Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Genauer:

Die Suche nach dem Faden der Ariadne nach dem Öffnen der Büchse der Pandora.

 

Weniger verklausuliert:

Beim Regisseur George Miller weiss man nie so recht, was er als nächstes vorhat – vom ungezügelten Action-Rausch eines Mad Max zum Schmonzettchen über das Schweinchen Babe nun ein Fantasy-Epos mit märchenhaften Obertönen – nach der Romanvorlage Der verliebte Dschinn von A.S. Byatt.

Ein Film über das Wünschen und Begehren im allerweitesten Sinne als opulenter Bilderbogen mit zwei gut aufgelegten Hauptdarstellern angelegt, zwischen denen lediglich die erotische Choreographie nicht so recht knallen will. Zum Ende wirken sie eher wie ein schüchternes Rentnerpärchen, das noch die letzten Tropfen Nektar aus dem Becher des Lebens saugen will und einfach gern miteinander spazieren geht, weil zu allem anderen die Power fehlt.

Auch Tilda Swinton gibt mal nicht irgendeine Form der Eiskönigin, sondern zeigt sich berührbar und will im weiteren Verlauf auch zunehmend berührt werden. Und Idris Elba sieht – als dauerverliebter Kraftbolzen mit sanfter Seele – ohnehin gnadenlos gut aus.

Die Professorin für Narratologie – das gibts wirklich – heisst Alithea (Aletheia ist die Göttin der Wahrheit, was sich jetzt natürlich mit einem Beruf, in dem es um Storytelling geht, ein bisschen beisst, aber wurscht …). Sie kauft sich ein Fläschchen, aus dem ein Dschinn entsteigt, der auch Dschinn heisst und da lange geschlummert hat. Er muss ihr drei Wünsche erfüllen, andernfalls muss er zurück in die Flasche. Problematisch nur, dass die Dame keine Wünsche hat, denn als Narratologin und kluge Frau weiss sie, dass dergleichen frei flottierendes Gewünsche oft schiefgeht; man denke nur an den Fischer und seine Frau.

Der Dschinn – anfangs von raumfüllender Grösse (später schrumpft er auf Menschengrösse) ist vom Nabel abwärts behaart und weist dabei zurück auf Geschöpfe der Mythologie, die die menschliche und die tierische Seite des Menschseins noch unzerrissen in sich tragen wie Faune und Zentauren – durchaus sympathische Burschen, die es verstehen, sich’s gutgehen zu lassen. By the way hätte der alte Schelm aus der Berggasse zu halbbehaarten Dingen, die beliebig grösser oder kleiner werden können, sicher auch eine stringente Deutung aus dem Hut gezaubert und der Geschichte damit einen noch etwas anderen Fokus verliehen –  aber man muss ja nicht alles vulgärfreudianisch angehen.

Der Dschinn erzählt also daraufhin der Professorin sein 3000 Jahre währendes Leben, geprägt von von Verliebtsein, Liebe und Begehren bei sich und anderen – aber auch Geschichten von Mordlust, Gier und Verrat und der dunklen Seite menschlichen Getriebenseins. Im Gegensatz zu Faust, der sich relativ rasch von Mephisto auf das schlüpfrige Parkett der Erotik locken lässt und sodann gleich über das arme Gretchen herfällt, ist die Professorin erst obstinat, obwohl ihr der Dschinn zunehmend wohlgefällt.

Man plaudert zunächst in Hotelbademänteln in der Sprache Homers; der Dschinn ist allerdings ein kybernetischer Organismus (so tönte seinerseits der Terminator, der allerdings als lernende Maschine aus der Zukunft kam, um die Vergangenheit etwas aufzuräumen) und lernt rasch die Sprache. Dann öffnet er die Pandorabüchse und es folgt ein Tsunami an Vignetten aus seinem Leben und Lieben und dem anderer Figuren aus dem Orient, in üppigem Dekor, ein Bilderbogen der Scheherazade, überwältigend für den Zuschauer, der vergeblich nach dem roten Faden sucht wie Ariadne im Labyrinth des Minotaurus. Es wird geliebt, gehasst, geneidet geeifersüchtelt und geschwängert, verfolgt und getötet bis der Bildschirm glüht, der Dschinn muss immer mal wieder in die Flasche und wird auch wieder befreit, da gibt es eine systemimmanente Gesetzlichkeit.

Der Zuschauer verliert sich im Visuellen, die Logik bleibt auf der Strecke – bzw man kommt mit dem Denken nicht mehr hinterher, wer jetzt sich in wen verguckt hat und warum. Aber wer fragt danach in einer Märchenstunde? Gefühle sind mit Logik ohnehin nicht zu fassen und der Film vermittelt uns ihre Schönheit, Potenz und Schrecklichkeit und ihr Zerstörungs- und Aufbaupotential über die Jahrtausende – auch ein bisschen mit Augenzwinkern dargestellt, einer ironischen Distanz, die die Bildgewaltigkeit und das Jagen der Menschen nach Befriedigung angenehm bricht und nicht zurückschreckt die Lächerlichkeit so mancher Begehrenden auch mit rüberzubringen. Und manche weibliche Protagonistinnen scheinen durchaus Persönlichkeitsanteile von Alithea zu repräsentieren.

 

 

Die Professorin ist beeindruckt; allerdings beginnt jetzt der Dschinn zu schwächeln, der elektromagnetische Wellensalat der Neuzeit, der in der Grosstadt auf ihn einstürmt macht ihm gesundheitlich zu schaffen und zerstört langsam seine Struktur. Er ist gezwungen, die Professorin zu verlassen, die aber dankbar ist, dass sie ihr Seelenleben wieder entdeckt hat und Wünsche formulieren kann, so dass der Geist nicht wieder in die Flasche muss; hier tröpfelt etwas Rührseligkeit in die Melange aus Sehnsüchten und Begierden, das Paar geht gelegentlich noch zusammen spazieren – zuletzt gemeinsam in den Sonnenuntergang wie weiland Winnetou und Old Shatterhand.

Ein Cliffhanger, der durchaus ein Sequel möglich erscheinen lässt, Regisseure müssen schauen wo sie bleiben. Und ein merkwürdig zurückgenommenes Ende nach all den rauschhaften Erlebnissen, aber somit auch eine Parabel für das Schicksal menschlicher Triebregungen: Zuerst riesig, beängstigend, fremdartig und raumfüllend nachdem sie aus ihrem jeweiligen Behälter ausgebrochen sind, dann von einer Person mit hinreichender Ich-Stärke verbalisierbar und handhabbar gemacht, bis sie sich erschöpft haben und in einer harmonischen Altersliebe ihr Ende finden – das Schicksal vieler Lieben. Somit wäre der Dschinn zu lesen als externalisierter Persönlichkeitsanteil von Alithea, der durchaus Wünsche hat und sich von ihrem Verstand nicht einreden lässt, sie wäre mit allem fertig – ein Thema das alle fühlenden Menschen höheren Alters bewegt.

Der Film gibt auch Hinweise auf Hintergründe. Beim Betrachten des Fotoalbums von Alithea sieht man Bilder einer glücklichen Ehe, dann das Ultraschallbild eines Fötus – danach leere Seiten. Hier wurde etwas beendet und in eine Scheinzufriedenheit überführt bis … – ja bis der Dschinn hereinplatzte und wie einst Mephisto darauf hinwies, dass Herr Doktor mal mit der Denkerei aufhören und etwas Sex haben sollte – ohne das Drama jetzt allein auf diesen simplen Focus eindampfen zu wollen, aber die Gretchenverführung ist eben nun mal die Zentralheizung dieses Werks.

Und der Dschinn als Repräsentant unseres Trieblebens darf in Freiheit bleiben, solange der Mensch sich etwas wünscht, wer aufgehört hat zu wünschen hat ihn für immer eingesperrt. Es muss eine Fusion zwischen Triebkraft und wünschendem Objekt stattfinden, damit es zu einer Erfüllung kommen kann bzw die Triebkraft sich in einer Handlung befriedigendend operationalisieren kann – ein furztrockener Psychosatz den dieser Film in seinen bunten Metaphern viel schöner visualisiert. Wenn wir aufhören zu wünschen, passiert nichts mehr. Möge uns dann ein guter Dschinn besuchen, gerne auch gleich im Bademantel.

 

 

Eine neue Theorie über das Begehren des/r Diversen?

