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on life, music etc beyond mainstream

2022 8 Mai

So grün war die Heide …

von: Ursula Mayr Filed under: Blog | TB | 22 Comments

 

 

… so grün dass es einen förmlich blendete und in den Augen wehtat. Blendung spielte eine grosse Rolle in dieser Zeit, der Nachkriegszeit, die so unbeschwert daherkam. Und so blendend weiss – Waschmittel spielten ja eine tragende Rolle: Die Wäsche musste nicht nur weiss sein sondern superweiss, ultraweiss, nicht nur weiss sondern rein, fasertief rein, porentief rein, weissderteufelwienochrein, schliesslich wurden noch potente Männer und Militaria zum Reinemachen bemüht:  Meister Proper und der General. Womit man wieder beim Thema war. Und wenn die Haut darunter litt: Palmolive! Wasch mich aber mach mich nicht nass und mach dass man meinen Händen nicht ansieht was sie getan haben. Am besten wasch sie in Unschuld!

Heute wissen wir sehr gut was da abgewaschen werden sollte, damals noch nicht. In einer alten Persilreklame entsteigt ein mit den Ärmeln fuchtelndes Herrenhemd  dem Waschkessel wie ein Geist – ein Relikt aus der Vergangenheit, wird es gleich Haltung annehmen oder den deutschen Gruss entbieten? Wäsche, wasche Dich selbst, ja, so hätte man es gern gehabt. Ödipus blendete sich selbst um seine Schuld nicht mehr zu sehen und vor den strafenden Erynnien, Repräsentanten seines Gewissens, Ruhe zu haben. Obs geholfen hat??

Ebenso ultrarein wie der deutsche Haushalt war die Trivialkunst und der Trivialfilm, schön, sauber und steril, kostümverliebt und happyendsüchtig – Biedermanns Welt. Die Brandstifter im Untergrund ruchbar für den der riechen wollte; die meisten wollten nicht, bis es 20 Jahre später den Studenten dann doch allzu sehr stank und der Protest explodierte. Dann stanks plötzlich aus allen Öffnungen und die Studenten wurden als die Urheber dieser Gerüche angeprangert. Der Überbringer der schlechten Nachricht wird erstmal geköpft.

Die Männerwelt suggerierte im Kino vorwiegend Biederkeit: edle Recken, nette Familienpapas, freche Lausbuben, Clowns und Hanswurste: Gunther Philipp, Rudolf Prack, Heinz Rühmann, Heinz Erhardt, Peter Alexander … lustig, gemütlich, aggressionsfrei, steril und im Bett als Liebhaber nicht vorstellbar. Seht, wie brav wir sind! Nicht mal gepimpert wird. Unmöglich uns das zuzutrauen, was wir noch vor ein paar Jahren angeblich getan haben sollen! Die Verdrängungsmaschinerie war angeworfen – Kriegsschuld und Kriegstraumata wurden verarbeitet durch Verkehrung ins Gegenteil – ein von Anna Freud gut beschriebener Abwehrmechanismus. Man fraß sich satt an Käseigeln und schönen Bildern – unfähig zu trauern.

Im Kino gabs unzerstörte Landschaft statt zerstörter Städte (vorwiegend Tirol, Schwarzwald, Lüneburger Heide – noch nicht Italien, das war ein Schritt weiter), moralisch einwandfreie Frauen, die nicht in Grosstadtschluchten die Kleidung des Feindes trugen und in verräucherten Lokalen in Jeans zu „Negermusik“ tanzten. Exotische Frauen mit schwarzem Haar waren meistens moralisch nicht einwandfrei – die angeblich „slawisch“ aussehende Ellen Schwiers war darauf programmiert den anrüchigen Kontrapunkt darzustellen.

 

 

Das Fremde wurde exotisiert anstatt kennengelernt – und damit neu entfremdet, in den Wohnzimmern hingen verführerische Damen, Angehörige eines fahrenden Volkes, das man heute nicht mehr aussprechen darf, glutäugig, tiefdekolletiert und gerne beäugt – funktionalisiert und romantisiert für diffuse Sehnsüchte, nicht als Mitmensch. Hätte sie vor der Tür gestanden hätte man diese zugeknallt. Aber von der Wand nochmals zum Film – der Autor Gerd Bliersbach hat sich der Reflexion dieser Machwerke angenommen, ich versuche mich gerade an einer Fortsetzung über weitere Phänomene.

