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2022 12 Jul

Was wollten unsere Väter?

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 32 Comments

 
 

Weil wir gerade so schön dabei sind: hier noch ein guter schlechter Film von 1960. Melodie und Rhythmus – scheinbare Gegensätze, und doch bilden sie zusammen ein harmonisches Ganzes.

Der Komponist Alberti (Fred Kraus, im Film und im Leben der Vater von Peter Kraus, der heute noch mit 85 die Bühne rockt) befindet sich in einer Probe mit seinem Orchester „Die Zaubergeigen“. Danach singt Lolita (eine bodenständige Österreicherin mit Oma-Dauerwelle – diese Zeit hatte keinen Sinn für Stil und Passung, und ihren Nabokov nicht gelesen) etwas von Südseeträumen. Im Orchester sitzt muffelig sein Sohn Tommy und spielt auf seiner Gitarre Rockrhythmen ein. Der Göttervater ist erzürnt und schleudert Blitze, es kommt zum Streit, und Tommy stürmt aus dem Konzertsaal. Eine kleine Revolution inmitten einer Gesellschaft, die sich an ihren Träumen vom Glück besoff.

Tommy kommt aber dem Vater auch ins erotische Gehege, er umschwärmt dessen Freundin Linda, eine mondäne elegante Grossstadtdame, ein Archetyp dieser Zeit und immer kontrapunktisch angelegt zum lieben blonden Mädel (in diesem Film unerträglich doof), das den Helden schliesslich bekommt, wenn er vernünftig geworden ist und gelernt hat, was ihm gemäss ist. Man könnte auch sagen, muss es aber nicht – Tommy befände sich in einer protrahierten ödipalen Phase, in der es weniger um die Frau, sondern um Platzhirschgerangel mit dem sicher positionierten Vater geht. Falls man mit den kriegsversehrten und traumatisierten Vätern überhaupt kämpfen konnte, und nicht unbewusst für ihre Stabilisierung und ihr Wohlbefinden sorgte – auch so eine Crux dieser Zeit. Oder ganz schlicht von ihnen verängstigt wurde. Vielleicht wurde deshalb damals auf den Schulhöfen so viel gerauft. Männliches Kräftemessen, das mit Papa nicht ging.

Das blonde Mädel lässt sich in allerhand Verwicklungen von Tommy und Linda demütigen und des Diebstahls bezichtigen, bleibt aber weiter auf der Jagd nach dem Objekt der Begierde, und versucht letztlich, ihm ihre Liebe zu beweisen, indem sie sich bei einer Zirkusaufführung als Zielscheibe für einen Messerwerfer ausliefert. Die deutsche Frau opfert viel für den Mann … jaajaa, wir habens verstanden (kreisch!).

Tommy macht mittlerweile Karriere mit seiner Band, versöhnt sich mit dem Vater, leistet den Verzicht auf Linda und es wird eine grosse Musikgala von Vater und Sohn aufgeführt, mit Zaubergeigen, Lolita samt Südsee und Tommys Band – eine überbordende Aufführung einer harmonischen Generationensymbiose.

Tommy tritt im Cowboykostüm auf und singt das Lied von „Cowboy Billy“ in der Pose des kleinen Gernegrosses, zu dem er scheinbar in der Nähe des Vaters mutiert. Der Text sei Euch erspart, jeder kann ihn googeln wenn er möchte, die Quintessenz davon ist etwa: „Wenn ich gross bin erschiess ich Euch alle!“ Der aufmüpfige Sohn ist also kastriert und in der Kleinkindposition fixiert, ohne am Sockel des Vaters zu kratzen. Zur Belohnung für Rollentreue gibt’s dann das treue Mädel.

So erweist sich das Schmonzettchen als Rad in einer gewaltigen ideologischen Einordnungs – und Einnordungsmaschinerie, die man durchaus als brutal empfinden kann, wenn man den Zuckerguss entfernt.

Unterhaltung ist entlarvend, weil sie geheime Wünsche offenbart, hier die der Kriegsgeneration nach Erhalt und Verteidigung ihrer konservativ-patriarchalischen Strukturen gegenüber einer Jugend, die Selbstreflexion und Grenzüberschreitung einforderte. Das Ganze hingeschludert vom Regisseur John Olden, besser bekannt als Ehemann von Inge Meysel, die danach beschloss lieber bisexuell zu sein.