Zunächst: Der Plot ist nicht eben aufregend, der Film kein Nägelkauer und kein Lehnenkraller und der Regisseur Emanuele Crialese verzichtet auch auf die intellektuell-kunstvollen Verschachtelungen eines Almodóvar, obwohl er sich sichtlich an diesem orientiert, dessen Lieblingsthema (Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs oder  – wie hier – schon mittendrin) aufgreift und ihm auch sein bewährtes Zugpferd namens Penelope ausspannt. Verortet ebenfalls im Kosmos des Meisters und seiner opulenten 70er-Jahre Ausstattungen. Penelope wuppt den Film wie immer grandios, obwohl man ihr langsam wünschen würde, einmal wieder eine andere Rolle zu kriegen als die der toughen, liebenswerten und vom Leben gebeutelten Mamma.  Zuletzt sah ich sie in Ma Ma, einem Film von Medem, als taffe Mamma mit Mammakarzinom. Davor: Mamma mit Nervenzusammenbruch, Mamma mit Hirntumor, Mamma mit krebskrankem Kind, Mamma mit entführtem Kind, Mammas Parallelas, zuletzt noch Almodóvars Mamma in seiner Biografie. Genau wie die schönste Brust ist auch das schönste Gesicht mal ausgelutscht in der Filmwelt, Senora! Mittlerweile kommen mir Warhols Suppendosen in den Sinn – viele Farben, gleicher Inhalt und zum Archetypus mutierend bzw den Fetischcharakter von Waren und Marken verdeutlichend. Aber jeder muss selbst wissen wie er seine Karriere in den Sand setzt.

L‘ Immensita zeigt die Welt vorwiegend aus der Sicht der circa 14-jährigen Adri, die ein Junge sein möchte und sich lieber Andrea nennt. Es ist die eigene Kindheitsgeschichte des Transmanns Crialese unter der Crux seiner Geschlechtsdysphorie.

 

 

Eine mittlerweile oft verfilmte Thematik in südlich-leichtem Modus erzählt und in einer römischen Neubaudystopie verortet – abgehandelt ohne den Bierernst deutscher Produktionen zum Thema, wobei Transsexualität sicher kein leichtes Schicksal ist, aber durchaus einmal aus dem Katastrophenmodus herausgehievt werden darf. Die übrigen Figuren sind überraschend platt-eindimensional, mehr Funktionsträger als Menschen, was aber verzeihlich ist, wenn man dem Regisseur zuliebe annimmt, dass das Ganze durch die Lupe der Wahrnehmung eines Teenagers gesehen wird. Da ist’s auch in der Realität mit der Differenziertheit und Brechung der jeweiligen Bezugspersonen einfach noch nicht so weit her, da tanzen noch kindliche Klischees ihren bekannten Reigen, da ist der Vater ein asshole, die Oma eine zickige Spiesserin und die Mama einfach der Oberhammer, schon allein als Gegenbild zum Vater-asshole. Es lebe die Spaltung! Kunstvoll facettenreiche Charaktere können hier nicht erwartet werden. Die Phantasien von Adri über ihre Mutter sind musical-artige Einblendungen, wozu viele bekannte Popsongs bemüht werden, auch von Love Story- und Dr. Schiwago-Hits schreckt man nicht zurück. Dort erträumt Adri phantastische Gesangsauftritte für sich und Mama, mit sich als Celentano-Klon und Mama im Hintergrund als Gogo-Girl in alten Röhrenfernsehern. Ein ironisch verfärbter Blick in Innenwelten, aber auch rührend.

Kritiker nahmen dem Film seine fehlende emotionale Wucht übel – als wäre das eine Grundbedingung für gute Filme – tatsächlich mäandert er eher geruhsam von einem Thema und einem Schauplatz zum anderen – so wie ein Teenager durch den Tag trudelt, der für Tag und Leben noch keine Richtung gefunden hat und mit Neugier und Befremden betrachtet, was es so alles auf dem Planeten gibt. Auch hier bleibt der Film dem kindlichen Lebensgefühl treu. Wie oft vermissen Teenager die Spannung und den Kick in ihrem Leben ebenso, wie der Zuschauer hier hofft, dass jetzt endlich etwas passiert, am besten zum Wohle von Mutter und Kindern, die einem sympathisch sind. So etwas wie Rettung, einen Ritter auf weissem Pferd etwa, womit wir wiederum im Neocortex einer 14-jährigen verbleiben. Auch als die schwelende Depression der Mutter diese endlich in die Klinik führt, passiert nicht viel – sie kommt zurück wie sie hingegangen ist. Inzwischen müssen der widerwärtige Vater und die normentreue Grossmutter eben ertragen werden. Das Leben ist hier porträtiert als ein Warten, ein Noch-nicht, ein Verweilen im Unbestimmten, für Adri auch noch im Unbestimmten abseits der eindeutigen Geschlechtsrolle. Das bringt Crialese gut rüber..

Immensita ist das „Unermessliche“! Was ist hier unermesslich – ausser dass die Neubausiedlung in Rom zufällig so heisst?

Vielleicht die Liebe zwischen Mutter und Kindern und das Bemühen von Adri, ein Junge zu sein, um ein besserer Mann für die Mutter werden zu können und sie endlich so glücklich zu machen, wie wir es ihr alle wünschen und wie sie sie oft in ihren Phantasien sieht: lachend, übermütig und sprühend vor Leben, aber halb erstickt unter der Kruste von Alltagserwartungen und Versorgungsbanalitäten.

Ist hier eine Konstellation beschrieben, die zur Entwicklung von Geschlechtsdiversität führt? Wir wissen, dass der Wunsch eines Elternteils nach einem bestimmten Geschlecht vom Kind erspürt werden kann und das Kind eine Transition zu diesem Geschlecht anstrebt. Eine Transsexuelle mitten im Prozess der operativen Frau-zu-Mann-Transition erzählte mir von ihrem geradezu fanatischen Mutterhass und in mir entstand das Bild, dass hier der eigene weibliche Körper stellvertretend für den der Mutter getötet und zerstückelt werden sollte. Dann wäre Diversität eine Sache einer ungenügenden Ablösung von den Eltern, genauer: der Entwicklung einer eigenen Körperidentität, in der der Körper unwiderruflich als der eigene empfunden wird und – auch wenn er dem der Mutter ähnelt – trotzdem nichts damit zu tun hat. Auch bei der Anorexie gibt es eine ähnliche Dynamik, nur wird hier weniger das andere Geschlecht, sondern eher das totale Verschwinden von Körperlichkeit angestrebt. Aber ich fürchte, Transitionswünsche entstehen auch in Familien ohne dergleichen neurotische und rasch zu entdeckende Blendwerke. Medizin und Psychologie verweigern uns hier noch eine Erklärung zur Genese. Oder es gibt so viele Erklärungen wie es Transsexuelle gibt –  aber man soll nicht so viel analysieren, das nimmt der Filmbetrachtung den Drive und das Erfassen von feineren  atmosphärischem Nuancen. Ich weiss es ja … – lasst uns noch ein bisschen grooven …

Jedenfalls hat diese Mutter Talent zum Glücklichsein. Bereits in der ersten Einstellung werden wir informiert, dass wir es nicht mit einem Trauerkloss zu tun haben und immer wieder gibt es ein Aufleuchten davon. Und es gibt auch beruhigende Momente die Adris Entwicklung vorzeichnen: sie wendet sich immer wieder nach aussen, bittet um ein Zeichen, steht auf dem Dach, als würde sie nach einem Raumschiff ausschauen, das sie hier wegbringt – sie fühlt sich ja auch wie ein Alien. Sie sucht etwas im Draussen, das auf sie wartet. Sie durchdringt einen Schilfgürtel – wohl auch die Grenze zwischen Bekanntem und Fremdem symbolisierend, dahinter liegt eine Siedlung mit rumänischen Gastarbeitern, wo ihr eines der Mädchen wohlgefällt, man nähert sich an. Sie hat keine Scheu, die Welt zu betreten, aber es ist schwer, eine bedürftige Mutter zu verlassen – nicht nur für Diverse. Der Preis für das Bleiben heisst das Leben eines Lastesels zu führen.

Hier wahrscheinlich nicht: In der Schlusseinstellung sehen wir erneut Adris Zukunftsträume als Fernsehshows: zwei grandiose Gesangsauftritte von Mutter als dramatische Blondine und Adri als singendem jungem Mann, sie schmettern das Leitthema aus Love Story. Davon verstehen sie was.

Aber: Sie singen getrennt, nicht im Chor, jeder hat einen eigenen Auftritt als Mann und Frau. Hier deutet sich an, was Zukunft werden soll: Hoffnung auf einen eigenen Weg für jeden und nicht Beginn beziehungsweise Beibehalten einer Beziehung, in der ein Kind sein individuelles Leben opfern muss, weil die Mutter sich nicht aus einer toxischen Gewohnheitsbindung lösen kann. Eine Geschichte zwischen Hoffen und Bangen, die den Zuschauer mitnimmt und hält. Keine almodovarische Brillanz, kein Blueprint eines der Grossen, aber das Werk eines begabten Regisseurs, der gut daran täte, eine eigene Handschrift und seine eigene filmische Identität zu entwickeln. Mir scheint, er klebt noch am grossen Vorbild wie Adri an der Mama und weiss noch nicht, ob er Weibchen oder Männchen werden will. Let`s hope – man braucht nicht immer den Big Papa, um ein Mann zu werden – leichter ist’s wahrscheinlich schon.

