleich hingehen zum Fenster und dich raushaun in deinem Elend, den Kopf kannst du dann ins Backrohr legen und den Gashahn aufdrehn, dir ein Feuer machen du Trottel, ja geh ins Wasser, ersäuf dich, schneide dich auf, erschieß dich, leg dich aufs Gleis, erstick dich, zerreiß dich, zersetz dich doch.
Lydia Haider: Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi. Ein Gesang (redelsteiner dahimène edition, 2018)
du grenzdebiler Nasenbluter du
Das Jahr begann mit Triumph der Farben von Oswald Egger, dem diesjährigen Jandl-Preisträger. Auf dem Einband sieht man einen überbunten gespiegelten Harlekin, wie auf einer Spielkarte, der eine Farbenkugel zwischen seinen Fingern dreht. Die Eggersche Sprache dreht und verdreht sich gleichsam, schlägt Purzelbäume und Räder. Man kommt sich vor wie in einem Kaleidoskop, das sich bei jeder Bewegung ändert und verändert.
Das Gesehene ist nicht etwa bildlich klar und entsteht mir aus einer Umdeutung der Lichtpunkte am Fenster. Ich kann z. B. auf dem Fenstervorhang, der einzelne Lichtpunkte zeigt, alles Mögliche sehen, was er schildert, so lange ich will.
Oswald Egger: Triumph der Farben (Lilienfeld Verlag, 2018)
Über die Umdeutung der Lichtpunkte am Fenster
Veranstaltungstechnisch waren die beiden poetischen Höhepunkte des Jahres in Wien das Lyrikfestival Dichterloh in der Alten Schmiede und die dreitägige Poesiegalerie im November. Über beide habe ich berichtet, auch das lässt sich auf fixpoetry nachlesen.
Das war mein literarisches 2019! Obwohl noch nicht ganz: Denn jetzt gerade lese und rezensiere ich Jan Röhnert: Breughels Affen (Elif Verlag, 2019) und Julia Grinberg: kill-your-darlinge (gutleut verlag, 2019).


