Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

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Ist Magic Mike feministisch beziehungsweise allgemein gefasst: Erfüllen Filme über männliche Stripper und sonst wie käufliche Mannsbilder die in Stein gemeisselten Gebote und Vorgaben des emanzipatorischen Zeitalters oder leben solche Narrative nur vom mittlerweile auch schon angeranzten Reiz des Rollentauschs der Geschlechter? Die Kritiker und Filmtheoretiker (männlich) behaupten das von der dreiteiligen und sehr erfolgreichen Geschichte um den attraktiven Stripper Magic Mike (Regie Steven Soderbergh, Drehbuch und Produktion auch von irgendwelchen Herren). Der Film handle unterschwellig von der „Ökonomie weiblichen Begehrens“ und deren visueller Umsetzung in einer Art Dirty Dancing for adults. Muskelbepackte halbnackte Kerle schwenken Frauen wild durch die Gegend und initiieren Körperverrenkungen, die eher akrobatisch als erotisch wirken. Kraftvolle Hüftstösse fehlen nicht, aber das kennen wir schon von Elvis. Die Damen schmiegen sich hingebungsvoll in die gewünschten figuralen Settings und das Umeinanderwickeln ähnelt zunehmend der Verfilmung von zwei Boas im Liebestanz. Liebhaber von Tanzfilmen werden hier gut bedient und die Sache ist durchaus unterhaltsam – aber feministisch? Natürlich werden die Jungs für das Geturne bezahlt und verhalten sich entsprechend woke, das heisst sie fragen vorher, ob und wo sie die Frau anfassen dürfen, ein bisschen Tribut an den Zeitgeist muss ja sein. Die Damen scheinen es zu mögen, zumindest hier. Magic Mike – sein letzter Tanz gerät nun vollends zum Pretty-Woman-Verschnitt: Reiche Frau mietet sich einen Stripper und bringt mit ihm eine opulente Tanzshow auf die Bühne.

 
 

 
 

Natürlich verliebt sie sich – eine erwartbare seichte Heteroromanze nach dem hier zitierten Motto: Frauen können alles haben, wo und wann sie es wollen. Klar, die Dame ist Millionärin. Aber Feministisch? Wenn doch, dann ist Feminismus scheinbar eng mit dem Geldbeutel verkoppelt. Salma Hayek wird während des ganzen Films in barmherzigem Halbdunkel gehalten – klar, die Dame wird demnächst sechzig. Feministisch?

 
 

 
 

Eine Rezensentin sprach von feminist masterpiece und female empowerment. Aber ist es Feminismus, wenn sich diesmal eine Frau einen Kerl kauft statt umgekehrt? So bleibt phantasielose Retro-Dichotomie, halt mal linksrum, so geht’s halt, wenn alte weisse Männer einen Film drehen über weibliches Begehren. Dabei haben Männer durchaus Sinn für subtile Erotik – ein Patient berichtete mir einst, der erotischste Szene in einem Film sei für ihn die gewesen, in der eine Frau einen Mann nicht aus – sondern anzog, nämlich Tom Cruise, der von ihr richtig langsam und  genüsslich seine mehrteiligen Samurai-Klamotten angezogen bekam. Die Szene hat tatsächlich was.

Ansonsten geniesst man virile Tanzszenarien und macht sich ein paar angewärmte Gedanken über den Tanz als Übergangs- und Sublimationsraum zwischen den Geschlechtern. Mike setzt seinen Sexualtrieb nicht roh um, sondern sublimiert ihn, so wird die Bühne zum Kulturraum, in dem Sexualität symbolisch zelebriert wird, ein Raum voller Versprechungen und Andeutungen, aber auch der Regulierungen dessen, was da angedeutet wird, das wissen wir auch seit dem Aufkommen der Can-Can-Mädchen und später der Chippendales. Nur gucken, nicht anfassen, ausser um Geldscheine in den Slip zu stecken. So bietet der Film insgesamt eine etwas geistesschlichte Interpretation von Feminismus, indem er ihn auf Sexualität reduziert und weiterhin mit den herkömmlichen Schönheitsidealen und dem Warencharakter von Sexualität operiert. Und diesen Akt der Käuflichkeit schliesslich durch Liebe adelt. Das ist sehr wohlfeil.

Okay, jetzt haben wir das Ticket, uns einen Mann kaufen zu dürfen – und nu? War es das, was wir wollten?

 

 
 

Gesegnet sei der verregnete Juli, gab er mir doch die Möglichkeit, mein Haus zu entrümpeln, was kein einfaches Unterfangen ist, wenn man kistenweise Schneider-Bücher und Micky-Maus-Hefte aus den Fünfzigern und Pardon-Hefte aus den 60ern vorfindet, weiter Konkret, Slapstick und alles andere als jugendfreie Undergroundcomics. Man liest sich gnadenlos fest und der Sommer vergeht wie im Fluge, was nicht immer ein Nachteil ist.

So landete ich mitten in den Ferien in Entenhausen und begrüsste alte Freunde wie Donald, Onkel Dagobert, Tick, Trick und Track und den kleinen und den grossen Wolf. Das Eltern-Kind-Verhältnis in dieser Zeit war nicht das Beste – schwarze Pädagogik, Prügelstrafen, verkappte oder bekennende Nazis in der Elterngeneration, am liebsten wäre man auf und davon gegangen, geistig-seelisch tat man es sowieso, indem man die Kultur des „Feindes“ freudig assimilierte, pflegte und verteidigte: Ohne Comics, Micky Maus und Rock’n Roll ging gar nix mehr.

Aber man liest jetzt mit anderen Augen: Seltsam unverortete Wesen, die das Schicksal zusammengewürfelt hat, tummeln sich hier in den bunten Heftchen: Donald hat Neffen, aber keine Geschwister, niemand hat Eltern oder Kinder, niemand einen Partner, Donald hat eine Oma, aber keine Eltern und mit Daisy Duck und Donald erleben wir Wagner-artige Tragik: Es geht immer nicht. Pairing scheint unmöglich. Mit Micky und Minnie ist’s ähnlich. Der hoffnungslos parentifizierte kleine Wolf hat einen Vater, um den er sich ständig kümmern muss, aber keine Mutter, die sich um ihn kümmert, Goofy segelt ausschliesslich in Mickys Schlepptau und als Hintergrundfolie durchs Leben, Pluto desgleichen- übrigens die einzige Figur, die nicht vermenschlicht wurde und weiterhin in seiner Hütte leben und auf vier Beinen laufen darf.

 
 

 

 

 

 
 

Seltsam gebrochene und defizitäre Figuren, die unverzagt durch die immer gleichen lustigen Abenteuer turnen. Elternverlust und Elternlosigkeit spielen auch in den späteren Filmwerken der Disney-Company eine Rolle, wenn man Dumbo, Bambi und den dramatischen Vaterverlust im König der Löwen miteinbezieht, bei dem viele Kinder heulend aus dem Kino kamen, Pocahontas ist Halbwaise, Lilo Vollwaise und Mogli vollends ein Wolfskind und wenn Mütter auftreten, verschwinden sie auch ebenso schnell wieder von der Bildfläche.

Erst in den Neunzigerjahren darf es Eltern geben – Mulan und Merida stammen aus Familien, wenn auch konfliktreichen. Dazwischen alleinstehende Sonderlinge wie Dagobert Duck, Gustav Gans, Daniel Düsentrieb und Goofy. Ein merkwürdiges Sammelsurium von Junggesellen und broken homes, keine Paare, keine Familien, niemand muss in die Schule oder Hausaufgaben machen. Und genau das hat uns vermutlich so gefallen – die völlige Abwesenheit von Alltagszwängen und regulierenden Erziehungsfiguren und sonstigem Einengenden, stattdessen chaotischer Alltag und das anarchische Leben vom Schlag einer Pippi Langstrumpf – auch Halbwaise – nur Susi und Strolch gründen eine Familie. Soviel zur psychologischen Lesart.

Es gibt natürlich auch die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Diskurs: Adorno meinte die häufigen Prügel, die die cholerische Ente Donald vom Leben immer wieder bezieht, helfen dem Konsumenten sich an die eigenen Entfremdungsprügel zu gewöhnen.

 
 

 
 

Linke Publizisten entdeckten den geknechteten Proletarier unter der Knute des Erzkapitalisten Dagobert Duck. Die symbiotisch verknüpften Drillinge Tick, Trick und Track, die oft für einen einzigen Satz 3 Sprechblasen verbrauchten („Der Alte … spinnt … mal wieder!“) verkörperten die revolutionäre Jugend mit ihren vielen kleinen Siegen gegen das Spiessertum, desgleichen die drei kleinen alleinlebenden Schweinchen, die auch prima zurechtkommen. Märchen und Abenteuerphantasien liessen sich problemlos „disneyfizieren“ und bald traf sie der Bannstrahl der postfaschistischen deutschen Elterngeneration, Religionslehrer lehnten sich dagegen auf, dass Tiere vermenschlicht wurden und auf zwei Beinen liefen – aber das wahre Revolutionäre war wohl die Botschaft: Raus aus dem Familienmief! Es geht auch ohne Eltern! Vielleicht sogar besser?!