          Nachtrag:

Gestern den Film noch einmal mit Freunden gesehen und entdeckt dass ich die Asthmaerkrankung

von Adri völlig verdrängt habe, diese Näheerkrankung…oder der Mythos einer Näheerkrankung….

Der Schlusssong aus Love Story ist in der italienischen Übersetzung ein Abschiedslied, in der

amerikanischen Version ein Lied über einen Anfang. Auch eine schöne abschliessende Dichotomie für

diesen Film, der das Unbestimmte feiert und das Eindeutige meidet..womit wir wieder bei

Schrödingers Katze wären.

 

 
 

Barbie ist bereits streambar – also gestern pflichtschuldigst reingeguckt, während der Rest der Familie bei Erwähnung des Titels vorsorglich in alle Richtungen der Windrose auseinanderstob.

Man kann dem Film viel vorwerfen – das eine ist die schlechte Aussteuerung zwischen Ton und pushender Filmmusik – aber blöd ist er nicht. Er ist allerdings auch nicht überbordend intelligent; was besticht, ist seine spielerische Leichtigkeit, mit der er fröhlich die Genres und ihre Versatzstücke durcheinanderquirlt: Ein bisschen Teletubbies, ein bisschen Hollywood-Sentiment, ein bisschen Disney-Pädagogikschwurbel, etwas Schöne Neue Welt, ein Schuss Thelma und Louise sowie eine Prise BRIGITTE-Beratungstante, die mittels oft gehörter Platitüden erklärt, wie man ein geglücktes Frauenleben hinbekommt und dass es im Leben nicht nur um Schönheit geht. Meistens bekommt man dergleichen von Leuten gepredigt, die selbst auch nach einer durchzechten Nacht noch hinreissend aussehen und als einzige Schönheitspflege klares Wasser und viel Schlaf brauchen oder das zumindest behaupten. Wieviele Chirurgen sich an ihnen die Skalpelle stumpfgesäbelt haben, erfährt man ja nicht.

So auch hier.

Diese Mixtur verhindert schon Langeweile, wobei sich einige Szenerien und Musiknummern schon in die Länge ziehen in der Hoffnung, dass jetzt auch der Letzte die message kapiert hat.

Es beginnt recht vielversprechend mit einem Zitat aus 2001 – Odyssee im Weltraum, unter den Klängen der Zarathustra-Fanfare, die auch später noch oft bemüht wird, entsteigt Barbie schaumgeboren dem Nirgendwo, während kleine Mädchen ihre langweiligen Babypuppen an Felsen zerschmettern wie weiland die Affen die in Kubricks Epos mit Knochen herumhauen. Das hat was; hier ist zumindest eine Cineastin am Werk die ihre Hausaufgaben gemacht hat. Leider hält der Film diese erfreuliche Ebene nicht lange durch.

Barbie lebt also mit anderen Barbies in einer Art rosafarbenem Legoland, in dem das Matriarchat herrscht und alle permanent Spass haben, auch die Kens, auf eine Buddy-Funktion reduziert und von führenden Ämtern natürlich ausgeschlossen wie sich das im Matriarchat so gehört.

Barbieland ist infantil-narzisstisch strukturiert und frei von oralen, analen und sexuellen Trieben, Püppchen brauchen nichts zu essen und haben keine Genitalien, da fallen schon Konfliktpotentiale weg. Wozu dann ein „Oberster Gerichtshof “ benötigt wird, erschliesst sich nicht so ganz, schliesslich passiert ja nie was.

Der Rest ist rasch erzählt: Die Realität des Menschseins erreicht Barbieland so, wie das Nichts in der unendlichen Geschichte das Land Phantasien bedroht, und Barbie sieht sich gezwungen in die Welt der Menschen zu reisen und ihre frühere Besitzerin zu finden – hier ist es besser sich nicht mit logischen Erwägungen aufzuhalten; das ist genauso müssig wie nachvollziehen zu wollen, warum der Terminator in die Vergangenheit reisen muss, um jemand umzubringen – um zu verhindern, dass dieser bzw diese nachher einen anderen Jemand zeugt oder zur Welt bringt, der sodann in der Zukunft … äh … dings … wurscht! Jedenfalls ist diese Reise halt bitter notwendig. Permanente Hinterfragerei stört den Filmgenuss, hab ich mir schon lang abgewöhnt …!

Also sie reist halt in die Menschenwelt mit Ken, der sich noch in ihren Kofferraum geschmuggelt hat. Dort herrscht natürlich das entfesselte Patriarchat, was wiederum Ken gut gefällt, der sofort zurück nach Barbieland reist, um mit den anderen Kens dort ein solches zu etablieren. Mann entwickelt also Testosteron und die Barbielandbarbies werden einer Gehirnwäsche unterzogen – dieses Motiv wurde wiederum aus The Stepford Wives geklaut – und ertragen das brav. Zum Ende wird Barbie zurückkehren und die alten Verhältnisse wieder herstellen, selbst aber lieber in der Welt der Menschen leben wollen, wo es so etwas wie Gefühle, Beziehungen und einen Körper gibt und die Kens begeben sich auf die Suche nach ihrer eigentlichen Identität und Aufgabe und wollen nicht länger ausschliesslich in Konjunktion mit Barbie ihre Existenzberechtigung finden. Emannzipation.

Greta Gerwig war bisher bekannt für Coming-of-age-Filme, hier hätte sie noch ein Betätigungsfeld gehabt, leider erfährt man nichts mehr darüber wie sich die Kerle entwickelt haben.Und leider kann sich der Film nicht so ganz entschliessen, was er sein möchte:

Natürlich erstmal die Cashcow von Mattel – der Konzern ist Coproduzent, karikiert sich selbst und seine CEOs recht witzig im plot (entlang der Darstellungsweise der modern world in Tati’s Playtime ); der Aktienkurs ist zumindest seit dem Rollout des Films und des ganzen Merchandisings um ca 20% angestiegen. Es gibt übrigens jetzt auch Quoten-Barbies zu erwerben: Eine Schwarze, eine im Rollstuhl und eine Curvy-Barbie mit Konfektionsgrösse 36 anstatt wie sonst 34. Wenn das mal kein Fortschritt ist …

Im Film gibts noch ne ganz Dicke und die „komische Barbie“, eine Art Schamanin, die in einer Örtlichkeit wohn, die Böcklins Toteninsel ähnelt, auch ein netter sidekick. Selbst die sehen auch noch im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut aus, by the way.

Sentimentale Filme haben oft wohltuende ironische Brechungen. Barbie ist ein ironischer Film mit sentimentalen Brechungen, die man sich hätte ersparen können, dann wäre der Film um einiges pfiffiger:

 

Barbie zu einer alten Dame auf der Parkbank: Sie sind wunderschön!

Die alte Dame entgegnet gerührt: Ich weiss!  Man entdeckt wahre menschliche Schönheit.

(Schluchz!)

 

Oft gestellte Frage: Ist Barbie feministisch?

Einfache Antwort: Ein Film in dem alle Frauen auch nach dem Abschminken immer noch phantastisch aussehen, ist schon per se nicht feministisch. Ein Film, in dem auf Teufelin komm raus ständig über Schönheit gequatscht werden muss, auch nicht.

Der im Film dargestellte Feminismus ist ein Barbiefeminismus: „Du kannst werden was Du willst!“, als neuer Schlachtruf, als gäbe es keine äusseren und inneren Begrenzungen in der Realität. Das glitzert auch bei wohlwollendster Betrachtung doch etwas arg rosa.

Am Ende folgt Barbie den Spuren des Wilden aus Brave New World, der in einer permanent narkotisierten Umwelt ein menschliches Leben mit echten Gefühlen und einem echten Körper anstrebt. Mit dem Unterschied dass der Wilde sich erhängt und Barbie zum Gynäkologen will. Was immer der dann auch tun soll …

Der Film lebt vom Wortwitz, Situationskomik und einer Hauptdarstellerin mit hinreichend Talent zum Komischen, über weite Strecken trägt sie den Film allein neben einem etwas schaumgebremst wirkenden Ryan Gosling, für den Komödien ab einem gewissen Winkel an Schrägheit nicht mehr das richtige Metier sind. Da wirkt er mehr wie Hans Pfeiffer mit 3 „f “ !

Also 2 Std. recht gut unterhalten und viel gekichert.

Ebenso oft gestellte Frage: Ist Barbie ein Spiegel unserer schönheitstrunkenen Spassgesellschaft?

Man hats versucht – und wenn man sich die moralisierenden Tendenzen erspart hätte, wäre es eine leicht-lockere Persiflage auf selbige geworden, gerade in ihrem Auf-die-Spitze treiben. Natürlich erzählt er etwas über Geschlechterspezifität – unabhängig von der Erziehung: Ich kenne kein Mädchen, das Barbie nicht mag und keinen Jungen, der Barbie mag. Nicht mal Ken. Unabhängig vom Erziehungsstil.