Guter schlechter Film,  und eine geniale Zusammenfassung des Zeitgeistes von einem Regisseur, der sicher nicht wusste, was er  geschaffen hatte. Bei Interesse fürs Thema empfehlenswert: WENN DIE CONNY MIT DEM PETER (1958), über die musikalisch ausgetragene und schliesslich ebenfalls in Harmonie ertränkte Revolte einer Schulklasse.

 

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32 Comments

  1. HDK:


    Melodie und Rhythmus – scheinbare Gegensätze, und doch bilden sie zusammen ein harmonisches Ganzes.

    na so was

  2. Michael Engelbrecht:

    Der Film scheint schwer auffindbar. Man würde ihn ja nicht wild suchen, es sei denn, man hat ein Faible für „alte Kamellen“, und doch hat, sowas zu sehen (oder nach gefühlten Ewigkeiten wieder zu sehen) seine gesammeten Reize:

    A) sich das mal anschauen, mit diesem Text im Hinterkopf
    B) oder einfach als „Regression im Dienste des Ichs“
    C) oder A und B gleichzeitig :)

    Vielleicht kommt nach dem Musikdirektor mit Rotstift 😉 auch wieder, wie bei BLUT AN DEN LIPPEN, jemand von arte vorbei und setzt ihn in die Mediathek …

    Früher die Fernsehstunden mit Alexander Kluge: mit dem war es auch gut plaudern, wenn es um die Väter und ihre Verdrängungskünste und „Heileweltinszenierungen“ ging.

    Schön, wenn dann so ein Film absichtsvoll (oder nicht) so viel durchschimmern lässt.

    WENN DIE CONNY MIT DEM PETER übrigens in voller Länge bei youtube!

  3. Jochen:

    Ein rundum vergnüglicher Text. Wüsste nicht, was es daran rumzukritteln gibt. Butter bei die Fische, Dinge beim Namen nennen statt kryptologisch moralisierend rumzuraunen. Klar, stört die Heile-Welt-Fraktion beim Mozarthören und sonstigen „Erbaulichkeiten“.
     
    es grüsst der ödipale Giftzwerg

  4. Lajla:

    Das Beste an dem launigen Text ist der Titel. Darüber lohnt sich nachzudenken. Das sind Fragen, wie sie auch in “Die linkshändige Frau” gestellt werden: Wie will ich eigentlich leben?

    Ergänzen will ich die Aussagen hier zum Stil der damaligen Zeit: die Röcke wurden verdammt kurz und die Stoffmuster waren psychedelisch. Der 50er-Jahre-Stil war vorbei.

    Úrsula, schau mal auf einen Schulhof von heute, da wird geboxt, gerangelt, wie eh und je, neu ist die Beleidigung “Du Opfer”. Diese Jungs messen sich zuhause mit ihren Vätern.

    Ein mir lieber Ex-Mana, Jugendpsychiater, hat hier mal geschrieben, dass der Schulhof der Bolzplatz der Gefühle sei; es wird sich geschlagen und es wird sich versöhnt.

  5. Ursula Mayr:

    Ich war neulich auf einem Klassentreffen (4. Kl.Volksschule, so hiess das damals noch, muss man auch erst wieder zusammenkriegen und konnte mich vergewissern, dass meine Erinnerung nicht trügt), wir wohnten in einem nicht gar so feinen Viertel. Das Raufen war damals nicht nur Spontanhandlung – das auch – sondern fester Programmpunkt nach Schulschluss, auch wer mit wem, eine Art Ritual bzw Ehrensache. Dann wurde Mann zu Mann gekämpft und zwar etwa gleich starke Partner, wenn der Unterlegene kundtat, dass er aufgibt wurde aufgehört, und der Sieger half ihm sogar noch auf die Beine. Das Publikum in der Arena mischte sich nicht ein und es kam auch nie zu schwereren Verletzungen. Die Oberraufer von damals haben mir das letzten Donnerstag bestätigt.