Micky Maus und Donald waren schon seit 1930 eine feste Grösse, die auch in Deutschland ein Bein auf den Boden bekam, 1951 erschien das Heft dann zuverlässig wöchentlich und setzte mit den Grundstein für eine neue Jugendkultur, wie es in der Musik der Rock’nRoll tat, etablierte neue Mythen, eine neue Ästhetik und vor allem eine neue Sprache zur Beschreibung von Affekten: Knirsch, heul, schluchz, jammer, kreisch – in seiner Präzision unschlagbar und jeglicher Lyrik weit überlegen und die Eltern und Lehrer befürchteten das Aufkommen einer Zeit, in der man nur noch über Disney-Codes miteinander kommunizierte und sahen den Untergang des Abendlandes heraufdämmern.  Und wir warteten aufs neue Heft wie der Löwe aufs Futter und strahlten wie Daniel Düsentrieb bei einer neuen Erfindung oder Onkel Dagobert beim Baden in seinem Geldhaufen.

Freu!

 

2025 8 Aug.

Gelähmte Tänzer

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Niemand hatte ihr beigebracht, wie man fällt, ohne zu zerbrechen. Irgendwann würde es passieren – sie würde nicht ganz zerbrechen, aber an manchen Tagen fühlte sie es – feine silbrige Sprünge, die sich in ihrem Körper ausgebreitet hatten, vibrierend wie die Drähte einer Glühbirne, nur dass sie sie ganz ausfüllten. Sie zerteilten ihren Körper. Wenn sie fallen würde oder einen Zusammenstoss hätte, würden kleine Diamanten von ihr übrigbleiben, wie bei einem zersprungenen Autofenster. Zum ersten- und letzten mal in ihrem Leben würde sie dann funkeln und glänzen; einmal wäre sie dann schön. Und einmal war sie schon gefallen – in ein paar Augen. Und zerbrochen. Seither blickte sie niemandem mehr ins Gesicht, um nicht wieder zu stürzen.

Niemand hatte ihr beigebracht, wie man tanzt. Das muss man auch nicht, es geht von selbst, wenn man glücklich ist, man hat plötzlich kein Gewicht mehr und alles geht wie von selbst, eine Bewegung einer plötzlich verwandelten und vorwärtsstürmenden Welt, der man sich nur hingeben musste. Das wusste sie, einmal hatte sie getanzt – schwerelos – und nun begann sie langsam, es zu vergessen.

Niemand hatte ihm gesagt, dass der Mensch die Dinge beherrschen kann und nicht die Dinge den Menschen. Ihn bedrängten sie mit ihren Forderungen und Drohungen und drängten sich in seine Gedanken wie lebende Wesen, die ihren Raum beanspruchen wollen. Der Kampf mit ihnen forderte alles, was er an Kraft noch hatte. Er wünschte sich nichts anderes als frei zu sein, ohne genau zu wissen, wie das aussah. Manchmal schien es ihm, als ob er es gar nicht ertragen könnte – wie sollte er sich schützen vor den Gefahren des Draussen?

Eine lange ruhige Strasse, die sie sich entlangbewegte, als laufe sie unter Wasser, irgendetwas hemmte ihren Schritt. Eine fröhliche Sonne beleuchtete die alten Häuser und malte mit Licht und Schatten bizarre Muster auf die Fassaden, in den Vorgärten blühten Blumen, leuchtend und unbekümmert um ihr kurzes Leben. Keine Sorgen um die Zukunft, das Jetzt ist ihnen genug – dachte sie und betrachtete ihren grauen Sommermantel, den sie eigentlich schon lange hatte wegwerfen wollen, aber inzwischen war er ein treuer Freund geworden. Wenn sie ihn anzog, war es fast eine warme Umarmung. Ich behalte Dich bis Du zerfällst – oder besser: Wir zerfallen beide zusammen. Sie fand das richtige Haus, freundlich und einladend, eine Holztür mit altertümlichen Schnitzereien, in der Mitte prangte ein schmiedeeiserner Löwenkopf mit einem Ring im Maul. Sie betastete ihn – er war warm von der Sonne und fühlte sich lebendig an unter ihren immer kalten Fingern, klopfte mit dem Ring ein paarmal gegen die Tür und lächelte, als ein flüchtiger Gedanke sie streifte – ein Lächeln das immer rasch in sich zusammenfiel. Danach wandte sie sich erst dem Klingelschild zu und stand lange davor. Sie hasste es, um Einlass zu bitten.

Im Treppenhaus war es angenehm kühl, es roch wie ein Garten nach einem Sommerregen, am liebsten hätte sie darin verweilt und sich nicht weiterbewegt. Aber sie wusste, dass etwas auf sie wartete. Was sie überhaupt nicht mochte.

Er zog sich die Kapuze des Anoraks tiefer ins Gesicht, das Frühlingslicht blendete ihn, die Blumen, das Spiel der Sonne auf den Fensterscheiben – Aufforderungen, denen er nicht nachkommen, Einladungen, die er nicht annehmen wollte. Er hasste es, eingeladen zu werden oder seine Wohnung verlassen zu müssen, die so wohlgeordnet allen seinen selbstgeschaffenen Gesetzen gehorchte. Das Haus, das er suchte, liess sich schliesslich finden: ein schlecht restaurierter Altbau mit beschädigtem Putz, eine alte Holztür, an der die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte, in der Mitte ein metallener Löwenkopf mit einem Ring ihm Maul, vom Zahn der Zeit schon etwas zernagt. Warum man das Ding wohl noch nicht abmontiert hatte? Sollte es abschrecken? Er zog einen Einmalhandschuh an, um die Klingel drücken zu können – er hasste es, ausserhalb seiner Wohnung etwas anfassen zu müssen. Und um Einlass bitten zu müssen. Das Treppenhaus roch feucht und modrig, irgendwie unappetitlich, und er beeilte sich das richtige Stockwerk zu erreichen. Wie viele Bakterien sich hier wohl herumtrieben?

Eine Wohnungstür stand offen – Dr. Andreas Hoffmann stand auf einem kleinen Metallschild. Ein langer Flur, am Ende ein Raum aus dem Reden drang, ein kurzes Lachen. Sie wäre am liebsten umgekehrt, wie auch vorher die ganze Zeit schon, Fröhlichkeit von anderen konnte sie schwer ertragen, da katapultierte es sie sofort in einen anderen Raum, einen leeren Raum, beruhigend leer, in dem ihr nichts geschehen konnte. Darauf verliess sie sich jetzt, in diesem Raum würde sie bleiben bis der Abend verstrichen war. Endlich verstrichen war.

Die Wohnung empfing sie mit vielerlei Gerüchen, ihre feine Nase unterschied Kaffee, Zigarettenrauch und anderes schwer Identifizierbares – vielleicht rochen Menschen so, die man in die Enge getrieben hatte.

Er sass unlustig auf einem dieser ergonomischen Stühle, die eine Bequemlichkeit vortäuschten, die sie bei längerem Verweilen nicht einhalten konnten. Zumindest hatte er immer erlebt, dass sein Kreuz irgendwann rebellierte. Es gab auch diese Sitzsäcke, die mit Styroporchips oder dergleichen gefüllt waren, in ihnen konnte man gut versinken, aber kam nicht wieder heraus und er hasste es, eine unglückliche Figur abzugeben – wobei auch immer. Das Bedürfnis, sich die Kapuze noch tiefer ins Gesicht zu ziehen nahm zu, trotzdem nahm er sie ab, aus Angst vor diesbezüglichen Bemerkungen, auf die er nichts zu entgegnen wusste ausser, dass er Angst hatte. Und das gestand er sich sehr ungern ein. Und anderen schon gar nicht. Und er vermied es den Gedanken ins Auge zu fassen, dass er selbst gerne anderen Angst machte, aber manchmal beschlich ihn eine Ahnung davon, dass seine eigene Angst sich dann auflöste und fortschwamm wie eine Krake, die ihn vorher noch umklammert hatte. Sieben Menschen in dieser Gruppe, sieben Harpyien, die sich auf ihn stürzen würden, um ihm das Fleisch von den Knochen zu reissen. Fast musste er schmunzeln bei dem Gedanken, dass er als Skelett hier hinauswandeln sollte. Und der alte Herr war vermutlich der Therapeut Dr. Hoffmann, den man ihm in der Klinik empfohlen hatte: der Dompteur im Löwenkäfig, der Leitwolf des Rudels, der Sklaventreiber mit der Peitsche – woher kamen ihm plötzlich all diese Bilder?

Wie es den Mädels wohl hier ging – natürlich haben die sich die bequemeren Stühle geschnappt? Verschränkte Arme, gesenkte Köpfe, ins Gesicht hängende Haare, bis zur Nase hochgezogene Rollkrägen – mein Gott, wie kann man das ertragen? Seine Anrufung von Gott war eine rein rhetorische, mehr ein Vorwurf an die Seltsamkeiten dieser Welt als eine Frage an jemanden, von dem er sich ohnehin nichts erhoffte. Weil er sich von niemandem etwas erhoffte. Und doch spürte er einen frischen Luftzug hinter sich, es war wohl ein Fenster geöffnet – es roch frisch und hoffnungsvoll, nach Aufbruch, nach Autofahren mit geöffnetem Verdeck auf einer Landstrasse durch den Wald oder am Meer entlang – mehr Luft, als man jemals atmen konnte. Luft, die einem die Brust zersprengen könnte, einem fast die Haare vom Kopf riss, eine Ahnung von Überfluss und Wildheit. Am liebsten hätte er sich aus diesem Fenster geworfen. Um zu fliegen, nicht um zu fallen … ein Vogelwesen das seine Flügel breitet. Ein Wildpferdwesen, an dessen Hufen Flügel wachsen, ein Zentaur, der unter einem schattenspendenden Baum die heisse Mittagsstunde verschläft, nur umschrillt von den nimmermüden Zikaden, um danach tatenlos den Abend zu erwarten, der wieder wie der glühende Mittag seine eigene, sanftere Schönheit mit sich brachte – nur hingewandt der Sonne und dem Leben und der Nacht die er nicht fürchtete – trennte sie ihn doch nur für einen Augenblick vom Leuchten der Welt und des kommenden Tages.