Es gab z.B. das zwanghaft auftretende Motiv der „Verwechslung“ von Personen, das für Spannung und Heiterkeit in einer Überzahl von Verwechslungskomödien sorgen sollte und perseverierend abgenudelt wurde. Meiner überschlagsmässigen Zählung zufolge bestanden über 60 % der Trivialfilme aus Verwechslungskomödien oder wuchtigeren Falscher-Verdacht-Dramen. Die Zofe tauscht mit der Gräfin das Prachtgewand und trifft sich mit deren Verehrer, der nette Kellner ist in Wirklichkeit der Hotelbesitzer oder umgekehrt, die Erntehelferin ist die Gutsbesitzerin. Und kommt plötzlich in ein schiefes Licht wenn sie auf dem Schoss des alten Grafen sitzend entdeckt wird, der in Wirklichkeit ihr Papa ist – alles bekannt.

 

 

Selbst Sissi und Kaiser Franz Josef erkannten sich nicht bei ihrem ersten Treffen im Wald, als Sissi ihm von ihrem „Pappili“ vorschwärmt, ein No – go bei jedwedem Date; die kriegstraumatisierten Eltern mussten geschützt und weiter glorifiziert werden, aber das ist ein anderes Kapitel. Franz Joseph findet das offenbar niedlich und heiratet das Mädel vom Fleck weg. Damit ist Herzog Max in Bayern als Vater der österreichischen Kaiserin auch eine Stufe höher gefallen – auch hier wird wieder ein Vater rehabilitiert und emotional versorgt, by the way. Dem das realiter herzlich wurst war, was im Film aber die aufstiegswütige Herzogin herzlich freut.

Und alles Indikator für die Frage, die alle im Untergrund – wo die Brandstifter hausen – bewegte: Bist Du wirklich der, der Du zu sein vorgibst? Wer warst Du im Krieg – Nazi, Mitläufer, Verweigerer? Und wo stand ich selbst, wer war ich selber? Stehe ich selbst in einem schlechten Licht und was ist mein Anteil daran? Keiner ist der, der er zu sein vorgibt. Sind Soldaten Helden oder müssen sie sich nun fragen ob sie einfach Mörder sind? Waren die Frauen zuhause treue Gefährtinnen oder haben sie sich anderweitig umgesehen? Nagende Zweifel!

In der Verwechslungskomödie gibt es – meistens durch einen Lauschangriff oder ein dramatisches Geständnis – Auflösung, das Paar findet sich, die Buffo – Paare finden sich und jeglicher böse Verdacht löst sich in Luft auf in einer Art Generalrehabilitation. Und einer grandiosen Generalamnestie.

Der Zuschauer als Kind seiner Zeit hat von Anfang an im Kinositz die Rolle des Wissenden, ist – im Gegensatz zum herkömmlichen whodunit – Krimi – eingeweiht und fiebert identifikatorisch dieser Rehabilitation entgegen, in deren Verlauf sich alle Schuld in Wohlgefallen auflöst, oder – seltener – in toto einer Sündenbocksfigur (einem verruchten Kerl oder einer mondän aufgebrezelten Frau) aufgehalst werden kann, die sodann in die Wüste entsandt werden. Wie entlastend! Dieses Motiv wurde filmisch und literarisch (Lore – Romane) in diesen Jahren geradezu suchtartig konsumiert. Unsere Schuld ist gar keine … alles nur ein grosses Missverständnis! Wie schön das miterleben zu dürfen … man bekam nicht genug davon.

Nachkriegsdauerbesoffenheit! Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein! Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gradeaus – letzteres war weiland Marika Rökk.