    Diese Form des ritualisierten Kampfes habe ich in späteren Zeiten so nicht mehr wahrgenommen, und ich denke dass es etwas aussagt, worüber man nicht hinweggehen sollte, insbesondere in Zeiten einer steigenden Jugendkriminalität. Heute sind Kämpfe unter Kindern eher Spontanentladungen, und es geht auch oft gegen Schwächere, oft mehrere gegen einen, und wenn er am Boden liegt, wird noch nachgetreten, wenn die Pausenaufsicht nicht aufpasst. Da sehe ich kein „Kräftemessen“ mehr, sondern nur noch Aggression. Wenn dann Versöhnung passiert ists ja gut. Habe einen Schulhof in unmittelbarer Nähe…allerdings Dorfkinder, also eher gut behütet.

    Über Nachkriegsfilme zu diskutieren ist auch mit erfahrenen Cineasten schwierig, es entsteht sofort Widerstand – das beweist sich immer wieder – in Form eines „Ich seh mir diesen Kitsch nicht an“. Ich nenne es das UiÜ – Syndrom: Unangebrachte intellektuelle Überheblichkeit. Wer an Zeitphänomenen, insbesondere um den Krieg herum interessiert ist sollte es tun, wer nicht, kanns auch lassen.

    Wenn man sich auf diese Art Film wirklich emotional einlässt, spürt man – wie hier zum Beispiel – die Demütigung des jungen Mannes, der am Ende als Cowboy auf der Bühne herumhopst, auf der ihn der Vater eingeplant hat. Aber da muss man sich einlassen können, dann fällt einem ein, was man selbst an Demütigung einstecken musste in dieser Zeit, als Kinder nicht viel galten bzw von den Eltern rekrutiert wurden für deren Ziele und Lebensmodelle.

    HDK: Der Satz mit der Melodie war doof, ist mir erst danach aufgefallen, ich denke es war ein Übertragungsphänomen, da für mich untypisch von der Diktion her. Da bin ich zurückgerutscht in den Schulbuchjargon dieser Jahre, so hätte wahrscheinlich ein Zaubergeigenliebhaber seinem Kind das Wesen der Musik beschrieben. Eine Spontanidentifikation mit Tommys Schwurbelvater. Peinlich, aber lehrreich. Falls da ein dergestalter Persönlichkeitsanteil in mir vorhanden wäre, müsste ich mich vor dem hüten. Ich frag nachher meinen Mann, wenn der kommt, vielleicht kennt er den. Gute Selbsterfahrung, danke, Rosato! :)

  6. Michael Engelbrecht:

    In diesem Text gibt es diverse Zungenschnalzer, gewitzte Passagen, und in einem BEST OF wäre bei mir auf der Pole:

    „So erweist sich das Schmonzettchen als Rad in einer gewaltigen ideologischen Einordnungs – und Einnordungsmaschinerie, die man durchaus als brutal empfinden kann, wenn man den Zuckerguss entfernt.“

  7. Jörg R.:

    Uschi, Du weisst ja dass ich etwas älter und noch knapp im Krieg geboren bin. Diese Filme sagen mir viel, auch über mich selbst und meine Reaktionen auf Kleinigkeiten in den Szenen, auch meine Körpergefühle. Das Bestechende daran ist die Übersichtlichkeit dieser Zeit. Väter sagen an, Kinder gehorchen, keine Diskussionen, keine Abwägungen. Scheinbar so einfach. Und mein Körper signalisiert mir das Unterschwellige. Unruhe, ein Zusammenziehen, flau im Magen, Zorn.

  8. Rosato:

    Ich besuchte vor 2 Wochen ein Klassentreffen – 50. Jahrestag des Abiturs, nicht meines. Lustig war schon das Treffen mit 4 Abiturientinnen (ohne *) am Parkplatz. Die Damen hatten mich offensichtlich nach 50 Jahren zum ersten Mal wieder gesehen und fragten in welcher Klasse ich gewesen sei – a,b,c ? Meine Antwort: in keiner, ich habe 1964 Abitur gemacht, könne aber meinen Personalausweis vorzeigen. Einer Dame ging ein Licht auf: „ey, unser (Adjektiv) Musiklehrer“.

