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2026 22 Juni

Zwischen Rosenkranz und RAF – Ambivalenz und Radikalität

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | No Comments

   

Layla M. ( N, 2016 ) von Mijke de Jong

Der Titel ist geklaut und stammt von einem Mitglied einer Kindertherapeutengruppe ( Danke, Uli! ) mit denen ich den Film geguckt habe. Meine headline, nicht ganz so zündend, hätte gelautet: Walzer linksrum und alles auf Anfang. Beides beschreibt eine Bewegung zwischen Polen, zwischen Zeitphänomenen, zwischen Progression und Konservatismus. Im Kräftefeld dieser Pole lebt Layla, ein westlich sozialisiertes Mädchen , Tochter einer marokkanischen, gut integrierten liberalen Familie in Amsterdam, bereitet sich auf das Abi vor und ist Fussballtrainerin. Wie viele Adoleszenten ist Layla rebellisch, wütend, moralisierend und möchte die Welt retten, sympathisiert mit den Dschihadisten und trägt Hijab, sogar am Mittagstisch wo sie versucht das Essen unter dem Stoff hinunterzuwürgen. Die Eltern reagieren ihrerseits mit Unverständnis und radikalen Verboten bis Layla die Familie verlässt, einen jungen Gottessoldaten heiratet und mit ihm nach Amman geht, wo sich dieser auf ein Selbstmordattentat vorbereitet; dort prallt ihre romantische Vorstellung von Zugehörigkeit und Solidarität auf die Rigidität und Gewaltbereitschaft eines patriarchalen Systems, vor dem sie letztlich wieder nach Hause flüchten will.

Jugendliche aus westlichen muslimischen Familien leben per se in einer schwierigen Situation: Hier sind sie Araber, Türken oder Iraner, in ihren Heimatländern Deutsche, die Familie wünscht für die Kinder ein besseres Leben aber ohne traditionelle Werte aufzugeben, Mütter wollen dass die Tochter studiert und berufstätig ist aber weiterhin dem Grossvater die Hand küsst, mit dem Burkini ins Schwimmbad geht und die Partnerwahl den Eltern überlässt während die westlich sozialisierte peergroup lockende Freiheit vorlebt. Während die Eltern zwischen zwei Welten leben stehen die Jugendlichen somit zwischen dreien. Zündstoff wäre reichlich vorhanden. Und: Jugendliche scheuen die Ambivalenz, sind misstrauisch gegenüber Kompromissen, wünschen Eindeutigkeit, setzen hohe Masstäbe, lieben jede Ideologie die Eindeutigkeit und eine Form von “ Reinheit “ verspricht und am besten um 180° entfernt von der Ideologie des Elternhauses ist. Anpassung, oder jetzt: Integration ist kein Wert sondern Verrat an Idealen. Ein Suche nach Identität ohne Grauzonen.

In den Sechzigern und Siebzigern haben wir zur proletarischen Revolution geblasen und genossen unser Gutmenschentum, unsere endlich gefestigte Identität und moralische Integrität, auch damals haben sich Gruppen abgespalten und radikalisiert, auch damals fielen Schüsse und explodierten Bomben, brannten Kaufhäuser – Geschichte ist zyklisch, wie es scheint. Nur dass die Mitglieder der RAF aus angesehenen bürgerlichen Familien stammten ( Gudrun Ensslin war Pfarrerstochter ) während die jungen Migranten in ihrem Umfeld mit Rassismus zu kämpfen haben, das ist eine doppelte Verletzung die ihren Wunsch Krieger zu werden verständlicher macht als das Agieren der RAF, auf die eine bürgerlich – sichere Karriere gewartet hätte. Die Muslime rekurrieren auf den allmächtigen Vater dem sie sich unterwerfen, die RAF hob jegliche männliche Autorität aus dem Sattel und bemerkte nicht dass sie ebenso gerne Führerpersönlichkeiten kritiklos huldigte – seien es Marx oder Lenin, Mao, Che, Ho Chi Minh, der charismatische Dutschke, der rote Danny, Ka-De und Gaston Salvatore, die sich allesamt nicht durch einen übertriebenen Realitätsbezug bezüglich der Erreichbarkeit ihrer Ziele auszeichneten – by the way. Überm Bett hing meistens der Che weil der auf dem Poster gnadenlos gut aussah und einen Hauch bolivianischen Dschungel in die Studentenbude brachte. Sozialromantik halt! Viva la revolución..!!