Ja, ich weiss – dieser Beitrag klingt zynisch und aggressiv – die transgenerational vermittelte Wut steckt noch tief in uns Kindern dieser Zeit, trotzdem verstehe ich auch das verzweifelte Bedürfnis nach Schönheit, Unschuld und Harmonie nach all den furchtbaren Kriegsjahren und dann wird plötzlich Mitleid spürbar für diese geplagte Generation und ihre gestohlenen Lebensjahre, so viele gestohlene Lebenszeit, so viele zerstörte Leben vieler die sich nichts zuschulden kommen liessen. Die in unsere Biographien mit einsickern. Mit dieser Wut nehmen wir eine intellektuell überlegene Position auf dem bequemen Stuhl der späten Geburt ein und spotten über Kitsch. Das ist auch eine Unfähigkeit zu trauern, genau das was wir dieser Generation so gern vorwerfen und was wir selbst ebenso schlecht können. Nur eine andere Form der Abwehr der eigenen Verletzungen auf die wir uns nicht allzuviel einbilden sollten. „Lieber wütend als traurig“ heisst auch ein Buch über Ulrike Meinhof.

Ich guck übrigens grad „Im Prater blühn wieder die Bäume“, die kleine Näherin im geliehenen Fürstinnenkleid soupiert gerade mit dem Erzherzog den sie aber nicht liebt (schnüff!) obwohl er ein ganz Fescher ist und Küssdiehandgnädigesfräulein sagt, der sie aber wiederum schon liebt, aber gar nicht der Erzherzog ist und wieder mal kennt sich keiner mehr aus, der Bräutigam des Mädels stösst dazu und es gibt grosses Getöse – aber das wissen wir jetzt ja alles schon …!

Vielleicht waren diese Szenerien auch für den einen oder anderen die Möglichkeit, aus der posttraumatischen Erstarrung und Eingefrorenheit wieder ins Fliessen zu kommen, da ist es zur Trauer nicht mehr gar so weit, da könnten wir tun, was wir schon lange tun müssten.

Und jetzt ist Mai! Und ich möchte so gern mal wieder nach Wien … ratet mal wohin zuerst? Und ein Kleid tragen mit Rüscherl am Saum und am Ausschnitt … ja, danach wär mir jetzt. Ist das jetzt schlimm?

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22 Comments

  1. Michael Engelbrecht:

    Da war ROSEN FÜR DEN STAATSANWALT doch geradezu ein Gegengift (Wolfgang Staudte liess danach schwer nach), zu dem das Lexikon des internationalen Films bemerkt:

    „Mit bitterer Ironie schildert der zeitkritische Film die Verdrängung faschistischer Vergangenheit und den Fortbestand alter obrigkeitsstaatlicher Tendenzen in der Bundesrepublik. Obwohl er durch zahlreiche Konzessionen ans Unterhaltungskino jener Jahre teilweise an Schärfe und Deutlichkeit verliert, bleibt er doch in zentralen Punkten treffsicher und beständig aktuell. Brillant: Martin Held als Staatsanwalt.“

    Walter Giller war auch grossartig!

  2. Ursula Mayr:

    Die Staudte – Filme waren total weichgespült – ging damals wohl nicht anders. Die ‚Rosen‘ hatten wir neulich in der Filmgruppe – der Hauptmann als fast sympathisch wirkender Brummbär im Kreise der Familie. Nichts von Härte, nichts von Grausamkeit, nichts von alldem was war und nichts was einen packt – und Giller als ungebrochener, potenter, humorvoller Soldat undn Happy- End dazu…neenee …

  3. Michael Engelbrecht:

    Okay. Muss zugeben, ich sah den Film als Jugendlicher, und habe ihn so ähnlich in der Erinnerung wie das Filmlexikon:) … kann gut sein, dass ich das heute auch anders sehen würde. Es ist wohl schlauer, Filme nur ins Feld zu führen, wenn man sie aktuell gesehen hat. Denn nach sooo langer Zeit sind da etliche „Filterungen“ aktiv. Absolut richtig. Vielleicht würde ich ihn nach nochmaligem Gucken aber doch positiver sehen als du. Durchaus auch möglich. Immerhin war er ja in der damaligen Filmlandschaft eher mutig als bieder. Von der Story. Die Darstellung ist dann wieder eine andere Frage.

  4. Ursula Mayr:

    Für damals wars revolutionär. Wir hatten ihn auch anders in Erinnerung.

  5. Littlejack:

    Ich bin in den Fünfzigerjahren geboren, da gabs dann schon mehr Filme mit Schlagern, Rocknroll, Tanzen, Conny und Peter Kraus und dergleichen.