    Es war eines der interessantesten Klassentreffen, an denen ich je teilnahm. Stefan erzählte vom Verlust seines Hauses auf La Palma, welches als eines der ersten 2021 vom Lavastrom gefressen wurde. Klavier, Computer, Bücher, Möbel, alles weg. Er erzählte das sehr gelassen. Er hat mich nicht erkannt, musste nachfragen. Ach, ich habe ihn auf Debussy aufgemacht, und überhaupt: er habe gesehen, dass Musikunterricht auch ganz anders sein kann. Ich habe ihn bedauert, dass er so früh schon Abi gemacht und Kronach verlassen habe, von Jarretts Auftritt im Kulturraum nicht wisse.
    Einige erinnerten sich an Improvisationen auf allerlei Instrumenten und Gegenständen, leeren und mit Wasser gefüllten Bierflaschen. Da war ich angeregt von Franco Evangelistis gruppe nuova consonanza, in der Ennio Morricone die Trompete blus; angeregt auch durch einen Improvistionskurs Lilli Friedemanns in Bayreuth. Auch an die Klassenfahrt nach Nürnberg zum Konzert von ELP hat man sich erinnert.

    So viel – vielleicht zu viel – zum Aspekt … stört die Heile-Welt-Fraktion beim Mozarthören und sonstigen „Erbaulichkeiten“
    .
    Die Schulhofgeschichten sind interessant. Ich kann mich nicht an Schulhofraufereien in der Volksschule erinnern. Ich war in keine verwickelt, falls es sie gegeben hat. Sehr gut in Erinnerung ist mir das Tanzlied der Mädels mit dem Titel „Dornröschen war ein schönes Kind“ und der Wärschtlamo. Ich konnte mir die Semmel mit Wiener Würstchen nicht leisten, manchmal bloß ein Senflaabla.
    In der Beethovenstraße – tut mir leid, so hieß die Schotterpiste an der mein Heim stand – gab es allerdings Banden, die manchmal mit Holzschwertern spielerisch kämpften. Ich weiß nicht, ob die sich richtig prügelten im Wald, oben auf dem Kirchberg. Ich gehörte nur wenige Tage einer solchen Bande an. Sie wurde nicht besonders ernst genommen, weil ihr Chef ein schmächtiges Bürschlein war.
    Ich wohnte am Stadtrand in der Siedlung. Einmal im Sommer wurde ein Siedlerfest abgehalten mit Kinderprogramm. An eines dieser Festivals erinnere ich mich gut. Es gab für die vorpubertären Kids ein Prügelspiel mit Boxhandschuh. Wer im Duell siegte bekam einen Lutscher oder einen Bratwurstgutschein. Der stärkste Jungsiedler hatte schon einige weggeputzt als er mich aufforderte. Ich war ein schmächtiger Knabe, habe aber seinen Schlägen auf Brustbein und Rippen 10 Minuten standgehalten. Dann hat der Obersiedler den ungleichen Kampf abgebrochen. Das war die erste Unterrichtseinheit im Fach „Resilienz“.

    Ich weiß nicht, ob ich es aushalte, wenn in mein Nachbarhaus eine Bombe einschlägt.

    – – – – – – –

    Links für Wissbegierige

    gruppe nuovo consonanza
    https://www.youtube.com/watch?v=RX223ZGk0OU

    Lilli Friedemann
    https://de.wikipedia.org/wiki/Lilli_Friedemann

    ELP
    https://www.manafonistas.de/2021/08/07/steven-wilson-a-gentle-giant/#comments (No. 7)

    Dornröschen war ein schönes Kind
    https://www.youtube.com/watch?v=K304vn71AG0

  9. HDK:

    Ich weiß nicht, was mein Vater wollte. Er ist 3 Wochen vor Kriegsende erschossen worden, 23 Jahre alt. Ich bin opus posthumum.


    Ein kluger Mensch hat gesagt, abgesehen vom Verlust der Mutter sei kaum etwas gesünder für kleine Kinder als der Verlust des Vaters. Und obwohl es mir fernliegt, diesen Worten uneingeschränkt zuzustimmen, wäre ich doch der letzte, der ihnen direkt widersprechen wollte. Ich selber würde diese These ohne Groll auf die Welt formulieren, oder besser gesagt, ohne den Schmerz, der dem Klang dieser Worte innewohnt.

    .

    Halldór Laxness, Das Fischkonzert (Kapitel 1, Absatz 1)

  10. Michael Engelbrecht:

    @ Jörg R.: ich bin Jahrgang 1955, und ich glaube deine Empfindungen nachfühlen zu können. Gute zehn Jahre sind, brd-historisch, natürlich ein gewaltiger Unterschied.