Er erzählt etwas über Schönheitswahn – und wer glaubt, dass dies ein Phänomen unserer Zeit ist, irrt sich. In meiner Sammlung von Mädchenbüchern ab 1900 tummeln sich auf dem Cover die gleichen elfenhaften Geschöpfe mit wallendem Haar. Damals gabs Korsetts, später hat frau die Magersucht erfunden und die Medizin die Schönheitsoperationen, das ist das einzig Neue dran. Und wie sahen sie Königstöchter in den Märchen unserer Kindheit aus? Etwa stämmig, mit Sommersprossen und brauner Stoppelfrisur??

 
 

 
 

Die im Film dargestellten Gesellschaftsformen erzählen auch von der Infantilisierung der Welt (oder war sie schon immer infantil?), den politischen Auseinandersetzungen, die den Spuren von Sandkastenkriegen folgen und den Racheaktionen von kränkbaren Personen, denen man das Sandeimerchen weggenommen hat oder die zumindest meinen, es wäre ihres gewesen, das sich ein anderer angeeignet hat und es um jeden Preis wieder zurückhaben wollen. Und Jahre damit verbringen, am gleichen Eimerchen zu zerren. In der Realität siehts halt leider ganz anders aus als auf dem Spielplatz – die ausagierten Affekte dürften die gleichen sein.

Somit hat Barbie durchaus einen Wiedererkennungswert.

Wünschen wir ihr das Beste beim Leben auf diesem durchgeknallten Planeten. Ansonsten kann sie – im Gegensatz zu uns – ja wieder zurück.

2023 11 Okt

Leben im Bardo

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Christian Petzoldt inszenierte Filme über „Gespenster“ – im weitesten Sinne: Menschen, die unverortet und aus der Zeit gefallen scheinen, in Zwischenbereichen leben, in einer Vergangenheit existieren, die nie zu enden scheint und nie in eine Gegenwart oder Zukunft aufbrechen können. Personifizierte Relikte, seltsam deplaciert. Auch wenn man Petzold nicht mag, ist dieses Thema reizvoll.

Beim Betrachten der Filme von iranischen Regisseuren (hier: Ashgar Farhadi, Jafar Panahi, Susan Gordanshekan) fällt mir auf, wie auch deren Protagonisten in einer Art Bardo leben, einer mühsam errungenen Moderne, in die die überwunden geglaubte Vergangenheit immer wieder bedrohlich und zerstörerisch hineintritt – und dies im Wortsinne: auch ihre Figuren geistern in einer Art Nirgendwo.

Hier sind es Filme über Zeit und die Klebkraft von Vergangenheit(en), Traditionen und frühen Programmierungen. Somit sind es auch Filme über die Schwierigkeiten, politische und gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen, auch im eigenen Inneren.

In Die defekte Katze geht ein in Deutschland lebendes iranisches Pärchen (Arzt und studierte Elektrotechnikerin) – mit konservativen Betonköpfen als Eltern gesegnet, aber westlich-modern sozialisiert – eine arrangierte Ehe ein, obwohl sie durchaus andere Möglichkeiten hätten. Die westlichen „Freiheiten“ mit ihrer Tinderkultur scheinen sie zu ängstigen, so dass auf konservativ-starre Schemata zurückgegriffen wird. Zu zweit kommt man besser durch eine feindliche Welt, das bewiesen schon Hänsel und Gretel – und um eine so gestaltete Beziehung handelt es sich hier auch. Die junge Frau mit abgeschlossenem Technik-Studium findet keine Arbeit oder gibt vor keine zu finden. Sie verkriecht sich zunächst zu Hause, legt sich eine Katze mit einem „Gendefekt“ zu, die martialisch aussieht, aber jämmerlich klagt, wenn man sie alleine lässt. Ein Bild für … ja, für was? Die Beziehung? Die Einsamkeit des jeweils einzelnen, der den anderen nicht liebt aber existenziell braucht?

Junge Menschen, die nicht einlösen können, was sie sich vorgenommen haben. Kiam, der Ehemann, reagiert aggressiv, als Mina einmal alleine tanzen geht. Am Ende versuchen sie eine Annäherung, überreissen, dass sie sich erst kennenlernen müssen: eine noch ungeformte Beziehung, die erst ihre Form finden muss. Im Hintergrund ein Riesenrad als Sehnsuchtssymbol? Oder ewige Umdrehung, ohne von der Stelle zu kommen? Ein nie erreichbares Leuchten?

In Le Passé (Farhadi) sind ebenfalls Verwirrungen der Vergangenheit unheilstiftende Kräfte. Genetischen Programmierungen war lange nicht zu entkommen – jetzt gibt es die CRISPR/Cas-Schere. Wie ist es mit Programmierungen durch archaische Traditionen, die offenbar doch so etwas wie Sicherheit vermittelten – oder würden sie andernfalls so heftig verteidigt werden, unter anderem auch von den Frauen früherer Generationen, obwohl die ja immer die Gelackmeierten waren?

In der Seele schnippelt sich’s nicht so leicht wie in den Eiweißsträngen – vor allem sieht man da beim Operieren nie was. Auch so eine Crux der Psychotherapie – jeder Chirurg würde wahnsinnig werden, wenn er blind operieren müsste, by the way. Uns wirft man’s vor, wenn wir mal daneben tapsen.

Wieviel Angst macht ihnen unsere westliche Freiheit, in der Gott schon lange tot ist, während in der vertrauten Kultur Allah sich schlechthin in alles einmischt – und eine vielleicht trügerische Art von Halt gibt? Und nach dem Tod das Shangri-La wartet?

Nader und Simin (Farhadi) sind ein „modern“ lebendes iranisches Ehepaar, das den Iran verlassen will. Naders dementer Vater ist für ihn ein Grund zu bleiben, seine Frau verlässt ihn und die gemeinsame Tochter.

Farhadi entfaltet ein polytraumatisches Familiendrama, in dem sich die Begriffe Recht und Unrecht, Schuld und Sühne zusehends auflösen. Verkettungen unglücklicher Umstände entfalten eine Art altgriechisches Drama, in dem Schuld ein komplexes und uneindeutiges Gebilde ist und nicht zwangsläufig mit dem Bösen oder böser Absicht verbunden, sondern mit Tragik, Zwangsläufigkeit und Unausweichlichkeit.

Farhadis Protagonisten werden samt und sonders aneinander schuldig, ohne wirklich Böses zu wollen. Wir begegnen hier der überwältigenden Kompliziertheit und Verwirrung des Lebens, in die vor allem Farhadi seine Figuren stürzt. Was nützen hier noch 10 Gebote oder die Entsprechungen im Koran? Schuld nimmt ihren Lauf und alle Dinge haben ihre Kehrseite.

Ebenso das Racheprinzip in The Salesman (Farhadi): Rache tobt sich auch hier aus, zuletzt sogar intrinsisch, wenn der Gewalttäter zum Schluss den vielleicht tödlichen Herzanfall erleidet und er plötzlich unser Mitleid erregt – und der Böse sich als „auch nur menschlich“ zeigt. Auch in A Hero (Farhadi) entfaltet der Regisseur ein komplexes Geflecht (beginnend mit einer im Grunde einfachen Geschichte – seine Spezialität) an gegenseitigen Missverständnissen, in denen man aneinander schuldig wird. Das grauen ist nicht auszurotten.

Was an der westlichen Freiheit gefürchtet ist, ist vielleicht ihre Komplexität und Vieldeutigkeit, das Nicht-mehr-Einordnen-können in die vertrauten Schemata, die nicht-säkularisierte Gesellschaften und Kulturen bieten. Gordanshekan und Farhadi zeigen, wie westliches Leben sein kann, wenn man noch anders verwurzelt ist.

Da wird die westliche Freiheit nicht jubelnd begrüsst, da warten erst die grossen Verunsicherungen und Kompliziertheiten: Freiheit hat ihren Preis, auch die des Lebens, Denkens, Fühlens. Bei Allah herrscht dagegen eine Art archaischer Ordnung. Das macht Religionen und Ideologien so gottverdammt attraktiv.

          Neue iranische Filme erzählen nicht mehr von Burka und Ehrenmorden sondern von der  Mühseligkeit des Hineinwachsens in eine ganz andere Welt.

 

 

 

Meine Erfahrung mit Zigeunern (mit Sinti und Roma-Bezeichnungen habe ich Probleme, weil ich nie weiss welcher Gruppe derjenige angehört, von dem die Rede ist – früher wussten viele es selbst nicht oder es war ihnen egal. Sie waren stolz auf die Bezeichnung „Zigeuner“) begann im Studium in Würzburg, als wir noch die Welt retten wollten und in einem Stadtteil von Würzburg, den man heute Problemviertel nennen würde, mit Sozialarbeit begannen. Damals hiess es „Zupferviertel“, heute „Klein-Moskau“. Dort gab es überwiegend Kasernen mit Besatzungssoldaten, Sozialbauten und aus dem Betrieb genommene Kasernengebäude, in denen dann Menschen wohnten, Wasser und Klo auf dem Flur, es wurde nie saubergemacht. Dort lebten arme Familien, Frauen mit Kindern unterschiedlichster Couleur, die wiederum von den Soldaten lebten und verarmte alte Leute. Die weissen Soldaten nannte man die Zupfer (Baumwolle), die schwarzen Bimbos und die Zigeuner eben die Zigis. Es wohnten viele Zigis dort, seit Generationen sesshaft in Würzburg, sie unterschieden sich in nichts von den anderen Bewohnern und ihre Namen klangen sehr „deutsch“: Weiss, Lehmann, Winterstein, Herzberger, Grünblatt.

