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on life, music etc beyond mainstream

2023 5 Aug

Geht’s noch?

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 8 Comments

 
 

Ja, es geht! Aber warum geht’s? Wenn doch so vieles schon nicht mehr geht! Bei Woody-Allen-Komödien geht’s zum Beispiel nicht mehr. James Dean geht auch nicht mehr, zumindest bei mir nicht. John Wayne ging noch nie. Nouvelle Vague ging immer, aber jetzt auch nicht mehr. Bunuel staubt auch schon etwas ein. Rocky Horror geht merkwürdigerweise immer noch, läuft seit seinem Erscheinen ununterbrochen in München in einem kleinen Flohkino an der Isar jeden Sonntag und die chronifizierten Fans finden sich sonntags ein mit Taschenlampen, Regenschirmen, Kochbeutelreis, Wasserpistolen, Klopapier und den anderen Accessoires. Muss man nicht mitschleppen, dafür gibt’s Fanpackages an der Kasse. An meinem Geburtstag nächstens will ich da hin! Mein Mann weiss es nur noch nicht, aber gleich weiss er’s …

Clint Eastwood geht immer, aber nur als Schauspieler, nicht als Regisseur.

Warum funktioniert ein Kultfilm einer längst vergangenen Epoche immer noch und hat nichts von seiner Faszination verloren? Wobei fraglich ist, ob er nur bei den angejahrten 68ern noch geht oder auch bei jüngeren Generationen. Wäre mal ’ne Doktorarbeit wert!

Warum funktioniert Easy Rider immer noch ungebrochen in unserem Emotionshaushalt? Vielleicht weil es mehr eine Komposition ist als ein Film? Ein ständiges Fliessen, es geht weiter und immer weiter: gone, gone, gone beyond; gone beyond beyond – die Herz-Sutra; der Film hatte für mich schon immer eine buddhistische Anmutung. Über alles Hinausgehen hinausgehen, kein Haiku, aber ein Koan. Der Film fliesst wie ein Fluss. Egal, was gerade passiert ist, man kann es wieder verlassen und es geht weiter, wird transzendiert und das nächste flüchtige Ziel angesteuert und wieder verlassen. Das nimmt den Dingen die Schwere. Gleichzeitig sehen wir auch eine Innenansicht, Seelenbilder und – bewegungen, die wohltuende Illusion, sich selbst entkommen zu können und sich in psychedelischen Bildern aufzulösen oder mit ihnen zu verschmelzen, die Freiheit durch das Aufgeben der eigenen Grenzen. Der Soundtrack ist dabei natürlich nicht wegzudenken, er fliesst mit dem Geschehen. The river flows …

Das hat mir bei Wim Wenders immer so gefehlt: Der Drive! Bei ihm kleben die Figuren am Boden, bei Easy Rider schweben sie tänzerisch einen Meter oben drüber. Ein grosser Wurf von Dennis Hopper hinter der Kamera, vor ihr eher in einer Sancho-Pansa-Rolle agierend – sympathisches Understatement. Und der nette Sidekick mit der Kreation eines neuen Verbums: to bogart.

Mit Jack Nicholson als ausgefuchstem saufenden Anwalt und Peter Fonda als stillem Grübler mit einem Händchen für die Frauen – ein furioses Trio. Hinzutretende Frauen werden natürlich wieder verlassen, hier klingt das Klischee des in den Sonnenuntergang reitenden Helden wieder an, ein bisschen Freddy Quinn, ein bisschen Winnetou, ein bisschen Irgendeiner wartet immer!; Freiheit war damals noch Männerfreiheit.

Der psychedelische Trip im Hippiecamp wirkt dabei als einziges Element etwas unbeholfen. Eher, als versuche sich Hopper symbolüberladen in Sachen Surrealismus, ohne einen wirklichen Draht dazu zu finden – oder als hätte er nie etwas wirklich Gutes geschluckt. Das können andere besser, auch ohne jemals einen Trip eingeworfen zu haben.

Aber egal – es geht weiter und immer weiter, man will zum Karneval nach New Orleans. Ist das jetzt das Shangri-La? Nein, da wartet nur der Pusher – aber es kann ja wieder weitergehen, neue Räume tun sich auf, flüchtige Begegnungen blitzen auf und verglühen wieder. Das Böse kristallisiert sich in den Sesshaften, den Unbewegten, den konservativen Hinterwäldlern, in ihren eigenen Grenzen erstickt und brutalisiert, die nur kurz aufscheinen, denen es aber gelingt, das Leuchten eines anderen Lebensentwurfs zu zerstören.