  6. Ursula Mayr:

    Ja, das war die Wende der späteren Fünfziger, die nahenden Sechziger. Da wurden die Filme weniger teutonisch und an der Scholle haftend, da wurden zunehmend fremde Gebiete wieder besetzt. War ja auch die Zeit als man begann in Urlaub zu fahren, sogar über den Brenner ins Ausland. Und Jeans, Coca Cola, Maoam, Elvis, Kaugummi – man streckte die Fühler aus. Aber auf andere Art weichgespült.

  7. Michael Engelbrecht:

    Dann hatte der Film damals aber auch eine ganz gute Tiefenwirkung: an der Verdrängung wurde gerüttelt. Das Verbrechen des Staatsanwalts wurde ja nicht verharmlost. Also durchaus aufdeckend. Und der konventionell „unterhaltsame Rahmen“, mhmm, das kann man auch als wirksame Strategie sehen, mit den Mitteln des damaligen Mainstreams das Ungeheuerliche ins grosse Kino zu bringen. Immerhin also viel besser als die übliche Regression.

  8. Ursula Mayr:

    Ja, unter Blinden ist sogar der Staudte König..

  9. Lajla:

    Ich trage eine Smartwatch mit der Weißen Dame von Persil auf dem Zifferblatt. Bereits 1922 wurde diese Persilwerbung von einem Künstler angefertigt. Er kaufte seiner Freundin ein weißes Kleid und einen weißen Florentiner. Dann stand sie für ihn Modell.

    Ich halte Heinz Ehrhardt für einen großen, vielfältig begabten Künstler und sehe mir heute noch gerne seine Filme an.

    „Der Seewolf „ von Wolfgang Staudte ist einer meiner Lieblingsfilme. Ich bin nicht blind, ich habe genau gesehen, wie Larsen die Kartoffel langsam in seiner Hand zerdrückte. ;)

  10. Ursula Mayr:

    Ich schätze Heinz Erhardt auch als Dichter und Humorist, er tat mir sehr leid am Ende seines Weges als er verstummt im Rollstuhl sass.
    Leider hat er sich in vielen windigen Filmen als etwas trotteliger Familienpappi verheizen lassen…Witwer mit 5 Töchtern oder so. Hat sogar mal in einem Karl May – Film mitgespielt und nicht mal schlecht.
    Raimund Harmstorf, der Seewolf, war mein grosser Schwarm damals. Er hat mal zugegeben dass die Kartoffel gekocht war – zumindest ein bisschen.

  11. Anonymous:

    Ich bin einiges später geboren und habe mich immer gewundert über die Vorliebe meiner Eltern und Grosseltern zu diesen Filmen, jetzt verstehe ich das besser. Filme haben mich immer interessiert, aber das war einfach grauenvoll. Offenbar gibt es hier aber doch eine grosse Sinnhaftigkeit. Ich habe gestern am Muttertag mit meiner Mutter darüber gesprochen; ich glaube das hat ihr sehr gutgetan. Danke!

  12. Littlejack:

    Nein, ist nicht schlimm! Steht Dir bestimmt gut!

  13. Michael Engelbrecht:

    Also, kurz und knackig:

    – die Psychoanalyse liefert oft exzellente Bereicherungen von Filmbesprechungen, sie schüttet aber oft das Kind mit dem Bade aus.

    – Heinz Ehrhardt wurde vielleicht mitunter in bestimmte Rollenmustsr gedrängt dennoch lieferte er mitunter herrlichen, zwerchfellerschütternden Unsinn. Das muss dann nicht gleich sie anarachistische Schärfe der Marx Brothers haben.

    – Ehrhardts Komik trug ja nicht dazu bei, das Bild unserer Eltern zu verklären. Gerade wir Babyboomer hatten in unseren ganz jungen Jahren viel Freude an diesen bizarr-klamaukigen Filmen, und sie öffneten auf verdrehte, verrückte Weise, genauso Fenster zu unseren Lebenswelten wie Serien wie Flipper, Die Monkees, oder Mit Schirm, Charme und Melone.