Welch seltsame Wege gehen doch die Gedanken.

Der alte Herr hatte sich geräuspert, sich als Andreas Hoffmann vorgestellt, auf akademisches Zubehör legte er wohl schon mal keinen Wert. Gut! Und nun – gefürchtetes Ritual – wollte er, dass alle sich vorstellten und ein bisschen von sich erzählten, als ob ihn das interessiert hätte, wie der dünne Hering neben ihm hiess und welche Probleme er hatte. Die Probleme eines Herings auf dem Trockenen eben. Er ahnte nicht, dass er damit schon sehr gut das Lebensgefühl seines Sitznachbarn getroffen hatte. Die drei Frauen, zum Teil in die Styroporsäcke gekuschelt, wollten für ihn noch nicht so recht sichtbar werden, sie sassen alle in einer Reihe, als wollten sie aneinander Schutz suchen wie Tiergeschwister, denen die Mutter fehlte. Frauen schienen dergleichen zu mögen, ihm selbst wuchsen Stacheln bei dieser Vorstellung.

„Hallo, ich bin David!“

Er hatte geschafft, es herauszuraspeln, ärgerlich über seine belegte Stimme – jetzt fehlten noch die persönlichen Angaben, mit denen er so gerne hinter dem Berge gehalten hätte.

„Warum bist Du hier, David?“

Er hätte gerne eine patzige Antwort gegeben – etwa in der Art, warum man nicht jetzt einfach ein Quiz veranstaltete, was den Einzelnen hierhertrieb – aber die Stimme klang ernst und warm, so dass sein schnell auflodernder Trotz sich verkroch und beschämt zusammenrollte.

„Ich bin David! Sonst möchte ich nichts sagen!“

„Es ist gut, David, nimm Dir die Zeit, die Du brauchst!“

Der Raum schien ein bisschen weiter zu werden – nimm Dir was Du brauchst – das hatte er nicht oft gehört. Er wollte nicht wahrhaben, dass er ein unerwartetes Geschenk bekommen hatte, zu sehr war er noch beschäftigt, wütend zu sein, dass er hier sein musste, zu sehr bemerkte er die klamme Feuchtigkeit unter seinem viel zu warmen Pullover, auf seiner Kopfhaut. Kein guter Ort … Aber eine ruhige tiefe Stimme, die ihm sagte: Es ist gut! Es ist gut so wie Du es machst. Plag Dich nicht!

Ein fülliges Mädchen gegenüber hatte zu sprechen begonnen, in einem Sitzsack, den sie schier plattdrückte, mit ihrer Unruhe brachte sie ihn zum Rascheln … Raschel-Petra würde er sie nennen, falls er noch einmal käme. Die Aussichten dafür schienen ihm allerdings gering. Neben ihr sass ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, die ihr Gesicht verdeckten wie ein halb geöffneter Vorhang. Im Gegensatz zu Petra bewegte sie sich nicht, aber sie spürten einander, bevor sie sich ansahen. Nicht wie zwei Menschen die sich wahrnahmen, mehr wie zwei Wassertropfen auf einer Fensterscheibe, die in die gleiche Richtung glitten – getrennt und doch in der gleichen Bewegung gefangen. Und getrennt von den anderen. Oder wie zwei Passanten, die vom gleichen Windstoss überrascht werden.

Alle stellten sich vor, forsch oder brüchig, sonor oder flüsternd, unter Lächeln und Tränen und die Abenddämmerung kroch ins Zimmer, streckte die Arme nach ihnen aus und verbreitete sich zwischen ihnen wie jemand, der genau wusste, was er vorhatte – sie miteinander zu verbinden.

Jemand lachte zu laut.

Jemand weinte lautlos.

Sie hiess Lisa – ihre Stimme war wie ein Echo, das zu früh kam, das auf seine eigene Verstörung antwortete, die durch alles hindurchschwang was er sagte und doch so gerne verborgen hätte. Sie sagte Dinge, die er niemals gesagt hätte, obwohl er sie sich eingestanden hatte – ja, soweit war er schon. Verräter-Lisa … ! Er rollte sich zusammen, zog die Kapuze wieder über den Kopf und blickte auf seinen Bauch.

Dann wieder Schweigen, das zähe Verharren an der Schwelle der Sprache, an der Schwelle zum Verrat. War die dritte Dame – im Styroporsack, natürlich! – etwa auch eine Verräterin? Sie hiess Gudrun, lang, schmal – eher mager, feingliedrig, schönes blondes Haar, um das sie sich sichtlich wenig kümmerte – sie konnte nichts essen, obwohl sie es wollte. Das glaube ich Dir im Leben nicht – Du willst fragil und weltabgewandt bleiben, zerbrechlich schön, unkörperlich – dann bleib in Deinem Turm, Rapunzel, ich begehre nicht, dass Du Dein Haar herunterlässt. Und sieh zu, wie sich deine Knochen langsam durch die Haut hindurcharbeiten, bis sie sie durchbohren werden.

So sassen sie zusammen – wie Figuren aus Ton, noch nicht im Brennofen gehärtet, weich, formbar, in Gefahr zu zerfallen oder in ihrem fragilen Zustand zu vertrocknen.

Später würde sich Lisa an ihn erinnern, vor allem an seine Schultern – wie sie zuhörten, wie sie sich auf und ab bewegten im Verlauf der Gespräche, als wäre das Zuhören selbst schon eine Last die zu tragen wäre.

Später würde David sich an sie erinnern, an ihre hohe brüchige Stimme, wie der Schrei eines Vogels im Wald, den langsam die Kraft zum Schreien verliess und der nicht mehr wirklich auf Hilfe hoffte, nur noch schrie um sich selbst zu versichern, dass er noch lebte. Beim Hinausgehen kreuzten sich ihre Blicke, zu früh. Viel zu früh, es war keine Kraft in ihnen. Und senkten sich wieder wie die Schwerter zweier Krieger, die vom Kämpfen müde waren.

Dr. Andreas Hoffmann putzte seine Brille und betrachtete den Papierwust auf seinem Schreibtisch, ohne ihn wirklich zu sehen. Die Spannung in seinen Schultern lenkte ihn ab, vielleicht das Gewicht der sieben Leben, die seit diesem Abend wieder auf ihm lasteten – neben den vielen anderen Leben die sich ihm anvertraut hatten; seine Praxis war umfangreich und manchmal schien es ihm, als würde es langsam zu viel für sein Alter. Andere Berufe genossen schon längst den Ruhestand, Psychiater und Psychotherapeuten arbeiteten offenbar bis sie vom Stuhl fielen, vielleicht würde das auch sein Schicksal sein. Die Faszination des Höhlenforschers für sein Objekt – keine Höhle glich der anderen, hinter jeder Biegung warteten neue Überraschungen, das machte das Aufhören schwer. Er beschloss, heute früher zu Bett zu gehen, schmunzelte beim Auskleiden noch ein bisschen, als er an seinen Vater dachte und seinen Wunsch, der Sohn möge Zahnarzt werden. Was soll an Kieferhöhlen und Wurzelkanälen denn schon interessant sein? Der Schmerz bei der Behandlung mag der gleiche sein – bei beiden Berufen. Ach, Papa! Wie unglücklich warst Du über meine Berufswahl – ein Arzt der erfolgreich sein könnte, in Klinik und Forschung und sich stattdessen in einem Dachzimmer nur noch mit Verrückten abgibt. Und wie zufrieden war er selbst mit dieser Tätigkeit, diesen Wanderungen in fremde und doch vertraute Länder. Als jemand, der keine Richtung weiss, aber wartet, bis der Weg sich öffnet, der keinen Takt vorgibt, aber warten kann bis einer entsteht. Der sich freute, etwas zu wissen, aber sich auch gerne überraschen liess und den Zustand des Nichtwissens gut ertragen konnte. Als Kind hatte er mit Leidenschaft im Garten gearbeitet und dem Leben beim Wachsen zugesehen, heute tat er es in seinem Dachzimmer. Man muss einen Fluss nicht schieben, sondern nur die Hindernisse beseitigen, die ihn am Fliessen hindern – war immer seine Devise gewesen. So hatte er auch seine beiden Töchter erzogen, die sich so ganz unterschiedlich entwickelt hatten.

Als er im Pyjama auf seinem Bett sass, betrachtete er noch lange das Foto auf seinem Nachttisch: Eine ältere Dame – scharfe und kluge Augen, ein nur angedeutetes Lächeln, das er auch mit einem müde wirkenden Lächeln beantwortete, bevor er das Bild wieder auf den Nachttisch stellte. Was würdest Du dazu sagen, Käthe? Er wusste die Antwort: Es ist gut so wie Du es machst, Andreas! So zufrieden war sie nicht immer mit ihm und so ruhig, aber ihre Beziehung war doch wie ein See, der sich an der Oberfläche lebhaft kräuselt und in der Tiefe still ist. Wohltuend still.