    So wie die Diskrepanz der 1955 und 1965 Geborenen. Die einen haben die Beatles erlebt, für die andern sind sie eine Erzählung.

    Als Kind war ich ein Freund der humoristischen Filme a la Die 3 von der Tankstelle: da schienen positive ältere Brüderfiguren aufzutauchen, die Spass verstanden und fünfe gerade sein lassen konnten. Nicht sooo weit weg von Enid Blyton und den 5 Freunden. Wie gesagt, natürlich nur eine Les- und Empfindungsart.

    Was ich erstaunlich finde in meiner Generation mit Flankierender Hippie-Sozialisierung, Emanzipation, alternativen Lebensformen:

    … wieviele verklemmte humorlose selbstgerechte Spiesser, Calvinisten, und chronisch beleidigte Leberwürste und Klagemännchen da heute so rumlaufen, die eigentlich den Geist freier fliegen lassen könnten.

    Fehlanzeige: viele von diesen im Kern Ängstlichen kopieren ihre anfangs bekämpften Vaterfiguren, werden ihnen seltsam ähnlich. Einges von dem, was die Väter wollten, haben sie wohl bei ihren Söhnen erreicht. Jede Einzelgeschichte ist anders. Aber es gibt Muster.

    Eine Abschweifung, gewiss. Aber dazu laden Uschis wunderbare Gedankenflüge auch ein.

  11. Ursula Mayr:

    Rosato: Jedes Klassentreffen ist irgendwie ähnlich und doch anders. Deines war in Kronach? Und Abituriententreffen sind wieder nochmal anders als Grundschule.
    Meine Schule war in München – Mitte in einem Viertel mit eher einfacheren Leuten die sich nicht um die Kinder kümmern konnten. Viele Ruinen und Behelfsbauten von zerbombten Kasernen kurz vorm Zusammenbrechen in denen oft alleinstehende Männer lebten die nach dem Krieg nicht mehr Fuss fassen konnten. Kinderleben spielte sich auf der Strasse ab und war nicht ungefährlich. Man musste die Regeln für Mädchen kennen: Immer flache Schuhe..dass man schnell abhauen konnte, immer zu zweit oder im Rudel und keine Röcke sondern enge Jeans – da kann man nicht druntergrabschen bzw selbige nicht so schnell ausgezogen bekommen. Das war hilfreich.
    So wie die Väter früher drauf waren war ich auch froh dass ich keinen hatte. Der war nicht gefallen aber kümmerte sich nicht, lebte woanders. Jetzt sehe ich das etwas anders…

  12. HDK:

    Polt – Gysi

    in einem der beiden Teile spricht Polt über die Kindheit im zerbombten München

    https://www.youtube.com/watch?v=PVsUozOr1lE&t=2332s
    https://www.youtube.com/watch?v=QKynN9HJxGs

    egal, wo was steht – sehenswert von vorn bis hinten

  13. Rosato:

    ich habe einen / den Vater nicht vermisst,
    ich kannte es nicht anders

    meine Kinder haben Pech gehabt ;)
    ich wurde nicht erschossen bevor sie auf die Welt kamen

  14. Ursula Mayr:

    Ich hab ihn auch nicht vermisst – im Gegenteil! Niemand schränkte meine Freiheit ein, auch wenn ich knapp an der Verwahrlosung vorbeischrammte.

    Aber später in der Lehranalyse entdeckte ich die furchtbare Kränkung, dass sich jemand, der mich hätte lieben sollen, für mich überhaupt nicht interessierte. Das war furchtbar. Ein gefallener Kriegsheld ist da besser, den kann man als Kriegsheld, der sich geopfert hat, internalisieren und gut damit leben. Und sich ausphantasieren, wie schön der jetzt mit einem spielen würde, wenn er da wäre oder von der Wolke herunterguckt.

    Aber eine beleidigte Leberwurst, die das Kind ignoriert, weil ihm die Frau davongelaufen ist? Eine ganz andere Lebensbasis … da haste zu tun.

  15. Ursula Mayr:

    Mein Männe meint, solche pseudoromantischen Schwurbelsätze mit Melodie und Rhythmus kennt er von mir auch nicht. Da müsse vom Zaubergeigenfritze ein anderer Floh auf mich übergesprungen sein.