    – Es muss nicht immer gleich der Tonfall des düsteren Expressionismus amgeschlagen werden, wenn in ROSEN FÜR DEN STAATSANWALT an den Krusten unserer sich nach Wohlstand und Vergessen sehnenden BRD von damals gekratzt wurde. Es gibt keinen guten Grund, den Film aufgrund seiner „Unterhaltungs-Elemente“ in die Tonne zu hauen.

    – Blühender Blödsinn im Stil vieler Filme der 50er und 60er mit den alten Komödianten muss eben NICHT immer auf der Folie einer Verdrängungskultur interpretiert werden. Das Lachen als etwas Befreiendes ist auch schon eine enorme Qualität, und das muss ich nicht gleich die Abgründe miteinrechnen.

    – „Sullivans Reisen“ von Preston Sturges ist ein amerikanisches Kinomeisterstück aus lang vergangener Zeit, ein Plädoyer für kontrollierten Eskapismus.

    – 1944 wurde Die Feuerzangenbowle gedreht, und der Film enthielt beides: er verzerrte die reale Welt jener Jahre, und wird doch heute oft in jährlich wiederkehrenden Ritualen auf Partys zum Besten gegeben – in seiner skurrilen Versponnenheit kann es heute auf sehr vielen Ebenen rezipiert werden. Als antipressiver Stoff, als verkappte Utopie einer anderen heileren Welt und und und.

    – Als Kind mochte ich die Tegtmeier-Schallplatten. Und könnte mich heute noch an dieser Komik ergötzen, ohne dass das gleich als „Regression im Dienste des Ichs“ herhalten muss.

    – Auf dem Gymnasium war ich begeistert,, wenn wir die französischen Theaterstücke des Absurden Theaters besprachen.

    Was all diese Fragmente / Filmwelten näher aneinander rückt, ist, dass sie Maskeraden betreiben, mitunter Maskenspiele entlarven. Da ist ein gewisser Mehrwert (und Nutzwert) drin enthalten, der sich auch ganz ohne Ödipus und Co. entfalten kann.

    Sogar bei den „Drei von der Tankstelle“😂😂😂!

    Nachbemerkung: In Köln traf ich mal einen Psychoanalytiker, dessen Filanalysen sehr gerfragt waren. Ich habe seinen Namen vergessen. Aber kurz kamen wir auf einen Film, den ich für einen exzellenten vielschichtigen Psychothriller halte, und er für einen ganz schlechten Film. Zu gerne hätte ich mit ihm über diesen Film diskutiert, weil ich ihn kurz zuvor gesehen hatte, und „im Thema war“. Aber da musste er schon los, und das Gespräch fand nie statt. Ich habe ja auch keine Ahnung, ob er die Meinung vieler seiner Analytikerfreunde/innen wiederspiegelte, oder ob es eine Einzelmeinung war.

    Sollte der Film aber mal diskutiert werden in eurer Runde, bin ich gerne mit dabei. Er ist von dem von mir für viele tolle Filme hochgeschätzten Dennis Villeneuve gedreht worden – nur einer seiner Filme, der mit einem Doppelgängerthema, hat mich völlig gelangweilt. Ach so, der Titel des Films: PRISONERS.

    Da bin ich auch eingestiegen, hier meine gesammelten Hüte:

    2013: Prisoners 🎩🎩🎩🎩 1/2
    2013: Enemy 🎩🎩
    2015: Sicario 🎩🎩🎩🎩 1/2
    2016: Arrival 🎩🎩🎩🎩
    2017: Blade Runner 2049 🎩🎩🎩
    2021: Dune 🎩🎩🎩 1/2

    Falls dies nicht der finale Comment war, werde ich Samstag mich hier erneut melden, bis dahin bin ich blogmässig an anderen kleinen Dingen zugange (u.a. das Ende der „Drachenseezeitreisen“), vor allem aber im Sommer unterwegs, liegend, lesend, bergehoppelnd. Und in der Spargelküche unterwegs. Und krame SULLIVANS REISEN aus meinem DVD-Archiv.