Bald darauf schlief er ein, das schwarze Bändchen, das sich vom Rahmen des Fotos gelöst hatte, bewegte sich in einem leichten Luftzug, als winke es jemandem zu.

Wie jeden Abend stand sie am Fenster ihres Dachzimmer und atmete die Welt, die für sie nicht mehr begehbar schien; auch im Winter, wenn die Kälte sie ihren Körper wieder spüren liess. Aber jetzt war Sommer, früher, warmer, wohltuender Sommer und die Linde vor ihrem Fenster verschwendete sich in Blüte und Duft. Das eintönige Rauschen der Welt – das wusste sie – setzte sich aus vielem zusammen. Menschen fuhren in Autos oder Fahrrädern zu einem ersehnten Ziel, trafen sich, aßen, lachten und stritten zusammen, liebten und hassten sich. Es roch nach nassem Asphalt und blühenden Bäumen, auch die Restaurants in ihrer Strasse sandten verlockende Gerüche, denen sie meist widerstehen konnte. Heute fiel es ihr schwer, aber sie fühlte sich zu erschöpft, um noch einmal hinunterzugehen und dann alleine an einem Tisch zu sitzen und zu befürchten dass sich jemand zu ihr setzte. Sie atmete noch einmal tief durch, schloss das Fenster und schaltete den Fernseher ein.

David stand am Fenster, aber zögerte es zu öffnen; dahinter wogte die Stadt – schillernd, präsent, gefährlich – er legte die Hand flach auf die Scheibe, das war seine Art mit der Aussenwelt in Kontakt zu treten. Was wohl alles die Glasscheibe überwinden konnte? Geräusche, Bilder, Bakterien, Erinnerungen … er stellte sich vor wie kleinste Partikel, die Scheibe durchdrangen – mit welcher Botschaft? Er atmete flach, wie um die Welt draussen nicht zu stören, gestand sich aber ein, dass er fürchtete, von ihr entdeckt zu werden. Schliesslich schaltete er den Fernseher ein.

 

 
 

Wohin balancieren wir? Die Medienwissenschaftler werden es uns nicht sagen, die sind zu beschäftigt mit ihren konträren Ansätzen über die Rolle der Post-post-Medien in der späten Postmoderne und der postmodernen Consumer. Irgendwie scheinen immer beide Parteien recht zu haben – das war früher auch einfacher.

Die Medienwissenschaftler Georg Seeßlen und Markus Metz äussern sich über die gegenwärtige Medienlandschaft in ihrem umfangreichen Werk Blödmaschinen – es geht um Medienprodukte, die Kommunikation, Urteilskraft und intellektuelle Betrachtung einschränken, einfache Narrative erschaffen und auf Stereotype eindampfen, um Aufmerksamkeit, Konsum oder Zusammenschluss zu erzeugen. Neoliberale Gesellschaftsstrukturen begünstigen diese Prozesse. Nun kommt einem das Ganze auch ein bisschen bekannt vor – die Gesellschaftstheorie der 60er Jahre beschäftigte sich ebenso mit Verdummungs- und Gleichschaltungsmechanismen von Presse und Fernsehen – der Rundfunk geriet damals bereits sehr ins Hintertreffen und beschäftigte sich eher mit Erhaltung von herkömmlicher Kultur. Das ist also im Prinzip nicht neu, wird von den Autoren aber ausgeweitet auf Popkultur, social media, digitale Plattformen, Blogs und Chatrooms und sicher noch einiges mehr, das mir jetzt nicht einfällt.

„Blödmaschinen“ erzeugen kollektive und individuelle Erregung, Like-Ökonomie (Ich werde wahrgenommen, also bin ich – kurz gesagt: Ich poste, also bin ich!), Algorithmenlogik (Ich bin die Summe dessen, was ich gepostet habe!) und kollektive Zoobesuche (Reality-TV; so blöd wie die da bin ich noch lange nicht!). Das geht nicht nur in die Verdummung, sondern in die Identität, es entsteht ein neues Konstrukt des „postenden“ Menschen (eine Art digitaler Avatar – oder sagen wir „homo posting“) im Netz, das durchaus eine Verwirrung erzeugen mag, wer man jetzt eigentlich noch ist. Das geht schon tiefer als die Machenschaften der Springerpresse, die sich auf Meinungsmanipulation beschränkte – was schon schlimm genug war. Auf diesen meines Erachtens qualitativen Sprung gehen die Autoren leider nicht ein, sie verbleiben auf der Ebene der mentalen Manipulation, wobei heutzutage das Ganze schon eine Entwicklung in psychiatrische Zustandsbilder nehmen kann.

Dem Rechnung tragen sie aber dann doch mit der Entwicklung einer Theorie der Regression ins Paranoide (was strenggenommen keine Regression ist sondern ein Projektionsvorgang beziehungsweise eine Umpolung unserer Wahrnehmung), erläutern das am Beispiel von Verschwörungstheorien, QAnon- und Querdenker-Bewegung und dergleichen, was wir inzwischen allzu gut kennen, Denksysteme, die durch Entwicklung neuer Kausalitäten (Hinter allem stecken die Reptiloide!) die Welt erklärbar machen und dadurch eine Scheingeborgenheit bieten.

Der Medienwissenschaftler Henry Jenkins teilt den Pessimismus Seeßlens & Co nun wieder nicht. Die Generation Tiktok sei kreativ, finde neue Algorithmen, remixe Narrative, sei imstande, sich sekundenschnell zu vernetzen, sehe die Kulturindustrie als ein Medium zur Bedeutungserschaffung, neuen Kämpfen und Teilhabe – die Macht ist nicht nur bei der Maschine, sondern auch beim User, man kann auch einen flashmob für sinnvolle politische Organisationen kreieren. Vernetzung ist die neue Waffe der GenZler, die alle Codes im Netz kennen. Seeßlen und Metz glauben hingegen nicht an die Schwarmintelligenz der Usergeneration und würden höchstens erwidern, dass sie diese dann zu antisemitischen Aufmärschen nutzen würden. Und dass die Maschinen nicht an mündigen Bürgern interessiert wären, sondern lediglich an Reichweite. Und Kohle natürlich, für die, die immer schon welche zu machen verstanden und sich auch hier wieder mit reinhängen.

Was die Medienkritiker betrifft – vermutlich haben beide recht (und beziehen sich nur auf unterschiedliche Zielgruppen) und vermutlich ist es auch gut, dass der ganze Komplex polarisierend diskutiert wird in einer Zeit, in der die Schere zwischen intelligent und doof immer mehr auseinanderzugehen scheint. Schade, dass Medienexperten offenbar immer auf dem jeweils anderen Auge blind sind. Als Grundlagenliteratur sind die Bücher auf jedenfall empfehlenswert.

 
 

                 

 
 

Ich bin Dein Mensch (D, 2021) von Maria Schrader

 
 

 
 

Im Zeitalter von Algorithmen und Chatbots ist ein Film über virtuelle Helfer mit physischem Erscheinungsbild, vulgo Roboter, Bots, kybernetische Organismen oder Androiden genannt, natürlich überfällig. Unter Maria Schraders Regie sind sie diesmal auch nicht mit Töten beschäftigt, sondern mit Dienen und Lieben – das ist von der Themenwahl hoch einzuschätzen und macht neugierig. Leider fehlt es Schrader bei diesem löblichen Vorhaben offenbar an einer zündenden Idee und so serviert sie uns einen etwas dünnen Aufguss mit einer emotional ausgehungerten Wissenschaftlerin, die einen attraktiven Roboter auf seine Eignung als Partnerersatz testen soll und dabei einen Konflikt zwischen ihrem Neokortex und ihrer Amygdala auslöst – welche Hirnstruktur am Ende dominiert, soll hier nicht verraten werden. Warum eine Expertin für Keilschrift-Lyrik auch als Expertin für Roboterbegutachtung brauchbar sein soll, erschliesst sich im Drehbuch nicht. Eine Psychotherapeutin wäre besser gewesen – da könnte ich mir einige pfiffige Dialoge vorstellen – und dazu Lesbe oder radikale Feministin. Oder weiss der Teufel, der mich anscheinend gerade wieder reitet.

