Manafonistas

on life, music etc beyond mainstream

2022 1 Mrz

Krieg, Angst, Widerstandsfähigkeit

von: Michael Engelbrecht Filed under: Blog | TB | 5 Comments

 

Ich vermeide das modische Wort Resilienz, und notiere es hiermit nur einmal. Das sind dezente Schockwellen, die die Nachrichten der letzten Tage auslösen, in einem coronamüden Land. Ein trauriges „Zahlenspiel“ verdeutlicht das: 5, 20, 25, 3, 5, 10, 17, 12, 30, 5, 10, 7. Diese Zahlen nannten mir Bekannte in meiner Umgebung, als ich sie bat, in den letzten Tagen, nach Putins „Alarmbereitschaftserklärung“, ihre Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges in Prozentzahlen auszudrücken. Statistisch ist dieses Dutzend Einschätzungen nicht relevant, doch glaube ich nicht, dass seit der Kubakrise eine grössere Angst vor einer Katastrophe herrschte, und das war, die Älteren werden sich erinnern, sehr früh in den Sechziger Jahren. Diese Furcht möge nicht lähmen. Es gibt die Möglichkeit von Demonstrationen, Spenden, etc. – Solidarität hat viele Gesichter. Vor allem aber ist diese Gemengelage des Unglücks kein Grund, das Leben nicht auch fortan hellwach und intensiv zu leben, weiterzumachen, unsere Vorlieben und Leidenschaften zu hegen, oder, um es lyrisch zu sagen, „den Brunnen auszuschöpfen“. Lassen wir uns nicht lähmen von subdepressiven Schwingungen und Panikattacken. Kein Grund, sich einem Glück, insofern es einzelnen zugewandt ist, zu verweigern. Ein Schatten, ein Blues, eine Farbe der Melancholie, all das mag sich über die Dinge des Alltags legen, aber es ist kein Zeichen von Ignoranz und Verdrängung, dem élan vital eben nicht die Flügel zu schneiden, und sich trotz allem weiterhin konkret in Klänge und Bilder und Räume zu versenken, und allgemein in die Lebendigkeit, die das Leben so lebenswert macht. So einfach ist das nicht, so elementar ist es eben doch.

 

This entry was posted on Dienstag, 1. März 2022 and is filed under "Blog". You can follow any responses to this entry with RSS 2.0. You can leave a response here. Pinging is currently not allowed.

5 Comments

  1. Lajla:

    Josef Vogel nannte es gestern in „Fazit“ (Dlf) so treffend:

    „Mit der Unbekümmertheit ist es vorbei.“

  2. S.B.:

    Wunderbar geschrieben. Sehe ich auch so und mag mich nicht rechtfertigen, wenn ich (mitfühlend bis sonstwo hin) weiterhin das Leben lebe und liebe.

    Finde Resilienz übrigens klasse.
    Viele Grüße aus dem Norden!

  3. Chrissie:

    Kubakrise! Damals war ich 14. Zeitungen gab es zuhause nicht. Ich erfuhr davon im Mittwochs-Wunschkonzert aus dem abends immer laufenden Radio ( mangels anderer Unterhaltungsmöglichkeiten) von Fred Rauch. Seine Worte waren sinngemäss dass der Tanz heute ein Tanz auf einem Vulkan sei,wir ihn aber trotzdem wagen wollten.
    Dann kamen Schlager. Nachts träumte ich zum erstenmal von einer Atombombe, ohne zu wissen wie dergleichen aussieht, es war ja auch die Zeit der Verdrängung, niemand hatte uns davon erzählt. Etwas kam durch die Luft geflogen, drohte zu platzen und uns alle durch Gift zu vernichten.

  4. Martina Weber:

    Ich denke an mein Interview mit Kirstin Breitenfellner auf diesem Blog über ihr Buch über eine Jugend in den 80er Jahren. Ich hatte als Teil des Titel eine leicht abgewandelte Zeile aus „Forever young“ von Alphaville gewählt: „Are they gonna drop the bomb or not?“ (https://www.manafonistas.de/2017/09/01/jugend-in-den-80ern-oder-are-they-gonna-drop-the-bomb-or-not/)
    In den 80ern gab es viele Jugendliche, die jahrelang in Panik lebten. Ein Gefühl von No Future, auch aus anderen Gründen. Jetzt ist die Bedrohung realer als damals. Umso wichtiger war es für mich, Michaels Text zu lesen. Sich auf das Elementare besinnen.

  5. Michael Engelbrecht:

    1962 war ich sieben Jahre alt, und auf meinem gerade erhalten Zeugnis auf der Volksschule war alles voller 2en, und eine 4 in Musik, weil ich sänge wie ein rostiger Eimer, so meine charmante Lehrerin. Dann bekamen alle um mich Angst, die Kubakrise bedeutete: Hamsterkäufe, und Sorgenfalten auf der Stirn des Vaters. Es gab dann auch etwas später, oder früher, das Hochwasser von Hamburg, und wie ich da am Radio mit dem grünen magische Auge hing …

    Klar, früh in den Achtzigern schwebte auch eine nukleare Bedrohung über uns, aber 1962, das war kürzer und heftiger…

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