  16. Michael Engelbrecht:

    Ein Floh – oder es ist die Amselmumps 😂

  17. Littlejack:

    Dafür, dass der Film so doof ist, mobilisiert er aber ganz schön viel Vergangenheit hier.

  18. Jochen:

    „dass sich jemand, der mich hätte lieben sollen, für mich überhaupt nicht interessierte“

    Trifft das nicht auch auf narzisstische Elternteile zu? Meine Erkenntnis (hat lange gedauert): Wo nichts ist, kann auch nichts werden – vergebliche Liebesmüh.

    S (wähnte sich bei den Zeugen Jehovas wohl in höherem Erkenntnisstande) meinte, sie hätte ihren Eltern verziehen. Darauf ihre Freundin C, man könne seinen Eltern nicht „verzeihen“, das sei eine Anmassung. Sah ich auch so.

  19. Ursula Mayr:

    Ich frage mich auch immer, ob nicht das Verzeihen eine gute Teilmenge an Verdrängung beinhaltet. Oder die Identifikation mit dem Aggressor, wie wir das nennen, a la „Mein Vater hat mich geprügelt und darum ist auch etwas aus mir geworden!“

  20. Anonymous:

    Hat mich geprügelt und geschadet hats mir nicht!

  21. Lajla:

    Auweia, du Anonymer, bist jetzt aber nicht für die Prügelstrafe, oder?

    @ U Verzeihen KÖNNEN hat lediglich was mit Herz und Toleranz zu tun. Ist keine Teilmenge von irgendetwas.

    Ich hatte einen wunderbaren Vater, klug, humorvoll, liebevoll.

    Ich denke die Väter aus der Nachkriegszeit hatten es nicht leicht, mit ohne Krieg zurechtzukommen, ihre Frauen standen ihren Mann (Trümmerfrauen) und ließen sich von den zurückgekommenen Männern beispielsweise nicht in die Erziehung der Kinder reinreden. Ich denke nicht wie Götz Aly, der unsere Elterngeneration mit den 68ern vergleicht. Großes Thema.

  22. Anonymous:

    Nein, ich habe zitiert. Um Gottes willen …

  23. Ursula Mayr:

    Ich habe nicht gesagt, dass Verzeihen eine Teilmenge von etwas sei, sondern dass bei einem Menschen, der fühlt, dass er verziehen hat – sicher etwas sehr Schönes, wenn’s denn stimmt – unter Umständen eine Teilmenge an blosser Verdrängung vorliegt, oder religiöser Druck oder Druck von Elternerwartungen etc, d.h. viele machen sich einfach keine Gedanken darüber oder reden sich die Sache schön – so wie Anonymous gerade zitierte.

    Bloss Herz und Verstand haben ist da zuwenig, es geht hier um komplexere Prozesse. Ich kannte viele Leute, die ihren Eltern „verziehen“ hatten und in der nächsten Woche kamen sie entsetzt wieder mit einem Traum in dem sie den Vater mit dem Lastwagen überfahren hatten. Da ist gesundes Misstrauen angebracht bei Verziehenhabenden, oft wollen die sich nur nicht den Gefühlen stellen, die ein genaueres Anschauen ihrer kindlichen Gefühlswelt nun eben so mit sich bringt.

    Ich war auch dreissig Jahre lang fest überzeugt, dass mir die Situation mit meinem Vater egal ist, da war etwas sehr tief vergraben – und dann oh weia …! Man MUSS auch nicht verzeihen, wenn’s nicht geht … manchmal reicht es, wenn man versteht. Und Toleranz gegenüber jemandem, der einen fast zu Tode geprügelt hat … also ich weiss nicht, ob das sein muss. Da ist ein gesunder Zorn vielleicht das Stimmigere und Bessere – will sagen „Gesündere“.

  24. Lajla:

    Ich habe nicht Verstand, sondern Toleranz ( ertragen) gemeint. Lies mal von Keri Hulme „ Unter dem Tagmond“. Da wird geschildert, dass ein Kind trotz Gewalt in der Familie immer wieder zurückgeht.