 

 

 

 

Wir richteten eine Vorschulgruppe ein für Kinder, die aus den öffentlichen Kindergärten wegen Verwahrlosung und Aggressivität hinausgeflogen waren, eine Hausaufgabenbetreuung und einen Jugendclub für die Älteren, bekamen Räume die wir erst renovieren mussten, finanziert von der Katholischen Hochschulgemeinde.

Die Zigis lebten überwiegend von Autohandel und -reparatur oder von Sozialhilfe, es gab vier grosse Clans, die sehr gefürchtet waren, auch über die Grenzen des Viertels hinaus. Wir Studenten waren als Helfer bekannt und respektiert, man konnte auch als Studentin unbehelligt nachts durch die Benzstrasse (genannt „Das Tal der langen Messer“) laufen; in den gutbürgerlichen Vierteln ging das für Mädels nicht immer gut aus.

Nachdem die Stadt sich geweigert hatte, einen dringend benötigten Zebrastreifen an der Kreuzung, an der unsere Vorschule lag, zu genehmigen malten wir in der Nacht selbst einen. Die Zigis standen Schmiere.

Die Elterngeneration der Zigis hatten das KZ – meist Dachau – überlebt. Ich arbeitete damals für die Stadtteilzeitung und hatte einmal zusammen mit einem Kommilitonen ein Interview mit dem alten Herzberger (Name geändert, die Nachfahren leben noch dort) über seine Vergangenheit durchgeführt. Ob er Roma oder Sinti war, wusste er selbst nicht, er wollte als Zigeuner bezeichnet werden. Auch er hatte Dachau überlebt. Es begann düster und traurig, aber nachdem seine Frau viertelstündlich eine Runde Slivowitz servierte wurde es zunehmend fröhlicher, am Ende sangen wir die Internationale und anderes Liedgut. Das Tape habe ich noch.

In Würzburg war es noch Usus, dass sich die Ehemaligen SS-Verbände regelmässig in einem Lokal in der Innenstadt trafen – dies wurde auch so in der Zeitung angekündigt (Mitglieder der 4. SS-Sturmtruppe treffen sich am … ). Immerhin 1977.

Herzbergers verfolgten dies aufmerksam und als es mal wieder soweit war, wurde Alarm geblasen und jeder männliche Zigi über 14 machte sich mit einem Knüppel unter der Jacke auf zum entsprechenden Lokal. Ich mit dem Fotoapparat hinterher. Es gab eine filmreife Prügelei, mit reichlich Prellungen und Blutergüssen, angeblich kam niemand ernsthaft zu Schaden. Ein wehrhaftes Volk.

In unserer Studentengruppe mussten wir uns dann mit unserer klammheimlichen Freude auseinandersetzen und ob man Gewalt befürworten darf, wenn sie die richtigen trifft.

Manchmal frage ich mich, wer mehr von unserer Arbeit profitiert hat: Die Kinder unserer Zielgruppe oder die braven Bürgerkinder unter den Studenten, die die dunkle Seite der Welt vielleicht sonst nie kennengelernt hätten. Zumindest sind sie dankbar dafür. Die Kinder lernten die hellere Seite kennen – wir nahmen sie mit in die Uni, unsere WGs, machten Wochenendausflüge mit Gitarre und Lagerfeuer, viele begleiteten wir jahrelang. Beim 25-jährigen Jubiläum sahen wir sie wieder als Erwachsene, uns fiel auf dass sie sprachlich wortgewandter und verbalisierungsfähiger waren, als man sonst vom „Prekariat“ gewöhnt ist. Den Arbeitskreis gibt es bis heute, also über 50 Jahre.

 

Da sitzt das Haustier, abgerichtet,

und es wird ihm klar:

Es gibt auch noch das andre

nicht versklavte Exemplar.

(F.J. Degenhardt, Zigeuner hinterm Haus des Sängers)

 

 
 

Geht’s noch?

Nein, es geht nicht, ging noch nie, irgendwie. Bei Lars von Trier geht’s, bei Fassbinder ging’s noch nie so gut. Ich habe also nachgeladen: Teil 2 über Regisseure, die ich nicht mag. Dann besteht die Gefahr, dass man ihre Filme auch nicht mag oder gar nicht erst versteht oder sich gar nicht drum bemüht. Auch wieder schade, aber mach was dran!

Lars von Trier und Fassbinder sind beide Antipathen, aber bei letzterem fällt mir Verschiedenes schwerer auszuhalten, die Portion Selbstmitleid und Weinerlichkeit ohne jegliche ironische Brechung, der Versuch Klischees darzustellen und dabei selbst in gesellschaftskritisch sein sollende Klischees zu verfallen und vor allem die mangelnde selbstreflexive  Distanz; das Bespeien der Nachkriegsgesellschaft aus dem Abgrund der eigenen Kraterpersönlichkeit heraus und das Dauergejammer nach Liebe (Warum läuft Herr R. Amok?), mit der er letztlich nichts anfangen konnte, obwohl sie ihm von vielen zugetragen wurde. Er lebte zeitlebens mit der Mama in der Wohnung und Mama kreuzte auch am Drehort mit der Gulaschkanone auf, um das Team durchzufüttern, eine Magensonde im Dauerbetrieb. Der Freigeist war in Wirklichkeit ein unabgelöster Käfigtiger und mit Muttersöhnen muss frau vorsichtig sein – eine wirklich glückliche Beziehung hat er nicht gebacken bekommen, darüber mährte er sich in einem überdauernden Es-geht-nicht (das sich bei vielen Muttersöhnen findet) in seinen Filmen aus, die er im Halbjahrestakt auf das Publikum abschoss. Manchmal geht’s halt eben doch, bei ihm eben nicht, irgendwann sollte man das auch mal einsehen. Wie Elvis Presley (der den ersten Song seiner Mama widmete – Thats alright Mama, everything you do) endete er als Sack, ernährte sich von Pillen und verstarb in den hellen Dreissigern. Seine sogenannten Frauenfilme waren ein Anbiedern an die Frauenbewegung, das war damals comme il faut, ohne das ging’s nicht, (die Revoluzzerzeit hatte genauso strenge Regeln wie diejenigen, gegen die sie revoltierte, man muss sich nur einmal die Szeneklamotten anschauen – da findet man das grösste Uniformlager der Welt mit Jeans, Khaki-Parkas, US-Schlafsäcken und Palästinensertüchern. Als ich mal im Dirndl 1975 in die Uni ging, machte man sich ernsthaft Sorgen um meine seelische Gesundheit. Alte Jeans, T- Shirts und Turnschuhe, im Sommer vielleicht noch’n Herrenunterhemd, aber nur für die Mädels, sonst warste draussen in der Szene). Soviel zum Sprengen aller Grenzen und Freiheit für alle. I wasn’t born to follow …

In Wirklichkeit konnte er mit Frauen nichts anfangen und wenn er sie im Fang hatte, quälte er sie wie der schlimmste 50-er-Jahre-Familienmacho, den er dann in seinen Filmen wieder projektiv verprügeln konnte. Dabei hatte der Bursche durchaus Talent zu erzählen und in Bilder und Tableaus umzusetzen, Narrative gelangen ihm besser als Satiren, Parabeln und Gesellschaftskritik, Berlin Alexanderplatz war ein guter Wurf, ebenso Die Ehe der Maria Braun, wobei die Differenziertheit der Figurenzeichnung immer etwas zu wünschen übrig lässt. Effie Briest kann sich auch sehen lassen, wobei man der „Gullaschy“, wie wir sie immer nennen, öfter ein „Hallo wach!“ zurufen möchte. Oder einen Espresso hinstellen. Die Kälte des Menschen und die Kälte der Welt konnte er gut darstellen, weil sie auch in ihm selbst wohnte, darunter brodelte es. Die Filme waren die Überdruckventile für den eigenen Dampfkessel, da gab es eine Not loszuwerden – eine Form der Affektabfuhr in einer unverarbeiteten Form, die ich bei LvT so nicht finde. Der hat seine Sachen durchgearbeitet, vorverdaut und in verarbeiteter Form von sich gegeben, hat sich selbst weitgehend verstanden und die nötige professionelle Distanz zu Protagonist und Geschehen. LvT stellt dar und schildert, Fassbinder übergibt sich. Bei wenigen Filmen – wozu ich Alexanderplatz zähle, war ihm anscheinend gerade mal nicht schlecht. Bei Angst essen Seele auf übergibt sich dann auch noch der Zuschauer.