Der Bot heisst Tom und erfüllt alle Frauenwünsche, vom Champagnerfrühstück, Brötchenholen, Saubermachen, im Freundeskreis reüssieren und bella figura abgeben, Rumbatanzen und im Bett Freude bereiten – every inch a gentleman – nur den feurigen Rumbatänzer will man ihm nicht so recht abkaufen – Rumba funktioniert nicht gentlemanlike, da muss ein wohldosierter Schuss männlicher Zugriffsfreudigkeit mit in den Cocktail. Patrick Swayze mit seinen Bizepsen lässt grüssen, der lehrte uns einst, was erotisches Tanzen bedeutet, da kann der schmächtige Tom einpacken. Der mag ja gut aussehen, aber viel Testosteron traut man ihm nicht zu und als es endlich zur Sache geht erlebt man – nun ja, Roboterliebe. Wer’s mag …

 
 

 
 

Dass da ein reichlich angeranztes Frauenbild zwanglos mithineinverwoben wird, dürfte klar sein. Fetziger wäre es gewesen, wenn die Protagonistin mit Hilfe ihres Bots vielleicht eine Doktorarbeit schreiben würde, sich ärgern würde, weil er immer gescheiter ist … oder … oder zwei Bots zur intellektuellen challenge aufeinanderhetzt … nur mal so angedacht. Aber nee, es muss die schwer angestaubte Nummer mit dem Champagnerfrühstück sein; naja, Maria Schrader ist ja auch nicht mehr die Jüngste und daher noch der klassischen Beziehungsdrama-Ära verhaftet. Und ein Beziehungsdrama wird hier geboten beziehungsweiseder Konflikt der etwas sauertöpfischen Wissenschaftlerin, die Emotionen für ihren Tom entwickelt, obwohl sie sie nicht entwickeln will und andererseits in einem beeindruckenden Monolog erkennt, dass sie kein wirkliches Gegenüber hat, ständig auf sich selbst zurückgeworfen wird und letztlich immer mit sich selbst kommuniziert, und damit die tiefere Bedeutung von Tom nicht nur als Wunscherfüller, sondern als Projektionsträger erkannt hat; doof ist sie wenigstens nicht. Einer der starken Momente des Films. Liebe ist hier eine wohlfeile Illusion und reichlich Verdrängung ist angesagt, damit das Modell funktioniert. In Toms Makellosigkeit entdeckt Alma ihren eigenen Schatten in Form der Angst, nicht liebenswert zu sein, wenn man nicht perfekt ist. Trotz dieser Schwächen ist der Film ein Fundus von geschickter Seelenauslotung, Wünschen, Trieben, narzisstischen Kränkungen und nicht gelebter Trauer und beschäftigt sich mit den zentralen Fragen, was den Menschen zum Menschen macht und was wir in der Liebe suchen und vor allem über Projektions- und Übertragungsmechanismen. Zudem lebt man bei Tom in der Situation des permanenten Betrugs: Wo man glaubt Empathie erleben zu dürfen, rumpelt man auf einen Algorithmus. Und dummerweise ist der perfekte und beherrschte Tom auch ein ständiger Spiegel für die eigene Unperfektheit, was die bindungs- und näheängstliche Alma besonders trifft, zudem ist er schlimmer als jede Schwiegermutter, weil er immer weiss, was sie braucht, noch bevor sie es selbst merkt, das nervt auch die geduldigste Keilschriftenleseratte.

 
 

 
 

Am Ende dann ein seltsamer Twist: Tom fällt etwas aus der Rolle, als ihm seine Herrin mitteilt, dass das Experiment beendet ist und fragt mit verlorenem Gesichtsausdruck, wo er denn jetzt hinsolle (was ja keine Frage ist – zurück zum Hersteller natürlich, oder halt auf den Schrottplatz …). Ein Patzer im Drehbuch oder eine absichtlich eingebaute Beziehungsverwerfung? Zum erstenmal ist Tom ratlos, der sonst auf jede verbale und nichtverbale Aktion zu antworten wusste, wirkt wie ein verirrtes Kind. Auf Alma verfehlt dies ihre Wirkung jedenfalls nicht, sie sieht ihre Einsamkeit und Unverortetheit darin gespiegelt, zum erstenmal wird die Bindung zwischen den beiden plastischer – Alma reagiert bezogen und fast mütterlich. Und offenbar kann der untadelige Tom auch noch hellsehen, denn am Ende trifft man sich an einem weit entfernten Ort wieder, ohne verabredet zu sein – am Ort einer gemeinsamen selbstkonstruierten Vergangenheit, die erstellt wurde damit das Paar auf die Frage „Wo habt Ihr Euch kennengelernt?“ etwas zu entgegnen weiss. Dort wartet der Android geduldig auf einer Tischtennisplatte (ein Symbol für gelingende Kommunikation – oder eine Methapher für aggressives Hin- und Herballern), bis seine Chefin kommt, die nun zu einer Liebesbeziehung offensichtlich bereit ist. Ein seltsames und vieldeutiges Ende, das sich nicht zu einer „guten Gestalt“ runden will … aber das muss ja nicht schlecht sein. Kann man an einer Illusion gesunden?

Ein Film, der sich über weite Strecken nicht entscheiden kann, ob er Romanze, Komödie, Psychodrama, Sci-Fi oder philosophisches Lehrstück mit hoher Floskeldichte sein soll und in allen diesen Genres ein bisschen herumplätschert, der trotz eines einfachen Strickmusters, gelegentlicher Holperer und mässig inspirierender und etwas blutleerer Hauptdarsteller, zwischen denen es auch am Ende nicht richtig funken will, imstande ist durchaus interessantes Kopfkino mit allerlei psychologischen und existenziellen Fragestellungen auszulösen – die Diskussion ist bei dergleichen meist interessanter als der Film, das lernt jeder Filmfreak mit den Jahren auch zu schätzen. Sartre meinte auch dass man von den „guten schlechten Filmen“ mehr lerne und vermied die schlechten Guten, die hielt er für Zeitverschwendung – da bin ich durchaus der Meinung des grossen Alten.

Als Kontrastprogramm danach noch Der Geschmack von Rost und Knochen angesehen: Ein seltsamer Titel und ein Zitieren von etwas das übrigbleibt, wenn Organisches und Nichtorganisches vergangen ist. Eine Blaupause des oben Beschriebenen und ein Film über Verkrüppelungen an Körper und Seele, in denen die Menschen nicht an den Wohltaten des Lebens und der Menschen, denen sie begegnen, sondern an den Reibungen und Herausforderungen gesunden. Wer sich in Bezug auf Frauenwünsche besser amüsieren will, dem empfehle ich Der Auftragslover (F, 2010), hier werde die Wasfrauenwollen-Klischees so charmant und pointiert auf die Spitze getrieben, dass es wirklich witzig wird – die Franzosen können das halt einfach besser, die haben der Liebe den deutschen Bierernst gründlich ausgetrieben. Und Romain Duris, der Bursche mit dem leichten charmanten Überbiss, tanzt fast so gut Samba wie Patrick Swayze. Rumba sowieso.

Schon Freud war ja an der Frage „Was will das Weib?“ verzweifelt, dabei hatte er 5 davon im Hause (Dienstboten nicht mitgerechnet), die er nur hätte fragen müssen. Oder wahlweise halt dann einen Franzosen oder gleich Patrick Swayze. Aber ein wahrer Macho will ja nicht auf die Frau angewiesen sein, sondern alles alleine herauskriegen – aus diesem Grund blieb ein grosses Werk in diesem Bereich sehr lückenhaft und seine Analysen weiblicher Patienten teilweise schon Fälle für die heutigen Ethikkommissionen.

Und so bleibt am Ende der grosse Menschheitswunsch bestehen: Als inneres Objekt – wertgeschätzt und geliebt oder zumindest wichtig – im anderen abgebildet zu sein, diesen psychischen Raum bietet nur ein Mensch und kein Roboter, bei dem man dann analog zwischen digitalen Nullen und Einsen herumsitzt  – und dem das auch noch völlig wurscht ist.

 

 
 

Die Saat des heiligen Feigenbaums (D, F, 2024) von Mohammad Rasulof

 

Regisseur stammt aus dem Iran, wurde aufgrund regimekritischer Filme schon einige Male zu Haftstrafen verurteilt, nach der Premiere des genannten Filmes wurde erneut eine Haftstrafe verhängt, der er sich durch Flucht entzog. Sein Aufenthaltsort wird geheim gehalten.

Die Rezeption des Filmes begann für mich mit einer Verwirrung. Im Vorfeld hatte ich Rezensionen gelesen, in der der Plot als die Geschichte eines unter dem Druck des Systems zunehmend paranoid werdenden Teheraner Beamten und Familienvaters interpretiert wurde. Der Chatbot argumentierte auch in diese Richtung – beim Betrachten des Filmes kamen meine Mitgucker und ich selbst zu einem anderen Interpretationsansatz; diese Divergenz kann ich mir nur dadurch erklären, dass in totalitären Regimen die Trennlinie zwischen Normalität und Paranoia ohnehin sehr unscharf gezogen ist und der Aussenstehende zu anderen Bewertungen kommt als der im besagten System Grossgewordene. Wer da nicht paranoid wird, muss ein grosses Verdrängungspotential mobilisieren können und der Zuschauer hat erstmal Mühe, sich zu orientieren – immerhin gibt es beunruhigende Zeichen zu Anfang des Filmes: Der Protagonist blickt in den Spiegel und sieht dort einen verhüllten Kapuzenmann. Man ist also schon etwas psychiatrisch eingestimmt und ich musste mich erst mental umprogrammieren.

Der Film erweist sich also nicht als psychopathologische Studie, sondern als dramatischer Politkrimi mit sich steigernder Spannung und dem Dauerthema der Nahostländer: Den schweren Generationenkonflikten beziehungsweise dem Quantensprung der jüngeren Generationen vom Mittelalter in die späte Postmoderne – der in den westlichen Ländern in der Nachkriegszeit stattfand, aber nie diese Dramatik entwickelte, da dort keine so archaische Religiosität gelebt wurde – zumindest nicht mehr nach der letzten Hexenverbrennung – und die Säkularisierung früher stattfand; da setzte man dann doch zögerlich ein Bein auf die Erde und ins Zeitalter der Aufklärung, auch wenn’s zum Teil ein kühles Fussbad gab – aber alles besser als dieses Scheiterhaufengelodere.

