Hamnet (GB, 2025) von Chloé Zhao
Es wird langsam Zeit, dass man sich über die Oscar-Baits hermacht, bevor der ESC wieder beginnt, einen zu beanspruchen. Das Leben ist nun mal nicht leicht, wenn man auf dem Laufenden bleiben will. One battle after another ist schon abgearbeitet und war auch der Abräumer dieses Oscarjahres, während man sich von Hamnet offensichtlich mehr erwartet hatte. Die Kriterien für einen Price-Bait schienen erfüllt: Erscheinen kurz vor der Verleihung – das Timing muss ja stimmen – Staraufgebot, Handlung mit Tiefe und nicht in Action ertränkt, gerne historischer Hintergrund und einige unverbrauchte Gesichter. So neulich genossen bei Hamnet, einer Geschichte über Shakespeares Ehe und seinen verstorbenen Sohn. Die verdiente Regisseurin Chloe Zhao arbeitet mehr mit Atmosphäre als dramatischer Spannung (Nomadland), sie kann: Landschaft, Stille, Körperlichkeit und mystische Natur, alles stark bezogen auf Shakespeares Frau Anne Hathaway, aus bäuerlichem Milieu stammend und sonst eher Terra Incognita. Zhao zeichnet sie als Naturkind, ständig mit Winnetou-Frisur – und nicht wie seinerzeit vorgeschrieben mit bravem Ehehäubchen, durch den Wald streifend und der Naturheilkunde frönend; in der Realität wäre ihr spätestens ab Pubertät der Scheiterhaufen sicher gewesen. Ansonsten lebt sie ihr Leben als eine Art suburbian housewife bei ständiger Abwesenheit des Ehemannes, der Stücke schreibt und in London ein Theater betreibt. So weit, so gähn …
Das Paar bekommt eine Tochter und schliesslich Zwillinge. Das kleine Mädchen erkrankt an der Pest, der Bruder Hamnet – kleiner Einbruch im Realitätsbezug – bietet ihr hochherzig an, ihr sein Leben zu geben, damit sie überleben kann, was auch funktioniert und überhaupt reden alle einschliesslich der Kids mal wieder wie im Germanistikseminar. Der gutgemeinte Drehpunkt des Filmes: Shakespeare schreibt seinen Hamlet als Bewältigung seines Verlustes, seine Frau sieht sich das Stück in der ersten Reihe an und begreift, dass Trauerarbeit verschiedene Gesichter haben kann. Ab dann, so sind sich Zuschauer und Rezensenten einig, nimmt der Film deutlich an Fahrt und Spannung auf, man könnte auch sagen, der Film funktioniere am besten, wenn er aufhört Zhao zu sein und beginnt Shakespeare zu werden – bei der letzten Szene von Hamlet verspürt man erstmals so etwas wie Intensität in Film, Sprache, Struktur. Ab hier ist der Film nicht mehr getragen, mütterlich, pastoral sondern brutal, widersprüchlich, aggressiv und im guten Sinne Drama. Dann wieder ein Bruch – der Bühnen-Hamlet stirbt, Frau Shakespeare streckt die Hände nach ihm aus, schliesslich geben sich alle die Hände und haben sich lieb, das will man uns jetzt als in Kunst geronnene Trauerarbeit verkaufen.
Leider fällt es dabei schwer, zwischen dem mythischen Opfertod eines Kindes und den Hamletschen Intrigenspielen im Theaterstück, die keinen Trauerraum, sondern immer neue Konflikträume eröffnen, einen Zusammenhang zu finden. Hamnet eröffnet mit seinem Opfertod einen archaisch-magischen Raum, bei Hamlet menschelt es zutiefst und es trieft von Blut, Schuld und Aggression. Da passt leider hinten und vorne nichts zusammen. da hilft auch das konstruierte Pathos der letzten Szene einer magischen Verschmelzung des Publikum mit der Bühne nichts mehr. Man kann Zhao noch zugestehen, das Publikum zu halten, damit es ihr am Ende nicht ganz entgleitet. Shakespeare ist intelligent, derb, witzig, manchmal brutal, aber immer spürbar; wenn man ihn mit literarischer Andacht darstellt bleibt am Ende nur noch der Sockel übrig.
Ein verdienter Oscar für die Hauptdarstellerin – man gönnt es ihr. Aber vielleicht sollten wir die Oscars ganz abschaffen, dann würde die Fliessbandproduktion an gefälligen sentiment- und taschentuchverbrauchenden Machwerken aufhören und der Rest wäre wohltuendes Schweigen.








