 

 
 

Lars von Trier beschäftigt sich gern mit Frauen und ihrem Innenleben, beobachtet Frauen, dreht über Frauen, bildhaft und szenengewaltig. Aber er berichtet nur scheinbar über Frauen, in Wirklichkeit berichtet er über Männer und ihre Art, die Frauen zu sehen, zu fürchten und zu dämonisieren, vor allem das Letztere.

The Male Gaze, eine bekannte Sichtweise, aber diesmal nicht in Form einer voyeuristischen Ausbeutung, Idealisierung und Objektualisierung der Frau und ihrer Reize im Film und das Bedienen von Männeraugen durch Schönheit, sondern die Verzerrung der archetypischen Frauen-Imagines durch den geängstigten Mann. Da kennt er sich verdammt gut aus. Wobei er sich durchaus selbst auch in diese Gruppe subsumiert, das spürt man und das macht den an sich relativ dysphorischen Kerl doch um einiges sympathischer. Zumindest kann er mehr als antisemitisch oder sonstwie dumm daherschwatzen. Insbesondere seine späteren Filme (ich beziehe mich hier insbesondere auf Antichrist, Melancholia und Nymphomania, aber auch Dogville und Breaking the Waves fliessen mit ein), letztere arbeiten ebenfalls mit archetypisch-mythischen Bildern der verschlingenden, kastrierenden, kindermordenden Frau und ihrer durch nichts endgültig zu befriedigenden Lust, die auch mal über Leichen geht, wenn nicht gleich über einen ganzen Friedhof. Die phrygische Göttin Kybele verlangte die Kastration von ihrer männlichen Fanbase.

Justine in Melancholia, die sich masochistisch mit einem auf die Erde zurasenden Planeten zu paaren bereit ist und bei der Hochzeitsfeier im Brautkleid einen anderen Mann benutzt, um ihrer Depression zu entkommen, ist so eine Gestalt. Antares, der Planet, ist inzwischen auf der Zielgeraden – der Zuschauer erfährt einen Impact als Justine mithilfe ihrer Drahtschlinge nachmisst, dass das Dingens schon sehr viel näher gekommen ist – hier eine gelungene Ikonographie. Das fährt einem in die Knochen. Antares ist ein Antagonist zu Ares, dem männlichen Kriegsgott, somit könnte man ihn durchaus als weibliches Gegenprinzip verstehen, aber ein Stück überwältigende Weiblichkeit, die sich ebenso zerstörerisch verhält wie der Kriegsgott und damit den Frauengestalten LvTs durchaus das Wasser reichen kann – in diesem Fall eher das Feuer.

„SIE“ – die namenlose Frau in Antichrist – lässt ihr Kind fahrlässig zu Tode kommen, um bei ihrem Orgasmus nicht gestört zu werden, verstümmelt ihm vorher die Füsse; laut Freud auch ein Kastrationssymbol, verfällt dann dem Wahnsinn und zerquetscht ihrem Mann die Hoden, der vorher vergeblich versuchte sie mit den Mitteln von Logik und Wissenschaft – er ist Psychologe – zu heilen; fast tötet sie ihn.

Der zweite Impact ist die Schlusseinstellung: „ER“, auch namenlos und damit entindividualisiert und somit als der „Mann als solcher“ gezeichnet, taumelt schwerverletzt durch den Wald, ihm – und damit dem Zuschauer – kommt eine schwallartig zunehmende Horde gesichtsloser Frauen entgegen – überflutend und beängstigend, ausgestossen aus dem Schoss der grossen Mutter Erde, einer Büchse der Pandora, sich unendlich schnell vermehrend und damit erinnernd an Homo Faber, den  die Fruchtbarkeit des Urwaldes anekelte, die ständige Feuchtigkeit, Gärung und Vermehrung – „wo man hinspuckt keimt es!“ Die beängstigende Gebärpotenz der Frau. Damit entlässt uns der Regisseur wieder in unsere eigene Psychose, manchen Mann in die Frauenangst und den Frauenhass, manche Frau in die Betroffenheit darüber, wieviel Angst sie auszulösen imstande ist und wie das in ihre Beziehungen hineinwirkt. Und wieviel sie selber überhaupt dafür kann.

Wie Frauen wirklich sind, erfährt man bei LvT nicht und er ist klug genug das einzugestehen, wenn man ihn danach fragt.

In Nymphomania wird das Thema der unersättlichen Frau bis zum Überdruss des Zuschauers ausgereizt – die Frau als schwarzes Loch, das keinen Boden und keine Begrenzung mehr finden kann. In Dogville – ein Machwerk aus dem Rape-and-Revenge-Genre – ereilt Grace ihre verdiente Kollektivschuld, Strafe gleich im Vorfeld; sie wird als Sklavin gehalten, bis sie ihre Ketten sprengt und tabula rasa macht und in Manderlay dann nochmal einen Zahn zulegt. Die eher auf eine Theaterbühne passende Kulisse hebt den Film auf eine Ebene des Artifiziellen und Überindividuellen, erneut eher eine Parabel als ein Narrativ.

Die Frauen bleiben rätselhaft und ihre Sexualität hart an Abgründen manövrierend oder in diese hineinstürzend.

Schon Freud musste passen, wenn es um die Frage ging, was das Weib eigentlich wirklich will. Auf die naheliegende Idee, einfach mal seine Frau oder Tochter zu fragen, kam er nicht. Dabei sah man bei Anna sehr gut was sie NICHT wollte, nämlich noch einen Übervater an ihrer Seite, mit dem sie dann auch noch das Bett teilen und sechs Kinder grossziehen müsste. Das Besetztsein durch ihre Eltern und ihre Unterwerfungstendenz war bei ihr gravierend genug, die Herzensthrone waren gewissermassen schon besetzt; eine gesunde erwachsene Abgrenzung und Lösung ist in ihren Briefen nirgends zu spüren. So liebte sie nur Personen, die auch ihr Vater lieben konnte – Frauen.

Das hätte dem Alten zu denken geben können. Oder lieber eben doch nicht, man muss ja nun nicht alles wissen, was schmerzlich am eigenen Narzissmus kratzt. Da stochert man lieber weiter in Frauenseelen …

Somit ist jeder Film von LvT ein raffiniertes Vexierspiel mit doppelter Brechung und multiplen Verzerrungen von einem Betrachter der Betrachtenden der Betrachteten. Aber auch die Gutartigkeit und das Opferwerden der Frauen finden ihren Platz in manchen Filmen wie Breaking the Waves oder Dancer in the dark – hier sind wiederum die Männer toxisch und ihre Lynchjustiz sehr nahe. Man bleibt sich nichts schuldig, letztlich. Die Frauen verschwinden hinter ihren Bildern wie Nachbar Gott in dem bekannten Gedicht von Rilke, das von schmerzlicher Getrenntheit handelt, der letztlich nicht ganz zu eliminierenden Getrenntheit zwischen den Geschlechtern. Zu viele Bilder, als dass man sich noch sehen könnte.

 

2023 5 Aug

Geht’s noch?

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Ja, es geht! Aber warum geht’s? Wenn doch so vieles schon nicht mehr geht! Bei Woody-Allen-Komödien geht’s zum Beispiel nicht mehr. James Dean geht auch nicht mehr, zumindest bei mir nicht. John Wayne ging noch nie. Nouvelle Vague ging immer, aber jetzt auch nicht mehr. Bunuel staubt auch schon etwas ein. Rocky Horror geht merkwürdigerweise immer noch, läuft seit seinem Erscheinen ununterbrochen in München in einem kleinen Flohkino an der Isar jeden Sonntag und die chronifizierten Fans finden sich sonntags ein mit Taschenlampen, Regenschirmen, Kochbeutelreis, Wasserpistolen, Klopapier und den anderen Accessoires. Muss man nicht mitschleppen, dafür gibt’s Fanpackages an der Kasse. An meinem Geburtstag nächstens will ich da hin! Mein Mann weiss es nur noch nicht, aber gleich weiss er’s …

Clint Eastwood geht immer, aber nur als Schauspieler, nicht als Regisseur.

Warum funktioniert ein Kultfilm einer längst vergangenen Epoche immer noch und hat nichts von seiner Faszination verloren? Wobei fraglich ist, ob er nur bei den angejahrten 68ern noch geht oder auch bei jüngeren Generationen. Wäre mal ’ne Doktorarbeit wert!