Da entstehen in Old-Style-Familien in Nahost nicht nur die bekannten Generationenreibungen, sondern da muss man schon von Im- und Explosionen sprechen; somit ist die Entwicklung der Geschehnisse in einer soliden Teheraner Familie der gehobenen Mittelschicht wie eine Art Atompilz, der sich zerstörerisch – unaufhaltsam vergrössert und ausbreitet, bis ein Weiterleben in seinem Dunstkreis überhaupt nicht mehr vorstellbar und möglich ist, weil einem am Ende nur noch alles um die Ohren fliegt. Das Ende ist grausam, auch wenn es sich nur um den Mikrokosmos einer Familie handelt – aber eben der ist exemplarisch.

Der Familienvater-Jurist und Beamter in einem theokratischen Staatssystem – wird nach seiner Beförderung gezwungen, Todesurteile zu genehmigen, ohne den jeweiligen Fall geprüft zu haben – in den meisten Fällen scheint es sich um Regimegegner zu handeln. Die Mutter ist konservativ-regulierend und dem muslimischen Wertekanon verhaftet, die Töchter im bei Teenagern üblichen moderaten Revolutionsmodus mit Wünschen nach Nagellack, blauen Haaren und Märchenprinz und ganz wohlgemut in ihrem pubertären Transitraum agierend.

 
 

 
 

Die schwere Verletzung einer Freundin, der auf einer Demonstration mit der Schrotflinte ins Gesicht geschossen wurde, katapultiert die Mädchen in eine andere Bewusstseinsebene. Die ältere Tochter findet die Dienstpistole des Vaters und nimmt sie heimlich an sich im zunehmenden Bewusstsein einer Gefährdung andersdenkender Frauen und als Misstrauensvotum gegen den Vater, der bei Verlust der Dienstpistole mit schwerer Bestrafung rechnen muss – und als Symbol für Macht und Stärke, mit dem sie sich sicherer fühlen mag – die Interpretationsmöglichkeiten sind sehr vielfältig, wenn man einmal ans Ausloten der Vater-Tochter-Beziehungen geht, die anders verlaufende ödipale Entwicklung im muslimischen Kulturkreis mit dem wesentlich stärkeren Schutz- und Besitzanspruch des Vaters und das Funktionalisieren der Tochter als Selbstobjekt (das bei Heirat verschachert wird) zum Verständnis mit einbezieht. Papas kostbarer Schatz, der sich aber unterwerfen muss, damit er ein Schatz bleibt und nicht ausgestossen wird – welches Selbstbild kann ein Mädchen hier aufbauen? Ein weites düsteres Feld mit vielfältigen Möglichkeiten zu ungesunden Spaltungen und unscharf formulierten Identitäten, die die weitere Unterordnung gewährleisten. Kinder- und Jugendlichentherapeuten können ein Lied davon singen, das sie die Behandlung muslimischer Mädchen gelehrt hat. Für den Vater zieht sich eine Schlinge zu – das Volk beginnt ihn zu hassen, die Dienstherren misstrauen ihm zusehends, er beginnt ein detektivisches Forschen im Familienkreis nach der verschwundenen Waffe, die Töchter leugnen deren Besitz – eine hübsche Allegorie auf die Potenz der iranischen Frau, die sie sich nicht wieder wegnehmen lassen will. Der Vater, im Konflikt zwischen eigenen Befreiungswünschen (die ihm seine Töchter spiegeln) und seiner Identifikation mit dem System, dem er dient – aufgerieben dekompensiert und setzt seine Familie gefangen, um ein „Geständnis“ zu erpressen. Keine Paranoia, aber eine katastrophische Dekompensation und ein Struktureinbruch in einem Zustand der Aussichtslosigkeit und des Verratenwordenseins durch die Menschen, die ihm die liebsten sind.

 
 

 

 
 

Ebenso allegorisch das Ende: Beim Showdown zwischen Vater und Tochter auf den Ruinen eines antiken Höhlendorfes versinkt der Vater im Schutt der Vergangenheit, bevor es zu einem Schusswechsel kommt. Der Film endet mit einem starken Bild, das sich einbrennt beziehungsweise einem Rückgriff auf einen Mythos: Dem Toten wächst die Hand aus dem Grab – in verschiedenen Kulturen interpretiert als Hinweis, dass ihm Unrecht geschehen ist, öfter aber dass er selbst Schuld auf sich geladen hat, beispielsweise ein Dieb war – eine Hand, die Übles getan hat, vergeht nicht, sondern bleibt als überdauerndes Mahnmal einer Schande. Ein Bild das beim Decodieren wieder ins Mittelalter zurückverweist und ein starkes visuelles Symbol für ein Filmende: Ein schuldig Gewordener, dem Unrecht getan wurde – ein Anklang an die Figuren des griechischen Dramas, in dem die Schuld nicht auf persönliche Verfehlungen zurückzuführen, sondern unausweichlich ins Leben eingewoben ist und nur wartet, dass sie zubeissen kann und Ödipus dazu bringt, das zu tun, was er um jeden Preis vermeiden wollte. Unentrinnbar und sich allen moralischen Massstäben entziehend. Kein guter Anfang für die Menschheit …

Was bedeutet der Titel? Der Feigenbaum (das „heilig“ verweist hier bereits auf die religiöse Symbolik und die Metaphorik – Botaniker würden hier eher von der sogenannten „Würgefeige“ sprechen, die gibt’s wirklich) kontaminiert über Vogelkot einen beliebigen Baum, bildet Luftwurzeln, die bis zum Boden wachsen und die Nahrungszufuhr gewährleisten, schliesslich den Wirtsbaum umschlingen und ersticken – zurück bleibt ein stabil wirkender neuer Baum, der aber nicht verwurzelt ist – ein weiteres Bild für die tödliche Umarmung autoritärer patriarchaler Systeme und ihrer Traditionen, die sich einreden, dass sie etwas stützen und bewahren, während sie es in Wirklichkeit unter Zurücklassen massiver Kollateralschäden zerstören. Und sich dabei noch für fest in Gott verwurzelt halten.

 

2025 29 Juni

Casta Diva im Pyjama – a Swan Song

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Zunächst: Ich bin kein Opernfan, höre gelegentlich einen von den Top Ten (Nessun Dorma, den Gefangenenchor, Casta Diva … bitte selbst individuell vervollständigen), dank eines opernbegeisterten Ehemannes und aufgrund der Bekanntschaft mit der Schwester des Wagner-Stars Waltraud Meier kam ich ein paarmal in die Münchner und Wiener Oper und hab’s dort geschafft, den Barbier von Sevilla komplett zu verpennen bzw bei der Walküre in Wien mir auf dem Holzstuhl einen schmerzenden Hintern zu holen. Ein beeindruckendes Erlebnis ist es schon, Frau Meier als Aida zu erleben und dann auf einer Party ihrer Schwester beim Scharadenspielen von ihr beim Absingen des Kufsteinliedes stimmlich unterstützt zu werden. Die Meier-Sisters sozusagen – leider war keine Kamera dabei. Fühle mich also nicht wirklich befugt, über die Callas zu schreiben, insbesondere da mich Angelina Jolie und ihre Filme jetzt auch nie wirklich interessierten.

Der Film Maria ist kein Biopic, er fokussiert auf die letzten sieben Tage im Leben der Diva, gezeichnet von Esstörung und Medikamentenabhängigkeit und ihrem Gram über das Verschwinden ihrer Stimmkraft, schliesslich ihr früher Tod mitten in den hellen Fünfzigern. Die meiste Zeit sieht man Maria durch die Prachtstrassen und Parks von Paris streifen oder in ihren fürstlich ausgestatteten Räumen residieren, nur betreut von ihrem Butler und ihrer Köchin – offenbar die einzigen, die ihr geblieben sind und sie liebevoll versorgen, an langen Abenden auch mit ihr Karten spielen.

Gelegentliche Gesangsproben zeigen immer wieder, dass die Stimmkraft schwindet (diese Passagen hat man Angelina selbst singen lassen, die dafür vorher ein halbes Jahr Gesangsunterricht nahm, ansonsten hat man die Originalstimme der Callas unterlegt), die Sehnsucht nach Ruhm und Grösse, nach Applaus und Verehrung dagegen bleibt. Onassis hat sie verlassen und Jackie Kennedy geheiratet.

Angelina mit ihrem Schwanenhals schreitet – nein, sie gleitet wie ein Trauerschwan in einer morbiden Grandezza durch die Strassen – das allein hat schon was, sie scheint in ständiger Bewegung, einem fortwährenden Fliessen, es gibt nichts, woran sie sich halten kann und der Zuschauer weiss sehr wohl, wohin die Fahrt letztlich gehen soll, die Segel sind schon gesetzt.

 
 

 
 

Dazwischen immer wieder eingeblendet Szenen früherer Auftritte und ihr Glänzen und Leuchten. Nun singt sie vor ihrer Haushälterin in der Küche. Trotz aller Mühe der Schauspielerin ist das Drehbuch leider in der Darstellung der Gefühlssphäre sehr on-the-nose: direkt, wenig subtil, Gefühle werden ausgesprochen und erklärt, anstatt den Zuschauer filmtechnisch abzuholen, mit hinein zu nehmen und ihn ohne viel Worte alles erleben zu lassen. Und zu erleben gibt es viel: Würde, Trauer, Vergänglichkeit, Narzissmus bis hin zum Grössenwahn, aber auch liebevolle Bodenständigkeit und Freundschaft, als sie sich vom sterbenden Onassis verabschiedet.