  14. Ursula Mayr:

    Micha, das war LANG und knackig.
    – Filmanalyse war das keine von mir, nur der Versuch einen Zusammenhang zwischen Zeitgeist und Filminhalten herzustellen. Wirklich evaluierte Filmanalyse ist oft so geartet dass ich, z. B. bei der feministischen Filmanalyse keinen Satz mehr verstehe. Trotz 25j. Beschäftigung damit. Nun, ein Film ist kein Patient, also schadets keinem was damit angestellt wird. Was einzelne Filme betrifft hat da jeder Filmanalytiker seine Privatmeinung, da gibts keine Streams. Wars Andreas Hamburger?
    – Heinz Erhardt : Wären wir d‘ accord.
    – Wir reden von ganz verschiedenen Filmen in verschiedenen Dekaden – Klamauk okay, aber das war später. Ich glaube nicht dass Du Dich bei Sissi oder dem Förster vom Silberwald oder dem Schwarzwaldmädel unbeschwert gekugelt hättest und von Leichtigkeit ist da nichts zu spüren, das gelegentliche Tortenschmeissen oder In – den – Misthaufen – fallen hätte Dich sicher auch nicht gross erfreut.Die Filmindustrie war damals stark staatlich und auch durch die Alliierten kontrolliert.
    Staudte wird als damals recht mutiger Ausreisserfilmer
    und Zeitzeuge sicher nicht in die Tonne getreten, aber er hätte mit einer etwas schärferen Version durchaus auch die Unterstützung der amerikanischen Militärregierung gehabt. Warum hat er sich nicht getraut?
    – Feuerzangenbowle: anderes Kaliber, wurde auch noch im anlaufenden Krieg gedreht.
    Aber ist ja nicht originär sondern eine Romanverfilmung. Seh ich auch immer mal wieder gern, trotz angejahrter Schüler/innen und völlig überzeichneter Lehrer.
    – Wenn jemand zweimal kontrolliert ob der Herd abgeschaltet ist dann hat das nichts zu sagen. Wenn ers zwanzigmal macht dann sollte sich jemand drum kümmern. Wenn er den ganzen Tag nichts anderes tut dann ist nicht mehr von der Hand zu weisen dass da einiges überhaupt nicht mehr stimmt.
    So ist es bei der zwanghaften Häufung der immer gleichen Motive in dieser Zeit. Da steckt nichts Lustiges dahinter, das hat Symptomcharakter, wenn man mir den klinischen Ausdruck verzeihen möge.
    Also ich denke wir reden von ganz unterschiedlichen Machwerken zu unterschiedlichen Zeiten, unsere „Jugendzeiten“ liegen ja auch fast ein Jahrzehnt auseinander und die Entwicklung des Trivialfilms nahm damals alle 3-4 Jahre eine andere Wendung, Du denkst vielleicht eher an die “ Die- Lümmel – von – der – ersten- Bank“ – Ära. Auch interessant in der komparativen Betrachtung zu Feuerzangenbowle und Conny und Peter Kraus. Da müssten wir definieren sonst urteilen wir da schwer aneinander vorbei.
    Ebenso gibts bei den 3 von der Tankstelle auch zwei verschiedene Versionen. Oder sogar 3.
    – „Prisoners“ diskutieren: Immer gerne. Ist aber jetzt ganz was anderes..werd ich den Kumpels vorschlagen.
    Arrival: Sci- Fi ist
    mein Spezialgebiet, auch sehr gerne.
    Dune: Den alten ( zu langatmig ) oder den neuen?
    Blade Runner: Den alten ( Jaaaaa!) oder den neuen ( Neeeee!).
    Sicario hab ich nicht mehr im Kopf!
    Ödipus und Co spielt in der modernen Psychoanalyse nur noch eine marginale Rolle ebenso die gesamte Freudsche Triebpsychologie,das stirbt vor sich hin, somit muss sich jetzt auch eine neue Witzkultur darüber entwickeln dies bis dato noch nicht gibt. Ich überlege schon lange ob ich eine erfinde…irgendwie muss man sich ja im Alter noch nützlich machen.

  15. Ursula Mayr:

    Im Bayrischen Wald bergehoppeln? Wie geht das ohne Berge?

  16. Michael Engelbrecht:

    Berge sind relativ.

    Das andere: klar werfe ich da diverse Filme und Länder durcheinander, absichtlich.

    Und, klar, bei den angesprochenen Filmen, habe und hätte ich mich nie gekugelt. Sissi fand ich schon als Kind entsetzlich langweilig (frühes Entstehen des Kitschempfindens).