Warum funktioniert Easy Rider immer noch ungebrochen in unserem Emotionshaushalt? Vielleicht weil es mehr eine Komposition ist als ein Film? Ein ständiges Fliessen, es geht weiter und immer weiter: gone, gone, gone beyond; gone beyond beyond – die Herz-Sutra; der Film hatte für mich schon immer eine buddhistische Anmutung. Über alles Hinausgehen hinausgehen, kein Haiku, aber ein Koan. Der Film fliesst wie ein Fluss. Egal, was gerade passiert ist, man kann es wieder verlassen und es geht weiter, wird transzendiert und das nächste flüchtige Ziel angesteuert und wieder verlassen. Das nimmt den Dingen die Schwere. Gleichzeitig sehen wir auch eine Innenansicht, Seelenbilder und – bewegungen, die wohltuende Illusion, sich selbst entkommen zu können und sich in psychedelischen Bildern aufzulösen oder mit ihnen zu verschmelzen, die Freiheit durch das Aufgeben der eigenen Grenzen. Der Soundtrack ist dabei natürlich nicht wegzudenken, er fliesst mit dem Geschehen. The river flows …

Das hat mir bei Wim Wenders immer so gefehlt: Der Drive! Bei ihm kleben die Figuren am Boden, bei Easy Rider schweben sie tänzerisch einen Meter oben drüber. Ein grosser Wurf von Dennis Hopper hinter der Kamera, vor ihr eher in einer Sancho-Pansa-Rolle agierend – sympathisches Understatement. Und der nette Sidekick mit der Kreation eines neuen Verbums: to bogart.

Mit Jack Nicholson als ausgefuchstem saufenden Anwalt und Peter Fonda als stillem Grübler mit einem Händchen für die Frauen – ein furioses Trio. Hinzutretende Frauen werden natürlich wieder verlassen, hier klingt das Klischee des in den Sonnenuntergang reitenden Helden wieder an, ein bisschen Freddy Quinn, ein bisschen Winnetou, ein bisschen Irgendeiner wartet immer!; Freiheit war damals noch Männerfreiheit.

Der psychedelische Trip im Hippiecamp wirkt dabei als einziges Element etwas unbeholfen. Eher, als versuche sich Hopper symbolüberladen in Sachen Surrealismus, ohne einen wirklichen Draht dazu zu finden – oder als hätte er nie etwas wirklich Gutes geschluckt. Das können andere besser, auch ohne jemals einen Trip eingeworfen zu haben.

Aber egal – es geht weiter und immer weiter, man will zum Karneval nach New Orleans. Ist das jetzt das Shangri-La? Nein, da wartet nur der Pusher – aber es kann ja wieder weitergehen, neue Räume tun sich auf, flüchtige Begegnungen blitzen auf und verglühen wieder. Das Böse kristallisiert sich in den Sesshaften, den Unbewegten, den konservativen Hinterwäldlern, in ihren eigenen Grenzen erstickt und brutalisiert, die nur kurz aufscheinen, denen es aber gelingt, das Leuchten eines anderen Lebensentwurfs zu zerstören.

Den Tod sehen wir von aussen, die Kamera geht auf Distanz, von weitem sehen wir zerschmetterte und brennende Überreste, keine Leichen, kein Blut. Wo sind die beiden Ermordeten? Wir müssen doch trauern! Die Kamera schwenkt in den Sommerhimmel. Natürlich sind sie schon längst wieder unterwegs auf ihren Harleys in den sundown und ins nächste Abenteuer. To some other town

In den Olymp, wo die Mythen hausen!

 
 

 
 

Und jetzt steckt Euch eine an und dann:
„Don’t bogart that joint, my friends!“

 

2023 16 Jul

Junkfood ohne Nährwert

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The Whale (USA 2022), Darren Aronofsky

 

Der Plot dürfte bekannt sein: Ein schwerst adipöser Lehrer kann seine Wohnung nicht mehr verlassen, sich kaum mehr bewegen, beschäftigt sich mit Essen, Gay-Pornos und Online-Seminaren über Literatur, bei denen seine Webcam ausgeschaltet bleibt. Er scheint ein guter Lehrer zu sein. In dieser Rolle kann er „ganz Geist“ sein, seinen Körper vergessen und wird von seinen Schülern wertgeschätzt. Ein Quäntchen Lebensinhalt, immerhin … und ein Fall von Fatshaming.

Eine befreundete Krankenschwester versorgt ihn, sie scheinen zusammengeschmiedet wie Gargantua und Pantagruel. Eine dicke Made in ihrem gleichfarbigen Kokon – Khaki – eine Tarnfarbe. So ist man zunächst mit den Show-Werten von Charly beschäftigt – abwechselnd angerührt, angeekelt, insgeheim so mancher auch schadenfroh und fühlt sich zuzeiten auch zurückversetzt in Becketts fatalistisches All that fall mit seinem spezifischen Topos des ewigen Wartens – letztlich ist Godot ja doch der Tod und in diesem Fall lässt der nicht allzu lange auf sich warten.

Er meldet sich sogar gleich zu Anfang, als Charly einen Herzanfall erleidet und nur durch das Vorlesen des Aufsatzes einer Schülerin über Moby Dick wieder zu Atem kommt – auch hier geht es um einen Wal, der getötet werden soll, als Metapher für den gierigen und verschlingenden Anteil seiner selbst. Der weitere Hinweis auf das langweilige Leben der Wale im allgemeinen und das vielleicht ebenso empfundene Leben des Autors von Moby Dick wirft ihn um … bzw er gesundet daran; soviel kindliches Einfühlungsvermögen bewegt ihn und weist zurück auf den Konflikt mit seiner Tochter, die er vor Jahren verlassen hat um eines jungen Lovers willen und um deren Verständnis er in Dauerschleife wirbt. Es beginnt insofern recht vielversprechend. Leider identifiziert sich der Regisseur zunehmend mit seinem Hauptdarsteller, dem nach jedem Anfangsschub gleich wieder die Puste ausgeht und der zur externen Sauerstoffzufuhr greifen muss – und das ist auch das weitere Procedere und Schicksal der Filmhandlung: die Puste reicht nicht. Und leider fehlt dem Regisseur auch die externe Sauerstoffzufuhr. Die restlichen anderthalb Stunden ist man voyeuristisch, fasziniert und abgestossen beim Beobachten von Charlys monströsem Körper und seinen schweisstreibenden Mühen, der allein den Film aber nicht zu tragen versteht, genauso wenig wie die Unterwerfung unter seine kiebige Tochter und ihrer entnervenden Daueraggressivität – eine Figur ohne Tiefenschärfe, ebenso wie die Krankenschwester und der junge Preacherman, dessen Funktion im Handlungsgefüge sich mir nicht wirklich erschlossen hat, ausser dass er sich im Schutzpanzer seiner kruden sektierischen Religion genauso eingeigelt hat wie Charly in seinem Fett, die Tochter in ihrer Aggressivität und die Krankenschwester in einer Form von nicht deutlicher werdendem Frust, auch eine Person die nirgends verortet scheint und keine erkennbare Geschichte hat, also letztlich kein Interesse weckt. Die Figuren bleiben platt.

Man findet sich als Zuschauer eher wieder in einer Position, die vergleichbar ist mit dem Betrachten von RTL2-Realityshows wie etwa Hartz und herzlich, die die sogenannte Unterschicht – jetzt als Prekariat benahmt – neu definiert und in Form eines Menschenzoos vorführt.

Früher war diese Schicht soziologisch beschrieben als arbeitende Klasse, fleissig malochend, standesbewusst und damit revolutionäres Potential, zumindest hätten’s die deutschen Studenten gern so gehabt. Leider wollten die zu Befreienden gar nicht befreit werden. Jetzt besteht die Unterschicht aus einem Cluster von Personen, die eben gerade NICHT arbeiten, von öffentlichen Mitteln leben und ketten-rauchend in einer Dauerregression vor dem Fernseher verfetten.

 

 

 

 

RTL2 schildert verständnisvoll und teilnehmend deren schwieriges Leben, die Kamera erzählt nebenbei eine ganz andere Geschichte:

Wenn der Sozialhilfeempfänger klagt, dass er keine Reha für seine chronische Bronchitis bekomme oder das Skilager für die Kinder nicht erschwinglich sei, schwenkt sie klammheimlich auf übervolle Aschenbecher, Plasmafernseher, Laptops, Designeroutfits und kunstvoll gestaltete künstliche Fingernägel (eine Art Erkennungszeichen dieser Gruppe), auf dass der Steuerzahler bemerke, wo seine Gelder bleiben. „Parasiten am Volkskörper“ nannte man das früher irgendwann einmal. Ein hundsgemeines Vorführen der ohnehin Abgehängten und einmal mehr eine zynische Ausbeutung, mit der man die Zuschauer erfreut die nun froh sein können, nicht so auszusehen und um diese Loser-Situation im Leben noch einmal herumgekommen zu sein. Und trotzdem den Sozialneid schürt. Auch so ein Schneewittchenspiegel, der uns unsere hässliche Seite zeigt.

Einige Stars dieser Serie haben inzwischen Kultstatus, eigene Blogs und Twitterkanäle und der erste hat bereits seine eigene Sendung im Bezahlfernsehen – aber zurück zu Moby Dick.