Eine der Szenen beeindruckt: Der Butler muss trotz eines Rückenleidens Marias Flügel ständig im Hause herumschieben und umplazieren – ein Bild für die Zwangshandlung eines Menschen, der seinen Platz nicht findet, nicht mehr weiss wohin mit sich und Projektionsträger braucht um Affekte bewältigen zu können. Schmerzliche Erkenntnisse suchen sie heim: Die Menschen wollten nicht mich, sondern meine Stimme! – beim Zuschauer unwillkürlich den Gedanken evozierend: Ja, Mädel, was hast Du denn erwartet? Kunstinteressierte funktionalisieren, ein Künstler, der der Kunst nicht mehr fähig ist, wird der Welt schnell gleichgültig. Was soll sie damit? Da Künstler oft Grössenphantasien entwickeln und in einer narzisstischen Zeitlosigkeit dahinleben, gibt es im Alter dann die bekannten bösen Abstürze, sobald es der Realität gelingt, die Verleugnungsschranken zielsicher zu unterlaufen. Spätestens dann, wenn man bei der Eröffnung von Möbelhäusern und Betriebsfeiern singen muss, wie es bei der leichten Muse oft der Fall ist. Da ist Freund Alkohol und der Suizid nicht weit. Das ist auch hier Thema – Maria gelingt es nicht, sich ein neues Lebensmodell aufzubauen, es gelingt ihr auch nicht zu trauern – die Voraussetzung wäre dabei, das Vergangene als vergangen anzuerkennen – sie lebt in einem Zustand von Schockstarre und Fassungslosigkeit. Eines Tages findet man sie tot in ihrem Bett, wie auch immer sie das bewerkstelligt haben mag. In den letzten Szenen mischen sich ihre Todesphantasien in das Geschehen. Insgesamt ein eher als Psychostudie angelegter Film, der auf den Einsatz raffinierterer filmischer Mittel verzichtet, das emotionale Mitgehen hält sich in Grenzen, man bleibt interessiert, aber distanziert. Die Hauptdarstellerin versteht es aber, den Zuschauer trotz dieser Mängel gut durch den Film zu tragen, obwohl sie eine wesentlich kühlere Aura verbreitet als die Callas – aber die war ja auch Griechin, dieses mediterrane Flair, das Feuer im Blick, das Schmelzende kann man nicht erzeugen, wenn man es nicht hat – Angie ist dazu zu sehr das smarte all-american girl und der Dauerschmollmund stört auch ein bisschen.

 
 

 
 

But well done, Angie! Brad wird dich jetzt sicher wieder haben wollen. Den nimmste aber nicht mehr, oder? Keine Brangelina-Symbiose mehr  … hat sich eh nicht bewährt.

 

 
 

 Bulldog (D, 2022) v. André Szardenings

 

Ich nenne dergleichen einen Chamäleonfilm (ein besseres Wort fällt mir derzeit noch nicht ein): Filme, die in der Diskussion den Eindruck entstehen lassen, jeder Teilnehmer habe einen völlig anderen Film gesehen und völlig Unterschiedliches erlebt. Offenbar verstehen es manche Machwerke besonders gut, auf unterschiedlichen Rezeptionskanälen in unser Gehirn zu kriechen und dort Unterschiedliches zu triggern.

Der Titel gibt zunächst Rätsel auf: Ist mit Bulldog der Hund gemeint oder eine landwirtschaftliche Fortbewegungsmaschine? Beides vermag einen zu überwältigen, wenn man es nicht zu handhaben versteht, da schlummert Gewaltpotential versus Ohnmacht in einem einzigen Objekt. Eine Bulldogge ist ein aufmerksames Tier, ein guter Wachhund – und hiermit wäre die Hauptaufgabe des jungen Bruno umrissen: Ein ständiges Bewachen seiner Teenage-Mom, nur 15 Jahre älter als er und nicht fähig, Verantwortung zu übernehmen und eine Existenz für sich und ihr Kind aufzubauen. In der Ersteinstellung erlebt sie man beide als jugendliches herumalberndes Paar, inzestuös, zu nah für eine Mutter-Sohn-Beziehung; sie schlafen auch eng umschlungen in einem Bett. Beide arbeiten als Reinigungskräfte in einer mallorquinischen Ferienanlage, die allerdings völlig leer ist. Die Mutter droht ihre Arbeit aufgrund von Unzuverlässigkeit zu verlieren, Bruno muss ständig dafür sorgen, dass sie ihre Pflichten erfüllt, zerrt sie morgens aus dem Bett, kontrolliert ihren Alkoholkonsum; als der Hinauswurf droht, bietet er sich dem Chef für sexuelle Dienstleistungen an, damit sie beide weiterarbeiten können.

 
 

 
 

Die Rezensenten loben die lebensvolle, flirrende Atmosphäre eines prächtigen Sommers auf Mallorca – seltsam … eine völlig leere, lediglich zikadenumschrillte Ferienanlage in bedrückendem Schweigen, in der lediglich ein kleines Mädchen in anrührender Verlorenheit unverortet herumirrt – ein Bild für dieses oder jenes, in jedem Fall den inneren Zustand der Hauptfiguren verdeutlichend – wirkt nicht einladend. Gleichzeitig verweist die ständig ins Bild gesetzte Sommerpracht als Kontrapunkt auf den inneren Reifezustand Brunos, für den es noch nicht einmal Frühling werden darf. Schliesslich verliebt sich Brunos Mutter in eine andere Frau – Hannah, die rasch in den Bungalow als Eifersuchtsobjekt, aber auch katalysierende Dritte einzieht und Brunos Platz im Bett der Mutter einnimmt.

Der Film fokussiert sich dabei weniger auf die Aussenwelt, sondern stark auf Nähe, Bewegungen, Blicke und Körper – ihr inzestuöse Verschmelzung, ihr Versteifen und ihre Verspannung, ihr wie zufälliges Hineingeworfensein in Räume, die ihnen kein Zuhause bieten, die sie reinigen müssen aber nicht selbst bewohnen dürfen. Bruno wirkt nur gelockert, wenn er mit der Mutter im Bett schläft, ausserhalb ist er verspannt und ständig aufmerksam – er hat etwas zu bewachen und zu beschützen, das er nicht verlassen darf. Die zunehmende Verantwortungsübernahme für das ebenso unversorgte kleine Mädchen deutet an, dass er den Weg eines parentifizierten Kindes weitergehen will. Ein Ausweg deutet sich an in den Auseinandersetzungen mit Hannah, die ihm Reibungsflächen bietet, bei denen er sich selbst zu spüren lernt und die eine langsame Lösung aus der mütterlichen Symbiose ermöglichen könnte. Das Ende bleibt trotzdem offen – Bruno steht starr und zögert, dem Auto zu folgen, mit dem die Mutter wegfahren will – in ein weiteres Leben ohne Halt und Verantwortung.

Ein verstörender Film für den, der um die Folgen solcher Abhängigkeiten weiss – ausbeutbare und dependente Menschen und ihre oft verfehlten und nicht den eigenen Interessen gewidmeten Leben.

 

 

 
 

 
 

 
 
 

 Touched (D 2023) von Claudia Rorarius

 

Wer Probleme mit überbordender weiblicher oder andernfalls behinderter Körperlichkeit hat, sollte sich den Film nicht ansehen – oder eben vielleicht gerade deswegen doch.

Die junge, stark übergewichtige Krankenschwester Maria pflegt den querschnittsgelähmten Alex, der auch seine Arme nur eingeschränkt gebrauchen kann und bettlägerig ist und verliebt sich in ihn. Alex ist nicht verliebt, aber ausgehungert nach Berührungen, die über das rein Funktionelle hinausgehen. Was folgt ist eine Annäherung – dabei aber nicht die erwartete Romanze, sondern ein vorsichtiges Näherkommen, immer wieder unterbrochen von Aggression und sadistischen Impulsen, gespeist aus Angst vor Zurückweisung und einer überwältigenden Scham über den eigenen Körper. Alex beschimpft Maria wegen ihrer Pfunde, dann bekommt er Besuch von einer alten Freundin – ein romantischer Funken deutet sich an, in diesem Moment besteht Maria darauf, ihm die Einlagen zu wechseln. Man erspart sich schlechthin nichts und hinter aller Aggression wird immer wieder die Not sichtbar, den eigenen Körper nicht positiv besetzen, zeigen und für Genuss mit einem Partner nutzen zu können. Maria ist in der Beziehung die Gebende, Alex muss aufgrund seiner Einschränkungen passiv befriedigt werden, er verschafft ihr aber Gefühlsregungen, indem er sie quält – hier kann er aktiv sein und berühren – wenn auch schmerzhaft. Maria scheint das zu spüren und zu verstehen. Ein Film, der bis in die tiefste Magengrube fährt.

Am Ende steigen die beiden Figuren aus ihren Rollen: Es sind Isold Halldórudóttir, ein isländisches Model und Aktivistin der Body-Positivity-Bewegung und Stavros Zaveiris, ein auch im realen Leben querschnittsgelähmter griechischer Schauspieler und Tänzer – und sie tanzen zusammen.