    Der alte Dune war schrecklich, der mit Abstand schlechteste Film von David Lynch. Der neue Dune viel, viel besser.

    Zu dem Blade Runner Nachfolger: den fand ich beim ersten Sehen exzellent, weniger beim zweiten Sehen, keine klare Meinung. Muss fairerhalber einen halben Hut abziehen. Vorerst Das Denken in der Grauzone, von dem Joey sprach, neu aktivieren.

    Das mit den wiederkehrenden Symptomen im Film und dem Vergleich zu zwangsneurotischen Mustern unterschreibe ich sofort.

    Prisoners ist einfach ein exzellenter Thriller. Ich habe mich damals gefragt, was der Kollege an dem Film – auch mit psychoanalytischem Besteck – wohl schlecht fand. Vielleicht widerte ihn die dort abgewendete Selbstjustiz an (ich kannte mal jemanden, der einen Roman verriss, weil darin ein Hund umgebracht wurde, und er Hunde liebte. Aber solche Naivität traue ich dem Kollegen nicht zu:))

    Ich muss einfach mal sagen: wunderbar, dass du hier gelandet bist, Uschi. Du bist heute noch so brilliant, wie Uschi glas, ähem, also wie ich Uschi Glas in dem einen May Spils / Werner Enke Film erlebte.😂😂😂😂

    Es hat schon was, dass ich durch unsere aufgefrischte Verbindung wieder jemanden zum Pferdestehlen gefunden habe.

    Und witzig, dass ich ja nun am Wochenende auch wieder Uwe Zemlin neu begegnete (er sass mit uns im Rausche-Seminar). Wenn sich das fortsetzt, was ich so mit Uwe an diesem „long weekend“ in vielen Gesprächen empfunden habe, ist das möglicherweise der nöchste buddy zu Pferdestehlen.

    Assoziation: als ich 1963 bei meiner Oma zu Besuch war, gab es unten einen Kiosk, und da bekam ein Heft, mit dem Peter Frankenfeld irgendwie verbandelt war, ich glaube, die Zeitschrift hiess „Die Rasselbande“.

    Könnte der Titel einer positiv verrückten Komödie aus den Sechziger Jahren sein: DIE RÜCKKEHR DER RASSELBANDE.

  17. Ursula Mayr:

    Ich weiss noch nicht wie und wann aber irgendwann wirst Du für den Spruch mit der Uschi Glas büssen!
    Prisoners: Ich erinnere mich jetzt – ich kann mir mittlerweile Titel so schlecht merken und hau auch die Regisseure schon durcheinander – dass ich den sehr gut fand, raffiniert verflochten und vielschichtig und das mit der Selbstjustiz ist natürlich eine andere, moralische, Ebene, da müsste man jedes Rachedrama mit Bruce Willis oder Dwayne Johnsono der Charles Bronson kippen.Nachdem ich ja u.a. auch Kinder – und Jugendlichentherapeutin bin/war ist mir diese Ebene auch präsent, auch Tierquälereien im Film. Das gucken die Kids ja auch alle. Da hab ich manchmal auch Mühe das Künstlerische von Moralischen zu trennen. Da gibts ja schon Archetypisches, wenn im Krimi der Kommissar eine Katze hat oder der Junge mit einem Hund spielt dann weiss man schon dass spätestens nach der Halbzeit das Tier im Todeskampf erstarrt vor der Haustür als symbolisierte Drohung liegt. Und irgendwann hörts dann bei mir auf,da könnte man sich langsam wirklich was anderes einfallen lassen. Die Kids imitieren doch. Den Film mit dem Hund, den der Kollege erwähnt hat glaube ich zu kennen, das war ein chinesischer Regisseur und in China existieren ja nicht diese Regeln wie in der westlichen Welt, wo die Tiere nur unter sehr strengen Auflagen der Agenturen eingesetzt werden dürfen, sie dürfen nicht mal „irritiert“ werden geschweige denn Schlimmeres.Die Szene mit Gandalf und dem Nachtpfauenauge, das dann den Adler Gwaihir herbeirief musste ewig wiederholt werden damit sich die Nachtpfauenaugen – es werden ja immer mehrere Tiere eingesetzt – auch wohlfühlten. Geht doch….