  25. Ursula Mayr:

    Immer wieder zurückgehen heisst nicht unbedingt Toleranz und auch nicht Verzeihen, das Festhalten an destruktiven Familienbindungen und – loyalitäten, die besser gelöst werden sollten, ist der Grund für viele Erkrankungen oder destruktiven Identifikationen.
    Ich kannte eine Professorin für Neurologie in München die ihre Mutter zuhause pflegte. Die Mutter brachte im Krieg sie und ihre kleine Schwester als Kleinkinder ins KZ Dachau weil der Vater der Kinder Jude war und sie sich deshalb getrennt hatte. Die kleinen Mädchen waren dort bis zur Befreiung, irgendwie durchgekommen. Als Persönlichkeit nötigte mir die Frau grossen Respekt ab. Ich kannte sie leider nicht gut genug um etwas über ihre Beweggründe zu erfahren, es hätte mich sehr interessiert. Ich hatte nicht den Eindruck einer irgendwie pathologischen Bindung – ist aber jetzt reines Bauchgefühl. Aber das ist ja oft auf der richtigen Spur, ich hätte sie gerne zur Freundin gehabt. Sie schien mit sich im Reinen.
    By the way . .hat jemand Putin schon verziehen? Bitte melden und nicht vordrängeln. Oder hört die Toleranz doch irgendwo auf?

  26. HDK:

    Sucht – ich meine ’sucht‘ – und ihr werdet sie finden, die bösen Väter. Ihr werdet sie am Ende immer finden, wenn ihr nur eifrig sucht.

    Ich habe keine Erfahrungen MIT Vater, ich habe nur Erfahrungen ALS Vater, und die sind recht vielschichtig. Ich und meine Kinder behaupten, dass wir gut miteinander zurecht kommen, aber vielleicht täuschen wir uns.

    Illustration: Vater und Sohn

  27. Ursula Mayr:

    Stimmt – wenn man selber Kinder hat sieht man die Eltern ganz anders und viel milder. Heutzutage plagen ja die Kinder ihre Eltern auch ganz schön. Da gehts manchmal umgekehrt.

  28. Ursula Mayr:

    Foto: Nett! Bist Du das? Vor allem die gleiche Körperhaltung, der gleiche Blick in die gleiche Richtung. Da stimmt wohl die Chemie?? Da beneid ich gleich Deinen Jungen …

  29. HDK:

    Putin verzeihen?
    Ich kenne Putin nicht, ähm, ich habe keinen Kontakt mit Putin.

    Ich könnte nur verzeihen auf persönlichem Weg, Mund zu Ohr, Schrift zu Auge, sonstwie
    Außerdem: wenn mich einer zur Sau gemacht hat und nichts bereut, seine Handlungen nicht reflektiert und revidiert, nicht bereit ist, Verhalten zu ändern, dann habe ich auch keine Veranlassung zu verzeihen.

    Derartiges *Verzeihen* erscheint womöglich als eine Art von Handel. Klar, für mich ist das so. Andernfalls ist das nicht *Verzeihung* sondern *Unterwerfung*

    Verzeihung ohne Verhandlung gibt es nicht mit mir.

  30. Michael Engelbrecht:

    @ Jörg R.

    Wenn du Gedichten in irgendeiner Form zugeneigt bist, dann ist der in meinem „Offenbarungstext“ angesprochene 78 Euro und jeden Cent werte Gedichtband Gesammelte Gedichte von Jürgen Becker, dein Jahrgang ungefähr, für dich womöglich ne ganz tolle Sache.

  31. Jörg R.:

    Thx, Michael

  32. Michael Engelbrecht:

    Über ein paar Jahre hinweg fieberte ich jedem neuen Lyrikband von Jürgen Becker entgegen. Er erzählt mir die Dinge aus dem Alltag der BRD, unverbraucht von Bildungsdeutsch. Wie eine Vaterfigur, der einen Kosmos-Baukasten der Lyrik öffnet.

    So erfuhr ich auch, wie der Krieg sich noch einnistete an den Randzonen des Bewusstseins, in alten Seilschaften, unbewältigten Traumata.

    Manchmal war das eine Art Geschichtsunterricht, der den Blick klärte und leerräumte. In reine Gegenwart wandelte. Wie der Sound der Rillen beim Auflegen einer ECM-Platte, in den frühen Zeiten, vor dem ersten Ton.

    Natürlich ist es klüger, mit einem Bändchen anzufangen, vielleicht mit einem Titel, der einen anspricht.


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