Den Tod sehen wir von aussen, die Kamera geht auf Distanz, von weitem sehen wir zerschmetterte und brennende Überreste, keine Leichen, kein Blut. Wo sind die beiden Ermordeten? Wir müssen doch trauern! Die Kamera schwenkt in den Sommerhimmel. Natürlich sind sie schon längst wieder unterwegs auf ihren Harleys in den sundown und ins nächste Abenteuer. To some other town

In den Olymp, wo die Mythen hausen!

 
 

 
 

Und jetzt steckt Euch eine an und dann:
„Don’t bogart that joint, my friends!“

 

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8 Comments

  1. Jörg R.:

    Das mach ich, Uschi!

    Ich habe den Film lange nicht gesehen, aber er hat sich eingebrannt, wie wohl bei einer ganzen Generation und ihren Träumen.

    Der Hass damals gegen die „Gammler“ war immens, in München lagerten die im Englischen Garten am Monopteros, ich hatte immer Angst dass man sie zusammenschlagen würde.

  2. Ursula Mayr:

    Stimmt, Monopteros! Da sass ich auch oft daneben.

    Irgendwann gab’s wirklich mal ’ne Prügelei.

  3. Jochen:

    Klasse Beitrag, danke.

  4. Lajla Nizinski:

    Ja, geht noch. Kann mich beim Rudelsingen so richtig austoben. Born to be wild.

  5. Martina Weber:

    Der Film steht schon seit Jahren auf meiner to-watch-Liste. Was mich bisher hat zögern lassen, ist tatsächlich diese Aspekt, den du, Uschi, auch kurz erwähnst: „Freiheit war damals noch Männerfreiheit.“ Dein Text bringt den Film aber so enthusiastisch rüber, dass ich mir ihn doch ansehen werde, sei es auch nur aus filmhistorischen Gründen ;)

    Dieser Tage habe ich einen anderen Film aus dem gleichen Produktionsjahr (1969) gesehen, der mir auch ein Kultfilm gewesen zu sein schien: Butch Cassidy and Sundance Kid. Hier sind die Motorräder Pferde. Mich hat der Film – abgesehen von den Landschaftsbildern – nicht so begeistert, auch wenn die Rolle der Frau, die mit den beiden Jungs ausgewandert ist, nicht so übel war, und sie sogar nach ihrem eigenen Willen, in die USA zurückzukehren, handeln durfte.

  6. ijb:

    Das ist von meiner Warte aus immer ein interessantes Beispiel gewesen (bzw. geblieben) für einen Film, bei dem ich die historische Relevanz nachvollziehen kann – sowohl was die „New Hollywood“-Bewegung als auch die „68er“ betrifft – und ich kenne etliche Leute der „Boomer“-Generation bzw. aus der Generation meiner Eltern, der zwischen Ende der 40er und Ende der 50er geborenen, die bis heute höchst begeistert von diesem Film sind …

    … doch wenn ich ihn gesehen habe, stellte sich mir eben jenes „Ein Film aus einer anderen Zeit“-Gefühl ein (eben auch inklusive der darin transportierten Männer- und Frauenbilder), mich hat der dann eher gelangweilt (auch wenn ich abstrahiert nachvollziehen kann, was den Reiz für die „Fans“ ausmacht).

    Ich hab ihn sogar mal im Kino gesehen.

    Jene Zeit ist eine durchaus interessante in der Kinogeschichte, auch eine wichtige Zeit des Übergangs – doch mich wirklich erreichen und sich mir einbrennen konnte sich aus jener Zeit (späte 60er) andere Filme mehr – Rosemary’s Baby, Bonnie and Clyde, 2001, Der Konformist (aka Der Große Irrtum), wohl auch Pasolini…

  7. Ursula Mayr:

    “ Butch Cassidy“ war für mich eine filmhistorische Wende bezüglich des Heldenbilds im Western – vom Shining Hero – etwa a la Gary Cooper und John Wayne zum Broken Hero – schräge, durchaus fehlerhafte und moralisch auch nicht einwandfreie Typen, die -impact – “ Scheisseeeeee“ brüllend in den Abgrund sprangen. Später kamen dann noch die underdog-heroes und damit war das Kapitel der Western-Saubermänner endgültig vorbei.
    R.i.P.

  8. Martina Weber:

    Diese Wende kann ich nachvollziehen. Thx :)


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