Rollstuhlfahrer sind übrigens hervorragende Tänzer, es ist nur ratsam, ihnen auf der Tanzfläche nicht zu nahe zu kommen, wenn man keine blauen Schienbeine haben will.  Sie verschmelzen mit ihrem Rollstuhl, stehen gekippt auf den Hinterrädern, die sie nun als Beine nutzen und drehen gern schwindelerregende Pirouetten mit raschen Richtungswechseln und man steht starr vor Staunen und wartet nur noch darauf, dass sie unter Hinterlassen eines Kondensschweifs abheben. Hier ist es anders: Ein stiller, anrührender und anmutiger Pas de Deux, der alles zeigt, was sich vorher unter Wut und Zorn verborgen hat und die Rolle des Körpers in einer Beziehung umdefiniert in der Form eines Es-geht-doch. Und das ist ja eine fundamentale Frage, die in unserer schönheitstrunkenen Gesellschaft viele bewegt, die sich für hässlich halten. Das ist auch eine Befreiung am Ende eines Filmes, der zwischen Wucht und Zerbrechlichkeit oszilliert und erst am Ende zur Ruhe kommt.

 

2025 30 Mai

Nowhere Man

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Der Mann war nicht besonders interessant – das Kunstprodukt, das aus ihm geformt wurde schon – wie ein Kristallisationskeim zog er alles was im grossen Kochtopf genannt Deutschland herumbrodelte und – waberte an sich, um es für alle sichtbar zu materialisieren, man erlebte in diesem fleischgewordenen Mythos die eigene Unverortetheit, psychische Entwurzelung und Identitätsdiffusion fokussiert wie in einem Brennglas. Die Deutschen hatten eine Heimat, die sie libidinös besetzt hatten, idealisierten und zunehmend grössenwahnsinnig glorifizierten und fanden sich nach Kriegsende unversehens in einer Situation wieder, in der man sie als ein Volk von Mördern und Verbrechern ächtete, Restriktionen plante und nicht nur die nationale Identität durch Schuld kontaminiert, sondern auch die physische Heimat zerstört war. Im Heimatfilm durfte sie grandios wiederauferstehen, streng liminiert auf anderthalb Stunden, in denen man träumen und den alten Wertekanon abfeiern durfte. In benachbarte Länder konnte man sich nicht retten, das war „Feindesland“ (das klang noch sehr lange nach), bewohnt von Gegnern, wenn nicht gar andersrassigen Untermenschen, die man nicht mochte und die einen nicht mochten. Es bildete sich etwas, das man in der Psychotherapie eine paranoide Festungsfamilie nennen würde. Die Besatzungsmächte – insbesondere die Amerikaner – brachten eine neue Kultur, die von der Jugend begeistert aufgegriffen wurde, damit begann das Fremde Wurzeln innerhalb der eigenen Grenzen zu schlagen und forderte eine Toleranz ein, die die ältere Kriegsgeneration nicht aufbringen konnte und wollte, die gerne zum business as usual zurückgekehrt wäre, der alte Wertekanon stand ohnehin noch auf recht stabilen Gehwerkzeugen. Ein Zuhause war verloren, ein neues bildete sich heraus, das man aber nicht annehmen wollte. Ein brisantes Gemisch der Generationen, dem die baldige Explosion schon eingeschrieben war.

Auch Freddy Quinn lebte im Nirgendwo: Zuhause litt er unter Fernweh und sehnte sich nach fremden Ländern, dort hatte er Heimweh und zerrte an der langen Leine seiner Mutter, deren Briefe ihn bis in den entferntesten Hafen noch verfolgten und die ihn wieder am Schürzenband haben wollte. Ein lebenslange Existenz im Zwischenreich der Begehrlichkeiten und Erfüllungen, die immer dort lockten, wo man gerade NICHT war, dieses menschliche Artefakt bekam kein Bein auf und kein Würzelchen in den Boden und haufenweise Mamas im fliegenden Wechsel mit exotischen Schönheiten winkten ihm am Kai hinterher, wenn er wieder mal vom Liebhaber zum sich entfernenden Sehnsuchtsobjekt mutierte und aufs Meer – die ewige Geliebte des Mannes, die ihn schliesslich verschlingen wird – hinausschipperte. Demgemäss musste der Mann zum romantischen Mythos umetikettiert werden, der biedere „Junge von Sankt Pauli“ mit dem Rollkragenpulli und der Gitarre war von da an das Label, dem auch das Privatleben des Stars untergeordnet wurde. Zudem war er sympathisch asexuell und geriet deshalb bald in den Verdacht der Homosexualität, was aber keineswegs thematisiert werden durfte. In Liebesszenen kam es auf der Leinwand nie weiter als zu geschwisterlichen Küsschen, das war der typische testosteronfreie Nachkriegsmann auf der Leinwand wie Heinz Rühmann, Heinz Erhardt oder Peter Alexander, guter Junge und Kumpel, als Liebhaber schwer vorstellbar bis peinlich. Seht, wie brav wir sind – unmöglich, dass wir so schreckliche Taten begangen haben sollen. Wir pimpern ja noch nicht mal.

Später outete Freddy sich in dem Song „Wir! Ihr!“ (in dem mit den Gammlern abgerechnet und die Kriegsgeneration gebauchpinselt wurde), wo er wirklich stand und eroberte erneut das Herz der Letzteren und demonstrierte, was hinter der Kruste an Harmlosigkeit schlummert, wenn man nur ein bisschen daran kratzt: Eine aggressive Spaltungstendenz, aus der selten etwas Gutes erwachsen kann. In Wirklichkeit stammte der physische Manfred Nidl-Petz aus Wien oder einem kleinen Ort in der Nähe, sein Vater war ein Phantom, seine jahrelange Vatersuche hat nie stattgefunden (auch hier der Topos „Nicht-Anwesenheit“), in Wirklichkeit ist der Erzeuger nicht bekannt und hat sich offenbar ebenso nebelhaft verflüchtigt wie der Sohn das lebenslang in seinen Filmen praktizierte, ein ständiger Vollzug des Nicht-da und des … aber auch nicht dort. Ein Tribut an die Romantik des Diffusen und Schwebenden und ein hoher Wiedererkennungswert in einer in vieler Hinsicht für viele vaterlosen Zeit, in der manches Kind sich alternativ mit toten Kriegshelden-Phantomen oder lebenden Kotzbrocken herumschlagen musste. Seine Lebensgefährtin wurde zur Managerin umfunktioniert, um das Bild des lonely riders nicht zu stören, sie hat es mit bewundernswerter Geduld durchgehalten. Eine Gedenkminute für sie! Die Feministinnen würden sie dafür kreuzigen. Erst mit 91, als Freddy nach deren Tod zum erstenmal heiratete – sehr seltsam, das ist doch, wie wenn man ein Loch in den Tank bohrt, wenn eh schon die Tankanzeige blinkt – liess er den Mythos platzen und gibt nun seine Bio heraus, in der vermutlich noch einige andere Blasen sich auflösen werden. Auch wenn viele ihn kitschig und degoutant finden – ich werde sie lesen. Sein grosses Verdienst war es, uns uns die gefürchtete Fremde und deren Bewohner wieder reizvoll und exotisch scheinen zu lassen und damit die Welt wieder begehbar zu machen – ebenso wie Vico Torriani, Caterina Valente und Lolita mit der Omadauerwelle, beim Kitsch gibt es immer noch eine zweite Ebene und das ist sein manipulativer Charakter und Einfluss auf das Unbewusste, insofern ist er immer auch von politischer Relevanz. In den Romanheftchen meiner Oma habe ich sehr viel gelernt über die Kriegstraumaverarbeitung dieser Zeit, vor allem die Rolle von Schuld, Schweigen und Verschweigen in Beziehungen, da wurde sozusagen geschwiegen, dass es nur so krachte. Natürlich arbeiteten die Schlagertexter und Drehbuchschreiber kräftig mit, aber ohne ein gutaussehendes Trägersubstrat können die nicht viel ausrichten, die wussten schon, was sie an Freddy und Caterina hatten. Die Deutschen begannen wieder, über die eigenen Grenzen hinaus zu träumen, an den Wohnzimmerwänden hingen wieder immer mehr verführerische Z … (darf man nicht mehr sagen – ihr wisst schon: Die Mädels mit den Glutaugen, den weissen Rüschenblüschen und den goldenen Ohrringen, die man jetzt mit Sinti oder Roma ansprechen muss, obwohl man gar nicht weiss, ob sie das eine oder das andere sind, ich hab auch welche kennengelernt, die es selbst nicht wussten und denen das auch völlig wurscht war, weil sie gegen das Z-Wort überhaupt nix hatten). Und in den Schlagertexten begannen die Worte „Traum“ und „träumen“ immer häufiger über die Seiten zu spitzentänzeln – gemeint war der Tagtraum, der ja auch immer ein Entwurf in die Zukunft ist und meistens der konkreten Handlung vorausgeht. Eines Tages – den wir leider nicht kennen, ansonsten sollte man ihn zum Feiertag erklären – fand eben der Quantensprung statt und die Zentrifugalkräfte überwanden die Zentripetalkraft: Der erste Deutsche nahm die challenge an, kaufte sich eine Isetta oder einen Käfer und bretterte damit über den Brenner nach Italien, wo das vielbesungene blaue Meer schon auf die tedesci wartete. Die Südsee kam dann später. Dann die Prärie. Dann war erstmal gut – mit der Auslandsphobie, zumindest was das Urlaubmachen betrifft. Und es folgte ein Tsunami an „Bikini-Filmen“ am blauen Meer oder wenigstens am Gardasee mit zumindest einem Hauch von Sex und das Interesse an beschneiten Bergspitzen, Gemsen, Wilderern und braven Dirndln liess drastisch nach. Nur die Mütter hofften, dass alle bald wiederkämen und nie wieder hinausfahren würden. But who cares …

 


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