 

 

 

 

Die Anführer der K – Gruppen an der Uni fetzten sich wie die Platzhirsche im Herbst und die revolutionären Genossinnen in dieser Subkultur tippten ihnen die Flugblätter, nudelten die Blaupausen über die Vervielfältigungsrolle, kochten das WG – Essen, trauten sich nicht ans Mikrophon oder wurden da niedergemacht, hockten genervt in den Kapital – Schulungen ( gemeint ist der Bestseller von Marx – wenigstens konnte man da in Ruhe stricken weil man eh nur Bahnhof verstand – aber man war da und ward gesehen und eine Squaw mit Kapitalschulung zierte jeden linken Häuptling ) und standen auch für andere Gelüste zur Verfügung – keine Lust zu haben galt für eine Genossin schon als konterrevolutionär, wozu haben wir denn die befreite Sexualität erfunden? Nur Kinderkriegen mussten sie nicht, immerhin, das galt eher als degoutant. Genossen, die es nicht verstanden eine Frau für sich zu interessieren verfassten Traktate dass es die sozialistische Pflicht der linken Genossinnen sei sie sexuell zu versorgen, das war allen Ernstes mal ein Tagesordnungspunkt. Gelebte Solidarität sozusagen, da hätten wir auch gleich auf den Strich gehen können… Irgendwann wachten die Mädels dann doch auf und gründeten die ersten Selbsterfahrungsgruppen für Frauen um ihre Situation zu reflektieren – scheinbar Individuelles erwies sich plötzlich als kollektiv und damit politisch. Dann gabs Beziehungsarbeit…aber sowas von! Zum Studieren kam man sowieso nicht mehr aber das war ja eh nur alles elitär – bürgerliche Bildungskackerei. Ja, ich komme ins Plaudern – aber bei Betrachtung dieser Zeiten fragt man sich, was wir den Taliban eigentlich vorwerfen dürfen?

Die Verlockung radikaler Systeme besteht also wohl darin, dass sie innere Konflikte externalisieren. Was zuvor als Zwiespalt in der eigenen Seele erlebt wurde, erscheint nun als Kampf zwischen Gut und Böse in der Welt, eine dementsprechende Bühne findet sich dann leicht, da hat jedes Jahrzehnt seine eigene Sau, die es durchs Dorf treiben kann. Zwischen Rosenkranz, RAF und Dschihad liegen Welten. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Sehnsucht nach einer Wahrheit, die stärker ist als der Zweifel. Die eigentliche Gegenkraft zur Radikalisierung ist deshalb vielleicht nicht Aufklärung allein, sondern die Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Radikalisierungsbewegungen der Moderne sind nicht Kinder des Glaubens, sondern Kinder der Gewissheit und der Eindeutigkeit. Sie unterscheiden sich in ihren Symbolen, Feindbildern und Heilsversprechen ( oder manchmal auch gar nicht so sehr bei näherem Besehen ..), gleichen sich aber in ihrer psychischen Architektur. Sie erlösen den Menschen von der Last des Zweifels.Vielleicht verläuft die eigentliche Trennlinie nicht zwischen Religion und Säkularität, sondern zwischen Menschen, die mit Unsicherheit leben können, und solchen, die Erlösung von ihr suchen. Die einen entwickeln Ironie ( oder im günstigeren Fall Milde und Humor und halten sich raus ), die anderen Ideologien und halten sich nicht raus. Da kommen dann solche Ätzer dabei raus die sich nach Freiheit zu sehnen vorgeben aber in einem anderen Sinne durchaus aufgeräumt sein wollen.

Und grad hab ich meine früheren Ideale verraten! Wie … ähäm…ist die weibliche Form von Judas? Weiss das hier einer?

 

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