  18. Michael Engelbrecht:

    Klar, dass man in bestimmten Kontexten auch diese LernenAmModell Gefahr miteinbeziehen muss.

    Dass Tiere bei Dreharbeiten gefährdet werden ist ein No Go, und darauf wird ja im Abspann oft hingewiesen, dass keine Tiere verletzt wurden. Es gab mal eine beeindruckende erste Staffel (komme gerade nicht auf den Namen) mit Dustin Hoffman, im Jockey-Milieu, das kamen zwei Tiere zu Tode, und aus die Maus.

    Und der Roman, den jemand verriss, wegen der Sache mit dem Hund, der hiess tstaächlich Die Sache mit dem Hund, und stammte von Lars Gustafsson. Ich habe ihm weitaus länger die Treue gehalten, als Peter H., aber in den letzten Jahren seines Lebens vollzog er anscheinend eine seltsame Wandlung. Wie viele Linke, die dann das Ufer wechseln, und nach dem 11 September glorifizierte er die wehrhafte USA und ihren depperten Präsidenten Bush den Jüngeren in einem Artikel in der SZ.

    Der Uschi-Spruch war gut, gelle🤣… nein, ZUR SACHE SCHÄTZCHEN kann ich mit Grossem Lustgewinn wieder und wieder schauen. Dagen wir mal, alle paar Jahre, oder auf ner Party. Und natürlich ist es easy, hier die Regressionen, den Sandkasten und das Nichterwachsenwerdenwollen ausfindig zu machen.

    Auf der anderen Seite kann man das auch als herrliche Verspieltheit sehen als Antidot zu der Verbissenheit späterer Sozi-Gruppen an der UNI, von der KPD über den MSB Startacus bis zur MG, der marxistsichen Gruppe mit dem höchsten IQ, den besten Trotzki-Analysten und der humorlosesten Besserwisserei. Später wirden daraus, fallweise, humorlose Studienräte. Ich gehörte zu den Jusos. Als verdeckter Ermittler (nucht wirklich, aber..) nahm ich mal an zwei Burschenschaftsparties teil – meine Fresse, hatten die einen Vollschuss!

  19. Ursula Mayr:

    Ha! Ich hatte mal einen Verehrer aus der Burschenschaft – da war ich öfter in derlei Etablissements. Wenn ich da bitte nicht ins Detail gehen muss …

    Verspielt ja, aber die Frage war für uns hier warum der Humor bei uns heute nicht mehr so griff. Ich war früher Woody Allen-Fan und heute … gähn. Nur Midnight in Paris hat mich amüsiert – vor allem das Auftreten der ganzen Künstler in der Kneipe, und Bunuel, dem man vorschlug einen Film zu drehen über eine Gesellschaft, die nach dem Ende einer Party plötzlich das Haus nicht mehr verlassen kann, und er das komplett blödsinnig findet. Und Der Würgeengel ist einer meiner Lieblingsfilme.

  20. Ursula Mayr:

    Bei Deinen Beiträgen über Filme und Serien bitte noch den jeweiligen ZQF anführen. Hat meine Freundin erfunden: Der Zuschauer – Quäl – Faktor. Das ist der Prozentsatz der Zuschauer, die nach einer Viertelstunde das Kino verlässt. Ausser im Winter, wenn die sich aufwärmen wollen, da muss man dann irgendwie einen Koeffizienten bilden.

    Bei „Cruising“ hat sie selbigen sehr hoch angesetzt.

  21. Michael Engelbrecht:

    Der ZQF bei „24 Frames“ ist 9.0

    Bei Serien bedeutet der ZQF, dass viele Leute nach zwei Folgen nicht mehr weitergucken:

    Der bei JOHN FROM CINCINNATI 7.0
    Der bei STATION ELEVEN immer noch 6.0

    Diese Serien könnten dir alle gut gefallen, nach meinem „individualisierten serien-profiling“:

    THE NIGHT OF (Dvd), UNBELIEVABLE (Netflix), THE QUEEN’S GAMBIT (Netflix), GODLESS (Netflix), und SEVEN SECONDS (Netflix).

  22. Ursula Mayr:

    Ah, ich sehe, Du kennst das auch. Sehr professionell!

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