Freilich gibt es auch anrührende Momente – insgesamt aber zu dünn gesät, um ein wirkliches Filmerlebnis mit Tiefgang zu gerieren. Da hätte man mehr daraus machen können, wenn man schon Aronofski heisst und bisher viel Brauchbareres abgeliefert hat.

Dem Oscar-Team ging es wohl ebenso: So schnappte der Hauptdarsteller im Fatsuit (Brendan Fraser, früher durchaus ein Sixpack-man) dem Regisseur den ebenso sauer wie wohlverdienten Oskar als bester Schauspieler weg und Aronofsky guckte in die Röhre. Es gibt doch noch so etwas wie Gerechtigkeit.

Das Ende driftet dann vollends ins Theatralisch-Sentimentale: Ein unangebracht melodramatischer Showdown mit halbwegs versöhnter Tochter, bei dem Charly vom Boden abhebt, ins Meer watet und sich dann in Licht auflöst. Schluchz!

Von Aronofsky ist man Besseres gewöhnt, anscheinend hat er mehr auf die Oskars geschielt anstatt einen kritischen Blick auf sein Werk zu richten. So bemerkt der Zuschauer, dass er zwar konsumiert, aber nicht wirklich satt wird und ein paarmal zuviel kompensatorisch in die Popcorntüte gelangt hat.

Und so bleibt der Film Junkfood mit Geschmacksverstärkern, aber ohne wirklich sättigenden Subtext und intellektuellen Nährwert.

 

2023 26 Jun

Schauder und Idylle

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Die Welle (D, 2008) von Dennis Gansel
nach dem gleichnamigen Roman von Morton Rhue , 1981
basierend auf einer wahren Begebenheit in den USA

 

Es gibt Filme, die ersparen einem eine 4-wöchige Selbsterfahrungsgruppe, indem sie ein Übertragungsgeschehen in uns wachrufen, das uns mit neuen Nebenräumen des eigenen Kellergeschoßes konfrontiert, in dem auch mal dringend abgestaubt werden sollte. Man verlässt dann das Kino reichlich erschüttert – letztlich am meisten über sich selbst. Auch das ein Kriterium für einen guten Film.

Der Film Die Welle handelt von der Unternehmung eines progressiven, aber auch etwas naiven Lehrers, mit seiner Klasse eine Projektwoche zum Thema „Autokratie“ durchzuführen. Der Lehrer – ein grandioser Jürgen Vogel – ernennt sich selbst zum Autokrator, die Klasse zu seiner Gefolgschaft. Es wird Uniformierung vereinbart, eine Begrüssung durch Handzeichen, Gehorsam. Dann bekommen die Schüler beigebracht im Gleichschritt auf der Stelle zu marschieren – die Schule erbebt. „So kann man Brücken zum Einsturz bringen!“.

The first impact has landed – in den Zuschauerraum weht ein Schauder – aber nicht von der negativen Art, nein – sondern von der Macht eines gleichgeschalteten Kollektivs und seiner Durchschlagskraft. Und ja, auch von der Geborgenheit unter Gleichgesinnten und ihrer Verführung. Es entsteht ein „Wir“ wo vorher viele smartphonehypnotisierte „Ichs“ waren. Das springt rasch in den Zuschauerraum über.

Einen ähnlichen Impact konnte ich bei der ikonischen Szene aus Cabaret beobachten, als eine friedliche Biergartengesellschaft ihren Nachmittag geniesst, ein blonder Junge glockenhell und nett anzusehen „Tomorrow belongs to me“ singt, die übrigen Gäste mit einstimmen, die Gesichter sich aber zunehmend aggressiv verzerren und am Ende alle aufstehen und den deutschen Gruss entbieten. Schauder und Idylle – hier mehr Schauder, in der „Welle“ zuerst noch Idylle. Die Klasse, zuvor in die üblichen Interessen-Grüppchen zersplittert, man ist en vogue und weniger en vogue, schliesst sich in einer ungewohnten Einigkeit zusammen, bisherige Outsider werden integriert und gestützt, dem „Autokraten“ wird Gehorsam gezollt. Es macht sich eine Form von Solidarität breit, die auch den Zuschauer aufatmen lässt, der um die Folgen von Autokratien weiss. Aber der Verstand ist ein Idiot, sobald ihn ein Gefühl anspringt. Man suhlt sich also mit im Gemeinschaftsleben, in dem alles zusammen getragen und ertragen wird.

Aber auch Brüche und Verwerfungen werden gezeigt: Unterschwellige Rivalitäten machen sich breit unter den testosterongebeutelten Jungs, während die Mädels besonnener bleiben: eine Rauferei im Schwimmbad unter Wasser – metaphorisch für zunehmende Aggression unterhalb der Wahrnehmungsschwelle; ein türkischer Mitschüler wird attackiert. Die Klasse kreiert sich ein Logo, drängt zunehmend an die Öffentlichkeit auf der Suche nach mehr Geltung. Ein Anfang, wie wir ihn aus der Geschichte bereits kennen.

Das Misstrauen einer kleineren Gruppe von Schülern gegen das Experiment wächst, die zunehmende Abgrenzung nach Außen, der Kadavergehorsam und die Gewaltbereitschaft beunruhigt einige, es entwickelt sich eine Widerstandsbewegung. Diese sensibilisiert uns in einer Art, dass wir nun auch die Gefahr wittern, die die Idylle zunehmend durchtränkt. Flugblätter werden geschrieben. Eine Szene, in der eine Schülerin nachts in der Schule Flugblätter auslegen will und Angst vor Entdeckung hat, zitiert das Sophie-Scholl-Motiv und wirft den Zuschauer in einen Zustand quälender Ambivalenz, der die Idylle nicht verlassen will. Plötzlich ist man gegen Sophie Scholl eingenommen, als hätte sie etwas Wertvolles zerstört.

Schliesslich scheitert das Experiment dramatisch, der Lehrer wird festgenommen und kann sich nun an einem ruhigen Ort mit seinen eigenen Seelenräumen auseinandersetzen. Und seiner Unkenntnis über das Schicksal des Zauberlehrlings und der Unterschätzung der destruktiven Kraft von fehlgeleiteter Autoritäts- und Vatersehnsucht seiner Schüler in einer vaterlosen Gesellschaft. Den hätte ich nur zu gern auf der Couch gehabt …

Zurück bleibt eine traumatisierte Klasse und ein sekundär traumatisierter Zuschauer. Was hat man erlebt? Den Sog des diktatorischen Faschismus und sein Geschick, Idyllen zu inszenieren.

Der Titel zu diesem Beitrag ist geklaut, es ist der Titel eines Buches von Gudrun Brockhaus (Jahrgang 1947), die darin viel selbsterlebte Idyllen, Volkslieder, Lagerfeuerromantik, Gemeinschaftsschauder, Mutterschaftsidealisierung ihrer Kindheit analysiert, und immerzu mit dem eigenen Erleben verknüpft.

 

 

 

 

Der Faschismus und seine Ästhetik ist weiterhin ein Marktfaktor, vor allem in der Comicwelt und Populärkultur. Natürlich sind die Faschisten die bösen Gegner, aber die Heroisierung als Teilmenge der faschistischen Idyllenreinszenierung findet trotzdem statt.

 

 

 

 

Sozusagen das zweite Leben des Dritten Reichs, wenn nicht gar schon das dritte. Das zweite fand dann wohl statt in der Filmproduktion des kalten Krieges, dem geopolitischen Zusammenschluss mit den USA und der zunehmenden Wiederaufrüstung Deutschlands, als der latente Faschismus die Filmproduktionen diskret durchwebte und umschlich: „Ein Jäger ist ein Heger, der das Schwache und Kranke ausmerzt damit das Gesunde erstarken kann!“ schwurbelte damals der Förster vom Silberwald. Das sass so tief, da musste ein Regisseur noch nicht mal besonders dämlich sein, um dergleichen 1954 flott in sein Kunstwerk einzubauen. Von der brutalen Germanisierung und Christianisierung der Indigenen durch einen gewissen Karl May jetzt mal gar nicht zu reden, da waren die Überlebenschancen eines Indianers direkt proportional zu der Angleichung an das Wertesystem des weissen Bruders Scharlih, oder zumindest musste er dahingehend modifizierbar sein; ein Old Shatterhand-look-alike-Rattenrennen in jeder Folge sozusagen – aber ich schweife ab.

 

 

 

 

Faschistische Ikonik, eine Gemengelage aus Wiederentdeckung, Verdrängung, Modifikation und Stellungnahme mit teils unscharf gezeichneten Rändern, aber auf jeden Fall höllisch interessant für viele. Monumental, überwältigend und mörderisch steckt sie auch in Star Wars; Darth Vader trägt nicht umsonst einen Stahlhelm, dem traut man zu, dass er zum totalen Krieg bläst. Der Schatten der westlichen Demokratie im jungianischen Sinne sieht für mich so aus, zumindest fällt mir Vader da immer als erstes ein.

Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.


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